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Was immer dein Herz begehrt

1. KAPITEL

Schon lange, bevor in der Bronzezeit die Minoer vor der verheerenden Katastrophe auf Kreta hierher geflohen waren, hatte die Sonne auf Alexei Drakos’ Insel in diesem abgelegenen Teil des Ägäischen Meeres geschienen. Normalerweise genoss er die friedliche Atmosphäre, aber an diesem Tag war das anders.

Stirnrunzelnd betrachtete er von seinem Büro in der alten Festung aus das tiefblaue Meer, dessen Wellen tief unten an den Strand schlugen. Heute konnte er sich nicht wie sonst auf seine Arbeit konzentrieren, sondern war unruhig und wurde von einem ungewohnten Gefühl geplagt, das er sich nicht eingestehen wollte: von Einsamkeit. Sein Blick glitt zur Nachbarinsel, auf der eine Fähre eine Schar Urlauber in die Tavernen rund um den Hafen entließ. Am nächsten Tag würden sie zum Fest des heiligen Johannes hierherkommen, wo als besonderer Höhepunkt der Feierlichkeiten der berühmte Stiersprung nachgestellt wurde, überliefert aus der Zeit der alten Minoer.

Die Bewohner von Kyrkiros, die ihren Lebensunterhalt vor allem mit Fischfang bestritten hatten, profitierten sehr von Alexeis Entscheidung, den alten Ritus wiederzubeleben, denn so kamen Touristen auf das Eiland, entrichteten eine Aufenthaltsgebühr, kauften Handwerkskunst, Oliven, Honig und den vor Ort angebauten Wein und bestellten dann diese Erzeugnisse später über die von ihm erstellten Websites. Und das restliche Jahr über hatten die Inselbewohner Ruhe vor ihnen.

Weil Alexei keine Lust mehr hatte, allein zu sein, ging er die alte Wendeltreppe hinunter in die modernisierte Küche der Festung und wurde von den dort arbeitenden Frauen erfreut begrüßt.

„Sie hätten doch einfach anrufen können, kyrie“, schalt seine Haushälterin ihn liebevoll und schenkte ihm Kaffee ein. „Dann wäre ich gleich hochgekommen.“

„Ich weiß.“ Alexei nahm sich von dem Gebäck, das sie ihm anbot. „Aber ich weiß auch, wie viel Sie zu tun haben, Sofia.“

„Für Sie habe ich immer Zeit“, entgegnete sie lächelnd. „Außerdem ist schon fast alles für morgen fertig. Wir haben für die Tänzer etwas zu essen vorbereitet, und auch Angela und ihre Tochter haben wahre Wunder vollbracht.“

„Das tun sie ja immer.“ Er lächelte den Frauen zu, die jedes Jahr traditionelle Kostüme nähten. Als Vorlage dienten ihnen dabei uralte Fresken, die man bei der Restaurierung der Festung entdeckt hatte.

Als Sofias Sohn hereinkam, fragte sie ihn: „Ist alles fertig, Yannis?“

Der Junge nickte eifrig. „Möchten Sie sich selbst überzeugen, kyrie?“

Alexei trank seinen Kaffee aus. „Gern.“

Statt der gewohnten idyllischen Ruhe herrschte an diesem Tag geschäftiges Treiben auf der kleinen, privaten Insel. Am Strand waren farbenfrohe Stände aufgebaut worden. Auf dem Plateau weiter oben standen unter einer weinumrankten Laube Tische. Von dort aus hatte man eine hervorragende Sicht auf den Platz, wo später die Tänzer auftreten würden. Einige kluge Besucher hatten sich bereits entsprechende Sitzplätze reservieren lassen.

Anerkennend nickte Alexei den Männern zu, die dort noch letzte Hand anlegten. „Gut gemacht!“ Nachdem er sie gebeten hatte, noch zu überprüfen, ob alle erforderlichen Schilder aufgestellt waren, kehrte er in sein Büro zurück, diesmal allerdings mit dem Aufzug, den er vor einigen Jahren hatte einbauen lassen. Das war eine seiner ersten Handlungen gewesen, als er das oberste Stockwerk bewohnbar gemacht hatte. In diesem Moment klingelte sein Telefon. Alexei blickte auf das Display und lächelte.

„Halle, Liebling“, meldete sich eine unverwechselbare Stimme. „Ich bin müde und habe Durst. Ich bin gerade angekommen.“

„Beweg’ dich nicht von der Stelle, ich bin gleich da.“

Sobald er mit dem Aufzug das Erdgeschoss erreicht hatte, rannte Alexei mit Yannis hinaus und über den Strand zum Hauptanlegesteg. Dort empfing ihn eine Frau mit strahlendem Lächeln und ausgebreiteten Armen. „Überraschung!“

„Das kann man wohl sagen!“ Einen Moment lang zog er sie eng an sich.

Talia Kazans Augen funkelten, während sie sein markantes Gesicht betrachtete. „Ich bin schon so lange unterwegs, dass ich kaum noch weiß, was für einen Wochentag wir heute haben!“

Alexei bat Yannis, der lächelnd neben ihnen wartete, beim Transport des Gepäcks zu helfen. „Gib’s auf, Mutter“, sagte er dann, „die Tour mit dem dummen Blondchen zieht nicht bei mir. Das weißt du doch ganz genau.“

Ungerührt erwiderte sie: „Ich hatte plötzlich so entsetzliche Sehnsucht nach meinem Sohn, dass ich einfach hergekommen bin. Du freust dich doch, oder?“

Er küsste ihre Hände. „Natürlich“, versicherte er. „Aber du konntest ja gar nicht wissen, ob ich hier sein würde!“

„Da ich kein ‚dummes Blondchen‘ bin, wie du ja bereits festgestellt hast, habe ich Kontakt zu Stefan aufgenommen und mich bei ihm vergewissert, dass du zum Fest erscheinst. Er hat mir versprochen, es dir nicht zu verraten. Er sagte mir auch, dass du wie immer allein kommst“, fügte sie missbilligend hinzu. „Dabei würde dir eine nette Begleitung so guttun!“

„Wenn du mit nett weiblich meinst, solltest du eigentlich inzwischen gelernt haben, dass meine Freundinnen ohne die Annehmlichkeiten der Großstadt nicht auskommen, Mutter. Traditionelle Feste sind nichts für sie.“

„Dann lade doch mal jemanden ein, der mehr Sinn für unsere Kultur hat.“ Seine Mutter wirkte plötzlich ernst. „Du solltest diese Sache mit Christina Mavros endlich vergessen und dir eine richtige Frau suchen.“

Darauf ging Alexei nicht ein. „Hat Takis dich hergebracht?“, fragte er stattdessen.

„Nein, er war drüben mit den Gästen beschäftigt, die gerade eintrafen. Ein äußerst freundlicher junger Mann war so lieb, mich nach Kyrkiros zu bringen.“

„Wer war was?“

„Ich habe seinen Namen aufgrund der lauten Motorengeräusche nicht verstanden. Und jetzt bring mich bitte zu Sofia, damit ich endlich einen Kaffee bekomme.“

Sofia und ihre Mannschaft empfingen „kyria Talia“ lächelnd an der Küchentür und beeilten sich, ihr Kaffee, Wein, Gebäck und alles nur Erdenkliche anzubieten.

Unter den Neuankömmlingen auf der Nachbarinsel Karpyros befand sich eine Frau, die aufgeregt durch ihr kleines Fernglas das Geschehen auf Kyrkiros beobachtete. Aufgrund der großen Distanz war sie sich nicht ganz sicher, ob der Mann, der da gerade die blonde Frau umarmte, Alexei Drakos war, den man so selten zu Gesicht bekam. Der junge Unternehmer galt als Wunderkind und machte um Journalisten einen großen Bogen. Seine Feindseligkeit gegenüber den Medien war geradezu legendär.

Als ihr in diesem Moment das Mittagessen gebracht wurde, verstaute sie das Fernglas und bedankte sich bei dem jungen Kellner lächelnd auf Griechisch. Einige wenige Worte in der Sprache hatte sie extra für ihren aktuellen Auftrag gelernt. Sie sollte eine Artikelreihe über die weniger bekannten griechischen Inseln, abseits der ausgetretenen Pfade, verfassen. Eine Aufgabe, die weitaus interessanter war als alles, was sie bisher gemacht hatte. Widerstrebend hatte ihr der Chefredakteur der Zeitung eine Ausgabenpauschale eingeräumt, allerdings unter der Bedingung, dass Eleanor versuchen sollte, ein Interview mit Alexei Drakos zu führen.

„Seit die Mavros ihm vor ein paar Monaten so übel mitgespielt hat, hält er sich sehr im Hintergrund“, hatte er erklärt. „Doch wie man hört, besucht er jeden Juni seine Insel. Sei auf jeden Fall rechtzeitig da, denn die Touristen fallen in Massen auf der Insel ein. Alle wollen unbedingt zu dem Fest, das er jedes Jahr ausrichtet, seit er Kyrkiros gekauft hat. Unterkünfte gibt es dort nicht, sodass du dir woanders ein Zimmer mieten und ein Ticket für die Überfahrt buchen musst.“ Ross McLean hatte anzüglich gelächelt. „Und zieh dir ein sexy Outfit an, wenn du dich in die Höhle des Löwen begibst.“

Drakos ist das griechische Wort für Drache und nicht das für Löwe“, hatte Eleanor erwidert. „Und auf ein sexy Outfit kann ich durchaus verzichten.“

Beim Hinausgehen hatte sie ihn etwas von „diesen arroganten Akademikerinnen“ murmeln hören, die alles besser wüssten. Da es allerdings kaum noch möglich war, ohne Uni-Abschluss eine Stelle als Reporterin zu bekommen, hatte sie sich auch noch im Bereich Fotografie qualifiziert. Für Ross McLean ein erheblicher Vorteil, weil er dadurch einen Fotografen einsparen konnte.

Jetzt, da sie ihr Zielobjekt praktisch im Visier hatte, wollte Eleanor sich nicht den Appetit verderben lassen, indem sie sich darüber Sorgen machte, wie sie die von Ross geforderte Sensationsstory zustande bringen sollte. Ich werde es auf jeden Fall schaffen, sprach sie sich Mut zu, und wenn es nur darum geht, ihm zu beweisen, wozu eine „arrogante Akademikerin“ in der Lage ist.

Ihr Chef wusste ganz genau, dass er praktisch Unmögliches verlangte: Alexei Drakos war bekannt dafür, gegenüber der Presse äußerst zurückhaltend zu sein, und zwar schon, bevor er von einer gekränkten früheren Geliebten bloßgestellt worden war. Wer mochte wohl die Blondine gewesen war, die er da umarmt hatte? Trotz umfangreicher Recherchen hatte Eleanor nur sehr wenig über sein Privatleben herausgefunden, abgesehen von den Enthüllungen der von ihm verschmähten Christina Mavros, die sie jedoch nicht für bare Münze nahm.

Allem Anschein nach war Alexei Drakos ein Wunderkind. Schon während der Schulzeit war er dank einer von ihm entwickelten genialen Software erfolgreich gewesen. Später hatte er als Unternehmer sein Geld äußerst geschickt in der Pharmaindustrie, im Immobilien- und im Technologiebereich investiert. Über sein Privatleben hatte sie praktisch nichts herausfinden können, außer dass er als großzügiger Wohltäter galt.

Als Eleanor jetzt aufstand, eilte der Sohn des Tavernenbesitzers herbei, um ihr das Gepäck die kurze Strecke zu einem der kleinen Apartments zu tragen. Er stellte es auf der kleinen Veranda vor dem letzten der kleinen weißen Gebäude, von denen aus man auf den Hafen blicken konnte, ab und schloss die blaue Tür auf. Lächelnd betrachtete Eleanor das blitzsaubere Zimmer mit den weißen Wänden. Nachdem Petros ihre Sachen ins Innere gebracht hatte, teilte sie ihm mit, sie werde abends in der Taverne essen. „Dann reserviere ich Ihnen einen Tisch, kyria, denn aufgrund des morgigen Festes werden heute Abend sehr viele Gäste da sein.“

Als sie sich mit einem großzügigen Trinkgeld bei ihm bedankte, wurde er rot und verschwand dann.

Warum nur, so fragte sie sich, ließ Alexei Drakos, der so viel Wert auf seine Privatsphäre legte, so viele Besucher auf seine Insel, wenn auch nur für einen Tag?

Doch darüber kann ich mir noch später Gedanken machen, dachte sie. Jetzt werde ich erst einmal mein Gepäck die Leiter hoch ins Schlafzimmer in dem kleinen Zwischengeschoss bringen, ein paar Dinge auspacken und ein kurzes Nickerchen machen.

Nach dem Aufwachen duschte Eleanor und schlüpfte in ihr übliches Outfit: Jeans und T-Shirt. Als kleines Zugeständnis waren es diesmal weiße Jeans, und das figurbetonte schwarze Shirt gab etwas von ihrem sonnengebräunten Dekolleté frei. Dann trug sie Wimperntusche und Lipgloss auf.

Kritisch betrachtete Eleanor ihr Spiegelbild. Nach zwei Wochen Insel-Hopping hatte ihr Teint einen leichten bronzefarbenen Ton angenommen, was ihr ein äußerst gesundes Aussehen verlieh und nicht mit sexy gleichzusetzen war. Sie zuckte die Schultern. Wenn Ross sie entließ, weil sie ihm nicht das ersehnte Exklusiv-Interview lieferte, dann würde sie eben freiberuflich arbeiten.

Als Eleanor die Taverne betrat, drängten sich dort Touristen und Einheimische. Petros führte sie zu einem winzigen Tisch, von dem aus sie über die Boote im Hafen hinweg bis nach Kyrkiros sehen konnte. Während sie auf die Rotbarbe wartete, die sie bestellt hatte, ließ sie sich Brot und Oliven schmecken, die auf dem Tisch bereitstanden.

Wenig später wurde der Fisch, der in Zitronensaft und Olivenöl gegart worden war, mit einem Salat serviert. Dazu gab es eine halbe Karaffe Wein, der von der Nachbarinsel stammte. Eleanor bedankte sich bei Petros und fragte ihn nach dem Fest am nächsten Tag. „Dürfen eigentlich nur Männer am Stiersprung teilnehmen?“

„Nein, die taurokathapsia ist auch für Frauen.“

Nachdem der junge Mann gegangen war, ließ sie den Blick zu den Lichtern auf Kyrkiros gleiten und dachte an Alexei Drakos. Nach allem, was sie über ihn in Erfahrung gebracht hatte, würde er über den Massenansturm am nächsten Tag nicht erfreut sein. Aber vielleicht konnte ihn ja die Blondine aufmuntern. Eleanor hatte zwar nichts Aktuelles über sein Liebesleben herausgefunden, wusste aber, dass seine Mutter ein berühmtes Fotomodell gewesen war. Nach ihrer Heirat mit Milo Drakos war allerdings nie wieder ein Foto von ihr auf einer Titelseite erschienen. Der gemeinsame Sohn hatte sich, wie Eleanor gehört hatte, mit dem Vater zerstritten, und sie brannte förmlich darauf, herauszufinden, warum.

Beim Verlassen der Taverne meldete Eleanor sich zum Mittagessen am nächsten Tag an und ließ sich noch einmal die Buchung für die Überfahrt nach Kyrkiros bestätigen. Dort wollte sie die Atmosphäre während des Festes in sich aufnehmen, viele Fotos machen und dann von ihrem bereits reservierten Tisch die Leute beobachten und darauf warten, dass sich der Herrscher über die Insel zeigte – oder eben nicht.

Wenig später ging Eleanor ins Bett, konnte aber nicht schlafen. Also schaltete sie ihren Laptop ein und setzte ihre Recherchen fort. Noch einmal las sie den Artikel über Christina Mavros, das Society-Sternchen von Kreta. Diese hatte vergeblich versucht, Alexei Drakos in den Hafen der Ehe zu locken – und dann offenbar aus Rachsucht eine nicht sehr wahrheitsgemäße Geschichte über ihre Beziehung mit Alexei an die Presse verkauft.

Als Eleanor vor Müdigkeit fast die Augen zufielen, war ihr einziger halbwegs interessanter Fund ein Foto von Alexeis Vater. Sie betrachtete das attraktive, aber hart wirkende Gesicht und stellte fest, dass sie Milo Drakos nicht zum Feind haben wollte.

Als Eleanor am nächsten Tag aufwachte, stand sie sofort auf und kochte sich Kaffee. Nach dem Duschen dachte sie an Ross McLeans Anweisungen und zog ausnahmsweise ein Kleid statt ihrer geliebten Jeans an. Es war schlicht, blau-weiß gestreift und bequem wie ein T-Shirt. Es war nicht gerade sexy, zeigte aber zumindest ihre von der griechischen Sonne gebräunten Beine.

Beim Mittagessen in der Taverne beobachtete sie, wie zahlreiche Schiffe und Boote sich auf den Weg zur anderen Insel machten. Als Petros ihr schließlich Bescheid gab, dass sie jetzt an der Reihe sei, brannte die Sonne so heiß vom Himmel, dass Eleanor bei der Überfahrt froh war, eine Sonnenbrille und einen – hut dabeizuhaben. Ihre Aufregung nahm stetig zu, während sie sich der felsigen Insel näherten, auf deren Anhöhe eine alte Festung stand.

Beim Anlegen sog sie den vertrauten Duft nach Salbei und Lavendel der griechischen Macchia ein. Sie säumte die Wege, die sich an den ausgedörrten Hängen hinaufwanden. Die Musik und die vielen Menschen in Feierlaune steigerten Eleanors Vorfreude noch.

Sie bedankte sich bei dem Fährmann und vereinbarte eine Zeit für die Rückfahrt. Dann machte sie sich an die Arbeit. Sie fotografierte die Häuser rund um die Festung und stieg einen Hang hinauf. Oben befand sich eine weiße Kirche mit blauer Kuppel. Schließlich bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenmenge und nahm den für sie reservierten Platz an einem der Tische unter der Laube ein.

Auf dem Platz wurde Musik gemacht. Doch sie wusste von Petros, dass es erst nach Einbruch der Dunkelheit richtig losgehen würde. Dann sollten zum Beginn des berühmten Stiersprunges Feuer am Strand entzündet werden. Besorgt betrachtete Eleanor die Bühne. Sie hatte Bilder der Fresken auf Kreta gesehen, auf denen die Tänzer über einen Stier hinwegsetzten. Würde man das Tier wirklich in jeder Lage im Zaum halten können?

Sie vergaß ihre Bedenken, als drei Leute aus der Festung kamen. Einer davon war Alexei Drakos, der seiner blonden Begleiterin zulächelte. Aufgeregt erkannte Eleanor die berühmte Talia Kazan. Früher war sie ein erfolgreiches Fotomodell gewesen und wirkte jetzt, als reife Schönheit, noch ebenso attraktiv wie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere.

Die Blondine war also keine Bettgespielin, sondern Alexeis Mutter. Sie trug ein hyazinthenblaues, sehr raffiniert geschnittenes Kleid und einen breitrandigen Strohhut. Mit dem goldblonden Haar war ihr Sohn eine ebenso beeindruckende Erscheinung. Er hatte dunkle Augen und markante Züge, die eine starke Ähnlichkeit mit seinem Vater zeigten. Seine Hüften waren schmal, die Schultern breit, und sogar in seinem schlichten Outfit – einer Leinenhose und einem weißen Hemd – strahlte er Eleganz und natürliche Autorität aus. Alexei Drakos war in jeder Hinsicht ein Prachtexemplar von einem Mann.

Fasziniert beobachtete sie, wie er sich bei seiner Mutter einhakte, die einzelnen Stände begutachtete und mit jedem Verkäufer ein paar Worte wechselte, bevor er der Allgemeinheit das Feld überließ. Von ihrem Platz unter dem Sonnenschirm aus machte sie mehrere Fotos von Mutter und Sohn mit der Festung im Hintergrund. Dann richtete sie das Objektiv auf die anderen Gäste, die in der heißen Sonne umherliefen.

Schließlich packte Eleanor die Kamera ein und sah sich an den Ständen nach Mitbringseln um. Das angebotene Kunsthandwerk war sehr hochwertig. Sie kaufte für ihren Vater eine Gebetskette und ein kleines, fein gesticktes Bild für ihre Mutter. Bedauernd betrachtete sie die wunderschönen Töpfer- und Kupferwaren, die allerdings zu schwierig zu transportieren waren.

Am nächsten Stand ließ sie den Blick über die Anhänger und Ohrringe gleiten. Eins der kleineren Schmuckstücke sprach sie sofort an.

„Nachgebildete minoische Ornament“, sagte der Verkäufer mit so starkem Akzent, dass sie ihn kaum verstand. „Gefällt Ihnen?“

Der winzige Kristall-Stier hatte eine goldene Öse auf dem Rücken und würde sich perfekt an ihrem Bettelarmband machen.

„Was kostet er?“, fragte sie und schüttelte bedauernd den Kopf, als sie den Preis hörte.

Sofort begann der Mann eine kaum verständliche Lobrede auf die unzähligen Vorzüge des kleinen Anhängers zu halten und verstummte erst, als die anderen Leute am Stand einem Mann Platz machten, der Eleanor auf Griechisch fragte, ob es ein Problem gebe.

Beim Anblick von Alexei Drakos war ihr größtes Problem, dass ihr die Luft wegblieb.

„Ich … ich spreche nicht gut genug Griechisch“, brachte sie schließlich heraus.

„Soso“, meinte er lächelnd und fing an, wortreich auf Griechisch mit dem Verkäufer zu verhandeln. Dann wandte er sich wieder zu ihr um und nannte ihr lächelnd einen Preis, den sie gerade noch bezahlen konnte.

„Vielen, vielen Dank!“, sagte sie und suchte schnell den passenden Betrag zusammen, bevor der Verkäufer es sich vielleicht anders überlegte. So nah neben Alexei Drakos zu stehen brachte sie völlig durcheinander.

„Er wird den Stier an Ihrem Armband befestigen, wenn Sie es hierlassen“, übersetzte er für sie. Er sprach ausgezeichnet Englisch, und sein leichter Akzent klang ausgesprochen sexy und verstärkte Eleanors Atemlosigkeit noch.

„Vielen Dank.“ Sie löste das schwere Goldarmband von ihrem Handgelenk und reichte es dem Standbesitzer.

„Ich habe ihm gesagt, er solle es Ihnen später zurückbringen. Haben Sie einen Tisch reserviert?“

Eleanor vermochte nur zu nicken.

Nun kam Alexei Drakos’ Mutter hinzu. „Alexie mou, ich habe dich Englisch reden hören. Möchtest du uns nicht vorstellen?“

„Ich habe die junge Dame selbst gerade erst kennengelernt“, erwiderte er lächelnd.

„Dann werde ich es eben selbst übernehmen: Ich bin Talia Kazan, und das ist mein Sohn Alexei Drakos“, sagte sie. Sie hatte einen stärkeren Akzent als ihr Sohn und klang so herzlich, dass Eleanor die Sprache endlich wiederfand.

„Eleanor Markham.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen. Sind Sie mit Freunden hier?“

„Nein, ich reise allein.“

„Hätten Sie dann Lust, mir bei einem Drink Gesellschaft zu leisten?“, fragte Talia Kazan.

Und ob sie das hatte! „Ja“, erwiderte Eleanor überrascht. „Kommen Sie doch mit an meinen Tisch!“

Talia schenkte Eleanor ein strahlendes Lächeln. „Wie schön, dass Sie mir Gesellschaft leisten. Alex ist heute nämlich sehr beschäftigt“, sagte sie mit einem Blick auf ihren Sohn, der daraufhin auf einen Kellner zuging, um mit ihm etwas zu besprechen.

Unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste sank sie zufrieden seufzend auf einen Stuhl an Eleanors Tisch. „Sind Sie nur zum Fest hier?“

Als Eleanor ihr von ihrem Auftrag erzählte, reagierte Talia Kazan darauf sehr zurückhaltend. „Sie sind also Journalistin?“

Eleanor sah ihr in die Augen. „Ja, aber keine Klatschreporterin. Ich schreibe vor allem Reiseberichte. Mein Text wird also nicht in erster Linie von der Begegnung mit der berühmten Talia Kazan handeln.“

Alexeis Mutter zuckte die schmalen Schultern. „Berühmt war ich nur vor sehr langer Zeit.“

„Aber Sie haben sich seitdem kaum verändert“, stellte Eleanor aufrichtig fest, und die schönen Augen der älteren Frau bekamen einen warmen Glanz.

„Das ist aber ein nettes Kompliment! Werden Sie über das Fest berichten?“

Eleanor nickte etwas schuldbewusst, denn sie wollte Talia nicht verraten, dass sie hoffte, ein Interview mit ihrem Sohn machen zu können.

„Ich war schon lange nicht mehr auf dem Fest“, fuhr diese fort. „Da ich jedoch weiß, dass Alexei zu dem Anlass immer erscheint, bin ich spontan hergekommen.“

„Darüber hat er sich bestimmt sehr gefreut, oder?“

„Ja, zum Glück. Nicht jeder Sohn wäre begeistert, wenn ihn seine Mutter überraschend besucht.“ Lächelnd bedankte Talia sich bei dem jungen Mann, der ihnen in diesem Moment Mineralwasser und Saft brachte. „Efcharisto, Yannis.“ Nachdem er gegangen war, wandte sie sich wieder an Eleanor. „Erzählen Sie mir bitte mehr von Ihrem Auftrag!“

Eleanor begann über die weniger bekannten Inseln zu sprechen, auf denen sie schon war. „Ich reise meistens allein und nehme die Fotos, die mit meinen Texten veröffentlicht werden, selbst auf.“

„Sicher wartet doch jemand in Großbritannien ungeduldig auf Ihre Rückkehr, oder?“ Talia sah sie fragend an.

Lächelnd schüttelte Eleanor den Kopf. „Nur mein Chef. Ich habe allerdings viele gute Freunde und ein enges Verhältnis zu meinen Eltern.“

„Ich habe in dieser Hinsicht auch großes Glück. Mein Sohn ist zwar ein viel beschäftigter Mann, aber er besucht mich trotzdem regelmäßig – wenn auch meist nur kurz. Wohnen Sie bei Ihren Eltern?“

Als Eleanor antworten wollte, tauchte Alexei Drakos plötzlich an ihrem Tisch auf.

„Setz dich doch kurz zu uns“, bat ihn seine Mutter lächelnd.

Er schüttelte den Kopf. „Stefan hat mir gesagt, dass einige Leute auf meinen Rückruf warten. Miss Markham, haben Sie Ihr Armband schon zurückerhalten?“

„Noch nicht.“

„Dann werde ich dem Mann mal ein wenig Beine machen“, meinte er und entfernte sich wieder.

Seine Mutter sah ihm besorgt nach. „Man lässt ihn einfach nicht in Ruhe, nicht einmal hier. Immerhin versucht sein Assistent Stefan, ihm hier alles, so gut es geht, vom Leib zu halten.“

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