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We’d love to turn you on

Klaus Modick & Matthias Bischoff (Hg.)

WE’D LOVE TO TURN YOU ON

Eine Liebeserklärung an die Beatles

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  1. Vorwort
  2. Elke Heidenreich
    Norwegian Wood oder Harald,
    wo der Pfeffer wächst
  3. Hermann Kinder, Morten Paul,
    Philipp Schönthaler
    Pop, Party, Politik
  4. Jochen Schimmang
    Gummiseele
  5. Bernd Eilert
    Boys
  6. Bernhard Lassahn
    Im Einmachglas
  7. Klaus Modick
    In My Life
  8. Hans-Ulrich Treichel
    Ich habe sie dort stehen sehen
  9. Thommie Bayer
    Silvester
  10. Dagmar Leupold
    Der Tag, an dem Mao starb. Ein Requiem
  11. Frank Schulz
    Nachts im Nichts mit Knochen trommeln
  12. Michael Wildenhain
    Yesterday
  13. Matthias Bischoff
    Neun
  14. Gerhard Henschel
    »They were fantastic singers« – Was die Beales
    und Bob Dylan aneinander hatten
  15. Frank Goosen
    Ingrid und Paul
  16. Marc Buhl
    Zucht
  17. Jenny Erpenbeck
    John
  18. Verena Carl
    Let it be, oder: Wie die Beatles und ich uns
    seit 42 Jahren knapp verpassen
  19. Kurzbiografien
  20. Danksagung

ONE, TWO, THREE, FOUR!

Apfel

Sind Worte mehr als ein endloser Regen, der nutzlos in einen Pappbecher tropft? Würden wir nicht, wenn wir es könnten, einen dicken Wälzer hingeben, wenn sich dieselbe Liebesgeschichte auch in weniger als drei Minuten erzählen ließe: „I once had a girl, or should I say, she once had me?“ Aber wir haben nun einmal nur das Wort, wir müssen damit vorliebnehmen, Geschichten zu erzählen, selbst erlebte, erfundene, gefundene, weil wir erzählen wollen, weil wir erzählen müssen.

Über die Beatles ist alles Erzählbare ja scheinbar schon erzählt. Regale biegen sich, voll mit Memorabilien, mit Deutungen, Analysen, Hommagen, Biographien, Hagiographien – jeder, der näher als einen Steinwurf an sie herankam, meinte, der Welt diese Sensation auch mitteilen zu müssen. Dies zeugt, abgesehen natürlich von der Hoffnung auf einen kleinen Anteil an Ruhm und Einnahmen, von der ungeheuren Wucht, mit der das Phänomen Beatles in die Welt trat, eine Wucht, die erst im Vergleich zu der Welt – nicht nur der populären Musik, sondern zu Gesellschaft und Kultur insgesamt – vor 1962 wirklich deutlich wird. Diejenigen, die die Gnade der historisch passgenauen Geburt zu Teilhabern dieser grundstürzenden Umwälzung gemacht hat, können dies, zumal mit wachsendem Zeitabstand, bezeugen. Dass sie es tun, und wie sie es tun, geht über die notorische Nostalgie, mit der nahezu jeder die Epoche seines Jungseins erinnert, weit hinaus. Diejenigen, die 1966 zum ersten Mal „Revolver“ aus der Hülle nahmen, diejenigen, die mit Mono-Kofferradios herzklopfend das Weiße Album auf BBC hörten, erlebten in der Tat einen Urknall, waren Zeugen eines historischen Moments, womöglich nachhaltiger als die Mondlandung.

Und die Nachgeborenen? Die in den später fünfziger Jahren geboren wurden, die mit den Beatles und nach den Beatles auf die Welt kamen? Ihnen war diese Musik schon beim ersten bewussten Hören historisch. Akustisch umgeben vom sich ausdehnenden Pop-Universum, von Abba, Queen, Michael Jackson, Springsteen oder Madonna, musste sich die Generation der Siebziger und Achtziger die Beatles aktiv zu eigen machen. Sie waren nicht einfach da, man musste zu ihnen hinwollen. Und, erstaunlich genug, die Musik alterte nicht. Sie hielt stand; neben, über oder vor den neuen Helden der Hitparaden entzog sie sich der „Oldies-but-Goldies“-Sphäre, blieb irritierend, frisch und im Kern unzerstörbar. Die Beatles sind kein nostalgisches Phänomen der glorienüberstrahlten sechziger Jahre mehr, sie sind in einem faszinierenden osmotischen Prozess überzeitlich geworden, entrückt und doch nah, klassisch in der Tat wie Mozart oder Beethoven, immer neu zu entdeckende Zeitgenossen wie sonst nur Shakespeare auf den Bühnen.

Und deshalb wollten wir von deutschen Autoren Geschichten hören, die etwas davon erzählen, was diese vier Musiker mit ihnen und der Welt angerichtet haben. Geschichten, die sich dem popbunt schillernden Mysterium autobiographisch, analytisch, fiktional nähern, die je eigene Zugänge finden, die mit ihren Mitteln ein wenig auch Dank abstatten für dieses Fenster zur Welt aus zehn Stunden Musik, das seit nunmehr fünfzig Jahren geöffnet ist.

Matthias Bischoff & Klaus Modick

Frankfurt/Oldenburg, Mai 2012

NORWEGIAN WOOD ODER: HARALD, WO DER PFEFFER WÄCHST

Elke Heidenreich

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Hilde wollte gerade das Haus verlassen, und sie war schon wahrhaftig spät dran, da klingelte es an der Tür. Sie stellte ihre Handtasche wieder ab und öffnete. Draußen stand eine dicke Frau in kurzen Shorts und einem Bob-Marley-T-Shirt. Sie hatte strohig blondiertes, vom Kopf abstehendes Haar, verheulte Augen und trug einen leeren Vogelkäfig in der Hand.

„Mein Leo sitzt in Ihrer Dachrinne“, sagte sie, „kann ich mal reinkommen und ihn locken? Ich bin schon seit drei Straßenblocks hinter ihm her, und hier oben hat er sich endlich niedergelassen.“

„Ich muss aber weg“, sagte Hilde, „und zwar eilig, ich komme sowieso schon zu spät.“ Die Frau sah sie mit Tränen in den Augen an. „Mein Leo sitzt da“, sagte sie mit Nachdruck und wies mit der Hand irgendwohin nach oben.

„Wo, da?“, fragte Hilde einigermaßen ärgerlich, ließ die Frau aber doch in die Wohnung und ging mit ihr zum Balkon. Sie öffnete die Balkontür, die Frau mit dem Käfig kam hinter ihr her, und sie sahen nach oben. In der Dachrinne saß ein schwarz glänzender Vogel mit einem orangefarbenen Schnabel und ein paar gelben Federn am Kopf.

„Leo!“, rief die blonde Frau und hielt den leeren Käfig hoch. „Komm zu Mutti! Was machst du denn für Sachen!“ Leo legte den Kopf schief und sah zu ihnen hinunter. „Ein Papagei ist das nicht“, stellte Hilde fest und machte sich darauf gefasst, nun ganz und gar zu spät zu kommen. „Nein“, sagte die blonde Frau. „Er ist ein Beo.“

„Ein was?“, fragte Hilde, denn der Vogel sah eher aus wie eine Krähe, abgesehen vielleicht von den seltsam aufgetakelt wirkenden farbigen Federn am Kopf.

„Ein Beo“, sagte die Frau, „Gracula religiosa.“

„Dracula?“, fragte Hilde, und die Frau erklärte: „Gracula. Gracula religiosa, so heißt er, nein, er heißt Leo. Beo Leo, und ich bin die Bruni. Er ist mein Ein und Alles.“

Und sie schnalzte mit der Zunge und stieß eigenwillige Gurrlaute aus, um den Vogel zu locken. Der legte den Kopf schief und rührte sich nicht von der Stelle.

„Haben Sie Rosinen?“, fragte Bruni. „Rosinen frisst er so gerne, damit könnten wir ihn locken.“

Hilde schüttelte den Kopf. „Was soll ich mit Rosinen?“, sagte sie, „Ich backe seit Jahren nicht mehr.“

„Und Müsli?“, fragte Bruni, „haben Sie denn kein Müsli, da sind doch Rosinen drin.“

Hilde seufzte und ging in die Küche. Während sie sich bückte, um die Schränke zu durchsuchen, redete Bruni mit dem Vogel. „Du machst Mutti ja ganz traurig“, sagte sie, „da lass ich einmal aus Versehen das Fenster offen, und schon bist du weg, als hättest du es nicht schön bei mir. Du hast es doch schön bei mir!“ Und sie gurrte und schnalzte, und Hilde zog aus der hintersten Ecke eine angebrochene Müslipackung hervor. Sie trug sie auf den Balkon, und Bruni sagte: „So, da müssen wir jetzt die Rosinen raussuchen, Nüsse und Haferflocken mag er ja nicht, gell, Leo, die magst du nicht, nur Rosinen!“

Hilde seufzte, schrieb das Essen bei Ludmilla ab und beschloss, sie anzurufen und ihr zu sagen, dass sie nun endgültig zu spät käme, man solle einfach schon mal ohne sie anfangen.

Ludmilla war wütend. „Verdammt noch mal“, sagte sie, „es ist immer dasselbe mit dir. Alle sind da, der Hase in Rotwein ist fertig, und du trödelst herum. Was machst du denn schon wieder?“

„Im Moment sammle ich Rosinen aus einer Müslipackung“, sagte Hilde, und Ludmilla sagte: „Weißt du was, du kannst mich mal!“, und legte auf.

Hilde seufzte. Sie wusste, dass Ludmilla sich auch wieder beruhigen würde, dass man später durchaus noch friedlich ein paar Gläser Wein zusammen trinken könnte, aber sie wusste auch, dass vom Hasen in Rotwein dann nichts mehr übrig wäre, denn den würden die anderen restlos aufgegessen haben. Hilde redete sich ein, Hase in Rotwein sowieso nicht zu mögen, und Bruni fragte: „Was Wichtiges?“

„Hase in Rotwein“, seufzte Hilde und sortierte Rosinen, Nüsse und Haferflocken. „Ich esse keine Tiere“, sagte Bruni vorwurfsvoll, „Sie sollten auch keine Tiere essen, Tiere sind doch unsere Freunde. Gell, Leo?“

„Ich bin mit Hasen nicht befreundet“, sagte Hilde gereizt, und Bruni erzählte: „Ich hatte mal als Kind einen Hasen, der hieß Elvis. Ich hätte ihn niemals essen können.“

Leo kreischte und schnarrte ein paar Töne und sah aus der Dachrinne zu, wie die beiden Frauen auf dem Balkontisch Rosinen aus einem Haufen Müsli pickten. Es waren schon einige zusammengekommen, und Bruni legte sie jetzt auf ihre flache Hand und lockte: „Komm, Leo, komm zu Mutti, Mutti Rosinchen!“

Der Vogel äugte mit schief gelegtem Kopf, und dann breitete er tatsächlich die Flügel aus, flog aus der Dachrinne herunter auf Brunis Schulter und saß da für einen winzigen Moment. Dann aber, als sie ihn gerade packen wollte, flog er blitzschnell an genau die unerreichbare Stelle zurück, an der er vorher gesessen hatte.

Bruni hatte Tränen in den Augen und sah Hilde an. „Die Rosinen sind zu alt“, sagte sie. „Ihr Müsli ist muffig, so was mag er nicht.“

„So ein Quatsch“, wehrte Hilde sich, „er hat sie ja nicht mal probiert, Sie haben zu schnell nach ihm gegriffen, deshalb ist er weggeflogen.“

„Nein“, beharrte Bruni, „die Rosinen sind alt, das merkt so ein kluges Tier sofort. Damit kriegen wir ihn nie.“ Und Leo knarrte Zustimmung. Bruni schaufelte Haferflocken, Nüsse und Rosinen zurück in den Karton, den sie Hilde gab.

„Da“, sagte sie und zeigte auf die Packung, „Verfallsdatum März, und jetzt ist Juli.“

Hilde warf die Packung in den Mülleimer und nahm ihre Handtasche.

„Ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie. Bruni sah sie entgeistert an.

„Aber wir können doch Leo nicht hier sitzen lassen!“, sagte sie.

„Wir?“, fragte Hilde, „es ist doch Ihr Leo, mir ist das ganz egal, wo er sitzt.“ Aber das stimmte nicht wirklich.

„So können nur Menschen reden, die auch unschuldige kleine Hasen essen“, sagte Bruni vorwurfsvoll, „das kommt davon, keine Achtung mehr vor der Kreatur.“ Und zu Leo rief sie hoch: „Keine Angst, Schätzchen, Mutti lässt dich nicht allein. Mutti geht hier nicht weg.“

Hilde setzte sich und steckte sich eine Zigarette an. Bruni lehnte sich an die Balkonbrüstung und schaute hoch zu Leo, den leeren Käfig neben sich. Dann kam sie auf einmal ins Zimmer, wo Hilde dicke Rauchkringel in die Luft blies, und fragte: „Haben Sie Norwegian Wood?

„Habe ich was?“, fragte Hilde verständnislos.

Norwegian Wood, von den Beatles“, sagte Bruni. „Das liebt Leo. Wenn er das hört, kommt er sofort.“

„Sonst noch was“, sagte Hilde, „warum nicht das Stabat Mater von Pergolesi.“

„Nein“, sagte Bruni, »Norwegian Wood von den Beatles. Ich habe das so oft gespielt, dass er es nachpfeifen kann, und wenn er das hört, kommt er immer angeflogen. Haben Sie es?“

„Nein“, sagte Hilde, „ich hab nur das Weiße Album von den Beatles, und da ist das nicht drauf.“

„Nein“, sagte Bruni, »Norwegian Wood ist auf Rubber Soul, haben Sie denn Rubber Soul nicht?“

„Nein“, sagte Hilde entnervt und drückte heftig ihre Zigarette aus. „Ich habe Rubber Soul nicht, und ich habe auch keine Zeit mehr und möchte unbedingt jetzt diese Wohnung verlassen.“

„Auf Rubber Soul ist auch Baby, you can drive my car«, sagte Bruni, „beepbeep’n beepbeep-a-yeah.“

„Ich gehe jetzt“, sagte Hilde und stand auf.

„Aber Sie kennen doch Norwegian Wood, oder?“ fragte Bruni und begann mit zittriger Stimme zu singen: „I once had a girl, or should I say, she once had me? She showed me her room, isn’t it good? Norwegian Wood.“

„Kenn ich“, erinnerte Hilde sich unlustig, „aber das mochte ich nie. Ich mochte am liebsten Eleanor Rigby«, und sie sang: „Ah, look at all the lonely people, where do they all belong?“

Bruni nickte. „Waren schon grandios, die Beatles“, sagte sie. „Wissen Sie noch, Yesterday?“ Und schon sang sie und fing dabei auch noch an zu weinen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away, now it looks as though they’re here to stay … Ich kann doch auch nichts dazu, dass der Leo jetzt gerade hier oben bei Ihnen sitzt, mein Gott. Er ist doch mein Ein und Alles, ich kann ihn da doch nicht einfach sitzen lassen.“

Sie zog ein zerknülltes Taschentuch aus der Tasche ihrer Shorts und putzte sich laut die Nase. Leo schnarrte, Hilde seufzte.

„Nein“, sagte sie, „das sehe ich ein, aber was sollen wir denn machen, er sitzt nun mal da und kommt nicht runter, und ich bin zum Essen eingeladen.“

„Hase in Rotwein“, sagte Bruni vorwurfsvoll. Beide Frauen schwiegen.

„Könnten wir nicht zusammen Norwegian Wood singen?“, fragte Bruni schließlich. „Das mag er so gern, dann kommt er vielleicht.“

„Aber ich kenn doch Norwegian Wood kaum“, sagte Hilde, und Bruni fing wieder an: „She asked me to stay and she told me to sit anywhere. So I looked around and I noticed there wasn’t a chair.“

„Großer Gott, nein, das kann ich nicht singen“, sagte Hilde. „Singen Sie es doch allein, Sie kennen das Lied, und er kennt Ihre Stimme.“

„Leo“, sagte Bruni, „er heißt Leo. Ja, er kennt meine Stimme, aber zu zweit wäre es kräftiger, verstehen Sie?“

Sie ging zurück auf den Balkon, sah zu Leo hoch und sang dünn und zittrig: „And when I awoke I was alone, this bird had flown; so I lit a fire, isn’t it good, Norwegian Wood?“

Der Vogel rührte sich nicht. Bruni kam wieder ins Zimmer.

„Der steckt die ganze Wohnung in Brand“, sagte sie. „Leo?“, fragte Hilde ungläubig, und Bruni schüttelte den Kopf. „Nein, der in dem Lied. I lit a fire, Norwegian Wood, weil ja alles aus Holz ist und so schön brennt. Vielleicht mag Leo das Lied so gern, weil es ihn an den Wald erinnert und weil ja auch ein Vogel drin vorkommt, this bird has flown.“

„Aha“, sagte Hilde verständnislos und zog ihr Kostümjäckchen wieder aus, weil ihr jetzt viel zu warm war. Sie sah Bruni entnervt an.

„Warum tragen Sie kein John-Lennon-T-Shirt?“, fragte sie und zeigte auf Bob Marley.

„Oh, das“, sagte Bruni und zupfte an sich rum, „den mag ich auch gern, No woman, no cry.

„Das hab ich“, sagte Hilde. Bruni riss die Augen auf. „Ehrlich?“, fragte sie, „das kennt er auch, No woman, no cry, ach bitte, legen Sie das doch mal auf, vielleicht kommt er ja dann.“

Hilde raffte sich auf und suchte aus dem Stapel herumliegender CD’s Best of Bob Marley. Bruni war währenddessen wieder auf den Balkon gegangen und redete mit ihrem Vogel.

„Komm doch runter“, sagte sie, „komm zu Mutti, Leo, mein Herzchen.“

Aber offensichtlich hatte Leo andere Pläne oder mochte kein Herzchen mehr sein – er blieb, wo er war. Hilde hatte Bob Marley gefunden und legte die CD auf. Sie suchte die richtige Stelle, stellte etwas lauter, und es ertönten Reggaerhythmen. Sie ging auf den Balkon, stellte sich zu Bruni, und beide sahen zu, wie der Vogel wippte, den Kopf schief legte, aber keine Anstalten machte, zu ihnen hinunterzufliegen.

„No woman, no cry“, sagte Bruni mit trauriger Stimme, „hörst du, Leo, nein, Frau, du nicht weinen, aber Mutti weint, wenn du nicht kommst.“

Der Vogel schrie plötzlich laut und deutlich: „Mutti!“

Hilde war verdutzt. „Der spricht?“, fragte sie. Bruni nickte stolz. „Und wie“, sagte sie, „besser als jeder Papagei, er singt Lieder, er spricht, er ist ein wunderbares Tier. Er ist mein Ein und Alles.“

Hilde war beeindruckt. „Aber ich kann Sie doch nicht einfach allein in meiner Wohnung lassen, bis Sie ihn haben“, sagte sie ein wenig ratlos. „Ich kenne Sie doch gar nicht.“

Bruni nickte. „Das verstehe ich“, sagte sie. „Wissen Sie was, ich lauf jetzt schnell nach Hause, ist ja nur drei Straßen weiter, und dann hol ich Rubber Soul, und dann spielen wir ihm das vor, ja? Sie werden sehen, er kommt dann in Nullkommanix angeflogen, und Sie können zu diesem toten Hasen gehen.“

Hilde seufzte. Bruni sah sie mit aufgerissenen Augen an.

„Aber Sie müssen mir hoch und heilig versprechen, in der Zeit nicht einfach abzuhauen und das arme Tier da sitzen zu lassen“, flehte sie, und Hilde nickte ergeben. „Ich bleibe da“, sagte sie, „aber beeilen Sie sich.“

Bruni ging zur Tür, drehte sich noch einmal um und bat: „Reden Sie bitte solange mit ihm, er hat gern Unterhaltung, und dann fliegt er nicht noch weiter weg. Ich bin sofort wieder da.“

Sie ging, und Hilde seufzte tief und trat auf den Balkon, um sich den seltsamen Vogel noch einmal anzuschauen.

„Hase in Rotwein“, sagte sie, „das hast du mir ja nun gründlich vermasselt, du blödes Vieh.“

Leo legte den Kopf schief und krächzte. Und dann pfiff er plötzlich, so schien es Hilde, einige Töne aus Norwegian Wood.

„Das gibt’s doch nicht“, sagte sie. „Du kennst das wirklich?“ Und sie versuchte sich auch an der Melodie, und weil sie den Text nicht kannte, sang sie lalala. Der Vogel hörte zu, pfiff ein bisschen mit, und Hilde musste lachen.

„Du bist schon ein komischer Kauz“, sagte sie und verbesserte sich sofort: „Nein, kein Kauz. Ein Beo. Beo.“ Der Vogel sperrte den Schnabel auf und rief: „Leo!“

Hilde sah ihn entzückt an, und er wiederholte: „Leo. Leoleo. Komm zu Mutti, mein Kleiner.“ Und dann pfiff er wieder den Anfang der Melodie von Norwegian Wood, und plötzlich kam er auf Hilde zugeflogen. Sie wich zurück, sie hatte Angst vor allem, was so ungewohnt flatterte, und wie zur Abwehr streckte sie die Hände aus. Beo Leo landete auf ihrer ausgestreckten linken Hand. Hilde traute sich nicht zu atmen und starrte ihn an. Er starrte zurück mit klugen, glänzenden schwarzen Knopfaugen und kollerte irgendwelche Töne in der Kehle. Seine kleinen Krallen lagen hart und trocken auf ihrer Hand, und er war so unerwartet federleicht, als hätte er gar keinen Körper, keine Knochen, bestünde nur aus diesen lackschwarzen Federchen. Hilde hielt den Atem an.

„Du bist ja ein ganz Schöner“, flüsterte sie. „Komm, willst du jetzt mal in deinen Käfig gehen?“ Sie bewegte sich ein wenig in Richtung Käfig, der auf dem Boden des Balkons neben der Tür stand, und Leo rührte sich nicht.

„Dich könnte ich auch nicht essen“, sagte Hilde. „Beo in Rotwein – niemals.“ Sie wusste nicht, wie sie sich mit diesem Vogel unterhalten sollte, und sagte entschuldigend: „Ludmilla kocht immer solche Sachen. Dabei esse ich im Grunde viel lieber Hausmannskost.“

Leo sperrte den Schnabel auf und krähte fröhlich: „Harald! Wo der Pfeffer wächst!“

„Harald?“, fragte Hilde, „hast du Harald gesagt? Wer ist denn Harald?“, und der Vogel gurrte zufrieden: „Pfeffer wächst.“ Dann pfiff er wieder ein Stück aus Norwegian Wood, und mit brüchiger Stimme, vorsichtig, sang Hilde mit: „I once had a girl, lalala, Norwegian Wood.“

Da standen sie, Hilde in ihrem dunkelblauen Kostümrock und der himmelblauen ärmellosen Bluse, auf der ausgestreckten Hand saß der Vogel, sie sangen zusammen, und Hilde fühlte sich aufgeregt und glücklich.

„Ich muss dich jetzt packen und in deinen Käfig tun“, sagte sie. „Aber wie pack ich dich denn bloß?“

Leo sah sie an, gab ihr aber dazu keinen Ratschlag. Stumm, aber nicht unfreundlich betrachteten sie einander, und in dem Moment klingelte es an der Tür. Leo erschrak und flog davon. Er flog über die Regenrinne hinaus hoch oben auf den Dachfirst und blieb, für Hilde kaum noch sichtbar, neben dem Kamin sitzen.

„Großer Gott!“, murmelte sie erschrocken und lief zur Tür, um Bruni zu öffnen.

„Ist er noch da?“, fragte Bruni. Sie war erhitzt, ihr wirres Haar stand noch mehr ab, das Gesicht war rot, sie presste die LP Rubber Soul an die Brust. Vier junge Männer mit langen Haaren schauten schwermütig in Schwarz-Grün vom Cover der Platte, die Schrift war psychedelisch geschnörkelt und orangefarben.

„Er ist gerade ein kleines Stückchen weitergeflogen“, gestand Hilde und beruhigte Bruni sofort: „Aber er ist noch hier auf unserem Dach.“ Sie traute sich nicht, ihr zu erzählen, dass der Vogel auf ihrer Hand gesessen und sie ihn nicht festgehalten hatte.

„Haben Sie denn nicht mit ihm geredet?“, jammerte Bruni und lief auf den Balkon. Sie reckte sich, um Leo zu sehen, und rief: „Leo, mein Kleiner, komm doch runter zu mir! Komm zu Mutti! Mutti ist wieder da, und pass mal auf, was ich dir mitgebracht habe!“

Bruni reichte Hilde die Platte.

„Auflegen, schnell“, sagte sie. „A-Seite, zweiter Titel. Norwegian Wood. Nun machen Sie schon!“

Und Hilde nahm die Schallplatte und sagte düster: „Ach Gott, ich hab ja gar keinen Plattenspieler mehr, nur noch einen CD-Player!“

Bruni starrte sie entgeistert an. „Das ist jetzt nicht wahr, oder?“, flüsterte sie. Hilde nickte düster. „Doch“, sagte sie, „der Plattenspieler ist verpackt oben im Schlafzimmerschrank, den brauch ich doch nie. Ich hab nur noch CDs.“

„Ich denke, Sie haben das Weiße Album?“, fragte Bruni fassungslos. Hilde nickte. „Ja, hab ich auch, aber das kann ich nie spielen, weil ich eben keinen Plattenspieler mehr habe.“

„Haben Sie keinen mehr, oder haben Sie ihn nur weggepackt?“, fragte Bruni.

„Weggepackt“, sagte Hilde, und Bruni befahl energisch: „Worauf warten Sie dann. Los.“

Sie ging zurück auf den Balkon, schob die Blumenkästen auf der Balkonmauer ein wenig auseinander und beugte sich rückwärts.

„Ich halte Leo bei Laune“, sagte sie, „und Sie bauen diesen verdammten Plattenspieler wieder auf, Lautsprecher anstöpseln und so, das können Sie doch wohl, oder? Und möglichst nah am Fenster.“

Sie sah nach oben.

„Leochen“, rief sie, „alles wird gut, bald gehst du wieder mit Mutti nach Hause, du musst nur ein bisschen Geduld haben, bis die Tante – wie heißen Sie noch mal?“, fragte sie ins Zimmer, wo Hilde ratlos herumstand.

„Hilde.“

„Bis die Tante Hilde endlich die Musik macht, die mein Leochen so liebt. Schön dableiben, hörst du?“

Hilde zog die Pumps und dann den engen Kostümrock und die himmelblaue Bluse aus und schlüpfte in ihren leichten Morgenrock mit Vogelmuster. Vogelmuster! Sie holte die Leiter aus dem Bad und legte sie an den Schlafzimmerschrank. Ganz oben beim Ersatzkissen und der Winterbettwäsche war der Karton mit ihrem alten Plattenspieler, sie holte ihn herunter und packte aus, was drin war. Der Anblick des Plattenspielers rührte sie. Wie oft hatte sie als junges Mädchen davorgesessen und Platten gehört, und jetzt hatte er ausgedient und war einfach weggeräumt worden. Zum ersten Mal war sie froh, ihn nicht weggeworfen zu haben. Sie stellte ihn unters Schlafzimmerfenster und holte eine der Lautsprecherboxen aus dem Wohnzimmerregal.

„Stereo muss es ja wohl nicht sein!“, rief sie, und Bruni rief zurück: „Hauptsache, er erkennt sein Lied!“

Es dauerte eine ganze Weile, bis Hilde, auf dem Boden kniend, den Lautsprecher richtig eingestöpselt, mit drei verschiedenen Verlängerungsschnüren den Plattenspieler angeschlossen und schließlich angestellt, die Platte aufgelegt hatte. Sie zog die Schlafzimmergardine zurück, öffnete das Fenster und sah hinaus.

Bruni saß zwischen den Pelargonien und gluckerte und gurrte.

„Leo“, sagte sie, „mein Vögelchen, mein Freund, alles wird gut, du wirst es sehen, gleich kommt dein Lieblingslied, Tante Hilde spielt es für dich, und dann kannst du mit Mutti nach Hause gehen.“

Hilde sagte: „So, Achtung, ich mach jetzt an.“

Sie setzte mit zitternden Fingern die Nadel auf Lied zwei.

„I once had a girl, or should I say, she once had me“, erklang, und Hilde lief mit roten Wangen erregt zu Bruni auf den Balkon.

„Na“, sagte sie, und Bruni flüsterte: „Pssst.“

John und Paul sangen das Lied vom Mädchen mit der Wohnung ganz aus Holz, in der man aber nirgends sitzen konnte, und dann ging das Mädchen ins Bett, weil es am andern Morgen früh rausmusste, und der junge Mann schlief im Badezimmer, und als er wach wurde, war sie schon wieder weg, und er steckte aus lauter Frust die Bude in Brand, isn’t it good, Norwegian Wood?

Was für ein unbeschreiblich blödes Lied!, dachte Hilde, und Bruni sang leise mit und streckte die Hand aus.

Als das Lied fast zu Ende war und als Frau Simmenthal von gegenüber schon auf dem Balkon erschien, die Arme in die Hüften gestemmt, und als Hilde schon wusste, dass sie jetzt herüberschnarren würde, was das solle, Musik bei weit offenem Fenster, und man möge bitte sofort … da kam Leo angeflogen, setzte sich zutraulich auf Brunis rechte Hand und ließ sich von der linken sanft kraulen, zart umfassen und ohne jeden Widerstand in den Käfig setzen, der immer noch offen auf dem Boden des Balkons stand. Bruni atmete tief durch und schloss rasch die kleine Gittertür.

„Geschafft!“, flüsterte sie, kraulte durch die Stäbe mit einem Finger Leos Hals und richtete sich dann auf, um Hilde zu umarmen.

„Großartig“, sagte sie, „ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich habe ihn wieder.“

„Darauf trinken wir einen“, sagte Hilde, und Bruni fragte: „Aber Sie müssen doch weg?“

Hilde winkte ab und schenkte zwei Gläser Weißwein ein. „Ist jetzt sowieso schon egal“, sagte sie, und die Platte im Schlafzimmer lief weiter, und die Beatles sangen:

»Do what you want to do, and go where you’re going to, think for yourself.«

Hilde und Bruni prosteten sich zu, und Hilde fragte: „Wer ist Harald?“

„Mein Verflossener“, sagte Bruni. „Hat er das erzählt?“ Und sie zeigte auf Leo, der in seinem Käfig auf der Stange saß und ihnen aufmerksam zusah. „Ja“, sagte Hilde, „Harald, wo der Pfeffer wächst.“

Bruni nickte. „So ist es“, sagte sie. „Ich hab ihn rausgeworfen, ich habe gesagt, Harald, geh doch dahin, wo der Pfeffer wächst.“

Bruni trank das Glas in einem Zug leer, wischte sich zufrieden den Mund ab und sagte: „Ich hoffe, da ist er jetzt. Ich hoffe, Harald ist da, wo der Pfeffer wächst, und jetzt bin ich mit Leo allein. Er ist mein Ein und Alles, wissen Sie.“

„Ja“, nickte Hilde, „ich weiß“, und sie sehnte sich nach einem Beo namens Leo, Gracula religiosa, nach jemandem, für den sie Rosinen kaufen müsste, oder wenigstens nach jemandem, der zu ihr sagen würde: „Baby, you can drive my car.“

Als die beiden Frauen die Flasche Wein geleert hatten, zog Hilde sich Jeans und ein T-Shirt an und begleitete Bruni und Leo drei Straßen weiter in ihre Wohnung. Das Weiße Album von den Beatles nahmen sie mit, und dann lagen sie auf dem Teppich, hörten While my guitar gently weeps und weinten über den Tod von John und George. Leo flog bei fest geschlossenen Fenstern durch die Wohnung, rief: „Leo! Komm zu Mutti!“, und versicherte ein übers andere Mal: „Harald! Wo der Pfeffer wächst.“

POP, PARTY, POLITIK

Hermann Kinder
Morten Paul
Philipp Schönthaler

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Der Vorsatz für den folgenden Beitrag war, aus der Perspektive unterschiedlicher Generationen die Bedeutung darzustellen, welche die Beatles für die musikalische und kulturelle Sozialisation der Autoren hatten. Zusammengefunden haben wir uns an der Universität Konstanz, u. a. im Interesse für die Popliteratur. In der Auseinandersetzung mit den Beatles zeigte sich jedoch bald, dass die Sichtweisen eines Zeitgenossen der Pilzköpfe (H. Kinder, *1944), die des Jüngeren (Ph. Schönthaler, *1976) und des noch Jüngeren (M. Paul, *1987) sich nur um den Preis erheblicher Zwangskompromisse in einen gemeinsam geschriebenen Text hätten umsetzen lassen. Das hätte die altersbedingten Differenzen verschliffen, statt sie zu profilieren. Das Originalerlebnis des Zeitgenossen war den Opfern des Fankultes ihrer Eltern und den Enkeln eines mumifizierten Mythos und einer industrialisierten Popkultur nicht teilbar. Retrospektiv erweist sich dies jedoch als aufschlussreich. Die Distanz, die aus der medialen Wiederkehr der Beatles erwächst, hebt die Band nicht nur über ein Epiphänomen der frühen Popgeschichte hinaus; sie erlaubt es zudem, sich gerade auch der Urszene des Pop, dem Versprechen, dass Party und Politik ein Bündnis eingehen, erneut anzunähern.

Hermann Kinder:
Von den Peters zu Ringo

Die 68er wurden auch deshalb politisch, weil sie nicht mehr hören mochten: „Hände aus den Hosentaschen! Wie sagt man? Mach einen Diener (Knicks)! Füße vom Tisch! Homos sind 175er, und Neger stinken! Hitler hat die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit beseitigt! Wer Unverheiratete beherbergt, fällt unter den Kuppeleiparagraphen! Frauen sind nicht unterschriftsberechtigt! Die Sache mit den Juden war so nicht in Ordnung, aber Adenauer und Onkel Sam sind das Bollwerk gegen den Bolschewismus und den Untergang des Abendlandes, sei’s in Berlin oder in Vietnam oder mit Hilfe der United Fruit Company!“ Und: „Halt den Mund, wenn Erwachsene reden!“

Gegen die Restauration, schlimmer: das latent Faschistische und unverhohlen Imperialistische des Westens putschten die 68er mit, wie bekannt, teils rigorosen Doktrinen. Üble konservative Nachrede ist, dass die 68er alle Werte zerstört hätten. Sie wollten die alten durch neue ersetzen: Disziplin ja, aber revolutionäre, Fleiß, Engagement, ziviler Mut, und nichts sollte unhinterfragbar und in langen Diskursen bis zur Erschöpfung diskutabel sein.

Es gilt aber auch, dass die 68er einem damals provokanten Hedonismus frönten. Sie waren Motor für Jux & Tollerei, Kabarett & Klamotte, Karl Dall und die Insterburgs, Rock’ n’ Roll, Pop, Feten, Events und Massenkonzerte, Reisen, Jeans, lange Haare, für „anything goes“, das Gammeln. Sie beförderten auch jene Spaßgesellschaft, die sie nun gern – soziologisch geschult (G. Schulze), ergraut und alterskrank – den hirnlosen Jungen vorwerfen. An drei Musikfilmen will ich einen Spaßweg meiner Generation andeuten und gestehe, dass ich nach zwei von ihnen das Kino mit gelifteten Hüften verlassen und versucht habe, die Füße in der Luft seitlich zusammenzuschlagen. Pfiffe im Kopf. Nun schaue ich mir die Filme auf DVDs an; mit den tanzenden Füßen ist das so eine Sache geworden.

Peter Kraus, Hannelore Schroth,
Alle lieben Peter, 1959

Ja, der Peter, dieser Schlaks mit der Gel-Haartolle, schleudert Arme und Beine, springt über Tisch und Sofa. Ja, der Peter fetzt mit seiner Gitarre den Alten die Mottenkugeln aus den Ohren. Aber die Alten sind ja gar nicht so. Die Generaldirektorschwiegermutter in spe lacht dazu, was den Generaldirektorschwiegervater in spe, der diluviale Knochen verehrt, erst brüllen, dann lächeln macht. Die Alten trinken wie die Jungen sichtbar gern Cinzano, Martini, Wodka, Black & White und rauchen Marlboro. Eigentlich mögen die Alten eher sanften Stopftrompeten-Jazz, aber wenn der zuckende Peter Rock’ n’ Roll in die barocken Buden pfeffert, finden sie das insgeheim gar nicht so schlecht. Weil nämlich die Eltern ihre Kinder lieben und andersherum. Eigentlich sind alle Kindsköpfe und reif zugleich; die Alten sind nur reich gewordene und berufsbehinderte Kindsköpfe. Eigentlich denkt man nie an Böses; und das Gute kommt sogleich.

Peter (20) verliebt sich sofort in des Generaldirektors Kitty (18) und Kitty in Peter. Solche Romantik müssen die Alten erst wieder ausgraben, indem sie ihre Lebenslügen entkalken. Es geht nicht um jung oder alt; es geht um die Stunden der wahren Empfindungen.

Peters Kumpel sind auch Studenten. Einen nennt der halbböse Urbayer und Autohändler Hubmeier, von dem die urbayerische Vermieterin sagt: „Ja also, wenn er kimma dad, dann dad er jetza nimma kimma“, einen Mohrenkopf. Der Mohrenkopf beherrscht die deutsche Sprache nicht so ganz, dafür spielt er toll Trompete, „O when the saints“ zum Beispiel, aus voller Mohrenseele. Die Studenten haben, außer dem Peter, kein Geld und fahren in einem schrägen Auto oder schieben es. Von den Töchtern des Generaldirektors ist die jüngste, das Baby, die frechste. Sie sagt zu ihrem Vater: „Rück mit der Kohle rüber.“ Und als der in Peters Mutter, die sich als 26 ausgibt, aber 39 ist, verliebte Wäschevertreter Peters Halbtante anölt: „Ich küsse Ihre Hand, gnä’ Frollein“, antwortet die: „Erklären Sie immer dazu, was Sie gerade küssen?“ Das ist gewagt. Aber es wird ja alles gut. Hüftwackelpeter bekommt seine Anstandsbombe Kitty; und der Vertreter seine plötzlich fast 40 und reif gewordene Mutter, die nun anstatt der Karriere die Ehefrau ausfüllen wird. Der Wäschevertreter des Generaldirektors trägt Fliege und ist wirklich very british – und hastenichtgesehen legt er im Jazzclub, den Peter und seine Kumpels tüchtig entschnarcht haben, die blöden und geilen Bierproleten (Thomas-Bräu) aufs Kreuz. Babys letzter Satz stimmt schon: „Ist das Leben nicht herrlich?“

Das hat mir schon gefallen, auch wenn der Peter und die anderen überdreht lustig vor den Türmen der Münchner Frauenkirche und in den Pappen von Geiselgasteig umhertollen. Mitzusingen gab’s nichts, dafür war „Kittycat“ zu schlaff: „Wunderbare Beine, Augen so wie keine. Wisst ihr, wen ich meine?“ Erst beim jetzigen Wiedersehen fielen mir zwei Details auf, die sich späterer Erkenntnis verdankten: So kollektiv fröhlich pfeifen die Arbeiter in einer Automontagehalle nicht. Günter Wallraff war da noch so unbekannt wie die Bottroper Protokolle (E. Runge). Und: Kitty sagt leicht snobistisch: „Im Sommer gehen wir alle nach Havanna.“ Darauf singt Peter „Havanna love“. Ab Frühjahr 1959 war aber schon Fidel Castro in Havanna – eigentlich nichts mehr für Generaldirektors.

Zu überlegen wäre, ob die übliche These stimme, dass der komische, auch der jugendorientierte Unterhaltungsfilm der Nachkriegszeit allein dem Eskapismus gedient habe, der restaurativen Beschwichtigung; ob er nicht auch sanft der Emanzipation von geltenden, aber ...

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