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Was vor dir noch keiner sah – Teil 1

1. Kapitel

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»Leonard Mendel, du kommst jetzt sofort runter!«

Oh, oh, Alarmstufe Rot. Feuerrot!

Vollständiger Vorname plus Familienname. Bedeutung: keinen weiteren Aufschub, sonst drohen unangenehme Konsequenzen.

Das anfängliche grasgrüne »Leo, kommst du? Wir müssen langsam los« hatte sich zunächst in ein entschlosseneres »Leonard, es wird jetzt wirklich Zeit!« gewandelt. Zitronengelb. Ein wenig angesäuert, aber immer noch harmlos. Doch bei Alarmstufe Rot war jede weitere Sekunde in meinem Zimmer ein Zeichen von Lebensmüdigkeit.

In meinem brandneuen Zimmer, das noch nach Farbe und dem frisch verlegten Parkettboden roch. Ich ließ meinen Blick durch den großen lichtdurchfluteten Raum gleiten. Das breite Bett, der dunkle Boden, die grau-grünen Wände, der Wandkleiderschrank. Es war wirklich toll geworden.

Obwohl wir erst seit drei Wochen hier lebten und sich immer noch einige Umzugskartons vor meinen Regalen türmten, fühlte ich mich hier schon wunderbar heimisch. Und ich war sehr erleichtert, meinem alten Zuhause entflohen zu sein.

Aber heute war der Tag, an dem sich alles wieder ändern könnte.

Unter einem tiefen Seufzer warf ich meinem Spiegelbild einen letzten prüfenden Blick zu, schlug von unten gegen den Schirm meiner dunkelblauen Baseballkappe – sodass sie mir im hohen Bogen vom Kopf flog – und tauschte sie erneut gegen die weiße, die ich zuvor schon viermal auf- und wieder abgesetzt hatte. Sie passte doch besser zu der dunklen Jeans und dem olivgrünen T-Shirt, das ich für diesen entscheidenden Morgen ausgewählt hatte.

Polternde Schritte hallten über den Flur; schon riss jemand meine Zimmertür auf. Nein, nicht jemand. Diese brachiale Energie brachte nur einer mit sich.

»Anton, verdammt! Was spricht eigentlich dagegen, das Schild an meiner Tür zu beachten und einfach mal anzuklopfen?«, fragte ich genervt und ließ den Blick an meinem Spiegelbild vorbei zu meinem älteren Bruder schweifen.

Groß und breitschultrig stand er im Türrahmen und musterte mich mürrisch. »Kannst du mir sagen, was du da machst, Leo? In zwanzig Minuten beginnt der Unterricht und Max weiß bis jetzt nicht mal, wo sein Klassenraum ist. Also tu mir einen Gefallen: Beende deine Modenschau und schwing die Hufe, Prinzessin!« Damit drehte er sich wieder um und verschwand.

Ich atmete noch einmal tief durch, schulterte den bereitstehenden Rucksack, verließ mein Zimmer und trabte die Stufen der Holztreppe herab. Oh, verflixt, die Holztreppe!

»Leo, hatte ich nicht ausdrücklich gesagt, dass die Schuhe im neuen Haus hier unten bleiben, im Schuhschrank?«, begrüßte mich meine Mutter mit strenger Miene, bevor sich die gerade Linie ihres Mundes ein wenig entspannte und ihr Blick nachgiebiger wurde. »Komm jetzt, zieh dir was über, hier ist es morgens noch kühl. Und beeil dich, wir sind viel zu spät dran!«

Mein jüngerer Bruder Max versperrte die unterste Treppenstufe. In aller Seelenruhe saß er dort und band die Schnürsenkel seiner Sneakers. Ihn blaffte niemand an.

»Morgen«, brummte er und rutschte beiseite, ohne zu mir aufzuschauen.

»Morgen«, grüßte ich zurück.

»Hallo, Leo!«, rief unsere kleine Schwester und stürmte mir aus dem Wohnzimmer entgegen, gefolgt von unserem Vater. Die beiden Glücklichen liefen als Einzige noch im Pyjama durchs Haus.

»Hi Crash!« Ich beugte mich zu dem rosafarbenen Energiebündel hinab, damit sie mir ihren obligatorischen Guten-Morgen-Kuss auf die Wange drücken konnte. Clara, alias Crash, war das Nesthäkchen der Familie. Mit ihren fünf Jahren genoss sie die Vorzüge eines Vorschulbabys in vollen Zügen. Ihr Kindergarten begann erst in ein paar Tagen.

Nachdem sie ihre Arme um meinen Hals geschlungen und mich mit viel zu feuchten Lippen geknutscht hatte, sah Crash mich mit ihren großen hellblauen Augen an; die blonden Haare kräuselten sich wild und ungekämmt um das sommersprossige Gesicht. »Und, freust du dich schon sehr auf deine neue Schule?«, fragte sie voller Enthusiasmus.

»Ja, schon … irgendwie«, stammelte ich. »Aber weißt du, wenn man älter wird, ist das alles nicht mehr so aufregend.«

»Tss, neunmalkluges Gewäsch!«, raunte Anton unserem Vater zu. »Und das, nachdem er bis vor zwei Minuten noch vorm Spiegel stand und seine Garderobe durchprobiert hat wie ’ne alte Diva.«

Ich holte aus, um ihn zu boxen, doch er wich mir – wie immer – geschickt aus und mein Schlag ging ins Leere. Stattdessen packte Anton meinen Oberarm, zog mich so weit hinunter, dass mir die Kappe vom Kopf fiel, und hobelte mit den Fingerknöcheln seiner geballten Faust schmerzhaft über meine Kopfhaut.

»Au! … Penner!«, rief ich, aber er lachte nur, zog mich wieder hoch und setzte mir die Kappe vollkommen schief auf mein nun hoffnungslos verstrubbeltes Haar. Schnell warf ich einen Blick in den Garderobenspiegel und ordnete notdürftig die wirrsten Strähnen.

Anton verdrehte die Augen. »Ach, komm schon, Leo, hab dich nicht so! Seit wann bist du so empfindlich?«

Als ob er das verstehen würde – mein großer Bruder. Er hatte die Kraft eines Bulldozers und das ungefähre Einfühlungsvermögen einer Brechstange. Für ihn stand an diesem Tag nichts, aber auch gar nichts auf dem Spiel. Ihn hatte man mit seiner offenen Art schon an seiner alten Schule von Beginn an gemocht – und so würde es auch hier wieder sein.

»Ich hole den Wagen«, verkündete unsere Mutter. Beim Öffnen der Haustür blies mir kühle Luft entgegen und überzeugte mich schlagartig, doch nach meiner Jeansjacke zu greifen.

»Also, viel Spaß, Jungs!«, rief unser Vater, bevor er Anton am Ärmel seines Shirts zurückhielt und wartete, bis Max außer Hörweite war. »Ihr beide werft mir ein Auge auf euren Bruder, verstanden?«, wisperte er uns leise zu.

»Ehrensache«, antwortete Anton für mich mit und schlug unserem Vater auf die Schulter. »Der Kurze packt das schon, Papa. Mach dir mal keine Sorgen.« Er kniff die Augen ein wenig zusammen und musterte ihn missbilligend. »Aber sag mal, sind wir nicht deinetwegen hierhin gezogen? Neuer Job und so? Und warum lümmelst du dann als Einziger noch im Schlafanzug herum?«

Mein Vater lachte kurz auf und versetzte Anton einen Klaps gegen den Hinterkopf. Der grinste nur breit.

»Von hier aus ist mein Arbeitsweg viel kürzer«, erklärte unser Vater. »Um halb neun loszufahren reicht vollkommen. Und jetzt raus mit euch!«

»Ts!«, machte Anton wieder, wuschelte Crash im Rausgehen über den Lockenkopf, schubste mich unsanft über die Schwelle und warf die Haustür hinter uns zu.

Ich wusste nicht, ob ich den Gedanken mochte, fortan zusammen mit Anton zur Schule zu gehen.

In unserer alten Heimat Landsberg hatten Anton, Max und ich unterschiedliche Schulen besucht; meine Brüder die Realschule, ich das Gymnasium. Darum hatten sie auch nichts von meinem Chaos der letzten anderthalb Jahre mitbekommen.

Meine Familie wusste nur, dass sich meine schulischen Leistungen in dieser Zeit drastisch verschlechtert hatten. Unsere Eltern waren zu sehr mit dem Hausbau aus der Ferne beschäftigt gewesen, um die Veränderungen in meinem Leben zu bemerken. Und wer gibt vor seinen Eltern schon gerne freiwillig zu, plötzlich zum Klassenopfer mutiert zu sein.

Ich war ihnen dankbar, dass sie bei unserem Vorstellungsgespräch an dem neuen Gymnasium keinen großen Akt aus meiner Rückstufung gemacht hatten. Dann drehte ich eben eine Ehrenrunde, na und?

Anton und Max, die beide den Wechsel zum Gymnasium versuchen wollten, sollten ebenfalls ein Schuljahr wiederholen – Anton das zehnte, Max das sechste. Da fiel meine Rückstufung kaum noch ins Gewicht.

Tja, und heute war er da, der erste Schultag in der 9b des Gymnasiums im Siebengebirge.

Hier waren wir gelandet, in Königswinter am Rhein, am Rande des Siebengebirges, der Heimat unserer Eltern. Mein Vater hatte uns innerhalb der wenigen Wochen, die wir nun schon hier lebten, bereits auf fast alle sagenumwobenen Berge in der Nähe geschleppt. Und da gab es hier nicht gerade wenig von!

»Na, geht’s los?«, rief Frau Burger, unsere neue Nachbarin, von ihrem Balkon herab und zog mich damit aus meinen Gedanken. Freudig bellend sprang ihr kleiner Hund an dem Geländer auf und ab.

Natürlich war Anton am schnellsten mit seiner Antwort. »Ja, Schluss mit Faulenzen«, rief er schulterzuckend. »Leider!«

»Na, dann wünsche ich euch viel Spaß, Jungs! Und macht euch keine Gedanken, der erste Schritt ist immer der schwerste. Heute Mittag seid ihr schon nicht mehr fremd.«

Was bestimmt ermutigend gemeint war, bewirkte genau das Gegenteil bei mir. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

»Leo, geht es dir gut?«, erkundigte sich meine Mutter mit einem besorgten Blick in den Rückspiegel.

»Passt schon!«

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