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Was sich liebt, das trennt sich

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. Epilog
  32. Über die Autorin
  33. Danksagung

Lauren Lipton

WAS SICH LIEBT,
DAS TRENNT
SICH

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Katharina Kramp

1

Frühherbst, September

Etwas stimmte nicht, und sie wusste es, bevor sie die Augen aufschlug.

Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt, von einem Mann, dem sie in ihren wachen Stunden noch niemals begegnet war, da war sie ganz sicher, obwohl er ihr im Traum so vertraut erschienen war wie ein alter Freund. Ein Mann, an den sie sich später nicht würde erinnern können, abgesehen davon, dass seine Anwesenheit sie sehr glücklich gemacht hatte. Ein Mann, von dem sie nur wusste, dass er nicht Brock war und über den Brock auch lieber nichts wissen sollte. Und obwohl ihr klar war, dass sie eigentlich sofort nach Hause zu Brock fahren und sich für alles entschuldigen musste – den Streit, dass sie einfach gegangen war und für das jetzt -, konnte sie sich nicht dazu bewegen, den Zauber zu brechen. Sie und der Traummann hatten gelacht und geredet, obwohl sie sich auch nicht daran erinnerte worüber, und dann hatten Glocken geläutet und Leute ihnen zugejubelt. Lächelnde Traumleute waren zurückgetreten und hatten sie angesehen wie Hochzeitsgäste, die die Tanzfläche für den ersten Tanz freimachen. Dann, als sie und der Mann sich gerade umarmen wollten, hatte Peggy Adams einen Moment der Klarheit. Etwas stimmt nicht, dachte sie im Traum, und alles löste sich auf.

Das war eine der zahlreichen Begleiterscheinungen von Peggys chronischer Angst: Reisen machte sie nervös, und sie konnte in einem fremden Bett einfach nicht schlafen. Nicht einmal in einem Luxushotel. Sie versuchte, darüber zu lachen – Hallo, Zimmerservice? Da ist eine Erbse unter meiner Matratze – und einzuschlafen. Aber das Kissen war zu dick oder die Laken waren verrutscht und enthüllten Zentimeter vor ihrem Gesicht die nackte Matratze. Den Rest der Nacht verbrachte sie damit, sich vorzustellen, was genau sich auf dieser Matratze befand, während sie sehnsüchtig an ihr eigenes Bett dachte, und damit, sich Vorwürfe zu machen. Seit wann hatte sie Angst vor allem Möglichen? Warum konnte sie nicht damit aufhören?

Aber dieses besondere Nicht-in-Ordnung-Gefühl ging über den Traum hinaus und auch über Peggys Gefühl, dass ihre Welt immer enger wurde und sie selbst daran schuld war. Es ging weiter als ihre Sorge, dass ihre Freunde sie zurückließen, sich in ihrem Leben weiterentwickelten, während sie auf der Stelle trat. Und es ging ganz sicher darüber hinaus, dass sie nicht in ihrem Bett war.

Während der vergangenen zwei Tage war Peggy nicht von dem entfernten Brummen des Verkehrs auf Manhattans Ninth Avenue aufgewacht oder, je nachdem, welcher Tag war, von Brocks Rasiergeräuschen im Badezimmer ihres gemeinsamen Apartments, sondern von der zugigen Klimaanlagen-Luft in einem Zimmer im New York-New York-Hotel in Las Vegas. Neben ihr hatte sich Bex Sabes-Cohen – ihre beste Freundin und Geschäftspartnerin, die ebenfalls zu diesem Junggesellinnen-Abschied eingeladen war – verschlafen in ihrem Doppelbett gewälzt, und aus dem Fenster konnten sie auf das nachgebaute Chrysler Building blicken. Freitag und Samstag hatte sie das überrascht, aber heute war Sonntag, sie würde nachher nach Hause fliegen, und da sie schon am Nachmittag in ihren Alltag zurückkehrte, konnte sie mit der Fremdheit des Hotelzimmers, den verbleibenden Stunden gekünstelter Las-Vegas-Fröhlichkeit und selbst ihrem Streit mit Brock durchaus umgehen.

Dennoch war Peggy noch nicht bereit, sich all dem zu stellen. Sie vergrub den Kopf in dem unnachgiebigen Kissen und hatte den Verdacht, nicht genug geschlafen zu haben. Ihre Augenlider klebten zusammen, und sie fragte sich: Make-up? Hatte sie vergessen, sich das Gesicht zu waschen? Sie fuhr sich mit dem linken Zeigefinger über die Wimpern. Sie waren verklebt und steif. Als sie mit der anderen Hand unter die Decke griff, verfing sich die Schließe ihrer Uhr in dem gestrickten Stoff ihres Cocktailkleids.

Uhr? Normalerweise legte Peggy sie auf die Ablage am Waschbecken, bevor sie sich die Zähne putzte und mit Zahnseide reinigte. Warum konnte sie sich nicht daran erinnern, die Zähne geputzt und mit Zahnseide gereinigt zu haben? Konnte sie das vergessen haben, genauso wie sie vergessen hatte, sich abzuschminken, ihre Uhr abzunehmen und … Das war komisch. Trug sie wirklich noch ihr Kleid?

Sie öffnete die Augen. Die Vorhänge waren zurückgezogen, und blauweißes Sonnenlicht strahlte blendend durch das Fenster herein. Sie schloss die Augen, aber vorher registrierte sie, dass sie tatsächlich noch das schwarze Strickkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt trug, das sie für den ganz besonderen Abend dieses Wochenendes ausgesucht hatte, an dem sie mit Bex und ihren anderen ehemaligen Zimmergenossinnen vom College essen gehen und Blackjack spielen wollte.

Was zur Hölle ging hier vor?

Peggy erinnerte sich daran, dass sie lange überlegt hatte, was sie anziehen sollte. Las Vegas hatte sich als Stadt voller Touristen mit Schlabber-T-Shirts und Shorts herausgestellt. Bex hatte bereits betont, dass die anderen beiden Frauen nicht viel schicker gekleidet waren – Jobs, Beziehungen und diverse Umstände hatten die vier Freundinnen von der New Yorker Universität Tausende von Meilen aus der Stadt heraus und hinein in die weite Welt der Turnschuhe, Jogginghosen und Logoprints katapultiert. Während der vergangenen zwei Tage hatte Andrea, die künftige Braut, in einem weißen Trainingsanzug mit der Aufschrift »Künftige Braut« auf dem Rücken gelebt.

Peggy hatte gestern gerade ihr Kleid über den Kopf gezogen und wollte es weiter über die Hüfte ziehen, als sie Bex aus dem Badezimmer kommen hörte.

»Sehe ich aus wie eine Außerirdische vom Planet Vielzuschick?«, hatte Peggy durch den Stoff gefragt. Als keine Antwort kam, war sie ganz in das Kleid geschlüpft und hatte es seidig über ihre Waden gleiten lassen.

Bex trug eine kurze Jacke, eine schwarze Hose, die so eng saß, dass ein Tanga sich darunter abgezeichnet hätte, und einen spitzen Lacklederstiefel mit Wolkenkratzer-Absätzen. Sie lachte. »Da fragst du die Falsche.«

Peggy bewunderte Bex für ihre freche Selbstsicherheit, für ihr eisernes Vertrauen in ihre eigenen Entscheidungen.

Leider waren das nicht Peggys Wesenszüge.

»Ich werde eine Jeans anziehen.« Sie fing an, sich wieder aus dem Kleid zu schälen.

»Nein, wirst du nicht. Du wirst dieses Wochenende schick aussehen, selbst wenn es uns umbringt …« Bex hatte den Ausdruck auf Peggys Gesicht gesehen. Sie hörte auf, mit ihrem anderen Stiefel zu kämpfen. »Ich weiß, Süße. Streit – das ist immer schlimm.«

Peggy zog das Kleid wieder herunter und ließ sich aufs Bett fallen. »Dreizehn Monate, Bex.«

»Ich weiß«, sagte Bex.

»Andrea trifft Jordan, sie gehen zusammen essen, sie ziehen zusammen und puff – sind sie verlobt.« Sie hielt die Handflächen nach oben und ahmte eine Waage nach. »Andie: dreizehn Monate. Ich: Sieben Jahre.«

Bex nickte. »Ich weiß.«

»Ich hätte Brock nicht anschreien sollen. Ich schreie ihn nie an. Ich dränge ihn nicht; ich beschwere mich nicht; ich lasse ihm seinen Freiraum. Wie lange soll ich denn noch warten?«

»Ich weiß nicht. Ich hätte ihn schon längst verlassen.«

»Ich werde ihn nicht verlassen.«

»Ich weiß«, meinte Bex.

Peggy hatte die Missbilligung in der Haltung ihrer besten Freundin registriert und sich die Schuhe angezogen. Schuhe, von denen sie jetzt den Verdacht hatte …

Ihr Herz begann wild zu schlagen. Sie befreite die Füße von der Bettdecke.

Sie hatte die Schuhe noch an.

Und was Bex anging – was war mit ihr passiert? Bex war verschwunden, zusammen mit dem Chrysler Building draußen vor dem Fenster. Wie war das möglich? Das einzige Bett in diesem Zimmer war Peggys.

Und Peggy war nicht die Einzige, die darin lag.

Sie brauchte mehrere Anläufe, um diese letzte Information zu verarbeiten. Mann. Ein Mann. Ein Mann im Bett. In ihrem Bett. Nein, auf ihrem Bett. Er lag auf dem Rücken auf den Laken, in einem zerknitterten Hemd und mit einer diagonal gestreiften Krawatte, einer Hose, Socken und polierten Lederschuhen, die aussahen, als würden sie schon seit zwanzig Jahren poliert und wieder poliert. Er hatte blonde Wimpern und ein friedliches Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich sacht. Er hätte ein schlafender Junge sein können, wenn da nicht die rotgoldenen Stoppeln auf seinen Wangen gewesen wären.

Sie hatte ihn noch nie im Leben gesehen.

Sie sprang auf und riss mit einem ihrer hohen Absätze ein kleines, dreieckiges Loch in das Hotellaken. Schwankend stand sie neben dem Bett – was natürlich nicht wirklich ihrs sein konnte. Sie hatte den Traum schon vergessen; ihre Fantasie war damit beschäftigt, das zu tun, was sie am besten konnte: sich schreckliche Szenarien ausmalen. Er hatte ihr Drogen verabreicht, und sie hatten sich die ganze Nacht hemmungslos ohne Kondom geliebt. Er hatte ihr Vertrauen gewonnen, weil er wie ein netter, ganz normaler Mann gekleidet war, hatte sie betrunken gemacht und sie dann dazu überredet, ihr Konto leer zu räumen. Oder wie war das noch mit der modernen Legende, in der ein Reisender in einem Hotelzimmer aufwacht und nur noch eine Niere hat?

Der Mann murmelte etwas und bewegte sich.

Wer war diese Person? Peggy versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, das würgende, erstickende Gefühl, das ihr signalisierte, dass sie besonders ängstlich war. Sie tippte ihm auf den Arm. »Entschuldigung.« Ihre Stimme war kaum zu hören, das Streifen eines Zweigs auf einer Glasscheibe.

Der Mann rührte sich nicht. »Entschuldigung«, krächzte sie lauter und tippte ihn erneut an, dann rüttelte sie an seiner Schulter. Nichts passierte. Ich bin schon ziemlich alt, dachte Peggy. So etwas hatte sie in ihren Zwanzigern nicht getan, als es vielleicht noch entschuldbar gewesen wäre. Sie war vierunddreißig und extrem beschämt.

Sie schwankte ins Badezimmer und hoffte gegen jede Chance, dass sie Bex dort finden würde, die sich gerade das Gesicht wusch. Da war keine Bex, nur Peggys Spiegelbild: kinnlanges Haar, das ihr in schmutzigen blonden Strähnen ins Gesicht fiel, eine Stirn, auf der sich bereits genau wie bei ihrer Mutter Sorgenfalten zeigten, dunkle Ringe unter den Augen und erste Anzeichen für Krähenfüße. Doch noch während Peggy über ihr Aussehen stöhnte, registrierte sie den Kulturbeutel aus Leder, der auf der sonst leeren Ablage neben dem Waschbecken stand, und das ganze Ausmaß der Situation dämmerte ihr.

Sie hatte im Zimmer eines fremden Mannes übernachtet.

Ihr nächster Gedanke war: Meine Handtasche!

Beinahe hätte sie erwartet, sie nicht zu finden, aber da stand sie, auf einem Tisch neben einem unordentlichen Stapel Papiere, zwei benutzten Champagnergläsern und einer Flasche, die mit dem Kopf nach unten in einem Eimer mit geschmolzenem Eis steckte. Die Jacke des Mannes hing ordentlich über einer Stuhllehne. Peggy griff nach ihrer Tasche und riss sie auf. Portemonnaie und Kreditkarten – noch da. Die Fotos von ihr und Brock bei den Sports Emmy Awards – noch da. Bargeld – nicht so viel, wie sie in Erinnerung hatte, aber ein paar Scheine -, und die Karte zu ihrem eigenen Hotelzimmer.

Elektronische Musik schrillte laut auf. Peggy zuckte zusammen und fiel auf dem Weg zur Tür fast über ihre eigenen Füße. Sie machte sich an dem Sicherheitsschloss zu schaffen und stolperte hinaus in den Flur. Mit dem Ellbogen hielt sie die Tür auf. Sie griff in ihre Handtasche, holte ihr Handy heraus und klappte es auf. Dankenswerterweise stoppte die Musik.

»Bex?«, flüsterte Peggy. »Geht es dir gut?«

»Wo bist du? Brunch, schon vergessen?«

Erleichterung durchflutete Peggy, als sie die Stimme ihrer Freundin hörte. Sie blickte zurück in das Zimmer. Sie konnte nur noch die unteren fünfzig Zentimeter der Beine des Mannes sehen. Er schien nicht aufgewacht zu sein. Vorsichtig schloss sie die Tür. »Ich komme gleich«, versicherte ihr Peggy ins Telefon und lief auf den Fahrstuhl zu.

»Bringst du deinen zukünftigen Ehemann mit?«

Peggy zwang sich, langsamer zu gehen – der Flur drehte sich. »Was?«

»Du hast uns erzählt, du wärst verlobt. Du warst mit diesem WASP-Typen zusammen – du weißt schon: weißer angelsächsischer Protestant – und nanntest ihn ›meinen zukünftigen Ehemann‹. Ihr beide konntet die Finger nicht voneinander lassen. Wir wussten nicht, was in dich gefahren war, Peggy. Du wolltest nicht mit uns nach oben kommen. Schließlich haben wir dich am Roulette-Tisch zurückgelassen. Bist du tatsächlich mit auf sein Zimmer gegangen?«

Peggy drückte »Unten«, und ein Fahrstuhl öffnete sich, als hätte er auf sie gewartet. Drinnen stand eine Familie – eine Mutter und ein Vater und zwei Kinder, alle mit strahlenden Augen und frisch und ausgeruht. »Ich schätze ja. Ich komme jetzt zurück in unser Zimmer.«

»Da sind wir nicht mehr. Hilary und ich haben für dich gepackt und ausgecheckt. Komm in die Lobby, dann fahren wir direkt zu dem Brunch.«

Die Kinder starrten sie an. Die Eltern gaben sich betont Mühe, es nicht zu tun. Peggy wünschte, sie könnte sich in Luft auflösen. »Ich muss mich erst umziehen«, flüsterte sie.

»Keine Zeit, Süße. Wir müssen alle unsere Flieger kriegen. Triff uns unten. Wir warten auf dich.«

»Danke, Bex. Ich schulde dir was.«

»Du wirst mich nachher entschädigen«, meinte Bex. »Ich erwarte einen ausführlichen Bericht über gestern Abend.«

»Also gut, und was ist mit Hepatitis?« Peggy machte sich laut Sorgen, als das Flugzeug in der Luft war und nach Osten zeigte. Sie saß am Fenster und zog die Sonnenblende herunter. Jede warnende Geschichte, die sie in Frauenmagazinen darüber gelesen hatte, was alles passieren konnte, wenn man auch nur für eine Sekunde nicht aufpasste, fiel ihr wieder ein und verursachte ihr akute Schwindelgefühle. Sie schüttelte eine kleine weiße Pille aus einem Fläschchen, das sie aus ihrer Handtasche holte.

Bex drückte ihren Sitz zurück und drehte ihre schwarzen Locken zu einem Knoten auf, durch den sie einen Stift aus ihrer Handtasche steckte. »Komm schon, du neurotisches Dummchen, mach die Sonnenblende wieder hoch, sonst sehen wir den Grand Canyon nicht. Und nimm das nicht. Es gibt nichts, wovor du Angst haben müsstest. Der Pilot weiß, wie man ein Flugzeug fliegt. Wenn du das Ativan nimmst, dann schläfst du ein, und ich werde für den Rest des Fluges einsam sein.«

»Dann nimm doch auch eine.«

»Nein, danke.« Bex löste Peggys Finger mit Gewalt von dem Fläschchen. »Von jetzt an ist mein Körper ein Tempel. Kein Alkohol, keine durchzechten Nächte, kein Stress. Nur gesundes Essen, Yoga und Josh, der mir Spritzen in den Hintern gibt. Sexy, nicht wahr? Steck die Pille wieder hier rein.«

Peggy ließ sie in das Fläschchen fallen. »Bex, denkst du, ich habe mich mit Hepatitis angesteckt? Oder mit was Schlimmerem?« Sie machte sich selbst atemlos.

»Der Typ war so konservativ, dass er aussah, als stamme er aus einer Brooks-Brothers-Werbung von 1962.« Bex biss die Zähne zusammen und erklärte mit einem nachgeahmten Oberklasse-Tonfall: »So jemand ist doch nicht krank.«

»Das ist nicht wahr und das weißt du.«

»Und niemand hat Sex und zieht sich dann seine konservative Hose, sein Hemd, seinen Schlips, seine Socken und seine Schuhe wieder an, bevor er einschläft. Deshalb brauchst du dir keine Sorgen zu machen, ob du ungeschützten Geschlechtsverkehr hattest, weil du gar keinen Geschlechtsverkehr hattest.« Bex drückte den Deckel auf das Pillenfläschchen und steckte es wieder in Peggys Handtasche. »Wenn ich du wäre, dann würde ich mich irgendwie betrogen fühlen.«

Angeekelt. So fühlte Peggy sich. »Wenn du irgendetwas wüsstest, dann würdest du es mir sagen, oder?«

»Nur du weißt, was passiert ist. Es steckt in deinem Unterbewusstsein. Konzentrier dich.« Bex öffnete eines der Magazine, die im Flugzeug auslagen.

Das Flugzeug vibrierte. Peggys Herz hüpfte. Sie blickte an Bex vorbei in den Gang auf die Passagiere, die sich unterhielten oder schliefen, auf die Stewardessen, die Drinks und verpackte Brezeln verteilten. Nur eine kleine Turbulenz. Sie zwang sich, ihre verkrampften Finger von den Armlehnen zu lösen.

Bex ließ das Magazin sinken. »Hast du dir seinen Namen und seine Telefonnummer aufgeschrieben?«

»Warum hätte ich mir seinen Namen und seine Telefonnummer aufschreiben sollen?«

»Er war süß. Hast du ihm deine gegeben?«

»Ich dachte, du wolltest still sein.« Natürlich hatte Peggy ihm nicht ihre Telefonnummer gegeben. Andererseits, stellte sie entsetzt fest, woher sollte sie das wissen?

»Denk an das Letzte, an das du dich erinnerst.« Bex raschelte mit dem Magazin, damit Peggy sehen konnte, dass sie las.

Peggy war mit Bex in Andreas Zimmer gegangen. Der Zimmerservice hatte Margaritas gebracht. Sie hatte einen getrunken, vielleicht zwei. Jen, mit der Peggy sich wegen ihrer gemeinsamen Verehrung von Wallace Stevens während eines freiwilligen Lyrik-Seminars im ersten Jahr verbrüdert hatte, hatte ihr Glas gehoben. »Okay, gehen wir das alles noch mal durch. Wann wusstest du, dass er dir die alles entscheidende Frage …« Sie hatte Peggy angesehen und war zusammengezuckt. »Upps, Peggy, tut mir leid.« Um das unerwünschte Mitleid der anderen Frauen abzuschütteln, das schwer auf ihren Schultern lastete, hatte Peggy sich damit beschäftigt, den Müll einzusammeln, und war den Flur hinuntergegangen, um noch Eis zu holen. Dabei hatte sie eine Strophe aus »Dreizehn Arten eine Amsel zu betrachten« rezitiert.

Ein Mann und eine Frau
sind eins.
Ein Mann, eine Frau und eine Amsel
sind eins.

Als sie zurückgekommen war, beschrieb Andrea gerade ihre Hochzeit. Sie würde auf Hawaii stattfinden – nur die Braut und der Bräutigam und ihre Familien. Die anderen Frauen wollten alles über das Kleid, das Essen und die Blumen wissen. Peggy hatte sich noch einen Drink eingegossen und sich daran erinnert, sich für Andrea zu freuen.

Sie hatten Steaks gegessen und Martini getrunken und waren dann ins Casino gegangen. Peggy, die da schon sehr viel fröhlicher gewesen war, hatte mit Bex Roulette gespielt. Dabei war sie auf und ab gesprungen und hatte gerufen: »Komm schon, leih dir Geld!« Irgendwann hatte sie eines der vielen Gläser mit Martini fallen lassen, die sie immer wieder in der Hand hielt, und ihren Drink auf dem Boden gesehen. Sie war aus irgendeinem Grund auch auf dem Boden gewesen.

»Geht es Ihnen gut?« Der Mann war zu ihr gelaufen. Er hatte ihre Hand genommen und sie sanft auf die Füße gezogen. Sie war aufgestanden und hatte sich gegen ihn gelehnt.

Peggy tippte an Bex’ Magazin. »Warum habe ich ihn meinen zukünftigen Ehemann genannt?«

»Du weißt schon«, sagte Bex. »Wegen des Diadems.«

Es war furchteinflößend. Peggy trank sonst kaum mehr als ein Glas Wein zum Essen und war noch nie in ihrem Leben so betrunken gewesen, dass sie sich an nichts erinnern konnte. Was für ein unbewusster, selbstzerstörerischer Impuls hatte sie da überkommen?

»Andie hat uns beim Essen Diademe gegeben. Weißt du noch?«

Oh, richtig. Peggy konnte sich zum Glück daran erinnern: Die zukünftige Braut hatte ihnen allen falsche Brautschleier aus Tüll geschenkt – befestigt an einem funkelnden Strass-Diadem. Peggy fand ihres ganz toll und hatte es im Casino getragen. »Was ist damit passiert?« Sie hatte es am Morgen nicht mehr in dem Zimmer des Mannes gesehen.

»Du musst es verloren haben. Jedenfalls hast du dem Brooks-Brothers-Typen erzählt, du wärst eine Braut und du bräuchtest nur noch einen Bräutigam.«

»So etwas würde ich niemals sagen!« Es war zu heiß in diesem Flugzeug. Peggy streckte die Hand nach dem Luftgebläse über ihrem Sitz aus, aber es lief bereits. »Ich respektiere Brock viel zu sehr. Sag jetzt ja nichts über Du-weißt-schon«, fügte sie hinzu – sie hatte ihrer Freundin die perfekte Möglichkeit gegeben, Florida zu erwähnen. Angesichts ihres gestrigen Verhaltens wollte Peggy auf gar keinen Fall von Bex, die sie von Herzen liebte, an den Fehler erinnert werden, den Brock vor zwei Jahren begangen hatte und von dem er ihr wieder und wieder geschworen hatte, ihn niemals mehr zu begehen. Bex’ Verachtung für Brock verletzte Peggy immer wieder.

»Also, ich finde es toll, dass du mal so aus dir rausgegangen bist«, erklärte Bex fröhlich. »Du solltest das viel öfter tun. Und falls du mit Mr. Konservativ geschlafen hast, dann nenn es doch einfach Rache.«

»Halt den Mund, Rebecca. Ich meine es ernst.«

»Wechseln wir das Thema.« Bex holte eine Strickjacke aus ihrer Tasche. Peggy konnte nicht verstehen, wie Bex kalt sein konnte, wo sie hier drin fast erstickte. »Wie geht es Max und Madeleine?«

»Erinnerst du dich an Dads leichten Husten, der einfach nicht weggeht? Er ist zu irgendeinem Typen auf dem Campingplatz gegangen. Einem pensionierten Tierarzt.« Peggy rieb sich die Schläfen. »Er hat Mom gesagt, das sei billiger, als zu einem richtigen Arzt zu gehen. Was, wenn es etwas Ernstes ist? Die zwei machen mich verrückt.«

»Sie sind cool – Freigeister. Also gut, reden wir über die Arbeit. Glaubst du, Padma hat am Wochenende aus Versehen den Laden abbrennen lassen? Und wo wir gerade bei Katastrophen sind, was glaubst du, um wie viel das Böse Imperium unsere Miete erhöhen wird? Ich war sicher, dass wir in Vegas den Jackpot knacken und all unsere Sorgen vorbei sein werden.«

Peggy hatte sich das ganze Wochenende bemüht, sich keine Sorgen über die unausweichliche Mieterhöhung für ihren Laden zu machen. Es war das genaue Gegenteil von Bex’ Methode, damit umzugehen – Bex nahm es am liebsten offen mit Sorgen auf. »Oh, erinnere mich nicht daran«, meinte Peggy.

Bex tauschte ihr Stirnrunzeln sofort gegen ein Lächeln. »Jetzt mach dir doch nicht so viele Sorgen um letzte Nacht. Du hast dich mit Brock gestritten und dich ein bisschen ausgelebt. Verständlich, wie ich finde.«

»Ich habe ihm ein Ultimatum gestellt. Ich sagte, wenn wir nicht innerhalb eines Jahres verlobt sind, würde ich ihn verlassen«, murmelte Peggy.

»Vielleicht ist das eine gute Sache«, meinte Bex. »Ihm zu zeigen, dass du es ernst meinst.«

»Er weiß, dass ich das niemals tun würde. Und zusätzlich zu dieser Dummheit kommt dann auch noch die Dummheit von gestern Abend …«

»Süße, hör auf. Du hast nur zu viel getrunken und dich mit einem Mann amüsiert und es nicht zurück in dein Hotelzimmer geschafft. Nichts Schlimmes. Du fährst jetzt nach Hause, und dein Leben wird genauso weitergehen wie bisher. Und falls du deine Drohung wahrmachen solltest, mein Angebot steht.«

»Ich werde daran denken«, sagte Peggy. Bex hatte Peggy angeboten, wieder zu ihr zu ziehen, wenn sie wollte. Sie lebte immer noch in der Wohnung, die Peggy und sie sich früher geteilt hatten. Normalerweise empfand Peggy diesen Vorschlag als Beleidigung, aber jetzt dachte sie, dass es vielleicht ganz praktisch war.

»Hier, iss was.« Bex deutete auf Peggys Tüte mit Mini-Brezeln. »Und frag mich mal zur Abwechslung, wie es mir geht. Das ganze Wochenende hieß es immer nur Brock, Brock, Brock.«

Peggy öffnete die Brezel-Tüte und schämte sich. »Du hast recht. Es tut mir leid. Wie war dein Termin bei Dr ….?«

»Kaplan. Weißt du, wie das New York-Magazin ihn nennt? Den König Midas der Fruchtbarkeit – alles, was er anfasst, wird zu Gold.«

»Und wann gehst du hin? Josh kommt doch mit, oder?«

»Morgen früh. Und ich gehe allein. Josh ist im Gericht.« Bex’ Mann war Anwalt im Rechtshilfeverein.

»Ich begleite dich.« Peggy war froh über die Gelegenheit, mal die Rollen zu tauschen und Bex zu helfen. »Zur moralischen Unterstützung. Du kümmerst dich immer um mich. Ich rufe Padma an und sage ihr, dass sie den Laden aufschließen soll.«

»Ein anderes Mal.« Bex nahm sich eine von Peggys Brezeln. »Er wird mir nur den Behandlungsplan erklären, den er für mich erstellt hat. Der richtige Spaß beginnt erst später: Hormone und Bluttests und noch mehr Hormone und Bluttests.«

»Und was passiert dann?«

»Dann suchen sie Eizellen. So nennen die das, ›Suche‹. Als wären die Eizellen irgendwo da drin verloren gegangen. Dann werden die Eizellen in einer Petrischale oder so befruchtet, sie sehen nach, ob sie verwendbar sind, setzen sie mir ein, und dann heißt es: ›Nächster Halt, Babyville‹. Ich meine, wenn es funktioniert.«

Peggy betrachtete das Profil ihrer besten Freundin, das trotzig vorgeschobene Kinn. Sie fühlte mit Bex, wenn eine Kundin mit einem Baby in den Laden kam, wenn eine ihrer Freundinnen fröhlich verkündete, schon wieder schwanger zu sein. Wenn sie und Bex zusammen durch die Upper West Side gingen und die Bürgersteige voller junger Familien waren, versuchte Peggy immer, Bex abzuschirmen. Als wenn Bex die Fortpflanzungsfähigkeit der anderen nicht bemerken würde, die an jeder Ecke lauerte, nur weil Peggy sich zwischen sie und einen Kinderwagen stellte. »Es wird funktionieren«, sagte Peggy. »Es muss.«

»Sagt die Frau, die glaubt, ein Dieb hätte ihre Niere gestohlen.«

Peggy lachte zum ersten Mal an diesem Tag. »Dann überlass mir doch das Sich-Sorgen-machen, dann musst du das nicht tun. Ich bin sehr gut darin.« Sie nahm Bex’ Hand. »Lass das meine Aufgabe sein.«

Es war beinahe elf Uhr, als der Taxifahrer mit einem Stöhnen Peggys Koffer aus dem Kofferraum hievte und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Bürgersteig abstellte. »Danke, tut mir leid«, sagte sie und gab ihm zu viel Trinkgeld.

Sie stand auf der Neunundfünfzigsten Straße im Kleid von gestern und mit hohen Absätzen. Sie drückte ihr linkes Bein gegen den Koffer, um ihren Besitzanspruch zu demonstrieren, blickte an der Glas-Granit-Fassade ihres Gebäudes hoch und versuchte, die dunklen Fenster der Wohnung im zwanzigsten Stock zu finden, in der sie mit Brock wohnte; und dann blickte sie dem Taxi nach, das in den späten Septemberabend verschwand. Ein Teil von ihr wollte dem Taxi hinterherlaufen und den Fahrer bitten, sie … wohin zu bringen? Sie wusste es nicht genau. Sie erinnerte sich daran, was Bex gesagt hatte: »Das Leben wird genauso weitergehen wie bisher.« Natürlich würde es das. Nichts war passiert.

Im Fahrstuhl suchte sie in ihrer Tasche nach dem Wohnungsschlüssel. Bevor sie zum Flughafen gestürmt war, hatte Brock gesagt, dass er nach Chicago fliegen würde, da war sie ziemlich sicher. Nein, halt, Cleveland. Die Bengals gegen die Browns. Er kam erst nach Mitternacht wieder zurück. Wenn man die Freundin eines Sport-Kameramanns war, dann musste man akzeptieren, dass er fast jede Woche von Donnerstag oder Freitag bis zum späten Sonntagabend weg war. Inzwischen erschien es Peggy beinahe normal. Sie verbrachte die Wochenenden sowieso im Laden und kam oft nach stundenlangen Frauengesprächen erschöpft nach Hause, in denen es nur um die typischen Ladenerlebnisse gegangen war: um die europäische Touristin, die sich ein Stück von jeder Seife, jeder Lotion und jedem Duschgel gekauft hatte, das in den Regalen stand, oder um die Kundin, die versucht hatte, eine leere Flasche Körperpeeling umzutauschen. Heute Abend war Peggy richtig froh, dass Brock nicht zu Hause war. Zum einen würde sie nicht erklären müssen, warum sie in einem kleinen Schwarzen quer durchs Land geflogen war, das unter dem Sin-City-T-Shirt aus dem Souvenirladen am Flughafen nur schlecht verborgen war.

Sie schlüpfte endlich aus den Schuhen und trug den Koffer durch das dunkle Wohnzimmer in ihr Schlafzimmer. Ein Bad. Das brauchte sie jetzt, um die letzte Nacht ein für alle Mal abzuwaschen.

In der Wanne erinnerte Peggy sich an die Leiterin eines Meditationskurses, an dem sie mal teilgenommen hatte. Sie stellte sich Birch – so lautete der Name der Frau – im Lotus-Sitz vor, mit einem farbenfrohen Bindi auf der Stirn, der wie immer farblich zu ihrem Top passte, wie sie sagte: Wenn du einen negativen Gedanken hast, betrachte ihn unvoreingenommen und lass ihn dann los.

Es war Zeit, Las Vegas loszulassen. Peggy war wieder zu Hause, wo sie sich wohlfühlte und ihren Platz kannte. Morgen im Laden würde sie zwei Lieferungen entgegennehmen, das Schaufenster neu dekorieren und die Buchführung machen. Viel zu tun, aber all diese Dinge erledigte sie im Schlaf. Sie hatte gerade ein Wochenende mit ihrer ältesten und besten Freundin verbracht. Morgen früh würde sie sich bei Brock für ihren Ausbruch entschuldigen. Schließlich verstanden sie sich im Moment sehr viel besser als damals, während der schwierigen Zeit nach Florida. Vielleicht war Peggy deshalb heute Morgen so erschüttert gewesen: Sie hätte sich fast den Boden unter den Füßen weggezogen und die Stabilität gefährdet, für die sie so hart arbeitete.

Sie tauchte tiefer in die Wanne ein und ließ den Kopf in den nach Lavendel duftenden Schaum sinken. Sie konzentrierte sich auf das Entspannen.

»Hey!« Die Wohnungstür schlug zu. »Was gibt’s zum Abendessen?«

Es war Brocks Stimme, sie kannte sie so gut wie ihre eigene, aber sie schrie trotzdem auf. Schwere Schritte erklangen, und Brock erschien.

»Ganz ruhig!« Er hielt seinen Schlüssel in der einen und einen riesigen Blumenstrauß in der anderen Hand. »War nur Spaß. Ich hab schon gegessen.«

»Du hast mich erschreckt!« Peggys Hände zitterten. »Ich dachte, du würdest erst später zurückkommen.«

»Ich habe einen früheren Flug genommen.« Er hielt ihr den Blumenstrauß entgegen. »Für dich.«

Also entschuldigte er sich. Peggy streckte beide Hände aus, um die Blumen entgegenzunehmen – jede blutrote Rose war so groß wie eine Kinderfaust. Sie stützte sich mit den Armen auf die Ränder der Wanne. Nach Florida hatte Brock Sträuße wie diesen in den Laden geschickt – dreiundzwanzig Tage lang täglich einen, bis Peggy nachgegeben und ihn wieder in die Wohnung hatte einziehen lassen.

»Die sind wunderschön«, sagte sie ihm jetzt.

Brock Clovis hatte schwarzes Haar, blaue Augen und war auf der Highschool der Star der Football-Mannschaft gewesen, was seine Schultern bewiesen. Die Leute auf der Straße hielten ihn oft für jemand Berühmtes. Wenn er lächelte, vertiefte sich ein Grübchen auf seinem Kinn. »Wie riechen die?« Brock beugte sich vor und hielt das Gesicht in die Rosen.

»Vorsicht, Dornen.« Peggy wartete darauf, dass er sich entschuldigte, damit sie es auch tun konnte. Die Ehe wurde überbewertet. Brock und sie führten eine gute Beziehung. Wofür brauchte sie ein Stück Papier?

»Hm.« Brock hob den Kopf. »Die riechen nach gar nichts.«

Peggy zog die Knie an die Brust. »Könntest du sie bitte für mich in eine Vase stellen, während ich mich abtrockne?« Der Schaum löste sich langsam auf und erinnerte sie an einen Traum, den sie manchmal hatte und in dem sie im Grand-Central-Bahnhof stand und nicht wusste, welchen Zug sie nehmen sollte, während ihre Sachen ihr langsam vom Körper rutschten …

Ein Fetzen von etwas, vielleicht ein Déjà vu, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Eine vage Erinnerung daran, wie sie mit einem Freund lachte, während um sie herum helle Lichter strahlten.

»Warte eine Sekunde«, meinte Brock. Der Fetzen löste sich auf. »Da ist noch eine Sache. Es ist irgendwie ernst.« Obwohl er kaum je emotional wurde, bebte seine Stimme ganz leicht.

Peggy zitterte in dem nicht mehr heißen Wasser. Sie war nicht so irrational zu glauben, er könnte wissen, wie sie heute Morgen aufgewacht war, aber etwas belastete ihn offenbar. War ihm noch ein kleines Versehen passiert? So hatte er es das letzte Mal genannt, ein kleines Versehen. Wäre das nicht ironisch, wenn das ihnen beiden innerhalb von vierundzwanzig Stunden passierte? »Brock …«, setzte sie an.

»Schließ die Augen.«

»Am Wochenende ist etwas Merkwürdiges passiert.«

»Augen zu.«

Peggy biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen und schloss die Augen.

»Augen auf.«

Sie öffnete die Augen.

Brock hielt ein kleines blaues Kästchen mit einer weißen Schleife darum in der Hand.

»Mach es auf, Pegs«, sagte er, während Peggy mit verschrumpelten Fingern und nassem Haar, das ihr im Gesicht klebte, in der Wanne saß und sich die letzten Schaumbläschen auflösten.

2

»Ein Freundschaftsring?«, rief Bex. Die Glockenkette an der Tür schellte, während sie sie hinter sich schloss. »Brock hat dir einen Freundschaftsring geschenkt? Wo sind wir denn, in der siebten Klasse? Hi Padma«, sagte sie zu der einzigen anderen Person im Laden, ihrer neuen, neunzehnjährigen Verkäuferin, als hätte »siebte Klasse« Bex an ihre Anwesenheit erinnert.

»Es ist ein Demnächst-Verlobungsring. Er ist hübsch, siehst du?« Peggy stand hinter dem Tresen und packte einen Karton mit Gaia-Apothecary-Vision-Körperspray mit Hibiskus- und Ylang-Ylang-Extrakten aus, wobei sie den Inhalt mit dem Lieferschein in ihrem Ordner verglich. Sie hielt ihre linke Hand hoch, um Bex den Ring zu zeigen, ein paar kleine Diamanten, die zusammen eine Blume und ein Blatt ergaben. Er funkelte in der Vormittagssonne.

»Er konnte dir keinen richtigen Verlobungsring kaufen?«

Peggy hatte gewusst, dass das jetzt kommen würde. »Für Brock ist das ein Riesenschritt. Du weißt doch, wie groß seine Bindungsangst ist.«

Bex rollte mit den Augen. »Mir ist klar, dass er schockiert sein würde, das zu hören: Aber ab einem bestimmten Alter werden Männer erwachsen. Lass mich raten. Er hat dir wieder diesen Quatsch erzählt, dass er nicht so werden will wie sein Dad.«

»Wie war dein Termin?« Peggy wollte nichts Entmutigendes mehr von Bex hören.

»Es lief gut. Ich kann auch gar nicht lange bleiben.« Bex holte einen Zettel aus ihrer Tasche. »Ob du es glaubst oder nicht, das hier ist ein Rezept für …«

Das Telefon schellte. »Ich geh ran!«, rief Padma unnötigerweise – das Telefon stand nur wenige Zentimeter von ihr entfernt – und hob ab. »ACME Cleaning Supply.« Pause. »Wir verkaufen besondere Seifen und Lotionen … Hmm … Ähm, Columbus Avenue, zwischen, äh, der einundachtzigsten und der zweiundachtzigsten.« Peggy machte sich im Geiste eine Notiz, mit Padma über ihr Verhalten am Telefon zu reden. »Heute ist Montag, nicht wahr? Bis acht … Okay, ja, Wiederhören.«

»… die Anti-Baby-Pille«, fuhr Bex fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Sie ging durch den Laden, während sie redete, rückte Waren in den Regalen zurecht und drehte Testflaschen so, dass sie mit dem Etikett nach vorn standen. »Kaplan sagt, ich soll sie für ein paar Wochen vor den Hormonspritzen nehmen, um meine ›Eierstöcke ruhigzustellen‹. Jetzt muss ich die ganze Zeit daran denken, dass meine Eierstöcke da drinnen rumhampeln wie hyperaktive Schulkinder … Oh nein!« Sie unterbrach sich selbst und deutete durch das Schaufenster. »Black and White Books macht zu!«

Black and White Books war eine Institution in der Upper West Side, ein großer, vollgestellter Laden auf der anderen Straßenseite von ACME Cleaning Supply. Sowohl Peggy als auch Bex hassten es, wenn irgendein Geschäft aufgab.

»Ich kann es nicht glauben.« Bex schüttelte traurig den Kopf. »Ich kaufe da Bücher, seit ich sechs bin.«

Das Telefon schellte. Peggy hob ab, bevor Padma es konnte.

»Mein Darling. Du ignorierst mich. Ich habe dich schon so oft angerufen.« Peggy erkannte die Stimme von Mark, dem Vertreter von Promised Land, einer Produktlinie mit biblischen Motiven. Seine flirtende Begrüßung verriet, dass er sie dazu überreden wollte, eine größere Bestellung aufzugeben als bisher. Bex konnte mit den Vertretern besser umgehen; man musste schnell reden oder sie ließen einen nicht mehr weg. Ja, stimmte Peggy ihm zu, Promised Lands Weihrauch-und-Myrrhe-Shampoo verkaufe sich wirklich wie von selbst, aber …

Mark unterbrach sie. Peggy ließ den Blick durch den vertrauten Raum streifen. Der Laden war klein, schmal und rechteckig, mit einem großen Schaufenster zur Straße, einer Blechdecke und einem großen Wolkenbild, das Peggy und Bex an die hintere Wand gemalt hatten. Es hatte sie zwölf Jahre gekostet, ihr kleines Geschäft aufzubauen. Bevor sie überhaupt einen Kleinkredit für einen eigenen Laden aufnehmen konnten, hatten sie zwei Jahre in dem Geschäft von Bex’ Eltern – Sabes Shoes – gearbeitet. Peggy war stolz auf ihren Laden und auf sich selbst, dass sie so ein Risiko überhaupt eingegangen war. Damals war sie anders gewesen, mutiger. Mein wahres Ich, dachte sie gerne. Es steckt immer noch irgendwo in mir drin.

Bex winkte ihnen zum Abschied. Die Tür schloss sich schellend hinter ihr. Mark redete immer noch. »Ich sag dir was«, unterbrach ihn Peggy. »Bex ruft dich zurück.« Sie legte auf.

Padma lief durch den Laden und betupfte sich mit ätherischem Öl. »Wer war das?«

»Ein Vertreter. Wenn dich einer anruft, gib ihn Bex. Sie ist die Einzige, die mit ihnen fertig wird.« Peggy wünschte, Bex wäre länger geblieben; sie hätte gerne gehört, was Dr. Kaplan noch gesagt hatte. Sie beschloss, nach der Arbeit zu Bex zu fahren.

»Verstanden.« Padma streckte den Arm nach oben und dann nach hinten, um sich am Rücken zu kratzen. Auf ihrem Hals befand sich eine kleine Tätowierung. Sie lautete »IH«. Padma hatte erklärt, dass sie so eine freundliche Nachricht bekam, wenn sie in den Spiegel sah: HI. »Kann ich mir kurz einen Kaffee holen gehen? Ich war bis fast vier Uhr auf.«

»Hol mir auch einen, ich lade dich ein.« Peggy gab ihr einen Zwanziger aus der Kasse.

Padma lief zur Tür. »Da ist gestern ein Umschlag für euch beide abgegeben worden«, rief sie über die Schulter.

Der Umschlag kam von der Empire-Immobilienverwaltung. Darin würde der neue Mietvertrag stecken. Peggy war nicht bereit, ihn ohne Bex’ moralische Unterstützung zu öffnen, obwohl Peggy mit mehr von diesen Sorgen allein sein würde, wenn Bex schwanger wurde. Wenn Bex schwanger wurde, korrigierte Peggy sich. Sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, mit der drohenden Mietkrise allein fertig zu werden.

Sie legte den ungeöffneten Umschlag weg und kehrte zu der Gaia-Apothecary-Lieferung zurück. Dann gab sie auf und betrachtete ihren Demnächst-Verlobungsring. Also gut – ein vages Versprechen war nicht das, was sie in dem Tiffany-Kästchen zu finden gehofft hatte. Am liebsten hätte sie Brock gestern Abend geschüttelt und geschrien: Jetzt frag mich doch endlich! Alle anderen kriegen schon Kinder! Wie lange würde es noch dauern, bis auch Bex Peggy im Stich lassen und sich ihrer neuen Rolle widmen und neue Freundinnen finden würde – Mami-Freundinnen, mit denen sie viel mehr gemeinsam hatte?

Nein, beschloss Peggy. Besser positiv denken: Ein richtiger Heiratsantrag konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sie testete die Namen in ihrem Kopf: Mrs. Patricia Adams-Clovis. Brock und Peggy Clovis. Mr. und Mrs. Brock Clovis. Sie konnte die Wartezeit dazu benutzen, Bex endlich Brocks gute Seite vor Augen zu führen, damit sie ihn als Freund betrachtete, genauso wie Peggy Bex’ Anwalt-Ehemann Josh. Bex hätte Brocks Angst vor der Ehe doch wirklich etwas toleranter gegenüberstehen können, wo sie doch selbst ganz eigene Ansichten über Beziehungen hatte. Sie war seit acht Jahren mit Josh zusammen, seitdem er in die Wohnung neben der gezogen war, die sich Bex und Peggy geteilt hatten, und mit einem Brief zu ihnen gekommen war, der aus Versehen in seinem Briefkasten gelandet war. Aber nach fünf Jahren glücklicher Ehe lebten Bex und Josh immer noch in ihren getrennten Wohnungen. Bex nannte es das Beste aus beiden Welten – sie und Josh konnten zusammen sein, wenn sie es wollten, und allein, wenn sie es brauchten. Aber einmal hatte Josh Peggy gestanden: »Ich glaube, sie hält sich gerne einen Fluchtweg offen.«

Die Türglocken schellten, und plötzlich war der Laden erfüllt von einer Horde kreischender Teenager mit Zahnspangen-Lächeln, zurückgeworfenem Haar und schrillen Stimmen, die offensichtlich die Schule schwänzten. Eine von ihnen war gerade so damit beschäftigt, eine SMS auf ihrem rosa Handy zu lesen, dass sie beinahe einen Tisch mit Bioseife umlief. »Pass auf, Courtney!«, kreischte ein zweites Mädchen hinter ihrer Chanel-Sonnenbrille.

»Hört auf!«, kreischte eine dritte.

»Devon, lass es!«, schrie eine vierte.

Peggy wollte gerade etwas sagen, doch in diesem Moment kündeten die Türglocken von Padmas Rückkehr, die ungerührt in das Chaos trat. »Halt das mal.« Sie reichte einem Mädchen einen Kaffeebecher. Das Mädchen nahm ihn überrascht. Padma hielt eine Patschuli-Passionsfrucht-Kerze hoch über ihren Kopf und stand da wie die Freiheitsstatue des Einzelhandels. »Kauft euch die hier. Vor ein paar Tagen habe ich eine von ihnen angezündet, bevor ein Junge in meine Wohnung kam, um mit mir zu lernen, und er ist jetzt, na ja, mein Freund. Wenn das Wachs schmilzt, wird es zu Massageöl!«

»Echt?« Die Mädchen griffen nach den Kerzen.

Padma fing Peggys Blick auf und grinste, als das Telefon zu schellen begann. Peggy nickte – Hör nicht auf, mach genauso weiter – und hob den Hörer ab.

»Ich möchte mit Peggy Adams sprechen«, sagte der Mann in der Leitung.

Die Teenagerin Courtney legte ihre Kerzen auf den Tresen. Peggy umklammerte das Telefon mit einer Hand und fing an, den Einkauf abzukassieren. »Sie sprechen mit Peggy«, sagte sie in den Hörer.

»Hier spricht Luke.«

Noch ein Vertreter. Peggy klemmte sich den Hörer zwischen Gesicht und Schulter. »Viel Spaß mit den Kerzen.« Sie gab dem Mädchen seinen Kassenbon.

»Sind Sie noch da?«, fragte der Mann.

Das Mädchen mit der Chanel-Sonnenbrille legte drei Kerzen auf den Tresen.

»Von wo rufen Sie an?« Peggy verstand, dass der Mann am Telefon nur seinen Job machte, aber es waren wirklich zu viele Vertreter, die ihr Geld wollten. Es gab eine neue Ladenkette im Mittleren Westen, Bath, die Erfolg damit hatte, in riesigen, luftigen Geschäften Hunderte von Körperpflegeserien auszustellen, aber Peggy und Bex mussten ihren Laden klein halten und hoffen, dass die Miete niedrig blieb, damit sie ihr Geschäft behalten konnten.

»Von New Nineveh. Aber wir …«

»Es ist so, dass wir schon eine Linie mit biblischen Produkten führen, die sehr gut läuft.«

Das Chanel-Mädchen winkte mit einer American-Express-Karte zwischen ihren abgeblätterten dunkelrot lackierten Fingerspitzen. »Ich möchte, dass Sie jede Kerze einzeln einpacken.«

Courtney umklammerte den Arm des Mädchens. »Das sind Geschenke? Für wen?«

»Für mich. Ich liebe es, Geschenke auszupacken.«

»Ich will meine auch eingepackt!«, schrie Courtney.

»Ich glaube, Sie rufen besser später noch mal an und sprechen mit meiner Partnerin«, sagte Peggy ins Telefon.

»Es ist wichtig«, sagte der Mann. »Sie und ich, wir haben uns in Las Vegas getroffen. Sie haben in meinem Zimmer übernachtet.«

Peggy spürte, wie ihr Herzschlag aussetzte.

Das Chanel-Mädchen trommelte mit den Fingernägeln. »Hallo, einpacken?«

»Warum rufen Sie an?« Peggy war völlig aus dem Gleichgewicht, schwankte zwischen Unglauben und Misstrauen; Sorge legte sich auf ihre Brust.

»Ich lebe in Connecticut. Wir sollten uns treffen.«

»Sie leben in Connecticut?« Das war ein Scherz. Oder ein Fehler. Oder ein Schwindel. So musste es sein. Wie konnte eine Person, die sie fast am anderen Ende des Landes kennengelernt hatte, nur einen Staat entfernt wohnen? Sie machte sich nicht die Mühe, den Unglauben aus ihrer Stimme zu halten. »Was haben Sie dann in Vegas gemacht? Ist das nicht ein bisschen weit weg von zu Hause?«

Seine Stimme blieb zermürbend ruhig. »Ich könnte Sie dasselbe fragen.«

»Ich war zum ersten Mal dort. Ich bin kein Vegas-Typ, glauben Sie mir.«

»Seien Sie unbesorgt, das bin ich auch nicht. Und, können wir uns treffen? Auf einen Kaffee vielleicht?«

»Ich kann Sie nicht treffen. Ich bin …« Sie zog den Kopf ein und flüsterte. »Ich bin mit jemandem zusammen.«

»Das wirkte am Samstag aber nicht so.«

Das durfte einfach nicht wahr sein. »Ich bin verlobt. Oder so gut wie. Ich werde in ein oder zwei Jahren vermutlich heiraten.« Sie war auch nicht sicher, warum sie das Gefühl hatte, ihm das erklären zu müssen oder warum sie so dick auftrug. Brock hatte nicht gesagt, wie lange ihre Vor-Verlobung dauern würde. »Ich trage einen Freundschaftsring«, erklärte sie lahm. »Ich kann keinen Kaffee mit Ihnen trinken.«

»Sie können nicht heiraten«, sagte der Anrufer.

»Oh, tatsächlich?« Sie brauchte das nicht. Nicht von Bex und nicht von einem Fremden, mit dem sie … Nein, nicht daran denken. Sie wandte das Gesicht zur Wand, weg von den neugierigen Blicken ihrer Kundinnen und Padmas. »Brock und ich, wir lieben uns, und wenn Menschen sich lieben, dann heiraten sie. Ich kann heiraten und ich werde heiraten.«

»Ich fürchte, da irren Sie sich«, antwortete er. »Sie sind bereits verheiratet. Mit mir.«

3

»Luke!« Es war Abigail, die da rief. »Luke!«

Luke Sedgwick wachte erschrocken auf, als er den unerwarteten Lärm hörte. Er musste eingeschlafen sein. Die Ereignisse des Wochenendes zusammen mit dem unangenehmen Telefonat heute Morgen hatten ihn so erschöpft, dass er dringend mal eine Nacht schlafen musste. Aber heute Abend würde er das wieder nicht schaffen.

»Luke!«

Er sah auf die Uhr: Es war Montag, zwanzig nach eins am Nachmittag. Er war nur ein paar Minuten bewusstlos gewesen. Er schob die Brille hoch auf seine Stirn und rieb sich über die Augen. Wenn er doch nur die letzten zweiundfünfzig Stunden geschlafen hätte. Dann hätte es keine Reise nach Las Vegas gegeben, keine Tagung über private Vermögensverwaltung, keine unglückliche Tändelei.

Er versuchte, sich daran zu erinnern, was Samstagnacht passiert war – nach dem Punkt, an dem er so viel Scotch getrunken hatte, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dass er Luke Silas Sedgwick IV von den Connecticut-Sedgwicks war. Den Connecticut-Sedgwicks, die – mit der wahrscheinlichen Ausnahme von Lukes Onkel Bink, dem schwarzen Schaf der Familie – niemals in einen solchen Schlamassel geraten wären. Luke dachte zurück und fand nur unbefriedigende Erinnerungsfetzen: ein berauschender Duft. Ein schwarzes Kleid. Eine so starke Anziehungskraft, dass sie vorherbestimmt schien. Eine schmerzhafte Enttäuschung, als er am Morgen allein aufgewacht war. Darüber hinaus undurchdringliches Nichts.

Er hätte sich von Tom Ver Planck nicht dazu überreden lassen sollen, zu der Tagung zu fahren. »Es ist eine Gelegenheit. Lass sie nicht verstreichen«, hatte sein Freund gesagt. Ver Planck, dessen Name und dessen Ruf als Geschäftsmann ihm Hunderte unaufgeforderte Einladungen wie diese pro Jahr eintrugen, war von den Tagungs-Organisatoren eine kostenlose Reise angeboten worden. »Wenn jemand fragt, dann tu einfach so, als seist du einer meiner Mitarbeiter.« Ver Planck hatte Luke das Erste-Klasse-Ticket quasi in die Hand gedrückt. »Und amüsier dich. Du hast mit Nicki Schluss gemacht, oder? Du bist ein freier Mann.«

»Luke!«, rief seine Großtante wieder.

Dennoch hatte Ver Planck recht gehabt; Luke hatte einige interessante Investment-Ratschläge mitgenommen. Und trotz seiner Müdigkeit hatte er heute tatsächlich etwas geschrieben. Ein kleines Wunder.

Er betrachtete ein gezacktes Stück Gips, das fast von der Decke seines Arbeitszimmers im zweiten Stock fiel, dann las er noch mal das, was auf dem Papier vor ihm stand:

Sie sind alle so schwach, die sonnengeäderten südlichen Winde, vergehn, sobald der Nordwind seinen kalten Odem haucht; bunte Blätter ahmen Blumen nach und fallen doch bald, vom Frost gezeichnet, in Fetzen ruiniert …

Das waren die ersten Zeilen, die er seit Jahren geschrieben hatte, sie waren ihm heute Morgen zugeflogen, nachdem er aufgelegt hatte. Und sie waren nicht mal schlecht, obwohl »nachahmen« ganz falsch war und das Metrum durcheinander brachte. »Bunte Blätter erinnern an Blumen« funktionierte besser.

Luke sah wieder auf den Computerbildschirm, wo ihn Zahlenkolonnen verhöhnten. Er dachte, dass er vielleicht Licht machen sollte; der Tag zog sich bereits zurück. Der Sommer war zu Ende, und all seine restlichen Freuden – ein langer Nachmittag, eine letzte, unerwartete Brombeere am Busch am südlichen Zaun – wurden von Luke, wie von jedem gebürtigen Neuengländer, als vergänglich betrachtet.

Luke wusste auch, dass es schwer war, allein in einem mehr als zweihundert Jahre alten Haus in Neuengland zu wohnen, selbst wenn noch eine andere Person mit einem zusammenlebte. Es war nicht die Anwesenheit von Geistern – obwohl Abigail darauf bestand, dass es viele gab -, es war die Tatsache, dass das moderige alte Mausoleum nicht leise sein konnte. Luke lauschte auf die Bewegungen von Abigail Agatha Sarah Sedgwick, wie sie die vordere Treppe hinaufstieg: ein lautes Knarren der dritten Stufe von unten, die dieses Geräusch schon machte, so lange er sich erinnern konnte. Dann ein rhythmisches Zittern, während die Treppe sich anstrengte, die ganzen ein Meter zweiundfünfzig und fünfundvierzig Kilo ihrer Besitzerin zu tragen. Luke wog beinahe das Doppelte von Abby und war mehr als dreißig Zentimeter größer, und wenn er ging, vibrierte das Haus bei jedem Schritt, und die Scheiben in den Sprossenfenstern klapperten in ihren maroden Rahmen. Das Silas Sedgwick House – errichtet zwanzig Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg von Silas Ebenezer Sedgwick, Farmer, Kaufmann und Patriot, und prächtiger und größer gemacht von seinen Nachfahren sowie seit zwei Jahrhunderten der Stolz von New Nineveh, Connecticut – drohte jetzt, um die beiden verbliebenen Sedgwicks herum zusammenzubrechen: Abigail und Luke, Silas’ Urururenkel.

Es kann jeden Tag so weit sein, dachte Luke. Wenn er einen besonders schlechten Tag an der Börse hatte, was bei seiner neuen Tätigkeit als Finanzverwalter des Sedgwick-Vermögens derzeit eher die Regel als die Ausnahme war, dann tröstete er sich mit Fantasien über den Zusammenbruch des Hauses. Seine derzeitige Lieblingsversion war, dass Abigails geliebter schwarzer Kater Quibble für einen seiner seltenen Raubzüge bei Tageslicht unter Abbys Bett hervorkam, auf den Kaminsims im großen Salon sprang und eine Kettenreaktion in Gang setzte, bei der er ruhig auf dem intakten Kamin sitzen blieb, umgeben von zwei Stockwerken Schutt.

»Luke!« Der zerkratzte Kristall-Türgriff bewegte sich schabend, die Flügeltür öffnete sich quietschend, und seine Großtante trat in den Raum, der früher einmal der Ballsaal der Sedgwicks gewesen war und Luke jetzt als Arbeitszimmer diente. Abigails trübe braune Augen funkelten. Ihr weißes Haar stand ihr wild vom Kopf ab. »Es ist diese Riga.« Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Komm mit.«

»Was hat sie jetzt wieder getan?« Luke beschloss, Abigails Erscheinen als Zeichen dafür zu deuten, dass er für heute Schluss machen sollte. Er schloss seine Transaktionen ab und fuhr den Computer herunter. Dann streckte er seine Beine aus, die sich genauso alt anfühlten wie dieses Haus.

Abigail ging voraus über die neue Treppe – wie die Familie die Hintertreppe immer noch nannte, die nach dem Feuer von 1827 neu gebaut wurde – hinunter ins Erdgeschoss. Sie ging durch den großen Salon und einen weiteren Flur, vorbei am östlichen Anbau, der um 1850 entstanden war und jetzt leer stand und voller Spinnweben war, hinaus auf eine der drei Veranden des Hauses: auf die windgeschützte, die Charity’s Porch genannt wurde, nach der längst verstorbenen Vorfahrin, die sie bauen ließ. Charity’s Porch ging zum Garten hinaus, der sich drei Morgen weit bis zur Market Road hinunter erstreckte. Abigail deutete mit ihrem dürren Finger an das entfernte Ende des Gartens.

»Da. Völlig offensichtlich.«

Luke sah zur Straße hinunter auf das Bauwerk, das dort entstanden war. Es schien ein kleiner, mit Stoff bespannter, nach vorne offener Marktstand zu sein. Sein helles, frisches Holz hatte noch keinem der legendären Nordostwinde von New Nineveh standhalten müssen. »Hol deinen Pullover, dann sehen wir uns das mal an«, sagte er und dachte an Abbys braunen an einem Haken im Gartenraum hängenden Pullover, dessen Taschen stets mit zerknüllten Taschentüchern gefüllt waren und der älter war als er.

»Ich brauche keinen Pullover.«

Luke versuchte zu argumentieren, dass es draußen kalt geworden war. Abigail bestand darauf, dass ihr nicht kalt sei, und natürlich setzte sie sich durch. Erst einige Zeit später machten die beiden sich auf den Weg über den unebenen Steinpfad, wobei Luke wild wuchernden Büschen von verwelkten Rosen ausweichen musste, bis sie den Stand erreichten und sich die Vorderseite ansahen, die zur Straße hin zeigte. Auf einem sauber mit der Hand geschriebenen Schild stand: »Herbstblätter, $ 1.50 pro Zweig.« Ansonsten war der Stand leer – die Herbstblätter würden erst um den Columbus Day herum Saison haben.

»Er sieht genauso aus wie unser Blumenstand«, sagte Abigail. »Wenn ich keine Sedgwick wäre, dann würde ich direkt rüber zu Lowies Kanzlei gehen. Wenn ich Ernestine Rigas Idee gestohlen hätte anstatt umgekehrt, dann würde sie mich durch alle Instanzen hindurch verklagen.«

»Na, na …« Luke legte ihr die Hand auf den Arm.

»Sprich nicht in diesem Ton mit mir, junger Mann.«

»Es nennt sich Kapitalismus, Abby.« Und ich bin nicht mehr jung, fügte er innerlich hinzu, obwohl er derzeit nicht überzeugt davon war, in seinen einundvierzig Jahren irgendetwas gelernt zu haben. Anders als Abigail musste er tatsächlich mit Lowell Mayhew reden, und zwar sofort. Er wollte diese ganze Angelegenheit hinter sich bringen. Je eher, desto besser. Zum Glück schien es Peggy Adams genauso zu gehen, obwohl Luke, wenn er denn dazu geneigt hätte, sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen, ein klitzekleines bisschen enttäuscht darüber gewesen wäre, wie schnell sie zugestimmt hatte.

Abby wandte dem Blumenstand den Rücken zu. »In diesem Fall werde ich Ernestine mit ihren eigenen Waffen schlagen. Jeder kann die Qualität unserer Bäume erkennen. Bevor Bink das Kürbisfeld verkaufen musste, hatten wir auch die besten Kürbisse. Vielleicht sollten wir auf unseren zwanzig Morgen Kürbisse anpflanzen, Luke.«

Kürbisse. Davon würden sie sicher die Grundsteuer bezahlen können. »Ich muss weg, Abigail. Ich muss noch zu Seymour’s und ein paar Sachen erledigen. Ich komme nachher zurück, aber es wird spät.«

»Sachen erledigen, pah.«

Du hast ja keine Ahnung, wollte er sagen.

»Wahrscheinlich willst du dich nur wieder mit dieser Pappas treffen. Warum machst du ihr noch immer den Hof, wenn du dich eigentlich längst nach einer Ehefrau umsehen solltest? Einer Ehefrau mit guten Manieren und einem guten Namen.«

Luke wurde leicht übel bei dem Wort Ehefrau.

»An ›Nicole‹ gibt es nichts auszusetzen. Es ist ein völlig normaler Name.« Er war sich bewusst, dass es nicht diese Hälfte des Namens seiner derzeitigen Exfreundin war (die, nach den vergangenen Erfahrungen zu urteilen, heute Abend wieder seine Freundin sein würde), den seine Großtante meinte. Abigail wollte, dass Luke ein nettes Mädchen aus einer guten alten Familie aus Neuengland mit einem guten alten Neuengland-Stammbaum heiratete – eine Frau, die dazu geeignet war, einen Erben für die aussterbende Sedgwick-Linie und das nicht länger vorhandene Sedgwick-Vermögen zu produzieren. Luke hatte Abby niemals darauf hingewiesen, dass ihre Pläne für ihn das genaue Gegenteil ihrer eigenen romantischen Vergangenheit waren. Er kannte die Antwort darauf: Er sei der letzte Sedgwick und er sei ein Mann. Es sei seine Pflicht gegenüber der Familie.

Nicki war weder mustergültig, noch konnte sie einen Stammbaum aufweisen, und genau deshalb fand er sie so besonders anziehend. Deswegen und wegen ihrer Abneigung gegen die Ehe, die seiner entsprach oder sie vielleicht sogar noch übertraf. Du musst dir wegen Nicki keine Sorgen machen. Sie glaubt genauso wenig an die Ehe wie ich, sagte er Abigail normalerweise. Und für den Fall, dass es dir noch nicht aufgefallen ist, die guten alten Familien aus Neuengland sind so gut wie ausgestorben.

Beide Aussagen stimmten. Doch Luke befand sich gerade in einer Lage, an die er nie einen Gedanken verschwendet hatte: Er war nicht nur verheiratet, sondern auch noch mit einer Fremden.

»Ich treffe mich heute Abend nicht mit Nicole; ich spiele Poker«, log er, nicht in der Stimmung, ausgeschimpft zu werden. »Du kommst zurecht. Vergiss nicht, das Licht in der Halle anzulassen, für den Fall, dass du nachts aufstehst. Und leg dir das Handy neben das Bett. Wenn du mich nicht erreichen kannst, ruf die Fiorentinos an, dann helfen dir Annette oder Angelo.«

Abigail verzog den Mund. »Das Licht brennen zu lassen, ist Geldverschwendung. Und wenn ich mit jemandem reden muss, dann spreche ich mit Quibble. Ich mag diese strahlenden Handys nicht. Ich traue keinem Telefon, das kein Kabel hat.«

Obwohl er es gegenüber Abigail nicht zugegeben hätte, teilte Luke ihr angeborenes Misstrauen gegen jede Art von Technologie, die es nicht schon seit seiner Kindheit gab. Er tolerierte Computer und Handys nur, weil er ohne sie seinen Job nicht hätte machen können. »Ich habe dir Annettes Nummer auf den Nachttisch gelegt. Du kannst den Zettel nicht übersehen.«

Abby hatte wieder diesen wissenden Gesichtsausdruck wie damals, als er mit sechzehn die Ferien bei ihr verbrachte und Ernestine Riga ihr von dem Vandalen erzählt hatte, der nachts durch die Stadt gewütet war und Blumenkästen umgeworfen und Eier gegen Schaufenster geschleudert hatte. Abigail erzählte ihm davon, als seine Eltern ihn zum Rasenmähen zu ihr schickten. »Die Familie des Übeltäters hat auf jeden Fall mein Mitgefühl, wenn Officer Wharton ihn schnappt. Sie werden sich furchtbar schämen«, hatte sie milde gesagt und Luke wissend angesehen. Der Vandale war niemals zurückgekehrt.

Als sie ihn jetzt so ansah, war schwer zu glauben, was ihm nicht nur die besten Gerontologen Connecticuts bestätigten, sondern auch jeder, der zehn Minuten mit ihr verbrachte. Mit einundneunzig verlor seine sture Yankee-Großtante langsam den Verstand. Deshalb hatte Luke seinen Job bei Hartford Mutual Funds aufgegeben, deshalb hatte er den Rat seines Freundes Ver Planck angenommen und kümmerte sich jetzt zwei Jahre lang um die jämmerlichen Vermögenswerte der Sedgwicks – um »zu vermehren«, wie Ver Planck es ausdrückte, was vom Familienvermögen übrig war. Damit er sich die medizinische Versorgung leisten konnte, die seine Großtante bald brauchen würde. Deshalb hatte Luke seine Wohnung aufgegeben und war nach Sedgwick House gezogen, damit er ein Auge auf sie haben konnte. Jetzt bescheinigten Abbys Ärzte ihr noch geistige Zurechnungsfähigkeit, aber sie glitt immer tiefer in die Demenz, und irgendwann würde sie mehr Pflege brauchen, als Luke allein leisten konnte. Und das kostete Geld. Mehr als er jemals bei Hartford Mutual hätte verdienen können.

Man muss Risiken eingehen, um Erfolg zu haben, pflegte Ver Planck zu sagen. Du kannst dem Risiko nicht immer ausweichen, Sedgwick.

»Ich habe dir doch letztens von der neuen Anlage für betreutes Wohnen in Torrington erzählt, erinnerst du dich? Wenn wir das Haus verkaufen, dann könntest du dir dort eine Wohnung leisten. Da würde jemand für dich putzen und zweimal am Tag nach dir sehen«, sagte Luke Abby wie schon so oft.

Ihre Antwort war genauso vorhersehbar: »Das Silas Sedgwick House darf niemals verkauft werden, Luke. Niemals.«

Seymour’s Haushaltswarenladen war bis zum vergangenen Jahr immer der einzige derartige Laden in New Nineveh gewesen – bis das erste Einkaufszentrum eine Meile außerhalb der Stadt gebaut worden war: Das Pilgrim Plaza verfügte über einen sauberen, schwarz geteerten Parkplatz, einen Eingang direkt an der Route 202 und die Filiale einer Haushaltswaren-Kette, in der die gleichen Produkte wie bei Seymour’s zu einem günstigeren Preis angeboten wurden. An diesem Nachmittag war Seymour’s leer bis auf ein paar eingefleischte Einheimische, die Luke schon kannten, seit er in den Windeln gelegen hatte, und die nichts mehr liebten, als ihn daran zu erinnern. Zu Lukes Überraschung – nicht darüber, dass er jedes Mal, wenn er Abbys Haus verließ, jemanden traf, den er kannte, sondern weil es diesmal zu seinem Vorteil war – stand Lowell Mayhew vor den ausgestellten Laubgebläsen.

»Schön, dich zu sehen. Wie geht es deiner Großtante?«, fragte der Anwalt.

»Wie immer. Ich freue mich auch, dich zu sehen.« Luke schüttelte Mayhew die Hand. Er zögerte. »Ich muss mit dir sprechen. Könnte ich morgen in deine Kanzlei kommen? Es ist dringend.«

»Was gibt es denn?«

Luke sah, wie Emily Hinkley, die Vorsitzende der Frauenhilfe von New Nineveh, ihm von den Baumscheren aus zunickte. Er senkte die Stimme. »Ich würde das lieber in der Kanzlei besprechen.«

»Ruf einfach Geri an und lass dir einen Termin geben.«

Luke bedankte sich bei Mayhew und nickte Wesley Buckle zu, einem alten Freund der Familie, der sich als kürzlich gewählter Vorsitzender des städtischen Bauausschusses besonders vehement für das Pilgrim-Plaza-Projekt eingesetzt hatte. Luke fragte sich, warum Buckle nicht in der neuen Haushaltswaren-Filiale einkaufte; vielleicht legte man alte Gewohnheiten nur schwer ab. Luke ging nach hinten. Er brauchte noch mehr Kerzen. Und Petroleum. Der Winter war nicht mehr so wie früher, aber er kam, und da durfte man nicht unvorbereitet sein.

Mayhew folgte ihm. »Luke.« Sein Grinsen schwand. »Du solltest mit deiner Großtante über ihr Testament sprechen. Ich darf dir nicht viel sagen, du verstehst schon, aber sie hat einige signifikante Änderungen vorgenommen, die, wie du sicher auch finden würdest, nicht ratsam sind.«

Luke wagte nicht zu hoffen. In Abbys altem Testament hatte sie ihm Sedgwick House hinterlassen – zusammen mit der unanfechtbar festgeschriebenen Bedingung, dass weder er noch irgendwelche theoretischen Nachfahren es jemals verkaufen durften. Der Gedanke, für alle Ewigkeit mit diesem Haus belastet zu sein, hatte Luke schon unzählige Nächte seines erwachsenen Lebens nicht schlafen lassen. »Soll heißen – sie hinterlässt mir das Haus nicht?«

Mayhew kratzte sich unter seinem grauen Hut an seiner pinkfarbenen Stirn.

»Halleluja!«, rief Luke und zeigte einen seltenen Gefühlsausbruch. Er zog einen Zehn-Kilo-Sack Streusalz unten aus einem Regal und ging begleitet von Mayhew wieder nach vorne. Er konnte sich nicht vorstellen, was seine Tante vorhatte. Seit Jahren versuchte er, sie dazu zu überreden, das Haus dem Heimatverein von New Nineveh zu schenken, damit die ein Museum daraus machen konnten. »Und, wer kriegt den alten Kasten? Ich weiß, du darfst es mir nicht sagen.«

»Rede einfach mit ihr.«

»Wieso glaubst du, dass sie auf mich eher hören wird als auf dich?«

Mayhew kratzte sich am Kinn. »Versuch es.«

Keine Chance, dachte Luke, der sich plötzlich trotz seiner Sorgen leicht und frei fühlte. »Mach ich«, sagte er und ging, um das Petroleum zu holen.

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Peggy umklammerte das Lenkrad ihres gemieteten Chevrolets und suchte in dem heftigen Regen draußen nach einem Hinweis darauf, dass sie nicht im wörtlichen Sinne vom Weg abgekommen war, auch wenn das im metaphorischen Sinne der Fall zu sein schien. Draußen gab es nichts als nasse Bäume. Connecticut war üppig grün – ein fünftausend Quadratkilometer großer Central Park -, eine Tatsache, die Peggy unter anderen Umständen besser zu schätzen gewusst hätte.

Ihr Handy lag noch immer auf dem Beifahrersitz, weil Bex vor wenigen Minuten angerufen hatte. Wider besseres Wissen griff Peggy danach und rief ihre Eltern an. Jemand sollte wissen, wo sie war.

»Virginia?«, schrie Madeleine Adams durch die schlechte Verbindung; Peggy hatte bereits entdeckt, dass die Funkverbindungen hier draußen nicht flächendeckend waren. »Warum fährst du nach Virginia? Max, fahr langsamer!« Der letzte Befehl galt ganz klar Peggys Vater; offenbar waren sie gerade ebenfalls unterwegs.

»Nicht Virginia, Mom, New Nineveh«, wiederholte Peggy. »In Connecticut …«

»Max!«, rief ihre Mutter und meinte erneut ihren Vater. »Du bringst uns um! Bleib bitte auf unserer Seite, Liebling!«

Peggy hatte vergessen, wie es war, mit ihrer Mutter in einem Auto zu sitzen. Madeleines Nervosität übertrug sich vom anderen Ende des Landes auf sie.

»Was sagtest du, Peggy? Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?«

»Schon gut, Mom. Mir geht’s gut.«

Als Peggy auflegte, sah sie endlich das Schild, nach dem sie gesucht hatte – NEW NINEVEH, 3200 EINWOHNER, GEGRÜNDET 1719 -, und bog zum siebten Mal an diesem Morgen falsch ab, diesmal direkt auf die Church Street, die sie, wie sie schnell feststellte, wieder aus der Stadt hinausführte. Am Straßenrand war ein orangener Bagger im Regen erstarrt und hielt seine raubtierartigen Kiefer halb geöffnet über dem Dach einer alten Scheune, das sich unter dem Gewicht seiner Jahre und dem wilden Wein bog, der es überwucherte.

Peggys ganzer Körper summte vor Anspannung. Wenn sie doch nur nicht so viel Kaffee getrunken hätte. Dieses ganze Koffein hatte sie nicht ruhiger gemacht; genauso wenig wie die anderthalb Stunden auf der Autobahn und die letzte halbe Stunde Quälerei über gewundene Landstraßen; und auch nicht der von Rauschen unterbrochene Anruf von der erschüttert klingenden Bex. Peggy hatte nicht den Mut gehabt, ihrer Freundin den wahren Grund zu gestehen, warum sie heute nicht arbeiten konnte, und behauptet, sie hätte eine Lebensmittelvergiftung. »Also, dann wird dir bei dem, was ich dir zu erzählen habe, richtig übel werden«, hatte Bex geantwortet.

Peggy wendete auf der Church Street und fuhr vorbei an dem weißen, mit Schindeln gedeckten Gebäude mit dem hohen Turm, nach dem die Straße benannt sein musste, und riesigen alten Häusern aus der Kolonialzeit und der Viktorianischen Zeit, die sie bewundert hätte, wenn sie nicht so beschäftigt gewesen wäre. Sie war seit zwei Jahren nicht mehr Auto gefahren, und sie kam zwanzig Minuten zu spät zu ihrem Treffen. Da war es: Nummer drei, ein zweistöckiges Backsteinhaus, ebenfalls alt. Sie parkte den Wagen. Bex, Brock – sie hatte beiden nicht erzählt, dass sie nach Connecticut fuhr. Brock glaubte, sie sei wie immer im Laden. Peggy konnte die Sorge nicht abschütteln, dass das alles nur ein Trick war, um sie aufs Land zu locken, zu entführen und als weiße Sklavin zu verkaufen.

Sie konnte bereits die Schlagzeilen sehen – eine schreckliche Geschichte über ihr merkwürdiges Verschwinden auf der Titelseite der New York Post: EHEFRAU WIE VOM ERDBODEN VERSCHLUCKT. Der arme Brock würde von Peggys Vegas-Heirat von irgendeinem Reporter erfahren, und es würde ihre Mutter umbringen und … Hör auf, Peggy. Es gab keinen Grund für diese Fieberfantasien. Ihre derzeitige Realität war merkwürdig genug.

»Mein Gott, Sie sind ja klatschnass. Möchten Sie sich etwas aufwärmen?« Die Empfangsdame in der Anwaltskanzlei von Lowell C. Mayhew legte den Muffin weg, den sie gegessen hatte, und stand von ihrem Stuhl auf, als Peggy hereinkam.

»Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.«

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