Logo weiterlesen.de
Was nicht mehr im Duden steht

Inhalt

Einleitung

Einfach schön?

Die schönsten gestrichenen Wörter

Kleider machen Wörter

Mode und Textilien

Exportbier – Weckapparat – Meringentorte – Nationalspeise – Zugemüse – Nicotiana oder: Wie auch in der Kulinarik alles aufs Wunderlichste miteinander verbunden ist

Kulinarisches und Genussmittel

Endlich ein Sieger

Sport

Über Kodaker, Nuditätenschnüffler und Notizensammler

Schräge Typen

Was wir einmal vermissen werden

Familie und Alltag

Menschenrechte haben kein Geschlecht

Sozialgeschichte

Sex sells

Sexualität und Gesellschaft

»Die ganze Ästhetik in einer Nuß«

Kunst, Kultur, Religion

Die Diminutiv-Welt

Diminutive

Afrikanisches Viertel

Kolonialismus

Totalitärer Sprachgebrauch

Nationalsozialismus

In der Sprache vereint

Der Einheitsduden

Do you like Denglisch?

Wörter aus anderen Sprachen

Wie ein Nebelbild

Naturwissenschaften und Medizin

Das Fräulein vom Amt

Technik und Handwerk

Goldrausch

Wirtschaft

Ordonnanzwaffen, Henrystutzen und allerlei Kriegsgerät

Krieg, Frieden und Militärgeschichte

»Jedes Haus sollte ein Zimmer haben, um darin zu schimpfen«

Schimpfwörter

»Kein Trinkgeld, bediene Dich selbst, zwanglos, rasch und gut«

Gestrichene Wörter, die später wieder aufgenommen wurden

Auswahl wissenschaftlicher Literatur

Bildnachweis

Einleitung

Wie kommt ein Wort in den Duden? So lautet eine der uns am häufigsten gestellten Fragen, und täglich erreichen die Dudenredaktion Vorschläge für Neuaufnahmen. Das zeigt: Sprache lebt und entwickelt sich weiter – in keinem Bereich ist dies deutlicher zu spüren als im Wortschatz. Neue Wörter sind immer wieder Gesprächsthema, ob sie nun gesellschaftliche Entwicklungen, den Sprachgebrauch in den Medien, Fortschritte in Technik, Medizin und Naturwissenschaften oder Einflüsse aus anderen Sprachen spiegeln. In der Folge erfahren auch Neuaufnahmen in den Duden ein breites Presseecho.

Umgekehrt wurden und werden natürlich Wörter aus dem Duden gestrichen. Es sind diese Wörter, mit denen sich das vorliegende Buch beschäftigt. Wichtig zu wissen: Wenn hier von aus dem Duden gestrichenen Wörtern die Rede ist, dann ist immer der Rechtschreibduden gemeint. Denn er ist es, den die meisten Menschen mit der Marke Duden verbinden und der auf die längste Tradition zurückblicken kann.

Für die Suche nach Neuaufnahmen ist unser wichtigstes Arbeitsinstrument heute das »Dudenkorpus«, eine elektronische Sammlung von mittlerweile über 4,5 Milliarden Wortformen aus Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, aber auch Romanen und sogenannten »Gebrauchstexten« wie z. B. Bastelanleitungen. Computerlinguisten überprüfen in regelmäßigen Abständen, welche Wörter dort mit einer bestimmten Häufigkeit, über einen längeren Zeitraum hinweg und in verschiedenen Textsorten (z. B. Zeitschriftenartikel, Romane, Fachtexte) vorkommen. Die Entscheidung, welche Wörter in eine Neuauflage aufgenommen werden, trifft die Redaktion dann nach gemeinsamer Diskussion. Auch wenn das »Dudenkorpus« die Möglichkeiten unserer Wörterbucharbeit revolutioniert hat, war schon vor dem digitalen Zeitalter der Gebrauch eines Wortes entscheidend für seine Aufnahme: In einer Sprachkartei – auf Papierzetteln also – sammelte die Dudenredaktion schriftliche Belege aus verschiedenen Textsorten und wertete sie in ihrer lexikografischen Arbeit aus.

Während sich die Verbreitung neuer Wörter also direkt »beobachten« lässt, gilt dies für typische »Streichkandidaten« gerade nicht. Wörter fallen beispielsweise aus dem Duden, wenn sie außer Gebrauch geraten, weil sie durch andere Wörter verdrängt werden, z. B. Hundswut für »Tollwut« (gestrichen aus der 20. Auflage von 1991, im Folgenden: 20/1991), verschimpfieren für »beschimpfen« oder Cochonnerie für »Schweinerei« (beide 25/2009). Bevor sie gestrichen werden, erhalten solche Wörter oft Markierungen wie »veraltend« bzw. »veraltet«. Mit dem Hinweis »veraltet« finden Sie einen guten Teil von ihnen übrigens noch heute in unserem (umfangreicheren) Online-Wörterbuch.

In anderen Fällen werden Wörter gestrichen, wenn es die von ihnen bezeichneten Sachen oder Sachverhalte so nicht mehr gibt. Das gilt beispielsweise für den Runabout (11/1934), eines der ersten Elektroautos, oder das Deutsche Reichs-Gebrauchsmuster (14/1954 West, 14/1951 Ost). Wenn solche Wörter beibehalten werden – wie Interzonenverkehr, Fünfzigpfennigstück, Jugoslawien oder Morgengabe – kennzeichnen wir sie mit der Angabe »früher«.

Andere Streichungen muten heute eher willkürlich an. Redaktionsprotokolle, die uns über die Beweggründe Auskunft geben könnten, sind leider nicht überliefert. Zuweilen dürften Nachträge oder Korrekturen »in letzter Minute« – wenn das Layout der Seiten schon steht – zu Streichungen geführt haben: Denn wenn solche Korrekturen Zeilen kosten, muss an anderer Stelle Platz gewonnen werden. Diese Streichungen sind dann nicht inhaltlich motiviert und werden ggf. in einer kommenden Auflage wieder zurückgenommen.

Weit seltener als Vorschläge für Neuaufnahmen erreichen die Dudenredaktion Zuschriften, in denen die Streichung eines Wortes angeregt wird. Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang vor Sprachverfall gewarnt und gefordert, weniger Anglizismen aufzunehmen bzw. vorhandene zu streichen. Solche Forderungen sind so alt wie der Duden selbst und Analysen zur Haltung der Dudenredaktion(en) in dieser Frage finden sich beispielsweise bei Wolfgang Werner Sauer und bei Ulrich Busse. In anderen Fällen wird gefordert, (als solche im Duden gekennzeichnete) derbe, abwertende oder gar diskriminierende Ausdrücke zu streichen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Der Duden bildet den Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache ab. Den häufigen Gebrauch eines Wortes dokumentiert die Dudenredaktion, ohne ihm damit aber einen »Ritterschlag« zu verleihen; eine Empfehlung zu seiner Benutzung stellt die Aufnahme in den Duden keinesfalls dar. Unsere Einschätzung dazu, ob und in welchem Kontext es angemessen ist, bringen wir in vielen Fällen über Hinweise zum Gebrauch zum Ausdruck.

Wie viele Wörter werden aus jeder Auflage gestrichen? Das lässt sich so pauschal kaum sagen. Einen großen Einfluss hat die Frage, ob die jeweilige Auflage an Umfang zunehmen darf. Wenn nicht, muss für die Aufnahme neuer Wörter eine ähnliche Zahl von Wörtern gestrichen werden. Hat man die bislang 27 Auflagen im Blick, wird aber schnell deutlich: Den Neuaufnahmen stehen in Summe weit weniger Streichungen gegenüber. So enthielt der »Urduden« von 1880 gerade mal rund 27 000 Einträge. Bis heute ist die Zahl der Stichwörter auf das rund 5,4-Fache angestiegen: auf 145000 in der aktuellen, 27. Auflage. Naturgemäß wurden aus den ersten Auflagen nur sehr wenige Wörter gestrichen, denn sie waren ja gerade erst zusammengestellt worden.

Auch heute ist die Arbeit der Dudenredaktion prinzipiell von einer »bewahrenden Grundhaltung« geprägt. Je nach Wörterbuch legen wir allerdings unterschiedliche Kriterien für Streichungen an: Ein Rechtschreibwörterbuch ist ein Wörterbuch, das seinen Hauptnutzen beim aktiven Sprachgebrauch verspricht, beim Verfassen von Texten also. Wörter, die außer Gebrauch geraten sind, wird der Nutzer daher vermutlich selten nachschlagen. Ganz anders bei Wörterbüchern, die ausführliche Bedeutungsangaben zeigen, allen voran unser »Universalwörterbuch« und Duden online: Bedeutungswörterbücher werden typischerweise auch zum besseren Verständnis eines Textes herangezogen, und die Bedeutung eines weniger gebrauchten Wortes zu erfahren, ist hier ein ganz typischer Verwendungszweck. In einem Online-Wörterbuch schließlich fällt auch das Argument der Platzbeschränkung fort.

Aber zurück zum Rechtschreibduden und zu einem kurzen Abriss seiner Geschichte:

Die 1. Auflage des Dudens erschien im Jahr 1880 unter dem Titel »Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache« beim Verlag Bibliographisches Institut in Leipzig. Der Hersfelder Gymnasialdirektor Dr. Konrad Duden verhalf mit diesem Rechtschreibwörterbuch der preußischen Schulorthografie von 1876 zum sprachraumweiten Durchbruch. Damit legte er die Grundlagen der deutschen Einheitsorthografie. Mit der 7. Auflage von 1902 wurden die Ergebnisse der II. Orthographischen Konferenz (Berlin 1901) im Wörterbuch umgesetzt, um die erstmals für den gesamten deutschen Sprachraum amtlich geregelte Rechtschreibung zu verbreiten. Der Verlag stellte Konrad Duden hierzu Mitarbeiter an die Seite: die Dudenredaktion.

Bis zu Konrad Dudens Tod 1911 erschienen insgesamt 8 Auflagen, ab der 9. Auflage (1915) zeichneten andere Herausgeber verantwortlich. Einher ging dieser Wechsel mit einer Neukonzeption: Die Zahl der Stichwörter wurde deutlich erhöht, indem beispielsweise viel systematischer als vorher Ableitungen zu Wörtern gezeigt wurden, z.B. auf -heit, -ung und -lein, sowie substantivische Zusammensetzungen.

Die 11. Auflage von 1934 und die 12. Auflage von 1941 enthielten zahlreiche vom Nationalsozialismus geprägte Stichwörter und Bedeutungsangaben. In der 13. Auflage wurde der Duden davon bereinigt – betroffen davon waren nach Hochrechnungen Wolfgang Werner Sauers rund 5% aller Stichwörter. Diese erste Nachkriegsauflage erschien 1947 in Leipzig; ein Lizenznehmer vertrieb sie dann in den drei westlichen Besatzungszonen bzw. der Bundesrepublik.

Mit der 14. Auflage begann die Teilung in einen West- und einen Ost-Duden. Diese Parallelausgaben des Dudens trugen daher die gleichen Auflagenzahlen: In Westdeutschland (am Verlagssitz Mannheim) waren es insgesamt sechs, in Ostdeutschland (am bisherigen Verlagssitz Leipzig) fünf Auflagen. Während es in rechtschreiblichen Fragen so gut wie keine Unterschiede gab, wichen die Auflagen im verzeichneten Wortschatz durchaus voneinander ab. Und dies auch quantitativ: Gegenüber der letzten gemeinsamen Auflage war die Stichwortanzahl in der 14. Auflage des DDR-Dudens fast halbiert, um danach wieder an den letzten Stand anzuschließen. Während die DDR-Duden in ihrer Stichwortanzahl ab dann recht konstant blieben, nahm die BRD-Ausgabe stark an Umfang zu – eine Entscheidung, die vor allem mit der stärkeren Konkurrenz auf dem westdeutschen Markt zu tun hatte.

Der »Einheitsduden«, die 20. Auflage von 1991, beendete die Zeit der Parallelausgaben. Die 21. Auflage zog insbesondere durch die Umsetzung der Rechtschreibreform Aufmerksamkeit auf sich, die 24. Auflage durch die Einführung der Duden-Empfehlungen bei Schreibvarianten. Die Stichwortanzahl nahm bis zur 27. Auflage weiter erheblich zu.

So weit in aller Kürze – einen Überblick über die verschiedenen Auflagen finden Sie im Anschluss an diese Einleitung.

Der Lauf der Geschichte, von 1880 bis heute, hat deutliche Spuren im Duden hinterlassen, auch bei den gestrichenen Wörtern. Man denke nur an so unterschiedliche historische Einschnitte wie das Ende des Kaiserreichs, das Ende des Nationalsozialismus oder das Ende der deutschen Teilung. Wie allerdings oben schon angedeutet: Das Ende einer historischen Epoche führt nicht zwangsläufig dazu, dass alle mit ihr verbundenen Wörter gestrichen würden. Das Dilemma der Auswahl beschrieb der damalige Herausgeber Theodor Matthias im Vorwort zur 10. Auflage von 1929 – ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn der Weimarer Republik – wie folgt:

[D]ie Ausdrucksformen, in denen sich staatliches deutsches Leben unter der monarchischen Verfassung sprachlich dargestellt hat, [konnten] nicht schlechthin ausgemerzt werden; braucht sie doch ebenso die einfachste geschichtliche Darstellung wie die gegen die alten Verhältnisse eingestellte Satire.

In einer wiederum ganz anderen Situation befand sich die Dudenredaktion mit dem Ende der DDR und dem ersten Einheitsduden nach der langen Teilung in einen Ost- und einen Westduden. Hier formulierten die Herausgeber der 20. Auflage von 1991 in ihrem Vorwort:

Es wurden aber nicht nur Neuwörter erfaßt, sondern auch Wörter bewahrt, die in der DDR gebräuchlich waren und die für das Verständnis der jüngeren Vergangenheit von Bedeutung sind.

Unsere Essays geben auch kurze Einblicke in Fragen dieser Art. Für vertiefte Betrachtungen empfehlen wir Ihnen die Literaturhinweise, die wir am Ende dieses Buches zusammengestellt haben.

Wer bei der Durchsicht gestrichener Wörter eine Vielzahl von Eigennamen erwartet, anhand deren sich die Geschichte nachzeichnen lässt, wird übrigens enttäuscht. Der Duden ist kein Lexikon; eine systematische Aufnahme von bedeutsamen Persönlichkeiten, Institutionen, Orten oder Ereignissen ist nicht beabsichtigt. Bezeichnend ist eine Entscheidung, die die Leipziger Dudenredaktion im Vorwort ihrer 17. Auflage (1976) mitteilt:

Gestrichen sind die bisher im Wörterverzeichnis enthaltenen Namen von Persönlichkeiten, weil es im Rahmen dieses Werkes nicht möglich ist, eine auch nur annähernd angemessene Auswahl zu bedenken; für solche Namen empfiehlt sich das Nachschlagen in einem Lexikon. Rechtschreiblich schwierige und gebräuchliche Ableitungen von diesen Namen sind im Wörterverzeichnis verblieben, ebenso die mythologischen Namen und die historischen Geschlechternamen.

Einige Eigennamen enthält der Duden aber auch heute noch, und vereinzelt wird in diesem Band aber auch von gestrichenen Eigennamen die Rede sein, beispielsweise von Ortsnamen nach dem Ende der deutschen Kolonialgeschichte.

Wie sind wir bei der Konzeption dieses Buches vorgegangen? Es liegt auf der Hand: Von vollständigen Listen neu aufgenommener und gestrichener Wörter von 1880 bis heute können wir nur träumen. Aus der Durchsicht wissenschaftlicher Fachliteratur – so beispielsweise der Dissertationen von Ulrich Busse und Werner Schöneck – haben wir einen ersten Grundstock an gestrichenen Wörtern gewonnen. In monatelanger Arbeit haben studentische Hilfskräfte uns anschließend dabei unterstützt, die so begonnenen Listen zu erweitern und die Wörter in thematischen Einheiten zu gruppieren.

Wichtig war dabei, zu präzisieren, was genau wir unter »gestrichenen Wörtern« verstehen: nämlich solche Stichwörter, die gänzlich gestrichen wurden. Wir berücksichtigen also beispielsweise nicht solche Fälle, in denen eine (in der Form oder der Rechtschreibung) leicht veränderte Variante an die Stelle einer anderen trat. So wurde Nachmittagstunde in der 10. Auflage (1929) durch Nachmittagsstunde – mit Fugen-s – ersetzt und blieb in dieser Form bis heute im Duden. Nach der Rechtschreibreform wurde in der 21. Auflage von 1996 das ß in Wörtern wie Kuß bekanntlich durch ss (Kuss) ersetzt. Auch wenn eine Variante von mehreren wegfiel, beispielsweise die Rechtschreibvariante Ketschup in der 27. Auflage (2017), ist dies für den vorliegenden Band nicht von Interesse.

Anders dagegen bei sogenannten »Homonymen«, Wörtern, die trotz identischer Schreibung als separate Einträge im Wörterverzeichnis vorhanden sind: Ihre jeweiligen Bedeutungen sind zu verschieden, um sie als Bedeutungen ein und desselben Wortes darzustellen, teils ist auch ihre Herkunft unterschiedlich. (Variiert zudem die Aussprache, spricht man übrigens von »Homografen«.) Ein Beispiel für ein gestrichenes Wort, zu dem ein Homonym im Duden verblieben ist, ist Napoleon, bis zur 13. Auflage zum einen als »Kaiser der Franzosen« und zum anderen als »Münze« verzeichnet, danach im West-Duden nur noch der erste Eintrag. Das Wort twisten fiel in der Bedeutung »Garn spulen« aus der 11. Auflage von 1934 heraus, während twisten im Sinne von »Twist tanzen« Neuaufnahme in der 16. Auflage (West) von 1967 war.

Berücksichtigt haben wir auch Fälle, in denen ein Wort aus einer anderen Sprache aus dem Duden herausfiel, während seine deutsche Entsprechung bis heute als eigener Eintrag geblieben ist. So im Falle von Table-tennis, das in der 10. Auflage (1929) gestrichen wurde, während gleichzeitig Tischtennis Eingang fand. Oder Bluestocking, gleichfalls gestrichen aus der 10. Auflage (1929), während Blaustrumpf (veraltend scherzhaft für »intellektuelle Frau«) bis heute im Duden steht.

Nicht berücksichtigt werden dagegen Streichungen oder Änderungen in erklärenden Zusätzen oder Verwendungsbeispielen.

Vielleicht werden Sie sich wundern, dass unsere Wörterlisten vor allem Substantive enthalten. Natürlich werden und wurden auch Wörter anderer Wortarten gestrichen, aber sie sind im Ganzen im Duden weniger stark repräsentiert. (In der 27. Auflage sind es beispielsweise 74,5 % Substantive, 13,6 % Adjektive und 10 % Verben.)

Alle gestrichenen Wörter zeigen wir Ihnen in exakt der Schreibweise, in der sie zuletzt im Duden verzeichnet waren. Auch bei allen Zitaten in diesem Buch behalten wir die originale Schreibung bei – bei älteren Zitaten beispielsweise betheiligt oder Genuß, insbesondere bei Zitaten aus dem Internet auch fehlerhafte Schreibungen.

Genug der Vorrede.

Uns schienen es viele der gestrichenen Wörter wert, Geschichten über sie und ihre kulturhistorische Verortung aufzuschreiben. Wir haben den Lektor und Verleger Peter Graf gebeten, diese Geschichten zu erzählen. In den über 20 Jahren seiner Berufstätigkeit hat er unzählige Publikationen, so Kunst- und Fotobücher, Sachbücher und Belletristik betreut und verlegt, und viele von ihnen sind Bestseller geworden oder haben Preise erhalten. Besonders neugierig auf seine Art, sich unserem Thema zu nähern, sind wir aber geworden, nachdem er den Band »Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch« vorgelegt hat.

Mit zwanzig Essays nimmt er Sie nun mit auf eine Entdeckungsreise in die Welt der gestrichenen Wörter. Einige Themenbereiche lagen von Anfang an auf der Hand: zu Mode, Sport, Technik, Wirtschaft oder dem Einheitsduden etwa. Auf andere ist der Autor beim Stöbern gestoßen: zu besonders schönen Wörtern, zu Bezeichnungen für »schräge Typen«, zu kuriosen Verkleinerungsformen oder Schimpfwörtern. Auch den Wörtern mit wechselvoller Geschichte – die nach einer Unterbrechung bis heute im Duden stehen – ist ein eigener Essay gewidmet, der letzte in der Reihe.

In Anhängen zu den Essays haben wir für Sie weitere, thematisch verwandte Wörter zusammengestellt und ihre Bedeutung erklärt, wo wir dies für nötig hielten. Teils lehnen sich diese Erklärungen an solche an, die im Duden vor ihrer Streichung vorhanden waren. Die meisten aber haben wir selbst hinzugefügt. Die Jahreszahl kennzeichnet immer die endgültige Streichung aus dem Duden; einige Wörter waren auch zuvor bereits zeitweise gestrichen worden. Die Auflagen aus der Zeit der Teilung werden durchgängig mit »West« (w) und »Ost« (o) gekennzeichnet. Erinnert sei an die massiven Streichungen in der 14. Auflage des Ost-Dudens; sehr viele Wörter erscheinen erst in der 15. Auflage wieder. Wenn ein Wort in der jeweils anderen Ausgabe immer bzw. nie verzeichnet war, so ist dies mit »immer v.« bzw. »nie v.« angegeben. Ein Stern(*) nach »immer v.°« deutet an, dass dies mit Ausnahme der 14. Auflage gilt.

In dem 2010 an der Oper »La Fenice« in Venedig uraufgeführten ludodramma »Il killer di parole« (»Der Wörtermörder«) ist der Protagonist ein mit der Streichung von Wörtern beauftragter Wörterbuchredakteur. Für den deutschen Sprachraum ist uns ein derartiges Stück nicht bekannt, Stoff gäbe es allemal genug.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

Die Dudenredaktion

Dudenauflagen im Überblick

Die folgende Übersicht zeigt die bisherigen Dudenauflagen und die Jahreszahl ihres Erstdrucks:

1. Auflage

 

1880

2. Auflage1

 

1882

3. Auflage

 

1887

4. Auflage

 

1893

5. Auflage

 

1897

6. Auflage

 

1900

7. Auflage

 

1902

8. Auflage

 

1905

9. Auflage

 

1915

10. Auflage

 

1929

11. Auflage

 

1934

12. Auflage

 

1941

13. Auflage

 

1947

14. Auflage

BRD

1954

 

DDR

1951

15. Auflage

BRD

1961

 

DDR

1957

16. Auflage

BRD

1967

 

DDR

1967

17. Auflage

BRD

1973

 

DDR

1976

18. Auflage

BRD

1980

 

DDR

1985

19. Auflage

BRD

1986

20. Auflage

 

1991

21. Auflage

 

1996

22. Auflage

 

2000

23. Auflage

 

2004

24. Auflage

 

2006

25. Auflage

 

2009

26. Auflage

 

2013

27. Auflage

 

2017

1 Ein Belegexemplar der 2. Auflage hat sich bis heute nicht gefunden. Man hält es für möglich, dass im Nachhinein ein Nachdruck der ersten Auflage als zweite gezählt wurde.

Einfach schön?

Honigseim

Die schönsten gestrichenen Wörter

Im Reich von Kaiser Karl V. ging die Sonne bekanntlich nie unter, denn zu den seiner Krone unterstellten Gebieten gehörten nicht nur große Teile Europas, sondern auch überseeische Besitzungen in Amerika, Asien und Afrika. Und so war Karl V. durch Gottes Gnaden erwählter »Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, in Germanien, zu Spanien, beider Sizilien, Jerusalem, Ungarn, Dalmatien, Kroatien, der Balearen, der kanarischen und indianischen Inseln sowie des Festlands jenseits des Ozeans König«, aber auch »Erzherzog von Österreich, Herzog von Burgund, Brabant, Steyr, Kärnten, Krain, Luxemburg, Limburg, Athen und Patras, Graf von Habsburg, Flandern, Tirol, Pfalzgraf von Burgund, Hennegau, Pfirt, Roussillon, Landgraf im Elsass, Fürst in Schwaben, Herr in Asien und Afrika« und Oberhaupt einer Handvoll weiterer Landstriche.

Ich habe keine gesicherten Angaben über die Anzahl der in seinem Riesenreich gesprochenen Sprachen und Dialekte gefunden. Sicher waren es Hunderte, vielleicht sogar Tausende. Er selbst sprach Italienisch, Spanisch, Englisch, Flammändisch (heute Flämisch), Französisch und Deutsch. Und er wies diesen Sprachen unterschiedlichen Nutzen zu. Von ihm ist das Bonmot überliefert: »Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch zu meinem Pferd.«

Nun sind Pferde, wie wir noch sehen werden, die besseren Menschen, aber es ist offensichtlich, dass der deutschen Sprache bereits damals, wir schreiben in etwa das Jahr 1535, eine gewisse Schwerfälligkeit unterstellt wird. Und tatsächlich ist ihr Klang ob der vielen verwendeten Konsonanten bis heute eher hart. Und eine weitere Besonderheit des Deutschen, die diesen Eindruck insbesondere für fremde Ohren noch unterstreicht, sind die sogenannten Knacklaute, die bei der Aussprache von Wörtern entstehen, die im Anlaut einen Vokal aufweisen. Aber fehlt der deutschen Sprache – wie Karl V. es uns nahezulegen versucht – nicht nur jeder Wohlklang, sondern ist sie zudem auch gefühlskalt und deshalb dem Übersinnlichen abhold, und erst recht für die Liebe ungeeignet? Nun ja, auch dazu kommen wir noch, immerhin hielt er sie für präzise, man kann mit ihr Befehle bellen, und Landsknechte wie Ingenieure schätzen sie gleichermaßen. Aber, und das ist tröstlich, sie erfuhr und erfährt auch von Menschen anderer Muttersprachen Zuspruch. Für Jonathan Swift hatte ihr Klang offenbar etwas Wahrhaftiges: Als Gulliver, der Held von Swifts satirischem Roman »Gullivers Reisen«, im Land der Houyhnhnms den Pferden begegnet, registriert er überrascht, dass die Tiere die Sprache nicht zum Lügen gebrauchen, sondern ausschließlich dafür, sich zu verstehen und gegenseitig zu belehren: »Von allen europäischen Sprachen, die ich kenne, nähert sich die ihre am meisten dem Deutschen an; doch ist sie anmutiger und bezeichnender.« Und andere gingen sogar noch weiter. Allen voran der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges, von dem in so überaus schmeichelhaften Worten geschrieben ein »Lob der deutschen Sprache« überliefert ist.

Das Verhältnis zur eigenen Sprache, insbesondere zur deutschen, ist für uns, die nach den Schrecken der beiden Weltkriege und der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten geboren wurden, mitunter kompliziert, und man freut sich auch deshalb über Zuspruch von außen wie über ein Kompliment, das an einen selbst gerichtet ist. Zu Zeiten der Weimarer Klassik war man da weitaus selbstbewusster. Ludwig Börne, Sohn orthodoxer Juden aus Frankfurt am Main und einer der schillerndsten Publizisten seiner Zeit, fragte suggestiv: »Welche Sprache darf sich mit der deutschen messen, welche andere ist so reich und mächtig, so mutig und anmutig, so schön und mild als unsere?«

Also was nun? Mag sich ein jeder aus der Flut der mannigfachen und subjektiven Geschmacksempfindungen sein Becherchen Wahrheit schöpfen. Oder sich anhand von einigen der in den zurückliegenden fast 140 Jahren aus den 27 Auflagen des Dudens gestrichenen Wörtern selbst ein Bild machen. Auch dies ist allerdings eine sehr reduzierte und subjektive Blütenlese. Von allen aus dem Duden gefallenen Wörtern gefallen mir diese am besten:

einpaschen Dampfbeiboot naszieren Nobelgarde Afterweisheit beleibzüchtigen Flugmaschine nonen verballasten Nachmittagsruhe Nachmittagssonne kuranzen Nachhausekunft boisieren dankbarlich Nachgenuß Nirgendland rauschelig schabernackisch zerknallbar zersorgen vermannigfachen e-Moll-Arie Hutgerechtigkeit nachdenksam Nachschimmer Empfindelei beauflagen fuchsschwänzeln neunmalweise Honigseim verschimpfieren

Auflage /

Eine Auswahl
gestrichener Wörter

Jahr

 

9/1915

einpaschen einschmuggeln

10/1929

Dampfbeiboot

10/1929

naszieren geboren werden

10/1929

Nobelgarde aus Adligen gebildete päpstliche Ehrenwache

11/1934

Afterweisheit Schein-, Pseudoweisheit

11/1934

beleibzüchtigen mit einer Leibzucht, -rente versorgen

11/1934

Flugmaschine Luftfahrzeug

11/1934

nonen Mittagsruhe halten

11/1934

verballasten ein Schiff mit Ballast versehen

12/1941

Nachmittagsruhe

12/1941

Nachmittagssonne

14/1954w

18/1985° kuranzen mundartlich für: bedrängen, schikanieren

14/1954w

14/1951° Nachhausekunft Heimkunft

15/1961w

16/1967° boisieren täfeln, mit Holz bekleiden

15/1961w

18/1985° dankbarlich

15/1961w

14/1951° Nachgenuß das Gefühl nach dem Genuss

15/1961w

immer v.°* Nirgendland für: Utopien

15/1961w

18/1985° rauschelig rauschend

15/1961w

16/1967° schabernackisch

15/1961w

18/1985° zerknallbar

15/1961w

18/1985° zersorgen sich mit Sorgen quälen

16/1967w

18/1985° vermannigfachen

17/1973w

14/1951° e-Moll-Arie

18/1980w

18/1985° Hutgerechtigkeit Recht, sein Vieh an einer bestimmten Stelle hüten zu lassen

18/1980w

14/1951° nachdenksam

18/1980w

14/1951o Nachschimmer bleibender Schimmer

19/1986w

18/1985° Empfindelei Rührseligkeit, Sentimentalität

20/1991

beauflagen DDR: einer Person, einem Betrieb u. Ä. eine Pflichtleistung auferlegen

20/1991

fuchsschwänzeln schmeicheln; jemandem nach dem Mund reden

20/1991

neunmalweise neunmalklug

22/2000

Honigseim ungeläuterter Honig, wie er aus den Waben abfließt

25/2009

verschimpfieren beschimpfen, verunglimpfen

Kleider machen Wörter

Überschwupper

Mode und Textilien

»Es gehört«, so steht es im 1982 erschienenen »Handbuch der Phraseologie«, »auch zu den sprachlichen Charakteristika des Bürgertums, daß es salopp-umgangssprachliche Phraseologismen meidet oder nur mit entschuldigender Relativierung verwendet.« Als Beispiel dient den Autoren des Handbuchs die Wendung alles Jacke wie Hose oder, genauer gesagt, ein Fontane-Zitat. Es stammt aus seinem Roman »L’Adultera«. Die Hose am Ende der von Fontane in den Satz eingebauten Wendung alles Jacke wie Hose ist durch drei Auslassungspunkte ersetzt. Sie verweisen ironisch darauf, dass sich die Verwendung des Wortes damals in besseren Kreisen nicht schickte. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich als Ersatz dafür der Ausdruck die Unaussprechlichen eingebürgert, abgeleitet von dem englischen the inexpressibles. Eingang in den Duden fanden die Inexpressibles in der 9. Auflage von 1915, gestrichen wurden sie in der 11.Auflage von 1934. »Meyers Großes Konversations-Lexikon« von 1907 erklärt dazu:

Inexpressibles (engl., die Unaussprechlichen), in England übliche Benennung der Beinkleider, nicht weil man in dem Begriff der Hosen an und für sich etwas Unanständiges findet, sondern weil das englische Wort dafür (breeches) in der Einzahl Steiß bedeutet.

Die Prüderie der Engländer führte also zu einer Wortneubildung, die der anscheinend noch größeren Prüderie des Bürgertums in Deutschland half, das noch Unaussprechlichere zu maskieren. In Stefan Zweigs »Die Welt von Gestern« liest sich das so:

Vielleicht wird man heute noch verstehen, daß es in jener Zeit als Verbrechen gegolten, wenn eine Frau bei Sport oder Spiel eine Hose angelegt hätte. Aber wie die hysterische Prüderie begreiflich machen, daß eine Dame das Wort Hose damals überhaupt nicht über die Lippen bringen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Was nicht mehr im Duden steht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen