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Was uns glücklich macht

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Mike Greenberg

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Roman

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Petra Lingsminat

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch ist zum Andenken an

Heidi Armitage geschrieben.

Und es ist den besten Freundinnen gewidmet,

die man sich nur wünschen könnte:

Stacy Steponate Greenberg, Jane Green Warburg und

Wendy Gardiner, die drei Engel für Heidi.

Jetzt und für immer

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Wichtig ist, dass man lebt, bevor man stirbt.

Das kann ein echtes Abenteuer sein, richtig zu leben.

John Irving,

The World According to Garp

Brooke

Wessen Hintern ist das?

Meiner jedenfalls nicht.

Das habe ich gedacht, als ich hingesehen habe. Also, richtig hingesehen habe.

Ich habe einen tollen Hintern. Hatte ich schon immer. Das weiß ich seit meinem ersten Studienjahr in Colgate, als ich der Studentinnenverbindung Tri Delta beigetreten bin und an meinem ersten Abend dort zwei Plastikbecher Kirschpunsch mit Schnaps getrunken und einem süßen Sigma Chi erlaubt habe, mich beim Tanzen zu küssen. Er hieß Paul Didier und hatte sehr kurzes, kastanienbraunes Haar und blaue Augen. Er war so ein bisschen unbedarft, was angeheitert nicht ganz so nervig war wie am nächsten Tag nüchtern, als er mit einem Dutzend Rosen in meinem Wohnheim auftauchte. Damit war er erledigt. Süß und unbedarft ist okay zum Tanzen und für leicht nasse Küsse, aber das war’s dann auch. Für Rosen jedenfalls nicht.

Als er merkte, wie wenig ich von seinen Blumen begeistert war, tat er mir dann doch leid. Er sah aus wie ein Hündchen, das ins Zimmer gepinkelt hatte und sich nun nichts sehnlicher wünschte, als die Zeit zurückzudrehen und das Malheur ungeschehen zu machen. Aber Hunde können nun mal keine Pfützen aufwischen, und dumme Jungs können nicht so tun, als hätten sie dir nach einem Abend besoffener Knutscherei keine Rosen gekauft.

»Weißt du, ich bin auch neu«, stammelte er und sah mit jedem Augenblick mehr aus wie ein Hündchen, »und ich kenne hier niemanden. Ich komme aus dem Mittleren Westen, und ich finde, du bist das coolste Mädchen, das ich je gesehen habe.«

»Danke«, sagte ich im selben Tonfall, in dem ich auch das Hündchen getadelt hätte. »Es kommt mir nur ein bisschen voreilig vor.«

»Ich weiß«, sagte er und ging zur Tür. Beim Rausgehen hatte er die Rosen immer noch in der Hand. Dann drehte er sich wieder zu mir um, blinzelte im hellen Sonnenschein des klaren Septembermorgens. »Du hast einen tollen Hintern, Brooke. Das wollte ich dir unbedingt sagen. Ich bin froh, dass ich’s gemacht habe.«

Das gefiel mir, so abgeschmackt es auch war. Ich wartete eine angemessene Zeitspanne, lief ihm dann in den Hof nach und entriss ihm von hinten die Rosen.

»Was meinst du, wohin du die jetzt mitnimmst?«, fragte ich ihn.

Das unbedarfte Grinsen tauchte wieder auf, und er tat einen zögerlichen Schritt in meine Richtung. »Kann ich dich demnächst mal anrufen?«, fragte er.

»Ja, kannst du«, sagte ich, drehte mich auf dem Absatz um und marschierte davon. Mir war klar, dass er mir nachstarrte. Ich drehte mich aber nicht zu ihm um, nie im Leben. Meine Mutter hat mich schließlich ordentlich erzogen.

Als ich wieder in meinem Zimmer stand, die Rosen achtlos aufs Bett geworfen, lüpfte ich meinen Pulli von Benetton und betrachtete mich über die Schulter in dem Ganzkörperspiegel, den meine immer völlig zugedröhnte Mitbewohnerin an die Rückseite unserer Tür geklebt hatte.

Er hatte recht. Ich hatte einen tollen Hintern.

Das war vor zwanzig Jahren. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Hintern seither begutachtet habe. Ich glaube, die restliche Studienzeit habe ich immer an den süßen Hündchenjungen gedacht (von dem ich mich noch zweimal habe küssen lassen, ehe ich ihn in die Wüste schickte) und einfach gewusst, dass mein Hintern toll aussah. Und dann habe ich Scott kennengelernt, und seit unserer ersten gemeinsamen Nacht gibt er mir das Gefühl, schön zu sein. Das tut er noch heute, auch nach der Geburt der Zwillinge und dem Kaiserschnitt und nach all der Hundekacke und dem Katzendreck und den Magen-/Darmgrippen, dem Mundgeruch, dem Schlaf in den Augen und den Fürzen, die alle Gift sind für die romantischen Gefühle in einer Ehe. Er zwinkert mir immer noch genau im richtigen Moment zu.

Ich liebe es, wenn er mir zuzwinkert. Wenn er zwinkert, bin ich wieder seine Freundin, die supertolle Debütantin, in die er sich so heftig verliebt hatte, dass er ihr nach dem ersten Date auch ein Geschenk kaufte. Nicht ein Dutzend rote Rosen, nein, noch kitschiger: einen Kalender mit Fotos von exotischen Orten, wo er mit hellblauem Filzer an willkürlich ausgewählten Tagen gemeinsame Vorhaben eingetragen hatte.

»Na, der ist wohl erledigt«, hatte meine Freundin Charlotte gemeint, als ich ihr den Kalender zeigte.

»Ach, ich weiß nicht«, sagte ich, und ich habe dabei wohl glücklicher gelächelt, als ich dachte, denn Charlotte erwiderte das Lächeln, und in diesem Moment war uns beiden einfach klar, dass ich diesen hier heiraten würde. Und das tat ich dann auch. Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Und jetzt wird er vierzig, und ich habe noch eine Entscheidung getroffen, nur dass die vielleicht die schlimmste meines Lebens sein wird.

Die Idee habe ich von meiner Freundin Ingrid, einer Schwedin, die wunderschön ist und früher mal gemodelt hat. Vor ungefähr einem Monat saßen wir nach dem Tennis beim Kaffee, als sie sich plötzlich an die Stirn schlug.

»O Scheißer!«, sagte sie, mit diesem schwedischen Akzent, durch den sie nicht mehr einfach nur schön wirkt, sondern wahnsinnig-ich-kann-es-selbst-kaum-aushalten-obwohl-ich-eine-Frau-bin-atemberaubend. (Ihr Haus ist das EINZIGE, bei dem jeder Dad in Greenwich darauf besteht, dass er seine Kinder nach dem Spielen dort abholt. Aber sie ist auch sehr nett und bodenständig und weitaus weniger biestig als die Ex-Citygirls, reichen Gattinnen und Hausfrauen, die unsere Stadt sonst bevölkern.)

»Was ist denn?«, fragte ich sie.

»Ich habe Stefan gesagt, dass ich ihm heute Morgen einen Scheck in den Briefkasten legen würde«, sagte sie. »Und jetzt bin ich das völlig vergessen!« Sie begann in ihrer Tasche herumzuwühlen. »Tut mir leid, Brooke, ich muss jetzt gleich gehen.«

»Ich komme mit«, sagte ich, und das tat ich auch, teilweise deswegen, weil mir nichts anderes übrigblieb – sie hatte mich hergefahren, ich war darauf angewiesen, dass sie mich wieder heimbrachte –, aber auch, weil Stefan ebenfalls für mich arbeitete und mir aufgefallen war, dass er sehr viel mehr Zeit bei Ingrid als bei mir verbrachte. Generell habe ich feststellen können, dass man Handwerker meist bei der hübschesten Blondine im Viertel findet.

Und so rasten wir zu Ingrid, und sie war hinreißend außer sich, als sie in ihr sonniges Büro über der Garage eilte und dort auf der Suche nach ihrem Scheckbuch zwei Schubladen durchwühlte. Das ist einer der Gründe, warum ich Ingrid mag – der Handwerker hätte geduldig eine ganze Woche bei ihr in der Auffahrt gestanden, wenn er dadurch noch ein Lächeln von ihr in diesem perfekten Tenniskleidchen ergattert hätte, aber sie gab sich trotzdem super viel Mühe, weil sie die Einzige ist, die das nicht weiß.

»Bin gleich wieder zurückgekehrt«, sagte sie und lief an mir vorbei aus dem Büro und zur Vordertür hinaus. Ich drehte mich um, um ihr zu folgen, doch in diesem Augenblick sah ich im Augenwinkel eine Bewegung, einen Flecken, der über den Bildschirm auf Ingrids Schreibtisch huschte. Zuerst war ich mir nicht mal sicher, was es war. Dann trat ich einen Schritt näher und sah meine liebe Freundin vollkommen nackt vor mir. Ein Blitz, und sie war wieder verschwunden. Und dann war sie wieder da, und dann wieder weg. Es war eine Fotoserie, Akte, geschmackvoll und schön, die als Diashow auf ihrem Bildschirm liefen. Es war atemberaubend, und nur sie brachte so etwas fertig. Keine andere mir bekannte Frau hätte eine Aktserie von sich als Bildschirmschoner haben können, ohne vollkommen erbärmlich oder zumindest hoffnungslos narzisstisch und bedauernswert zu wirken. Doch bei Ingrid schien es einfach nur richtig, vielleicht weil sie so schön aussah. Und wie ich da so saß, fasste ich den Entschluss, den ich jetzt so ernsthaft in Frage stelle. Meinem geliebten, romantischen, erfolgreichen Ehemann wollte ich zu seinem Geburtstag das schenken, was sich jeder Mann wünscht. Aktfotos von seiner Frau.

Samantha

Wer zum Teufel ist die nackte Frau?

Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Wirklich seltsam ist jedoch, wie lange es dauerte, bis ich irgendetwas empfand. Zuerst war ich einfach nur verwirrt, vollkommen unschuldig, als würde es weiter keinen Unterschied machen, ob ich in einer E-Mail meines Mannes Aktfotos fand oder im Kühlschrank ein Paar Socken. Was um alles in der Welt haben die hier zu suchen? Es dauerte ein paar Minuten, bevor ich mir über die Bedeutung meines Funds klar wurde. Das hier war mit Socken im Kühlschrank nicht zu vergleichen. Das hier war wie Lippenstift auf dem Kragen oder ein fremder BH unter der Bettdecke. Das hier war ein echtes Problem.

Vielleicht habe ich deswegen so lange gebraucht, weil ich noch keinen Kaffee getrunken hatte. Oder weil ich immer noch so überrascht darüber war, dass ich den Zugang zu seinen E-Mails gefunden hatte. Oder vielleicht lag es einfach daran, dass ich immer noch die Wärme und das Leuchten einer jungen Braut spürte: Ich war erst seit zwei Tagen verheiratet.

Doch langsam wurde mir die Dringlichkeit der Sache bewusst, das Gefühl breitete sich ganz allmählich in meinem Körper aus, wie bei einer Erkältung: Zuerst war mir ein wenig schwindelig, dann begann es im Magen ein wenig zu kribbeln, und dann prickelte es bis in meine Finger und Zehen. Schließlich wurde mir eiskalt, was wirklich zu blöd war, weil ich nichts Warmes zum Anziehen dabeihatte.

Ich hatte nicht gedacht, dass ich es auf Kauai brauchen würde.

Ich ging in das herrliche Bad in unserer Suite, dieses luxuriöse Paradies, in das wir erst am Abend zuvor eingecheckt hatten. Der Teppich unter meinen Zehen war weich. Es hatte sich so gut angefühlt, als ich nach dem Dinner die Schuhe von den Füßen schleuderte, nach dem Champagner, nach den Schwänen, die an unserem perfekten, kerzenerleuchteten Tisch vorbeiglitten, und nach dem wunderbaren kleinen Toast, den Robert ausgebracht hatte: Endlich sind wir beide miteinander allein.

Unsere Hochzeit war eine Katastrophe, wie sie im Buche stand, aus zwei Gründen. Ein Grund war das Geld meines Vaters. Der andere war die Wahl, in zweifacher Hinsicht: erstens meine Wahl eines Ehemannes und zweitens die Gouverneurswahl. Denn 1) hielt mein Vater nichts von Robert, weil er vierzehn Jahre älter ist als ich, und 2) machte es Roberts Karriere erforderlich, dass wir, inmitten unserer stürmischen Romanze und Hochzeit, jeden wachen Moment damit zubrachten, mit Leuten zu reden, die wir nicht kannten, und Interesse zu heucheln an allem, was sie sagten. Das war schon okay, selbst wenn es nicht sonderlich toll war, weil es den Eindruck vermittelte, dass Robert wenigstens an irgendetwas glaubte. Mein Vater glaubte nur an Geld, daher wollte er nicht zulassen, dass ich einen älteren Mann, den ich vor drei Monaten in einem Aufzug kennengelernt hatte, ohne Ehevertrag heiratete. Aber Robert hatte damit überhaupt kein Problem, er zeigte sich sehr verständnisvoll und reif. »Wenn ich dein Vater wäre, ginge es mir ganz genauso«, sagte er zu mir.

Deswegen habe ich ihn geheiratet. Weil er Sachen sagt, die erwachsene Männer sagen.

Ich dagegen war zornig auf meinen Vater, weil er nie einverstanden mit meinem Lebensstil war, meiner Sportbegeisterung, meiner Vorliebe für das Leben im Freien, fürs Campen und Wandern. Er hat nie verstanden, warum ich mir nichts aus der einzigen Sache mache, die ihm wichtig ist: dem Geld.

»Als ich elf war«, erzählte er mir, »habe ich meinen Baseballhandschuh verloren. Ich habe ihn im Park liegen lassen, und als ich noch mal hinging, um ihn zu suchen, war er weg. Ich habe mich nicht nach Hause getraut, weil ich meinem Vater dann hätte erzählen müssen, dass ich den Handschuh verloren hatte. Denn selbst wenn ich den Wert des Handschuhs kannte und zu schätzen wusste, schien mein Verhalten darauf hinzudeuten, dass ich es eben nicht tat. Ich wusste, wie sehr mein Vater von mir enttäuscht sein würde.«

Ich konnte nicht widerstehen. »Es ist schwer, durchs Leben zu gehen, wenn man weiß, dass der eigene Vater enttäuscht von einem ist, nicht wahr?«, sagte ich.

»Werd nicht frech.«

»Und, wie ging es dann weiter?«

»Wie ging was weiter?«

»Die Sache mit dem Baseballhandschuh«, sagte ich. »Was ist passiert, als du es deinem Vater schließlich erzählt hast?«

Mein Vater winkte auf die abschätzige Weise, die nur er so gut draufhat. »Eigentlich gar nichts.«

Ich schüttelte den Kopf. »Was soll die Geschichte dann?«

»Nicht jede Geschichte hat eine Botschaft, meine Liebe«, sagte mein Vater. »Ich will nur, dass du glücklich wirst. Und als dein Vater ist es meine Aufgabe, dich davon abzuhalten, den größten Fehler deines Lebens zu begehen.«

Genau die Bemerkung, die eine junge Frau am Tag ihrer Hochzeit hören will.

Die Sache ist die, es war kein Fehler. Robert ist anders als alle Typen, die ich kennengelernt habe, und der erste Unterschied ist, dass er kein Junge ist. Er ist ein Mann. Er ist der Staatsanwalt von Los Angeles County, California. Er steckt die schweren Jungs ins Gefängnis – einen erwachseneren Beruf kann man sich doch wohl kaum vorstellen, oder?

Wir sind uns in Sacramento begegnet, als ich dort zur Hochzeit einer Freundin war. Ich ging im Hotel zum Aufzug, als mir ein attraktiver älterer Mann auffiel, der mich anstarrte. Er trug einen blauen Nadelstreifenanzug und eine marineblaue Krawatte, ein Outfit, wie es auch der Hauptdarsteller in einem Film aus den Vierzigern hätte tragen können. Aber seine Augen hatten etwas Weiches, egal wie korrekt seine Kleider wirkten. Ich ließ den Aufzug ohne mich fahren und stand einfach da, ohne den Knopf nach dem nächsten zu drücken.

Er brauchte nicht lange. »Tut mir leid«, sagte er. »Ich wollte Sie nicht anstarren.«

Ich wartete. Ich glaube, ich lächelte dabei.

»Hören Sie«, sagte er und kam dabei langsam näher, »ich will mich nicht aufdrängen, aber ich hatte einen großartigen Tag. Ich meine, einen wirklich großartigen Tag. Und ich kann mir nicht vorstellen, jetzt allein auf mein Zimmer zu gehen und fernzusehen. Ich weiß, Sie kennen mich nicht, aber ich bin ein netter Mensch, und Sie sehen auch nett aus. Ich würde Ihnen sehr gern einen Drink spendieren und mit Ihnen ein wenig plaudern, mehr nicht. Wir reden, worüber Sie wollen, über alles auf der Welt, was Sie interessiert. Sie haben mein Ehrenwort als Gentleman, was ich bin, und als Pfadfinder, was ich nie war, aber nur weil ich es nie raushatte, wie man mit zwei Stöckchen Feuer macht, dass ich Ihnen gegenüber nicht aufdringlich werde. Wir können gehen, wohin Sie wollen, und reden, worüber Sie möchten.«

Er hielt einen Augenblick inne, um Atem zu holen, und meinte schließlich: »Vermutlich war das eine sehr lange Umschreibung von: ›Hallo, ich heiße Robert, darf ich Sie auf einen Drink einladen?‹«

Drei Monate später hatte ich meinen Job gekündigt, genau wie meine Wohnung in New York, war in sein Haus im Valley gezogen, und wir waren verlobt. Außerdem bereiteten wir uns auf eine Wahl vor.

Der Grund für seinen wirklich großartigen Tag damals war nämlich der, dass die Obersten seiner Partei ihn für die Wahl zum Vizegouverneur aufstellen wollten. (Ich muss zugeben, ich wusste nicht einmal, dass man sich für das Amt aufstellen lassen kann, ich dachte, der Gouverneur bestimmt einfach seinen Vizekandidaten, so ähnlich wie beim Vizepräsidenten. Man lernt doch nie aus). Die nächsten beiden Monate vergingen wie im Flug, ein endloser Wirbel von Cocktailpartys, Händeschütteln und Gesprächen hinter verschlossenen Türen. Als es vorbei war und wir gewonnen hatten, hatten wir beide keine Energie mehr, eine Hochzeit zu planen.

»Machen wir es einfach dieses Wochenende«, sagte Robert in einem riesigen, verlassenen Hotelballsaal, Stunden nachdem der Jubel und die Musik verklungen waren und man nur noch die riesigen Besen hörte, die das Konfetti auffegten. »Wir heiraten in aller Stille, zuhause. Wenn du möchtest, können wir die Feier in ein paar Wochen nachholen, aber lass es uns jetzt gleich tun, ich kann es gar nicht erwarten, mit dir verheiratet zu sein.«

Er besaß die erstaunliche Gabe, in ein und demselben Gespräch vernünftig und romantisch zugleich zu sein. Bisher war mir noch kein Mann begegnet, der eines von beiden konnte, geschweige denn beides. Wie hätte ich ihn nicht heiraten können?

Also habe ich es getan.

Mein Vater bestand darauf herzufliegen, wie erwartet.

Und seine Freundin bestand darauf, den Lunch zu servieren, also organisierte sie einen Catering Service, auch wie erwartet.

Roberts Büro schickte Blumen, der Gouverneur schickte Champagner, und zwei Lokalsender schickten Reporter und Kameras. So werden sich wohl die wenigsten Frauen ihre Hochzeit vorstellen, aber ehrlich gesagt habe ich mir über meine nie richtig Gedanken gemacht. Vermutlich war dies für mich sogar die beste Art zu heiraten. Ich glaube, wenn ich mit dreihundert Leuten in einer Kirche Hochzeit feiern würde, in einem üppigen weißen Kleid mit Schleier und Schleppe, Blumen, Gefolge, Trompeten und so weiter, würde ich in hysterisches Gelächter ausbrechen. Das würde einfach überhaupt nicht zu mir passen.

Jedenfalls hat Robert das gemeint, als er gestern Abend beim Dinner sagte: »Endlich sind wir beide miteinander allein!«

Dann trug er mich über die Schwelle dieser luxuriösen Suite, zog mir im Dunklen die Kleider aus, während draußen am Strand die Wellen brachen. Wir liebten uns im Stehen und danach noch einmal im Liegen, und als wir fertig waren, kuschelten wir auf dem weichen Teppich. Ich spürte seinen Herzschlag an meiner Brust, und als er langsamer wurde und sich sein Atem beruhigte, dachte ich: »Zum ersten Mal im Leben scheint alles so, wie es sein soll.«

Dann war es acht Uhr morgens, und Robert war hellwach. Wenn er aufwacht, steckt er immer voll Energie; diesen Morgen spürte ich diese Energie an meinem Schenkel, und so liebten wir uns wieder, schnell diesmal, und danach ging er zu seiner Massage, während ich noch ein Weilchen liegen blieb, bevor ich den Room Service kommen ließ und Kaffee, Knuspermüsli und Joghurt bestellte. Später hatte ich ebenfalls einen Wellness-Termin, und am Nachmittag nahmen wir unsere erste Tauchstunde. Ich dachte nicht mal an mein kleines Spielchen, als ich mich an den Schreibtisch setzte und Roberts Laptop aufklappte, es war eher die Macht der Gewohnheit, die mich dazu trieb, die drei Worte einzugeben.

Es war nämlich so: Roberts Laptop hat zwei verschiedene Zugänge. Beim ersten stehen einem nur die Standardfunktionen zur Verfügung: Internet Explorer, Microsoft Outlook, ein paar Spiele. Und dann gibt es da noch einen speziellen passwortgeschützten Bereich. Seit wir uns kennen, erzählt Robert mir, dass unter den Dokumenten, die er bei der Amtsübergabe unterzeichnet hatte, eines war, in dem er gelobte, Personen ohne Passwort niemals unautorisierten Zugang zu gewähren, völlig unabhängig davon, in welcher Beziehung er zu diesen Personen stand. Als er mir das erste Mal davon erzählte, habe ich gelacht und gesagt: »Erinnert mich daran, wie Al Pacino Diane Keaton gesagt hat, sie solle ihn niemals nach seinen Geschäften fragen.« Robert lachte nicht. Also ließ ich die Sache auf sich beruhen.

Doch seit meinem Umzug nach L. A. beginne ich jeden Tag mit einem Versuch, das Passwort zu knacken. Von der anderen Seite des Zimmers habe ich beobachtet, wie er es eingibt, und ich bin mir fast sicher, dass er fünfzehn Stellen eingetippt hat. Es ist schwer, ganz sicher zu sein, weil er es so rasch eingibt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es fünfzehn sind. Und so unternehme ich jeden Morgen vor dem Frühstück einen Versuch, den Code zu knacken. (Ich muss dazu erklären, dass ich wirklich und wahrhaftig nicht misstrauisch war, ich hatte auch keinerlei Zweifel an Roberts Charakter. Es war einfach nur ein Spiel, das ich zum Spaß begonnen hatte und dann aus purer Gewohnheit weiterverfolgte. Nach Eingabe eines falschen Passworts sperrte der Computer den Zugang zum Bereich für die nächsten dreißig Minuten und startete automatisch den Bildschirmschoner, ein Bild von Magic Johnson bei einem Hakenwurf im Spiel gegen die Celtics. Robert liebt die Lakers. Er ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen und hält nicht viel von Fußball oder Baseball oder überhaupt irgendeinem Sport außer Basketball, und da speziell eben von den Los Angeles Lakers. Und so gieße ich mir jeden Morgen eine Tasse Kaffee ein, schütte eine Handvoll Knuspermüsli in eine Schüssel, gebe Joghurt und ein paar Beeren darüber, setzte mich an den Schreibtisch und wünsche Magic Guten Morgen. Es macht Spaß. Und es ist harmlos. Oder es war harmlos, bis zu diesem Morgen auf Hawaii.)

Ich war mir seit langem sicher, dass sein Passwort irgendwie mit den Lakers zu tun haben musste, und so versuchte ich jeden Morgen irgendeine Kombination von Spielernamen mit fünfzehn Buchstaben: KobexMagicxWest, MagicJohnson123, WorthyAndJabaar. Keins davon funktionierte, und das erwartete ich auch nie. Das war es ja, mich hat nie wirklich interessiert, was hinter der verschlossenen Tür zu finden wäre. Bis zu diesem Morgen in meiner Hochzeitssuite auf Kauai, wo mir, während sich draußen die Palmen wiegten und die Papageien kreischten und die Wellen, das Meer und eine Masseurin auf mich warteten, inmitten all dieser Seligkeit eine lustige Idee kam. Im Kopf addierte ich die Buchstaben: sechs, dann fünf, dann vier. Es ergab fünfzehn, und es war einfach zu komisch, um es nicht auszuprobieren. Mit der Unschuld, die nur in der Seele einer frisch Vermählten zu finden war, nahm ich einen Schluck Kaffee und gab das Passwort ein, das mir die Geheimnisse meines Mannes offenbaren sollte:

ScheißLarryBird.

Und dann war ich hinter der verschlossenen elektronischen Tür, in einem Korridor, der Gott weiß wohin führte. Vermutlich war das, was ich gerade getan hatte, total illegal. Ernsthaft illegal. Vielleicht musste mein Mann mich jetzt verhaften, mir den Prozess machen und mich ins Gefängnis bringen. Bei dem Gedanken huschte mir ein Lächeln über die Lippen; mir war klar, dass ich nun einen Weg finden musste, um keine Spuren zu hinterlassen.

Dann begann ich zu lachen. Scheiß Larry Bird? Ernsthaft? Keine Ahnung, wie ich überhaupt darauf gekommen bin. Roberts Standardwitz geht so, dass er Kriminelle nicht hasst, sondern nur Gerechtigkeit will und die Boston Celtics demnach die einzigen Leute sind, die er hasst. Aber ich habe ihn nie sagen hören: »Scheiß Larry Bird.« Eigentlich flucht er so gut wie nie.

Dann bemerkte ich das Icon von Microsoft Outlook. Es blinkte irgendwie ungewöhnlich. Wenn so etwas möglich ist, blinkte mich das Icon vielsagend an. Ich musste einfach darauf klicken. Ich musste es tun. Also tat ich es. Und da fand ich dann das Foto, das dort völlig fehl am Platze schien. Und das war der Augenblick, in dem mir der Gedanke durch den Kopf ging: Wer zur Hölle ist die nackte Frau? Und was hat sie im E-Mail-Eingang meines Mannes zu suchen?

Katherine

Zur Hölle mit dem Scheißkerl.

Das waren die ersten Worte, die ich an diesem Morgen von mir gab. Was mich nicht überraschen sollte, da ich diese Worte jeden Morgen von mir gebe. Das mache ich nun schon seit neunzehn Jahren, seit dem Zeitpunkt, an dem ich Phillip das letzte Mal lebend gesehen habe.

Ich drücke das gern so aus. In Wahrheit ist Phillip immer noch äußerst lebendig, und er sieht besser aus denn je, und irre reich ist er obendrein. Nicht dass ich verbittert wäre, jedenfalls nicht sehr. Wenn ich sage, seit dem Zeitpunkt, an dem ich Phillip das letzte Mal lebend gesehen habe, meine ich das letzte Mal, ehe er für mich gestorben ist.

Jedenfalls liege ich noch im Bett, und nachdem ich »Zur Hölle mit dem Scheißkerl« gesagt habe, mit der Betonung auf Hölle, denke ich an Dr. Gray und Thich Nhat Hanh und atme zur inneren Reinigung drei Mal lang und tief durch. Beim ersten Einatmen zähle ich bis fünf und verziehe meine Lippen zu einem halben Lächeln. Beim Ausatmen zähle ich ebenfalls bis fünf. Dann atme ich bis sechs ein und atme bis sechs aus. Dann ein- und ausatmen bis sieben. Und so versetzt mich das halbe Lächeln auf meinen Lippen in einen Zustand inneren Friedens. Ich setze mich kerzengerade auf, lasse die Füße aus dem Bett gleiten und stelle sie fest auf dem Parkettboden auf. Dann lege ich die Handflächen vor der Brust zusammen, atme noch vier Mal tief durch, und bei jedem Atemzug wiederhole ich meine meditativen Formeln.

Möge ich von liebender Güte erfüllt sein

Möge es mir gut gehen

Möge ich Frieden und Gelassenheit empfinden

Möge ich glücklich sein

Erst dann öffne ich die Augen. Ich atme langsam und bewusst, während ich mein Schlafzimmer durchquere und mich behutsam vor meinen Schminkspiegel setze. Mein Atem verbindet mich mit dem Hier und Jetzt. Dr. Grey sagt, ich mache mir zu viele Gedanken um die Vergangenheit. Thich Nhat Hanh sagt, man sollte nicht zu viele Gedanken an die Zukunft verschwenden. Einig scheinen sie sich nur darin zu sein, dass ich mehr in der Gegenwart leben sollte, und nachdem die eine Seelenklempnerin in der Upper East Side und der andere ein buddhistischer Mönch ist, denke ich mir, wenn sie sich in irgendeinem Punkt über mein Leben voll und ganz einig sind, sollte ich das vermutlich in Betracht ziehen.

Ich zwinge mich, langsam durch die Wohnung zu gehen. Langsam zu gehen fällt mir nicht leicht, auch nicht die Meditation, die Atemübungen oder das Yoga, aber es hilft.

Aus dem Kühlschrank hole ich den Beutel mit der Aufschrift »Dienstag«. Ich leere den Inhalt in den Mixer, füge eine halbe Tasse Mandelmilch dazu und betätige den Schalter. Dreißig Sekunden später trinke ich den Shake und schalte CNBC ein. Es ist fünf Minuten nach sechs.

Zehn Minuten später stehe ich auf dem Laufband mit Knöpfen im Ohr, blinzele in die Sonne, die über die hoch aufragenden Wolkenkratzer steigt. Der Börsenticker läuft unter den stillen Gesichtern auf meinem Fernseher. Nichts Aufregendes zu vermelden, nichts, was ich nicht schon gestern gewusst hätte. Ich zappe mich durch die Kanäle, drehe dabei nie die Lautstärke hoch. Es gibt keinen Grund, morgens beim Fernsehen den Ton anzustellen. Man braucht nur zu lesen. Auf den Wirtschaftskanälen werden unten die S&B Futures und die Handelsergebnisse der Asiatischen Märkte eingeblendet, auf den Nachrichtensendern die Schlagzeilen des Tages, auf den Sportsendern die Ergebnisse, auf den Lokalkanälen das Wetter. Nur indem ich die unteren zehn Zentimeter auf meinem Fernseher verfolge, bin ich voll informiert. Die Leute, die weiter oben reden, sind eine vollkommene Zeitverschwendung.

Ich schnalle meinen Pulsmesser unter dem Sport-BH fest und fange an zu laufen. Nach fünf Minuten Aufwärmen geht es ernsthaft los. Ich stelle das Laufband auf elf Kilometer die Stunde ein und auf einen Winkel von drei Grad. In meiner Wohnung ist es total still; das einzige Geräusch in den vierzehn Zimmern kommt von den quietschenden Laufschuhen auf dem Band. Die Musik habe ich noch nicht angeschaltet. Das hebe ich mir für später auf, wenn ich ein wenig Aufmunterung brauche. Heute fühle ich mich großartig, und ich stelle das Laufband recht früh höher. Dreizehn Stundenkilometer. Vier Grad Neigungswinkel. Das ist eine ganze Menge. Aber ich komme damit klar. Ich schalte meinen iPod ein und scrolle durch die Listen. Wem will ich heute zuhören? Dr. Dre? Snoop Dogg? Eminem? Der Tag heute fühlt sich eher nach New School an. Ich klicke auf Jay-Z.

Nachdem ich mich geduscht habe, stehe ich im Ankleidezimmer, wo ich mir schon am Vorabend die Garderobe herausgelegt habe. Eine taillierte Wolljacke mit passendem Rock von Brioni, darüber einen Seidenparka, besetzt mit mongolischem Lammfell, und Ankle Boots von Prada. Dann zurück zu meinem Spiegel, wo ich bei meinem Anblick tief aufseufze; um diese frühe Uhrzeit biete ich keinen so hübschen Anblick, vor allem nicht, wo die helle Sonne direkt hinter mir durchs Fenster strömt. Trotzdem, irreparabel ist es nicht. Hier ein paar Striche und Tupfer, und ich bin so gut wie neu, oder so neu, wie ich eben sein kann.

Dann senke ich langsam den Kopf und schließe die Augen. Ich weiß, dass unten der Wagen wartet. Ich weiß, dass draußen vor dem Fenster der Tag wartet. Ich weiß, dass hinter jeder Ecke die Geier warten, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Ich konzentriere mich wieder auf meinen Atem. Atme tief ein, tief aus. Ein und aus. Ein und aus.

Möge ich von liebender Güte erfüllt sein

Möge es mir gut gehen

Möge ich Frieden und Gelassenheit empfinden

Möge ich glücklich sein

Ich hebe das Kinn und öffne behutsam die Augen. »Zur Hölle mit ihm«, sage ich und schaue mir direkt in die Augen, »und mit all den andern da draußen, die genauso sind wie er.«

In der Lobby treffe ich auf Maurice, der dort geduldig auf mich wartet. Er tippt sich an die Mütze, als ich näher komme, und reicht mir einen großen fettarmen Latte ohne Schaum. »Guten Morgen, Katherine«, sagt er in seinem gewohnt vertraulichen Ton.

»Ebenfalls«, sage ich, meine übliche Antwort.

»Heut ist es kalt«, sagt er und zückt mein Wall Street Journal. »Das Ding machen Sie am besten bis oben hin zu.« Missbilligend nickt er zu meinem Parka. »Wir müssen Ihnen ein paar wärmere Klamotten besorgen.«

Ich lächele. »Maurice, mein Freund, Sie wollen gar nicht wissen, wie teuer dieser Parka war. Dafür kann ich ja wohl erwarten, dass er mich warm hält.«

Als wir durch die Drehtür gehen, erhebt sich wie aufs Stichwort ein so heftiger Wind, dass es uns fast unmöglich ist, die Tür anzuschieben, obwohl wir uns mit vereinten Kräften dagegenstemmen. Maurice setzt eine »Hab ich’s nicht gesagt«-Miene auf. Er ist einfach hinreißend. Andernfalls würde ich mir derlei Sperenzchen nicht gefallen lassen.

Die wahre Hektik eines New Yorker Morgens hat noch nicht begonnen: Das einzige Lebenszeichen auf der Park Avenue sind ein paar abgehärtete Jogger, unterwegs in den Central Park, und ein alter Mann, der den Müll vor der französischen Bäckerei auf die Straße kehrt. In der City ist das meine liebste Zeit. Manchmal bitte ich Maurice, die Fifth Avenue hinunterzufahren, nur damit ich aus dem Fenster schauen und den Frieden überall sehen kann. Auf der Welt gibt es nichts Beruhigenderes als eine leere Durchgangsstraße.

»Soll ich vor dem Büro noch irgendwo halten?«, fragt Maurice, als er hinter das Steuerrad gleitet.

»Heute nicht, danke.«

Der Fernseher der Limousine ist auf CNN eingestellt, und ich starre auf den Nachrichtenticker. Plötzlich beginnt meine Tasche zu vibrieren. Mir wird klar, dass ich einen Anruf bekommen habe, was merkwürdig ist, weil mich keiner je vor acht Uhr morgens anruft. Ich hole mein BlackBerry heraus. Im selben Augenblick, wo ich die Nummer sehe, weiß ich, wer es ist und warum sie anruft. Ich gehe nicht dran.

»Ist irgendwas Besonderes?«, fragt Maurice von vorn.

»Nein, gar nichts«, erwidere ich.

Nur dass ich nicht die Wahrheit sage. Der Anruf kam von meiner Mutter, mit der ich seit über einem Monat nicht mehr geredet habe. Aber ich weiß, warum sie anruft. Ich sehe auf das Datum oben auf dem Wall Street Journal, obwohl das eigentlich unnötig ist. Bisher hatte ich den ganzen Morgen nicht daran gedacht.

»Hey, Maurice, Sie sollten heute lieber nett zu mir sein«, sage ich.

»Warum sollte ich jetzt damit anfangen?«, fragt er.

»Weil ich heute Geburtstag habe«, erkläre ich ihm. »Und es ist ein runder. Ob Sie es nun glauben oder nicht, heute bin ich vierzig Jahre alt geworden.«

Brooke

Scott wird nächsten Monat also vierzig.

Es fällt mir schwer, das zu glauben.

Er wirkt immer noch wie der Junge, der mich damals zu Van-Halen-Konzerten mitnahm, bei McSorley’s an der West Side Wodka-Wackelpudding kippte und wusste, wo man erstklassiges Kokain bekam, zu einer Zeit, als wir mit dieser Information noch etwas anfangen konnten. Dieser Junge ist er immer noch, nur dass dieser Junge inzwischen zum Mann geworden ist. Ein Mann, der unsere Babys so zart in den starken Händen hielt. Ein Mann, der jeden Morgen vor fünf aufsteht, durchs ganze Land jettet und oft in Flughafenwartesälen übernachtet, aber nie einen Musikabend oder ein Baseballspiel verpasst und sich, was vielleicht das Schönste daran ist, nie aufführt, als wäre er wegen alledem ein Held. Er ist ein Mann, der seine Kinder zur Ordnung rufen kann, ohne sie anzuschreien, der zu Ehren eines Geburtstags einen Marathon laufen und seine Frau immer noch mit einem gut getimten Zwinkern verführen kann.

Versteht mich nicht falsch, er ist nicht vollkommen. Das will ich damit nicht sagen. Wie alle Männer ist er immer noch ein kleiner Junge, und Jungs bedeuten immer Ärger – vor allem die verträumten. Als meine Mutter ihn zum ersten Mal sah, nahm sie mich beiseite und sagte: »Wegen dem hier würde ich mir Sorgen machen.« Ich fragte sie, warum, und sie meinte: »Die wirklich Attraktiven sind immer gefährlich.« Und das ist er auch. Er raubt mir den Atem. Er hat immer noch seine blitzenden blauen Augen und das wellige Haar, sein Gesicht sieht kaum anders aus als vor fünfzehn Jahren. Vielleicht wirkt er sogar jünger, seit er seine Augen hat lasern lassen – manchmal dauert es einen Augenblick, bis ich ihn auf den alten Fotos erkenne, als er noch die flaschendicken Brillengläser trug. Er ist also nicht vollkommen, aber er bringt mich immer noch zum Lachen, und er bringt mich immer noch zum Zittern, und das ist nach siebzehn gemeinsamen Jahren ziemlich gut, finde ich.

Und wenn er tatsächlich jünger aussieht als damals in den Zwanzigern, so finde ich, dass ich mich auch recht gut gehalten habe. Ich sehe vielleicht nicht mehr aus wie früher – was ich an den Linien in meinem Gesicht sehe, vor allem um den Mund herum –, aber für mich kommen diese Falten von all den Lächeln, die ich in meinem Leben gelächelt habe, sie prägten sich langsam, aber sicher in mein Gesicht, und ich denke nicht daran, sie gegen irgendetwas einzutauschen. Vergiss es.

Doch jetzt ist plötzlich diese Sache mit meinem Hintern aufgekommen, ich betrachte ihn auf eine Weise, wie ich es früher nicht gemacht habe. Er ist immer noch wohlgeformt, vielleicht ein wenig rund, aber nicht schlimm, eher prall als groß. So ein bisschen wie bei Beyoncé. Ich war schon immer kurvenreich, was in Ordnung ist, solange man nicht dick ist, was ich nie war und auch jetzt nicht bin, aber wenn ich meinen Hintern genau betrachte, habe ich den Eindruck, er sei auf dem besten Weg, wenn schon nicht dick, so doch dicklich zu werden, und ich glaube, auf den Fotos, die ich von mir machen lassen will, wäre ich weder über einen dicken noch einen dicklichen Hintern glücklich.

Mein Mann jettet beinahe jede Woche durch die Weltgeschichte, und wenn ich nicht will, dass er sich Pornos ansieht oder junge, hübsche Mädchen, finde ich es nur fair, dass ich meinen Teil der Abmachung erfülle. So ist das in unserer Ehe, so war es seit unserem ersten Valentinstag, als er mir von Victoria’s Secret das durchsichtigste Negligee aller Zeiten mitbrachte. Es war (mindestens) zwei Größen zu klein, daher habe ich es heimlich umgetauscht, bevor ich es für ihn anzog, und als es dann so weit war, hat es ihn total heiß gemacht, und das fand ich toll. Scott ist ein brillanter Mann, er hat Macht und Einfluss, aber ich kann ihn wieder in einen zitternden Jungen verwandeln, den Jungen, der er auf der Wirtschaftsuni war, vor den Boni und den Aktienoptionen und den Range Rovers und den Rennbooten. Kurzum, wir wissen beide, wer bei uns die Hosen anhat: mein Mann. Aber es besteht auch wenig Zweifel daran, wer von uns wirklich das Sagen hat, und das wissen wir ebenfalls beide.

Er wird sich über mein Geschenk also total freuen, und er wird sich darüber freuen, dass ich auf diese Idee gekommen bin. Jetzt brauche ich nur noch den Mut, es auch durchzuziehen. Was uns wieder auf meinen Hintern bringt, den ich gerade in dem beengten Zimmerchen neben dem Nagelstudio betrachte, wo ich mir die Haare mit Wachs entfernen lasse. Das Studio gehört Sarah, einer wunderschönen Koreanerin, die meine Zwillinge beinahe früher gesehen hätte als ich; ich war bei ihr zur Pediküre, als die Fruchtblase geplatzt ist. Eine solche Erfahrung schweißt zusammen – und außerdem nehme ich Megan ab und zu zur Maniküre mit, zum ersten Mal, als sie drei war, sodass Sarah meine Familie praktisch aufwachsen sah, genau wie ich ihre gesehen habe: Ihre erwachsenen Kinder gehen im Studio ein und aus. Ich finde es wunderbar, wie stolz sie von der Tochter spricht, die als Krankenschwester arbeitet, und von dem Sohn, der Jura studiert. Ich habe das Gefühl, dass Sarah und ich im Lauf der Jahre eine Menge miteinander erlebt haben, und trotzdem habe ich keine Ahnung, wie ich ihr erklären soll, aus welchem Grund ich heute gekommen bin.

Denn wenn ich es durchziehe, dann richtig. Die Fotos werden geschmackvoll und, wie ich hoffe, auch schön sein. Aber seien wir doch ehrlich – es geht dabei trotzdem eher um Sex als um Kunst, und wenn ich will, dass mein Ehemann lieber meine Bilder anschaut als irgendwelche Sauereien, dann müssen meine Fotos auch versaut aussehen, zumindest ein bisschen. Natürlich werde ich mich nicht vulgär zur Schau stellen, werde nichts zeigen oder spreizen, nichts dergleichen, aber es wird Ganzkörperbilder geben, nackt und von vorne. Und solche nicht jugendfreie Fotos bringen gewisse Pflichten mit sich.

Also her mit dem Wachs.

Ich habe das noch nie gemacht, aber Freundinnen von mir schon, und die haben mir gesagt, dass ich einfach Hose und Slip ausziehen sollte, niemand würde mit der Wimper zucken, wenn er mich unten ohne sieht. Also habe ich das gemacht und mich auf die gepolsterte Liege gesetzt, die mit einer langen Papierunterlage abgedeckt war, und gewartet.

Sarah kam herein mit einem breiten Lächeln im Gesicht, neben sich ein dreizehnjähriges Mädchen.

»Hallo, Brooke!«, rief sie, anscheinend ohne meinen entkleideten Zustand wahrzunehmen. »Das ist meine Nichte! Sie hat einen Aufsatz über die Herkunft des Steakmessers geschrieben, und ich wusste, dass Sie das wahnsinnig gern lesen wollen!«

Natürlich ist es völlig unmöglich, dass sie so etwas gesagt hat, aber ihr Englisch ist manchmal ganz schön abenteuerlich.

»Wie nett«, sagte ich, nickte und zerrte panisch an meinem Top. Ich bot ihr nicht die Hand, denn ich hatte keine frei. »Wohnst du hier in der Gegend?«

Das Mädchen nickte. Sie sagte keinen Ton. Sarah auch nicht – sie stand einfach nur da und strahlte ihre Nichte an. Das Problem war jedoch, dass sich die Gesprächspause nun schon gefährlich lange ausdehnte, und so ergriff ich wieder das Wort.

»Also, Sarah, heute werden wir mal etwas ausprobieren, was ein wenig anders ist als sonst«, erklärte ich.

»Ach ja? Was denn?«, fragte Sarah.

Ich starrte das Mädchen direkt an. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen zu erklären, was ich hier wollte – geschweige denn, es zu tun – während ein Teenager so dicht neben mir stand, dass ich ihm die Haare hätte kämmen können, wenn ich gewollt hätte. Das Mädchen stand still und höflich da, als erwartete es Anweisungen von mir, aber darauf konnte es lange warten, denn mir war mein halb bekleideter Zustand so unangenehm, dass ich kaum einen Ton herausbrachte.

Zum Glück sprang Sarah mir endlich bei – entweder hatte sie meine Nervosität bemerkt oder den zusammengeknüllten String auf der Liege, oder vielleicht meinen Dreiviertelhintern, der unter dem Top hervorschaute.

»Ooooooooohhhhh«, sagte sie und beugte sich zu mir vor. »Haben Sie eine Affäre?«

Das brachte mich so zum Lachen, dass ich die Umstände für einen Augenblick vergaß und beide Hände vor den Mund schlug, und ganz plötzlich saß ich völlig entblößt da. Rasch zog ich das Top wieder zurecht und warf dem Mädchen einen Blick zu, das aber mit keiner Wimper zuckte.

»Kommen Sie, legen Sie sich hin«, sagte Sarah, und dann drehte sie sich um und sagte etwas zu ihrer Nichte, die sich mir daraufhin zuwandte und mir zunickte, und dann war sie weg, und ich lag auf der Liege, flach auf dem Rücken, und Sarah begann das Wachs zu erhitzen.

»Sie wissen«, sagte sie unheilverkündend, »dass das wehtun wird.«

Samantha

Plötzlich verspürte ich einen Schmerz, der anders war als alles, was ich kannte.

Die Benommenheit, die sich wie fließendes Wasser überall in meinem Körper ausgebreitet hatte, wich heiß glühendem Schmerz.

Plötzlich konnte ich den emotionalen Hämmern, die auf mich einschlugen, nicht mehr standhalten: ungläubige Fassungslosigkeit, mörderische Wut, tief verletzte Traurigkeit. Und am schlimmsten: Mitleid. Ich habe noch für keinen Menschen so viel Mitleid empfunden wie jetzt plötzlich für mich.

Ich kroch ins Bett und vergrub den Kopf unter so vielen Kissen, wie ich aufstapeln konnte. Ich wollte nichts als pechschwarze Finsternis. Ich wollte nie wieder sehen. Das Mitleid drohte mich aufzufressen, und ich kam auf den Gedanken, dass Selbstmitleid das verheerendste Gefühl von allen ist. Zorn kann einen motivieren, Traurigkeit wachrütteln, doch Mitleid lähmt einen nur. Ich konnte nicht einmal weinen, mir fehlte die Kraft dazu. Ich bekam kaum Luft, meine Brust fühlte sich schwer und wie zugeschnürt an. Ich versuchte tief Atem zu holen, meine Gedanken zu sammeln. Ich war achtundzwanzig. Nach dem College habe ich mich beim Friedenscorps gemeldet. Danach war ich TV-Produzentin in New York. Jetzt bin ich eine betrogene frisch Verheiratete.

In diesem Augenblick roch ich ihn. Eines der Kissen auf meinem Kopf musste seines gewesen sein, denn plötzlich spürte ich ihn überall. Ich versuchte dem zu entgehen, rollte mich aber versehentlich auf seine Seite des Betts und in die Kuhle, die er im Schlaf gemacht hatte. Dann berührte ich mit der Hüfte einen nassen Fleck, und ich schoss aus dem Bett wie von einer Kanone abgefeuert. Das war sein feuchter Fleck auf der Matratze – wir hatten diese Nässe zusammen gemacht – wie lang war das jetzt her? Es fühlte sich an, als läge es Tage zurück, aber wie lang war es wohl wirklich her? Eine Stunde? Weniger? Ich konnte ihn noch spüren, auf meinem Körper, in mir, und ohne nachzudenken riss ich mir alles vom Leib und lief in die Dusche. Ich stellte das Wasser so heiß, wie ich es gerade noch ertrug, und schrubbte mich ab. Sobald meine Haut so rosa und sauber war wie möglich, drehte ich das Wasser ab, zog einen Sport-BH, Laufshorts und Sneakers an, und dann war ich draußen, nur wenige Schritte vom Strand entfernt. Und in der nächsten Sekunde fing ich an zu laufen.

Ich weiß nicht, wohin ich unterwegs war. Ich wusste nicht mal so genau, wo ich eigentlich war, ich wusste einfach, dass ich jetzt laufen musste, um wieder zu mir zu finden. Das Selbstmitleid drohte mich aufzuhalten, drohte mich zu Boden zu ringen, doch ich machte einfach weiter. Ich bin kein Mensch, der sich selbst bemitleidet, sagte ich mir. Das bin ich nicht.

Ich bin es wirklich nicht. Ich empfinde für sehr viele Leute Mitleid, aber nie für mich selbst. Mir tun dieselben Leute leid wie Ihnen: Waisen, Zirkusfreaks, alleinerziehende Mütter, Straßenkinder, verwitwete Väter, Kinder mit drogenabhängigen Eltern, Drogenabhängige, blinde Hausierer, gehörlose Bettler und jeder, dem ein Arm, ein Bein oder sonst irgendein wichtiges Körperteil fehlt. Bei Ihnen ist die Liste hier möglicherweise zu Ende, aber bei mir fängt sie erst an.

Mir tut die Frau furchtbar leid, die am Drive Thru des Dunkin’ Donuts arbeitete, nicht weit vom Haus meines Vaters in Connecticut. Auch bei minus dreißig Grad saß sie am Fenster, lehnte sich ohne Mantel und ohne Handschuhe hinaus, machte Scheine klein, reichte Kaffee hinaus, und immer mit einem Lächeln im Gesicht. Ich staunte über ihre Zufriedenheit, beneidete sie manchmal sogar darum. Einmal fragte ich sie, warum sie immer so glücklich aussehe, und sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte, die so schrecklich war, dass man es kaum glauben konnte. Ihr Ehemann schlug sie, ihre Tochter starb bei einem Verkehrsunfall, einen Monat schlief sie im Flur ihrer Kirche, und sie schloss mit der Bemerkung: »Das hier ist der schönste Teil meines Tages, wenn ich all diese netten Leute um mich habe.« Ich schaute mich um und sah die typische Ansammlung von Leuten, die man in einem Dunkin’ Donuts erwarten würde, und auf mich machten nicht alle einen netten Eindruck. Aber für sie war es der schönste Teil des Tages, wenn sie undankbaren Menschenmassen preiswerte Snacks verkaufen durfte. Das war ihr Leben. Eines Tages war sie dann nicht mehr da. Ich weiß nicht, was passiert ist, sie war einfach verschwunden. Ich habe versucht, mich in dem Laden umzuhören, aber keiner wusste, was mit ihr passiert war. Sie ist einfach nicht mehr aufgetaucht. Der Manager sagte zu mir: »Unsere Leute finden oft bessere Jobs und machen sich nicht die Mühe zu kündigen.« Aber ich wusste, dass das hier nicht der Fall war, sie wäre nie von diesem Job weggeblieben, wenn ihr nicht etwas Schreckliches zugestoßen wäre. Und ich werde nie erfahren, was es war. Als ich an jenem Abend nach Hause ging, wurde mir bewusst, dass ich nicht mal ihren Namen kannte. Und das machte mich so traurig, dass ich mich in den Schlaf weinte.

Oft tun mir auch Leute leid, denen ich noch nie begegnet bin.

Zum Beispiel war da diese Frau, die hemmungslos zu weinen begann, als sie in Der Preis ist heiß nach vorn gerufen wurde. Das war offenbar das Aufregendste, was ihr je passiert war, und das Ganze wurde ihr von irgendeinem Arsch kaputt gemacht, der den Preis eines Rasenmähers um einen Dollar höher einschätzte als sie und daraufhin auf der Bühne würfeln durfte, während sie dastand und auf eine zweite Chance hoffte. Aber ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bald Zeit für das Glücksrad und die letzte Runde wurde und sie keine Chance mehr bekommen würde. Der hoffnungsvolle Ausdruck in ihrem Gesicht brachte mich zum Weinen. Diese arme Frau hatte ihr Leben lang darauf gewartet, nach vorn gerufen zu werden, und das war alles, was sie bekam.

In derselben Episode gab es noch eine Frau, die mir leidtat. Sie schaffte es auf die Bühne und machte bei einem Spiel mit, wo sie am Ende ein Auto gewinnen konnte, wenn sie erriet, wie viel es kostete. Bei dem Auto handelte es sich um einen kleinen Mazda, mehr als zwei Leute und zwei Taschen mit Einkäufen hätten wohl nicht hineingepasst, aber die Frau schätzte den Preis auf achtundsiebzigtausend Dollar. Der Moderator war von dieser Schätzung so verblüfft, dass ich schon dachte, man müsse ihn von der Bühne tragen. Aber diese Frau, die Gute, war von ihrer Antwort wirklich überzeugt, und eine Minute lang glaubte sie ebenso felsenfest daran, dass sie einen funkelnagelneuen Wagen gewinnen würde. Natürlich war allen im Studio und draußen vor den Fernsehern klar, dass sie nicht die geringste Chance hatte; in den wenigen Augenblicken, in denen sie die Einzige auf der Welt war, die immer noch an sich glaubte, blutete mein Herz für sie.

Diese Momente gibt es in meinem Leben praktisch jeden Tag. Und wenn man sie zu all den üblichen Momenten addiert, die Sie ebenfalls erleben, zum Beispiel wenn Sie die hungrigen Kinder mit den aufgeblähten Bäuchen sehen, dann ist es im Grunde ein Vollzeitjob. Ich glaube, die einzige Person, die mir in meinem Leben bisher noch nie leidgetan hat, war ich selbst.

Warum auch? Seit meiner Geburt hatte ich jeden nur erdenklichen Vorteil. Mein Vater ist wohlhabend, ich bin gesund, ich konnte mir immer aussuchen, welchen Weg ich gehen wollte. Ja, mein Vater kann mürrisch und unsensibel sein, und er ist mit einer Frau zusammen, die nur vier Jahre älter ist als ich, aber das ist eigentlich nicht mein Problem. Mir tut meine Mutter leid, die so jung sterben musste, und mein kleiner Bruder, der unseren Vater immer idealisierte und sich von Dads Schwächen persönlich verraten und desillusioniert fühlte, aber nichts von alledem hat mich davon abgehalten, meinen Interessen nachzugehen oder mein Leben zu leben. Ich habe mir nie vorgestellt, dass irgendwer einmal Mitleid mit mir haben könnte, geschweige denn ich selbst, ehe ich am ersten Morgen unserer Hochzeitsreise »ScheißLarryBird« in den Laptop meines Mannes eingab und auf das Aktfoto einer Frau starrte, die ich im ersten Augenblick gar nicht erkannte.

Die Frau war attraktiv, aber keineswegs makellos, nichts, was man je in einem Playboy oder auf den Websites zu sehen bekäme, auf denen sich Männer heutzutage Pornos ansehen. Sie war nicht mit Airbrush geschönt oder künstlich gebräunt, sie war nicht enthaart und auch nicht an allen wichtigen Stellen retouchiert, aber sie war hübsch und etwa zwanzig Jahre älter als ich. Eigentlich eher neunzehn, auf den Tag genau, wie mir gerade einfällt. Ich habe sie im Rahmen der Wahlkampagne kennengelernt, und ich erinnere mich noch, dass wir gelacht haben, als wir feststellten, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Ich weiß noch, wie sie sagte: »Witzig, ich hätte Ihr Babysitter sein können.« Schon damals fand ich das nicht sonderlich witzig, und noch unwitziger war die Botschaft, die sie dem Foto beigefügt hatte.

Damit Du Dich an mich erinnerst, während Du mit Deiner Tochter auf Hawaii bist.

Und so lief ich jetzt einfach, so stramm und schnell, wie ich konnte. Ich wusste nicht, wohin ich unterwegs war, aber das spielte auch keine Rolle. Denn wenn man vor etwas wegläuft, statt auf etwas zuzulaufen, macht es keinen großen Unterschied, in welche Richtung man sich wendet.

Katherine

Es heißt, es sei besser, unglücklich als überhaupt nie geliebt zu haben.

Was für ein verdammt blöder Bockmist.

Dieser Satz, beziehungsweise die Einstellung dahinter, gehört zu den Dingen, die wir Menschen uns ausgedacht haben, damit wir uns besser fühlen. Genau wie wenn wir sagen, es bringt Glück, wenn es bei der Hochzeit regnet. Natürlich bringt das kein Glück, es ist im Gegenteil der Inbegriff von Pech. Aber wir behaupten, es bringe Glück, damit wir uns nicht schlecht fühlen müssen, weil wir an unserer eigenen Hochzeit nass geworden sind. Ich weiß noch, als meine Freundin Heidi geheiratet hat, direkt hier in Manhattan, haben sie und ihr Verlobter einen oben offenen Doppeldeckerbus gemietet, der die Gäste von der Kirche an der Upper West Side in einen Club am Gramercy Park bringen sollte. Das Problem war, dass es regnete. Genauer gesagt, schüttete es wie aus Eimern. Mein bleibender Eindruck von dieser Hochzeit ist Heidis Anblick mit einem Müllsack über ihrem Kleid und einer Duschhaube über ihrem Haar, damit der Regen nicht all ihre Fotos zerstörte, während die Gäste sich in der unteren Etage des Doppeldeckerbusses drängten. Also bitte, war das etwa Glück?

Natürlich heißt das nicht, dass die Ehe zum Scheitern verurteilt ist. Tatsächlich ist Heidi immer noch glücklich verheiratet und hat drei kleine Jungen, deren Namen mir im Augenblick nicht einfallen wollen, doch das ändert trotzdem nichts an der Tatsache, dass der Regen an ihrer Hochzeit keineswegs ein Glücksfall war. Genauso wenig ist es besser, unglücklich zu lieben als überhaupt nicht.

»Ach, zum Teufel mit dem Arsch«, sagte ich.

»Was haben Sie gesagt, Katherine?«

Maurice hatte ich ganz vergessen. »Nichts.«

»Wenn Sie weiter Selbstgespräche führen, muss ich Sie irgendwo anders hinbringen als in Ihr Büro«, sagte er munter. »Vielleicht müssen Sie zum Arzt.«

Ich habe Maurice wirklich gern. Er ist ein durch und durch netter Mann, und die sind meiner Erfahrung nach nicht leicht zu finden. Falls es so etwas wie Reinkarnation geben sollte – und falls im Universum tatsächlich Gerechtigkeit herrscht –, dann finde ich, dass Maurice als Supermodel oder Basketballstar oder George Clooney wiedergeboren werden sollte. Wenn Maurice als Heidi Klum auf die Welt käme, würde ich ihm weder die endlosen Beine missgönnen noch die makellose Haut, noch die Frisur, die bei Wind stets an ihren Platz zurückfedert. Ich wäre wirklich froh, wenn ich erführe, dass die Gewinner der genetischen Lotterie sich ihr Glück durch viele gute Taten verdient haben. Sonst würde alles nur dem Zufall folgen, dem Losglück, manche Leute wären einfach so, ohne besonderen Grund, schlank und schön, und der Rest von uns nicht.

Wenn Phillip wiedergeboren wird, will ich jedoch Gerechtigkeit. Und ich habe die perfekte Strafe gefunden, den passenden Denkzettel für ein Leben in Schönheit und Reichtum, ohne jede Dankbarkeit für das unverdiente Glück. Ich bin neulich im Fernsehen darauf gestoßen, als ich »Dirty Jobs« angesehen habe. (Ich liebe diese Doku-Reihe.) Die Folge begann mit landschaftlich schönen Aufnahmen einer Ranch, die Sonne stieg an einem vollkommenen Morgen hoch in den Himmel, und dann erschien Mike Rowe und sagte so etwas wie: »Was für ein herrlicher Tag, genau richtig, um Pferdesperma zu sammeln.« Und genau damit hat er die nächste Stunde zugebracht. Nach der Folge ging ich online und las alles, was ich über das Sammeln von Hengstsperma finden konnte, und es war faszinierend. Bei der am weitesten verbreiteten Methode kommt eine künstliche Vagina zum Einsatz, aber in manchen Fällen funktioniert das nicht, und dann muss jemand das Sperma manuell abmelken. Sie haben richtig gehört, manuell. Und während ich weiterlas, ging mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Wenn es so etwas wie Reinkarnation gibt, dann hoffe ich, dass Phillip als der Typ wiedergeboren wird, der den Pferden einen runterholt.

Klingt das gemein? Soll es eigentlich nicht. Es ist nur so, dass er der zweite Mann in meinem Leben ist, der mich so heftig im Stich gelassen hat, dass ich nicht damit klarkam. Der erste war mein Vater, und seien wir ehrlich, so bitter einen der eigene Vater auch enttäuscht haben mag, man wünscht ihm trotzdem nicht, dass er sein nächstes Leben damit zubringen muss, Pferde abspritzen zu lassen.

Aber die Zeit, als Phillip und ich zusammen waren, ist für mich nicht mehr real, und das heißt, dass ich mich zwar an viele Ereignisse erinnere, aber nicht mehr weiß, wie sie sich angefühlt oder wie sie geschmeckt oder gerochen haben. Ich weiß noch, wie ich an meinem ersten Tag an der Harvard Business School bei der Einschreibung einem schüchternen, brillanten Typen begegnet bin. Er war älter als ich, sieben Jahre. Er hatte an der Wall Street gearbeitet, und seine Firma zahlte ihm nun das Studium in Cambridge. Phillip war ein Genie, und das konnten sie alle schon damals sehen, es war offensichtlich. Ich erinnere mich an sein üppiges schwarzes Haar, das hinten ungepflegt und lockig war, was gar nicht zu seinem Gesicht passte. Ich erinnere mich daran, dass wir beide bis zu einem gewissen Grad Außenseiter waren; ich wegen meines Vaters, Phillip, weil er im falschen Stadtteil geboren war. Phillip stammte aus Brooklyn, der sprichwörtlichen Heimat aller Selfmademen. Sein Vater, ein liebenswerter, reizender Mann, fuhr Milch aus. Phillip, kurz davor, sein Studium als Jahrgangsbester abzuschließen, hat immer zu mir gesagt: »Was man uns auf der Uni beibringt, ist auch nicht mehr wert als das, was ich in Brooklyn auf der Straße gelernt habe.« Phillip war eine Kämpfernatur, und wenn es sein musste, griff er auch zu schmutzigen Mitteln.

Ich habe jedoch eine andere Seite an ihm kennengelernt. Ich war die Einzige, der gegenüber er sich manchmal ein wenig öffnete. Er konnte sehr witzig sein. Sein Humor war beißend und sarkastisch, was meiner Ansicht nach verriet, wie unsicher er sich als einziger Brooklyn Boy an einer der renommiertesten Hochschulen Amerikas fühlte. Und wie ich liebte er alte Filme. Das war es, was uns wirklich verband. Vor allem Humphrey Bogart hatte es ihm angetan. Die einzige Gelegenheit, bei der er sich ein bisschen dämlich benahm, war, wenn er an Bord eines Flugzeugs ging. Egal wo wir uns befanden, immer zitierte er die berühmten Zeilen aus Casablanca.

»Weil du mit der Maschine fliegen wirst«,

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