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Was wir scheinen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. EINS
    1. 1 Der letzte Sommer
    2. 2 Zagt nicht
    3. 3 Der Traum von eh und je
    4. 4 Golden liegt die Welt
    5. 5 Der Stein
    6. 6 Menschen ohne Schatten
    7. 7 Komm und nimm und gib
    8. 8 Rosa
  9. Das kleine Mädchen und die Gans
  10. ZWEI
    1. 9 Alles andere mündlich
    2. 10 Beth Hamishpath
    3. 11 Maggia
    4. 12 Weltraumhunde
    5. 13 O mein Papa
    6. 14 Kiwitt, kommt alle mit
    7. 15 Zündhölzli
    8. 16 Leviathan an der Leine
    9. 17 Was wir sind und scheinen
    10. 18 Guter Gott
    11. 19 Alte Liebe rostet nicht
    12. 20 Eichhörnchen
  11. Das kleine Mädchen und die Gans
  12. DREI
    1. 21 Danke, Herr Pegasus
    2. 22 Rien de rien
    3. 23 Odysseus und das Herz
    4. 24 Bin ich’s, so ist’s ein jeder
    5. 25 Freedom
    6. 26 Amor mundi
    7. 27 Dann wird dieses Leben erzählt sein
    8. Rechtliches
    9. Quellen
    10. Dank

Über das Buch

Im Sommer 1975 reist Hannah Arendt ein letztes Mal von New York in die Schweiz, in das Tessiner Dorf Tegna. Von dort fliegen ihre Gedanken zurück nach Berlin und Paris, New York, Israel und Rom. Und sie erinnert sich an den Eichmannprozess im Jahr 1961. Die Kontroverse um ihr Buch Eichmann in Jerusalem forderte einen Preis, über den sie öffentlich nie gesprochen hat.

Mit profunder Kenntnis von Leben, Werk und Zeit gelingt Hildegard Keller ein intimes Porträt, ein faszinierend neues Bild einer der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.

Über die Autorin

Hildegard E. Keller veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele und Filme, die Frauen und ihre Werke ins Leben zurückholen. Sie war Jurorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (2009–2019) und Mitglied im Literaturclub des Schweizer Fernsehens (2012–2019). Bereits während ihres Studiums der Literaturwissenschaften und Soziologie begann sie zu schreiben, Theater und Druckgrafik zu machen. Seit 2001 ist sie Professorin für Literatur. Zehn Jahre lang lehrte sie in den USA an der Indiana University in Bloomington, heute lehrt sie Multimedia-Storytelling an der Universität Zürich (zurichstories.org). Was wir scheinen ist ihr erster Roman (Eichborn 2021).

HILDEGARD E. KELLER

WAS WIR SCHEINEN

ROMAN

Für Christof
&
Für Barbara und unsere Brüder,
Thomas, Dominik und Mathias
&
Für Anny und Bernhard

Sehen Sie, wie traurig ich bin!
Ich weine auch und sage das Meiste nicht,
niemals. Und doch sehe ich auch dies so ganz
anders an und kann es wie ein Glück betrachten.
Ich bin so unendlich frei in meinem Innern,
wie nicht verpflichtet der Erde.

Rahel Varnhagen

– Oh Meister und Freund –
Haben doch viele vergessen
Dich als Menschen zu zeichnen
Weil sie distanzvoll
Und immer ein wenig gehemmt
Beter und Anbeter
Freundliche Priester
Ihrem verehrten Idol
Dankopfer bringen.

Hannah Arendt

EINS

1 Der letzte Sommer

Auf der Reise nach Tegna, 25. Juli 1975

»Gentili signori, siamo in arrivo a Bellinzona. Per Lugano binario due.«

Wie lange hatte sie geschlafen? Lag der Gotthard schon hinter ihnen? Die Stimme des Schaffners hatte sie geweckt. Es war stickig im Raucherabteil, das nun fast leer war. Ein Zug noch immer ohne Klimaanlage, absolut undenkbar in Amerika, dachte sie und wandte den Kopf zum Fenster.

Ihre Augen suchten die Landschaft nach einem Anhaltspunkt ab, an dem sie sich orientieren konnte. Vergeblich. Das Grün vor dem Fenster zerfloss im Regen, der ans Zugfenster prasselte. Es roch metallisch. Sie erinnerte sich, dass die Lokomotive hart gearbeitet hatte, härter als bei der Abfahrt aus Zürich, wie von Zeit zu Zeit die Scheiben gezittert hatten, wenn ein Zug vorbeidonnerte. Dann war sie wohl eingenickt.

Als sie das Quietschen der Bremsbeläge hörte, wusste sie, dass der Zug talwärts fuhr. Sie kannte die Strecke. Diesmal konnte sie bis Locarno sitzen bleiben. Diese Durchsage war für sie also bedeutungslos. Was aber hatte sie im Traum gehört?

Kiwitt kiwitt, kommt mit mir mit, kommt mit.

Der Traum vom Glaskasten war ihr vertraut, besonders auf Reisen begleitete er sie. Weiß Gott, warum ihn das Unterwegssein anlockte. Wie ein verspielter kleiner Hund riss er Satzfetzen aus ihrem Werk und legte sie ihr vor die Füße, als spielte er sein Spiel. Der Traum als ihr wildester Leser. Ganz schön bunt treibt er’s heute, dachte sie und fuhr mit dem Zeigefinger unter die Brille, das Augenlid juckte. Kiwitt kiwitt, kommt mit mir mit, kommt mit – und das aus dem Glaskasten, aber was hatte der Satz denn bei Eichmann verloren?

Im Sommer 1961 hatte sie den Traum zum ersten Mal gehabt und das Gefühl beim Aufwachen nie mehr vergessen können. Das Erste, was sie gesehen hatte, waren ihre Hände, nah beieinander auf der Bettdecke, und das Morgenlicht, das auf ihnen tanzte. Jerusalem. Sie hatte das kleine Zimmer in der Pension Reich in Beit Hakerem gemocht, zwar lag es ziemlich weit weg vom Stadtzentrum, dafür in der Nähe der Hebrew University, ruhig und so erholsam wie in den Bergen. Vorher war sie für zwei Nächte im Stadtzentrum gewesen, unweit der King George Street in einem Hotel in Rechavia, aber sie hatte es scheußlich gefunden, und überhaupt gab es zu viel Gewimmel.

Alle Reporter hatten in dieses Grunewald im Orient gewollt, der Stadtteil war in den Zwanzigerjahren von deutschen Emigranten erbaut worden, eigentlich für ein Häuflein Intellektueller und Künstler, das richtig groß wurde, als die Deutschen den Deutschen Deutschland wegnahmen.

Bald danach war sie zum zweiten und letzten Mal aus Jerusalem abgereist, wie die allermeisten Journalisten lange vor der Verkündung des Todesurteils, und direkt nach Zürich geflogen. Seither folgte ihr der Traum, treu wie ein Hund. So fühlte es sich an, obwohl sie nie einen Hund gehabt hatte. Sie blickte aus dem Fenster.

Mein Hund hat mich nur im Schlaf an der Leine, sonst bin ich unleashed.

Als der Zug stillstand, sah sie, wie der Regen ans Fenster peitschte. In Bellinzona war niemand aus- oder zugestiegen. Noch eine knappe Stunde bis Locarno, da geht noch ein Keks, sagte sie zu sich und holte die Waffeln aus der Handtasche, die sie jedes Mal im Kiosk am Flughafen kaufte, schälte die Alufolie um den Stängel herunter und biss genüsslich hinein. Lecker, die hauchdünne Schokolade, mit der die Waffel überzogen war.

Diesmal hatte der Traum sie in den Presseraum geführt, einer dieser fensterlosen Räume im Gerichtsgebäude, meistens überfüllt und laut. Sie hatte im Traum auch sich selbst an einem der Journalistentische sitzen sehen, ihre Augen über Aktenberge hinweg auf einen der Bildschirme gerichtet, auf den das Geschehen im Gerichtssaal übertragen wurde. Männerstimmen, Schreibmaschinengeklapper, Telefongeklingel und babylonisches Sprachengewirr. Was die Richter und der Staatsanwalt im Gerichtssaal auf Hebräisch sagten, vermischte sich mit den Simultanübersetzungen, die nur über Kopfhörer kamen.

Ach, diese Übersetzungen, die waren nun wirklich kein rühmliches Kapitel der Prozessführung gewesen! Erbärmlich, was man als deutsche Übersetzung zu verkaufen gewagt hatte. Zum Glück mutete der Traum ihr das Deutsch der Dolmetscher nicht zu! Alles, wirklich alles dreht sich um Sprache.

Immer wieder apportierte der Traum Satzfetzen. Welcher Instinkt leitete ihn? Wie schon so oft hatte sie die Stimme mit dem rollenden R gehört, die Stimme aus dem Glaskasten oder auch vom Tonband. Man hatte das Vorverhör aufgezeichnet und in der Verhandlung immer wieder abgespielt, und jetzt erinnerte sie sich auch wieder, dass Eichmanns Stimme auf Band anders geklungen hatte, irgendwie sonorer, auch hatte er sehr viel seltener Jawoll gesagt als vor den Richtern.

Aber zwei Dinge fand sie nun doch ziemlich abstrus an dem Traum. Erstens, dass die Zigaretten fehlten. Zum Rauchen war sie fast immer ins Pressebüro gegangen, denn im Saal hatte man kurioserweise nicht rauchen dürfen. Nur gut, dass das Rauchverbot auf den Gerichtssaal beschränkt gewesen war. Wo käme man hin, wenn man in Hörsälen und Fernsehstudios, in Zügen und Flugzeugen nicht mehr rauchen dürfte.

Und zweitens war merkwürdig, dass sie im Traum selbst mit im Bild gewesen war, als hätte man sie gefilmt. Nie im Leben hätte sie das zugelassen, aber andere hatten die Chance eifrig genutzt und in den Pausen und nach Ende der Gerichtssitzungen vor den laufenden Kameras der Amerikaner Interviews gegeben, als hätte sich das Publikum eine kleine Auflockerung verdient. Sogar der Staatsanwalt und der Verteidiger hatten sich zu Kommentaren über den Angeklagten hinreißen lassen.

Nicht mal ein Minimum an Respekt, besonders in ihrer Rolle wäre das doch zu erwarten gewesen. Justiz, was denn sonst. Aber Generalstaatsanwalt Hausner war seiner eigenen Eitelkeit auf den Leim gegangen, und Servatius, Eichmanns Verteidiger, hatte ihn darum beneidet. Zum Kotzen das alles. Heinrich hatte sie so was immer schreiben können. Manchmal hatte ein Wort genügt, den Rest malte er sich ja aus. Wie sehr er ihr doch immer noch fehlte.

Sie biss ein kleines Stückchen von der Waffel ab, schob es mit der Zunge hin und her. In Locarno war alles gut vorbereitet, sie hatte einen Fahrer bestellt, der sie nach Tegna bringen würde. Sie nahm den Waffelrest aus der Folie und blickte auf die Tropfen am Zugfenster. Der Mensch allein ist wie eine abgehauene Hand, dachte sie und steckte die Verpackung in den Müllbehälter.

Auf der Fensterablage lagen die Zigaretten und das Feuerzeug, ein Geschenk von Heinrich zum Sechzigsten. Es funktionierte noch immer tadellos, nur dass die Flamme etwas zu groß war. Ganz Monsieur. Sie zündete sich eine Zigarette an, den Kopf leicht schräg gelegt, und machte zwei tiefe Züge. Sie nahm ihre schwere Hornbrille von der Nase, rieb sich kurz die Augen und setzte die Brille wieder auf, aber das bleierne Gefühl in den Schläfen war immer noch da.

Früher schlug ich mir auf Transatlantikflügen locker zwei Nächte um die Ohren, aber jetzt?

Nachdem der Zug Zürich verlassen hatte, hatte sie eine Weile gelesen und dann bei heruntergezogenem Fenster mit geschlossenen Augen das Geräusch des im Wind flatternden Sonnenschutzes in sich aufgenommen. Der Fahrtwind war warm über ihr Gesicht gestrichen. Wie ein Segel, hatte sie noch gedacht, bevor sie eingeschlafen war.

Sie drückte die zur Hälfte gerauchte Zigarette in den Aschenbecher, stand auf und öffnete das Fenster, aber nur einen Spalt breit, damit es nicht auf ihre Bücher regnete. Sie blieb stehen und hielt sich an den Knopfgriffen des Fensters fest. Dann ging sie ein paar Schritte den Gang auf und ab, hier konnte sie sich etwas die Beine vertreten. Ihre Gelenke schmerzten.

Zwölf Stunden in der unterkühlten Boeing B-747 vom J.F. Kennedy Airport bis nach Zürich, kein Pappenstiel, auch wenn sie beide Flughäfen aus dem Effeff kannte. Möglich, ja, vielleicht könnte es etwas viel gewesen sein. Wie besorgt hatten ihre Freundinnen geblickt, nachdem sie letztes Jahr aus Schottland heimgekommen war und ihr Leben wieder aufgenommen hatte. Die Worte waren eindringlich gewesen. Hannah, nach dem Herzinfarkt solltest du jetzt wirklich kürzertreten.

Mit beiden Händen stützte sie sich auf die Rückenlehne ihrer Sitzbank. Ein Mann im Nachbarabteil blickte von seiner Zeitung auf und grüßte mit einem Nicken. So freundlich, wie der dreinschaut, dachte sie, fragen kostet ja nichts.

»Könnte der Herr mir in Locarno vielleicht mit den Koffern helfen, falls mein Fahrer nicht auf dem Bahnsteig steht?«

»Selbstverständlich, gern.«

Erleichtert ging sie in ihr Abteil zurück und setzte sich. Ihre Augen folgten dem flirrenden Nass. Fäden überzogen das Zugfenster. Das war nun ihr siebter Sommer im Tessin. Sie konnte sich so gut erholen in Tegna. Schon im letzten Jahr hatte sie zu Ena Jenny gesagt: Die Casa Barbatè ist ein Paradies, aber mein Speisekarten-Italienisch werde ich nicht mehr aufpolieren. Sie mochte die Pensionsbesitzerin, eine gebürtige Irin, die in drei Sprachen zu Hause war.

»Certo, Hannah, du bist nicht die einzige Amerikanerin im Tessin. Übrigens soll drüben in Berzona noch ein deutscher Dichter zugezogen sein.«

Auf Italienisch konnte sie verzichten, aber nicht auf Französisch. Nie im Leben hätte sie ihr Französisch verlieren wollen. Die Pariser Jahre, die Freunde, was sie miteinander erlebt und nach dem Einmarsch der Deutschen gemeinsam durchgemacht hatten, und, merkwürdig genug, auch ihre nur knapp gelungene Flucht und der Neuanfang in Amerika. All das war Paris für sie.

Natürlich auch Benjamin! Nicht in Berlin, nicht irgendwo sonst in Deutschland, sondern ausgerechnet in Paris hatte sie ihn kennengelernt. All die Abende in der Rue Dombasle bei Benji und mit all den anderen, die nach Paris geflüchtet waren! In Paris, ja, ganz besonders dort, hatte ihr Leben noch mal richtig neu angefangen. La vie et l’amour.

Mit Günther hatte sie in Paris noch eine kurze Zeit lang Tisch und Bett geteilt, aber es war keine Ehe mehr gewesen. Günther, der sich bereits in Deutschland Anders genannt hatte, während sie in Paris noch immer seinen Namen trug, hatte es dann als Erster nach drüben geschafft. Und sie hieß noch Stern, als sie mit Heinrich in den Urlaub fuhr. Heinrich, ja, wirklich das Allerbeste aus Paris.

Sie erinnerte sich, wie sie ihre Unterschrift auf die Postkarte gesetzt hatte, die sie ganz frisch verliebt an Benji schrieben, Günthers Cousin. Der erste Urlaub mit Heinrich, überirdisch schön, auf der Insel Porquerolles. Hatte sie nicht sogar Adam und Eva auf die Karte geschmuggelt?

Wie froh war sie gewesen, als sie wieder Arendt hieß und die Scheidungspapiere in Händen hielt, obwohl da was von »ehelichem Verkehr« drinstand, aber die Behörden leisteten sich damals noch ganz andere Anmaßungen. Mit Heinrich war Paris wirklich Paris geworden – und er für immer ihr Monsieur.

Wenn sie an Paris dachte, kamen ihr alle wieder in den Sinn. Sogar Fritz Fränkel. Sie erinnerte sich an den scharfen Geruch, der von seiner Arbeit, vielleicht aber auch von ihm selbst ausgegangen war, so genau hatte sie das gar nie wissen wollen. Warum um Himmels willen war der Geruch dieses Schocktherapeuten, bei dem Heinrich in Berlin gearbeitet hatte, noch in ihrem Gedächtnis?

Da erinnerte sie sich doch lieber an den klugen Polen Chanan Klenbort, den sie meistens nur bei seinem Spitznamen nannte, ja, auch Chonne war Paris. Sie verdankte ihm ihr Hebräisch, aber eine Schülerin wie sie konnte einen Hebräischlehrer ja nicht wirklich stolz machen. So schön sie fluchen konnte, auch auf Französisch, es hatte alles nichts genutzt. Kläglich war’s geblieben, ihr Hebräisch war wirklich nicht der Rede wert. Und noch jetzt fand sie diese Sprache unlernbar, aber ihre Erinnerungen an Chonne verströmten Wärme in ihr.

Ich will mein Volk kennenlernen. Was für ein breites Gesicht er bekommen hatte, als diese Worte aus ihrem Mund gekommen waren, damals, als sie in seiner kleinen Pariser Küche neben dem Kohleherd gesessen und ihre Hände vor die Glut im offen stehenden Türchen gehalten hatte. Und als sie dann auch noch gesagt hatte, sie wolle bei ihm, Chonne, Hebräisch- und Jiddischunterricht nehmen, wurde sein Gesicht ein einziges Lachen.

Paris, das war natürlich seine Lotte. Die kluge Sempell hatte sich in Chonne verliebt und war auch die Drahtzieherin ihrer Gruppe geworden, genau wie sie auf der Flucht. Wäre Mutt ohne Lottes Hilfe denn aus Königsberg rausgekommen? Und Heinrich aus dem ersten Internierungslager? Und sie selbst?

Nach der Flucht aus Gurs war sie schnurstracks nach Montauban gegangen, wo Lotte ein Haus gemietet hatte. Dort war sie untergekommen und hatte dann, mitten auf der Straße, unglaublich, aber so wahr, ja, dort hatte sie Heinrich wiedergefunden. Im ganzen Chaos, als die Deutschen Paris besetzten, hatte man ihren Stups laufen lassen, und sie, im selben Chaos, war einfach aus Gurs abgehauen. Und beiden hatte Lotte geholfen. So viele Und. Gibt es denn je einen Grund, nicht dankbar zu sein?

Sie drehte sich erneut zum Fenster, konnte aber noch immer nichts erkennen. Eigentlich kann es nicht mehr weit sein bis Locarno. Sie öffnete mit dem Daumen das Zigarettenetui und blickte prüfend hinein.

»Noch eine«, sagte sie und achtete auf die Flamme.

Wie lange das alles her war, und doch hatte sie nichts davon vergessen. Die Fortune, die sie und Heinrich damals gehabt hatten! Er war kein Jude gewesen, sondern Kommunist, sie war längst ausgebürgert, und auch Benji hatte man die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Verzweifelt waren sie geflohen, es war eine einzige Bewegung, die sie auseinandergerissen hatte. Heinrich und sie und ihre Mutter und Benji, Lotte und Chonne und die Cohn-Bendits, alle. Nur Benji hatte das Unglück nicht abschütteln können.

Sie machte einen tiefen Zug und legte beim Ausatmen den Kopf an die Lehne zurück. Ja, sie war sich nun sicher, dass sie auf jener Postkarte von Adam und Eva geschrieben hatte.

Im allerersten Urlaub mit Heinrich war ihr klar geworden, dass er ihr Mann fürs Leben war. Und auch er war zu allem entschlossen gewesen, praktisch von Anfang an. Kaum waren sie zusammengekommen, hatte er seine Briefe mit »Dein Mann« zu unterzeichnen begonnen, aber erst kurz, bevor die Deutschen einmarschiert waren, hatten sie den Trauschein wirklich in der Tasche gehabt.

Knapp, Frau Blücher, das war knapp jewesen, aber wen kümmert’s, Hannah, ick liebe dir, und bevor er seine Lippen auf ihre gepresst hatte, hatte sie noch leise sagen können: Je t’aime, Stups.

Und nun fuhr sie wieder nach Tegna. Dort hatten sie ihre letzten gemeinsamen Urlaube verbracht. Seit seinem Tod fuhr sie nun zum fünften Mal allein hin. Leere war nicht das richtige Wort für das Gefühl, das sie jetzt hatte.

Du verstehst, das Harte unterliegt.

In Frankreich hatten Heinrich und sie immer wieder Brechts Gedicht von Laotse und seinem Ochsen aufgesagt, auswendig natürlich. Benji hatte das Gedicht von Brecht bekommen, und sie alle hatten sich an dem kleinen Zettel wie an einem Floß festgehalten. Wie überhaupt an so vielen Gedichten.

Brechts Gedicht erzählt eine Geschichte, wie sie nur Dichter der Welt schenken können. Ein Zöllner sieht den weisen Laotse auf den Grenzbaum zureiten, fragt den Jungen, der den Alten begleitet, wer sie seien, und der antwortet was von Wasser und wer wen besiege. Nichts kapiert und doch genug gehört, um zu wissen, was nottut. Der Zöllner heißt den Weisen absteigen, lädt ihn unter sein Dach ein und verlangt ihm alles ab, was er in sich trägt, aber es reicht bis ans Ende der Zeit.

Typisch Brecht. Der Zöllner, so einfach er ist, hat gesunden Menschenverstand. Brecht erzählt seine Geschichte auf die für sie schönste Art, mit Reim und Rhythmus. So prägen es Dichter ins Gedächtnis der Menschheit ein. Wie glücklich hatten sie diese wunderbaren Verse auf der Flucht gemacht.

Poetry is closest to thought.

Dieser Satz war ihr damals, als sie ihn geschrieben hatte, gültig und zu Ende gedacht erschienen. Erst ein paar Jahre später, in Jerusalem, hatte sie dann erkannt, wie lebensnotwendig er ist. Ja, so ist es. Kein Ort der Welt hat ihr klarer vor Augen geführt, wie wahr dieser Satz ist.

Ein langes Stück Asche, das sie abzuklopfen vergessen hatte, fiel ihr in den Schoß. Kein Malheur. Sie schüttelte sacht den Rock, prüfte, ob alles wieder in Ordnung war, und strich mit den Händen über das Karomuster.

Sie mochte es sehr. Schwarze und weiße Felder, wie in den letzten Tagen mit Benji in Lourdes. Wenn sie lange genug auf den Stoff schaute, konnte sie wieder seine kleinen Hände über dem schwarz-weißen Brett sehen. Für einen kurzen Moment war ihr, als fühlte sie die Zettel in Händen, die Walter ihr damals gegeben hatte, bevor er zu seiner Reise aufgebrochen war, die kürzer werden sollte, als er gehofft hatte. Sie legte die Hände in ihrem Schoß zusammen. Da lagen sie, in der schwarz-weißen Mulde der Zeit, mit Benji und seinem Engel der Geschichte.

»Siamo in arrivo a Locarno, ultima fermata. Preghiamo tutti i passaggieri di scendere.«

Sie drückte die Zigarette aus. Der Aschenbecher war fast so klein wie der im Flugzeug, dann packte sie ihre Zeitschriften und Papiere zusammen, steckte Etui und Feuerzeug in die Handtasche und nahm den Blazer vom Haken. Langsam ging sie in den Korridor, wo sie die beiden großen Koffer gelassen hatte. Ihr Abteilnachbar stand schon beim Ausgang und stemmte den Türhebel nach unten, als der Zug mit einem kleinen Ruck zum Stillstand kam. Ein kleiner Kraftakt, dachte sie und sah, dass er ihr den Vortritt lassen wollte. Mit beiden Händen und schmerzenden Knien schob sie umständlich die beiden Koffer zur Tür und fluchte leise vor sich hin.

»Ich bin weiß Gott nie ohne Bücher gereist, auch wenn sie mir auf dieser verdammten Treppe noch das Genick brechen.«

»Scusi, signora.«

Mit einer Geste deutete er an, dass das doch nun seine Sache sei, wuchtete ihre Koffer auf den Bahnsteig und trug sie durch den Regen unter das Dach des Bahnhofsgebäudes. Als er sich noch einmal zu ihr umdrehte, winkte sie ihm kurz zu.

Für eine ältere Dame mit Gepäck ist das Reisen ohne Gepäckträger kein Honigschlecken. Sie stieg, die Handtasche am Arm, vorsichtig die steilen Stufen hinunter, hielt sich am Geländer fest, setzte erst den einen, dann den anderen Fuß auf den Bahnsteig und ging so schnell sie konnte zu ihren Koffern hinüber. Es regnete, wie sie es bislang nur vom Tessin kannte. Da stand sie nun und spähte nach dem Wagen. Wo bleibt mein Fahrer? So ein sauteures Telefonat und weit und breit keiner, der auf mich wartet.

Kurz vor dem Abflug hatte sie die Pension in Tegna telefonisch beauftragt, ihr einen Wagen nach Locarno zu schicken. Aber warum sparte sie eigentlich noch und hatte nicht gleich am Flughafen ein Taxi genommen? Erstens hatte sie Geld und zweitens gab es für amerikanische Touristen in der Schweiz absolut keinen Grund zum Sparen, auch wenn der Dollar nicht mehr so stark war wie 1969, als sie mit Heinrich hier zum ersten Mal in den Ferien gewesen war. Damals hatten sie für einen Dollar noch vier Franken dreißig bekommen. Die Preise in der Schweiz sind sowieso ein Pappenstiel, dachte sie, kein Wunder, dass alle in die Alpen wollen und nicht nach Israel, wo alles so irrsinnig teuer ist.

»Das hört ja nicht auf zu pladdern, ach, wenn ich jetzt nur ein Cab heranwinken könnte!«, murmelte sie in den Regen hinein. Es war fast dunkel geworden, und nur ganz wenige Autos fuhren vorbei. Auf der anderen Straßenseite, vielleicht hundert Meter weit weg, stand eine Telefonkabine, sie hatte sogar Kleingeld. Sollte sie Ena anrufen und fragen, wo der Fahrer blieb? Dummerweise fehlte nur ein Schirm, und bei dem Regen war gar nicht daran zu denken, dass sie es bis dahin schaffte, ohne völlig durchnässt zu sein.

Sie zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und stieß den Rauch aus. Kurt hatte sie immer wieder nach Israel gelockt, auch damals, als die Nachricht von Eichmanns Kidnapping um die Welt ging. Ach, Kurti. Sie vermisste ihn sehr, den großen Blumenfeld, Zionist mit Feuer und Flamme, der so herrliche Dinge hatte sagen können.

»Hannah, die Geheimnisse des Lebens sind viel offenbarer, als die Menschen denken.«

Der Prozess gegen Eichmann ist ein Glücksfall, hatte sie damals gedacht. Kurt und sie hatten jede Gelegenheit beim Schopf gepackt, einander zu sehen. Auch das Gespenst im Glaskasten war eine gewesen. Sie erinnerte sich noch genau an den Jubel, als der israelische Ministerpräsident Ben Gurion im Mai 1960 die Öffentlichkeit überrascht hatte. Der Coup des Geheimdienstes sei geglückt, man habe Adolf Eichmann gefasst und werde ihn vor das Höchste Gericht in Jerusalem stellen. Da hatte sie sofort gewusst: In diesem Gerichtssaal will ich sitzen.

Heinrich hatte schon seine feste Stelle am Bard College gehabt, aber Langstreckenflüge waren noch unerschwinglich, und zudem hatte sie das Gefühl, knapp bei Kasse zu sein, nie wirklich verlassen. Hätte sie Shawn sonst gefragt, ob sie für den New Yorker als Gerichtsreporterin nach Jerusalem reisen könnte?

Der Chefredakteur hatte ihr keinen schlechten Deal angeboten, ihr jede Freiheit gelassen, sich selbst aber auch jede genommen, man entscheide dann selbst, ob ihre Reportage erscheinen würde. Der New Yorker hatte Flug und Hotel bezahlt. Auch nach all den Jahren fand sie ihre Entscheidung pragmatisch, fast preußisch. In hohem Bogen warf sie die Kippe in die Pfütze vor dem Bahnhofsdach.

Heinrich hatte gestaunt, wie wahnsinnig pragmatisch sie sein konnte. Natürlich auch in Haushaltsdingen, Kleidung, Essen, alles halt, worum eine Ehefrau sich zu kümmern hatte. Seine Augen hatten immer so keck gefunkelt, wenn er zu einem Scherz ansetzte. Unvergesslich, die Anekdote mit den Wollsachen.

Einmal hatte sie in England eine Weste für sich selbst und eine Jacke für ihn gekauft. Sie wollte sich die Schnäppchen nicht entgehen lassen, Wollsachen waren in England unverschämt günstig gewesen und sogar frei von Sales Tax, wenn man sie per Post schickte. Das Dumme war dann nur, dass die Pakete mitten in eine Hitzewelle an der Ostküste geplatzt waren.

Wundere Dich bitte nicht – sondern motte ein!

Heinrich wäre es nie in den Sinn gekommen, sich einem Vorsorgeanfall von ihr zu widersetzen, schließlich war sie so viel praktischer als er, aber er sei vor Lachen fast geplatzt, hatte er ihr später erzählt. Da war sie ganz beruhigt gewesen. Wer solche Späße macht, fühlt sich trotz finanzieller Engpässe frei, und das ist das Wichtigste.

In jenem Hitzesommer hatte sie ihn auch dazu gedrängt, sich Air-Condition zuzulegen. Brief um Brief hatte sie ihm das eingehämmert.

Wenn es zu heiß wird, lass Dir Dein Zimmer air-condition! Das kann man abstottern!

Und dann gleich nochmals.

Schimpf man nicht. Ich las über die Hitzewelle. Hoffentlich hast Du Dich zu Air-Conditioning entschlossen. Bitte, geh doch gleich aus New York raus, sobald der Kurs fertig ist. Warte nicht auf mich.

Bis sie zurück wäre, sollte Heinrich es sich so angenehm wie möglich machen. Gemeinsam würden sie aus dem schwülen Manhattan nach Palenville ziehen. So hatten sie sich das zurechtgelegt. Sommer für Sommer.

Leb wohl, Liebster, mach Dir Air-Conditioning!!!

Mann, wie hatte er stur sein können, fast so stur wie sie selbst. Die Erinnerung entlockte ihr ein kurzes, stilles Lachen.

Inzwischen waren die Lampen angegangen, sie schaute zu den glitzernden Fäden im Lichtkegel der Bahnhofslampe und spürte ihre schmerzenden Beine. Wie lange stand sie nun schon hier? Sie trat von einem Fuß auf den anderen, aber es half alles nichts, sie musste sich setzen. Ein paar Schritte weiter weg stand eine Sitzbank, halb nass, weil sie sich näher am Dachende befand. Mühselig klaubte sie im Halbdunkel ein Taschentuch aus der Handtasche, bückte sich und wischte die Sitzfläche ab.

Früher, als Jaspers noch lebte, war sie immer zuerst nach Basel in die Austraße gefahren. Das war die einzig richtige Akklimatisation gewesen, bei ihm und Gertrud und auch bei Erna, ihrer tüchtigen Haushälterin. Aber mit Karls Tod war ihre Schweiz so viel leerer geworden, und letztes Jahr war ihm auch Gertrud gefolgt.

Diese Ehe war eine der rührendsten, die ich kenne. Sie schnäuzte sich in das nasse Taschentuch und starrte auf die Pfütze. Die Regentropfen sind wie Gedanken.

Sie wusste, warum sie noch einmal ins Tessin gekommen war. Tegna war sehr weit weg von allem. Einen Sommer lang faulenzen und träumen, aber sie würde auch an ihrer Trilogie weiterarbeiten. The Life of the Mind.

Einen passenden Buchtitel zu finden war immer eine Plackerei, aber dieser Titel schien ihr nach Eichmann der einzig mögliche! Dafür hatte sie all die Bücher mitgebracht, obwohl die Mühsal des Denkens nicht geringer wurde, nur weil man mehr mit sich herumschleppte. Bücher, Jahre, Narben, you name it. Sie schwor sich, nur noch mit dem Notwendigsten zurückzureisen.

Wie früher würde sie ihre Runden um den frei stehenden Turm der Dorfkirche drehen, oben im Glockenstuhl die Schwalben, und sich zwischendurch auf der Steinbank unten am Turm ausruhen. Sie nahm das Feuerzeug und das Zigarettenetui zur Hand und begann wieder, vor sich hinzufluchen.

»Verflixt, keine Zigaretten mehr, aber hier auf dem Bahnhofsplatz kann ich doch nicht den Koffer aufklappen. Weiß der Teufel, wo dieser Fahrer geblieben ist!«

Aus Erfahrung wusste sie, dass er wie alle Taxifahrer eine ganz unglaubliche Geschichte auftischen würde, sofern er dann doch noch auftauchte – was sie natürlich hoffte. Wie sonst sollte sie nach Tegna kommen?

Dort wollte sie nur noch Menschen begegnen, die ihr angenehm waren. Mit Golo Mann war nicht zu rechnen. Ob er sein Haus in Berzona noch hatte? Egal. Seit er ihr kurz vor Erscheinen der deutschen Ausgabe des Eichmann-Buchs in den Rücken gefallen war, wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Auch Jaspers, der nicht nur ihr, sondern ja auch sein Doktorvater gewesen war, hatte mit ihm gebrochen. Dass Karl sie in dieser unsäglichen Kampagne verteidigt hatte, die damals gegen sie angezettelt worden war, war mehr als nur Freundschaft gewesen, a labor of love!

Ein Quietschen holte sie aus ihren Gedanken. Auf der nassen Fahrbahn hatte ein Auto abgebremst, bog in den Bahnhofsplatz ein und tauchte sie ins Scheinwerferlicht.

Na endlich! Ich hätte den Kerl sonst zur Hölle geschickt. Warum fuhr er so gemächlich? Sie war doch die einzige Touristin unter dem Vordach des Bahnhofs. Der Mann kam auf sie zu.

»Professoressa Arendt?«

Sie trat unter den Schirm, den er für sie aufgespannt hatte, sah seine rot unterlaufenen Augen und dachte beim Einsteigen, so ein Hornochs.

»Sagen Sie mal, haben Sie mich denn nicht erwartet? Ich hatte doch angerufen.«

»Si si signora, haben wir Sie gewartet natürlich … ma con questa pioggia, purtroppo, ci vuole pazienza.«

»Fantasie haben Sie auch keine!«

»Scusi, signora non ho capi–«

»Wer keine Ausrede hat, lässt sich eben was einfallen! Worauf warten Sie? Andiamo!«

Der Fahrer schloss ihre Tür, verstaute ihr Gepäck im Kofferraum, setzte sich hinter das Steuer und gab Gas. Sie ließ sich ins Polster des Rücksitzes sinken, mit dem Gesicht zum Fenster.

Noch immer goss es in Strömen, als wollte der Regen ihre Gedanken und Wörter wegspülen, ihre Erinnerungen an Menschen, die noch da, aber nicht mehr am Leben waren, all das Erlittene und Durchlebte, den Strom des Außerordentlichen und Wunderbaren, an dem sie entlanggestrichen war. An Wörtern hatte sie sich immer festhalten können. Und Wörter wollte sie auch in Tegna wieder aufs Papier bringen, wie früher nur einige wenige auf ein Blatt. Wie früher wollte sie hören, wie ein Wort das andere ruft, so wie es die Wörter in ihrer Erinnerung immer schon getan haben. Wörter spielen ihr ganz eigenes Liebesspiel.

Ich will, dass Du seiest, was Du bist.

Sie hob kurz den Kopf und beobachtete, wie das Wasser im Fahrtwind auf der Scheibe spielte. In den Tropfen, die sich im Fahrtwind bogen, zitterte die dunkelgrüne Nacht. Wenn das Auto in eine Kurve ging, jagte der Wind einzelne von ihnen quer über die ganze Windschutzscheibe, bis sie am anderen Ende wieder ineinanderflossen.

Auf dieser kleinen Reise war jeder Tropfen ganz allein. Manchmal blitzte einer im Licht einer Straßenlaterne auf oder im Scheinwerfer eines entgegenkommenden Fahrzeugs, aber am Rand der Scheibe verglühte er in dem Rinnsal, das in die Nacht hinausstob. Augustin und die stilla animi, oder war das gar nicht von Augustin? Und das mit dem farblosen Licht der Geschichte? Vielleicht in seiner Auslegung der Edelsteine im Himmlischen Jerusalem? Ach, diese lange Warterei war wirklich nicht gut gewesen. Das mit dem Licht war doch von ihr selbst, ja, für einen starken Charakter wie Rosa hatte sie sich das Bild ausgedacht. Oder war es doch auf den Roncalli gemünzt? Sie war zu müde, um wirklich klar denken zu können, aber die Satzfetzen und Bilder prasselten auf sie ein, wie sie das immer taten. Sie lehnte den Kopf an und schloss die Augen.

Was bleibt, ist das Schöne. Das Bild selbst war einfach schön. Bilder überhaupt, weil sie den Geist auf die andere, nicht mehr sinnlich wahrnehmbare Seite locken. Jede Menschenseele ein Tropfen, der nur scheinbar getrennt ist vom Ganzen. Der Mensch als Prisma, in dem sich das farblose Licht bricht und in seiner Buntheit aufleuchtet. So ein Bild ist eine Brücke zwischen dem Unsichtbaren und der Welt der Dinge.

Von Tegna aus schreibe ich Martin, so viel steht fest.

Ein Rumpeln. War der Wagen über das Bahngleis gefahren? Als sie den Kopf hob und aus dem Fenster auf der Fahrerseite blickte, sah sie erst das Bahnhofsschild von Ponte Brolla. Gleich kommt die Brücke über die Maggia, dachte sie, doch im Regen verfloss das Brückengeländer. Sie stellte sich den Abgrund vor und tief unten den Fluss.

Erde, du liebe, ich will.

So ein Bild sagt mehr als tausend Theologien.

Benji hatte auf einen seiner Zettel gekritzelt, die Theologie sei heute klein und hässlich, wahrscheinlich weil die Metaphern fehlten, die Gott und die Welt ins Denken holten. Auf Hunderten von Seiten akademischer Spekulation lässt Gott sich nicht ein einziges Mal blicken.

Ohne zu blinken bog der Wagen nach links ab, gleich linker Hand kommt der Kirchturm. Nur hab ich selbst schon so lange kein Gedicht mehr geschrieben. Warum eigentlich? Da rumpelte es noch einmal, das waren nun die Bahngleise, und dann kam der Wagen mit einem kleinen Ruck zum Stehen.

»Ecco, professoressa: siamo arrivati. Casa Barbatè è questa.«

So ein Dummkopf, wie der das nur sagt! Man könnte meinen, ich wäre zum ersten Mal hier.

Der Fahrer sprang um den Wagen herum, um ihre Tür zu öffnen. Langsam hob sie die Beine aus dem Auto, sah die nassen Kieselsteine in der Dunkelheit glänzen und stellte die Füße auf die kleinen Lichter. Wie war das noch mal mit der farblosen Zeit?

Sie wollte es hier wieder versuchen. Vielleicht würde ihr doch noch einmal ein Gedicht gelingen.

Wo, wenn nicht in diesem Sommer, hier in Tegna.

2 Zagt nicht

Manhattan, Mai bis November 1941

War sie also doch eingeschlafen? Vogelschreie drangen an ihr Ohr, vier- fünfmal, kurz und fremdartig und von weit her. Ihr Zimmer lag im zehnten Stockwerk und war noch ziemlich dunkel, als sie mit der linken Hand nach dem Blatt auf dem Nachttisch griff. Das Telegramm an Günther.

Sind gerettet. Wohnen 317 West 95 = Hannah.

Sie wollte einfach nur das Papier in den Fingern fühlen. Dass alles so ist, wie es ist. Zwölf Tage im Schiffsbauch, und nun so hoch oben. Dass man da überhaupt schlafen kann. Mit der Wange tief im Kissen hatte sie sich gestern noch gewünscht, dass es nur bald wieder hell würde. Sie wollte sich den Wolkenkratzer genau anschauen, überhaupt die Häuserklippen, an denen sie gestern vorbeigerast waren. Es war alles so schnell gegangen, vom Hafen in Hoboken durch das Straßenwirrwarr und dann über die riesige, lange Brücke rüber nach Manhattan, zu beiden Seiten diese Gebäude wie Bergwände im Abendhimmel.

»Schau dir diese Steilklippen an, Stups, und alles voll mit Menschen!«

Aber da war das Auto schon ans andere Ufer gelangt, in eine der Häuserschluchten gebogen, sie und Heinrich einfach nur sprachlos vor Staunen. Waren ihre Augen auf der Schiffsreise faul geworden?

Nach dem Ablegen in Lissabon hatte es nichts mehr zu sehen gegeben. Sogar die Möwen waren zum Festland zurückgekehrt. Nur eine einzige Linie, darüber der Himmel. Hier in New York war es umgekehrt, Horizont gab es keinen, und der Himmel war winzig.

Gerettet. Heinrich und sie und Tausende, die gestern ebenfalls von Bord gegangen waren. Das heißt, sofern sie die erforderlichen Papiere vorzeigen konnten. Deshalb hatte der Landgang eine Ewigkeit gedauert. Staatenlose hatten keine Pässe, nur Einreisevisa und Affidavits, aber da gefälschte Bürgschaftserklärungen und Pässe jetzt die Währung fürs Überleben waren, hatten es die Immigration Officers mit ihrer Kontrolle fast ein wenig übertrieben.

Sie waren ganz ruhig geblieben. Ihre Papiere waren echt. Wenn Günther nicht ihr Bürge gewesen wäre, sie hätten es nicht geschafft. Er hatte Affidavits aus Hollywood geschickt.

My average earnings amount to $ ________________ per week.
Name of Alien _____________________________________
Explain relationship fully _____________________________

Günther hatte von Hand 40 hingeschrieben, in Blockschrift ihre Namen und ex-wife und her husband. Aber die Wochen auf hoher See hatten nichts von dem Erlebten wegzuwaschen vermocht. Die Ungewissheit in all den Jahren, ihr Misstrauen, als sie in Marseille bereits ihre Notvisa in Händen hielten, und dann noch viel mehr in Lissabon, wo sie die Passagen sogar längst bezahlt hatten und trotzdem noch warten mussten. Selbst das Schöne musste in Schach gehalten werden. Wenn einer von ihnen losjubeln wollte, beschwichtigte der andere gleich.

»Monsieur, noch ist es nicht geschafft!«

»Warte, bis wir über die Grenze sind.«

»Erst auf dem Schiff, meine Kleine.«

Und dann, nach monatelangem Warten in Lissabon und der täglichen Schlacht um Plätze auf dem Schiff, hatten sie endlich an Bord gehen und sich ans Heck stellen können. Ein Flüchtlingsdampfer mehr durchpflügte den Atlantik. Ihr Schiff. Sie hatten schweigend ins Kielwasser gestarrt. Wie das Wasser ihre Spur verwischte, als wäre nichts gewesen.

»Drüben werde ich schreiben, Stups. Über all das Unfassbare.«

»Auf Englisch?«

»Natürlich, wir werden’s lernen.«

»Sodass wir in dem Orchester dort drüben richtig schön mitfiedeln können?«

»Klar. Jetzt wird alles anders.«

»Bis auf deine Sturköpfigkeit, Schnupper.«

»Genau. Ich werde den Mund nicht halten und weiß auch schon, wovon ich erzählen werde.«

»Von uns, nicht?«

»Die Geschichte von denen, die mal wer waren und dann zu Menschen wurden, die von ihren Feinden in Konzentrationslager und von ihren Freunden in Internierungslager gesteckt wurden.«

Die Gischt war bis zu ihnen hochgespritzt, ihr Zeigefinger hatte einen Tropfen im Gesicht berührt und an die Zunge geführt. Der salzige Gruß der Welt, unfassbar und zärtlich, wie es sich für Sterbliche gebührt.

Sie zog die Decke bis unters Kinn und ließ ihre Hand zurücksinken, die noch immer die Quittung hielt. Der untere Fensterflügel war eine Handbreit über den oberen geschoben. Sie hatten es nach Amerika geschafft. Aber die Welt musste erfahren, dass Juden wie Hunde verscharrt wurden. Menschen.

Benji hatte sogar ein amerikanisches Visum in der Tasche. Zusammen hatten sie Englisch gebüffelt, aber er hatte nur gerade so viel gelernt, um sagen zu können, dass er die Sprache absolut nicht möge. Seine Angst vor Amerika war unbeschreiblich gewesen und sein wichtigstes Ansinnen diese Zettel, die er ihr bei der letzten Begegnung zugesteckt hatte, fahrig und halb abwesend. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer sah sie alles in dieser tragischen, ja fatalen Ordnung. Seit dem Schachspiel, das er gewonnen hatte, Zug um Zug mit dem Satz zwischen den Zähnen:

»Man darf nicht zu spät kommen.«

Ihre Finger erinnerten sich an die sonnenwarmen Schachfiguren an jenem Nachmittag. Sie hatten unter dem Baum gesessen. Sein weißer Bauer, so groß zwischen seinen Fingern, gegen ihren Turm. Ob die Figuren Benji gehört hatten, wusste sie nicht mehr, nur dass er sie dann doch noch schachmatt gesetzt hatte. Sie erinnerte sich daran nicht etwa, weil sie damals verloren hatte, und auch nicht, weil an jenem Tag der Waffenstillstandsvertrag mit der berühmten Auslieferungsklausel veröffentlicht worden war. Sondern weil Benji wirklich in Panik geraten war, nicht nur wegen seiner Schriften, deren Schicksal ebenso ungewiss war wie sein eigenes, oder weil er nur eine kleine Koffertasche mit zwei Hemden, Zahnbürste und Gasmaske mitgenommen und alles andere in Paris zurückgelassen hatte. Da hatte Benji zum ersten Mal von Selbstmord gesprochen.

»Ich habe meinen Schriften gegenüber nichts voraus. Man darf auf keinen Fall zu spät damit kommen.«

»Nu mach man halblang, Benji. Wir gehen in Lissabon alle aufs Schiff.«

»Das kann man nie wissen. Ich bin darauf angewiesen, was andere von draußen bewirken können. Ich habe Carl Burckhardt in Basel gebeten, dass er ein Wort für mich einlegt, eine Bewilligung erwirkt, was auch immer, ein interimistischer Aufenthalt in der Schweiz wäre ein Ausweg.«

»Ja, wir müssen alles versuchen.«

»Ich frage mich, ob ich auch Fritz Lieb schreiben sollte, du mochtest meinen Aufsatz über Lesskow, den ich ja ihm verdanke. Lieb ist jetzt Professor in Basel, sein Wort müsste doch von Gewicht sein.«

»Natürlich. Und was schreibt Adorno?«

»Ach, Teddie macht mir Hoffnung, schreibt von Havanna und Santo Domingo und natürlich von New York, aber ob das noch rechtzeitig kommt –«

»Bald haben wir’s geschafft, wir alle. Hörst du denn überhaupt zu?«

Noch nicht einmal ein Jahr war das her. Ein unheimlicher Moment. Benji hielt den Kopf gesenkt, sprach, ohne dass sie seine Augen sehen konnte, was wegen seiner dicken Brillengläser ohnehin nicht leicht war, sprach mit immer leiserer Stimme, dafür war ihre laut geworden. Sie wusste noch genau, dass sie richtig energisch geworden war, die Worte flogen nur so über das Brett. Ihre Angst hatte ihnen Drall gegeben.

»Wir gehen alle in Lissabon aufs Schiff. Nach Amerika, Benji! Und dann bleibt immer noch Zeit für Fisimatenten.«

»Keinesfalls zu spät.«

»Na, wie steht es mit deinen Springern? Sie wiehern doch sonst immer vor Ungeduld, sich mit meinen herumzubeißen –«

Aber es hatte alles nichts genutzt. Die Kunde von ersten Selbstmorden war zu ihnen gedrungen, Internierte hatten sich auf der Flucht vor den Deutschen das Leben genommen, und von da an war nie mehr etwas Kampfeslustiges über Benjis Lippen gekommen. Mitten im Spiel, zwischen zwei Zügen, hatte er sich an die Brust gegriffen, sich über sein Herz gewundert, wie schwach es geworden sei. Wenig später soll er bei Bekannten mit all seiner Höflichkeit herumgefragt haben, ob denn vielleicht jemand Gift für ihn hätte, aber das erfuhr sie erst nach seinem Tod.

Beim letzten Treffen hatte Benji seine schwarze Ledertasche dabei. Die eine Hand drückte sie vor die Brust, die andere öffnete sie und zog umständlich und hastig zugleich etwas heraus.

»Nimm das mit.«

Ein Nichts, das Papier, keine normalen Blätter, sondern längliche Zettel, grau, orange, weißlich. Das war alles, was ihre Augen damals erhascht hatten, und natürlich seine winzige Schrift. Auf hoher See hatte sie die Dinger herausgeholt, der Umschlag war zuunterst in der Tasche gewesen, die dort unter dem Fenster stand, das war ihr ganzes Gepäck, Leibwäsche, Kleidung, mehr nicht. Sie würden ganz neu anfangen, in neuen Kleidern, sobald sie Geld hätten.

Als Heinrich sich im Halbschlaf umdrehte und mit der Bettdecke auch ihre Hand bewegte, wippte das Telegramm.

»That’s Pacific Time Zone, Madam.«

Der junge Mann auf dem Telegrafenamt hatte sie freundlich angeblickt, nachdem sie ihm den Zettel mit dem Text und Günthers Adresse wortlos rübergeschoben hatte. Er sollte als Erster erfahren, dass sie in Sicherheit waren. »Pacific.« Sie sagte das neue Wort leise vor sich hin. »Pa-ci-fic.« Ja, da auf dem »ci« machten die Buchstaben einen kleinen Luftsprung.

»Los Angeles. Three hours difference.«

Was bedeuteten drei Stunden Zeitdifferenz in Kilometern? Sie wusste nur, dass die Reise über den Atlantik Tage gedauert hatte, also konnte es doch von New York aus nicht mehr so weit bis nach Kalifornien sein. Heinrich atmete noch immer tief, aber irgendwie anders, weil sein Kopf steiler angewinkelt war als sonst. Die Kissen hier waren fester als alles, was sie aus europäischen Betten kannte. Bestimmt keine Gänsefedern.

Sie sog die Luft ein. Auch hier roch der Mai nach Blättern und Blüten, obwohl der Erdboden weiß Gott wie tief unten sein musste. Da, schon wieder, die Tonfolge, melodielos und nüchtern, so pfiffen doch nicht etwa die dicken Eichhörnchen, die sie schon im Hafen gesehen hatte? Eine kleine Ankunftsfreude für die armen Kinder, die auf dem Schiff gewesen waren, manche ganz allein.

Egal, sie würde es schon rausfinden und beschloss, das Tier einstweilen Pacific zu nennen, wrong word, aber wenigstens Englisch.

So schnell und so gut wie nur möglich will ich’s lernen, dachte sie, und mein Latein wird mir helfen, so viele Wörter haben lateinische Wurzeln. Englisch ist das Allerwichtigste, solange Mutt noch nicht hier ist und ich mich um sie kümmern muss. Hoffentlich schafft sie’s bald rüber.

Bis es so weit wäre und Martha mit ihnen in Manhattan lebte, war sie frei und musste nicht unbedingt in der Stadt bleiben. Im Sommer könnte sie als Hausangestellte bei einer amerikanischen Familie arbeiten, vielleicht sogar in einem Ferienort an der Küste. Dann würde sie noch etwas dazuverdienen, und sie könnten der jüdischen Hilfsorganisation für Flüchtlinge das geborgte Geld zurückzahlen.

»Amerikaner leben nicht auf Pump«, hatte Heinrich gesagt. Sie setzte sich vorsichtig auf, zog die Beine an und öffnete das Schreibheft auf ihren Knien.

Recht und Freiheit
Brüder zagt nicht
Vor uns scheint das Morgenrot.

Sie setzte den Stift ab und las, was sie geschrieben hatte.

Wie revolutionär! Hebung, Senkung, Hebung, Senkung, so wird seit Jahrtausenden erzählt, dachte sie, wie in der Schiffskajüte, rauf und runter, rauf und runter. Sie spürte das Schaukeln noch in den Gliedern. Auf der Pritsche liegend war es ja ganz schön gewesen, aber an Deck, da war ihr mehr als einmal speiübel geworden.

Sie las die zwei Zeilen jetzt halblaut, unter der Decke wippten die Füße mit. Nanu, ein Kampflied im Volksliedton, das könnte eher von einem Russen während der Oktoberrevolution sein, aber es passt zum neuen Leben als Jüdin auf dem neuen Kontinent. Ri-wol-juschn. Oder re-wol-juschon?

Beim Wippen waren noch ein paar Zeilen aufs Papier gesprungen.

Recht und Freiheit
Brüder wagt es
Morgen schlagen wir den Teufel tot

»Was tanzt du denn schon so herum?«

Heinrich war nun wach geworden, drehte sich zu ihr und schlug ein wenig die Decke auf. Sie legte die Hand auf sein Haar. Er streckte seinen Hals, nahm ihr Ohrläppchen zwischen die Lippen, zog ein wenig daran und ließ es wieder los.

»Und ganz ohne mich? Sag mir zuerst mal, wie man hier Schnupper sagt.«

»Hör zu, meine erste Strophe.«

Sie las vor und musste laut lachen. Da spürte sie, wie Heinrichs Kopf sich von ihrer Brust hob, wie ihr Kinn sanft, aber bestimmt gedreht wurde, bis er ihr in die Augen schauen konnte.

»Nimmst den Mund aber ganz schön voll, du – gib mir einen Kuss.«

Monsieur war drollig. Gedichte kommen doch auf Taubenfüßen.

»Stups, wir haben überlebt!«

Sie schlüpfte aus dem Bett und ging ans Fenster.

»Alles neu macht der Mai, macht die Seele frisch und frei. Schau nur, nigelnagelneue Blätter! Nur Schnupper bleibt Schnupper.«

*

Sie kam mit ihrem Frühstückskaffee ins Zimmer zurück und holte den Umschlag aus der Tasche unter dem Fenster. Heinrich wollte ins Badezimmer, hatte gebrummelt, das dauere ja eine Ewigkeit, die sollten mal hinnemachen, diese anderen Mieter. Nur die Küche war frei gewesen, obwohl sie ebenfalls von den anderen mitbenutzt wurde.

Sie setzte sich aufs Bett, hier war Platz, hier konnte man Benjis Zettel ausbreiten. Sie klaubte sie aus dem Umschlag, einen nach dem anderen, ganz vorsichtig, und legte sie nebeneinander. Betrachtete Benjis Schrift, pfefferkorngroß, drehte einen Zettel um und sah auf der Hinterseite die Briefmarke. Helvetia. Der Schweizer Absender, eine Zeitung in Basel, dann diese liebe Adresse, Monsieur Walter Benjamin und 10, Rue Dombasle und Paris 15e.

Wie hingen die Zettel eigentlich zusammen? Nicht alle waren nummeriert. Das sind ja Umschlagbänder einer Zeitung, die Benji abonniert hatte. Seine allerletzten Skizzen, hatte er wirklich kein anderes Papier mehr gehabt? Unglaublich.

Ein Bild aus Kindertagen stieg in ihr auf, sie war vielleicht sieben oder acht gewesen, wie immer allein mit Mutt am Küchentisch, sie hatte Buntstifte und heiße Wangen und war über einen Karton gebeugt, so herrlich selbstvergessen, nur mit sich und den Farben. So ein Gefühl schenkten ihr heute nur noch Gedichte. Mutt hatte diese Kartons, die in Strümpfen oder zwischen Leibwäsche steckten, für sie aufgespart.

Genau so kam ihr das mit Benjis Zetteln vor. Papierstreifen, für nichts mehr gut, aber Benji hatte darauf das Allerwichtigste hinübergerettet.

Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen war, dass er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte.

Der Zwerg hatte sich nach Deutschland geschlichen. Dort hauste er nun in einer Puppe, die aber in Wirklichkeit ein Automat war und jeder darin ein Rädchen, ein Schräubchen. Ein Ding, das wie von selbst lief und jedem gefiel, der das bloße Funktionieren liebte.

Der Zwerg hatte sich auch als Zöllner verkleidet und Benji abgepasst, an der spanischen Grenze, aber nicht, um ihn unter sein Dach einzuladen, damit Benji alles aufschreiben könnte, was er wusste. Benji muss in Todesangst gewesen sein, aber in der letzten Nacht hatte er den Zwerg und den Zöllner und alle zusammen schachmatt gesetzt. Überlebt hat Benji nicht, aber doch das Schlimmste überstanden, das schon.

Unfassbar, was da offenbar in den Lagern geschah.

Auf dem Flur hörte sie Heinrich pfeifen. Dann ist ja alles in Butter, dachte sie und legte die Zettel vorsichtig in den Umschlag zurück. Ich bringe sie so bald wie möglich ins Institut für Sozialforschung, zu Wiesengrund. Wie kann man nur so heißen. Egal, Hauptsache, er handelt, schließlich ist er Benjis literarischer Nachlassverwalter. Der Text auf diesen Zetteln muss schnellstmöglich veröffentlicht werden. Ein Gebot der Stunde! Adorno müsste das auch so sehen, hoffte sie, so wenig sie ihn sonst leiden konnte.

Heinrich trat frisch rasiert ins Zimmer und bot ihr seinen Arm an.

»Na, gehen wir uns die Welt anschauen? Rumschnuppern in Amerika?«

*

Es war kalt geworden. Sie zog Mutts Strickjäckchen über. Nur zu dumm, dass Martha nicht all ihre schönen Wollsachen aus Paris hatte mitbringen können. Fünf Monate war ihre Ankunft nun schon her, und als Mitte Oktober der erste Frost gekommen war, hatte man ihnen gesagt, das sei hierzulande nichts Ungewöhnliches. Aber Anfang November der erste Schnee?

Winterschuhe waren ein Muss, wenn New York sein grimmiges Gesicht so früh zeigte. In Halbschuhen kam sie durch den Matsch nicht bis zur Redaktion, das Subway-Ticket wäre vom Honorar abgegangen, und überhaupt würde Mutt schon was finden, was im Aufbau als dirt cheap angepriesen wurde. Das deutschsprachige Wochenblatt war die einzige Zeitung, die Martha lesen konnte, und die Inserate waren ihr Eldorado. Mit siebenundsechzig war sie nicht mehr die Jüngste, das Klima setzte ihr zu, im Sommer die Hitze und im Winter bestimmt auch die Kälte.

»Hannahlein, dieses Land, auch wenn man nichts täte, macht einen todmüde.«

Sie versuchte, sie zu trösten, wenn’s schlimm war, oder gab ihr eine Aufgabe, um sie abzulenken. Briefe an Bekannte drüben schreiben beispielsweise, weil sie keine Zeit dazu hatte. Es ist nun mal nicht damit getan, dass man es rübergeschafft hat, dachte sie, setzte sich an den Tisch und knipste die kleine Lampe an. Heinrich schlief schon, im Zimmer nebenan war es ebenfalls still. Sie wollte den Artikel noch einmal überfliegen, der Titel Die jüdische Armee – Kurt Blumenfeld kämpft für den Beginn einer jüdischen Politik war viel zu lang, immerhin war das ihr erster Text in einer amerikanischen Zeitung, natürlich auf Deutsch.

Die Verteidigung Palästinas ist ein Teil des Kampfes um die Freiheit des jüdischen Volkes. Der jüdische Lebenswille ist berühmt und berüchtigt. Berühmt, weil er einen in der Geschichte europäischer Völker verhältnismäßig langen Zeitraum umspannt. Berüchtigt, weil er in den letzten zweihundert Jahren zu etwas ganz Negativem zu entarten drohte: zu dem Willen, um jeden Preis zu überleben.

Das jüdische Volk begann einem Greise zu ähneln, der im Alter von 80 Jahren mit sich selbst die Wette abschließt, es auf 120 Jahre zu bringen, und der nun mithilfe einer ausgeklügelten Diät und unter Vermeidung jeder Bewegung mit dem Leben abschließt, um sich dem Überleben zu widmen. So lebt er von einem Geburtstag zum andern und freut sich auf diesen einen Tag des Jahres, an dem er den erstaunten und nicht mehr ganz wohlwollenden Verwandten zurufen kann: Siehst du, ich habe es wieder mal geschafft.

Hitler ist augenblicklich damit beschäftigt, diesem Greis das Lebenslicht auszublasen. Es ist unser aller Hoffnung, dass er sich irrt: dass er es nicht mit Greisen, sondern mit Männern und Frauen eines Volkes zu tun bekommt.

Sie spürte die eiskalte Luft an den Füßen, Heinrich hatte das Fenster ein wenig offen gelassen. Warum, um Himmels willen, wo wir doch schon tagsüber meistens keine Heizung haben! Sie stand auf, schob es ganz herunter und setzte sich wieder an den Text.

Eine jüdische Armee ist keine Utopie, wenn Juden aller Länder sie verlangen und bereit sind, in sie einzutreten. Utopisch aber ist die Vorstellung, wir könnten in irgendeiner Weise von der Niederlage Hitlers profitieren, wenn diese Niederlage nicht auch uns verdankt ist. Nur der wirkliche Krieg des jüdischen Volkes gegen Hitler wird dem fantastischen Gerede vom jüdischen Krieg ein Ende – und ein würdiges Ende bereiten.

Sie hielt einen Moment inne. Diese Schaffung einer jüdischen Armee war Kurts Anliegen, aber sie unterstützte es voll und ganz. Für Kurt gab sie alles.

Wie im menschlichen Leben die Fixierung an einen Menschen das Zerrbild und der Ruin der Freundschaft ist, so ist in der Politik die bedingungslose Identifikation der eigenen Sache mit der Sache eines Andern das Zerrbild und der Ruin des Bündnisses.

Gestern hatte sie Kurt zum Kaffee getroffen, anschließend waren sie spazieren gegangen. Sie kannte die Stadt schon besser, aber noch lange nicht gut genug. Arm in Arm waren sie durch den Bryant Park gegangen, debattierend und diskutierend.

Natürlich waren sie sich nicht nur einig gewesen, aber in New York war ihnen beiden bewusst geworden, dass sie sich nicht leisten konnten, ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen.

Juden sind heute wie besessen von der fixen Idee ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit. Teils hoffen sie damit noch einmal von der Bühne der Politik abtreten zu können, teils sind sie ehrlich verzweifelt, einer machtlosen und anscheinend völlig entpolitisierten Gruppe zuzugehören. Auch wir sind von der Krankheit, die die europäischen Völker befallen hatte, nicht verschont geblieben: von der Verzweiflung, der zynischen Enttäuschung und der eingebildeten Hilflosigkeit.

Das darf so bleiben, besonders die Anekdote mit dem Greis war stärker als alle Argumente, und auch sonst hatte sie mit ganz wenigen Worten das Wichtigste gesagt. Freiheit ist kein Geschenkartikel, das wäre wirklich ein guter Titel, nur eben nicht sachbezogen genug. Sie kürzte den Titel und ließ nur Die jüdische Armee – der Beginn einer jüdischen Politik? stehen, dann steckte sie die Blätter in den Umschlag zurück.

Heinrich seufzte versunken.

»Ist ja alles gut«, sagte sie leise.

Morgen musste er ganz früh in einen dieser Vororte fahren, deren Namen er nicht aussprechen konnte. In der dortigen Chemiefabrik gebe es einen Job, er wolle sich vorstellen, hatte er beim Abendbrot gesagt.

Sie stützte den Kopf in die Hände und begann, mit den Worten zu spielen. Still und ohne zu wippen. Es würde auch so gehen, nur sachte hin und her, hin und her. Eine Hand löste sich, die Finger nahmen den Stift und machten die Bewegung mit.

Einmal dämmert Abend wieder,
Nacht fällt nieder von den Sternen,
Liegen wir gestreckte Glieder
In den Nähen, in den Fernen.

Das schreib ich auf, bevor es entwischt. Sie zog das Heft unter dem Papierstapel hervor. Als sie es aufschlug, fiel ein Zettel heraus.

Ach, Scholems neue Adresse, da ist er ja, der Schlawiner, hier hab ich den Zettel also abgelegt. Vor ein paar Tagen hatte sie ihn vergeblich gesucht. Sie hatte sich so allein gefühlt, nachdem der Bescheid aus dem Institut gekommen war, man wage es nicht, Benjamins Text zu drucken.

Unverschämt, die Nachlassverwalter weigern sich, den Text zu drucken! So schrecklich verzweifelt und verängstigt war sie gewesen. Und so wahnsinnig wütend, dass sie sie alle glatt hätte erwürgen können. Heinrich war nicht erstaunt gewesen. Er mochte es, wenn sie glühte, sogar vor Zorn. Typisch Monsieur.

Du erschrickst, herrlich, bezaubernd und süß, mit der blitzschnellen Reaktion deiner prächtigen Wut, mit deinen funkelnden Augen und heftigen Gebärden, und ich weiß, dass und wie ich mich im nächsten Augenblick über dich werfen werde, rasend stolz, dich zu besitzen.

Aber sieh mal, das ist doch alles Pfaffengezänk.

Natürlich hatte Heinrich recht, aber Pfaffengezänk hin oder her. Benji war ganz neuen Sachen auf die Spur gekommen und hatte sie auf diesen Zetteln notiert, das musste doch ein Blinder sehen.

So was darf nicht herumliegen, sondern muss gedruckt werden. Sofort. Sonst zahlt Benji doch etwas sehr teuer für seine Ruhe und Sicherheit.

Wenn Scholem ein gutes Wort bei Wiesengrund einlegen würde, wäre das hilfreich. Sie wollte ihn darum bitten, denn sie fand es schlimmer als sinnlos, selbst mit Wiesengrund zu verhandeln.

Zum letzten Mal hatte sie Scholem noch auf der Flucht geschrieben, nur kurz, um ihm mitzuteilen, dass Benji sich das Leben genommen hatte. Dieser Zettel war also ein höchst willkommener Anlass, ihm gleich auch noch ihre Adresse mitzuteilen.

Schnell notierte sie ihre neuen Verse im Heft. Dann nahm sie ein Briefpapier und begann zu schreiben.

Hannah Arendt-Bluecher
317 West 95th Street
New York, N. Y.

Lieber Scholem –

Der Nachname war ihr lieber, denn der war gleich geblieben. Sie hatte Scholem noch als Gerhard gekannt, aber den Namen hatte er in Palästina abgelegt wie einen zerrissenen Kittel und sich Gershom genannt.

Die meisten deutschen Juden hatten ihre alten Namen abgelegt, nur Kurt Blumenfeld war auch in Jerusalem Kurt Blumenfeld geblieben. So bin ich geboren, und so werde ich auch sterben, hatte er mal gesagt. Kurtchen war ein Jude ganz nach ihrem Geschmack. Einer, der sich nicht dafür entschuldigte, dass es ihn so gab, wie es ihn gab. Sie schrieb weiter.

Bin vielleicht überhaupt nicht allzu sehr qualifiziert für eine Darstellung von Benjamins Entscheidung, da ich so wenig mit einer solchen Möglichkeit je gerechnet hatte, dass ich noch wochenlang nach seinem Tode das Ganze für eine Art Emigrantenklatsch gehalten habe. Und dies, obwohl wir gerade in den letzten Jahren und Monaten sehr nahe befreundet waren und uns regelmäßig sahen.

Wieder dachte sie mit Wehmut an die gegenseitigen Besuche in Paris und wärmte sich die Hände unter dem kleinen Lichtkegel. Sie sah die Wohnung noch vor sich, die sie endlich für sich, Heinrich und Mutt gefunden hatte, nicht nur ein Zimmer wie hier in New York.

Rue Brancion!!!, ein Ausrufezeichen war zu wenig für diese wunderbare Wohnung im selben Arrondissement wie Benjis.

Er hatte sie in Paris mit seinen Freunden bekannt gemacht, alles Flüchtlinge, bis auf Sartre und ein paar andere. Die einen hatte sie bereits kennengelernt, Brecht zum Beispiel, andere wie Arnold Zweig hätte sie nicht wiedersehen wollen. Heinrich, damals noch Kommunist, hatte Benji in »seine Sache« einweihen wollen, genauso wie Brecht, der dasselbe versuchte, aber Benji war schon auf einer anderen Spur gewesen.

»Ich lerne Jude, weil ich endlich begriffen habe, dass ich einer bin.«

Typisch Benjamin. Aber auch er hatte erst durch die Umstände realisiert, dass es eine jüdische Assimilation nicht gab, dass er einer von uns war – und es immer bleiben würde. Sie alle waren eben Kinder aus assimilierten Elternhäusern und erst spät auf die Welt gekommen. War es ihr denn anders ergangen? Auch sie hatte sich zunächst an der Rahel abarbeiten müssen. Fast dreihundert Seiten lang hatte sie mit dem verzweifelten Strampeln der Varnhagen hinauf zum Parvenü gerungen.

Weiß Gott, ob das noch je ein Buch werden könnte! Aber Rahels späte Einsicht hatte ihr jedenfalls auf die Sprünge geholfen, nämlich dass die Hoffnung, je aus dem Judentum herauszukommen, bis in alle Ewigkeit vergeblich wäre. Und dann war Kurt gekommen, der Erzzionist, und hatte den Groschen bei ihr zum Fallen gebracht. Zum ersten Mal hatte sie es gesagt.

»Paria, lieber bin ich Paria.«

Warum eigentlich, fragte sie sich jetzt, hatte sie diesem Wiesengrund Benjis Papierstreifen übergeben? So was Dummes! Hastig schrieb sie weiter.

Das Institut hat den Nachlass, wagt aber vorläufig nichts in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Ich frage mich, ob man nicht die geschichtsphilosophischen Thesen unabhängig davon bei Schocken herausgeben könnte. Benjamin hat mir das Manuskript geschenkt, und das Institut hat es erst durch mich erhalten.

Lieber Scholem, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, und ich habe es so genau wie möglich und so kommentarlos wie möglich getan. Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße von Monsieur und mir, Ihre Hannah Arendt.

Scholem hatte ein Manuskript ihres Rahel-Buchs. Da alle anderen Exemplare verloren gegangen waren, bat sie ihn im Postskriptum, es ihr zu schicken, die Auslagen würde Kurt ihm zurückerstatten. Rahel war das Porto wert, auch wenn das Buch noch nicht gedruckt war. Auf Rahel und ihre teuer errungene Lebenserkenntnis würde sie in Zukunft am allerwenigsten verzichten wollen. Sich anpassen, um dazuzugehören, ohne je dazugehören zu können. Bestimmt würde das auch in Amerika ihr Thema bleiben. Sie wollte bei der Aufbau-Redaktion vorsprechen und vielleicht auch bei den jüdischen Zeitschriften, die Kurt ihr empfohlen hatte, dem Menorah Journal und anderen, Hauptsache, sie würde frei schreiben und etwas damit verdienen können.

Sie faltete den Brief, legte ihn zur Seite, hielt noch einmal ihre Hände unters Licht, als wäre es eine Wärmelampe für Küken. Abwechselnd blickte sie auf ihre Verse und den Brief, den sie gerade geschrieben hatte. Scholem, dieser blinde Passagier in meinem Heft, dachte sie und nahm den Stift wieder zur Hand.

Ferne Stimmen, naher Kummer
Jene Stimmen jener Toten,
Die wir vorgeschickt als Boten
Uns zu leiten in den Schlummer.

Aus den Versen kam Trauer. Seit Benji nicht mehr da war, brauchte sie ihn nie zweimal zu rufen. Sie las die Strophen noch einmal und fühlte, dass er da war.

Da fehlt nicht mehr viel, höchstens noch eine Strophe, dachte sie und schrieb W.B. darüber. Knipste das Licht aus, schob das Fenster ein wenig hoch und legte sich mit eisigen Füßen zu Heinrich unter die Decke.

3 Der Traum von eh und je

Tegna, 27. Juli 1975

Sie trat an den Steintisch unter dem Baum. Brötchen, Käse, Früchte, der Kaffee war schon eingeschenkt, alles genauso, wie sie es liebte. Ena würde ihr gleich noch ein weiches Ei bringen. Sie setzte sich, nahm einen Schluck Kaffee und schnitt ein Brötchen auf, da hüpfte ein Rotkehlchen auf die gegenüberliegende Kante des Tisches und legte sein Köpfchen schief. Es schaute drein wie ein Gutachter. Gleich danach landete noch eins, das genau gleich aussah. Ob das Weibchen waren? Die Butter, in der Morgensonne weich geworden, ließ sich gut streichen, der Honig sowieso. Sie biss in ihr Brötchen und genoss die unverkennbare Thymiannote des Honigs. Die Luft roch nach Heu. Traumhaft, dachte sie.

Dann werd’ ich laufen, wie ich einstens lief
Durch Gras und Wald und Feld;
Dann wirst Du stehen, wie Du einmal standst,
Der innigste Gruß von der Welt.

Sie mochte ihre Verse. Vor ein paar Jahren hatte sie sie in ihr Heft notiert. Das waren keine Duineser Elegien, schon klar.

O Bäume Lebens, wann seid ihr winterlich.

Ach, wie sie damals mit Günther über solchen Versen gebrütet hatte. Jetzt, wo sie auf die siebzig zuging, tat ihr das Schlichte und Sommerliche wohler. Etwas in ihr atmete auf, wenn sie an das Mädchen dachte, das durch Gras und Wald und Feld gelaufen war. Damals, als sie das Gedicht geschrieben hatte, war das Mädchen direkt in dieses Gedicht hineingesprungen.

War es dasselbe Mädchen, das sich auch von Martin hatte rufen lassen? Du verrückte Waldnymphe. Auch mit anderen Lockrufen, Küssen und, ja, vor allem mit Gedichten. Die Waldnymphe war nun alt geworden, und durch sie beide hatte sich ein halbes Jahrhundert gezwängt. Unfassbar wahr und nicht mehr wahr.

Der Traum von eh und je

Worauf reimt sich eigentlich dieser Vers? Oder ist der gar nicht aus diesem Gedicht? Sie erinnerte sich nicht und schnippte dem Rotkehlchen eine Krume zu. Es flatterte kurz auf, setzte sich aber gleich wieder. Wie eine Kugel saß es auf seinen Beinchen, drückte das schief gelegte Köpfchen in den kleinen feuerroten Latz auf seiner Brust und beäugte die Gabe. Wirklich hungrig war es offenbar nicht, bestimmt hatte es schon mit anderen Hotelgästen gefrühstückt.

Sie ließ sich das Frühstück fast immer als Letzte bringen. Genussvoll biss sie noch einmal in ihr Brötchen, nahm einen Schluck Kaffee und setzte die Tasse ab. So ein Honigbrot gibt’s nur hier, dachte sie und leckte sich die Finger. Irgendwo schrie eine Katze, es klang wie eine Klage.

Da kam ihr Brechts Ballade vom Mazzeppa in den Sinn, die sie zum Todesgesang auf Heinrich bestimmt hatte. Aber Katzen passten doch weder zu Heinrich noch zu Mazzeppa und schon gar nicht zu Brecht. Und noch merkwürdiger, wie sie so was Grässliches auf Heinrichs Tod hatte münzen können. Mazzeppa, der Ehebrecher, hingerichtet auf seinem Pferd, auf das ihn der Ehemann gefesselt hatte. Nach drei Tagen Galopp war Mazzeppa tot.

Drei Tage lang ritt er durch Abend und Morgen
Bis er alt genug war, dass er nicht mehr litt
Als er gerettet ins große Geborgen
Todmüd in die ewige Ruhe eintritt.

Sie hörte die Katze wieder, eindeutig ein Klagelied. Es ging unter die Haut. Wie kommen Sie ohne Ihren Mann zurecht?, hatte Dr. Cox gefragt. Was hätte sie denn sagen sollen.

Ohne Heinrich war das Leben halb leer. Bald fünf Jahre schon lebte sie in der Erinnerung mit ihm, aber erinnerte Lebenslust ist schließlich auch etwas. Lebenslust, so triumphal und ruch- und rücksichtslos wie in Brechts Ballade, das war sowieso nichts für Herzpatienten wie sie.

Damals, in jenem Sprechzimmer vor mehr als einem Jahr, war ihr nichts eingefallen, sie hatte Dr. Cox nur angeschaut wie das Rotkehlchen gerade. Sie war froh gewesen, dass er ihr Schweigen respektiert hatte.

Ihre erste Konsultation bei einem Herzspezialisten, ausgerechnet in Aberdeen, aber sie mochte Dr. Cox, und das war schon viel, sehr viel! In ihrem Alter konnte man nicht mehr hoffen, noch Freunde fürs Leben zu finden.

»You see, Mrs. Arendt, hier sieht man Ihren Infarkt.«

Kein Röntgenbild machte sichtbar, was seit Langem schon hinter ihrem Brustbein drückte, auch das von Dr. Cox nicht. Mit dem Infarkt hatte der Druck nichts zu tun, da war sie sich ganz sicher. Vielleicht konnte sie ihn in Worte fassen, die Frage war nur, wie. Sie schnitt sich ein Stück Bergkäse ab und schob es in den Mund, köstlich, obwohl er wegen des Cholesterins nur halbfett war. Ena, die genau wusste, was ihr schmeckte, sparte nicht mit Leckerbissen für Herzpatientinnen. Die beste Wirtin der Welt.

»Diese kleine Hebung hier in der ST-Strecke, die indiziert, dass Sie einen Infarkt hatten.«

Sie war in Schottland noch nie beim Arzt gewesen und hatte auch noch nie veränderte EKG-Kurven gesehen, erinnerte sich aber genau an seinen schottischen Akzent. An das schöne gerollte R. Sein Zeigefinger hatte ungefähr in der Mitte der Kurve einen kleinen Kreis gezeichnet, ohne dass sie erkennen konnte, was er meinte. War diese Kurve nicht herrlich in die Höhe geschossen? Sie hatte Gipfel so spitz wie die Dolomiten gesehen und gestaunt, dass ihr Herz solche Stromstöße aussendete, Schlag für Schlag ein Nadelgebirge. Auch Dr. Cox hatte eine solche Sicht auf die EKG-Kurve nicht uninteressant gefunden, nur etwas überraschend bei einer Infarktpatientin.

»Es ist ernst, Mrs. Arendt.«

Dr. Cox hatte ihr erklärt, das Herz sei in Sauerstoffnot geraten, aber leider könne man weder an der Kurve noch auf dem Röntgenbild erkennen, wie groß die Narbe im Herzen sei.

In Aberdeen hatte niemand mit so was gerechnet. Nur zu dumm, dass es ausgerechnet dann passiert war, als sie über das Wollen gesprochen hatte, mitten im Satz. Natürlich war es gravierend, dass sie ihre Vorlesung mittendrin hatte abbrechen müssen, aber das ließe sich nachholen, hatte man sie beruhigt.

Sie zog das Tellerchen mit dem Eierbecher zu sich heran, das Ena mit Salz und Pfeffer gebracht hatte und nicht mit dieser Streuwürze, die für Enas Schweizer Gäste obligatorisch war. Sie mochte das gelbe Zeug nicht. Da weiß man nicht, was drin ist. Sie klopfte mit dem Löffel, bis sich die ersten Risse zeigten, dann klaubte sie vorsichtig die Schale weg, schaute die Eiweißkuppe an, prüfte sie mit dem Zeigefinger und dachte, perfekt, das Eigelb müsste noch weich sein.

»Good news for you!«

Als Dr. Cox ihr das Röntgenbild von ihrem Thorax zeigte, hatte Freude mitgeschwungen. An seine helle Stimme erinnerte sie sich ebenso gern wie an Jaspers Gesicht. Er habe das Röntgenbild aus bloßer Vorsicht gemacht, denn ein Herzinfarkt sei dort ja nicht sichtbar, aber die Form des Herzens schon, die sehe man gut. Mit einem Unterton, den sie nicht recht hatte deuten können, fügte er an, manchmal sehe er unschöne Herzen.

»Really worn out.«

Sie hatte automatisch an ausgelatschte Schuhe denken müssen, aber dann hatte sich seine Stimme wieder ins Helle geschwungen.

»Ihr Herz, Mrs. Arendt, sieht topfit aus, absolutely fine.«

Nun denn, der Spezialist muss es ja wissen, schön, dann ist mein Herz eben schlank und rank geblieben. Nach all dem, was es durchgemacht hat, war das keine Leistung, derer sie sich rühmen wollte. Aber so ein Herz ist eben doch ein Wunder.

Sie stieß den Plastiklöffel ins Eigelb. Genau richtig, cremig warm. Auf Hotelbüfetts mussten die Eier manchmal unerfreulich lang warten, sodass das Eigelb hart und trocken war. Aber nicht so in Enas Reich. Die Rotkehlchen flatterten zu einem Zweig über ihr und schauten auf sie herunter.

Als Dr. Cox und sie das Röntgenbild abgesucht hatten, war es ihr vorgekommen, als schaute sie ihre Lungenflügel zum ersten Mal an. Wäre er jetzt hier, würde sie mit ihm sogar über Lungenflügel und Metaphern diskutieren.

»Noch keine Spur von einem Schatten, weder auf dem linken noch dem rechten Lungenflügel. Deshalb, genau deshalb wäre es jetzt wirklich angezeigt, das Rauchen aufzugeben, Mrs. Arendt.«

Dr. Cox hatte ihr mit seinen starken Vokalen so sanft wie noch kein Arzt ins Gewissen geredet. Sie schob das Tellerchen weg, klappte ihr Zigarettenetui auf und nahm eine aus der punzierten Halterung. Sie steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen, klappte das Feuerzeug auf und schaute zu, wie das Feuer die Spitze zum Glühen brachte. Vielflügler sind wir, und alle Flügel sind innen, ja, das würde sie Dr. Cox sagen, wenn er jetzt hier wäre. Sie blies den Rauch aus.

»Dr. Cox, ich hoffe, dass wir uns auf ein Päckchen einigen können, mindestens eines.«

Sie hatte es Dr. Cox klipp und klar gemacht, aber er hatte ihr ganz ruhig in die Augen geblickt.

»Jeder Infarkt ist ein Warnschuss der Seele.«

Er hatte wirklich Soul gesagt. Ob er die Geschichte von der Seele und ihrer verbotenen Liebe zu Amor und ihrem Kind namens Lebenslust kenne, hatte sie gefragt. Und nicht schlecht gestaunt, als er im Bücherregal hinter seinem Rücken auf die Metamorphosen zeigte. Regelrecht baff aber war sie gewesen, als sie ihm von der geplanten Erholung am Lago Maggiore erzählt und er zu schwärmen begonnen hatte. Ascona-Moscia! Die Casa Eranos! Dr. Cox war fast aufgesprungen, als er sie fragte, ob ihr denn vielleicht der Name Carl Gustav Jung etwas sage, und sie einfach nur mit »und ob« geantwortet hatte.

Sie hatte Jung in Zürich kennengelernt und über Freunde von den Eranos-Tagungen gehört. Manche Referenten waren mit ihr befreundet gewesen, auch Scholem. Sie schnippte die Asche ins Gras und erinnerte sich an die unverhoffte Vertrautheit mit Dr. Cox. Wie Kinder, die ihre Köpfe zusammensteckten und einander ihre Schätze zeigten.

»What a marvelous bunch of spirits!«

Dr. Cox war ganz aus dem Häuschen gewesen, hatte sie verschmitzt angelächelt, sich zum Büchergestell umgedreht und einen Wälzer herausgezogen.

»Göttinnen, meine heimliche Passion! Das hier ist meine Bibel, Die große Mutter von Erich Neumann. Dieses Buch gäbe ich nicht mal Ihnen.«

Erich, ausgerechnet Erich. Die Überraschung war heftig wie ein Schlag, aber sie zeigte ihre Rührung nicht. Das Bild von Erich und ihr hatte sie im Arbeitszimmer stehen, Erich im Clownskostüm, sie in Pluderhosen, leicht an ihn gelehnt, auf dem Maskenball in Berlin. Sie liebte das Bild, weil Erichs Händedruck tief in ihrem Inneren steckte. So hatte sie es in dem Gedicht nach Erichs Tod beschrieben.

Was von Dir blieb?
Nicht mehr als eine Hand,
nicht mehr als Deiner Finger bebende Gespanntheit,
wenn sie ergriffen zum Gruß sich schlossen.

Sie erinnerte sich genau. ’60 war es gewesen. Spät im Jahr hatte sie aus Tel Aviv die Anzeige von Erichs Tod bekommen, dann war das Gedicht entstanden, und im April darauf war sie zur Prozesseröffnung nach Jerusalem gereist. Sie hätte ihn bestimmt besucht, wenn er noch am Leben gewesen wäre.

Eines meiner letzten Gedichte, dachte sie. Seine Hand in meiner, obwohl es diese Hand längst nicht mehr gibt.

»Hätte ich nur seinen Autor kennengelernt, aber ich stieß erst 1961 auf Die große Mutter

Dr. Cox hatte das Buch gehalten wie andere die Thora, nur eben mit bloßen Händen. Sie konnte nur erahnen, welche Rolle Carl Gustav Jung in Erichs Leben gespielt hatte. Aber Erich und sie hatten nie darüber gesprochen. Immer gab es so viel anderes, vor allem Israel.

Sie drückte die Zigarette aus, streckte die Beine und ließ den Blick über die bewaldeten Hügel schweifen, hinter denen Ascona und Moscia und auch der Monte Verità lagen. Wie gut, dass es in Aberdeen den Berg der Wahrheit gegeben hatte. Das Gespräch über die Eranos-Tagungen in Ascona hatte die EKG-Kurve und die Zigarettenrationierung vollkommen verdrängt.

Nicht mal Heinrichs tödlicher Infarkt hatte ihren Lebensstil ändern können, und überhaupt gab es für kluge Menschen würdigere Themen als alternde Körper. Sie war bisher ganz gut damit gefahren, sich manchmal etwas partout nicht einzugestehen. Einmal war eine Depression wieder verschwunden, nachdem sie sie sechs Monate lang einfach ignoriert hatte, vorübergegangen wie die Wechseljahre, mit denen die Depression gekommen war.

Kleine Unehrlichkeiten halfen über manches hinweg. Aber mit dem Rauchen aufzuhören, erschien wirklich zwecklos.

Mit der Zeitung unter dem Arm trat Ena auf die Terrasse, um die Frühstückstische der anderen Gäste abzuräumen.

»Na, noch nicht zu warm hier? Entschuldige bitte, dass ich die erst jetzt bringe, aber ich dachte, du hast sie schon ausgelesen.«

»In der Wochenendausgabe ist doch Futter für die halbe Woche. Sag mal, was ist eigentlich mit dieser Katze los? Die jammert, nicht?«

»Hm, das ist die Katze vom Nachbarn, von dem ist der Honig, den du so magst. Ich weiß auch nicht, aber wenn ich ihn sehe, frage ich nach.«

Sie beugte sich über die Frontseite der Neuen Zürcher Zeitung, sah den russischen Staatschef. Breschnew ließ sie kalt, aber die Samstagsbeilage wollte sie rasch durchsehen. Oft legte sie sich was beiseite oder steckte es in einen Brief. Sie blätterte und hielt nach ein paar Seiten jäh inne.

Aus der Zeitung blickte sie plötzlich Carl Gustav Jung an. Sie dachte zuerst, die Wärme sei ihr doch etwas zu Kopf gestiegen, und ging noch etwas näher ran. Unter dem Foto auf der ersten Seite standen Jungs Lebensdaten. Tatsächlich, 26. Juli 1875. Gestern wäre er einhundert geworden, deshalb diese Sonderbeilage.

Die großen Tiefenpsychologen dieses Jahrhunderts haben ihre Laufbahn als Kliniker begonnen und sich dann, zumeist ohne es selber wahrzunehmen, zu Kulturphilosophen entwickelt.

Der erste Beitrag begann vielversprechend. Mal sehen, was der Literaturprofessor aus England über Kreativität und Gedichte schrieb, auch darüber, wie Jung den Blick auf Literatur und Kunst erweitert hatte. Sie blätterte weiter. Nach den Seiten, die dem großen Jubilar gewidmet waren, ein interessanter Titel.

Die Frage, ob Woyzeck verrückt sei

Der Name des Verfassers, Peter von Matt, kam ihr neu vor. Es sei aufschlussreicher, las sie, wie jemand eine Frage stelle, als wie er sie beantworte, weil er damit, gewollt oder ungewollt, seine Vorentscheidungen offenlege. Sie dachte an die Übung, die sie ihren Studenten immer wieder gab. Fragen stellen. Die Frage zeigte ja, wie und ob der Fragensteller überhaupt dachte.

Sie versuchte, sich zu erinnern, ob Eichmann auch nur eine einzige Frage gestellt hatte. Ist ja nicht die Aufgabe, wenn man im Glaskasten sitzt, dachte sie und klappte die Zeitung zu. Erstaunlich, wie hier im Tessin plötzlich Jung um sie war. Sie schenkte sich Kaffee nach.

Die Psychoanalyse interessierte sie herzlich wenig, seit diese Nabelschau ihre New Yorker Kreise infiziert hatte. Wie konnte man den Leuten nur den Floh ins Ohr setzen, dass man sich selbst kennen kann? Unter ihren Bekannten gab es wirklich welche, die an diese Form der Selbsterkenntnis glaubten, ja, dass sie sogar das sei, was die Antike im Sinn gehabt habe, als sie den Menschen aufforderte, sich selbst kennenzulernen.

Gnothi seauton, erkenne, was du bist. Ein lachhafter Vergleich. Wie kann die Libido unserer Vorfahren der Schlüssel dazu sein, dass wir im Einklang mit uns selbst leben? Dafür ist doch jeder selbst verantwortlich. Sie führte die Tasse mit beiden Händen zum Mund. Der Kaffee war heiß, aber schlürfen wollte sie nicht, sie mochte das Geräusch nicht.

Nun denn, dieses Virus wird mich sicher nicht befallen. Ich bin wirklich kein Gegenstand, der des Nachdenkens würdig wäre, nicht im Geringsten, aber diese Jubiläumsseiten, die könnten doch Dr. Cox interessieren. Sie nahm die ganze Beilage heraus.

Alles Erkennen ist Leben. Wie erstaunlich, dass man die eigenen inneren Organe mit allem Drum und Dran anschauen kann. Denkend durch die Dinge schauen. Den Goldfaden aufblitzen sehen, der alles mit allem verbindet, wenn er in seinem Schiffchen durch den Webstuhl des Lebens flitzt. Mitten durch jeden Einzelnen von uns.

So wie mit der Welt ist es doch auch mit einem Menschen. Wenn man nur seine geistigen Organe durchleuchten und das Leben des Geistes sichtbar machen könnte. Das wollte sie auch in ihrem dritten Band versuchen. Ihre Trilogie war Anatomie mit anderen Mitteln. Sie wollte das Unsichtbare sichtbar machen, mit Begriffen und Bilder zeigen, was das Erinnern, Denken und Vorstellen, das Wollen und Lieben und dann, das Herz von allem, das Urteilen ist.

Neu war das beileibe nicht. Platon und Augustinus und viele andere standen am Weg, und manchmal schien ihr, als winkten sie sie zu sich, ja, der homo interior, das war auch ihr Forschungsprojekt. Neu war nur ihr Motiv, diesen Weg, den inneren Menschen zu beschreiben, noch einmal und ganz neu zu beschreiten.

Sie setzte die Tasse ab, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn auf die verschränkten Handrücken. Diesen neuen Typus Mensch hatte sie in Jerusalem zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen. Die ganze Welt war schockiert gewesen, weil man sich eben was wirklich Monströses vorgestellt hatte. Vielleicht haben sie den falschen Mann erwischt, hatte sie in Jerusalem munkeln hören. Auch sie war nicht darauf gefasst gewesen, auf die Dummheit, die absolut empörende Dummheit von Adolf Eichmann! Ein Mensch wie eine Wand.

Nein, die wichtigsten Augen eines Menschen, seinen entscheidenden Blick, sieht man nicht mal auf einem Röntgenbild, und das wichtigste Gespräch kann ganz unhörbar sein, wenn er es mit sich selbst führt.

Wer hinschaut und über das, was er sieht, nachdenkt, redet mit sich selbst.

Dr. Cox hatte das Stethoskop abgelegt, medizinisch war alles getan, die Untersuchung abgeschlossen. Sein weißer Kittel berührte die Tischplatte, als er sich neugierig zu ihr herüberbeugte.

»Und worüber forschen Sie jetzt? Von dieser Sache in Jerusalem hat man viel gelesen, ziemlich verflixt, reden Sie darüber in den Gifford Lectures?«

Dr. Cox konnte zuhören. Kurzformeln reichten ihm, den Rest reimte er sich zusammen.

»Und Ihre Dissertation, worüber und wo? Das muss doch vor 1933 in Deutschland gewesen sein.«

Intuition mit Empathie, dachte sie, eine unwiderstehliche Paarung bei einem Mann. Wie angenehm, wenn das Gegenüber versteht, wenn es sich in den anderen einfühlt. Walk in someone’s shoes, wie man auf Englisch sagt. Ausgerechnet auf Deutsch musste man sich mit Haut und Haaren in den anderen hineinversetzen.

Sie hatte von Heidelberg, Augustinus und der Liebe erzählt, kein Wort von Martin, dafür von Karl.

»Was für eine Doppelbegabung, dieser Jaspers, Arzt und Philosoph und Professor.«

In Cox’ Augen aufrichtige Bewunderung. Ein Spagat sei das, er selbst habe ja nur zwischen Psychiatrie und Kardiologie geschwankt und richtig entschieden, also gegen die Psychiatrie und für das Herz. Aber das habe ihm erst eine Jungianerin nachträglich bestätigt, vor ein paar Jahren in Moscia.

»Glück, wie es nur den Dummen zuteilwird, Doctor Arendt.«

Sie nahm die Ellbogen vom Tisch und lehnte sich leicht nach vorne, legte ihre Hände im Schoß zusammen und forschte in ihrer Erinnerung. Wie war das noch mal mit dem Bösen? Hatte Cox behauptet, es werde unterschätzt, weil der Westen dazu neige, dem Bösen völlig zu verfallen? Oder meinte er einfach, das Böse werde falsch eingeschätzt, weil Gut und Böse ineinander verflochten seien?

Sie bewegte ihre Finger. Der Ehering glänzte matt in der Sonne. Ja, Dr. Cox hatte die Worte »vom Bösen besessen« benutzt, war erst zu Merlin gesprungen und dann zu ihrem Eichmann-Buch. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rieb sich die Augen, nein, nein, da war doch was mit einem Schizophrenen gewesen. Ein Fall, von dem diese Jungianerin auf dem Monte Verità erzählt und der Dr. Cox die Augen geöffnet hatte.

Die Frau, diese Jungianerin, habe einmal einen Schizophrenen behandelt, der an entsetzlichen Ängsten litt und sich von dunklen Kräften verfolgt fühlte. Es sei ein Kampf mit dem Teufel gewesen, habe sie erzählt, bildhaft gesprochen, denn kein Mensch könne das Böse verstehen. Cox hatte sie angeschaut, als würde er etwas Unerhörtes oder Obszönes wiedergeben.

Geschätzte Kollegen, so habe die Therapeutin ihre Fallbesprechung abgeschlossen, das ist Gott. Was wir das Böse nennen, ist eine Seite Gottes, die ein Mensch nicht fassen kann. Allein das Böse verstehen zu wollen, sei vermessen, habe die Jungianerin gesagt.

Verstehen, nun ja, dachte sie, das mag Hybris sein, aber forschen, sogar einfühlend forschen? Sie setzte das Wasserglas an die Lippen und nahm einen Schluck.

In Jerusalem und im Eichmann-Buch hatte sie nach dem Menschen in einem Verbrecher geforscht, der unfassbarer Gräuel angeklagt war. Im Unmenschen den Menschen sichtbar machen, wie kann das Hybris sein? Aber die Jungianerin sei da hart geblieben, aus Respekt vor dem Nichtverstehen des Bösen, habe sie gesagt. Wenn es mein Schicksal ist, dieser Seite begegnen zu müssen, werde ich nicht Reißaus nehmen, aber wenn ich wählen kann, gehe ich ihr aus dem Weg.

Sie stellte das Glas auf den Tisch zurück und streckte die Hand zum Früchteteller aus. Ein Apfel, Pflaumen und Mirabellen aus Enas Garten, Aprikosen und, quer oben drüber, eine Banane.

Als sie sich eine Aprikose nehmen wollte, rollte eine zweite herunter. Na gut, dann esse ich eben zwei. Sie quetschte die erste, bis sie aufsprang und sich der Stein leicht herauslösen ließ. Steckte sich eine Hälfte in den Mund. Ganz schön saftig.

Staunen und forschen, das war fast dasselbe wie Freiheit und Selberdenken. Eine ganze Biografie lang hatte sie mit Rahel über ihre Welt gestaunt, und ganz besonders, wie sie sich dem Leben ausgesetzt hatte. Was für eine schöne, aufwühlende Arbeit, die sie durch die halbe Welt begleitet hatte.

Anders als die vielen Monate, in denen sie sich mit Eichmann und seiner Welt auseinandergesetzt hatte, obwohl ausgerechnet seine angebliche Befehlsempfängerei ohne jeden eigenen Gedanken sie selbst zum Denken angeregt hatte. Auch Shawn hatte gestaunt und praktisch alles genommen. Fünf Reportagen, und die hatten gleich für das Buch gereicht. Das war dann aber auch genug gewesen. Doch da hatte sie sich getäuscht.

Sie schaute den Wolken zu, die nun über die Hügel zogen. Schön gemächlich und wie von selbst bewegten sie sich am Himmel, als ob nichts sie schieben würde. Wind ist nichts. Was aber leitet einen Menschen auf seinem Weg? Wie bringt sich ein Mensch dazu, immer nur hinter und unter anderen herzugehen, zu folgen und zu gehorchen, was ja auf Deutsch dasselbe bedeutet. So was sollte sowieso glatt verboten sein.

Noch immer liebte sie es, Lebenswege von Menschen nachzuzeichnen, Rahels und Rosas, Roncallis und sogar Eichmanns. Wie setzt sich einer dem Leben aus? Über ihren eigenen Weg hatte sie oft nachgedacht, und einmal sogar in Versen gestaunt, nur für sich selbst. Eigentlich war das ein Gedicht über Kalifornien.

Schlagend hat einst mein Herz sich den Weg geschlagen
durch fremde wuchernde Welt.

Klagend hat einst mein Schmerz den Wegrand bestellt
gegen das Dickicht der Welt.

Schlägt mir das Herz nun,
so geht es geschlagene Wege,

und ich pflücke am Rain,
was mir das Leben erstellt.

Die paar Monate in Berkeley waren trotz der Plackerei mit den Studenten wunderbar gewesen. Die Reise durch die Rockies, die Wüsten, den Pazifik, endlich mal diesen Pacific zu sehen, war unbeschreiblich schön gewesen. Im Westen war es für sie, als hätte das Schöpfungswerk gerade erst begonnen. Die Weite hatte etwas in ihr geheilt. Sie erinnerte sich an die Mexikaner in San Francisco, die ihre Macheten mit sich herumtrugen wie die Weißen ihre Revolver. Dort, in Kalifornien, hatten sich ihre Augen für all das Herrliche in ihrem neuen Leben geöffnet. In der Weite, wo Platz für Wüsten und Canyons, für Meere, Menschen und Mammutbäume war, hatte endlich etwas in ihr zu kämpfen aufgehört und aufgeatmet. Alles ist da. Das Herz muss sich dafür nur öffnen.

Dr. Cox hatte über seine eigene Berufswahl gelächelt, verschmitzt und verlegen zugleich, wie immer, wenn er von sich selbst sprach.

»Verstehen Sie nun, warum ich lieber gegen Hypertonie kämpfe als gegen den Teufel? Als Psychiater wäre ich doch so blöd wie Parzival vor den Rittern gestanden, auch ich hätte einen Götzen für Gott gehalten, und das ist fatal, besonders für einen Arzt. Als Kardiologe stehe ich auf festerem Boden.«

Unter dem Sprechzimmertisch hatte sie ein Geräusch gehört, ein leises Scharren oder Stampfen, als ginge Dr. Cox durchs Unterholz. Als Privatperson sei ihm Parzival schon recht, hatte er gesagt und aufs Tischblatt geblickt. Auch wenn man zu leichtfertig vom gnothi seauton spreche, finde er natürlich auch, dass Selbsterkenntnis wichtig sei. Schließlich würden bittere Pillen zum Weg gehören.

»Aber wer stößt denn schon gern an die eigenen Grenzen. Sie vielleicht, Hannah? Mir sind die Göttinnen jedenfalls lieber. Ihnen zu huldigen, das ist wirklich Balsam!«

Parzival! Was hat der denn mit dem gnothi seauton zu tun? Da scheitert einer an seiner Dummheit und wird am Ende doch noch König. Ein Glück wie nur im Märchen. Plötzlich wusste sie wieder, wie dieser Merlin in ihren Kopf gekommen war.

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