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Was starke Männer schwach macht

1. KAPITEL

Als Tony Veracruz vor der Wache aus dem Feuerwehrauto stieg, war er noch immer vollgepumpt mit Adrenalin. Er kam gerade mit seinen Kollegen von einem Hausbrand im Süden von Dallas zurück, aber bei ihrer Ankunft dort hatte eine andere Wache das Feuer bereits im Griff gehabt, sodass es nichts mehr für sie zu tun gegeben hatte.

Tony hielt den Verkehr auf der viel befahrenen Jefferson Street an, damit Leutnant McCrae das Fahrzeug rückwärts in die Wache fahren konnte. Hoffentlich ging die Sirene gleich wieder los. Je mehr sie zu tun hatten, desto besser.

In den letzten zehn Stunden dieses heißen Augusttags war Tony zu einem Einsatz nach dem anderen ausgerückt, darunter auch die Rettung eines Kindes aus einem Abwasserkanal, was ihm jedoch insgesamt nur recht gewesen war.

Sobald er nämlich untätig herumsaß, musste er ununterbrochen an Daralee denken. Warum konnte er sie nicht einfach vergessen? Schließlich hatte sie mit ihm Schluss gemacht, und nichts würde sie zu ihm zurückbringen.

Als Tony gerade das Tor schließen wollte, sah er aus dem Augenwinkel, dass sich auf der anderen Straßenseite etwas bewegte.

„Hey, Ethan“, rief er seinem Kollegen und langjährigen besten Freund zu. „Bei Brady drüben ist Licht an.“

Seine Bemerkung erregte die Aufmerksamkeit aller in Hörweite. Sie hasteten zum Tor, um einen Blick auf die leuchtende Bierreklame im Fenster von Brady’s Tavern zu werfen. In den letzten zwei Wochen war dort alles dunkel geblieben – seitdem Brady Keller, in dritter Generation Besitzer der beliebtesten Bar im Oak-Cliff-Viertel in Dallas, friedlich im Schlaf gestorben war.

„Vielleicht wird die Bar ja wieder eröffnet“, mutmaßte Tonys Freund Ethan hoffnungsvoll.

Tony zuckte mit den Achseln. „Hoffentlich.“

Oak Cliff war früher einmal eine eigenständige Stadt auf der anderen Seite des Flusses gewesen, bis Dallas sie vor gut hundert Jahren geschluckt hatte. Das bunte, lebendige Viertel lag direkt gegenüber der City, und deren Bewohner blickten nur naserümpfend auf den Stadtteil hinab. Doch die Einwohner von Oak Cliff waren stolz auf ihre Andersartigkeit.

Brady’s Tavern war in diesem Viertel eine echte Institution und Tony dort Stammgast gewesen, seitdem er mit siebzehn einen gefälschten Ausweis bekommen hatte. Da die Bar gleich gegenüber der Feuerwache lag, wurde sie stark von Polizisten und Feuerwehrleuten frequentiert.

Der gute alte Brady Keller war genauso Bestandteil des Inventars gewesen wie der klebrige Holzfußboden und der alte Shuffleboardtisch. Er hatte immer für alle ein offenes Ohr gehabt und so manchem Unglücksraben ein Bier spendiert – vorausgesetzt, seine Geschichte war traurig genug.

Immer wenn Tonys Beziehungen in die Brüche gingen – was mit alarmierender Häufigkeit geschah –, war er direkt zu Brady’s hinüber marschiert, um sich dort mit einer Runde Poolbillard, einer Sportsendung im Fernsehen und einem Bier zu trösten. Bis vor zwei Wochen.

Die gesamte Belegschaft der Feuerwache 59 betrauerte den Verlust Bradys und seiner Bar zutiefst. Vor allem, seitdem dort ein Verkaufsschild im Fenster hing.

„Könnt ihr etwas erkennen?“, fragte Ethan.

„Ich glaube, ich sehe jemanden“, antwortete Priscilla Garner, ebenfalls eine gute Freundin Tonys und zudem seine Vermieterin.

Sie, Ethan und Tony hatten erst vor Kurzem gemeinsam die Feuerwehrausbildung absolviert, wohnten alle im selben Block des Viertels, übernahmen dieselben Schichten und hielten auch sonst zusammen wie Pech und Schwefel. Als Berufsanfänger hatten sie seitens der altgedienten Feuerwehrmänner eine Menge auszustehen gehabt – so etwas schweißte zusammen.

„Vielleicht ist die Bar ja inzwischen verkauft“, fügte sie hinzu.

„Ich habe zufällig gesehen, wer da reingegangen ist“, mischte Otis Granger sich ein, ein weiterer Stammgast bei Brady’s. Sein Name zierte sogar einen der Hocker am Tresen. „Es waren zwei Mädchen. Sie sahen allerdings nicht wie typische Barbesitzerinnen aus.“

„Mädchen?“, fragte Tony neugierig.

„Na ja, junge Frauen“, räumte Otis ein. „Aber eine davon sieht aus wie ein Teenager.“

Die Belegschaft der Feuerwache 59 hoffte, dass der neue Besitzer die Bar genauso weiterbetreiben würde wie bisher. Brady’s hatte in den letzten Jahren zwar zunehmend Konkurrenz durch schicke Lokale bekommen, aber die Stammkunden wollten keine Veränderung.

„Sollten wir mal rübergehen und nachfragen?“, schlug Ethan vor. „Vielleicht handelt es sich ja um Bradys Erben. Er hat irgendwann mal eine Schwester erwähnt.“

„Tony, das übernimmst du.“ Priscilla versetzte ihrem Freund einen Stoß.

„Und warum ausgerechnet ich?“

„Weil es Frauen sind. Falls du es bisher noch nicht gemerkt hast … du hast eine gewisse Wirkung auf das weibliche Geschlecht.“

Otis und Ethan brachen in lautes Gelächter aus. Tony warf ihnen einen missmutigen Blick zu. Was auch immer er für eine Wirkung auf Frauen hatte, sie hielt nie lange an. Seine bisher längste Beziehung hatte gerade mal zwei Monate gedauert.

„Frag die beiden einfach, wer sie sind“, beharrte Priscilla. „Ob sie zum Beispiel mit Brady verwandt sind. Und was für Pläne sie mit der Bar haben. Vielleicht kannst du sie ja dazu überreden, sie an jemanden zu verkaufen, der alles beim Alten lässt.“

„Warum sprichst du eigentlich nicht mit ihnen, Ethan?“, wandte Tony ein. „Du bist doch der Überzeugendste von uns allen.“

„Stimmt, er hat sogar Kat dazu gekriegt, ihn zu heiraten“, bemerkte Otis trocken. „Dabei hätte sie es erheblich besser treffen können.“

Wie immer bei der Erwähnung des Namens seiner schönen jungen Frau schwoll Ethan die Brust vor Stolz. Er und Kat hatten vor knapp einem Monat geheiratet. „Okay, ich mach’s“, sagte er.

Doch genau in diesem Augenblick ging die Tür zu Brady’s auf, und eine der beiden Frauen kam heraus und ging den Bürgersteig hinunter.

Selbst aus der Entfernung konnte Tony erkennen, dass sie absolut umwerfend aussah – groß, schlank und mit im Wind wehenden goldblondem Haar. Sie trug ausgeblichene knackige Jeans und ein enges kurzes Oberteil, das ihre schmale Taille und ihre wippenden Brüste betonte.

Sie riss das Verkaufsschild ab, rollte es zusammen und marschierte wieder in die Bar zurück.

„Warte!“, rief Tony spontan. „Ich habe es mir anders überlegt. Ich rede mit ihr.“

„Sieh mal einer an“, witzelte Priscilla. „Tony ist mal wieder auf der Pirsch.“

Er warf ihr einen genervten Blick zu. „Daralee und ich haben uns gerade erst getrennt!“, empörte er sich. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich schon bereit für jemand anders bin?“

Tonys Kollegen mussten so heftig lachen, dass Otis fast zusammengebrochen wäre und Ethan sich irgendwo festhalten musste.

„Was soll das?“, fragte Tony aufgebracht. „Macht ihr euch etwa über mein katastrophales Liebesleben lustig?“

„Katastrophal? Bei dir geben sich doch die Frauen die Klinke in die Hand“, sagte Ethan. „Wie lange bist du jetzt von Daralee getrennt? Eine Woche?“

„Das mit uns war etwas ganz Besonderes“, gab Tony zurück. „Ich habe wirklich geglaubt …“ Er verstummte abrupt. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt zum Trauern. Die Frau mit dem goldblonden Haar da drüben war zweifellos die neue Besitzerin des Brady’s, und irgendjemand musste dringend mit ihr reden, bevor sie den Laden womöglich komplett umkrempelte.

„Lasst euch eine Ausrede für Captain Campeon einfallen, falls er bemerkt, dass ich nicht da bin“, sagte er und rannte aus der Wache.

Zielstrebig schlängelte er sich durch den Verkehr hindurch, der umwerfenden – und noch nichts von ihrem Schicksal ahnenden – Göttin auf der anderen Straßenseite entgegen.

Brady’s Tavern lag in einem etwa hundert Jahre alten zweigeschossigen Gebäude, dessen Ziegelfassade aussah, als habe sie seit der Ära der Kohleöfen noch nie einen Sandstrahler gesehen. Unter dem Dachfirst nistete ein Taubenschwarm, um dessen Hinterlassenschaften sich kein Mensch kümmerte.

Die Bartür war nicht abgeschlossen. Als Tony sie öffnete, schlug ihm ein Schwall heißer, stickiger und schal nach Bier riechender Luft entgegen. „Hallo?“, rief er. „Ist jemand da?“

Ein halbwüchsiges Mädchen hüpfte auf ihn zu. „Hi. Wer sind Sie denn?“

„Tony. Ich arbeite in der Feuerwache auf der anderen Straßenseite. Bist du die neue Besitzerin des Brady’s?“

Sie nickte. „Na ja, eigentlich gehört die Bar meiner Mom. Ich finde es hier total cool. Spielen Sie Shuffleboard?“

„Ich spiele nicht nur, ich war sogar zwei Mal hintereinander Champion. Wer ist denn deine Mom?“ Tony nahm an, dass es sich dabei um die Frau handelte, die das Verkaufsschild entfernt hatte.

„Sie ist Bradys Schwester … war … wie auch immer.“

„Dann war Brady also dein Onkel? Es muss schrecklich für dich gewesen sein, ihn so plötzlich zu verlieren. Er war ein Klassetyp.“

„Meine Mom hat immer gesagt, er sei ein Säufer, dem man nicht über den Weg trauen kann.“ Tony war schockiert, denn er hatte Brady immer als Freund betrachtet. Außerdem war die Aussage der Mutter des Mädchens längst überholt: Brady hatte schon seit zwanzig Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt.

„Kann ich mal mit deiner Mom sprechen?“ Tony sah sich suchend in der Bar um. Die Bar sah merkwürdig leer aus ohne die üblichen Gäste: Polizisten, Feuerwehrleute und ihren Groupies – Frauen, die sich unwiderstehlich zu jedem Mann mit Polizeimarke oder Löschschlauch hingezogen fühlten. Von der blonden jungen Frau keine Spur.

„Meine Mom ist bei der Arbeit. Sie müssen mit Julie reden.“

„Julie?“

„Meine Schwester.“

Aha. Das ergab Sinn.

„Sie zählt gerade die Gläser nach. Um nachzusehen, was wir behalten und was nicht.“

Wahrscheinlich war es ratsam, sofort mit dieser Julie zu reden, bevor sie womöglich noch Gegenstände wie den kostbaren Daryl-Jones-Memorial-Aschenbecher wegwarf.

Hinter dem Holztresen hörte Tony es leise klirren. Anscheinend würde er Julie dort finden. Er ging auf den Tresen zu, wobei seine Schuhsohlen schmatzende Geräusche auf dem klebrigen Holzfußboden machten.

Ach, tat das gut, wieder hier zu sein! Die alten Reklameschilder an den Wänden beleuchteten das vertraute Inventar, das aus abgenutzten Tischen und Stühlen und ein paar Billardtischen und Dartscheiben bestand – das reinste Männerparadies, zumal es hier auch Fernseher gab, auf deren Bildschirmen man Sportsendungen verfolgen konnte.

In einer Ecke stand ein künstlicher Ficus – einsam und staubbedeckt. Wahrscheinlich hatte ihn mal eine von Bradys Freundinnen mitgebracht, in der vergeblichen Hoffnung, der Bar mehr Stil zu verleihen.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Tony. „Sind Sie Julie?“

Die Frau mit den goldblonden Haaren von vorhin kam hinter dem Tresen zum Vorschein. Sie trug gelbe Gummihandschuhe und starrte Tony überrascht an. Für ein paar spannungsgeladene Sekunden sagte niemand von ihnen ein Wort. Sie hatte wirklich ungewöhnliche bernsteinfarbene Augen. Solche Augen hatte Tony noch nie gesehen. Unwillkürlich musste er an einen Faun oder eine Waldnymphe denken.

„Ja?“, fragte sie schließlich. Ihre dunkle sexy Stimme jagte Tony einen Schauer über den Rücken und brachte schlagartig sein Blut in Wallung.

Er riss sich zusammen. Wie konnte er sich nur zu dieser Frau hingezogen fühlen, wenn der Schmerz wegen Daralee noch so frisch war? Vermutlich spielten seine Hormone ihm einen Streich.

„Hi, ich bin Tony Veracruz. Ich arbeite gleich gegenüber in der Feuerwache, und meine Kollegen und ich haben uns gerade gefragt, ob … Wollen Sie Brady’s behalten? Ich habe gesehen, wie Sie das Verkaufsschild entfernt haben.“

Julie legte den Kopf schief. „Möchten Sie die Bar etwa kaufen?“

„Darüber haben wir schon nachgedacht, aber der Preis war uns leider zu hoch. Wir vermissen die Bar sehr – und Brady ebenfalls. Er war ein toller Mensch. Sein plötzlicher Tod ist ein großer Verlust für uns. Sind Sie seine Nichte?“

„Ja, bin ich. Julie Polk.“ Sie hielt ihm ihre Hand hin. Als sie feststellte, dass sie noch immer Gummihandschuhe trug, nahm sie den rechten hastig ab.

Anstatt ihre Hand zu schütteln wie bei einem Mann, drückte Tony sie nur. Sie hatte hübsche kleine Hände mit perlmuttrosa lackierten, sorgfältig manikürten Fingernägeln. Tonys Magen fühlte sich auf einmal ganz eigenartig an.

Julies höfliches Lächeln erlosch unter seinem Blick. Sie wirkte auf einmal ziemlich nervös. Ging es ihr etwa genauso wie ihm?

Das halbwüchsige Mädchen, das sich während ihres kurzen Gesprächs gegen den Tresen gelehnt hatte, räusperte sich belustigt.

Hastig zog Julie ihre Hand weg. „Das ist übrigens meine Schwester Belinda, aber ich nehme an, dass Sie sich bereits kennengelernt haben?“

„Richtig, sie hat mir nur noch nicht verraten, wie sie heißt. Ein hübscher Name übrigens.“ Da er seine Tochter um ein Haar genauso genannt hätte, war das noch nicht einmal leeres Gerede.

Belinda errötete heftig. Obwohl ihr Haar und ihre Augen dunkler waren, sah sie ihrer Schwester sehr ähnlich. Was bedeutete, dass sie vermutlich schon jede Menge Herzen brach.

„Dann ist Ihre Mutter also die neue Besitzerin?“, fragte Tony.

„Ja. Die Bar gehörte ihr und Brady zusammen, aber meine Mutter war nur so etwas wie eine stille Teilhaberin. Sie und ihr Bruder standen sich nicht besonders nahe.“

„Schade. Es ist immer traurig, wenn Familienmitglieder sich nicht miteinander verstehen.“ Unwillkürlich musste Tony an seine eigene Familie denken. Da seine Eltern erneut geheiratet hatten, hatte er jede Menge Stief- und Halbgeschwister, doch längst nicht zu allen Kontakt. „Dann hat Ihre Mutter also beschlossen, die Bar doch nicht zu verkaufen?“

„Mom interessiert die Bar eigentlich nicht besonders. Sie hat mir aufgetragen, mich darum zu kümmern.“ Julie streifte sich den Handschuh wieder über und zählte die Bierkrüge. Während sie ihre Anzahl in einem Notizheft festhielt, drehte sie Tony ihren knackigen Po zu – doch seine Freude darüber erlosch, als ihm bewusst wurde, dass Belinda ihn süffisant anlächelte. Hastig richtete er den Blick auf das Gemälde einer nackten Frau über dem Tresen.

„Sie werden die Bar doch wiedereröffnen, oder?“, fragte er weiter.

„Klar. Wäre doch eine Schande, sie in der vierten Generation zu verkaufen.“

Das klang vielversprechend. „Da haben Sie völlig recht. Hier steckt jede Menge Geschichte drin. Wen werden Sie als Manager einstellen? Ich kann Ihnen Bradys Mitarbeiter wärmstens empfehlen, Alonzo.“

„Glauben Sie, ich komme hier nicht allein zurecht?“, fragte sie scharf, legte das Notizheft beiseite und sah ihn herausfordernd an.

„Na ja, Sie sind …“ Tony brach ab, bevor er etwas Falsches sagen konnte. Er war schon öfter als Macho bezeichnet worden. Dabei war er ein großer Fan der Gleichberechtigung und hielt Frauen für ebenso intelligent und kompetent wie Männer. Aber jemand, der so schön und kultiviert war wie Julie Polk, durfte seiner Meinung nach nichts mit Bier und betrunkenen und grapschenden Gästen zu tun haben.

„Was bin ich?“, bohrte sie nach.

„Zu hübsch, um in einer solchen Spelunke wie dieser hier zu arbeiten.“

Sie senkte den Blick. Ihre langen, geschwungenen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. „Danke, aber ich habe einfach nicht die Mittel, um jemanden einzustellen, der den Laden für mich schmeißt. Und da ich gerade zwischen zwei Jobs bin, wie man so schön sagt, spricht alles dafür, mich selbst darum zu kümmern.“

„So haben Sie jedenfalls mehr Einfluss“, sagte Tony lächelnd. Das Brady’s würde also wiedererstehen! Das musste er sofort seinen Kollegen erzählen. Sie würden bestimmt ausflippen vor Freude. „Und keine Sorge“, fügt er hinzu. „Die Bar hat jede Menge Fans in der Nachbarschaft. Wann werden Sie denn wiedereröffnen?“

„Keine Ahnung. Es wird bestimmt ein paar Wochen dauern, bis ich alles neu eingerichtet und die neue Speisekarte entworfen …“

„Speisekarte?“, fragte Tony entgeistert. Brady hatte nur Nachos, Popcorn und Nüsse serviert. Wozu brauchte man eine Speisekarte? „Sie wollen Brady’s also verändern?“

„Allerdings. Brady’s wird nicht mehr lange Brady’s bleiben.“ Das Lächeln, das sich über Julies Gesicht breitete, löschte ihre Maske eisiger Höflichkeit komplett aus. Wenn sie so lächelte wie jetzt, sah sie aus wie ein Engel. Tony war so verzaubert von ihrem Anblick, dass er ihre nächsten Worte fast überhört hätte. „Ich werde es Belinda’s nennen.“

„Belinda’s … Bar?“, fragte Tony entsetzt.

„Nein, Belinda’s Tearoom. Der coolste von ganz Dallas.“

Offensichtlich war Tony Veracruz nicht allzu erfreut über diese Nachricht. Er starrte sie mit offenem Mund an.

Himmel, er sah einfach umwerfend aus! Diese Wangenknochen, diese glatte dunkle Haut und diese braunen Augen, in denen man förmlich ertrinken konnte. Seltsam, bisher hatte sie immer ihren blonden, aristokratisch aussehenden Exverlobten für den bestaussehenden Mann weit und breit gehalten, aber Tonys männliches Aussehen sprach sie irgendwie an.

Außerdem hatte sie immer noch Herzklopfen wegen seines Kompliments, so albern das auch war. Wahrscheinlich sagte er jeder Frau, dass sie hübsch war.

„Soll das etwa heißen …“ Tonys Stimme erstarb.

„Toll, oder? Ich mache aus Brady’s einen Tearoom.“

„In der Jefferson Street?“

„Das ist doch der perfekte Standort, finden Sie nicht? Oak Cliff macht gerade einen Wandel durch. Überall entsteht Neues. Das historische Viertel liegt gleich auf der anderen Straßenseite, die alten schönen Häuser im Kessler Park sind nur eine Meile entfernt, und dann ist da noch der Bishop Arts District, mit jeder Menge schicken neuen Restaurants und Bars.“

Julie zählte die gleichen Argumente auf, mit denen sie bereits ihre Eltern überredet hatte, ihr die Bar zu überlassen. Allerdings war ihnen sowieso egal, was mit dem Laden passierte, solange er nur Geld einbrachte.

Trotz der schmutzigen Fassade hatte Julie auf den ersten Blick das Potenzial der Bar erkannt. Trey würde noch sein blaues Wunder erleben! Als sie ihm seinen Ring zurückgab, hatte er behauptet, dass sie es ohne seine Hilfe sowieso zu nichts bringen würde. Sie würde es ihm und seiner Familie schon noch beweisen!

Außerdem brauchte sie nach der katastrophalen Trennung dringend etwas, das nur ihr gehörte und das ihr niemand mehr nehmen konnte.

Julie drehte sich um, um die Gläser weiterzuzählen. Leider war das bisherige Ergebnis ihrer Inventur ziemlich deprimierend und ernüchternd.

Brady’s ist eine echte Institution hier im Viertel“, sagte Tony verstört. „Sie können die Bar doch nicht einfach dichtmachen.“

„Leider bleibt mir keine andere Wahl“, antwortete Julie sachlich. „Ich habe nämlich keine Ahnung davon, wie man eine Bar führt, dafür aber einen Tearoom.“ Sie hatte ein Jahr lang das Lochinvar’s gemanagt, den ach-so-schicken Tearoom im Bailey-Davidson’s – dem erstklassigen Kaufhaus, das der Familie ihres Exverlobten gehörte.

Belinda’s Tearoom würde noch viel angesagter werden als das seit fünfzig Jahren unveränderte Lochinvar’s, zu dessen Klientel vor allem alte Damen gehörten. Julie wollte junge Gäste anziehen – gut situierte und schicke Menschen, die sonst die Bistros im BishopArtsDistrict bevölkerten.

„Aber Brady’s ist eine richtige Goldgrube“, wandte Tony ein und folgte Julie beharrlich, als sie zum nächsten Gläserbord ging. „Die Bar war fast jeden Abend voll, und die Leute konnten einiges vertragen.“

„Was für eine verlockende Vorstellung“, antwortete Julie sarkastisch. „Ich habe mal einen Blick in die Buchhaltung geworfen. Die Bar mag vielleicht gut frequentiert sein, aber die Gäste konsumieren einfach zu wenig. Der Profit des Brady’s ist in der letzten Zeit dermaßen in den Keller gegangen, dass die Konten praktisch leergeräumt sind.“

Tony war nicht überrascht. „Brady hat das Geld immer so schnell ausgegeben, wie er es eingenommen hat. Meistens, um anderen Menschen bei ihren Problemen zu helfen. Er hatte ein sehr weiches Herz. Er hat sogar kostenlose ThanksgivingEssen für Obdachlose organisiert.“

„Wirklich?“, fragte Julie erstaunt. Ihrer Mutter hatte Onkel Brady alles andere als selbstlos dargestellt. „Das klingt ja richtig sympathisch.“

„Kannten Sie ihn denn gar nicht?“

„Nicht wirklich. Trotzdem, die Buchhaltung ist eindeutig.“ Julie hatte auf dem Community College BWL-Kurse belegt und kannte sich mit Buchhaltung aus. „Das Brady’s hat so gut wie keinen Gewinn abgeworfen.“

„Okay, vielleicht ist die Bar doch keine Goldgrube, aber das könnte sich ändern. Mit den richtigen Managementfähigkeiten …“ Tony sah Julie vielsagend an.

„Ich habe mich schon genau informiert. Die Bevölkerungsstruktur im Viertel ändert sich gerade. Noch ein paar schicke Läden mehr in dieser Straße, und Oak Cliff ist total in. Belinda’s Tearoom wird bestimmt fantastisch laufen.“

Julie war auf schnellen Profit angewiesen. Ihre hochintelligente Schwester hatte nämlich einen Platz an einer Elite-Universität bekommen, und da die Davidsons ihre Ausbildung nach der geplatzten Verlobung bestimmt nicht mehr finanzieren würden, musste Julie sich dringend etwas anderes einfallen lassen, um die horrenden Studiengebühren bezahlen zu können.

Selbst mit einem Stipendium würden die Ausgaben enorm sein. Ihre Eltern konnten das unmöglich finanzieren. Sie hatten selbst kaum genug zum Leben.

Außerdem hatte der Immobilienmakler Julie davon abgeraten, das Haus zu verkaufen. Er hatte gesagt, dass es Monate oder vielleicht sogar Jahre dauern würde, bis sie einen vernünftigen Preis für das Brady’s bekam. Und dass die Hypotheken, die auf dem Gebäude lagen, den Verkaufserlös sowieso auffressen würden.

Da war die Idee mit dem Tearoom doch viel vernünftiger. Das alte Inventar würde sie einfach verkaufen – die Flipperautomaten oder die Neonschilder hatten bestimmt einen gewissen Sammlerwert. Mit dem Erlös und ihren eigenen Ersparnissen konnte sie diese Bar in eine schicke und zugleich behagliche Oase verwandeln, die sie und ihre Familie in den nächsten Jahren finanziell über die Runden bringen würde.

Irgendwann würde sie die Gläubiger des Brady’s natürlich bezahlen müssen, aber glücklicherweise hatten sich alle mit einem Aufschub einverstanden erklärt, als sie ihnen ihre Pläne geschildert hatte.

Sie hatte alles genau durchkalkuliert. Es war durchaus realisierbar.

„Das können Sie doch nicht machen!“, protestierte Tony. „Bitte, Julie, ich flehe Sie an! Sie zerstören damit ein Stück von Oak Cliffs Geschichte.“

Er sah sie so eindringlich an, dass Julie prompt mit dem Zählen der Biergläser durcheinanderkam. Musste er sie denn so ablenken? Wie weit würde er wohl gehen, um sie dazu zu bringen, ihre Meinung zu ändern? Hastig verdrängte sie diesen Gedanken wieder.

Schließlich hatte sie erst vor vier Wochen ihre Verlobung gelöst. Sie war noch lange nicht darüber hinweg, dass ihr Verlobter sie betrogen hatte. Genauso wenig über die schockierende Erkenntnis, dass er und seine Familie von ihr erwarteten, sein Verhalten stillschweigend zu dulden. So oder so, sexy Tony Veracruz hatte in ihrem Leben zurzeit nichts zu suchen.

„Mr Veracruz, sehen Sie sich doch mal um!“

Er gehorchte. „Ja, und?“

„Diese Bar ist ein absoluter Schandfleck! Ich möchte etwas Tolles draus machen, ein echtes Schmuckstück, auf das Oak Cliff stolz sein kann.“

„Na ja, ich gebe gern zu, dass man hier mal gründlich sauber machen könnte.“

„Um den Dreck von diesen Dielen abzubekommen, bräuchte man einen Sprengsatz. Und alles stinkt nach abgestandenem Bier und Zigarettenrauch.“

„Wir helfen Ihnen gern beim Saubermachen“, versuchte Tony es erneut.

„Es tut mir leid, Tony.“ Das war noch nicht einmal gelogen. Anscheinend war das Brady’s ein Ort gewesen, an dem die Gäste sich irgendwie zu Hause gefühlt hatten. Julie hatte Verständnis für ihr Bedürfnis, das zu bewahren. Sie selbst hätte auch gern das Gefühl gehabt, irgendwo hinzugehören.

Auf jeden Fall nicht nach Pleasant Grove, dem Arbeiterstadtteil, in dem sie aufgewachsen war. Sie hatte schon immer mehr aus ihrem Leben machen wollen und sich am Ziel ihrer Wünsche geglaubt, als sie bei Bailey-Davidson’s anfing. Neun Jahre ihres Lebens hatte sie in dem Kaufhaus gearbeitet – neun Jahre, in denen sie erst eine Ausbildung absolviert hatte und dann stetig die Karriereleiter hochgeklettert war. Am Community College hatte sie BWL-Kurse belegt, um sich für einen Leitungsposten zu qualifizieren.

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