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Wenn Olli zaubert

Vorwort

Auf den ersten Blick sieht Olli aus wie ein normaler Junge. In Wirklichkeit ist er ein Kobold. Sein Gesicht ziert eine auffallend große Knubbelnase. Die feuerroten Haare lugen wie vertrocknete Strohhalme unter einem giftgrünen Käppi hervor. Er hat die Gabe, heimliche Wünsche anderer erfüllen zu können. Doch die Sache hat einen Haken! Da Olli noch sehr jung ist und die Schule für angehende Zauberer besucht, hat er längst nicht die magischen Kräfte erfahrener Hexenmeister. So kommt es durchaus vor, dass nicht immer alles so läuft, wie es soll.

In dieser Folge war Olli mit einem Ballon unterwegs. In den Schweizer Alpen landete er zufälligerweise mitten auf einer saftig grün bewachsenen Alp. War es etwa ein Wink des Schicksals, dass er hier auf den traurigen Ferdinand traf? Das kleine Murmeltier kam mit zwei unterschiedlich langen Hinterbeinen auf die Welt. Deswegen verspotteten ihn seine Schulkameraden, und sie riefen ihm Hinkebein hinterher.

„Das ging gar nicht, hier musste etwas geschehen!“

Also setzte Olli kurzerhand seine Zauberkraft ein, nahm die Fell-Nase mit auf eine abenteuerliche Reise an die Nordseeküste und brachte das Murmeltier damit, fernab seiner Familie, in Lebensgefahr.

Kobold Olli war wieder einmal auf Reisen. Seine roten Haare leuchteten unter der hoch am Himmel stehenden Sonne kräftiger als sonst. Das giftgrüne Käppi hatte er über beide Ohren gezogen, denn hier oben pfiff ihm ein eisig kalter Wind entgegen. Mit der einen Hand hielt er sich an einem Seil fest und mit der anderen an einem Gestänge. Dieses hing direkt über seinem Kopf und war an dünnen, aber reißfesten Schnüren an dem riesigen Ballon befestigt, den er sich zum Transportmittel auserkoren hatte. Schon lange hatte er von solch einer Reise geträumt. Lautlos schwebte er in dem wie ein übergroß aussehender Fußball über das Land, den Wolken immer ein Stück voraus. Nur der Wind, der ihn vorantrieb, bestimmte sein Ziel. Am Horizont sah er schon die Alpen. Von diesem Gebirge hatte ihm vor gar nicht langer Zeit ein Freund erzählt. Sie zogen sich von Frankreich über die gesamte Schweiz hinweg bis nach Österreich. Steil und hoch ragten die Gipfel in den blauen Himmel hinein. Obwohl es Sommer war, trugen manche immer noch ein weißes Häubchen aus Schnee.

Er ließ seinen Flugapparat absichtlich weit aufsteigen. Die Gondel durfte nicht an einem der scharfkantigen Felsen hängen bleiben. Nicht auszudenken, was bei einer Notlandung hätte alles passieren können. „Bing – bing“ klang es aus der Tiefe. Es war das Scheppern von Kuhglocken, ihr Gebimmel war unüberhörbar und erinnerte ihn an das Läuten einer alten Dorfkirche.

Noch nie in seinem Leben reiste er mit einem Heißluftballon, in solch einer Höhe. Wie winzig klein, von hier oben aus der Luft betrachtet, doch alles aussah!

„Sind das vielleicht Bergwanderer, die dort unten in Richtung der Alphütte spazieren?“, fragte sich Olli.

Er nahm einen altmodischen Feldstecher zur Hand, das wollte er genau wissen. Er hielt ihn vor seine Augen, guckte hindurch, konnte aber gar nichts mehr erkennen. Spaßeshalber drehte er diese „Durchguckmaschine“ um und schaute von der anderen Seite durch die Gläser.

Boah, war das alles riesig, was er jetzt zu sehen bekam. Hatte er doch tatsächlich zuerst verkehrt herum durch das Fernglas geschaut. Na ja, das passiert eben mal. Mit den Fingern drehte er am einstellbaren Objektiv und sah durch die Gläser gestochen scharf zwei menschliche Wesen auf einer Wiese.

Es waren offensichtlich Bergbauern, die im Sommer ihre Alp mit Kühen und Schafen bewirtschafteten. „Er“ war eine großgewachsene Person in einer speckigen, kurzen Lederhose. Sogar die von Hand genähten Verzierungen konnte Olli bis ins Detail erkennen. Langsamen Schrittes stampfte der Mann in seinen schweren Wanderschuhen über die Wiese. Ihm zur Seite stapfte eine Frau. Blonde Zöpfe lugten frech unter ihrem bunten Kopftuch hervor. Unterhalb der rotkarierten Schürze steckten ihre Beine in grünen Gummistiefeln. Beide trugen je zwei randvolle Milchkannen. Das erklärte, warum sie so langsam in Richtung der Sennhütte schritten. Diese schlichte Holzhütte stand auf einem mit Natursteinen gemauerten Sockel. Handgeschnitzte Schindeln, mit denen das Dach bedeckt war, leuchteten orangerot im warmen Licht der Sonne.

„Toll, so ein Fernglas. Obwohl alles so weit weg ist, scheint es zum Greifen nahe zu sein!“, murmelte der Kobold vor sich hin.