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Was nach dem königlichen Ball geschah …

Michelle Celmer

Was nach dem königlichen Ball geschah …

1. KAPITEL

Juni

Eigentlich fand Prinzessin Anne Charlotte Amalia Alexander, dass ihre unterkühlte Art ihre besondere Stärke war – doch manchmal wünschte sie sich, mehr wie ihre Zwillingsschwester zu sein.

Während sie einen Schluck Champagner trank, beobachtete sie ihre Schwester dabei, wie sie sich einem großen, äußerst attraktiven Gentleman näherte, der schon den ganzen Abend zu Louisa herübergeschaut hatte. Annes Zwillingsschwester lächelte, sprach ein paar Worte mit dem Mann und erhielt prompt einen galanten Handkuss von dem Fremden.

Bei Louisa sah es immer so einfach aus. Die Männer wurden wie magisch von ihrer Schönheit und kindlichen Unschuld angezogen.

Bei Anne war das ganz anders. Sie wurde für kaltherzig und kritisch gehalten. Und es war ein offenes Geheimnis, dass man sie hinter vorgehaltener Hand als Xanthippe bezeichnete. Normalerweise machte Anne das nichts aus. Sollten die anderen doch ruhig eingeschüchtert sein von ihrer Stärke und Unabhängigkeit! Allerdings war dieser Gedanke am heutigen Abend wenig tröstlich. Alle um sie herum tanzten, genossen die Drinks und amüsierten sich köstlich. Anne hingegen stand ganz allein da – lediglich in Gesellschaft ihrer Prinzipien. War es denn so schwer zu verstehen, dass ihr einfach nicht nach Feiern zumute war, wenn es ihrem Vater gesundheitlich immer schlechter ging?

Als ein Kellner ein Tablett mit gefüllten Champagnerflöten an ihr vorbeitrug, griff Anne nach einem neuen Glas. Ihr viertes an diesem Abend – damit genau drei mehr, als sie normalerweise trank.

Der Wohltätigkeitsball wurde zu Ehren von Annes Vater gegeben. Doch der König von Thomas Isle war wegen seiner Herzerkrankung zu geschwächt, um an der Veranstaltung teilzunehmen. Annes Mutter weigerte sich, von seiner Seite zu weichen. Deswegen vertraten Anne, Louisa und ihre Brüder Chris und Aaron den König.

Sicher lag es weder im Interesse ihrer Familie noch in ihrem eigenen, wenn Anne sich heute Abend betrank. Und Anne handelte immer im Interesse der Familie. War sie nicht stets die Vernünftigere und Verantwortungsvolle von den Schwestern gewesen? Na ja, fast immer jedenfalls.

In zwei langen Zügen leerte sie ihr Glas, stellte es auf ein Tablett und griff nach einem neuen. Sie nahm sich vor, sich dieses Mal mehr Zeit zum Trinken zu nehmen, aber sie spürte bereits die wärmende und belebende Wirkung des Alkohols – besonders im Kopf. Es war … sehr nett.

„Sie sehen einfach bezaubernd aus, Eure Hoheit“, sagte plötzlich jemand hinter ihr.

Als sie sich umdrehte, sah sie erstaunt Samuel Baldwin an, den Sohn des Premierministers von Thomas Isle. Sam gehörte zu der Sorte Mann, dessen Charme Frauen augenblicklich erlagen. Er wirkte mit seinen dreißig Jahren außerordentlich attraktiv – beinah niedlich, wie Anne fand. Sein lockiges dunkelblondes Haar schien niemals richtig liegen zu wollen, und wenn Sam lächelte, zeigten sich zwei entzückende Grübchen auf seinen Wangen. Er überragte Anne, die etwas über eins siebzig groß war, um einige Zentimeter und war schlank und muskulös. Anne hatte ein- oder zweimal mit ihm gesprochen, doch es war nie mehr als unverfänglicher Small Talk gewesen. Er wurde als einer der begehrtesten Junggesellen der Insel gehandelt und galt als wahrscheinlicher Nachfolger auf das Amt seines Vaters.

Als er sich zur Begrüßung verbeugte, fiel ihm eine Strähne seines widerspenstigen Haars über die Stirn. Anne widerstand der Versuchung, die Haarlocke zurückzustreichen. Sie fragte sich, wie es sich anfühlen mochte, wenn sie ihm mit den Fingern durchs Haar fuhr.

Normalerweise hätte sie Samuel mit zurückhaltender Höflichkeit begrüßt. Allerdings stellte der Alkohol verrückte Sachen mit ihr an, denn sie spürte, wie ihre Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. „Wie nett, Sie zu sehen, Mr Baldwin.“

„Bitte“, sagte er, „nennen Sie mich doch Sam.“

Aus dem Augenwinkel nahm Anne wahr, wie Louisa eng umschlungen mit dem fremden Mann tanzte, wobei sie einander unentwegt in die Augen sahen. Plötzlich verspürte Anne Eifersucht. Auch sie wollte, dass ein Mann sie so fest in die Arme schloss und sie so ansah, als ob sie die einzige Frau im Saal wäre. So als könne er es nicht erwarten, endlich mit ihr allein zu sein, um sie von seinen leidenschaftlichen Gefühlen zu überzeugen. Nur ein einziges Mal wollte Anne sich … begehrt fühlen. War das denn wirklich zu viel verlangt?

Sie leerte Glas Nummer fünf in einem einzigen Zug. „Würden Sie gern tanzen, Sam?“

Ihr Gesprächspartner wirkte etwas überrascht. Anne vermochte nicht zu sagen, ob es an ihrem ungewöhnlichen Trinkverhalten oder der Einladung zum Tanz lag. Einen Moment lang befürchtete sie, Sam könnte ihre Aufforderung ablehnen. Wäre das nicht pure Ironie angesichts der unzähligen Tanzaufforderungen, die sie im Laufe der Jahre abgeschmettert hatte? Es waren so viele gewesen, dass die Männer mittlerweile aufgegeben hatten.

Doch dann umspielte ein verführerisches Lächeln Sams Lippen, und auf seinen Wangen sah Anne wieder die süßen Grübchen. „Es wäre mir eine Ehre, Eure Hoheit“, erwiderte er und nahm ihre Hand, um Anne auf die Tanzfläche zu führen.

Es war schon so lange her, dass Anne getanzt hatte, dass sie sich etwas unbeholfen vorkam, während Sam mit spielerischer Leichtigkeit den Walzer beherrschte. Vielleicht lag es ja auch nur am Champagner, dass Anne plötzlich etwas wackelig auf den Beinen war. Oder war ihr der würzige Duft von Sams Aftershave zu Kopf gestiegen? Am liebsten hätte Anne sich dicht an Sam geschmiegt, um seinen Duft einzuatmen. Es war schon sehr lange her, dass sie einen Mann derart anziehend gefunden hatte.

Vielleicht schon zu lange.

„Schwarz steht Ihnen ausgezeichnet“, stellte Sam fest.

Anne brauchte einen Augenblick, ehe sie begriff, dass er von ihrem neuen Kleid sprach. Das edle, paillettenbesetzte Designerteil hatte sie auf einem ihrer Streifzüge durch Paris ergattert. Anne war nicht sicher, ob ihr die Farbe wirklich so gut stand – oder einfach nur der Stimmung entsprach, in der Anne beim Ankleiden gewesen war. Jetzt wünschte sie, sich für etwas Helleres und Fröhlicheres entschieden zu haben. Etwa so fröhlich wie Louisa, die ihr heiß geliebtes Pink trug, was mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden war. Ihre Schwester wirkte in dem fröhlichen Kleid wie eine gute Fee. Anne hingegen kam sich eher wie die böse Hexe vor.

„Ja“, erwiderte sie, „fehlt nur noch der spitze schwarze Hut.“

Mit einer solchen Bemerkung konnte man vermutlich jeden Mann in die Flucht schlagen. Aber Sam lachte. Sein tiefes, angenehmes Lachen ging Anne durch und durch, und plötzlich wurde ihr ganz warm. „Ich hatte eher gemeint, dass Schwarz Ihren zarten Teint sehr vorteilhaft betont.“

„Oh, danke schön.“

Als ein langsames Lied gespielt wurde, sah Anne, wie der geheimnisvolle Fremde ihre Schwester dichter an sich zog. Für Annes Geschmack etwas zu dicht.

„Kennen Sie den Mann, der mit meiner Schwester tanzt?“, erkundigte sie sich und deutete mit dem Kinn auf das Paar.

„Das ist Garrett Sutherland, der reichste Grundbesitzer der Insel. Mich überrascht, dass Sie ihn nicht kennen.“

Der Name kam Anne bekannt vor. „Ich habe von ihm gehört. Ich glaube, meine Brüder haben seinen Namen schon mal erwähnt.“

„Sieht so aus, als wären er und Ihre Schwester ziemlich gut miteinander bekannt.“

„Das ist mir auch aufgefallen.“

Er bemerkte, wie Anne ihre Schwester beobachtete. „Sie haben ein Auge auf sie?“

Sie nickte und sah zu Sam. „Jemand muss das schließlich tun. Sie ist manchmal ziemlich leichtgläubig.“

Daraufhin lächelte Sam. Wieder war Anne von seinen Grübchen wie verzaubert, und am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle geküsst. „Und wer hat ein Auge auf Sie?“, fragte er.

„Niemand. Ich bin absolut in der Lage, auf mich selbst aufzupassen.“

Er zog sie enger an sich. Dabei lächelte er erneut, sodass Anne wieder heiß wurde. „Sind Sie sich da sicher, Eure Hoheit?“

Flirtete er etwa mit ihr? Männer flirteten niemals mit ihr – es sei denn, sie waren lebensmüde. Samuel Baldwin war ein tapferer Mann. Anne wurde bewusst, dass ihr das gefiel. Sie mochte das Gefühl, das in ihr aufstieg, wenn seine Hand auf ihrem Rücken lag. Wenn ihre Brüste an seinen muskulösen Brustkorb drückten. Sie war noch nie das gewesen, was man als eine besonders sinnliche Frau bezeichnete – obwohl sie einem heißen, kurzen Abenteuer noch nie abgeneigt gewesen war. Doch als sie Sam jetzt so nah war, erwachten Gefühle in ihr, von deren Existenz Anne bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte. Oder lag es vielleicht doch am Champagner?

Nein. Der Alkohol war bestimmt nicht verantwortlich für die heiße Begierde, die in ihr emporstieg. Er war auch nicht verantwortlich für das starke Verlangen danach, sich mit Haut und Haaren auszuliefern. Für den Wunsch, Sam einfach die Kleidung vom Leib zu reißen und ihn überall zu berühren. Was er wohl tun würde, wenn sie ihm die Arme um den Nacken schlingen und ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund geben würde? Seine Lippen sahen so unwiderstehlich sinnlich aus, und Anne hätte liebend gern gewusst, wie sie sich anfühlten – wonach sie schmeckten.

Sie wünschte, sie würde den Mut aufbringen, es zu tun – hier und vor all den Leuten. Wäre sie doch nur ein wenig mehr wie Louisa, die gerade seelenruhig Arm in Arm mit ihrem Tanzpartner in den Garten ging, obwohl alle Gäste ihnen nachsahen.

Vielleicht war es an der Zeit, dass Louisa lernte, auf sich aufzupassen. Zumindest für heute Abend. Denn von diesem Moment an würde sie auf sich allein gestellt sein.

Lächelnd wandte Anne sich an Sam. „Mich freut es, dass Sie an diesem Wohltätigkeitsball teilnehmen. Gefällt es Ihnen hier?“

„O ja, sehr. Tut mir leid, dass der König nicht hier sein kann.“

„Ihm stehen einige Eingriffe bevor. Deshalb darf er sich nicht dem Risiko einer Infektion aussetzen. Sein Immunsystem ist immer noch sehr instabil.“

Ihre Geschwister gingen alle davon aus, dass der König sich wieder erholen würde, doch Anne bezweifelte das. In der letzten Zeit hatte ihr Vater so blass und antriebslos gewirkt, dass sie fürchtete, er habe den Lebenswillen verloren.

Obwohl der Rest der Familie voller Hoffnung war, glaubte Anne, dass ihr Vater schon sehr bald sterben würde.

Tiefe Trauer befiel sie bei diesem Gedanken. Verzweifelt versuchte sie, die Tränen und das Schluchzen zurückzuhalten – erfolglos. Eigentlich verlor sie nie die Beherrschung, vor allem nicht in der Gegenwart anderer. Doch der Champagner hatte wohl einen verheerenden Einfluss auf ihre Gefühlswelt. Von einer Sekunde auf die andere stand sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch und konnte nichts dagegen tun.

Nicht hier, flehte sie stumm. Bitte nicht hier vor all den Leuten.

„Anne, geht es Ihnen gut?“ Sam betrachtete sie besorgt. Sein Mitgefühl war fast zu viel für Anne.

Als sie sich auf die Lippe biss und den Kopf schüttelte, reagierte Sam prompt. Behutsam führte er sie von der Tanzfläche, während Anne sich bemühte, die Fassung wiederzuerlangen.

„Wohin?“, fragte Sam leise, als sie aus dem Ballsaal in das überfüllte Foyer gingen. Unzählige Menschen standen dort, nippten an ihren Drinks und unterhielten sich angeregt. Anne sehnte sich nach etwas Abgeschiedenheit, wo niemand Zeuge ihres unvermeidlichen Tränenausbruchs werden würde. Nach einem Ort, an dem sie ihre Kräfte sammeln und ihr Make-up auffrischen konnte, um danach zur Party zurückzukehren, als wäre nichts geschehen.

„In mein Zimmer“, stieß sie hervor.

„Nach oben?“, fragte Sam.

Anne nickte. Mittlerweile biss sie sich so fest auf die Lippe, dass sie Blut schmeckte.

Der Treppenaufgang war mit einem Seil abgesperrt und wurde von zwei Sicherheitsbeamten bewacht. Als Anne und Sam näherkamen, hakte einer von den Männern die Sicherheitsleine aus, um sie durchzulassen.

„Ihre Hoheit war so freundlich, mir einen Schlossrundgang anzubieten“, erklärte Sam Annes Meinung nach überflüssigerweise. Dann bemerkte sie allerdings, dass Sam nicht die Wachen, sondern vielmehr die anwesenden Gäste angesprochen hatte, die ihnen neugierige Blicke zuwarfen.

Sie würde sich später bei Sam bedanken müssen. Doch jetzt war ihr plötzlich noch mehr zum Weinen zumute, weil Sam sich derart um ihren Ruf sorgte und ihr offensichtlich Peinlichkeiten ersparen wollte. Auf halbem Weg in den zweiten Stock liefen ihr die Tränen über die Wangen. Und als sie schließlich ihr Zimmer erreicht hatten und Sam sie hineinführte, weinte Anne richtig.

Sie hatte damit gerechnet, dass Sam sie jetzt allein lassen würde. Aber nachdem er die Tür geschlossen hatte, schlang er die Arme um Anne und zog sie an sich. Das Wissen darum, dass er sich um sie sorgte und deswegen blieb, berührte sie tief. Obwohl sie es versuchte, konnte sie die Tränen immer noch nicht zurückhalten. Sie umklammerte Sam und schluchzte laut – gleichermaßen beschämt und erleichtert über seine Anwesenheit.

„Lass es ruhig heraus, Annie“, flüsterte er und strich ihr über den Rücken und das Haar. Da niemand außer Louisa sie jemals Annie genannt hatte, fühlte Anne sich ihm noch näher. Das ergab keinen Sinn, wenn man bedachte, dass sie ihn ja gar nicht kannte. Trotzdem fühlte es sich an, als ob sie etwas Besonderes miteinander teilten – etwas sehr Persönliches.

So überraschend und überwältigend ihr plötzlicher Ausbruch gewesen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Nachdem sie zu schluchzen aufgehört hatte, reichte Sam ihr ein Taschentuch, mit dem sie sich die Augen betupfte.

„Nicht weinen“, sagte er sanft.

„Bitte, erzählen Sie es niemandem!“, bat sie ihn, den Mund dicht an seinem Jackett.

„Man würde mir sowieso nicht glauben.“

Natürlich nicht, schließlich war Anne die Eisprinzessin – die Xanthippe ohne Herz. Doch in Wahrheit fühlte sie genau so wie alle anderen auch, allerdings konnte sie ihre Gefühle wesentlich besser verbergen. Sie wollte nicht länger die Eisprinzessin sein – zumindest nicht mehr an diesem Abend. Heute Abend wollte sie, dass jemand die wahre Anne kennenlernte.

Sam wischte mit dem Daumen Annes letzte Tränen fort. Fasziniert sah sie in seine meerblauen Augen und spürte, dass sich etwas änderte.

Später wusste sie nicht, wer von ihnen den ersten Schritt gemacht hatte – oder ob sie gleichzeitig gehandelt hatten. Aber in dem Moment, in dem sich ihre Lippen berührten, wusste Anne, dass sie keinen Mann so sehr begehrt hatte, wie sie Sam begehrte.

Jeder Mann, der Prinzessin Anne vorwarf, sie würde kalt und gefühllos sein, hatte sie vermutlich niemals geküsst. Sie schmeckte gleichzeitig süß und salzig, nach Champagner und Tränen. Und sie erwiderte Sams Kuss mit einer unglaublichen Leidenschaft.

Sam war nicht sicher, wer hier wen zuerst geküsst hatte, doch es kam ihm so vor, als hätte er ein wildes Tier aus dem Käfig befreit. Anne streifte ihm hastig das Jackett von den Schultern und über die Arme, sie löste den Knoten seiner Fliege. Im nächsten Augenblick zerrte sie an seinem Gürtel, öffnete seine Hose und griff unter seinen Slip, bevor Sam reagieren konnte.

Leise fluchte er, als sie ihn umfasste. Unter normalen Umständen wäre ihm in Anwesenheit eines Mitglieds des Königshauses nie ein derartiges Wort über die Lippen gekommen. Er erkannte die Prinzessin kaum wieder. Sie war eine Frau, deren Leidenschaft entfesselt war. Fest drängte sie ihn rückwärts zum Bett, während sie den Reißverschluss ihres Kleides hinunterzog und es anschließend achtlos auf den Boden warf. Nachdem sie die Hochsteckfrisur gelöst hatte, indem sie den juwelenbesetzten Kamm aus dem Haar gezogen hatte, fiel es ihr in weichen Wellen über die Schulter. Sie lächelte verführerisch, und die Farbe ihrer Augen erinnerte Sam an einen Himmel kurz vor dem Sturm – rauchgrau und aufgewühlt.

Unter normalen Umständen hätte er allerdings auch die Wette kindisch und ungehörig gefunden. Seine Freunde hatten ihn herausgefordert. Sie hatten unterstellt, Sam würde sich nicht trauen, Prinzessin Anne, die Xanthippe, zum Tanz aufzufordern. Sam hatte bereits genug Champagner getrunken, um die Herausforderung anzunehmen. Nie hätte er erwartet, dass die Prinzessin ihm mit ihrer Aufforderung zuvorkommen könnte. Genauso hätte er nicht im Traum daran gedacht, sich in ihrem Schlafzimmer wiederzufinden und Anne nur noch mit einem schwarzen trägerlosen Spitzen-BH und einem passenden Slip bekleidet zu sehen. Jetzt lag sie auf dem Bett und forderte ihn mit einem verführerischen Lächeln auf näherzukommen. Sam bezweifelte, dass sie die Dessous noch lange anhaben würde.

„Zieh dich aus“, befahl sie ihm und griff hinter sich, um den BH-Verschluss zu öffnen. Ihre Brüste waren klein und fest, Sam konnte es kaum erwarten, sie zu berühren, geschweige denn, an ihnen zu saugen. Hastig entledigte er sich seines Hemdes, wobei er einen oder zwei Knöpfe abriss. Genauso schnell hatte er sich den Slip ausgezogen. Dann suchte er seine Brieftasche – und erkannte, dass ihm ein Fehler unterlaufen war. Erneut fluchte er.

„Was ist los?“, wollte Anne wissen.

„Ich habe kein Kondom dabei.“

„Wirklich nicht?“, fragte sie und wirkte niedergeschlagen.

Er schüttelte den Kopf. Es war ja nicht so, dass er heute hierhergekommen war, weil er geglaubt hatte, mit einer Frau im Bett zu landen. Und auch wenn dem so gewesen wäre, hätte er die Dame mit zu sich nach Hause genommen, wo er eine ganze Schachtel Präservative in der Nachttischschublade hatte.

„Ich habe vorgesorgt“, erwiderte Anne.

„Du hast eins?“

„Nein, aber ich habe vorgesorgt.“

Mit anderen Worten, sie nahm die Pille. Warum also nicht? Außerdem sah Anne nicht so aus, als würde sie jetzt noch ein Nein akzeptieren.

Nachdem er seine Hose fallen gelassen hatte, zog Anne ihn zu sich aufs Bett und presste die Lippen in einem wilden, leidenschaftlichen Kuss auf seine. Sie stieß Sam auf den Rücken, um sich mit gespreizten Beinen auf ihn zu setzen. Er hatte das Gefühl, dass er diese Nacht nicht so schnell vergessen würde.

Sie hatten kaum begonnen, und schon war es der beste Sex, den er je gehabt hatte.

2. KAPITEL

Ich habe vorgesorgt, dachte Anne ironisch, als sie sich mit weichen Knien vom Badezimmerfußboden aufrichtete. Sie fühlte sich immer noch schwach und stützte sich am Waschtisch ab. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, als sie das zu Sam gesagt hatte? Sie spülte sich den Mund aus und befeuchtete sich das Gesicht mit kaltem Wasser, bis das Gefühl der Übelkeit allmählich nachließ. Der Familienarzt, den Anne zum Stillschweigen verpflichtet hatte, hatte beteuert, dass sie sich im zweiten Drittel der Schwangerschaft wieder besser fühlen würde.

Aber das ist es wert, sagte sie sich, als sie die Hand auf den Bauch legte. Zunächst hatte sie es nicht fassen können, als sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Sie war noch nicht einmal sicher gewesen, ob sie das Kind behalten wollte. Dann hatte jedoch ihre Schwägerin Melissa Drillinge zur Welt gebracht, und Anne hatte ihre Nichte und die kleinen Neffen im Arm gehalten. In diesem Augenblick hatte sie gewusst, dass sie das Kind bekommen wollte.

Sie würde dieses Baby zur Welt bringen und es großziehen. Natürlich mit der Unterstützung ihrer Familie. Derer sie sich sicher sein konnte, sobald sie ihr davon erzählt haben würde. Bisher wusste nur ihre Zwillingsschwester Louisa davon. Was Sam betraf, wollte er offensichtlich nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Ihre gemeinsame Nacht war so fantastisch gewesen wie ein Traum, der endlich Wahrheit wurde. Seit Jahren hatte ihre Schwester von wahrer, schicksalhafter Liebe gesprochen. Und tatsächlich hatten sich Louisas Wünsche auf dem Ball erfüllt. Mittlerweile war sie mit dem geheimnisvollen Garrett Sutherland verheiratet. Doch bevor Sam Anne geküsst hatte und sie sich leidenschaftlich geliebt hatten, bevor sie eng umschlungen eingeschlafen waren, hatte Anne nie wirklich an die Liebe geglaubt. Und jetzt, da sie es tat, schien Sam ihre Gefühle einfach nicht zu erwidern.

Dabei war sie so sicher gewesen, dass es für ihn genauso besonders gewesen war wie für sie – dass sie auf magische Weise miteinander verbunden waren. Als sie allein aufgewacht war und festgestellt hatte, dass er sich mitten in der Nacht ohne Abschied davongestohlen hatte, hatte sie ihre Hoffnung nicht aufgegeben. Immer noch hatte sie auf ein Lebenszeichen von ihm gewartet. Wochenlang hatte sie in der Nähe des Telefons verharrt und darauf gehofft, dass es klingelte, und sie Sams Stimme hören würde. Vergebens.

Das hätte aber auch nicht überraschen sollen. Schließlich war Sam Politiker, und es war allgemein bekannt, dass Politik und Adel sich nicht besonders gut vertrugen. Zumal Sam eines Tages Premierminister werden wollte. Dem Gesetz nach war es keinem Mitglied der königlichen Familie gestattet, ein politisches Amt zu bekleiden. Konnte Anne ihm wirklich einen Vorwurf dafür machen, dass er seiner beruflichen Karriere den Vorzug gegeben hatte? Aus diesem Grund hatte Anne beschlossen, ihm nichts von dem Baby zu erzählen.

Sie sah die Schlagzeilen förmlich vor sich: Prinzessin Anne schwanger mit Kind ihrer heimlichen Liebe. Bis zum Ende ihres Lebens würde dieser Makel ihr und – was noch schlimmer war – ihrem Kind anhaften. Trotzdem sah sie keine andere Möglichkeit.

Als sie sich wieder einigermaßen wohlfühlte, beschloss sie, ins Esszimmer zurückzukehren. Gerade als Geoffrey, ihr Butler, den ersten Gang aufgetragen hatte, hatte Anne sich entschuldigt, um ins Bad zu eilen. Sie warf einen letzten verstohlenen Blick in den Spiegel. Ihr Anblick war nicht berauschend, aber es musste eben genügen. Als sie die Tür öffnete, prallte sie beinahe mit ihrem Bruder Chris zusammen, der draußen an der Wand lehnte. Seinem grimmigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte er ihr Würgen gehört. Sicher wollte er den Grund dafür wissen.

„Wir müssen reden“, sagte er und deutet mit dem Kopf in Richtung des Arbeitszimmers auf der anderen Seite des Ganges.

„Aber das Essen …“, begann Anne und verstummte, als er ihr einen mahnenden Blick zuwarf.

„Jetzt, Anne.“

Da sie wusste, dass Widerworte keinen Sinn machen würden, folgte sie ihm. Natürlich konnte sie lügen und behaupten, sie leide unter einer Magen-Darm-Grippe. Allerdings würde sie nicht mehr lange ihren wachsenden Bauch vor ihrer Familie verbergen können. Anne war sich nur nicht sicher, ob sie jetzt schon bereit dafür war, mit der Wahrheit herauszurücken. Wusste Chris womöglich bereits Bescheid? Hatte Louisa sich vielleicht verplappert? Falls ja, würde Anne ihr gehörig die Meinung sagen. Anne betrat das Arbeitszimmer und stellte überrascht fest, dass mit Ausnahme von ihren Eltern und den Drillingen die ganze Familie anwesend war.

Aaron und seine Frau Liv saßen mit besorgtem Gesichtsausdruck auf dem Sofa. Louisa und ihr frischgebackener Ehemann Garrett standen am Fenster.

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