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Inhalt

Vorwort

Handgeschriebener Lebenslauf ist beizulegen

Meine Wenigkeit über meine Vielheit

Fußstapfen

Wege aus der Isolation

Vorwort

In unserer Welt der Zahlen, der Medien, der Technik, der Eile erscheint es wie ein Wunder, wenn wir Zeit füreinander finden, um uns die eigenen Geschichten zu erzählen.

Auf einmal sind da Menschen, die etwas erlebt, erlitten haben, Menschen, die gehandelt haben, die trauerten und lachten.

Zu den nackten Tatsachen, die uns rasch in den Nachrichten hingeworfen werden, kommt durch das Erzählen unerwartet der einzelne Mensch.

Dass ein handgeschriebener Lebenslauf verlangt wird, scheint ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Dieser Text ist in den 70er Jahren entstanden und handelt von dem Erstaunen eines Menschen, der trotz aller Gefahren überhaupt am Leben geblieben ist.

Etwa aus dieser Zeit stammt auch die Erzählung „Meine Wenigkeit über meine Vielheit“.

Ich hatte ihn weggepackt und erst jetzt in alten Sammlungen wiedergefunden.

Ich selbst erfahre darin verwundert, wie ich vor etwa 40 Jahren dachte und erlebte. Nein, das ist falsch. Ich erfahre, wie ich vor 40 Jahren mein Leben in der Erinnerung sah.

Im dritten Text „Fußstapfen“ macht die nächste Generation auf sich aufmerksam. Mutter und Tochter (Soziologiestudentin) diskutieren in den 70er Jahren leicht frostig über die Fußstapfen ihrer Vorfahren und die Geschichtlichkeit der Welt.

Bei der im vierten Abschnitt „Wege aus der Isolation“ beschriebenen ersten öffentlichen Lesung meines Lebens entwickelt sich unvorbereitet die Frage: Was kann an Jüngere (in diesem Fall 14-Jährige) weitergegeben werden? Was ist für sie von Interesse, was berührt heute noch? Was ist wohl nur eine seltsame Erinnerung für sie?

Ich wüsste gern, wie oder ob meine Texte ankommen, würde gern darüber ins Gespräch finden.

Doch es ist auch schon viel, wenn einfach Erinnerungen verstanden oder geweckt werden.

Handgeschriebener Lebenslauf ist beizulegen

Ich lebe – es ist nichts Besonderes dran, es ist Klischee, Gewohnheit, Mode. Ich wurde geboren, was bedeutet das schon, wer ist nicht geboren worden, wer hat nicht Vater und Mutter, diese oder solche. Der Ort ist wie alle Orte, besteht aus Häusern und Straßen, vielleicht sind Wälder in der Nähe oder der Stadtpark.

Ich ging zur Schule, es besteht Schulpflicht, wer geht schon nicht zur Schule. Ich hatte Freundinnen, unzertrennliches Arm-in-Arm, das sich sanft auflöste, als wir älter wurden. Die eine ging zur Schauspielschule, die andere heiratete.

Aber ich soll von mir schreiben, ausgerechnet von mir. Der Lebenslauf von Jutta wäre interessant, ihr Vater war nicht irgendwer, er war Jude.

Doch ich soll von mir berichten. Etwa von meinem Schreibmaschinenkurs, von der Dolmetscherprüfung oder von den Abenden mit Musik, von den endlosen pommerschen Feldern, die gehackt werden mussten, von den Nächten mit dem hellen Fleck am Himmel, dem Mond, den wir anhimmelten, kitschig, diese runde Scheibe, aber wir hingen unsere Gedanken daran, unsere Mädchenwünsche. Was hatte der Mond damit zu tun?

Wir waren töricht, aber vielleicht suchten wir dabei das „Größere“. Wenn wir uns dagegen in der blanken Oberfläche des Sees spiegelten, suchten wir uns selbst. Selbstbespiegelung, die zur Selbstbegegnung wurde, die uns auf ein Du hin ansprach.

Dieser Lebenslauf ist undramatisch angelegt. Die Bomben haben mich verschont. Sie schlugen ein Stück weiter unten in der Straße ein, sie rissen bei uns nur die Fensterscheiben aus den Rahmen, sie schlugen ein Loch in den Hof genau neben dem Kellerraum, in dem wir saßen. Mir ist nichts passiert, unverletzt ging ich durch die Straßen, ich kann nur berichten, was ich sah, wie ich Schutt wegräumte, Fenster entkittete. Ich kann nicht sagen, wie es ist, geschlagen zu werden, und nur das gilt.

Mein Lebenslauf ist der desjenigen, der nebenher läuft, der den Verwundeten erst trifft, wenn er schon fast geheilt ist, nur noch ein wenig humpelt, wenn sein Gesicht schon wieder glatt ist und sich selbst verdeckt.

Mein Lebenslauf zielt auf ein Du hin, ich möchte nicht Ich schreiben sondern Wir. Ich möchte von dir schreiben, da ist viel zu sagen. Alles in mir wünscht, dich mitzuteilen, wie zuverlässig du warst, wie du deinem Freund geholfen hast.

Doch ich habe nicht das Recht erworben, deinen Lebenslauf zu erzählen. Ich hätte dich fragen müssen, aber damals war es mir genug, mit dir zu leben.

Außerdem, wer würde mir zuhören. Lass die alten Geschichten im Schrank, würde man mir sagen. Wir kennen das auch, wir sind auch so, wir hatten auch solche Freunde, wir haben auch schwarz gesehen, wir sind auch trotzdem weiter gegangen. Allerdings eine von uns, die hat sich dem Widerstand angeschlossen, die wurde umgebracht. Wenn du von der was sagen könntest.

Sie war einfach anders als wir. Sie hat gründlicher hingesehen, vielleicht war sie weitsichtiger als wir. Dein Freund ist nicht so gewesen, der war auch so einer wie wir.

Ich habe nicht das Recht, etwas zu entgegnen. Aber ich kann unsern Abschied nicht vergessen, ich kann nicht glauben, dass er tot ist. Dieser Abschied ohne Wiederkehr. Das klingt wie eine kitschige Behauptung, nach Selbstmitleid.

Aber ich muss mich an meinen Lebenslauf halten. Der Vorhang geht noch nicht zu, ich zerfalle noch nicht unter der Erde. Ich lernte wieder schlafen und essen und trinken. Die Bissen bleiben letztlich bei der Trauer über einen Toten nicht für immer im Hals stecken, man nimmt ein paar Pfund ab, man sieht ab und zu ins Leere, wie die anderen feststellen, aber dann deckt man doch wieder den Tisch, und eines Tages stellt man wieder Blumen ins Zimmer, obwohl man gut ohne sie leben könnte, man hängt Bilder an die Wände, pflegt den Teppich und putzt die Fenster.

Mein Lebenslauf hängt nun fest in der bürgerlichen Stube. Ist denn sonst nichts zu sagen? Die Zeitung, das Bier, der Morgenkuss, die mit Vor- und Nachsicht zu behandelnden Kollegen, die Briefe auf der elektrischen Schreibmaschine, die Vergeblichkeit.

Ja, wenn ich von dir schreiben dürfte, wenn ich dich gefragt hätte, jede deiner Bewegungen war mir wichtig. Aber mein Lebenslauf wird verlangt, ich müsste jetzt über den Wohlstand schreiben und wie ich dazu gekommen bin. Wieso ich immer noch am Leben bin. Denn wir wurden eines Tages „besetzt“ in unserer Stadt, und ich dachte, alles sei zu Ende.

Aber auch das ist vorüber gegangen. Niemand hat mich erschossen, vergewaltigt, verjagt, verhungern lassen – ich bin am Leben geblieben, ich wurde ausgespart, ich habe geweint vor Hunger, gefroren in fensterlosen Räumen, gezittert unter der schmalen Brücke als die Flakgeschosse vor und hinter uns einschlugen, ich habe getrauert um Verlorene, mich überwunden bei Schwarzmarktgeschäften, und ich habe warten gelernt, vor Lebensmittelläden, auf Nachrichten, auf Briefe, auf Kohlen.

Ich bin übrig geblieben, unverdient, ich bin auch unbeschädigt geblieben, so weit. Es ist nicht zu schreiben von denen, die davon gekommen sind, aber die anderen, die kann ich nicht mehr fragen.

Ausgerechnet mein Lebenslauf ist verlangt. Doch was ist er schon ohne die anderen, was ist er schon ohne die Stunde, in der auch ich nicht verschont bleiben werde.

Meine Wenigkeit über meine Vielheit

Das Haus, in dem ich wohne, hat Fenster und Türen, weil es ein Haus ist, und ich lebe davon, dass ich Fenster und Türen öffnen und schließen kann.

Jetzt sitze ich an einem kleinen Tisch, den ich mir vors Fenster geschoben habe, sitze hinter Glas, Doppelglas sogar, das vor Kälte schützen soll, aber heute ist ein warmer Herbsttag und ich wünschte, die Luft könnte ungehindert zu mir hereinkommen.

Draußen steht ein Ginsterstrauch mit seinen kleinen dunkelgrünen Blättern und eine Tanne, die wohl bald durch ihr gesundes Wachstum die Helligkeit vor meinem Fenster trüben wird.

Wenn ich das Fenster öffne, überfällt mich der Lärm der nahen Straße und zerreißt meine Gedanken. Ich könnte die kleine Seitentür, die zum Garten führt, aufziehen, vielleicht würde dann die graue Katze zu mir ins Zimmer kommen, sich neben mich setzen und zu mir hochmiauen. Aber ich habe kein Futter mehr im Haus, und sie isst nicht irgendetwas, sie ist alt, ihre Zähne sind zum Teil schon herausgebrochen, sie kann nicht mehr auf die Jagd gehen.

Die Doppelscheiben sind Fenster in die Vergangenheit. Ich stolpere über die Wiese, Balanceakt mit Hinfallen, ich bücke mich zu einem Stoffball, der da liegt, ich weiß noch nicht, dass ich bin. Aber eine Stimme ruft mich bei meinem Namen. Ich weiß dann, dass jemand in meiner Nähe ist.

Durch die Doppeltür getrennt von dem breiten Pflaumenbaum, pflücke ich die Früchte, stecke sie mir in den Mund. Ich sitze im Sandkasten und baue Kullerbahnen und Straßen und grabe Tunnel in hohe Berge. Doch schon springe ich über die Wiese, laufe einen Abhang hinunter, über den Bach, auf den Wald zu, schon bin ich fort aus meinem Blick.

War ich denn?, frage ich mich an meinem kleinen Tisch hinter den Doppelscheiben, war ich das denn auch?

Drei Tage später sitzt Tante Mi in unserem Garten, erzählt von ihren 70 Jahren, ihr graues Haar lächelt dabei, sie hat eine gute Art von Fröhlichkeit. Wenn ich im Haus zu tun habe, sitzt sie geduldig und sieht den Vögeln zu.

Gimpel! zeigt sie, dort im Kirschbaum.

Du hast mich als Kind gekannt, sage ich zu ihr und biete ihr den ersten selbstgebackenen Pflaumenkuchen in diesem Jahr an. Das Lächeln, das ihren Mund umspielt, betrifft we- der den Kuchen noch meine Frage, aber es gibt mir Mut, weiter zu sagen: Wie war ich denn als Kind?

Du warst ein liebes Kind, antwortet sie, als hätte sie schon längst darüber nachgedacht. Du spieltest gern, ob allein oder mit anderen. Du warst immer beschäftigt und du lerntest ohne großen Aufwand.

Ich weiß, denke ich, später, als ich längst groß war, blieb ich für die Erwachsenen: Erinnerung an schöne Zeiten!

Du warst froh und lernbegierig und unternehmungslustig, hatte auch Vater mir trauernd geschrieben, als er mit Schrecken sah, dass ich älter wurde und Sorgen auf mich fielen.

Ja, ich war froh und lernbegierig, man hätte es so nennen können. Ich musste immer wissen, was um mich herum und was hinter den Wegbiegungen lag.

Wenn abends meine Mutter mit mir ein Gebet gesprochen hatte, mir den Nachtkuss gab und das Licht an meinem Bett löschte, lag ich noch lange und starrte auf die Milchglasscheibe oben in der Zimmertür, durch die das Licht der dahinter liegenden Diele gelblich schimmerte.

Schatten aus Wölbungen bildeten einen dunklen Wald an der rechten Seite, links daneben ein heller Weg. Aus dem Dunkel konnte der böse Wolf kommen, ich war Rotkäppchen und achtete darauf, dass ich nicht vom Weg abging. Der Weg führte immer am Wald entlang, nicht hinein, ich ging nicht hinein. Und doch sah ich ab und zu mit einem Blick in die Dunkelheit des Waldes. Wie hätte ich sonst wissen können, dass es auf dem Weg sicherer war? Wie hätte ich gehorchen können? Sah ich nicht da im Wald, wie die Menschen sich drängelten und stießen, mit Steinen aufeinander zielten? Wie sie sich aufeinander stürzten und umschlangen, als wollten sie sich töten?

War mein Wissenwollen voller Angst? War es vielleicht nur eine bequeme Neugier?

Ich holte mir Bücher aus dem Schrank meiner Eltern, setzte mich unter die helle Lampe meines kleinen Schreibtisches, an dem ich sonst meine Schularbeiten schrieb, und begann Seite um Seite in mich aufzunehmen. Ich war froh, dass mich niemand fragte, was ich lese, ich hoffte, alle hätten mich längst vergessen.

Hier im Licht der vertrauten Lampe, die Schritte meiner Mutter im Nebenzimmer, den Kanarienvogel im Käfig über mir, im Schutze der bekannten Räume, erfuhr ich, dass einer Schwangeren übel ist, dass sie die Brüste zu spüren beginnt, dass es uneheliche Mütter gibt, für die all diese Anzeichen Erschrecken bedeuten.

In einem der Bücher lernte ich Dag kennen. Dag, der in die Einsamkeit der Berge stieg, um seine Entscheidungen zu finden. Ich weiß nicht mehr, ob es um Unglück oder Schuld ging. Damals ging es so oft um Pflicht und Glück, die gegeneinander ausgespielt wurden. Dag war für mich der erste Mensch, der suchte.

Er fand ein Wort. Ob es aus der Bibel war oder ob es ein Freund ihm sagte, das weiß ich nicht mehr. Ich habe dieses Wort vergessen. Sicher war es für Dag entscheidend, aber nicht für mich. Doch ich erfuhr: es gibt Worte, die wichtig werden können!

Sie ist offen und heiter, sagten die Erwachsenen von mir, wie mir Tante Mi nun bestätigt, und sie wussten nichts von Dag und nichts von den schwangeren Frauen, die in ihren Zimmern saßen und sich selbst spürten. Und ich lief mit den Erwachsenen über die Waldwege, suchte Extrapfade, die abkürzten, erschien als ein verspieltes Kind und wartete am Weg, wenn sie kamen. Ich lief auf Skiern mit Dag durch den Wald, durch die Einsamkeit verschneiter Flächen.

Offen und heiter, wenn ich mit meinen Eltern allsonntäglich spazieren ging, stieg ich auf große Steine am Weg und sprang hinunter.

„Dein Frohsinn“, nannte es mein Vater, und ich freute mich an seiner Freude. Ich war wer, ich war für diese Augenblicke, wie ich zu sein schien, ich spiegelte mich in ihren Augen und Sinnen. Ich bin nicht apart und redegewandt, ich bin brav und langweilig, aber doch fröhlich! Das sagen sie mir nicht, aber ich kapiere sehr genau, dass sie mich so sehen.

So erlebte ich damals: Die Tage kamen schwungvoll auf mich zu. Ich betrat sie alle wie Brücken, zwischen den Geländern wiegte ich mich in meinem Schritt, sprang vorwärts und zurück und sah nicht hinunter an den Seiten. Ich wusste nicht, dass ein Krieg hinter den Menschen lag, die um mich lebten. Ich glaubte sie unbeschwert wie mich, nur mit wichtigeren Aufgaben befasst. Ich konnte nicht von Krieg wissen, bis ich Worte auffing, wie: damals bei Verdun verletzt, bis ich in der Schule lernte: 1914 -1918.

Mutti, wie war das denn? Schrecklich, hörte ich, viele meiner Freunde sind damals gefallen, bloß das nie wieder!

Worte stapelten sich in meinem Kopf, meine Mutter saß am runden Wohnzimmertisch und häkelte eine löcherige Decke. Ich bewunderte ihre Geduld, der feine Faden ruckte nur wenig, und ich saß zappelig daneben, bewegte die Zehen in den Sommerschuhen.

Mutters gepflegtes dunkles Haar, leicht lockig gelegt, ihre farblos lackierten Fingernägel, ihr ruhiges Gesicht mit den blauen Augen, die nicht von ihrer Handarbeit aufsahen, all das sah nicht nach Krieg aus.

Hatte er wirklich Wunden geschlagen? Wo waren die Krater? Wo Verletzungen? Onkel Wuth humpelte zwar, und Onkel Hans war gefallen, aber ich war mit diesen Tatsachen aufgewachsen. Meine Heimatstadt trug keine Spuren. Die Geschäfte blühten, die Bäume standen kraftvoll in den Parkanlagen. Ich folgerte: Krieg musste etwas da draußen gewesen sein, und ich fröstelte nicht bei dem Ernst in der Stimme meiner Mutter.

Ich habe schon einen Krieg mitgemacht, hieß es später öfters, als wir uns dem Sommer 1939 näherten. Ich weiß wie schrecklich, doch dann saßen wir plötzlich mittendrin, wir waren nicht gefragt worden, Mutter nicht und ich nicht, und Mutter hörte auf zu klagen.

Weil der Krieg so plötzlich über uns hereingebrochen war, gab es vom ersten Tag an für mich nur ein Ziel: Ich kämpfte für den Frieden. Zwar wusste ich nicht, wie er aussehen würde, aber ich kämpfte im Krieg gegen den Krieg. Das war alles, was ich verstand.

So froh und heiter bist du, hatten sie mich früher gelobt, und auch jetzt liebten sie mich, wenn ich froh und heiter war. Und immer, wenn ich es nicht war, so musste es einen Grund geben. War Krieg nicht Grund genug?

Noch ging ich zur Schule, als sei nichts geschehen, noch war die Gleichmäßigkeit der Tage kaum gestört, noch schliefen wir die Nächte durch. Hast Du zu viel Schularbeiten? Hast Du Dich mit Ilse gezankt? Kein Grund und nicht froh und heiter?

Also spielte ich froh und heiter und hinter mir hing der Schwarm der Trauer und vertrauerte an sich selbst. Spät am Abend erst, wenn ich endlich allein war und auf den Schlaf wartete, führte die Verlängerung des Tages direkt ins Nichts, der Weg immer geradeaus hob sich ab von der Erde, Trauer hob sich ab – alles ins Nichts.

Die Erwachsenen hatten nur eine Tugend an mir entdeckt, dass ich fröhlich bin, und ich lag abends für mich allein und dachte, dass ich ihnen sagen müsse, dass sie sich täuschen, dass ich sie täusche, um mir ihre Liebe zu sichern. Ich sollte nicht fröhlich lächeln, ich sollte sagen, was ich denke. Denn schon beginne ich, Gott zu suchen, schon beginne ich zu fragen: Was soll’s?

Ich lese, sehe Bilder an und Landschaften, befrage die Wissenschaften. Die Erwachsenen lächeln über mich, finden mich interessiert und lernbegierig. Ich kann ihnen nicht sagen, wie wichtig mir das alles ist. Ich kann überhaupt die Gedanken nicht sagen, nicht, dass ich abends im Bett wach liege, wach liegen will.

Ich will den Atem anhalten und sehen, wie der Tod ist, ein Stück Tod möchte ich wenigstens kennen. Ich würde so gern erst sterben und dann leben. Ich starre auf die Milchglasscheibe, bin nicht mehr Rotkäppchen, aus den dunklen Schatten erwarte ich nicht mehr den Wolf, sondern den Tod. Jetzt möchte ich ins Dunkel hineingehen, aber da ist kein Wald zum Hineingehen, und so schlafe ich darüber ein.

Am Morgen ist der Tag frisch und klar, ich sehe heiter aus, ich laufe mit den andern um die Wette, ich lerne, lache, rudere, höre Nachrichten, telefoniere mit Ilse.

Vielleicht träumt auch sie abends vom Tod?

Aber nein, sie sagt es nicht, deutet nichts an. Vielleicht kennen all die andern den Tod schon woanders her. Dass auch ich ihn kennen will, wage ich nicht zu sagen.

Sie ist fröhlich und lernt gut, so etikettieren mich die Erwachsenen, die mich für den Tod zu jung finden, als sei er nicht vom Tage der Geburt an akut. Sie wollen ihn vor mir verstecken – und ich erfülle ihre Wünsche und ihre Hoffnungen und lächle … am Tag.

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