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Was nicht passt, wird küssend gemacht

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Mallery

Was nicht passt, wird küssend gemacht

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

1. KAPITEL

Lass dich nie auf ein Bewerbungsgespräch ein, wenn dein Gegenüber dich schon einmal nackt gesehen hat.

Nevada Hendrix war sich sicher, dass dieser Rat irgendwo auf ein Kissen gestickt oder auf ein Poster gedruckt war. Unglücklicherweise hatte ihr nur niemand davon erzählt. Als sie jetzt zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder Tucker Janack gegenübersaß, stellte sie nämlich fest, dass dieser Ratschlag sehr zutreffend war.

Sie hatte einen Plan gehabt, und das ärgerte sie am meisten. Sie hatte ihren Lebenslauf auf Vordermann gebracht, sich Antworten auf mögliche Fragen überlegt, einen neuen Blazer gekauft und siebzehn Dollar fünfzig für eine besondere Glanzspülung beim Friseur ausgegeben, damit ihr Haar seidig schimmerte. Sie, die normalerweise einen großen Bogen um allen Mädchenkram machte, geriet nun durch einen ehemals nackten Kerl und eine Haarpflegekur ins Straucheln.

„Hallo, Nevada.“

„Tucker.“

Sie achtete darauf, ihr Pokergesicht beizubehalten – was auch immer das bedeutete. Ihr war klar, dass ein vor Erstaunen offen stehender Mund sie nicht unbedingt besonders kompetent wirken ließ.

„Ich hatte deinen Vater erwartet“, gab sie zu. Als man sie anrief, um sie zu dem Gespräch einzuladen, hatte man immerhin ausdrücklich gesagt, sie würde mit Mr Janack sprechen. Und diesen Namen brachte sie nicht mit dem Jungen in Verbindung, den sie einst auf dem College gekannt hatte.

„Ich habe die Bauleitung inne und bin dafür zuständig, die Mitarbeiter für dieses Projekt einzustellen.“ Er bedeutete ihr, auf dem Stuhl Platz zu nehmen, was sie auch tat.

Sie befanden sich im Konferenzraum eines Hotels in Fool‘s Gold. Obwohl es eigentlich Ronan‘s Lodge hieß, wurde es von allen nur Ronan‘s Folly genannt, weil es mit seiner wunderschönen Architektur, den handgeschnitzten Holzarbeiten und den eleganten Möbeln wahrlich ein kleiner Prunkbau war. Unter anderen Umständen hätte Nevada die Umgebung vermutlich auch würdigen können. Doch so hatte sie nur Augen für den Mann, der sich ihr gegenüber an den Tisch setzte.

Die Zeit war gnädig mit Tucker gewesen. Er war immer noch groß – was sie nicht überraschen sollte. In diesem Alter schrumpften die wenigsten Männer. Sein Haar war dunkel und gerade stark genug gewellt, um ihn nicht allzu attraktiv aussehen zu lassen. Die ebenfalls dunklen Augen, das markante Kinn und das leichte Lächeln auf seinen zum Küssen einladenden Lippen waren noch genauso wie in ihrer Erinnerung.

Äh, nein, rief sie sich energisch zur Ordnung. Nicht zum Küssen einladend. Weit davon entfernt. Er war ihr potenzieller Chef. Oder auch nicht, je nachdem, welche Erinnerungen er an die Vergangenheit hatte.

Sie fluchte leise und fragte sich, warum der alte Janack das Ruder nicht noch für ein letztes Projekt hatte in der Hand behalten können. Denn wenn es um Tucker ging, hatte sie noch nie viel Glück gehabt.

„Es ist lange her.“ Er schenkte ihr dieses lässige Grinsen, das ihr immer das Gefühl gegeben hatte, das tollste Mädchen auf der ganzen Welt zu sein. Was eine Lüge gewesen war, denn Tucker hatte ihr das Herz gebrochen.

Sie atmete tief ein, schob alle Erinnerungen an den jungen Tucker beiseite und straffte die Schultern. „Wie du meinem Lebenslauf entnehmen kannst, war ich in der Zwischenzeit auch nicht untätig. Nach dem College habe ich ein paar Jahre in South Carolina gearbeitet und alle Aspekte des Baugewerbes sozusagen von der Pike auf gelernt. Wir haben hauptsächlich Gewerbeobjekte konstruiert, und bevor ich ging, war ich für den Bau eines fünfstöckigen Bürogebäudes verantwortlich.“

Für ihn klang das vielleicht nicht so toll, doch sie machte das immer noch sehr stolz. „Wir sind von Anfang unterm Budget geblieben und hatten das sauberste Prüfprotokoll der Firmengeschichte.“

Er nickte, als wenn ihm das bereits alles bekannt wäre. Was es, wenn er ihren Lebenslauf gelesen hatte, auch war.

„Warum bist du nicht geblieben?“, wollte er wissen. „Sie haben dich sicher nicht gerne gehen lassen.“

„Stimmt, aber ich wollte nach Hause.“

„Zurück zu den Wurzeln?“

„Genau.“ Sie bemühte sich, nicht daran zu denken, dass er nie erfahren hatte, wie es war, sich an einem Ort niederzulassen. Er war schon immer auf der ganzen Welt zu Hause gewesen. Immerhin war Janack Construction ein internationales Unternehmen. Sie erinnerte sich an seine Erzählungen von Sommern in Thailand und Wintern in Afrika.

Da sie spürte, dass das Gespräch zu persönlich zu werden drohte, rief sie sich in Erinnerung, dass sie diesen Job wirklich haben wollte.

„Seit meiner Rückkehr nach Fool‘s Gold habe ich mich hauptsächlich um kleinere Projekte gekümmert. Darunter auch Wohngebäude. Ich habe Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit unterschiedlich großen Teams und kenne mich mit den staatlichen und örtlichen Bauvorschriften aus.“

„Das Team, das wir hierher schicken, ist eines unserer besten“, erklärte Tucker. „Es arbeitet schon lange zusammen und ist Außenstehenden gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen.“

„Meinst du Außenstehende oder Frauen?“

Tucker lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ wieder sein Grinsen aufblitzen. „Janack Construction ist eine Firma, die sich der Gleichberechtigung verschrieben hat und alle staatlichen und gesetzlichen Auflagen der Gleichstellung erfüllt.“

„Wie ungemein politisch korrekt. Ich habe keine Angst vor einem Team aus Männern, wenn du darauf hinauswillst. Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen.“

„Ich erinnere mich. Wie geht es Ethan?“

„Gut. Er ist verheiratet und sehr glücklich. Wenn du eine Weile hier sein wirst, solltest du dich mal bei ihm blicken lassen.“

Doch wenn die Mächte ihr gewogen waren, würde Tucker nur so lange in der Stadt bleiben, bis er alle nötigen Mitarbeiter angeheuert hatte, und dann in einen anderen Teil der Welt jetten.

„Gute Idee. Ich werde während der gesamten Anfangsphase des Baus in der Stadt sein.“

Verdammt. So viel dazu, von den höheren Mächten geliebt zu werden.

„Du arbeitest für Ethan“, fuhr Tucker fort. „Warum willst du jetzt für mich arbeiten?“

Das wollte sie gar nicht. Sie wollte für seinen Vater arbeiten. Doch die Option bestand wohl nicht. „Ich suche nach einer Herausforderung“, gab sie zu.

„Du hast dich über das Ausmaß des Projekts informiert?“

Sie nickte. Janack Construction hatte im Norden der Stadt über vierzig Hektar Stammesland erworben, um darauf einen Kasino- und Hotelkomplex zu errichten. Weiteres Land war an einen Bauunternehmer verpachtet worden, der sich auf das Errichten von Shoppingmalls spezialisiert hatte – eine Nachricht, die die weibliche Bevölkerung der gesamten Umgebung in vorfreudige Verzückung versetzt hatte.

„Wir sollten darüber reden“, sagte er leise.

Nevada schaute ihn an und fragte sich, was genau an dem Projekt für seine leicht gerunzelte Stirn verantwortlich war. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Das „Es“ in dem Satz hatte nichts mit der Arbeit zu tun.

„Nein, sollten wir nicht.“ Sie kämpfte gegen den Drang an, aufzustehen und ein paar Schritte zurückzugehen, um etwas mehr Abstand zwischen sich und ihn zu bringen. „Das ist schon lange her.“

„Nevada“, sagte er leise.

„Nicht. Es ist vorbei und vergessen, hatte nichts zu bedeuten.“

Fragend sah er sie an. „Tatsächlich?“

Warum konnte er nicht wie jeder andere Mann auf dem Planeten sein und sich darüber freuen, dass sie keine Lust hatte, über ein unangenehmes Thema zu reden? Musste sie die Vergangenheit wirklich noch einmal durchkauen?

„Tucker, das ist zehn Jahre her und hat weniger als fünf Minuten gedauert. Ehrlich, es hat keine Bedeutung mehr.“

Er setzte sich gerade hin. „So denkst du also darüber?“

„So war es doch. Du warst betrunken, und ich war …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Auf gar keinen Fall würde sie während eines Bewerbungsgesprächs das Wort „Jungfrau“ aussprechen. „Belassen wir es dabei.“

„Ich habe nie …“

„Oh mein Gott!“ Es hielt sie nicht mehr auf dem Stuhl. „Geht es hier um dein Ego? Erträgst du es nicht, dass unsere kurze sexuelle Begegnung vor zehn Jahren für mich nur eine schlechte Erinnerung ist? Werd erwachsen, Tucker. Es ist nicht wichtig. Ich denke nicht daran. Ich bin hergekommen, um ein Bewerbungsgespräch zu führen, nicht um …“ Sie riss sich zusammen, fürchtete jedoch, dass es zu spät war. „Wir waren damals auch Freunde. Können wir uns nicht lieber daran erinnern?“

Er erhob sich ebenfalls. „Du hast uns danach nicht mehr als Freunde angesehen.“

Sie war niemand, der schrie, was der Hauptgrund dafür war, dass sie ihn jetzt nicht anbrüllte. Stattdessen zwang sie sich, ganz ruhig und kontrolliert zu sprechen. „Hast du noch andere Fragen bezüglich meiner beruflichen Erfahrungen?“

„Nein.“

„Na dann … Es war schön, dich wiederzusehen, Tucker. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.“

Damit drehte sie sich um und verließ hoch erhobenen Hauptes den Konferenzraum. Niemand, der sie sah, würde denken, dass sie sich zutiefst gedemütigt fühlte.

Die peinliche Nacht mit Tucker in Gedanken noch einmal nachzuerleben war schlimm genug, aber dadurch die Chance auf ihren Traumjob zu verlieren war noch schlimmer. Sie wollte so gern für Janack Construction arbeiten. Es war eine fabelhafte Firma, und sie, Nevada, hätte die Gelegenheit gehabt, sich beruflich weiterzuentwickeln, ohne Fool‘s Gold verlassen zu müssen. Besser hätte es gar nicht kommen können.

Doch stattdessen würde Tucker sie trotz ihrer Qualifikation gar nicht erst in Betracht ziehen. Was einfach nur unfair war.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in den Konferenzraum zurück. Die Tür stand noch offen. Sie sah, dass Tucker eine Mappe in seine Aktentasche steckte.

Meine Mappe, dachte sie grimmig. Eine Mappe voller Blätter, die ihre Hoffnungen und Träume repräsentierten.

„Ich bin in dem, was ich tue, sehr gut. Ich arbeite hart, und ich kenne diese Stadt“, erklärte sie ihm, als er aufsah und sie anschaute. „Ich verstehe die Leute hier und hätte ein echter Pluspunkt für deine Firma sein können. Aber das ist dir egal, oder? Und das alles nur wegen eines bedeutungslosen Akts, der vor Jahren stattgefunden hat. So viel zum Thema Integrität.“

Tucker sah zu, wie Nevada ihm das zweite Mal innerhalb einer Minute den Rücken zuwandte und fortging. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und versperrte ihm den Blick auf ihr kurzes blondes Haar und den geraden Rücken.

„Kein schlechter Abgang“, sagte Will Falk, der in diesem Moment durch eine Seitentür eintrat. „Wann wart ihr zwei zusammen im Bett?“

Wütend funkelte Tucker ihn an. „Das geht dich gar nichts an.“

„Glaubst du, ich habe das hören wollen? Nach dem zu urteilen, was sie über deine Leistung gesagt hat, musst du dringend etwas tun.“ „Will, ein zweiundvierzig Jahre alter Freund der Familie und Tuckers Assistent, grinste. „Fünf Minuten? Das ist ziemlich peinlich.“

Tucker biss die Zähne zusammen. „Danke für die Zusammenfassung.“

Er wollte laut herausschreien, dass es länger als fünf Minuten gedauert hatte, obwohl er sich ehrlich gesagt nicht mehr an viel von dem Abend erinnern konnte. Wie Nevada angemerkt hatte, war er betrunken gewesen. Ganz zu schweigen von total verrückt, verloren in einem Sturm namens Caterina Stoicasescu. Unglücklicherweise war Nevada ebenfalls – wenn auch nur ganz kurz – in den Wirbelsturm von Cats Leben hineingerissen worden.

„Du hast es wirklich vermasselt“, merkte Will wenig hilfreich an. „Ich finde, sie hat Potenzial.“

„Das hat sie. Ich bin auch noch nicht fertig mit ihr.“

Will grinste. „Ernsthaft? Du glaubst, sie wird jetzt noch für dich arbeiten?“

„Sie will den Job.“

„Nein, sie wollte ihn. Vergangenheitsform. Jetzt weiß sie, dass das bedeutet, für dich zu arbeiten. Zum Teufel, Tucker, fünf Minuten?“

„Würdest du das Thema endlich fallen lassen?“

„Ich schätze, das muss ich wohl. Trotzdem, du warst doch ein kluges Kind und auch nicht so hässlich, dass die Spiegel von deinem Anblick blind geworden wären. Ich dachte, irgendeine Frau da draußen hätte sich deiner angenommen und dir gezeigt, wie es geht.“

Wütend zeigte Tucker auf die Tür. „Raus.“

„Oder was? Ziehst du mir sonst an den Haaren?“

Will grinste immer noch, als er aus dem Raum humpelte.

Wenn irgendjemand anderes sich über ihn lustig gemacht hätte, wäre Tucker außer sich gewesen. Aber Will gehörte praktisch zur Familie. Er war kaum zehn Jahre älter als Tucker und arbeitete seit seinem Highschoolabschluss für Janack Construction. Tucker hatte in ihm immer den älteren Bruder gesehen, den er nicht hatte. Will war schnell die Karriereleiter emporgestiegen, bis er sich sechs Jahre zuvor bei einem Unfall beide Beine und das Rückgrat gebrochen hatte.

Die Versicherung der Firma war für die Rechnungen aufgekommen, und Tuckers Vater hatte Will auf seiner Gehaltsliste behalten. Doch selbst nach einem Jahr Reha war Will nicht in der Lage gewesen, auf den Bau zurückzukehren.

Ungefähr zu der Zeit hatte Tucker angefangen, eigene Projekte zu leiten. Er hatte Will die Stelle als seine rechte Hand angeboten, und seitdem arbeiteten sie zusammen. Sie waren ein gutes Team, was der Grund dafür war, dass Tucker gewillt war, sich einiges von seinem Freund anzuhören. Doch so interessant ihr kleiner Plausch auch gewesen war, er löste nicht das Problem mit Nevada.

Das Kasinoprojekt war riesig. Das größte, das er je geleitet hatte. Er brauchte ein gutes Team, auf das er sich verlassen konnte, und Nevada brachte alle Voraussetzungen dafür mit. Die Tatsache, dass er sie kannte und ihr vertraute, machte es ihm beinahe unmöglich, sie einfach gehen zu lassen. Aber wie könnte er sie davon überzeugen, die Vergangenheit ruhen zu lassen und für ihn zu arbeiten?

Als er Will aus dem Konferenzraum folgte, wurde ihm erneut bewusst, dass sich alle Probleme in seinem Leben auf Caterina Stoicasescu zurückführen ließen. Cat war schon immer die Pest gewesen. Die Menschen um sie herum hatten stets nur die Möglichkeit gehabt, ihr entweder aus dem Weg zu gehen oder sich von ihr überfahren zu lassen und zerschmettert und blutend am Wegesrand liegen zu bleiben. Er war unzählige Male überfahren worden, bevor er erkannte, dass er keine Lust mehr hatte, den Hanswurst für sie zu spielen. Die Gefühle waren den Ärger nicht wert. Unglücklicherweise hatte Cat jetzt noch einen weiteren Schlamassel hinterlassen, den er aufräumen musste.

Nevada stand vor dem Hotel und überlegte, wohin sie jetzt gehen sollte. Wenn sie zur Arbeit zurückkehrte, liefe sie Gefahr, auf ihren Bruder Ethan zu stoßen. Er würde wissen wollen, wie das Gespräch gelaufen war, was unter den gegebenen Umständen eine durchaus berechtigte Frage war. Leider war sie nur nicht so leicht zu beantworten. Was genau sollte sie sagen? Ethan mochte Tucker für einen Freund halten, aber auf gar keinen Fall würde er es gut aufnehmen, zu erfahren, dass Tucker mit seiner kleinen Schwester geschlafen hatte, als diese eine achtzehnjährige Jungfrau gewesen war.

Damit fiel der Job bei Janack Construction also flach. Sie könnte nach Hause gehen, aber sie wollte nicht mit ihren Gedanken allein sein. Auf diesem Weg liegt Wahnsinn – oder wie auch immer die Passage aus König Lear lautet –, dachte sie grimmig und machte sich daran, die Straße hinunterzugehen.

Zehn Minuten später betrat sie Jo‘s Bar. Wie immer war sie hell erleuchtet und lud vor allem Frauen ein, sich ein wenig zu entspannen. Der Männermangel in Fool‘s Gold, bis vor Kurzem das bestgehütete Geheimnis der Stadt, hatte Jo dazu inspiriert, eine Bar zu eröffnen, die hauptsächlich Frauen ansprach. Neben den Gerichten auf der Speisekarte standen die entsprechenden Kalorienangaben, die Fernseher waren auf Realityshows und Shoppingsender eingestellt, und von fast allen Getränken gab es auch eine kalorienarme Variante.

Um kurz nach drei am Nachmittag mitten in der Woche waren nur wenige Gäste da. Jo Trellis, die Besitzerin, war vier bis fünf Jahre zuvor nach Fool‘s Gold gezogen. Sie hatte die Kneipe von Grund auf renoviert, den allgemeingültigen Rat, dass das typische Barpublikum männlich war, ignoriert und mit ihrer Bar einen großen Erfolg gelandet.

Über Jo und ihre Vergangenheit wusste niemand wirklich viel. Jo war groß, muskulös und auf zurückhaltende Art hübsch. Das Einzige, was alle mit Sicherheit wussten, war, dass sie eine Flinte hinter dem Tresen hatte und wusste, wie man sie benutzte.

Jo kam gerade in dem Moment aus dem Hinterzimmer, als Nevada sich auf die Bank einer Sitzecke gleiten ließ.

„Du bist aber früh hier“, sagte sie.

„Ich weiß. Es ist einer dieser Tage, an dem sich zu betrinken die richtige Wahl zu sein scheint.“

„Dafür wirst du morgen früh aber bitter bezahlen.“

Obwohl die Warnung durchaus berechtigt war, kam Nevada der nächste Morgen noch so weit entfernt vor. „Einen doppelten Wodka-Tonic, bitte.“

„Willst du auch was essen?“, fragte Jo. Sie klang mehr wie eine besorgte Mutter als wie eine Frau, die ihren Lebensunterhalt damit verdiente, Alkohol auszuschenken.

„Nein, danke. Ich will nur vergessen.“ Im Moment erschien ihr das eine sehr gute Idee zu sein.

Jo nickte und ging zum Tresen, um nur Sekunden später mit einem großen Glas Wasser zurückzukehren.

„Trink“, grummelte sie. „Du wirst es mir später danken.“
Nevada nippte pflichtbewusst an dem Glas, bis ihr echter Drink kam, den sie mit einem Zug halb leerte. Jetzt heißt es abwarten, dachte sie. Abwarten, bis der Wodka ihr Gehirn benebelte und den fürchterlichen Nachmittag langsam ausblendete.

Normalerweise war sie ein großer Freund davon, sich ihren Problemen zu stellen. Herauszufinden, was schiefgelaufen war, mehrere mögliche Lösungen zu suchen, die beste davon auszuwählen und danach zu handeln. Sie war schon immer eine Macherin gewesen, die wenig bis gar nicht jammerte und eine gute Teamplayerin war. Das half ihr jedoch nicht das Geringste, wenn es um Tucker Janack ging.

Die Vergangenheit ließ sich nicht korrigieren. Es gab keine Strategie dafür, in die Vergangenheit zu reisen und eine schlechte Entscheidung rückgängig zu machen. Tatsache war, dass sie bis über beide Ohren in den Mann verknallt gewesen war und voreilig gehandelt hatte. Die Schuld lag allein bei ihr. Das hatte sie akzeptiert. Was sie jedoch wirklich ärgerte, war, dass sie jetzt noch dafür zahlen musste.

Sie leerte ihr Glas und bedeutete Jo, ihr noch eines zu bringen. Bevor der Drink jedoch kam, ging die Tür zur Bar auf, und ihre Schwestern kamen herein. Ein schneller Blick auf die Uhr verriet Nevada, dass keine fünfzehn Minuten vergangen waren, seitdem sie es sich hier gemütlich gemacht hatte.

„Beeindruckend“, rief sie Jo zu.

Die zuckte nur mit den Schultern. „Du weißt, was ich von Leuten halte, die alleine trinken.“

„Das hat rein medizinische Gründe.“

„Wenn ich jedes Mal nur einen Nickel bekäme, wenn ich diesen Satz höre …“

Nevada richtete ihre Aufmerksamkeit auf die beiden Frauen, die auf sie zukamen. Sie waren exakt genauso groß wie sie, hatten das gleiche blonde Haar und die gleichen braunen Augen. Was kaum überraschen konnte, wenn man bedachte, dass sie eineiige Drillinge waren.

Es war für alle – inklusive der Familie – ein Albtraum gewesen, sie als Kinder auseinanderzuhalten. Aber inzwischen hatten sie doch jede ihre Eigenarten entwickelt und unterschieden sich deutlich in der Art, wie sie sich kleideten und gaben. Montana trug ihr Haar lang und lockig, sie bevorzugte fließende Kleider und überhaupt weiche Stoffe. Dakota war mehr für Anzüge und Kostüme zu haben, wobei man sie im Moment auch dank ihrer Schwangerschaft gut erkennen konnte.

Nevada hatte sich immer als die eher praktische der Schwestern angesehen – ungeachtet ihrer aktuellen Verfassung. Sie verbrachte einen Großteil des Tages auf Baustellen, wo Jeans und Stiefel eher Voraussetzung als ein Fashionstatement waren. Sie traf kluge Entscheidungen, bedachte alles immer bis ins kleinste Detail und versuchte, so wenig wie möglich zu bedauern. Tucker war das größte Schlagloch auf dem ansonsten glatten, manchmal etwas einsamen Weg, den sie ihr Leben nannte.

„Hey.“ Dakota setzte sich ihr gegenüber. „Jo hat angerufen.“

Montana nahm neben Dakota Platz und neigte den Kopf. „Sie hat gesagt, du würdest trinken.“

Nevada winkte Jo mit ihrem leeren Glas zu. „Vielleicht nehme ich jetzt doch ein Quesadilla“, rief sie.

„Ich dachte, du wolltest nichts essen.“

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Gut.“ Jo kam zum Tisch, nahm die Bestellung von Dakota und Montana auf und das leere Glas von Nevada mit. „Wenn du klug genug wärst, würdest du aufhören, bevor du morgen einen schlimmen Kater hast.“

„Tut mir leid, das wird nicht passieren.“ Nevada wartete, bis Jo gegangen war, dann schaute sie ihre Schwestern an. „Ihr zwei wart schneller hier, als ich es erwartet hatte.“

„Das liegt an dieser neuen Erfindung namens Telefon“, erklärte Montana. „Das beschleunigt die Kommunikation ungemein.“

Dakota legte beide Hände auf den Tisch. „Was ist los? Das hier sieht dir so gar nicht ähnlich. Du trinkst normalerweise nicht mitten am Tag.“

„Technisch gesehen ist es schon Nachmittag.“ Nevada kniff die Augen zusammen. Ah, da war es. Ein leichtes Summen ganz hinten in ihrem Kopf.

„Meinetwegen. Normalerweise wärst du jetzt im Büro, doch stattdessen …“ Dakota seufzte. „Dein Gespräch. Das war heute, oder?“

„Mhm.“ Nevada schaute zur Bar und wünschte, Jo würde sich etwas beeilen.

„Das muss doch gut gelaufen sein“, sagte Montana loyal wie immer. „Hat Mr Janack nicht erkannt, wie qualifiziert du bist? Er braucht jemanden mit deiner Erfahrung, um mit den örtlichen Gegebenheiten umzugehen. Außerdem siehst du wirklich hübsch aus.“

Nevada atmete den Duft nach gegrillten Tortillas und Käse ein. Ihr knurrte der Magen. Sie hatte kein Mittagessen gehabt – um die Nervosität vor dem Bewerbungsgespräch zu vertreiben, hatte sie lieber gearbeitet.

„Was ist passiert?“ Dakota war augenscheinlich weniger an Nevadas Aussehen interessiert als ihre Schwester. „Warum glaubst du, dass es nicht gut gelaufen ist?“

„Wie kommst du darauf, dass ich das glaube?“ Der Schwindel in Nevadas Kopf wurde von Minute zu Minute stärker. Gut so. Doch als Jo den zweiten Drink brachte, trank sie trotzdem einen großen Schluck.

„Dass du um diese Tageszeit Alkohol trinkst, war ein erster Hinweis.“

Eine ausgebildete Psychologin zur Schwester zu haben ist ein zweischneidiges Schwert, dachte Nevada. „Ich will nicht darüber reden. Hätte ich das gewollt, wäre ich zu euch gekommen. Das bin ich aber nicht. Ich sitze hier und betrinke mich. Also lasst mich allein.“

Ihre Schwestern tauschten einen Blick. Wenn Nevada sich anstrengen würde, könnte sie vermutlich herausfinden, was die beiden dachten. Immerhin waren sie genetisch identisch. Aber das Einzige, was sie im Moment interessierte, waren die Gerüche, die aus Jos kleiner Küche drangen.

„Nevada“, fing Montana sanft an.

Mehr brauchte es nicht. Ein einziges Wort. Nevada schüttelte den Kopf. Warum konnte sie nicht wie andere Leute sein und ihre Familie hassen? Im Moment schien ihr eine tief greifende Entfremdung ein guter Plan zu sein.

„Okay“, murmelte sie. „Das Gespräch war nicht mit Mr Janack, also Elliot, dem Vater. Sondern mit Tucker.“

„Ist das der Typ, der vor Jahren mal mit Ethan befreundet gewesen ist?“, wollte Dakota wissen. Sie klang, als wenn sie sich nicht ganz sicher wäre. Was nur logisch war, wenn man bedachte, dass sie Tucker in der Vergangenheit nur ein einziges Mal begegnet war.

„Das verstehe ich nicht“, sagte Montana. „Hat er jetzt die Geschäftsleitung übernommen?“

„Ja, zumindest für dieses Projekt“, gab Nevada zurück, den Blick immer noch auf die Küchentür gerichtet.

„Warum ist das ein Problem?“, hakte Dakota nach.

Nevada begrub die Hoffnung, in naher Zukunft etwas zu essen zu bekommen, und schaute ihre Schwestern an. „Ich kenne Tucker. Als ich aufs College ging, hat Ethan mir gesagt, ich solle mich mal bei ihm melden. Was ich getan habe.“

„Okay.“ Montana klang verwirrt. „Aber ist es nicht gut, wenn ihr euch kennt?“

„Ich habe mit ihm geschlafen. Und wenn ich ehrlich bin, ist das nicht die beste Voraussetzung für ein Bewerbungsgespräch.“

Jo kam mit der Quesadilla und einigen Servietten. Sie stellte einen Kräutertee vor Dakota ab und eine Cola light vor Montana. Nachdem sie noch einen Korb mit Nachos und eine Schüssel mit Salsa in die Tischmitte gestellt hatte, ging sie wieder.

Nevada nahm ein Stück der Quesadilla und biss hinein, wobei es ihr gelang, die ungläubigen Blicke ihrer Schwestern vollkommen zu ignorieren.

„Aber nicht heute, oder?“, flüsterte Montana. „Du hast nicht heute mit ihm geschlafen?“

Nevada kaute zu Ende und schluckte. „Nein. Ich hatte während des Gesprächs keinen Sex mit ihm. Sondern vorher. Damals, auf dem College.“

Sie aß weiter, während ihre Schwestern sie erwartungsvoll anschauten. Montana hielt es als Erste nicht mehr aus.

„Was ist passiert?“, fragte sie. „Du hast uns nie davon erzählt.“

Nevada wischte sich die Finger an einer Serviette ab und nahm einen Schluck von ihrem Getränk. Der Rausch wurde langsam stärker, was es leichter machen würde, ihr Geheimnis preiszugeben.

„Als ich zum College fuhr, hat Ethan mich gebeten, mal nach Tucker zu sehen. Er hat in der Gegend gearbeitet.“

Obwohl sie und ihre Schwestern einander sehr nahestanden, hatten sie sich entschieden, auf unterschiedliche Colleges zu gehen. Die vier getrennt verbrachten Jahre hatten ihnen die Chance gegeben, ihre eigene Identität zu finden. Während es ihnen damals als gute Idee erschienen war, fragte sich Nevada jetzt, ob mit ihren Schwestern in der Nähe wohl alles besser gelaufen wäre.

„Ich war nicht sonderlich daran interessiert, Zeit mit einem Freund von Ethan zu verbringen“, fuhr sie fort. „Aber er bat mich inständig darum, also habe ich Tucker angerufen und ein Treffen mit ihm vereinbart.“

Sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sie den großen offenen Raum in dem Industriegebäude betreten hatte. Die Decke war vermutlich gute zehn Meter hoch gewesen, und durch die vielen Fenster war das Licht hereingeströmt. In der Mitte hatte ein riesiges Podest gestanden, und eine wunderschöne Frau hatte mit einem Schweißbrenner gearbeitet. Doch was Nevadas Aufmerksamkeit gefesselt hatte, war der Mann gewesen, der neben dem Podest gestanden hatte.

„Das war einer dieser Momente“, sagte sie und biss ein weiteres Stück von ihrer Quesadilla ab. „Ein Blick auf ihn, und ich habe mich Hals über Kopf verliebt. Ich hatte keine Chance.“

Montana beugte sich vor. „Das ist doch aber nicht schlecht, oder?“

„Wenn der fragliche Mann wie verrückt in eine andere Frau verliebt ist, schon. Er hatte eine Freundin.“ Wenn man Cat so einen schnöden Titel verleihen wollte. „Ich war verrückt nach ihm, und er war verrückt nach ihr, und sie wollte meine Freundin sein. Es war die Hölle.“

„Wer war sie?“, wollte Dakota wissen. „Auch eine Studentin?“

Nevada zuckte mit den Schultern. „Das ist nicht wichtig.“ Auf gar keinen Fall würde sie ihren Namen preisgeben. Es bestand die vage Möglichkeit, dass die beiden ihn kennen würden, und Nevada hatte keine Lust, über Cat zu sprechen.

„Ich habe ein paarmal Zeit mit den beiden verbracht“, sagte sie. „Dann ertrug ich es nicht mehr und habe mich zurückgezogen. Eines Abends hörte ich, dass sie Schluss gemacht hätten, und bin zu Tucker gegangen. Er war schwer betrunken, und wir hatten sehr schlechten Sex.“

Dass sie sich ihm förmlich an den Hals geworfen hatte, ließ sie wohlweislich unerwähnt. Und dass sie im Rückblick erstaunt war, dass er überhaupt gewusst hatte, dass sie es gewesen war. Immerhin hatte er während des entscheidenden Moments Cats Namen gerufen.

Sie seufzte. „Ich war ein Wrack. Die beiden sind wieder zusammengekommen, ich war am Boden zerstört, und das war‘s. Ich habe keinen von beiden jemals wiedergesehen. Bis heute.“

Da war noch so viel mehr. Die Tatsache, dass Tucker sich für Cat statt für sie entschieden hatte. Was eigentlich keine große Überraschung war. Cat war wunderschön und überlebensgroß, und beide waren schon länger zusammen gewesen. Trotzdem war Nevadas Herz gebrochen, und sie hatte sich zutiefst gedemütigt gefühlt. Außerdem war der Sex wirklich schlecht gewesen. So schlecht, dass sie beinahe drei Jahre gewartet hatte, bevor sie es riskieren wollte, noch einmal mit jemandem intim zu werden.

„Ich wollte den Job“, sagte sie und nahm ihr Glas in die Hand. „Ich wollte die Chance.“

„Du weißt doch gar nicht, ob er dich nicht doch anstellen wird“, tröstete Montana sie. „Du bist die beste Kandidatin für den Posten.“

„Ich glaube nicht, dass das der entscheidende Faktor ist.“

Dakota nippte an ihrem Tee. „War es schwer, ihn wiederzusehen?“

„Es war ein Schock. Ich hatte seinen Vater erwartet. Aber das meinst du nicht, oder?“

„Nein.“

Nevada überlegte eine Weile. „Ich bin über ihn hinweg. Es ist lange her, und ich war jung und dumm. Jetzt ist alles anders.“

„Keine verborgenen Gefühle mehr?“, hakte Dakota nach.

„Kein einziges.“

Nevada sprach so entschlossen, wie es eine leicht angetrunkene Person nur konnte. Und das Beste war, sie war sich ziemlich sicher, dass es nicht gelogen war.

2. KAPITEL

Tucker hatte sich nicht viele Gedanken über das kleinstädtische Amerika gemacht. Meistens führte ihn seine Arbeit an abgelegene Orte, wo Janack Construction für eine eigene Infrastruktur sorgen musste, um den Auftrag erledigen zu können. Ab und zu ging es auch an belebtere Plätze, die jedoch meistens bereits ziemlich verfallen waren. Er war den Anblick von bunten Schaufenstern und freundlichen Menschen, die auf sauberen Bürgersteigen dahinschlenderten, nicht gewohnt. In den zehn Minuten, die er vom Hotel in die Stadt gebraucht hatte, hatte man ihn mehrfach gegrüßt, ihm einen schönen Tag gewünscht, ihn gefragt, ob das Wetter denn noch schöner sein könnte, und zu guter Letzt war er noch von einem winzigen Pudel in einem rosafarbenen Pullover abgeschleckt worden.

Mit sechzehn war er schon einmal in Fool‘s Gold gewesen. Tuckers Mom war gestorben, als er noch ganz klein gewesen war, und so hatte sein Dad ihn immer auf die verschiedenen Baustellen mitgenommen. Er war auf der ganzen Welt aufgewachsen und hatte entweder örtliche Schulen besucht oder war von einem Privatlehrer unterrichtet worden. Sein Dad hatte sich Sorgen gemacht, dass er ohne gleichaltrige Kinder um sich herum nicht richtig sozialisiert würde, also wurde Tucker jeden Sommer in ein anderes Sommercamp in den USA geschickt. Ein Jahr war es das Spacecamp, im nächsten das Schauspielcamp. In dem Jahr, als er sechzehn wurde, hatte sein Vater ihn in ein Radfahrcamp geschickt, wo er Ethan Hendrix und Josh Golden kennengelernt hatte.

Sie hatten den ganzen Sommer zusammen verbracht. Josh und Ethan hatten das Radfahren sehr ernst genommen. Josh hatte später sogar richtig Karriere als Radrennfahrer gemacht. Tucker war ins Familienunternehmen eingestiegen und immer dorthin gereist, wo das nächste große Projekt wartete. Ethan war in Fool‘s Gold geblieben.

Tucker überquerte eine schmale Straße und sah das Firmenschild von Hendrix Construction. In der Schule hatte Ethan vorgehabt, aufs College zu gehen und dann so bald wie möglich aus Fool‘s Gold wegzuziehen. Er und Tucker hatten oft darüber gesprochen, dass Ethan bei Janack Construction anfangen könne. Sie hatten davon geträumt, einen Damm in Südamerika oder eine Brücke in Indien zu bauen. Doch dann war Ethans Vater gestorben und hatte Ethan die Verantwortung für den Familienbetrieb hinterlassen. Als ältestes von sechs Kindern und mit einer am Boden zerstörten Mutter hatte Ethan nicht viele Wahlmöglichkeiten gehabt.

Tucker öffnete die Tür zum Konstruktionsbüro und lächelte der Rezeptionistin zu, die hinter dem Empfangstresen saß. „Ich würde gerne zu Nevada“, sagte er.

Er war früh genug am Morgen gekommen, um sie noch abzufangen, bevor sie auf eine Baustelle fuhr, trotzdem erwartete er, gefragt zu werden, ob er einen Termin bei ihr habe. Doch die Rezeptionistin zeigte nur auf eine Tür im hinteren Bereich.

„Sie ist in ihrem Büro.“

„Danke.“

Er ging um ein paar leere Tische herum und klopfte an die offen stehende Tür.

Nevada stand mit dem Rücken zu ihm und holte gerade eine Akte aus einem Hängeordner. In der Sekunde, die sie brauchte, um sich umzudrehen, sah er, dass sie Jeans und T-Shirt trug statt des Anzugs vom Vortag. Schwere Arbeitsstiefel machten sie ein paar Zentimeter größer, sodass sie nun fast mit ihm auf Augenhöhe war. Sie war groß und schlank und hatte Kurven an genau den richtigen Stellen.

Attraktiv, dachte er abwesend. Sexy. Und das war sie damals auf dem College vermutlich auch schon gewesen. Er hatte es nur nicht bemerkt. Mit Cat zusammen zu sein war, wie in die Sonne zu schauen – man wurde blind für alles andere. Das Leben wäre ein ganzes Stück leichter gewesen, wenn er sich in jemand Normales wie Nevada verliebt hätte statt in Cat.

Nevada wirbelte zu ihm herum, und ihm fiel auf, dass sie kaum Make-up trug und sehr blass war.

„Guten Morgen.“

Sie blinzelte. „Vielleicht ist er das für dich.“

Ihre Augen waren rot und ein wenig geschwollen. Den Schatten darunter nach zu urteilen, hatte sie eine schwere Nacht hinter sich.

„Kater?“, fragte er leise.

„Ich will nicht darüber reden.“

Hatte sie sich seinetwegen betrunken? Tja, er hoffte es. Und sei es nur als Beweis dafür, dass ihre gestrige Begegnung sie genauso sehr aufgewühlt hatte wie ihn.

„Was immer du gerade denkst, hör damit auf“, sagte sie.

„Warum?“

„Du siehst zufrieden aus. Das nervt. Ehrlich gesagt solltest du gehen. Warum bist du überhaupt hier? Suchst du Ethan?“

„Nein, dich.“

Sie berührte ihre Stirn, als wolle sie den Schmerz wegreiben. „Ich wüsste nicht, warum.“

„Natürlich weißt du das.“

Trotz der dunklen Ringe und der Blässe war sie immer noch sehr attraktiv. Ihm gefiel eine Nevada in Jeans und T-Shirt besser als eine, die sich fürs Bewerbungsgespräch herausputzte.

„Ich möchte noch mal ganz von vorne anfangen“, erklärte er. „Also mit unserem Gespräch“, fügte er hinzu, nur für den Fall, dass sie glaubte, er würde vom Sex sprechen. Wobei er, sollte sich die Gelegenheit dazu ergeben, sich ihr zu beweisen, nicht Nein sagen würde.

„Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Du hast meinen Lebenslauf. Das muss reichen.“

„Du hast recht. Das tut es auch. Ich will dich als Bauleiterin einstellen.“

„Fahr zur Hölle.“

„Ist das ein ‚Ich werde darüber nachdenken‘?“

„Es ist ein ‚Fahr zur Hölle!‘. Ich bin nicht daran interessiert, manipuliert zu werden.“

„Warum sollte ich dich manipulieren wollen?“

„Du bietest mir den Posten nur an, weil ich gesagt habe, dass du lausig im Bett warst.“

Innerlich zuckte er zusammen und hoffte, dass man es ihm nicht anmerkte. „Das hier ist ein Projekt, das mehrere Zehnmillionen Dollar wert ist. Du glaubst, das würde ich wegen meines Egos aufs Spiel setzen?“ Er kam näher. „Du bist mehr als qualifiziert, was wichtig ist. Aber noch wichtiger ist, wie du gestern selbst gesagt hast, dass du aus dieser Stadt stammst. Du weißt, wie die Dinge hier gehandhabt werden. Du kannst uns helfen, Fehler zu vermeiden.“

Das war eine Lektion, die er mehr als einmal auf die harte Tour gelernt hatte. Auf die scheinbar unwichtigen Rituale und Erwartungen der Einheimischen zu achten konnte oft den Unterschied ausmachen, ob man im Zeitplan und Budget blieb oder alle Prognosen in den Wind schießen musste.

„Ich weiß, dass du die Stelle willst“, fuhr er fort. „Ansonsten hättest du dir gar nicht erst die Mühe gemacht, dich zu bewerben oder zu dem Vorstellungsgespräch zu kommen.“

„Das eigentlich mit deinem Vater hätte stattfinden sollen“, gab sie kurz angebunden zurück. „Nicht mit dir. Ich habe dich nie wiedersehen wollen.“

„Ich bin aber nun mal der Verantwortliche.“

„Genau. Weshalb es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn du mein Büro jetzt verlässt.“

Was Absagen anging, war das mehr als deutlich. Es gefiel ihm zwar nicht, aber er würde nicht anfangen zu betteln. Also nickte er nur und ging, immer noch verwirrt über Nevadas Reaktion. Er war schon halb über den Parkplatz, als ein Pick-up neben ihm anhielt.

„Das ist aber ein weiter Weg vom Amazonas hierher“, rief da jemand, dessen Stimme ihm bekannt vorkam.

Tucker sah Ethan aus dem Truck steigen und grinste.

„Was machst du hier?“, fragte Tucker.

Er und Ethan schüttelten einander die Hand und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.

„Ich leite den Laden“, sagte Ethan und zeigte auf das Firmenschild. „Wobei ich in letzter Zeit nur selten hier bin. Ich bin meistens drüben bei den Turbinen.“

Tucker wusste, dass sein Freund sich hauptsächlich dem Bau von Turbinen widmete. Windenergie war ein wachsender Markt, und Ethans Produkte waren sehr gefragt.

„Ich habe ein paar Namen für dich“, sagte Ethan und nahm eine abgegriffene Aktentasche vom Beifahrersitz. „Gute Jungs, die du dir vielleicht mal für deine neue Crew angucken willst. Ein paar von ihnen arbeiten für mich, aber ich würde sie gehen lassen. Wenn Nevada weg ist, wird es bei uns sowieso weniger Bautätigkeiten geben.“

„Nevada geht? Wohin denn?“

„Um für dich zu arbeiten.“ Ethan sah überrascht aus. „Ich weiß, dass sie sich beworben hat.“

„Das hat sie. Ich habe ihr auch gerade eine Stelle angeboten, aber sie hat abgelehnt.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Ethan. „Sie hat sich so über die Gelegenheit gefreut.“

„Ich wollte sie auch dabeihaben.“

Da muss noch irgendetwas anderes dahinterstecken, dachte Tucker. Es konnte nicht nur um die Vergangenheit gehen. Angenommen, was sie gesagt hatte, stimmte, dass ihr Zusammensein … nun ja, fürchterlich gewesen war. Aber das reichte doch nicht, um sie davon abzuhalten, für ihn zu arbeiten, oder? Er war ein guter Chef, nicht irgend so ein Armleuchter.

„Ich hatte vor, ihr ein Team aus meinen besten Leuten zusammenzustellen.“

Ethan runzelte die Stirn. „Lass mich noch mal mit ihr reden.“

Tucker schüttelte den Kopf. „Tu es nicht. Entweder will sie den Job oder eben nicht. Das muss ganz allein ihre Entscheidung sein.“

„Okay. Aber glaub ja nicht, dass du hier in der Stadt sein und mir aus dem Weg gehen kannst. Ich möchte, dass du heute zum Abendessen zu uns kommst. Dann lernst du Liz und die Kinder kennen und siehst mal, was dir mit deinem Nomadenleben alles entgeht.“

„Mir gefällt mein Nomadenleben.“

„Das liegt nur daran, dass du nicht so klug warst wie wir anderen.“

Nevada versuchte, das Hämmern in ihrem Kopf so gut wie möglich zu ignorieren. Sie hatte die Höchstmenge Aspirin genommen, die sie mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, und genug Wasser getrunken, um drei Fußballfelder zu gießen. Trotzdem wurde sie den Gedanken nicht los, dass es cleverer gewesen wäre, sich heute Morgen nach dem Aufwachen gleich zu erschießen.

Jo hat mich oft genug gewarnt, schalt sie sich. Die Wirtin war bei der Beschreibung der Folgen von so viel Alkoholkonsum für jemanden, der normalerweise nicht mehr als einen Drink zu sich nahm, nicht gerade zimperlich gewesen. Aber hatte sie auf Jo gehört? Natürlich nicht. Und jetzt bezahlte sie mit bohrenden Kopfschmerzen und einem wunden Körper, an dem ihr außer den Wimpern alles wehtat.

„Ich kann nicht glauben, dass du die Stelle ausgeschlagen hast.“

Die lauten Worte kamen unerwartet und ließen sie zusammenzucken. Schnell schaute sie auf und sah ihren Bruder in der Tür zu ihrem Büro stehen. Tucker hat den Platz nett ausgefüllt, dachte sie und erinnerte sich daran, wie gut er aussah und wie sehr sie das nervte.

„Ich will nicht darüber sprechen“, murmelte sie und fragte sich, wann der letzte Restalkohol sich wohl aus ihrem Körper verflüchtigen würde.

„Das wirst du aber müssen. Dieser Job ist genau das, was du gewollt hast. Du hast gesagt, du suchst eine Herausforderung. Tucker bietet dir genau das. Er glaubt, dass du eine Bereicherung für sein Team wärst.“

Ihren Schwestern zu erzählen, was damals geschehen war, war eine Sache. Aber mit ihrem Bruder darüber zu sprechen? Niemals!

„Ich bin nicht mehr interessiert.“

„Warum nicht? Ich verstehe das nicht. Hast du Angst?“

„Nein.“

„Was ist es dann?“

Ethan war ein großartiger großer Bruder. In der Schule hatte er ein Auge auf seine kleinen Schwestern gehabt und als Erwachsener seine eigenen Träume hintangestellt, um den Familienbetrieb zu übernehmen und seine jüngeren Geschwister durchs College zu bringen. Unter seiner Leitung war Hendrix Construction gewachsen, und er hatte zusätzlich die erfolgreiche Sparte mit den Windkrafträdern aufgebaut. Er war ein guter Mann.

Deshalb konnte sie ihm auch nichts über ihre schmutzige Vergangenheit mit Tucker erzählen. Ethan würde sich verpflichtet fühlen, etwas zu unternehmen, was die Situation nur noch komplizierter machen würde.

„Ethan, ich hab dich wirklich gern. Lass es gut sein.“

Er schaute sie lange an, dann zuckte er mit den Schultern.

„Tucker ist ein toller Kerl. Warum willst du nicht mit ihm arbeiten?“

„Darum nicht.“

„Du bist dumm, weißt du das?“

„Ja.“

„Okay. Es ist deine Entscheidung.“

Er verließ ihr Büro.

Nevada blieb allein zurück, ihr dröhnte der Kopf, ihre Gedanken kreisten um die Vergangenheit und die unglückselige Episode mit Tucker. Sie versuchte, sich mit Arbeit abzulenken, konnte aber nicht auf ihren Computermonitor schauen. Nicht mit diesen Kopfschmerzen. Sie fügte sich ins Unvermeidliche, meldete sich für den Tag ab und ging zu Fuß nach Hause.

Der Spätsommer am Fuß der Sierra Nevada war eine wunderschöne Jahreszeit. Fool‘s Gold lag auf knapp achthundert Metern. Gerade hoch genug, um alle vier Jahreszeiten zu haben, aber nicht so hoch, dass der Schnee bis zum Frühsommer liegen blieb. Im Osten ragten die zerklüfteten Bergkuppen auf, im Westen lagen die Weinberge und der Highway, der nach Sacramento führte.

Nevada entschied sich für einen etwas längeren Weg nach Hause, weil sie lieber durch die weniger belebten Straßen gehen wollte, wo sie weniger Gefahr lief, jemanden zu treffen und sich unterhalten zu müssen. Da sie sich fühlte wie von einem Lkw überfahren und außerdem das unbändige Bedürfnis hatte zu weinen, wollte sie einfach nur allein sein und keine Erwartungen erfüllen müssen.

Wie immer wurde ihr beim Anblick ihres Hauses sofort leichter ums Herz. Es war in den 1920er-Jahren von einem Mann gebaut worden, der alles Viktorianische liebte. Die zwei Stockwerke erhoben sich über die Nachbarhäuser – ein verspieltes Schätzchen zwischen modernen Bauten neueren Datums. Sie hatte es drei Jahre zuvor gekauft und selbst vom Keller bis zum Dachboden renoviert.

Das frühere rosafarbene Haus erstrahlte nun in einem gediegenen Grau mit gebrochen weißen Fenster- und Türrahmen. Es hatte an beiden Seiten einen Turm – in dem einen befand sich das große Badezimmer, der andere war Teil des Gästezimmers.

Das Erdgeschoss hatte sie in zwei kleine Wohnungen unterteilt, die sie an Collegestudenten vermietete. Dieses Jahr waren es zwei Jungen, die irgendetwas mit Computern machten. Sie wusste nicht genau, was, aber sie waren sehr ruhig und zahlten ihre Miete pünktlich, das reichte ihr.

Langsam stieg sie die Haupttreppe in den ersten Stock hinauf – zu ihrer großzügig geschnittenen zweistöckigen Wohnung. Nachdem sie ihr Wohnzimmer durchquert hatte, ging sie die kleinere Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo sich ihr Badezimmer befand.

Den Hauptteil ihres Budgets und ihrer Zeit hatte sie auf das Badezimmer und die Küche verwandt, und sie war stolz darauf, wie schön beide Räume geworden waren. Das Badezimmer war riesig, es hatte eine große Dusche und eine Badewanne auf Klauenfüßen. Die großen Milchglasfenster ließen viel Licht herein und wahrten doch gleichzeitig ihre Privatsphäre, und wenn sie sich in der Wanne ausstreckte, konnte sie den Kamin im Schlafzimmer sehen.

Mit immer noch dröhnendem Schädel stellte sie das heiße Wasser an und warf eine Handvoll Jasminbadeperlen in die Wanne. Innerhalb weniger Sekunden breitete sich der beruhigende Duft im Raum aus und sorgte zusammen mit dem Dampf dafür, dass Nevada anfing, sich zu entspannen.

Sie ging ins Badezimmer und zog ihre Stiefel aus, dann den Rest der Kleidung. Nachdem sie in ihren Bademantel geschlüpft war, kehrte sie ins Badezimmer zurück, um darauf zu warten, dass die Badewanne voll war.

Ohne Vorwarnung erinnerte sie sich an das erste Mal, als sie Tucker getroffen hatte. Sie war damals vielleicht zehn Jahre alt gewesen, und Ethan und Josh hatten ihn von ihrem Radfahrcamp mit nach Hause gebracht. Das Aufregendste an seinem Besuch war, dass sein Vater mit einem Privatjet einflog, um ihn abzuholen. Diese Tatsache fand sie damals weit faszinierender als Tucker selbst.

Acht Jahre später, als sie zu Hause auszog, um aufs College zu gehen, hatte Ethan sie gebeten, seinen alten Kumpel ausfindig zu machen. Pflichtbewusst hatte sie bei ihm angerufen und war überrascht gewesen, dass Tucker ganz begeistert von der Aussicht schien, sie wiederzusehen.

Er hatte ihr den Weg zu einem Industriegebiet in der Nähe des Flughafens von Los Angeles beschrieben. Sie erinnerte sich noch, wie überrascht sie gewesen war. Die Adresse gehörte zu einem Gebäude, das mindestens so groß war wie ein Flugzeughangar. Das Erste, was ihr auffiel, als sie aus ihrem kleinen Pick-up ausstieg, war die Musik. Hämmernder Rock, der die Fenster zum Klirren brachte.

Sie klopfte an die halb offen stehende Tür, doch niemand reagierte. Vermutlich weil niemand sie hörte. Sie drückte die Tür weiter auf und trat ein.

Die offene Fläche war riesig – bestimmt über neunhundert Quadratmeter mit irrsinnig hohen Decken. Große Fenster ließen die Sonne von L. A. in jeden Winkel strömen. Der Boden bestand aus Beton, und hier drin war die Musik noch lauter. Der Bass ließ ihren Brustkorb vibrieren.

Das Gerüst in der Mitte des Raumes erregte ihre Aufmerksamkeit. Es reichte beinahe bis zur Decke und war sehr ausgefeilt mit richtigen Laufflächen und Handläufen. Es umgab ein riesiges verdrehtes Stück Metall.

Das Stück schien sich in sich selbst hineinzudrehen und gleichzeitig nach oben auszustrecken. Während Nevada es anschaute, bekam sie den Eindruck, als wenn es von einer Explosion auseinandergerissen und danach hastig wieder zusammengesetzt worden wäre, ohne dass man dabei auf die richtige Reihenfolge geachtet hätte. Das Werk verströmte eine gewisse Tragik. Ein Gefühl des Verlusts.

Nach ein paar Sekunden fiel ihr eine Frau auf, die ziemlich weit oben auf dem Gerüst stand und von einem Funkenregen umgeben war. Aus der Ferne konnte Nevada nicht viel erkennen, außer dass sie groß und dünn war.

„Du hast es geschafft.“

Die Stimme kam von links. Nevada drehte sich um und sah Tucker. Nur war das nicht mehr der schlaksige Teenager, an den sie sich erinnerte. Dieser Mann war gut gebaut und attraktiv, er hatte ein einladendes Lächeln und Augen, in denen die Freude darüber aufblitzte, sie zu sehen. Die laute Musik, das seltsame Gebäude und das ungewöhnliche Kunstwerk verschwanden. Nevadas Sichtfeld verengte sich, bis es nur noch Tucker gab.

An Liebe auf den ersten Blick hatte Nevada noch nie geglaubt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es einem Menschen möglich war, einen Seelenverwandten sofort zu erkennen. Sie wusste nicht, wie es war, wenn es einem den Atem verschlug. Wie angewurzelt stand sie da, unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Sie konnte nur den Mann anstarren, von dem sie wusste, dass sie ihn für den Rest ihres Lebens lieben würde.

Er sagte etwas. Sie sah, dass seine Lippen sich bewegten, hörte aber keinen Ton. Er lachte, packte sie am Arm und zog sie mit sich nach draußen.

„Hallo“, begrüßte er sie, als sie auf dem Parkplatz standen. „Du hast es tatsächlich geschafft.“

„Ja, das habe ich.“

Er umarmte sie. Sein Körper war so warm. Sie wollte sich an ihn lehnen, sich in seiner Stärke und Hitze verlieren, doch er richtete sich viel zu schnell wieder auf. Sie war noch nicht bereit, ihn gehen zu lassen.

„Wie ist das College?“

„Gut. Ich finde mich langsam in meinen Kursen zurecht.“

„Und wie ist das Leben im Wohnheim?“

Er klang mehr wie ein Elternteil als wie ein Freund, aber sie nickte trotzdem. „Ganz gut.“

„Geht es Ethan auch gut?“

„Er kommt zurecht.“

Die Freude wich aus Tuckers Gesicht. „Das mit deinem Dad tut mir leid.“

„Danke.“

Ihr Vater war im Sommer überraschend gestorben und hatte die Familie geschockt und am Boden zerstört zurückgelassen. Obwohl Nevada und ihre Schwestern dagegen aufbegehrt hatten, in diesen Zeiten auszuziehen, um aufs College zu gehen, hatte ihre Mutter darauf bestanden. Ethan war der Einzige, der seine Träume auf Eis gelegt hatte, um das Familienunternehmen weiterzuführen.

„Es ist kompliziert“, sagte sie. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass er nie wiederkommt.“

Tucker legte einen Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel. „Ich würde dir gerne sagen, dass es im Laufe der Zeit besser wird, aber im Moment wären das für dich nur leere Worte, oder?“

„Ich weiß, irgendwann tut es nicht mehr so weh, aber im Moment ist es sehr schwer.“

Er schaute ihr in die Augen und ließ ihre innere Leere wie magisch mit dem Hintergrund verschwimmen. Er hatte immer noch den Arm um sie gelegt. Das gefiel ihr. Fühlte er es auch? Die Verbindung zwischen ihnen?

Zum ersten Mal wünschte sie sich, mehr Erfahrungen mit Männern zu haben. In der Highschool hatte sie keinen wirklichen Sinn in dem Ganzen gesehen. Es hatte zwar den einen oder anderen Jungen gegeben, aber einen festen Freund hatte sie nicht gehabt.

„Wollen wir zusammen mittagessen gehen?“, fragte er.

Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Okay, das war noch kein Date, aber nah dran. „Ja, gerne.“

„Gut.“ Er ließ den Arm sinken. „Ich frage nur kurz, ob Cat auch eine kleine Pause machen will.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie ist die typische Künstlerin. Ich weiß nie, wann sie auf mich losgeht, also sei nicht überrascht, wenn du gleich ein großes Geschrei hörst.“

Er schien die Aussicht eher anregend als nervend zu finden.

„Cat?“, fragte Nevada und dachte an die Schweißerin.

Aber Tucker war schon auf dem Weg zurück ins Gebäude.

Nevada ging zur Tür und schaute zu, wie er geschickt auf das Gerüst kletterte. Als er die Schweißerin erreichte, berührte er sie an der Schulter. Der Funkenregen hörte auf, und die Frau nahm ihre Schutzmaske ab.

Selbst quer durch das Gebäude hinweg erkannte Nevada, dass die Frau sehr schön war. Langes dunkles Haar fiel ihr in Wellen bis zur Mitte des Rückens. Sie hatte ein klassisch schönes Gesicht – große Augen, hohe Wangenknochen und volle Lippen. Sie zog ihren Overall aus und enthüllte ein bauchfreies T-Shirt und Shorts, lange perfekte Beine und eine so schmale Taille, wie man sie sonst nur von Models kannte.

Gemeinsam mit Tucker stieg sie vom Gerüst.

Wieder konnte Nevada sich nicht bewegen, aber dieses Mal war es nicht Tucker, der sie fesselte – es war das Bewusstsein, wie unwichtig sie selbst war. Die Frau war älter als sie und vermutlich auch ein paar Jahre älter als Tucker. Obwohl sie lässig gekleidet war, strahlte sie etwas Erhabenes aus. Sie war eine Frau, für die Männer Lieder schrieben, in den Krieg zogen, denen sie ewige Liebe schworen.

Als das Paar näher kam, wollte Nevada weglaufen. Doch sie zwang sich, stehen zu bleiben, wohl wissend, dass sie ansonsten über ihre eigenen Füße gestolpert wäre

„Du bist also eine Freundin von Tucker“, sagte die Frau leise und mit einem leichten Akzent. „Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen. Ich bin Caterina Stoicasescu.“ Sie streckte ihre lange feingliedrige Hand aus.

„Nevada Hendrix.“

Nevada schüttelte die erstaunlich starke, vernarbte Hand und versuchte, ihren Mund nicht offen stehen zu lassen. Ihr Blick glitt von der Frau zu der Statue und wieder zurück.

Caterina Stoicasescu? Den Namen kannte man sogar in Fool‘s Gold. Talentiert, begabt. Sie war als kleines Kind entdeckt worden. Noch bevor sie ein Teenager war. Ihre Skulpturen waren unbeschreiblich großartig. Nevada wusste, dass ihre Arbeiten auf der ganzen Welt ausgestellt wurden und Caterina nicht nur berühmt, sondern auch reich war.

„Du kommst aus einer Kleinstadt, ja?“, fragte Caterina.

„Fool‘s Gold. Das liegt am Fuße der Sierra Nevada. Es ist sehr hübsch. Idyllisch. Vermutlich kein Vergleich mit Ihrem Leben.“

Caterina lächelte. Ihre stechend grünen Augen waren mandelförmig und sehr exotisch. „Dann hast du also von mir gehört? Sehr schön.“

„Ich bin keine Expertin, aber ja, Ihre Arbeit …“ Sie zeigte auf die Skulptur. „Sie ist sehr schön.“

Caterina stellte sich neben Nevada, sodass beide das Werk betrachten konnten. „Sag mir, welche Gefühle weckt es in dir?“

Nevada schluckte. „Ich, äh … ich weiß nicht genau, worauf Sie hinauswollen.“

„Wenn du es anschaust, was denkst du dann? Was hast du gedacht, als du es zum ersten Mal gesehen hast?“

„Ich studiere Ingenieurwesen“, fing Nevada an und spürte, wie sie errötete. In der Hoffnung, dass er sie retten würde, warf sie Tucker einen Blick zu, doch er schaute sie gar nicht an. Er war völlig von der anderen Frau in den Bann gezogen.

„Du bist klug, das merke ich. Wie hast du dich gefühlt?“

Nevada schluckte. „Traurig. Als wenn etwas Schlimmes passiert wäre.“

Caterina warf die Hände in die Luft und drehte sich einmal im Kreis. „Ja. Das ist es.“ Sie packte Nevada an den Schultern und küsste sie auf beide Wangen. „Danke.“

Nevada blinzelte ein paarmal. „Gern geschehen, Ms Stoicasescu.“

„Cat, bitte. Alle meine Freunde nennen mich so.“ Sie hakte sich bei Nevada unter und zeigte auf das Metallstück. „Das ist das Ende des Krieges. Das wird zwar höchstwahrscheinlich nie passieren, aber ich habe es als Erinnerung an all den Schmerz gemacht, den wir alle fühlen. Ich hatte es nicht geplant. Das tue ich nie. Ich bin nur das Gefäß, durch das die Kunst in ...

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