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Was ich will, bist du!

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PROLOG

Hollister Cain war siebenundsechzig Jahre alt und gerade dabei, sich von seinem dritten Herzinfarkt zu erholen. Er wirkte, als wäre er dem Tod näher als dem Leben. Doch an dieses Leben klammerte er sich, und zwar mit derselben Entschlossenheit, mit der er die letzten vierundvierzig Jahre lang das Cain-Imperium geleitet hatte.

Seine zerrüttete Familie war vollzählig am Krankenbett zusammengekommen. Die Ehefrau, mit der er sich zerstritten hatte, seine drei Söhne – einer von ihnen unehelich – und sogar seine ehemalige Schwiegertochter hatten auf seinen Wunsch alles stehen und liegen gelassen. Nicht etwa, weil sie ihm so ergeben waren. Oder gar, weil sie ihn liebten. Sie hatten schlicht nicht glauben können, dass der Mann, der ein Finanzimperium erschaffen und ihrer aller Leben bestimmt hatte, ebenso sterblich sein sollte wie sie selbst.

Vor sechs Wochen, als sich Hollisters Gesundheit so abrupt verschlechtert hatte, war sein Arbeitszimmer im ersten Stock des Hauses im renommierten Viertel River Oaks zu einem hochmodernen Krankenzimmer umgewandelt worden. Unbeeindruckt von drei Herzinfarkten, zwei Bypass-Operationen und einer versagenden Leber meinte er noch immer, ein längerer Krankenhausaufenthalt wäre unter seiner Würde.

Als sein Sohn Dalton ganz leise das Zimmer betrat, öffnete Hollister die Augen sofort. Sein Atem ging langsam und rasselnd. „Du kommst spät.“

„Ich war noch beim Aufsichtsratstreffen.“

Das wusste sein Vater natürlich. Schließlich trafen sich die Direktoren von Cain Enterprises seit über zwanzig Jahren jeden Montagmorgen um acht Uhr. Manchmal schien es, als würde Hollister Gefallen daran finden, Dalton zu Entscheidungen zwischen ­Familienpflichten und dem Unternehmen zu zwingen – als ob Dalton eine Erinnerung daran bräuchte, dass die Leitung von Cain Enterprises eine alles verschlingende Aufgabe war.

Hollister nickte kurz und hochzufrieden. Dann griff er mit zittriger Hand nach der Fernbedienung für das Bett, und quälend langsam kam das Kopfende nach oben.

Dalton schaute sich um. Seine Mutter Caro saß in einem Sessel direkt neben dem Bett, ihre Haltung wirkte selbst für sie zu steif. Griffin, sein jüngerer Bruder, lehnte hinter seiner Mutter und sah müde aus. Auf der anderen Seite des Bettes stand Portia, Daltons Exfrau, die sich in seiner Familie mehr zu Hause fühlte als er selbst. Sowohl Hollister als auch Caro mochten sie, und so war sie auch lange nach der Scheidung noch Teil der Familie geblieben. In einer so weit wie möglich von allen anderen entfernten Ecke stand Cooper Larsen, Hollisters unehelicher Sohn, und starrte aus dem Fenster.

Als das Bett endlich in Position war, langte Hollister nach einem weißen Briefumschlag. Doch seine Hände erwiesen sich als zu zittrig, um ihn zu öffnen. Ungeduldig streckte er ihn seiner Frau hin. Caro Cain nahm unverzüglich Haltung an.

„Lies das vor“, befahl er ihr mit unmissverständlicher Härte in der schwachen Stimme.

Caro zögerte kurz, doch dann nahm sie das einseitig beschriebene Papier aus dem Umschlag. Es war so dünn, dass Dalton den Schatten der getippten Worte sehen konnte. Caro blickte zu ihrem Ehemann, der sich zurücklehnte und die Arme über der breiten Brust verschränkte. Seine Augen waren geschlossen. Sie las laut vor:

Lieber Hollister, ich habe gehört, dass Du todkrank bist und Dich wohl kaum noch davon erholen wirst. Also holt der Teufel sich endlich seinen Gehilfen zurück. Bevor Du meine Wortwahl kritisierst, will ich Dir versichern, dass es mich größte Anstrengung gekostet hat, Dich nicht den Teufel persönlich zu nennen. Und noch etwas solltest Du wissen: Ich bin nicht mehr die dumme Tussi, als die Du mich mal bezeichnet hast. Vielleicht erinnerst Du Dich nicht einmal mehr an Deine Worte, aber ich habe sie nicht vergessen, nicht mal für einen Augenblick. Du hast sie gesagt, kurz nachdem Du durch die Tür …

Caros Stimme brach, und der Brief fiel ihr aus den Händen. Griffin trat näher. „Das ist doch lächerlich. Warum sind wir hier? Damit du Mutter demütigen kannst?“

„Lies weiter“, befahl Hollister mit geschlossenen Augen.

„Ich mache das.“ Griffin fasste nach dem Brief.

„Nein!“, bellte Hollister. „Caro.“

Caro blickte kurz von einem Sohn zum anderen, bevor sie den Brief wieder hochnahm. Griffin drückte ihre Schulter.

Du hast mit solch unbekümmerter Grausamkeit gesprochen, und ich habe mich jahrelang danach verzehrt, Dich ebenso verletzen zu können, wie Du mich verletzt hast. Und jetzt, nach all diesen Jahren, habe ich endlich die Möglichkeit dazu. Ich weiß, wie gut Du Dein kleines Imperium schützt. Wie sehr Dir daran gelegen ist, alles und jeden in Deinem Herrschaftsgebiet zu kontrollieren. Wie Du alle manipulierst, die zu Deiner Fami…

Wieder brach Caros Stimme, und sie musste schlucken. Jetzt hatte Dalton genug. Er riss seiner Mutter den Brief aus den Händen und überflog den Inhalt. Er war voller Hass und Abscheu. Dalton warf das Papier Richtung Bett, wo es auf der Brust seines Vaters landete. Fast war er überrascht, dass es nicht in Flammen aufging. Denn ganz offensichtlich war der Brief geschrieben worden, um Hollister zu vernichten.

Da ihn alle gespannt anstarrten, fasste Dalton den Inhalt für die Anwesenden zusammen. „Sie behauptet, eine Tochter von Hollister zu haben – sie nennt sie die verschollene Erbin. Und sie weigert sich, mehr als das zu verraten. Sie will, dass Hollister Höllenqualen leidet, wenn er stirbt, ohne zu wissen, wer seine Tochter ist.“

Dalton sah zu Griffin. Der hatte immer noch eine Hand auf der Schulter seiner Mutter, und sie schien daraus Kraft zu schöpfen. Natürlich wussten sie alle von Hollisters Untreue: Cooper war der lebende Beweis dafür.

„Der alte Mann hat also mehr als einen Bastard.“ Cooper stieß sich vom Fensterrahmen ab. „Ich verstehe aber nicht, was das mit uns zu tun haben soll.“

Dalton war geneigt, ihm zuzustimmen. Doch bevor noch jemand etwas sagen konnte, öffnete Hollister die Augen. „Ich will, dass man sie findet.“

„Du willst, dass ich sie finde?“, fragte Cooper.

„Ihr alle“, keuchte Hollister. „Einer von euch.“

Großartig. Genau das, was Dalton brauchte. Schließlich hatte er schon genug mit der Leitung von Cain Enterprises zu tun. „Wir können bestimmt einen Privatdetektiv finden, der sich auf so was spezialisiert hat.“

„Keine Privatschnüffler. Gegen die Regeln.“

„Regeln?“, fragte Griffin. „Das ist ja wohl kein Spiel oder so was.“

Hollisters rissige Lippen verzogen sich zu einem humorlosen Lächeln. „Kein Spiel. Ein Test.“

Cooper lachte gequält auf. „Das war ja klar. Warum hättest du mich auch sonst hier haben wollen, wenn es nicht darum ginge, dir zu beweisen, dass ich es wert bin, dein Sohn zu sein?“

„Sei nicht lächerl…“ Hollister wurde von einem heftigen Hustenanfall unterbrochen. „… lächerlich. Der Test ist …“ Wieder packte ihn der Husten. „… für euch alle.“

„Ganz gleich, wie dein Test aussieht, ich hab mit meiner Zeit Besseres zu tun, als zu springen, wenn du mit den Fingern schnippst“, sagte Griffin. „Du brauchst also nicht auf mich zu zählen. Ich bin nicht interessiert.“

„Ich auch nicht“, stimmte Cooper ein.

„Eure Meinung wird sich gleich ändern.“

Ein kalter Schauer rann Dalton über den Rücken, als er die Gewissheit in der Stimme seines Vaters hörte. Der mochte ja schwach sein, vielleicht sogar im Sterben liegen, aber Dalton wusste, dass er nur dann mit Überzeugung sprach, wenn er seine Worte auch einlösen konnte.

„Ihr dürftet alle daran interessiert sein, denn wer immer diese verschollene Erbin findet, soll Alleinerbe von Cain Enterprises werden.“

Nun, das änderte die Sachlage.

Dalton hatte schon immer gewusst, dass sein Vater ein mieser Kerl war, aber das hier? Das ging zu weit, das hätte er selbst ihm nicht zugetraut. Es hetzte die ganze Familie gegeneinander auf.

Aber immerhin hatte Dalton sein gesamtes Leben Cain Enterprises geopfert. Und das würde er nicht kampflos hergeben. „Und was ist, wenn niemand sie findet?“

Eine atemlose Stille senkte sich über das Zimmer, während Hollister einen rasselnden Atemzug nach dem nächsten tat, bevor er schließlich wisperte: „Dann wird mein gesamtes Vermögen an den Staat fallen.“

1. KAPITEL

„Das wird er nicht wirklich tun.“ Griffin schloss die Tür zu seinem Penthouse auf und trat zur Seite, um Dalton hineinzulassen. „Cain Enterprises bedeutet ihm alles. Er würde niemals zulassen, dass der Staat seine Anteile am Unternehmen verkauft.“

„Bei jedem anderen Mann würde ich dir zustimmen.“ Dalton wartete, bis Griffin das Licht eingeschaltet hatte, bevor er weiter ins Wohnzimmer ging. „Aber Hollister blufft nicht. Du kennst ihn doch.“

Daltons eigene Wohnung befand sich nur zwei Stockwerke tiefer. Er war hierhergezogen, nachdem Portia die Scheidung verlangt hatte. Das Hochhaus war zwar ziemlich überteuert, aber es lag nah zur Arbeit. Hauptsächlich hatte sich Dalton jedoch dafür entschieden, weil er das Haus durch Griffins Wohnung kannte und nicht einen ganzen Tag damit verschwenden musste, sich von einem Makler herumführen zu lassen.

Dalton ging zur Couchgarnitur hinüber, während Griffin die Bar ansteuerte. „Was willst du trinken?“

„Es ist noch nicht mal Mittag.“

„Stimmt. Aber nach Dads Paukenschlag ist ein kleiner Drink angesagt.“

„Wie du meinst.“ Dagegen war nichts einzuwenden. Und ein ordentlicher Schluck würde ihm vielleicht sein Gleichgewicht zurückgeben – nachdem ihm gerade der Teppich unter den Füßen weggerissen worden war. „Ich nehme einen Scotch.“

Griffin verdrehte wortlos die Augen und holte dann ein paar Flaschen aus dem Regal, von denen nicht eine Scotch enthielt. Nacheinander goss er aus jeder etwas in einen Mixbecher. „Weißt du, ob er das überhaupt machen kann, rechtlich gesehen?“

„Leider kann er das.“ Dalton fuhr sich durch die Haare. „Natürlich wird Mutter trotzdem ihren gemeinsamen Besitz bekommen – die Häuser, die Autos, das Geld. Aber mit seinen Cain-Aktien kann er tun und lassen, was er will. Sie wären eigentlich unter uns dreien aufgeteilt worden. Aber wer weiß, was jetzt passiert.“

„Du hast dabei wohl am meisten zu verlieren. Was willst du tun?“

Dalton zog sein Jackett aus und legte es über eine Sofalehne. Seufzend setzte er sich. Er hatte sein ganzes Leben darauf ausgerichtet, der ideale Chef für das Unternehmen, der perfekte CEO von Cain Enterprises, zu werden. Jede seiner Entscheidungen war davon bestimmt gewesen – von den Hobbys seiner Kindheit über die Fächerwahl an der Highschool bis hin zu der Frau, die er geheiratet hatte. Er würde nicht zulassen, dass all seine Bemühungen einer Laune seines Vaters zum Opfer fielen.

„Eine Möglichkeit wäre, abzuwarten, bis Vater tatsächlich stirbt, und die Angelegenheit dann vor Gericht zu regeln.“

Griffin setzte die silberne Kappe auf den Mixbecher und schüttelte ihn energisch. „Und dann wird der gesamte Besitz wegen des Rechtsstreits mindestens ein Jahrzehnt lang auf Eis gelegt. Toller Plan.“

Dalton stützte die Ellbogen auf die Knie. „Wenn er nicht eh schon im Sterben läge, würde ich ihn dafür umbringen.“

„Ich würde dir helfen.“ Griffin lachte leise vor sich hin, während er Eis in zwei Gläser gab und sie dann mit dem auffüllte, was er gemixt hatte. „Sieh mal die positive Seite: Der Aufsichtsrat liebt dich. Selbst wenn Vaters gesamter Besitz an den Staat ginge und seine Cain-Aktien verkauft würden – seine Anteile allein bieten keine entscheidende Mehrheit. Der Aufsichtsrat würde dich bestimmt nicht fallen lassen.“

„Und du würdest deinen Job als Vizepräsident der internationalen Beziehungen behalten können.“

Griffin grinste. „Ja, das wäre die ideale Lösung.“ Sie wussten beide, dass Griffins Job ein lockerer Posten war, den er schwerlich anderswo wieder finden würde.

Griffin zerteilte eine Limone und quetschte etwas von ihrem Saft in jedes Glas. „Du wärst zwar nicht mehr ganz so wahnsinnig reich, aber immer noch CEO von Cain Enterprises.“

„Das wäre das Best-Case-Szenario, ja.“ Dalton nahm ein Glas von seinem Bruder entgegen und beäugte die hellgrüne Flüssigkeit darin. „Das ist kein Scotch.“

„Zwei Jahre als Mixer im College. Ich denke, da kann ich dir was Besseres bieten als einen simplen Scotch. Lass mich deinen Horizont erweitern.“

Zögernd nippte Dalton an dem Drink. Er schmeckte überraschend gut, ähnlich einer Margarita, aber weniger süß. Und er hatte genug Schlagkraft, um einen ausgewachsenen Mann umzuhauen – insbesondere einen, der heute schon einmal umgehauen worden war.

Daltons Erfahrung nach waren Best-Case-Szenarios nicht mehr als Tagträume. Die Realität fügte sich ihnen selten. „Viel wahrscheinlicher ist, dass einer unserer Konkurrenten die Aktien aufkauft und dann ein Übernahmeangebot macht. Sheppard Capital ist in der perfekten Position dafür. In dem Fall würde ich vermutlich gefeuert und Cain Enterprises in Einzelteile zerlegt und verscherbelt.“

Griffins sonst so charmantes Lächeln wich einer grimmigen Miene. Er hob sein Glas. „Auf unseren lieben Vater.“

Dalton stieß mit ihm an und trank einen großen Schluck. Fast hoffte er, der Drink würde ihn tatsächlich umhauen. Griffin und er hatten sich nie besonders nah gestanden. Dafür hatte ihr Vater zu viel Rivalität zwischen ihnen gesät. Und selbst jetzt, da der Abscheu für seinen miesen Trick sie vereinte, hatte Hollister dafür gesorgt, dass sie Konkurrenten blieben.

Die Hitze des Alkohols brannte ihm in der Kehle, als Dalton die Frage aussprach, die gestellt werden musste: „Wirst du versuchen, sie zu finden?“

Griffin verzog das Gesicht, als wollte er seinen Cocktail wieder ausspucken. „Himmel, nein. Was sollte ich denn bitte mit Cain Enterprises anfangen?“

„Musste nur sichergehen. Aber was ist mit Cooper?“

Der Unberechenbare in diesem Spiel. Dalton war sieben und Griffin vier gewesen, als Hollister den fünfjährigen Cooper mit nach Hause gebracht und ihn als seinen anderen Sohn vorgestellt hatte. Er war jeden Sommer bei ihnen gewesen, bis seine Mutter gestorben war. Danach hatte Cooper gut zwei Jahre bei ihnen gelebt und so viel Schwierigkeiten wie möglich gemacht. Anschließend war er aufs College gegangen. Sie waren sich nicht gerade nahegekommen.

Griffin leerte sein Glas. „Cooper könnte das Unternehmen ebenso zerlegen wie Sheppard Capital.“

Nur zu wahr … Dalton starrte auf die trüben grünen Reste seines Drinks.

Griffin verteilte den Rest aus dem Mixbecher auf ihre Gläser. „Wie willst du unsere geheimnisvolle Schwester finden?“

„Das Schwierigste daran wird wohl, die Liste der möglichen Mütter einzuschränken.“

Griffin lachte auf. „Mit welcher seiner Bekanntschaften hat er nicht geschlafen?“

„Genau. Wenn wir es von der Seite angehen, müsste die Liste der potenziellen Mütter …“ Dalton schüttelte angewidert den Kopf. Er wollte sich nicht mal vorstellen, mit wie vielen Frauen Hollister geschlafen hatte.

„Sie könnte überall sein. Fast jede Frau in jeder Bar in jedem Staat des Landes kommt infrage.“

Dalton nickte. „Und wir können nicht mal den zeitlichen Rahmen eingrenzen.“

„Hast du den Poststempel auf dem Umschlag sehen können?“

„Ja, ein lokaler Stempel und kein Absender. Ziemlich klug, wenn sie nicht gefunden werden will. Kann heißen, dass sie gleich um die Ecke wohnt. Kann aber auch heißen, dass sie in Toronto lebt und jemanden dafür bezahlt hat, den Brief für sie aufzugeben.“

Dalton ließ die Flüssigkeit in seinem Glas kreisen. „Nein, die Frage ist nicht, mit wem er geschlafen hat. Die Frage ist: Welche der Frauen hat ihn danach so gehasst?“

Griffin gab vor, darüber nachzudenken, dann zuckte er mit den Schultern. „Alle, würde ich meinen.“

„Nein. Man kann über ihn sagen, was man will, aber er ist Frauen gegenüber immer ein verdammter Charmeur gewesen. Einer, dem man nichts übel nehmen kann. Das schließt alle One-Night-Stands und beiläufigen Affären aus. Es muss eine gewesen sein, die ihn wirklich gut gekannt hat, um ihn so hassen zu können.“ Dalton stand auf und nahm seinen Mantel.

Griffin zog die Augenbrauen hoch. „Ich nehme an, du hattest gerade eine Eingebung.“

„So was in der Art. Wenn irgendwer so einen Groll auf Vater hat, dann gibt es eine, die darüber Bescheid wissen muss. Mrs Fortino.“

„Unsere ehemalige Haushälterin?“

„Genau die. Sie wusste alles, was in unserem Haus vorgefallen ist. Sie wird mir sagen können, was ich wissen muss.“

„Sie ist vor fünf Jahren in Rente gegangen. Bist du dir sicher, dass du sie aufspüren kannst? Vielleicht fährt sie mit einem Wohnmobil quer durchs Land.“

Dalton leerte sein Glas. „Sie ist nicht gerade der reiselustige Typ. Sie hatte doch schon ihre festen Gewohnheiten, als wir noch Kinder waren. Nein, ich bin mir sicher, sie lebt noch in Houston.“

„He, weißt du, wer bestimmt weiß, wo Mrs Fortino ist?“, fragte Griffin, als Dalton schon an der Tür war.

„Unsere Mutter.“

„Klar, möglich. Aber ich hab dabei an jemand anderen gedacht: Laney.“

Dalton drehte sich um und sah seinen jüngeren Bruder an. Er bemühte sich dabei um einen neutralen Gesichtsausdruck, was nicht leicht war. Aber den Sprung, den sein Herz beim Klang dieses Namens gemacht hatte, wollt er unbedingt verbergen.

„Du erinnerst dich doch an Laney?“, fragte Griffin irritiert. „Mrs Fortinos Enkelin. Sie hat eine Weile bei ihr gelebt, als wir noch in der Highschool waren.“

„Ja, klar.“

„Sie ist vor ein paar Jahren wieder hierhergezogen. Ich bin ihr mal bei einer Benefizveranstaltung für Tisdale begegnet. Hast du gewusst, dass sie da Lehrerin ist?“

„Nein.“

„Ja, seltsam, oder? Die war doch eher so ein Freigeist, ich kann mir kaum vorstellen, wie sie Erstklässler an einer katholischen Schule unterrichtet.“

„Tja, die Dinge ändern sich.“

Dalton wollte jetzt wirklich gehen, doch Griffin hielt ihn zurück. „Überrascht mich, dass du nicht weißt, dass sie da arbeitet. Bist du nicht im Beirat der Schule?“

„Doch, aber nur dem Namen nach, weil wir der Schule so viel spenden.“ Dalton zog sein Handy aus der Tasche und gab vor, gerade eine SMS erhalten zu haben. Er hielt das Telefon demonstrativ hoch, als müsste er sich jetzt dringend um etwas kümmern. „Seh ich dich später?“ Dieses Mal gab er Griffin keine Chance, noch etwas zu sagen, und eilte zum Fahrstuhl.

Er hätte auf die Arbeit zurückkehren können, da gab es mehr als genug zu tun. Doch stattdessen ging er in seine Wohnung, um mit der Suche nach Mrs Fortino zu beginnen. Er war sich sicher, dass dies der richtige Weg war, die verschollene Erbin zu finden.

Aber zum ersten Mal seit Langem – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – wusste er nicht genau, was er eigentlich wollte. Suchte er nach Mrs Fortino, weil sie ihn zu seiner mysteriösen Halbschwester führen konnte? Oder suchte er vielmehr Kontakt zu Laney?

Natürlich wusste er längst, wo er Laney finden konnte. Auch ohne Griffin. In Wahrheit hatte er nicht nur mitbekommen, dass sie sich in Tisdale beworben hatte – es war auch sein Verdienst gewesen, dass sie den Job bekommen hatte. Damals hatte er sich gesagt, er täte das nur, weil sie eine alte Freundin der Familie war. Allein schon, weil er noch mit Portia verheiratet gewesen war. Jegliche Fantasie, die er in Bezug auf Laney gehabt hatte, war für ihn schlicht ein Echo aus seiner Jugendzeit gewesen.

Aber jetzt, fast ein Jahr nach der Scheidung und plötzlich konfrontiert mit einer unsicheren Zukunft, kam er nicht umhin, alles zu hinterfragen. Das war er nicht gewohnt. Vor allem eine Frage ließ ihn nicht los: Suchte er nach der verschollenen Erbin oder nach Laney?

Laney Fortino stand vor der Tisdale-Grundschule und verfluchte alles: die Hitze, die Eltern, die zu spät dran waren, um ihre Kinder abzuholen, Dalton Cain und vor allem die Ungenauigkeit von Glückskeksen.

Auf dem Zettel in ihrem Glückskeks gestern Abend hatte gestanden: „Veränderungen stehen bevor.“

Heute früh hatte ihr dann die Schulsekretärin gesagt, dass ­Dalton Cain sie nach der Schule sprechen wollte.

Die erste korrekte Vorhersage ihres Lebens, und sie hatte ihr ganz und gar nicht genutzt. Warum hatte da nicht stehen können: „Dalton Cain wird anrufen.“ Oder auch: „Veränderungen stehen Ihnen bevor. Morgen sollten Sie unbedingt Ihre Wahnsinns-Stöckelschuhe tragen und das Betsey-Johnson-Kleid, das Sie bei eBay erstanden haben. Und Ihre kaschierende Spanx-Unterwäsche.“

Natürlich würde sie sowieso nichts davon zum Unterrichten tragen – und wenn der Glückskeks Cain direkt benannt hätte, wäre sie versucht gewesen, den nächsten Flug nach Tahiti zu nehmen, und wäre längst auf und davon.

Stattdessen schwitzte sie hier im Schulhof, gekleidet in ein altmodisches Kleid vom Secondhandshop, Söckchen und Turnschuhen. Eigentlich kümmerte es sie ja nicht, wie sie aussah. Aber es kümmerte sie, was Dalton Cain von ihr halten würde. Sie musste einfach den besten Eindruck auf ihn machen.

Denn es gab nur einen Grund, weshalb einer der reichsten und mächtigsten Männer in ganz Houston ausgerechnet sie sprechen wollte. Er musste herausgefunden haben, dass ihre Großmutter, „Gran“, den Cains vor vielen Jahren fast eine Million Dollar gestohlen hatte. Geld, von dem Laney nichts gewusst hatte, bis ihr vor einem Jahr die Handlungsvollmacht dafür übertragen worden war.

Seit sie die zusätzlichen Mittel in Grans Fonds entdeckt hatte, plagten sie die Schuldgefühle, und sie fragte sich, was sie deswegen unternehmen sollte. Laney wusste so ungefähr, was ihre Oma zur Verfügung gehabt hatte, als sie selbst noch auf der Highschool gewesen war. Keine noch so clevere Investition hätte ihr mageres Erspartes zu einer Million aufstocken können. Nicht innerhalb eines Jahrzehnts.

Gran musste die Cains also bestohlen haben.

Laney brachte es jedoch nicht übers Herz, zur Polizei zu gehen. Obwohl es ihr unwahrscheinlich vorkam, dass die Leute dort eine alte Lady mit Alzheimer vor Gericht zerren würden – was, wenn sie es doch täten? Das konnte sie nicht riskieren. Einfach zu den Cains gehen und die Lage erklären – auch das kam nicht infrage. Hollister Cain war brutal und rachsüchtig, und seine Frau Caro war kaum besser. So oder so: Jedes Mal, wenn Laney nach einem Weg aus ihrem Dilemma suchte, sah sie vor ihrem inneren Auge, wie ihre Großmutter in Handschellen abgeführt wurde.

Laney konnte nicht einmal das Geld zurückgeben. Es war fest angelegt in einem Fonds, aus dem die Kosten für Grans betreutes Wohnen bezahlt wurden. Da kam Laney nicht dran, ihre Handlungsvollmacht war klar umrissen. Sie war also gefangen in dem Wissen um eine Verfehlung, die sie beim besten Willen nicht wiedergutmachen konnte. Und jetzt musste sie fürchten, dass Dalton Cain die Wahrheit erfahren hatte.

Eine Katastrophe! Entweder würde er ihre hilflose dreiundachtzigjährige Großmutter verklagen, oder er würde sie zwingen, das Geld zurückzugeben.

Keine dieser Optionen war akzeptabel, und das bedeutete, dass Laney jetzt sehr genau darüber nachdenken musste, wie sie vorgehen wollte.

Ihre übliche Reaktion auf jeden der Cains – und insbesondere auf Dalton – war stets eine Mischung aus Geringschätzung und Großspurigkeit gewesen. Doch vor zehn Jahren, als sie Dalton zum letzten Mal gesehen hatte, war sie auch ein anderer Mensch gewesen. Das Mädchen von damals hätte ihn noch aufgefordert, die Polizei zu rufen, und während es abgeführt worden wäre, hätte es ihn mit Beleidigungen und Flüchen überhäuft. Aber dieser dreiste, rebellische Teenager war sie längst nicht mehr.

Das vergangene Jahrzehnt hatte sie Zurückhaltung und Mäßigung gelehrt. Sie war Grundschullehrerin geworden! Und vielleicht war es sogar gut, dass sie heute auch so aussah: sanft, liebenswert und gefällig.

Kaum war ihr das durch den Kopf gegangen, da bog ein Auto aus der Beacon Street ab und kam auf die Schule zu.

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