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Watch Me - Blutige Spur

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Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen
sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Brenda Novak

Watch Me – Blutige Spur

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Maria Poets

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„Der Glaube an eine übernatürliche Quelle des Bösen ist überflüssig: Der Mensch allein ist zu jeder möglichen Art von Bösem fähig.“

Josef Conrad

1. KAPITEL

War er weg?

Sheridan Kohl lag zusammengekrümmt auf der nassen Erde. Ihre Kleider, ihr Gesicht, ihr Körper, alles war feucht. Sie schmeckte Blut. Der würzige Geruch der üppigen Vegetation um sie herum war der Geruch ihrer Kindheit. Hier war sie aufgewachsen, im Osten Tennessees, in der kleinen Stadt Whiterock.

Doch das war nicht gerade der Empfang, den sie bei ihrer Heimkehr erwartet hätte.

Das scharrende Geräusch einer Schaufel verriet ihr, dass der Mann, der sie überfallen hatte, immer noch in der Nähe war. So nahe, dass sie sich nicht zu rühren und noch nicht einmal zu wimmern wagte.

Nach ein paar Spatenstichen begann er heftiger zu atmen, und von Zeit zu Zeit hörte sie ihn stöhnen. Offensichtlich war das Graben nicht einfach, aber das rhythmische Schleifen und Scharren verriet ihr, dass er vorankam.

Er war nicht besonders groß, aber kräftig, so viel wusste sie bereits. Denn sie hatte es zwar geschafft, das Seil abzustreifen, mit dem er ihre Hände zusammengebunden hatte. Aber dann konnte sie sich doch nicht gegen ihn zur Wehr setzen. Ihre Kampfentschlossenheit hatte ihn nur noch wütender gemacht, noch brutaler. Sie war sicher, dass er sie umgebracht hätte, wenn sie nicht von selbst wie leblos zusammengesackt wäre.

Vorsichtig tastete sie mit der Zunge ihre Oberlippe ab. Sie war eingerissen, aber das war vermutlich die leichteste ihrer Verletzungen. Blut rann ihr in die Kehle und ließ sie würgen, bis sie den Kopf weit nach rechts drehte. Ein Auge bekam sie kaum auf, und von den heftigen Schlägen auf den Kopf war ihr schwindelig geworden, sodass sie kaum einen zusammenhängenden Gedanken fassen konnte. Wie durch einen Nebel sagte ihr ihr Instinkt, dass sie davonlaufen sollte, jetzt, wo seine Aufmerksamkeit abgelenkt war. Aber sie konnte nicht aufstehen, ganz zu schweigen davon, um ihr Leben zu rennen. Allein das Atmen tat schon weh.

Verheißungsvolle Dunkelheit und totale Stille warteten am Rande ihres Bewusstseins. Sie sehnte sich danach, der Verlockung nachzugeben, langsam loszulassen und ihren schmerzenden Körper zu erlösen. Doch ihre beste Freundin schien neben ihr zu stehen und zu rufen: Steh auf, verdammt! Lass es nicht zu, Sher! Du musst die Oberhand gewinnen, egal wie. Kämpf um dein Leben! Den Bruchteil einer Sekunde fragte sich Sheridan, ob sie gerade an einem von Skyes Selbstverteidigungskursen bei The Last Stand teilnahm.

Doch dann spürte sie, wie der Regen sanft auf ihre Lippen, die Stirn und Lider traf. Sie lag mitten in der Nacht im Wald.

Zusammen mit einem Mann, der eine Skimaske trug.

Und der ihr Grab schaufelte.

Bellend sprangen die Hunde gegen den Zaun und rissen Cain Granger aus dem Tiefschlaf. Wahrscheinlich wieder nur ein Waschbär oder ein Opossum, dachte er und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Als der Krach jedoch nicht aufhörte, wurde ihm klar, dass es sich ebenso gut um einen Bären handeln konnte. Vor einer Woche hatte er ein paar Schwarzbären in der Gegend entdeckt. Auf der Suche nach Nahrung schienen sie immer dichter ans Haus heranzukommen.

„Ich komme ja schon!“, brummte er. Er quälte sich aus dem Bett und schlüpfte in Jeans und Arbeitsstiefel. Es war Hochsommer; viel zu heiß und zu schwül, um sich mit weiteren Kleidungsstücken herumzuplagen, selbst in den Bergen. Und einem Bären wäre es sowieso herzlich egal, was er anhatte. Doch nachdem er sich das Betäubungsgewehr geschnappt und den Hundezwinger erreicht hatte, konnte er weder einen Bären noch irgendetwas anderes entdecken. Zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

„Ruhig!“

Die Hunde hörten auf zu bellen, aber sie kamen nicht zu ihm. Alle drei Coonhounds standen stocksteif da, die Schnauzen schnüffelnd in die Luft gestreckt, als hätten sie etwas gewittert.

Angesichts dieses seltsamen Verhaltens runzelte Cain die Stirn, aber er war zu müde, um sich großartig Gedanken darüber zu machen. Wenn der Bär nicht nah genug war, um Schaden anzurichten, konnte er sich die Mühe auch sparen. So ein riesiges Tier zu bewegen und zu transportieren war ein gewaltiger Kraftakt. Er musste es wissen, schließlich arbeitete er für die Tennessee Wildlife Resources Agency. Mit solchen Dingen verdiente er seinen Lebensunterhalt.

„Ich gehe zurück ins Bett“, sagte er zu den Hunden und wandte sich wieder dem Haus zu. Doch Koda, das älteste und klügste Tier, ließ ein warnendes Knurren hören, das Cain sofort innehalten ließ.

Koda meldete sich nicht ohne Grund zu Wort.

Anstatt ins Haus zurückzukehren, öffnete Cain das Gatter, und die drei Hunde rannten aufgeregt auf ihn zu. Sie bellten nicht, schließlich hatte er sie bereits zurechtgewiesen.

„Was ist denn nur los?“, fragte Cain und tätschelte die Tiere. Normalerweise liebten sie seine Aufmerksamkeit und genossen sie so lange wie möglich, aber heute Nacht versuchten sie, zwischen ihm und dem Zaun hindurchzuschlüpfen und in den Wald zu rennen.

„Wartet!“ Er wollte sie anleinen, aber Koda rannte schon zum Rand der Lichtung, dann drehte er sich um und bat winselnd um Erlaubnis.

„Wenn das ein Bär ist, wirst du dir eine saftige Tracht Prügel einfangen!“, sagte Cain. Dabei würde Koda niemals von sich aus einen Bären angreifen. Die Hunde würden das Tier in die Enge treiben und umkreisen, bis er da wäre – und wären hoffentlich schnell genug, sollte der Bär sie angreifen.

Er gab nach und winkte Koda zu. „Also gut“, sagte er. „Los!“

Die drei Hunde jagten voraus.

Cain holte eine Taschenlampe aus dem Schuppen und joggte den Tieren hinterher. Es dauerte nicht lange, da veränderte sich die Stimmlage ihres Gebells. Sie hatten etwas gefunden.

Cain rannte schneller und schaltete die Taschenlampe ein, um Hindernissen auszuweichen. Der Vollmond leuchtete hell, aber es hatte zu regnen begonnen, und die Lampe half ihm, seinen Weg zwischen den nur schemenhaft zu erkennenden Bäumen hindurch zu finden. Baumstümpfe, Kiefernzapfen und umgestürzte Stämme bedeckten den Boden. Hier in den Bergen gab es nicht viele Menschen, deshalb gefiel es ihm hier so gut.

Das Hundegebell wurde lauter und aufgeregter, als er sich der äußersten Grenze seines Besitzes näherte. Was immer sie aufgespürt hatten, befand sich auf seinem Land.

Er legte das Betäubungsgewehr an seine Schulter. Aber Koda hatte keinen Bären gestellt. Die Hunde hatten überhaupt nichts Bedrohliches entdeckt. Es sah aus, als würden sie eine lebensgroße Puppe umkreisen. Sollte das ein Witz sein?

„Ruhig!“ Er hatte seine Stimme gesenkt, und die Hunde zogen sich widerwillig zurück. Und in diesem Moment sah Cain es: Er hatte keineswegs eine aufblasbare Puppe, eine Schaufensterpuppe oder irgendeinen anderen leblosen Gegenstand vor sich. Sondern eine Frau.

„Was, zum Teufel, ist hier los?“ Wer auch immer sie war, sie war brutal zusammengeschlagen worden. Sie bewegte sich nicht und reagierte nicht auf den Lärm und die Aufregung um sie herum.

War sie etwa tot?

Im Schein der Taschenlampe suchte Cain die Umgebung ab. Wenige Schritte neben sich entdeckte er eine weggeworfene Schaufel und ein ausgehobenes Loch. Offensichtlich hatte jemand diese Frau getötet und hierhergebracht, um sie zu verscharren.

Kein Wunder, dass seine Hunde durchgedreht waren.

„So ein Hurensohn!“, fluchte er lautstark. Er hätte eher kommen sollen! Vielleicht hätte er sie retten können.

Er lehnte das Gewehr an einen Baumstamm in der Nähe, wo er es rasch erreichen konnte, befahl seinen Hunden, aus dem Weg zu gehen, und kniete sich neben die Frau. Ihr schlaffes Handgelenk fühlte sich in seiner Hand klein und zerbrechlich an. Dichtes schwarzes Haar war über ihr Gesicht gefallen. Selbst in der Dunkelheit konnte er erkennen, dass es feucht war von frischem Blut.

Was hatte sie durchmachen müssen? Wer war sie? Und warum war das hier geschehen?

Cain war so sicher gewesen, dass sie bereits tot war, dass der flatternde Pulsschlag ihn überraschte. Er war nur schwach, aber er war da … Gott sei Dank, sie lebte!

Er seufzte vor Erleichterung und bat sie stumm, durchzuhalten, während er das Gewehr an Kodas Halsband befestigte, damit der Hund es nach Hause ziehen konnte.

Diese Frau brauchte Hilfe, und zwar schnell. Aber es blieb keine Zeit, sie in seinen Truck zu legen und siebzig Meilen zum nächsten Krankenhaus zu fahren. Das würde sie niemals überleben.

Vorsichtig hob er sie hoch und trug sie zu der Lichtung vor seinem Haus und der Tierklinik. In der Klinik hätte er mehr Platz, doch er konnte sich nicht vorstellen, einen Menschen dort zu behandeln, wo er normalerweise kranke und verletzte Hunde, Katzen und Pferde versorgte und gelegentlich einen Kojoten, Hirschen oder Bären. Er entschied sich, sie ins Haus zu bringen, stieß die Vordertür mit der Schulter auf und brachte sie ins Gästezimmer, wo er sie auf das Bett legte.

Ihr Kopf rollte zur Seite, Blut tropfte auf das Bettzeug. Cain hatte noch nie jemanden gesehen, der dem Tod so nahe gewesen war – von Jason, seinem Stiefbruder, mal abgesehen.

Die Hunde waren ihm ins Haus gefolgt, doch er schickte sie wieder hinaus und eilte ins Wohnzimmer, um den Notarzt zu rufen. Ein Hubschrauber würde in dem dichtbewaldeten Gebiet, in dem er lebte, niemals landen können. Aber er könnte die Fremde zu Jensens Farm außerhalb der Stadt bringen, so wie er es vor zwei Jahren mit dem Camper gemacht hatte, der einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis alles arrangiert war. Anschließend versuchte er, Ned Smith zu erreichen. Doch die Frau vom Bereitschaftsdienst wusste nicht, wo der Polizeichef von Whiterock steckte.

„Soll ich Amy wecken?“, bot sie ihm an.

„Nein!“, antwortete Cain, ohne zu zögern. Amy war ebenfalls Polizistin, Neds Zwillingsschwester – und Cains Exfrau. Bei dieser Sache wollte er Amy definitiv nicht dabeihaben. Sie hatte keine Erfahrung mit Gewaltverbrechen, ebenso viel oder wenig wie die beiden anderen Cops von Whiterocks kleinem Polizeirevier. Aus diesem Grund bat er die Frau auch nicht, einen der anderen Beamten zu alarmieren. Cain war sich nicht sicher, ob Ned seine Sache besser machen würde, doch immerhin war er der Polizeichef. „Versuch weiter, Ned zu erreichen, und sag ihm, dass er ins Krankenhaus von Knoxville kommen soll. So schnell wie möglich!“

„Ins Krankenhaus?“

Cain hatte keine Zeit für lange Erklärungen. „Genau.“

Voller Sorge, dass die Frau, die er im Wald gefunden hatte, sterben könnte, ehe er den Hubschrauber erreichte, legte er auf und ging zurück ins Gästezimmer. „Alles wird wieder gut“, murmelte er. Vorsichtig strich er ihr das Haar aus dem Gesicht, und im gleichen Moment wurde ihm klar, dass er diese Frau kannte.

Es war zwölf Jahre her, seit er sie zuletzt gesehen hatte.

Er hatte ein Mal mit ihr geschlafen.

Kurz bevor sie mit Jason zum Rocky Point gefahren war.

2. KAPITEL

Als er im Krankenhaus ausgerufen wurde, glaubte Cain, die Polizeizentrale hätte endlich Ned Smith ausfindig gemacht. Aber es war Owen Wyatt, der ältere seiner beiden verbliebenen Stiefbrüder, der ihn sprechen wollte. Gleich nach seiner Ankunft im Krankenhaus hatte Cain ihn angerufen, mindestens fünfundvierzig Minuten nachdem der Notarzt-Helikopter Sheridan abgeholt hatte. Irgendjemand zu Hause musste erfahren, was passiert war. Und da der einzige Arzt der Stadt zudem noch das Familienmitglied war, das Cain am liebsten mochte, war es am wahrscheinlichsten, dass Owen ihm während Neds Abwesenheit helfen würde.

„Ich habe deine Nachricht bekommen“, sagte Owen.

„Ich rufe dich von einer Telefonzelle aus zurück.“

„Warte! Was ist denn los?“

Cain warf einen Blick auf die Krankenschwestern, die um ihn herum zu arbeiten versuchten. „Ich rufe dich zurück.“ Er besaß kein Handy. In Momenten wie diesen bedauerte er es, aber dort, wo er lebte und arbeitete, hatte er kaum Empfang, also lohnte sich die Ausgabe erst gar nicht.

Fünf Minuten später stand er in der Lobby, lehnte sich an die Wand neben dem öffentlichen Telefon und sprach erneut mit Owen. „Wo hast du gesteckt?“, wollte er wissen, noch ehe sein vier Jahre jüngerer Stiefbruder auch nur Hallo sagen konnte.

„Wieso?“

„Um halb vier habe ich versucht, dich zu erreichen. Ich hatte erwartet, dich aus dem Bett zu holen. Hast du einen Hausbesuch gemacht?“

Die Antwort überraschte Cain ganz und gar nicht.

„Ganz richtig, ich war auf einem Hausbesuch. Robert ist betrunken nach Hause gekommen und in Dads Gartenschuppen gefahren. Ich habe ihm aus seinem alten Camaro geholfen und die Wunde an seiner Schläfe genäht.“

Cains anderer Stiefbruder hatte ein Alkoholproblem und steckte ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten. Er war zwar der Jüngste in der Familie, mit fünfundzwanzig sollte er allerdings alt genug sein, um auf sich selbst aufzupassen. Stattdessen lebte er in einem Trailer auf dem Grundstück seines Vaters und verbrachte jede wache Minute mit Onlinespielen, anstatt sich um einen Job zu bemühen. Wenn er nicht spielte, soff er. Cain hatte kein Mitleid mit ihm. In der Highschool war Cain zwar selbst noch ein Flegel gewesen, doch seit seinem achtzehnten Geburtstag war er auf sich alleingestellt. Er hatte sich durchs College gekämpft und nie erwartet, dass jemand anders seine Probleme regelte. „Warum bist du nicht rangegangen, als ich dich auf dem Handy angerufen habe?“

„Ich hatte es im Auto liegen lassen. Du hättest Robert sehen sollen!“ Owen ließ ein empörtes Schnauben hören. „So ein Idiot!“

„Das ist doch nichts Neues.“

„Nein. Also … was ist los?“

Die Wirkung des Adrenalins, das Cains wilde Fahrt zum Krankenhaus befeuert hatte, ließ langsam nach, und Müdigkeit setzte ein. „Vor ein paar Stunden hat jemand Sheridan Kohl angegriffen.“

Eine kurze Pause. „Sagtest du Sheridan Kohl?“

„Stimmt genau.“

„Ich hatte gehört, dass sie in die Stadt kommen würde, aber ich wusste nicht, dass sie schon da ist. Aber … wer würde so etwas tun?“

„Keine Ahnung.“

Es gab eine weitere Pause. „Woher wusstest du davon? Dass sie verletzt wurde, meine ich.“

„Ich habe sie gefunden. Wer immer sie angegriffen hat, hat sie in der Nähe meiner alten Hütte zum Sterben liegen gelassen.“

Owen fluchte aus tiefster Seele, was Cain ziemlich überraschte. Das war sonst gar nicht die Art seines Stiefbruders.

„Was war das denn?“

„Die Sache gefällt mir nicht.“

Eine glatte Untertreibung, und Untertreibungen passten wesentlich besser zu Owen. „Wem sagst du das?“

„Hast du Ned schon angerufen?“

„Natürlich. Gleich als Erstes.“

„Ich musste einfach fragen, so wie ihr beide zueinander steht.“

Cain und Ned waren zusammen zur Schule gegangen, aber sie waren nie Freunde gewesen. Nachdem Jason ermordet worden war, war Cain so damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu zerstören, dass er keine Zeit für Freunde gehabt hatte – für echte Freunde. Er hatte mehr getrunken als je zuvor, hatte in waghalsigen Aktionen Kopf und Kragen riskiert, hatte sich mit allen und jedem geprügelt, der es gewagt hatte, ihn herauszufordern, und war fast jedes Wochenende mit einem anderen Mädchen losgezogen. Und dann war da noch die kurze Ehe mit Neds Schwester gewesen … Allein das machte es so verflucht unangenehm, dass die Smith-Zwillinge inzwischen die halbe Polizei in Whiterock stellten.

„Ich habe angerufen, ihn aber nicht erreicht“, erklärte Cain.

„Warum nicht?“

„Woher, zum Teufel, soll ich das wissen?“ Eine alte Frau betrat die Lobby und ließ sich auf einen der Plastikstühle plumpsen. Cain hielt den Hörer dichter an den Mund und senkte die Stimme.

„Wahrscheinlich ist er bei seiner neuen Sekretärin.“

„Mona?“ Cains Ansicht nach musste ein Mann blind und betrunken sein, um sich mit Neds Sekretärin einzulassen. Von Sauberkeit schien die Frau nicht besonders viel zu halten.

Owen schnalzte mit der Zunge. „Ich habe gehört, sie soll zu allem bereit sein. Letzte Woche habe ich gesehen, wie er sie begrapscht hat, als sie in ihr Auto gestiegen ist.“ Dann räusperte er sich. „Du weißt, was die Leute denken werden, wenn sie das hören, oder?“

Cain zog ein finsteres Gesicht und schob die Hände in die Taschen. „Es ist mir egal, was sie denken.“ Die Frau in der Lobby blickte auf, und Cain drehte das Gesicht zur Wand.

„Stimmt, das hat dich nie gekümmert, also sag ich es dir: Erst vor drei Wochen haben die beiden Wallup-Jungs das Gewehr in deiner Blockhütte gefunden.“

Die anschließende ballistische Untersuchung hatte bewiesen, dass es die Waffe war, mit der Jason erschossen worden war. Wie hätte Cain das vergessen können? „Das ist mir klar. Aber das ist doch lächerlich! Ich habe Sheridan nicht angerührt. Ich wusste nicht einmal, dass sie wieder zurück ist, bis ich sie gefunden habe!“

Owen seufzte. „Das wird dir nur niemand glauben. Die ganze Stadt redet schon seit Tagen darüber, dass sie zurückkommt.“

Cain wünschte, er hätte sich die Zeit genommen und sich umgezogen. Sein Haar, das an den Ohren und am Hals bereits etwas zu lang wurde, war getrocknet, aber seine Hose war immer noch so feucht, dass er sich darin unbehaglich fühlte. „Ehrlich, ich habe nichts davon gehört. Außerdem war sie seit zwölf Jahren nicht mehr hier. Warum ist sie überhaupt gekommen?“

„Was glaubst du denn? Jemand hat ihr von dem Gewehr erzählt.“

Cain nahm an, dass es Ned gewesen war. Seit Cain seiner Schwester Amy das Herz gebrochen hatte, waren sie Rivalen. „Warum sollte sie deswegen zurückkommen?“

„Weil sie den Fall aufklären will.“

„Du meinst, sie will dafür sorgen, dass er aufgeklärt wird.“

„Nein. Als Ned mir erzählte, dass sie kommt, habe ich im Internet nach ihr gesucht. Sie arbeitet für eine Opferhilfsorganisation in Kalifornien.“

„Sie ist also Sozialarbeiterin?“

„So was Ähnliches. Sie hat die Stiftung vor fünf Jahren gegründet, zusammen mit zwei anderen Frauen. Jede von ihnen ist auf etwas anderes spezialisiert. Sheridan kümmert sich wohl um die Buchführung, aber sie arbeitet auch mit Privatdetektiven, der Polizei, Psychologen und Selbstverteidigungsexperten zusammen. Ich glaube, sie versteht eine Menge von Strafrecht und ist eine Art Allroundtalent. The Last Stand, so heißt die Organisation, tut offenbar alles, um Unschuldige zu schützen und brutale Gewalttäter hinter Gitter zu bringen. Ich habe Dad davon erzählt. Komisch, dass er es dir gegenüber nicht erwähnt hat.“

Die Tatsache, dass sein Stiefvater Sheridans bevorstehenden Besuch oder ihren Hintergrund nicht erwähnt hatte, ließ eine Ahnung in Cain aufsteigen. Es war etwas, worüber sie hätten reden können – vor der Entdeckung des Gewehrs. „Was kann sie denn realistischerweise tun?“, fragte er. „Es hat sich nichts geändert. Das Gewehr verschwand, bevor Jason damit erschossen wurde. Bailey Watts hatte es fünf Tage vorher als gestohlen gemeldet. Und die Fingerabdrücke sind alle abgewischt worden. Wir wissen nicht mehr als an dem Tag, an dem wir ihn beerdigt haben.“

„Ned glaubt, einen Verdächtigen gefunden zu haben, der damals übersehen worden war, und sammelt Beweise.“ Er machte eine Pause. „Und dieser Verdächtige bist – wie praktisch aber auch – du.“

Cain spielte mit dem Kleingeld in seiner Tasche. „Jeder hätte das Gewehr in die Blockhütte legen können. Sie steht jetzt schließlich schon leer, seit ich in mein Haus gezogen bin – und das war vor sechs Jahren.“

„Ich will ehrlich zu dir sein, Cain. Seit man das Gewehr gefunden hat, wird eine Menge darüber geredet, wie du drauf warst, als deine Mom starb. Darüber, wie du dich benommen hast.“

Cain hatte sich schlecht benommen, das wusste er so gut wie jeder andere. Aber da sein leiblicher Vater sich noch vor Cains Geburt aus dem Staub gemacht hatte, ohne eine Adresse zu hinterlassen, hatte Cain niemanden gehabt, an den er sich nach dem Tod seiner Mutter hätte wenden können. Er war gezwungen gewesen, seinen Stiefvater zu bitten, in dessen Haus wohnen bleiben zu dürfen, bis er die Schule beendet hatte. John hatte eingewilligt, aber Cain war nur geduldet worden. „Ich war wütend.“

„Du hast die Schule geschwänzt, bist illegale Autorennen gefahren und hast einen Lehrer verprügelt, der dich zum Direktor schicken wollte. Solche Sachen vergessen die Leute nicht so leicht.“

Cain warf der Frau, die ihn beobachtete, seit sie die Lobby betreten hatte, einen finsteren Blick zu. Endlich schaute sie weg. „Glaubst du, dass ich Jason erschossen habe?“, fragte er seinen Stiefbruder.

„Natürlich nicht! Ich kenne dich. Aber der Punkt ist, dass die Leute anfangen, sich Fragen zu stellen.“

Ned hatte ihn schon vor Jahren als Verdächtigen präsentiert, aber niemand hatte die Anschuldigung ernst genommen. Was hatte sich verändert?

„Wenn ich heute sage: ,Cain würde so etwas niemals tun’“, fuhr Owen fort, „schlägt mir keine Zustimmung entgegen. ,Menschen können furchtbare Dinge tun, wenn sie durcheinander sind’, sagen sie dann.“

Cain packte den Telefonhörer fester. „Wer sagt das?“

„Was sind schon Namen? Ich warne dich doch nur. Sei vorsichtig!“

„Und wie soll ich das machen?“ Cain spürte, wie seine Augenbrauen fast zusammenstießen. „Ich wusste nichts von dem Gewehr in meiner Blockhütte! Und was Sheridan angeht -was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie im Wald sterben lassen?

„Natürlich nicht! Aber ihnen wird jede Ausrede recht sein, um dir die Sache anzuhängen. Mehr will ich damit nicht sagen.“

Und jetzt befand sich ihr Blut nicht nur an seiner Kleidung, sondern auch in seinem Haus.

„Du hast doch wohl keine wunden Fingerknöchel, oder?“, sagte Owen.

„Das wäre egal. Wer immer es getan hat, hat außer seinen Fäusten noch mehr benutzt. Ein Brett. Einen Schläger.“

„Woher weißt du das?“

Die Frau in der Lobby drehte sich um und starrte ihn erneut an. Er senkte die Stimme noch weiter. „Ich habe es an den Verletzungen gesehen.“

„Jemand hat einen Knüppel benutzt, um mit einer Frau von ihrer Größe fertig zu werden? Was für ein Mann würde so etwas tun?“

„Ein schwaches, aber gefährliches Arschloch. Jemand, der sichergehen wollte, dass er auf jeden Fall die Oberhand behält. Deshalb wundere ich mich, dass sie noch lebt.“

„Vielleicht hat er gedacht, sie wäre tot.“

„Er war noch nicht fertig. Ich habe ihn verscheucht, als ich mit den Hunden gekommen bin.“

„Dann ist es ja gut, dass du sie gerade noch rechtzeitig gefunden hast.“

„Gut, dass er nicht mehr da war, als ich ankam“, murmelte Cain. „Andernfalls wäre sie nicht die Einzige gewesen, die einen Arzt gebraucht hätte.“

„Das ist genau die Sorte Kommentar, die dich in Schwierigkeiten bringen kann, großer Bruder.“

„Es braucht mehr als eine kurze Bemerkung und Indizien, um jemanden wegen Mordversuchs zu verurteilen. Welches Motiv sollte ich haben, ihr das anzutun?“

Die Frau in der Lobby stand auf und verschwand. Offensichtlich hatte sie genug gehört.

„Ned glaubt, dass sie etwas verschweigt“, erwiderte Owen. „Weil sie angeblich so viel weiß und weil das Gewehr bei dir entdeckt wurde, werden die Leute glauben, dass du sie zum Schweigen bringen wolltest.“

Alarmiert spürte Cain, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Sheridan hatte in der Tat etwas verschwiegen: In allen Verhören bei der Polizei hatte sie ihr kurzes Intermezzo niemals erwähnt. Cain war sich nicht sicher, warum. Wollte sie ihn schützen – oder hatte sie dabei nur an sich selbst gedacht? Sie war erst sechzehn gewesen, er siebzehneinhalb, als sie sich während dieser Party in Johnsons Wohnwagen zurückgezogen hatten. Ihre strengen religiösen Eltern hätten sie verstoßen, wenn sie gewusst hätten, was sie miteinander getrieben hatten.

„Sag mir eins“, bat Owen.

„Was?“

„Ist sie immer noch so schön?“

„Bei all den Wunden und Prellungen war das schwer zu erkennen.“

„Ich wette, sie sieht immer noch gut aus. Sie war immer wunderschön. Das hat Jason in Schwierigkeiten gebracht. Es gab keinen Jungen in der Stadt, der sie nicht haben wollte.“

Sie war Jasons Typ gewesen – angepasst, glücklich, beliebt. Warum also hatte sie ihm ihre Jungfräulichkeit geschenkt? Cain hatte keine Ahnung. Aber er wollte nicht über die Fehler nachdenken, die er gemacht hatte. Er war jung und dumm gewesen, nur zu bereit, vor der Bewunderung eines Schulmädchens zu kapitulieren. Nach jener Nacht hatte er sie nie wieder angerufen, aber nur, weil er instinktiv gewusst hatte, dass er eine Grenze überschritten hatte, als er sie angefasst hatte.

„Was mit Jason passiert ist, ist nicht ihre Schuld“, sagte er.

„Wessen Schuld ist es dann?“

Cains. Aber nicht so, wie jeder dachte. „Es war einfach ein verrückter Zufall.“

„Du meinst also, wer immer es gewesen war, hat das Gewehr in deiner Blockhütte versteckt?“

„Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie es dahin gekommen ist. Und überhaupt, warum sollte ich meinen …“ Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Cain den Wunsch, den Unterschied deutlich zu machen. „… deinen Bruder töten?“ Jason war der Junge gewesen, den alle Eltern sich wünschen würden. Cain war das genaue Gegenteil gewesen. Er hatte Jason beneidet, aber er hätte ihm nie etwas angetan.

„Du hattest keinen Grund, aber niemand versteht dich so wie ich. Sie wissen nur, dass du ein paar … Probleme hattest. Es ist nicht gerade hilfreich, dass die Hälfte der Leute in dieser Stadt Angst davor hat, dich mit irgendeiner Frage zu belästigen, die nichts mit Tieren zu tun hat. Sie sind bereit, beinahe alles zu glauben.“

Cain hatte schon seit Jahren nicht mehr die Beherrschung verloren. Trotzdem hatte Owen recht. Die meisten Menschen traten beiseite, um ihm bloß nicht im Weg zu stehen. Selbst bestimmte Frauen hielten sich auf Distanz. Andere dagegen schien er nicht loswerden zu können. An manchen Tagen brauchte er nur von seiner Auffahrt auf die Landstraße einzulegen, und schon stieß er auf seine Exfrau Amy, die ihm aufgelauert hatte, nur um einen Blick auf ihn zu erhäschen. „Das reicht nicht als Beweis! Wenn ich sie hätte umbringen wollen, Owen – wenn ich fähig wäre, so weit zu gehen –, dann wäre sie jetzt tot. Ich hätte einfach weitergemacht und sie vergraben. Ganz bestimmt hätte ich nicht den Notarzt gerufen.“

„Und was ist mit dem Gewehr? Ned wird auf der Hut sein. Das ist alles. Vergiss das nicht.“ Owen hustete. „Wann kommst du nach Hause?“

Cain wusste es nicht. In Anbetracht von Sheridans Zustand fiel es ihm nicht leicht, einfach zu gehen. Er bezweifelte, dass sie besonders erfreut sein würde, ihn zu sehen, aber er war alles, was sie hatte. „Weiß ich noch nicht.“

„Falls sie stirbt, wäre es vielleicht besser, wenn du nicht in der Nähe bist.“

„Sie wird nicht sterben.“

Stille. Dann sagte Owen: „Ich hoffe, du hast recht. Ich bin müde.“ Ein Gähnen unterstrich seine Worte. „Ich sollte besser ins Bett gehen.“

„Warte!“, hielt Cain ihn auf, ehe er auflegen konnte. „Glaubt Dad, dass ich Jason erschossen habe?“ John Wyatt hatte Cain niemals akzeptiert, nicht einmal, als Cain sich schließlich zusammengerissen und aufs College gegangen war.

„Ich weiß nicht, was er denkt“, sagte Owen, aber er klang nicht sonderlich überzeugend. Und damit verriet er die Wahrheit.

3. KAPITEL

Als Cain nach Hause kam, war es Mittag. Ned war aufgetaucht, kurz nachdem Cain Sheridan im Krankenhaus abgeliefert hatte, und hatte einen Riesenwirbel veranstaltet – vermutlich um jede Spekulation darüber, wo er in der Nacht gesteckt hatte, im Keim zu ersticken. Er hatte Cain Unmengen von Fragen gestellt, die dieser unmöglich hatte beantworten können, und großen Wert darauf gelegt, die Ärzte wissen zu lassen, dass er in engem Kontakt bleiben und so lange warten würde, bis Sheridan in der Lage wäre, eine Aussage zu machen.

Cain nahm an, dass Ned sich noch einige Tage würde gedulden müssen. Sheridan hatte eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und schwebte nach Aussage der Ärzte zwar nicht mehr in akuter Lebensgefahr, aber es könnte immer noch zu Komplikationen kommen. Aus diesem Grund hatten sie Sheridan mit Medikamenten völlig ruhiggestellt. Wer immer sie zusammengeschlagen hatte, hatte seine Sache gründlich gemacht. Neben der Kopfverletzung und den Wunden, die sie sich zugezogen hatte, als sie durch den Wald geschleift worden war, hatte sie eine leichte Leberquetschung davongetragen, und eine Niere war ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden.

Cain war nur äußerst ungern gegangen und hatte das Gefühl, sie im Stich zu lassen. Aber er ertrug den Polizeichef von Whiterock nicht länger als fünf Minuten in seiner Nähe, und Ned würde nirgendwo anders hingehen, solange Cain im Zimmer war.

Es war besser, dass er nach Hause gefahren war. Er hatte sich bereit erklärt, Amy zu zeigen, wo er Sheridan gefunden hatte, und angeboten, seine Hunde zu holen, damit sie eventuell die Fährte des Angreifers aufnahmen.

Koda, Maximilian und Quixote warteten bereits am Gatter ihres Zwingers auf ihn, als er aus dem Truck stieg. Als er auf sie zukam, winselten sie. Sie mochten es nicht, wenn er sie allein ließ, aber es ging ihnen gut. Wenn er länger in Knoxville hätte bleiben müssen, hätte er Levi oder Vivian Matherley angerufen, seine nächsten Nachbarn, und sie gebeten, nach den Hunden zu sehen. Aber das war heute nicht nötig gewesen.

Wie vorherzusehen, löste sich die Traurigkeit der Hunde in Luft auf, sobald er den Riegel anhob. Sie begannen zu wedeln, und alles war vergeben und vergessen.

„Jetzt bekommt ihr erst einmal euer Fressen.“ Er machte sich daran, ihre Näpfe zu füllen. Quixote und Maximilian fielen sofort darüber her, doch Koda nutzte die Gelegenheit, dass sie abgelenkt waren, und schnüffelte an Cain.

„Was ist denn los?“, fragte Cain seinen Lieblingshund und ging in die Hocke, um das Tier hinter den Ohren zu kraulen. „Ich weiß doch, dass du genauso hungrig bist wie die anderen beiden.“

Koda bellte als Antwort, und Cain lachte. Manchmal war er sicher, dass dieser ungewöhnliche Hund seine Gedanken lesen konnte. „Du bist der Beste von allen“, sagte er, als Koda mit seiner warmen Zunge seine Hand ableckte.

Das Geräusch eines Motors und das Knirschen von Reifen auf Kies verkündeten Amys Ankunft. Sie war früh dran. Cain hatte keine Zeit gehabt, zu duschen oder sich zu rasieren, und seine Augen brannten vor Müdigkeit. Während sie ihren Wagen parkte, stand er auf und drehte sich zu ihr um.

„Du bist ja schon zurück!“, rief sie, als sie die Tür öffnete. „Sieht so aus, als wäre ich genau pünktlich gekommen.“

Cain zwang sich, sie mit einem Nicken zu begrüßen, aber er argwöhnte, dass sie gehofft hatte, vor ihm hier zu sein, damit sie noch ein wenig herumschnüffeln konnte. Seit der Fehlgeburt und ihrer darauffolgenden Scheidung behielt sie ihn scharf im Auge, aus Angst, er könnte eine andere Frau abschleppen.

Wenn er eine Freundin hätte, würde Amy vielleicht endlich aufgeben und ihn in Ruhe lassen. Doch die letzte Frau, mit der er hin und wieder ausgegangen war, war vor drei Jahren nach Nashville gezogen, um Karriere als Countrysängerin zu machen, und seitdem war er mit niemandem mehr zusammen gewesen. Je länger er Single war, desto häufiger schaffte Amy es, ihm „rein zufällig“ über den Weg zu laufen.

Koda begriff, dass jemand ihm die Show gestohlen hatte, bellte einmal und trottete zu seinem Napf, wo er begann, sein Fressen herunterzuschlingen. Offensichtlich versuchte er, den Vorsprung der anderen beiden wieder wettzumachen.

„Nicht so hastig! Das Essen läuft euch doch nicht weg“, mahnte Cain.

Alle Hunde hoben die Köpfe, spitzten die Ohren und sahen ihn an, in Erwartung eines Kommandos, das er sowohl durch Worte als auch durch seine Körpersprache erteilte. Cain nickte zum Zeichen, dass sie weiterfressen sollten, und dieses Mal schlang Koda nicht ganz so gierig.

„Es ist erstaunlich, wie gut sie dir gehorchen.“ Amy trug ihre Polizeiuniform. Ihr Namensschildchen identifizierte sie als Officer Granger, aber der Name schien ebenso wenig zu ihr zu passen wie die erst kürzlich entstandenen Kurven. Vor elf Jahren hatte eine ungewollte Schwangerschaft Cain gezwungen, Amy einen Heiratsantrag zu machen. Ihre Ehe hatte nur drei Monate gehalten, aber weil er sie nie geliebt hatte, waren diese drei Monate die Hölle gewesen. Warum hatte sie ihren Mädchennamen nicht wieder angenommen?

„So habe ich sie abgerichtet“, sagte er.

„Egal, wie sehr ich mit ihnen trainieren würde, mir würden sie nie so gehorchen. Du kannst einfach gut mit Tieren umgehen.“ Sie lächelte bitter. „Und mit Frauen.“

„Amy …“

Bei dem warnenden Unterton in seiner Stimme machte sie ein düsteres Gesicht. „Sag nichts. Ich bin beruflich hier, ich weiß.“

Hoffentlich würde sie das nicht vergessen. Aber jahrelange Erfahrung sagte ihm, dass ihre Begegnung immer wieder ins Persönliche abgleiten würde. So war es immer.

„Lass mich nur schnell ein sauberes Hemd anziehen und meine Zähne putzen“, sagte er. „Ich bin gleich wieder da.“

Ihre Blicke folgten ihm, als er ins Haus ging. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um das zu wissen. Er spürte ihre Aufmerksamkeit. Wenn sie in der Nähe war, spürte er ihre Aufmerksamkeit immer. „Warum musste sie unbedingt zur Polizei gehen?“, murmelte er, sobald er drin war.

Das Blut im Waschbecken im Badezimmer und auf seinem Hemd erinnerte ihn unnötigerweise an die schrecklichen Ereignisse von letzter Nacht. Es war ein Wunder, dass seine Hunde es geschafft hatten, ihn aufzuwecken, und dass derjenige, der Sheridan zusammengeschlagen hatte, ihr nicht den Rest gegeben hatte.

Sie konnte immer noch sterben …

Der Gedanke schickte ihm einen Schauder über den Rücken, während er sich Gesicht und Hände wusch und die Zähne putzte. Er hatte sich gerade das T-Shirt ausgezogen und ging ins Schlafzimmer hinüber, als er Amy am Ende der Diele nach ihm rufen hörte.

„Kann ich irgendwas tun, um die Hunde schon mal fertig zu machen?“

Überrascht drehte Cain sich um. Der gierige Blick, mit dem sie seine nackte Brust anstarrte, konnte ihm nicht entgehen. Mist… „Nein“, sagte er. Dann ging er ins Schlafzimmer und schloss demonstrativ die Tür. Bei seinem Glück würde sie noch hereinkommen und ihm ihre Hilfe beim Wechseln der Boxershorts anbieten.

Als er herauskam, kniete sie am Boden und untersuchte etwas Blut auf dem Teppich.

„Du hast sie ins Haus gebracht?“, fragte sie und blickte auf.

Bei dieser Frage wirkten die Worte seines Stiefbruders seltsam prophetisch, doch er schüttelte das Gefühl einer plötzlichen Vorahnung ab. Er hatte getan, was er tun musste, was jeder andere in seiner Situation auch getan hätte. „Für ein paar Minuten.“

„War es nicht offensichtlich, dass sie ins Krankenhaus musste?“

„Es war offensichtlich, dass sie es nicht mehr lange machen würde und einen Hubschrauber brauchte.“ Er starrte zu ihr hinunter und weigerte sich, irgendeinen Zweifel an seiner Vorgehensweise zu zeigen. Amy hasste ihn im selben Maß, in dem sie ihn liebte, und sie konnte innerhalb einer Sekunde von einem Gefühl zum anderen umschalten. Falls sie etwas an seiner Handlungsweise auszusetzen hatte, sollte sie wissen, dass ihr ein heftiger Streit bevorstünde. Es war besser, sie von Anfang an zu entmutigen, ehe ihr Zwillingsbruder sich einmischte.

Zum Glück erwies es sich als richtig, sofort in die Offensive zu gehen. Sie warf noch einen Blick auf das Blut, runzelte die Stirn und stand auf. „Fertig?“

Er hatte Hunger. Als er beschlossen hatte, zurückzukehren und zu versuchen, die Spur aufzunehmen, hatte er sich nicht mehr mit Essen aufgehalten. Der Kaffee, den er im Krankenhaus getrunken hatte, ätzte ein Loch in seinen Magen, aber er wollte keine Sekunde länger als nötig in Amys Gegenwart verbringen. Selbst wenn ihre Stimme sich veränderte und höher wurde, sobald sie mit ihm zusammen war. Bei jedem Wort von ihr richteten sich seine Nackenhaare auf.

„Lass uns gehen“, sagte er. Essen konnte er später.

„Sie ist verschwunden.“ Cain durchsuchte das Unterholz neben dem halb ausgehobenen Grab.

Amy war damit beschäftigt, Bilder von der Stelle zu machen, an der Sheridan gelegen hatte. Er konnte zerbrochene Äste, verklebte Blätter und Blut erkennen. „Was ist verschwunden?“, fragte sie.

„Die Schaufel.“

Sie ließ die Kamera an dem Band um ihren Hals baumeln und kam zu ihm herüber. „Wo lag sie?“

„Hier.“ Er deutete auf den Boden links vom Grab.

„Bist du sicher?“ Amy runzelte die Stirn. „Wie konntest du das denn in der Dunkelheit erkennen?“

„Ich hatte eine Taschenlampe dabei, aber ich hätte sie auch so gesehen. Es war Vollmond.“

„Aber letzte Nacht hat es geregnet.“

Bei diesen offenkundigen Zweifeln biss er die Zähne zusammen. „Es hat ein bisschen genieselt, das stimmt, aber der Mond war trotzdem zu sehen.“

„Du meinst also, er ist wegen der Schaufel zurückgekommen?

„Irgendjemand hat sie jedenfalls geholt.“ Cain wünschte, er wäre hier gewesen, als der Mann wiederkam. Es musste jemand sein, den Sheridan und er kannten. Es war schwer vorstellbar, dass ein Fremder versucht hatte, sie auf seinem Land umzubringen, nur wenige Wochen nachdem man das Gewehr in seiner Blockhütte gefunden hatte.

„Und was ist mit dem Motiv?“

Cain pfiff nach den Hunden, die herumschnüffelten und ihr Revier markierten. „Was soll mit dem Motiv sein?“

„Wer sollte Sheridan Kohl so etwas antun wollen?“

„Ich habe keine Ahnung. Soweit ich weiß, hat niemand etwas von ihr gesehen oder gehört, seit sie damals weggegangen ist.

„Es könnte eine alte Geschichte sein.“

„In der Schule war sie beliebt, jeder mochte sie.“

„Genau wie Jason“, grübelte Amy.

„Wahrscheinlich handelt es sich um denselben Täter.“

„Du meinst, es gibt in Whiterock keine zwei Männer, die zu so viel Gewalttätigkeit fähig wären?“

„Es ist möglich, aber unwahrscheinlich“, sagte er. „Findest du es nicht seltsam, dass Sheridan in beide Vorfälle verwickelt ist?

„Vermutlich hast du recht. Aber wir sollten alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Zufall ist eine dieser Möglichkeiten.“ Erfolglos versuchte sie, die Strähnen aus kastanienbraunem Haar zu bändigen, die sich aus dem langen Zopf gelöst hatten. Die widerspenstigen Haare rahmten weiterhin ihr breites, mit Sommersprossen übersätes Gesicht ein.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der Cain Amy ansatzweise attraktiv gefunden hatte, aber das war schon ewig her. Vor der Hochzeit. Als sie jünger und dünner gewesen war und noch nicht diese harten Falten unter den Augen und um die Mundwinkel gehabt hatte. Oder den verzweifelten Ausdruck in ihrem Blick.

„Es war kein Zufall!“, beharrte er. „Entweder sie weiß etwas, von dem jemand nicht will, dass sie es weitererzählt. Oder es gibt jemanden, der hinter ihr her ist, seit auf sie und Jason geschossen wurde.“ Mit dem Fuß wühlte er die feuchten Nadeln und Blätter auf. „Ich denke, jemand wollte sie zum Schweigen bringen. Es gab nicht einen einzigen Menschen, der sie nicht gemocht hätte.“

Amy zögerte lange genug, um ihm zu verraten, dass ihr sein respektvoller Ton sehr wohl aufgefallen war. „Ich mochte sie nicht.“

„Warum nicht? Du hattest doch gar nichts mit ihr zu tun. Ihr kamt aus völlig unterschiedlichen Welten.“ Amy hatte zu seiner Bande von Rebellen gehört, Sheridan dagegen hatte die örtliche Schülergruppe der National Honor Society geleitet, eines Vereins, der das ehrenamtliche Engagement von Schülern förderte.

„Wir hatten eine Sache gemein.“

„Und das wäre?“

„Dich.“

Das Gespräch hatte eine unerfreuliche Wendung genommen, und Cain räusperte sich. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

Amy zog die Augenbrauen hoch. „Ich spreche von der einen Party, als sie mit dir gesehen wurde … Ihr wart verschwunden, und dann war ihr Haar plötzlich völlig zerzaust. Behauptest du etwa, du hättest nichts damit zu tun gehabt?“

Jetzt wurde Cain klar, wer den Gerüchten Nahrung gab -wer befeuerte, er könnte ein Motiv gehabt haben, Jason aus Eifersucht zu erschießen. Er hätte sich denken können, dass Amy dahintersteckte. Wenn sie ihn nicht haben konnte, wollte sie ihm wenigstens das Leben so schwer wie möglich machen. „Sheridan war nicht der Typ für so was“, erwiderte er kühl.

„Vielleicht nicht bei den anderen Jungs.“

„Warum hätte sie bei mir eine Ausnahme machen sollen?“ Das war die große Frage. Eine Frage, die er nie wirklich hatte beantworten können. Er wusste, dass sie für ihn geschwärmt hatte, aber genau das war der Teil, den er nicht verstand. Auf ein anständiges Mädchen wie sie hätte er nicht diese Wirkung haben sollen.

„Vielleicht wollte sie dich. Vielleicht war sie bereit, ihren Rock zu heben, in der Hoffnung, dass du dich in sie verliebst.“

„Hör auf!“ Das klang ein wenig zu sehr nach Amys eigener Geschichte. Die Sache mit Sheridan war ganz anders gewesen. Sheridan hatte nicht versucht, ihn zu manipulieren, und schon gar nicht an jenem Abend. Das, was sich zwischen ihnen abgespielt hatte, war echt und aufrichtig gewesen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb er sie anschließend nie angerufen hatte. Sie war das einzige Mädchen, das eine Bedrohung für die Seite von ihm dargestellt hatte, die er nach dem Tod seiner Mutter zu verbergen versucht hatte. „Ich kannte Sheridan kaum.“

„Du hast also nicht mit ihr geschlafen.“

„Das geht dich gar nichts an.“

Sie hob eine Augenbraue. „Eine ausweichende Antwort lässt dich schuldig wirken, das weißt du doch.“

Amy hatte ihn in die Ecke getrieben. Wenn er log und Sheridan mit der Wahrheit rausrückte, würde es aussehen, als hätte er auch in allen anderen Punkten gelogen – was die Schießerei anging ebenso wie die letzte Nacht. Aber er weigerte sich, das, was zwischen ihnen vorgefallen war, der ganzen Stadt zum Fraß vorzuwerfen. Besonders jetzt nicht, wo Sheridan zurück war und mit dem Getratsche, der Verurteilung und der Missbilligung, die garantiert aufkommen würden, konfrontiert werden würde. „Ich habe nicht mit ihr geschlafen. Bist du jetzt zufrieden?“

Eine dicke Schicht Mascara, viel zu dunkel für ihren hellen Teint, bedeckte Amys Wimpern. „Es fällt mir schwer, dir das zu glauben.“

„Warum?“, fragte er herausfordernd und zog sich hinter seinen Schutzschild aus Unverschämtheit zurück, der ihn in solchen Momenten rettete.

„Weil manche Frauen alles für dich tun würden.“

Die Leidenschaft hinter diesen Worten vermittelte Cain den Eindruck, dass es sich im Grunde um ein Angebot von ihrer Seite handelte. Wenn er sie zurücknähme, würde sie seine glühendste Verteidigerin werden, und alle Verdächtigungen gegen ihn würden verstummen. Aber er war nicht bereit, sich auf diesen Handel einzulassen. Seine Gefühle für Amy hatten sich nicht geändert. Das würden sie niemals.

„So dumm war Sheridan nicht“, sagte er.

Amy sah ihn an. In ihrem Blick lag so viel unterwürfiges Verlangen, dass er schließlich den Blick abwenden musste. In diesem Moment sah er es: ein Stück Holz, verklebt mit einer dunklen, fast schwarzen Substanz. War das getrocknetes Blut?

„Ich habe gerade die Tatwaffe gefunden“, sagte Cain. Es überraschte ihn, wie leicht der Gegenstand plötzlich auftauchte, nachdem die aktive Suche nichts zu Tage gefördert hatte.

Enttäuschung spiegelte sich in Amys Zügen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in rasiermesserscharfen, hochkonzentrierten Hass. Aber Cain war ihre abrupten Stimmungsumschwünge gewohnt und interessierte sich mehr für das, was er entdeckt hatte.

Er ging darauf zu, doch Amy war näher dran. Sie erreichte das Stück Holz zuerst und stupste es mit der Fußspitze an. „Damit hat er sie geschlagen?“

Zu Cains großer Erleichterung schien Amy sich und ihre Reaktionen wieder im Griff zu haben. „Er hat mehr als seine Fäuste benutzt.“

„Die Tatsache, dass er sie mit einer zufälligen Waffe angegriffen hat, spricht dafür, dass er nicht vorgehabt hat, sie umzubringen.“

„Er hatte eine Schaufel dabei. Ich habe keine Schaufel in meinem Kofferraum. Du etwa?“

Amy bückte sich, um das Holzstück aufzuheben, doch er hielt sie auf. „Lass es liegen.“

„Warum?“

„Wahrscheinlich hat er es mit der bloßen Hand angefasst und dann weggeworfen, um zu graben. Dann hat er die Hunde gehört.“

„Und warum soll ich es nicht anfassen? Auf dem rauen Holz werde ich keine Fingerabdrücke finden.“

Sie hockte sich hin, zupfte ein langes schwarzes Haar von dem Holzstück und hielt es in die Höhe.

Der Anblick von Sheridans Haar und Blut an dem Holzscheit erinnerte ihn daran, wie sie dort auf dem Boden gelegen hatte – und wie sie sich an seiner nackten Brust angefühlt hatte, als sie schlaff in seinen Armen gelegen hatte. „Sein Geruch könnte noch daran haften.“

„Ihrer aber auch“, wandte Amy ein. „Wie können die Hunde die beiden Gerüche auseinanderhalten?“

„Genau so, wie sie alle anderen Gerüche unterscheiden können.“ Cain kniete sich neben sie, rief seine Hunde und ließ

sie ausgiebig am Holz schnüffeln. Dann gab er ihnen den Befehl „Such!“ und schickte sie in den Wald.

Koda nahm sofort die Fährte auf. Er führte die anderen den Hügel hinauf, was Cain überraschte. Er hatte erwartet, sie würden sich nach Osten in Richtung Straße wenden.

Er rannte den Hunden nach, Amy joggte hinterher. Sie holte ihn erst ein, als er stehen blieb, um mehrere Fußspuren im matschigen Ufer des Old Cache Creek zu untersuchen. „Hier hat er den Bach überquert“, sagte er und befahl den Hunden dasselbe.

Maximilian mochte kein Wasser. Er wartete bis zum letzten Moment, doch schließlich sprang er hinein, als er sah, dass selbst Cain hindurchwatete.

„Was hat er hier oben gemacht?“, rief Amy ihm nach.

Cain antwortete nicht. Nachdem er den Bach hinter sich gelassen hatte, suchte er die Gegend ab und versuchte, sich in den Mann hineinzuversetzen, der mit dem Holzstück zugeschlagen hatte.

„Vielleicht war es ein Landstreicher, der hier irgendwo in den Bergen campiert“, schlug Amy vor und beantwortete damit ihre Frage selbst.

Nein. Es war jemand aus Whiterock. Cains Bauchgefühl sagte ihm das. Die Schießerei, das Gewehr, die Schläge … das hing alles zusammen. „Das ist kein Camper. Er ist hier langgelaufen, weil er dachte, ich würde ihm folgen.“

„Hast du es getan?“

„Nein, ich habe Hilfe geholt. Als er feststellte, dass ich nicht hinterherkam, hat er sich wahrscheinlich zur Straße durchgeschlagen und ist weggefahren.“

„Vielleicht ist er gestürzt und liegt immer noch verletzt irgendwo hier draußen.“

Cain erschauderte bei dem Gedanken, dass Amy das Beste war, was die Polizei von Whiterock zu bieten hatte. „In diesem Fall wäre er kaum zurückgekommen, um die Schaufel zu holen.“

Ihre Wangen röteten sich, bis ein paar ihrer Sommersprossen verschwunden waren. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging ein Stück am Bachufer entlang. „Dann verschwenden wir hier unsere Zeit. Ich denke, wir sollten runter zur Straße gehen und nach Reifenspuren Ausschau halten, ehe zu viele andere Fahrzeuge darüberfahren und alles zerstören.“

Während sie sich in Richtung Straße wandte, rief er nach den Hunden, doch nur Maximilian und Quixote kamen zu ihm. Cain pfiff, doch es dauerte noch ein, zwei Minuten, bis der schwarzbraune Koda endlich auftauchte. Mit gesenktem Schweif und Schnauze blieb er fünf Schritte vor Cain stehen, doch Cain begriff, dass es einen Grund für seinen Ungehorsam gab.

„Was ist los, Junge?“

Den Kopf immer noch gesenkt, kroch Koda vorwärts und ließ einen glänzenden Gegenstand vor Cains Füßen fallen.

Cain blickte über die Schulter Amys sich entfernender Gestalt nach. Er hoffte, dass es sich um einen Gegenstand handelte, der Sheridans Angreifer gehörte, und dass er sie zu seinem Besitzer führen würde.

Doch als er sah, was es war, klappte seine Kinnlade nach unten. Es war seine Uhr, die er auf den Nachttisch gelegt hatte, bevor er gestern Abend zu Bett gegangen war.

„Kommst du?“, rief Amy.

Cain schob die Uhr in seine Tasche. Während er Sheridan ins Krankenhaus gebracht hatte, war der Mann, der sie fast umgebracht hatte, in seinem Haus gewesen.

4. KAPITEL

Sheridan konnte ihre Augen nicht öffnen. Das Licht war zu hell und grell. Aber sie war sich ziemlich sicher, keine Nahtoderfahrung zu durchleben. Sie sah keinen Tunnel, keine liebevolle christusgleiche Gestalt, die darauf wartete, sie in die Arme zu schließen. Die Luft war kühl, in der Ferne nahm sie Bewegungen und Geräusche wahr, und sie roch die Desinfektionsmittel und einen Hauch von … Rasierwasser?

Vorsichtig hob sie die Lider und sah zwischen den Wimpern hindurch auf eine Wand mit gelb-blauer Tapete. In ihrem Arm steckte ein Infusionsschlauch, der Fernseher war an der Decke befestigt, das Bett war mit Gitterstäben versehen, und am Fußende entdeckte sie einen metallenen Schrank auf Rollen. Aus all dem schloss sie, dass sie sich in einem Krankenhaus befand. Aber in welchem? Diese Frage schien jedoch im Moment weniger wichtig zu sein als die Tatsache, dass sie nicht allein war. Ein Mann stand am Fenster und blickte hinaus. Sie war sich ziemlich sicher, dass er es war, der den Rasierwasserduft verströmte.

Von diesem Duft ging etwas Beunruhigendes aus, ebenso wie von der Anwesenheit des Mannes.

Kannte sie ihn? Er kam ihr vage vertraut vor, aber sie konnte keinen Zeitpunkt, Ort oder Namen mit ihm verbinden. Er hatte widerspenstiges schwarzes Haar und einen schlanken, muskulösen Körper mit breiten Schultern. Die gebräunte Haut hatte einen leichten goldenen Schimmer. Wohlgeformte Arme steckten in den kurzen Ärmeln eines weißen T-Shirts, und – sie neigte den Kopf, um besser sehen zu können – die Jeans standen ihm besser, als sie es je bei einem anderen Mann gesehen hatte.

Sie bezweifelte, dass dieser Gedanke ihr in den Sinn gekommen wäre, wenn sie an der Schwelle zum Tod stehen würde.

Er rührte sich, schien aus dem Augenwinkel wahrzunehmen, dass sie wach war, und drehte sich um.

Sie kannte ihn. Niemals würde sie dieses Gesicht vergessen. Es war Cain Granger.

„Gott sei Dank!“, flüsterte er und eilte zu ihr ans Bett.

Bei der Erleichterung und Besorgnis, die sein Verhalten verriet, fragte sie sich, ob sie einen Filmriss hatte und vergessen hatte, dass sie Freunde geworden waren.

„Was … ist … passiert?“ Sie musste die Worte aus einer engen kratzigen Kehle herauszwingen, aber immerhin tat es nicht mehr weh. Der Schmerz war einer Art schwerelosen Euphorie gewichen, was den Schluss nahelegte, dass sie unter dem Einfluss starker Medikamente stand.

Er nahm ihre Hand und spielte mit den Fingerspitzen, als würden sie einander viel besser kennen, als es tatsächlich der Fall war. „Erinnerst du dich nicht?“

Die ganze Geschichte bekam Sheridan nicht zusammen, aber ihr kamen bruchstückhaft einzelne Szenen in den Sinn -ein Paar schlammiger Stiefel, eine Schaufel, Regen. Dann war da noch ein Bild, das bis auf den damit verbundenen Schmerz ganz und gar nicht schlecht war: eine kräftige Brust und sehnige Arme, die sie hielten, ein weiches Bett und derselbe Duft, den sie gerade beim Aufwachen wahrgenommen hatte. „Du … ich war … in deinem Bett.“

„Stimmt. Kurz.“

„Aber … du warst es nicht … der mir das angetan hat.“ Sie kämpfte gegen die Verwirrtheit an, die sie zu überwältigen drohte.

Der düstere Gesichtsausdruck verstärkte den ungestümen Ausdruck seiner grünen Augen noch. „Nein. Ich habe dich gefunden, nachdem du verletzt worden bist. Derjenige, der es getan hat, ist davongerannt. Wer immer es war.“

„Oh.“ Das ergab Sinn. Irgendwann hatte sie sein Gesicht auf jeden Fall gesehen. Und sie hatte einen Hubschrauber gehört.

„Erinnerst du dich jetzt?“, hakte er nach.

Er schien gespannt auf ihre Zusicherung zu warten, aber ehe sie die verschiedenen Erinnerungsfetzen, die ihr im Kopf herumschwirrten, zu einem Bild zusammensetzen konnte, tauchte in der Tür ein kleiner dicklicher Mann in Polizeiuniform auf.

„So was aber auch! Sie ist aufgewacht!“, brüllte er und nahm seinen Cowboyhut ab, als er den Raum betrat.

In Kalifornien würde sie nicht unbedingt einen Cop mit Cowboyhut erwarten, aber hier war das gar nicht so ungewöhnlich. Vielleicht hätte sie gelächelt, wenn Cains angespannter Gesichtsausdruck ihr nicht verraten hätte, dass er gar nicht erfreut über die Unterbrechung war. Er ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück.

In den wenigen Sekunden, die es brauchte, bis ihr neuer Besucher ihr Bett erreicht hatte, stellte Sheridan fest, dass sie diesen Mann ebenfalls kannte. Sie war mit ihm zur Highschool gegangen, genau wie mit Cain. Doch anders als Cain hatte er bereits einen Großteil seiner Haare eingebüßt und eine Menge Gewicht zugelegt.

„Ned?“, fragte sie unsicher.

„HÜ“ Er hielt den Hut mit einer fleischigen Hand fest, legte die andere auf die Gitterstäbe am Bett und lächelte, wobei er wie früher seine Zahnlücke entblößte. Seine Zwillingsschwester hatte eine ähnliche Lücke – dafür, dass sie zweieiig waren, sahen sie einander ziemlich ähnlich. Es sei denn, sie hatte die Zähne richten lassen, seit Sheridan sie zuletzt gesehen hatte. „Und wie geht’s unserer kleinen Lady?“

Sie sah kurz zu Cain hinüber, aber der hatte den Blick abgewandt. Er hatte seinen Posten an der Wand wieder eingenommen und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Sie konnte sein Profil erkennen, die langen dunklen Wimpern, das kräftige, hervorstehende Kinn, die gerade Nase und die wohlgeformten Lippen …

„Sheridan?“

Sie riss sich von seinem Anblick los. „Ja?“

„Wie fühlst du dich?“

„Besser, glaube ich. Bin ich schwer verletzt?“

„Inzwischen geht’s wieder. Die Ärzte sagen, dass du gute Fortschritte machst. Die Gehirnerschütterung ist abgeklungen. Du hattest ein paar innere Verletzungen, aber das wird auch alles wieder gut.“

„Wie lange bin ich schon im Krankenhaus?“

„Eine Woche.“

Eine Ewigkeit! „Wo sind meine Eltern?“

„Ich weiß nicht. Wir haben versucht, sie zu erreichen, aber in Wyoming – es ist doch Wyoming, oder? …“

Sie schaffte es, vorsichtig zu nicken.

„… in Wyoming jedenfalls geht niemand ans Telefon.“

Warum nicht? Sie waren doch immer zu Hause.

Dann fiel es ihr wieder ein. Sie waren auf einer zweiwöchigen Kreuzfahrt vor der Küste Alaskas. Sie wollten noch etwas herumreisen, bevor ihre jüngere Schwester ihr Baby bekam. Leanne war jetzt … im wievielten Monat? Sie hatte den zeitlichen Überblick verloren und wusste nicht mehr, wann es so weit sein würde. „Sie sind im Urlaub“, sagte sie.

„Das erklärt es.“

Das Bild einer Männerhand, die ein Stück Holz umklammerte, blitzte in Sheridans Bewusstsein auf. Aber das musste Teil eines Traumes sein … „Was ist mit mir passiert?“

„Jemand hat dich angegriffen. Deshalb bin ich hier. Ich bin der Polizeichef von Whiterock.“

Sie war angegriffen worden?

Die Gestalt mit dem Holzscheit kam ihr wieder in den Sinn. Offensichtlich war sie doch kein Produkt ihrer Fantasie. Sie war schon einmal überfallen worden, vor Jahren, aber damals war die Situation ganz anders gewesen. Wie kam es, dass sie erneut Opfer eines gewalttätigen Angriffs geworden war?

Vielleicht würde sie dieses Mal erleben, dass die Gerechtigkeit siegte. „Weißt du, wer es getan hat?“

Neds Lippen bildeten eine harte schmale Linie. „Nicht genau. Aber wir haben unsere Verdächtigen.“

Das war kein Trost. Er wusste nicht, was es bedeutete, noch einmal zu erleben, was sie bereits vor zwölf Jahren hatte durchmachen müssen – Fragen, Warten und fruchtlose Hoffnung. „Wen hast du in Verdacht?“, fragte sie, aber Cain unterbrach sie.

„Den falschen Mann. Er verschwendet seine Zeit.“

„Das werden wir ja bald herausfinden“, sagte Ned. „Bestimmt hat sie dieses Mal mehr gesehen.“

Er vertraute auf ihre Hilfe? Ein merkwürdiges Gefühl der Panik setzte ein, weil Sheridan den Mann, der sie angegriffen hatte, nicht identifizieren konnte. Sie hatte keine Erinnerungen an den Überfall, zumindest keine klaren oder zusammenhängenden. Nichts, das einen Sinn ergeben oder Hinweise auf das Motiv oder einen Namen liefern könnte. Nur diese bizarren, beunruhigenden Bilder. „Ich glaube nicht“, sagte sie hilflos.

„Erzähl mir, woran du dich erinnerst, seit du in die Stadt gekommen bist, Darling!“

In Gedanken suchte Sheridan nach einem Anfang, einem roten Faden, dem sie bis zu dem Punkt folgen konnte, ab dem alles schiefgegangen war. Sie lebte in Sacramento und arbeitete für The Last Stand. Diese gemeinnützige Organisation zur Unterstützung von Gewaltopfern hatte sie vor fünf Jahren zusammen mit ihren Freundinnen Sheridan Kohl und Jasmine Stratford gegründet. Falsch – Jasmine hieß ja gar nicht mehr Stratford, sondern Fornier. Sie hatte geheiratet und lebte mit ihrem Mann Romain in New Orleans. In Sheridans Kopf herrschte ein einziges Durcheinander …

„Warum bin ich nach Whiterock gekommen?“, fragte sie. Mit ein paar mehr Informationen wäre sie vielleicht in der Lage, das Knäuel zu entwirren.

„Ich habe dich wegen des Gewehrs angerufen“, erklärte Ned, aber noch immer klingelte es nicht.

„Aha.“

„Du hast gesagt, du hättest das eine oder andere über Verbrechensermittlung gelernt, seit du fortgegangen bist, und wolltest mir helfen, den Mord an Jason Wyatt aufzuklären. Das war vor drei Wochen.“

Sie konnte sich nicht daran erinnern, was vor drei Wochen gewesen war, aber an Jason konnte sie sich erinnern. Dieser Teil der Vergangenheit brach über sie herein wie ein Horrorvideo im Schnelldurchlauf: Cains Stiefbruder, der in einem von innen beschlagenen Truck die Arme um sie gelegt und versucht hatte, sie zu küssen. Ihr Widerwille, sich von ihm küssen zu lassen. Sie hatte die Scheibe mit der Hand abgewischt, in der Hoffnung, Cain irgendwo zu entdecken. Dann war die Tür aufgerissen worden …

Sie kniff die Augen zusammen, als der Lauf des Gewehrs vor ihrem inneren Auge auftauchte. Stopp! Stopp! Stopp! Sie war nicht bereit, diesen Albtraum noch einmal zu durchleben.

„Sheridan?“, drängte Ned.

Zwischen ihren Brüsten bildeten sich Schweißperlen. „Ich … ich bin noch nicht wieder ganz da“, murmelte sie. „Vielleicht … vielleicht solltest du später noch einmal wiederkommen.“

Cain drehte sich um. Sie spürte, dass er sie aufmerksam beobachtete und mit seiner stillen, wachsamen Art die Situation einschätzte. Er hatte sich verändert, war reifer geworden, härter und kantiger und noch schroffer. Doch in seiner geheimnisvollen distanzierten Art war er ganz der Alte geblieben.

Ned begann, die Hutkrempen aufzurollen. „Wann?“, fragte er. „Ich bin mir nicht sicher, ob du dir dessen bewusst bist, aber dieses Krankenhaus ist siebzig Meilen von Whiterock entfernt, Darling …“

„Hör auf, sie Darling zu nennen!“, knurrte Cain. „Du willst doch nur nicht warten, weil du dann noch einmal fahren müsstest. Aber das Letzte, was sie braucht, ist, dass du sie unter Druck setzt. Es ist auch so schon schwer genug für sie.“

Sie war erleichtert, dass jemand Partei für sie ergriff. Aber Neds Ungeduld konnte sie ebenfalls verstehen. Er führte die Ermittlungen, und er erwartete von ihr, dass sie sich wie der Profi verhielt, als der sie sich ihm vorgestellt hatte – und nicht wie das Opfer, zu dem sie geworden war.

So beunruhigend und schmerzhaft es auch war: Sie musste sich in die verschwommenen Erinnerungsfetzen vertiefen, die den letzten Überfall umhüllten. Aber sie konnte keine Klarheit erzeugen, die nicht dort war. „Kannst du mir mehr erzählen, irgendwelche Einzelheiten, die mir auf die Sprünge helfen könnten?“, bat sie.

„Cain hat dich neben einem halb ausgehobenen Grab gefunden, im Wald in der Nähe seiner alten Blockhütte. Du warst so übel zugerichtet, dass er zuerst dachte, du seist tot.“

Seine Worte weckten tatsächlich ihre Erinnerungen. Sie konnte kaum noch atmen. „Ich … ich …“

Cain mischte sich ein. „Verdammt, Ned, gönn ihr eine Pause!“

Der Rest von Neds Fassade als guter alter Kumpel verschwand. „Damit du zuerst an sie rankommst?“, schnauzte er, und sein näselnder Akzent wurde stärker. „Damit du ihr Gedanken und Erinnerungen einpflanzen kannst, die nicht ihre eigenen sind? Zum Teufel, nein!“

Wenn Sheridan mehr sie selbst gewesen wäre, hätte sie argumentieren können, dass niemand ihre Erinnerung auf diese Weise manipulieren könnte. Die Wahrheit war da, sie war nur vorübergehend in ihrem Kopf gefangen. Aber sie fühlte sich zu schwach, um über irgendetwas zu streiten. „Ich brauche etwas Zeit“, murmelte sie.

Ned war nicht erfreut über ihre Antwort, aber der Großteil der Anspannung in dem Raum hatte nichts mit ihr zu tun. Ned und Cain schienen einander herauszufordern. Aber warum? Sie kannten sich seit der Highschool, aber sie hatten nie zusammen rumgehangen. Sie hatten kaum …

„Du hast sie geheiratet“, sagte Sheridan und hatte damit endlich ein kleines Rätsel gelöst.

Cain wusste genau, von wem sie sprach. Sein Gesichtsausdruck verriet es ihr. Aber Ned war immer noch so darauf aus, seine eigenen Antworten zu bekommen, dass er nicht so schnell schaltete. „Wie bitte?“, sagte er und runzelte die Stirn.

„Amy“, erklärte sie. „Tina Judd hat es mir geschrieben, ein Jahr nachdem ich die Stadt verlassen hatte.“ Bevor ihre Mutter von ihr verlangt hatte, selbst diese Verbindung zu lösen. „Sie sagte, Cain würde deine Schwester heiraten. Ihr beide seid Schwager …“

„Wir waren Schwager“, unterbrach Cain sie. „Amy und ich sind geschieden.“

Das überraschte Sheridan nicht. Amy war nie die Richtige für Cain gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob überhaupt irgendeine Frau die richtige für ihn war. In jeder Beziehung übernahm er rasch den dominierenden Part, zumindest soweit sie mitbekommen hatte.

„Du bist nicht für die Ehe geschaffen.“ Kaum hatte sie das gesagt, begriff sie, dass sie das wahrscheinlich nicht laut hätte aussprechen sollen. Doch unter dem Einfluss der Medikamente hatte ihr Verstand ihren Mund nicht rechtzeitig gebremst. Und jetzt war es raus.

Cain sah sie an und hob eine Augenbraue, während Ned spöttisch auflachte. „Sie scheint dich besser zu kennen, als ich dachte.“

Egal, ob ihre Bemerkung passend gewesen war oder nicht: Sheridan war erleichtert, dass sie sich der Vergangenheit zuwandten, auch wenn sie sich nicht unbedingt gern daran erinnerte.

„Hunde. Die hast du schon immer geliebt, war es nicht so? Tiere?“ Sein Herz hatte er den Tieren geschenkt, aber bei seinem Körper sah die Sache ganz anders aus. Er hatte schon früh angefangen, mit den Mädchen …

Trotzdem … Sheridan hatte nicht vergessen, wie zärtlich er an jenem Abend im Wohnmobil gewesen war, wie liebevoll. Obwohl er bereits siebzehn gewesen war, achtzehn Monate älter als sie, hatte er sich bei der Begegnung, die für sie bestenfalls peinlich, schlimmstenfalls schmerzlich gewesen war, nicht wie ein Draufgänger verhalten.

Merkwürdig, dass sie sich so deutlich daran erinnern konnte, wie angestrengt er versucht hatte, sich zurückzuhalten, obwohl ihr im Moment kaum mehr als der eigene Name einfiel.

„Dafür, dass wir uns kaum kannten, erinnerst du dich an mehr über mich, als ich erwartet hätte.“ Cains Stimme klang so abgehackt, und seine Körpersprache drückte so viel Gleichgültigkeit aus, dass sie annahm, er hätte die wenigen Minuten im Wohnmobil längst vergessen. Oder dass die Erinnerung ihm nichts bedeutete.

Wahrscheinlich war Letzteres der Fall. Er hatte mit einer Menge Mädchen geschlafen. Was waren da schon dreißig Minuten mit einer naiven kleinen Jungfrau?

„Ich denke, es gibt ein paar Dinge, die eine Frau niemals vergisst“, sagte sie. Die Worte waren – wie die Erinnerung -voll bitterer Süße.

Sie sah etwas in seinen Augen aufblitzen, etwas, das ihr zu zeigen schien, dass er sich genauso gut wie sie an jedes Detail erinnerte. Aber sie weigerte sich, genauer darüber nachzudenken. Offensichtlich hatte er sich nicht verändert. Warum war er überhaupt in ihrem Krankenzimmer? Ned hatte gesagt, dass sie eine Woche lang bewusstlos gewesen war. Was könnte Cain Granger von ihr wollen, um so lange hier auszuharren?

„Ich hoffe, Einzelheiten des Angriffs gehören auch dazu“, sagte Ned und lenkte das Gespräch unbeirrbar wieder auf das eigentliche Thema zurück. „Wir müssen den Kerl finden, der dir das angetan hat.“

Sheridan ballte die Hände zu Fäusten. „Warum ist mir das passiert?“, fragte sie. „Warum schon wieder ich?“

„Das wüsste ich auch gerne“, erwiderte er. „Die einzige Antwort, die ich habe, ist, dass es einige Verbindungen zu dem Mord an Jason gibt.“ Er redete weiter, aber was er sagte, hatte keine Bedeutung für sie. Sie konnte den Gedanken an das, was mit Jason geschehen war, nicht ertragen, nicht in Verknüpfung mit dem erneuten Überfall. Jedes Mal, wenn sie seinen Namen hörte, zuckte sie zusammen. Die Erinnerung daran war immer schmerzvoll, aber jetzt fühlte sie sich dadurch emotional überwältigt, wie sie es nie zuvor erlebt hatte.

Instinktiv presste sie ihr Gesicht ins Kissen, versuchte, Neds Worten auszuweichen, versuchte, jeden Gedanken an Jason zu vermeiden, aber er redete weiter und sagte Dinge, die sie nicht hören wollte. Geh weg! Sie sah sich mit so vielen Fragen konfrontiert, Fragen, die ihr das Gefühl gaben, jede Orientierung verloren zu haben.

Sie brauchte einen Rettungsanker – blickte auf und sah Cain.

„Was immer hier vor sich geht, hat seine Wurzeln in der Vergangenheit“, sagte er, als ihre Blicke sich trafen. Er hatte gesprochen, ohne auf den immer noch plappernden Ned zu achten, und auch Sheridan kümmerte sich nicht um ihn. Sie musste Ned und sein anmaßendes Verhalten ausblenden.

„Ich wünschte, ich könnte dir mehr erzählen“, fuhr Cain fort. „Aber das ist alles, was wir wissen. Jemand glaubt, dass du ihn bloßstellen könntest – oder er war von Anfang an hinter dir her.“

„Aber ich kenne niemanden, der mir etwas antun will. Was kann ich getan haben?“

„Bei manchen Menschen braucht man gar nichts zu tun.“

Endlich war Ned verstummt und warf Sheridan einen missmutigen Blick zu, weil sie zugelassen hatte, dass Cain ihm die Show stahl. Doch in diesem Moment lag ihr herzlich wenig daran, sich für ihre mangelnde Höflichkeit zu entschuldigen oder sich darum Sorgen zu machen.

„Es hat keine Warnung gegeben“, sagte sie benommen. „Nichts hat mich alarmiert. Ich hatte keine Ahnung, dass ich in Gefahr bin. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich meinen Koffer packte, um nach Whiterock zu fahren.“

„Ich schätze, du warst vor dem Überfall nicht lange in der Stadt“, sagte Cain. „Wo hast du gewohnt?“

„Vermutlich im Haus meines Onkels“, erwiderte sie, während Ned zur gleichen Zeit sagte: „Im alten Haus der Bancrofts.“

Genau, das alte Haus der Bancrofts! Langsam schien sie sich wieder zurechtzufinden und erinnerte sich an immer mehr.

„Onkel Perry ist vor ein paar Jahren gestorben und hat meiner Mutter das Haus hinterlassen“, erklärte sie Cain. „Meine Eltern haben es vermietet, aber vor zwei Monaten ist der Mann, der seit Onkel Perrys Tod darin gewohnt hatte, ausgezogen, und meine Mutter will nicht länger dafür verantwortlich sein. Als sie hörte, dass ich nach Whiterock fahre, bat sie mich, das Haus in Ordnung zu bringen und zu verkaufen.“

„Ist dir aufgefallen, ob dich irgendjemand beobachtet hat? Oder dir gefolgt ist?“, fragte Ned.

Angestrengt konzentrierte sie sich darauf, was sie getan hatte, nachdem sie den Koffer gepackt hatte, aber die Einzelheiten, an die sie sich erinnert hatte, entglitten ihr bereits wieder. „Ich … weiß nicht.“ Sie wusste nicht einmal, wo ihr Auto war. Hatte sie es in Sacramento gelassen und sich in Nashville einen Mietwagen genommen? War sie überhaupt über Nashville geflogen? Das war die einfachste Verbindung, aber die Erinnerung an die meisten einfachen Dinge der letzten Tage -oder waren es sogar Wochen? – war ihr verloren gegangen.

Ihr war nie klar gewesen, wie viel diese Kleinigkeiten ausmachten, wie sehr sie einen Menschen erdeten – bis jetzt, wo sie sich an nichts mehr entsinnen konnte.

Cain beobachtete sie aufmerksam. „Es wird dir wieder einfallen“, sagte er, als verstünde er, dass der Verlust ihres Gedächtnisses beinahe ebenso beängstigend war wie die Gewalt, die sie hierhergebracht hatte.

Es wird mir wieder einfallen. Sie klammerte sich an diese Worte und schloss die Augen. Sie musste die Angst und die Unsicherheit zurückdrängen, die sich in ihrem Inneren zusammenballten.

Das Zimmertelefon klingelte, und Ned ging ran. „Für dich“, sagte er und reichte Cain den Hörer. „Owen.“

Während Cain seinem Stiefbruder erzählte, dass sie gerade aufgewacht war und wieder gesund werden würde, glitt Sheridan in einen leichten Schlummer. Angst und Unbehagen waren beinahe vergessen, und sie befand sich fast wieder an jenem dunklen, ruhigen Ort, an dem sie die letzte Woche verbracht hatte. Dann jedoch spürte sie eine schwere Hand auf ihrem Arm. „Sheridan?“

Sie öffnete die Augen und blickte in Neds rötliches, mit Sommersprossen übersätes Gesicht, nur wenige Zentimeter von ihrem eigenen entfernt. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Cain dir das angetan hat“, flüsterte er ihr zu, während Cain immer noch telefonierte. „Kannst du mir sagen, ob er einen Grund hat, dir den Tod zu wünschen?“

Ihr fiel ein offenkundiger Grund ein. Sie hatte versucht, ihn eifersüchtig zu machen, indem sie Jason ermutigt hatte, mit ihr zum Rocky Point zu fahren. Sie wollte, dass Cain sie mit seinem Stiefbruder sah, damit er bereute, sie nicht angerufen zu haben. „V…vielleicht gibt er mir wegen der Sache m… mit Jason die Schuld.“

„Warum sollte er?“

Erneut benebelten die Beruhigungsmittel ihre Gedanken. Es war schwierig, ihren Mund dazu zu bringen, die Worte zu formen. „Weil … ich … dort … war.“ Sie klang ...

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