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Was geschah mit Marion?

Prolog

Er saß vor seiner Staffelei am Ufer und malte den Fluss und die grünen Büsche und Bäume dahinter. Er malte immer Wasser und Ufer, so oft er dafür die Zeit fand. Durch das Gebüsch hatte er sich gezwängt und vor einigen Wochen einen versteckten Platz direkt am Wasser gefunden, der gerade Raum für seine Staffelei und seinen Hocker bot. Deswegen kam auch nie irgendjemand hierher und störte ihn. Der Gesang der Vögel wurde heute einzig durch Lachen und Gesprächsfetzen unterbrochen, die von einem Boot herüber klangen, das in der Nähe des Ufers bei absoluter Windstille dümpelte. Er beachtete weder die menschlichen Laute noch das Boot. Bedächtig wählte er unter den Grüntönen seiner Palette die passende Farbe aus und vervollständigte sein Bild.

Erst eine ganze Weile später fiel ihm auf, dass Ruhe eingekehrt war. Das Boot lag weiter ruhig im Wasser, das Lachen hatte jedoch aufgehört. Er korrigierte einen Baum am rechten Rand seines Bildes und fügte ein paar filigrane Äste hinzu. Zufrieden betrachtete er den Gesamteindruck, als ein Schrei, der aus dem Boot zu kommen schien, ihn aufschreckte. Es war eine Frau, die da geschrien hatte, danach war es wieder still. Er blickte zur Sonne hinauf und überlegte, ob er noch sitzen bleiben oder einpacken und nach Hause fahren sollte, als der Hilfsmotor des Segelbootes angeworfen wurde. Ein Mann trat an die Reling, sah sich um, und als er ihn erblickte hielt er eine Flasche hoch und rief: „Corinna hat sich den Arm in der Tür geklemmt, zu viel Prosecco“.

Er winkte kurz, als das Boot Fahrt aufnahm, und verschwand wieder nach unten.

Kai sah dem Boot nach. Er kannte dieses Fabrikat. Es besaß 3 Kajüten und eine offene Kombüse im Wohnbereich. Neben der Heckkabine gehörte ein Minibadezimmer zur Ausstattung. Nachdenklich packte er seine Utensilien zusammen. Was veranlasste Menschen, sich an einem warmen Sommertag im Bauch eines Bootes zu betrinken? Er hätte Kaffee auf Deck vorgezogen. Er grinste verhalten. „Typisch Psychologe“ dachte er. „Alles hinterfragen müssen und nichts einfach stehen lassen können.“ Er packte seine Tasche und zwängte sich durch das Gebüsch. Vorsichtig spähte er nach rechts und links, bevor er auf den Hauptweg trat. Kein Mensch weit und breit. Gut so. Er wollte diesen Platz für sich allein behalten.

Der Parkplatz hatte sich merklich gefüllt, und auf dem angrenzenden Wiesenstück spielten Jugendliche Fußball. Er legte seine Staffelei, den Koffer mit den Farben und Pinseln, den Hocker und das fertige Bild in den Kofferraum und fuhr los.

Kai saß noch nicht lange in seinem Büro, als Enno, der Personalchef, den Kopf durch die Tür steckte.

„Da ist eine Frau, fast noch ein Mädchen, die mit dir sprechen will“ sagte er. „Hast du Zeit?“

Kai nickte. „Wer ist es denn?“ fragte er „Jemand vom Personal?“

„Nein, niemand von uns, aber sie hat explizit nach dir gefragt.“

„Schick sie herein“ sagte Kai.

Wenig später klopfte es zaghaft an der Tür, und eine Frau betrat das Büro. Sie schien sehr jung, möglicherweise noch nicht einmal volljährig zu sein.

Kai ging ihr entgegen und reichte ihr die Hand. „Kai Lichterfeld“ stellte er sich vor. „Rena Somsen“ antwortete sie und ergriff seine Hand mit festem Druck.

„Was kann ich für Sie tun? Herr Speltmann sagte, Sie wollten zu mir. Kennen wir uns denn?“

Rena schüttelte den Kopf. „Nein, mich kennen Sie nicht, aber meine Mutter. Sie haben ihr vor ein paar Jahren sehr geholfen und jetzt brauche ich Ihre Hilfe.“

Kai überlegte kurz dann sagte er: „Möglicherweise liegt hier ein Missverständnis vor. Ich kenne niemanden, der Somsen heißt.“

„Oh, Entschuldigung. Meine Mutter heißt Berkhof“ sagte Rena.

Kai nickte. „Frau Berkhof kenne ich natürlich“ Er lächelte Rena an. „Nehmen Sie doch Platz. Möchten sie Kaffee oder Wasser?“

Nachdem Kai der jungen Frau den gewünschten Kaffee serviert hatte, sah er sie aufmunternd an: „Also, was kann ich für Sie tun?“

„Meine Mutter ist verschwunden“ platzte Rena heraus. „Seit vorgestern Abend. Ich mache mir Sorgen“.

„Erzählen Sie bitte der Reihe nach“ bat er. Rena nickte und fuhr fort:

„Ich studiere in Bochum, verbringe aber die Semesterferien immer bei meiner Mutter. Weil ich am Freitag noch eine Klausur abgeben musste, bin ich erst am Samstag mit dem Zug gefahren. Meine Mutter wollte mich eigentlich am Bahnhof abholen, war aber nicht da, als ich ankam. Daraufhin habe ich sie auf dem Handy angerufen, aber nur die Mailbox erreicht. Ich habe noch ein Weilchen gewartet und bin dann mit dem Bus nach Hause gefahren. In der Wohnung war sie auch nicht. Ich habe den ganzen Abend gewartet und bin dann auf der Couch eingeschlafen. Am nächsten Morgen, also gestern, habe ich ihre Freundinnen, soweit sie mir bekannt sind, angerufen. Aber keine konnte mir sagen, wo sie ist. Meine Mutter geht schon einmal spontan aus, sie feiert halt gern. Aber für gewöhnlich ruft sie mich entweder an, oder sie legt einen Zettel auf den Tisch. Ich habe dann Angst bekommen, und am Mittag bin ich zur Polizei gegangen. Dort hat man mir gesagt, dass ich erst nach 48 Stunden eine Vermisstenanzeige aufgeben kann. Na, und dann fiel mir ein, dass sie oft von Ihnen gesprochen hat…und ich dachte..“ Sie stockte. „Vielleicht können Sie mir helfen, sie zu finden?“

Kai sah Rena an. Vor seinem inneren Auge formte sich ein Bild. Eine Enddreißigerin, attraktiv, schlank, mit dunklen Haaren und Brauen. Unter dem rechten Auge ein Veilchen, das Jochbein geschwollen, eine bereits geklammerte Platzwunde über der Braue und eine geschwollene Oberlippe, so kam sie vor einigen Jahren in sein Büro. Ihr damaliger Ehemann, der unter Alkoholeinfluss gewalttätig wurde, war der Verursacher der Verletzungen gewesen.

„Ich bin Psychologe und kein Detektiv“, sagte Kai. „Aber ich kenne ein paar Leute, die Ihnen vielleicht helfen können. Fahren Sie jetzt bitte wieder nach Hause. Geben Sie mir ihre Handy-Nummer, damit ich Sie erreichen kann, falls ich etwas in Erfahrung bringe. Und hier ist meine Karte, falls Sie mich erreichen wollen“, und nach kurze Pause fügte er hinzu: „Egal um welche Uhrzeit.“

„Und was geschieht jetzt?“ fragte Rena.

„Ich führe einige Telefonate. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen. Vermutlich gibt es für die Abwesenheit Ihrer Mutter ein harmlose Erklärung.“ Er nickte Rena freundlich zu und reichte ihr die Hand zum Abschied.

Als er wieder allein in seinem Büro war, trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte. Dies tat er immer, wenn er nachdachte. Dann rief er Enno an.

„Sag mal, ist euch aufgefallen, dass Frau Berkhof heute nicht da ist?“

„Wieso fragst du?“ Kai fiel ein, dass Enno die Zusammenhänge nicht wissen konnte und sagte: „Erzähl ich dir später. Wie ist es nun? Hat jemand ihr Fehlen bemerkt?“

Enno tippte auf seinem PC herum. „Ne“ sagte er dann, „kann keiner bemerkt haben, sie hat nämlich ab heute Urlaub.“

„Danke“ antwortete Kai „bis später“.

Von seinem privaten Handy aus wählte er eine Nummer. Eine Männerstimme meldete sich:

„Was gibt’s? Ich bin gerade an einem Tatort. Ist es wichtig?“

„Sag mir nicht, ihr habt eine Frauenleiche gefunden!“

„Doch…. wie kommst du darauf?“

„Ca. 172 groß, schlank, dunkelhaarig?“

„Falsch! Kleiner, dicker, hell.“

„Ok. Ruf mich zurück, sobald du kannst. Ich brauche deine Hilfe“

„Mach ich…und warte nicht mit dem Essen auf mich. Wird spät heute.“

Die Verbindung war unterbrochen.

Kai arbeitete seit 8 Jahren als Betriebspsychologe in dem Konzern und hatte darüber hinaus die soziale Verantwortung für die über 800 Angestellten und Arbeiter. Von Drogenmissbrauch über häusliche Gewalt, ungewollte Schwangerschaften, Trunkenheit am Arbeitsplatz, Nervenzusammenbrüchen bis hin zu Burnouts, alles fiel in seinen Verantwortungsbereich. Daneben war er bei Einstellungsgespräche gefragt, führte Entspannungsseminare durch und vermittelte bei Bedarf das Personal an Sportvereine oder Fitnesseinrichtungen.

Als nächstes rief Kai eine Dienststelle der Schutzpolizei an. Nachdem er weiter verbunden worden war, meldete sich eine Frau. Bevor sie noch ihr „was kann ich für Sie tun?“ aussprechen konnte, hatte er sie bereits unterbrochen: „Sina, hier ist Kai. Kannst du mir einen Gefallen tun und feststellen, ob in den letzten 36 Stunden eine Frau, Ende dreißig, dunkelhaarig, schlank und mittelgroß in eines der Krankenhäuser eingeliefert wurde, vermutlich ohne Bewusstsein oder nicht in der Lage ihr Handy oder ein Telefon zu bedienen. Eigentlich wollte ich deinen Bruder mit dieser Aufgabe betrauen, aber der hält sich gerade an einem Tatort auf und hat keine Zeit.“

„Haben wir eine Vermisstenmeldung vorliegen?“

„Nein, die 48 Stunden sind noch nicht um.“

„Ich schaue, was ich tun kann“ sagte Sina ein wenig zögerlich. „Es dauert aber etwas. Ich rufe dich zurück. Soll ich auch im Gewahrsam nachfragen?“

„Ja, sicher ist sicher.“

„Ok. bis dann“.

Es war bereits Mittag, als Kais privates Handy läutete. „Jan Köller“ sagte die Stimme am anderen Ende. „Womit kann ich dem Herrn Psychologen behilflich sein?“

Kai ließ ein leises Lachen hören. „Lass doch bitte mal feststellen, wo sich ein gewisser Herr

Leonhard Berkhof derzeit aufhält. Seine Ex-Frau ist verschwunden, und ich möchte sichergehen, dass er nicht die Finger im Spiel hat.“

„Hast du jetzt den Beruf gewechselt? Seit wann kümmern sich Psychologen um vermisste Personen?“

„Sie ist eine meiner Klientinnen.“

„Ok, geht klar. Ich schicke dir die Nachricht auf dein Phone. Ciao.“

Kurz nach 14.00 Uhr meldete sich Sina wieder. „Negativ“ sagte sie. „Allerdings nur im Großraum Hamburg“.

„Ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Vielen Dank!“

„Immer wieder gern“.

Eine halbe Stunde später piepste Kais Handy erneut. Eine Nachricht erschien: „LB sitzt seit 26 Tagen ein. Weitere 54 Tage wird sich dieser Zustand nicht ändern.“

Kai trommelte wieder auf die Tischplatte. Er würde noch einmal mit Rena sprechen müssen. Vielleicht fiel ihr noch etwas ein, wo er ansetzten konnte. Er wählte ihre Nummer und verabredete sich mit ihr um 16.00 Uhr in einem Café in der Nähe der Wohnung ihrer Mutter. Danach informierte er Enno, dass er außer Haus sei, stieg in sein Auto und fuhr los.

Als Kai vor dem Café ankam, wartete Rena schon. Er hatte sich auf der Suche nach einem Parkplatz leicht verspätet. Sie gingen hinein und fanden abseits einen Zweiertisch. Nachdem die Kellnerin den Kaffee gebracht hatte, sagte Kai:

„Um eventuelle Rückschlüsse auf den Verbleib Ihrer Mutter ziehen zu können, muss ich jede Kleinigkeit wissen. Wann haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen? Hat sie irgendetwas von einer neuen Bekanntschaft angedeutet? Sind Ihnen irgendwelchen Bemerkungen erinnerlich, die einen Hinweis geben könnten?“

Rena dachte angestrengt nach, was ihrem konzentrierten Gesichtsausdruck deutlich zu entnehmen war.

„Ich habe sie am letzten Mittwoch angerufen und ihr gesagt, mit welchem Zug ich am Samstag ankomme. Daraufhin hat sie mich gefragt, was ich mir denn zum Essen wünsche. Sie müsse ohnehin noch einkaufen gehen. Dies hat sie offensichtlich auch getan, denn der Kühlschrank ist voll.“

Nach einer Pause sprach Rena weiter. „Sie hat noch eine Frau erwähnt, die ihr einen kleinen Laden für ausgefallene Kleidung empfohlen hätte. Dorthin wollte sie mit mir gehen, um etwas für meinen Geburtstag im nächsten Monat zu kaufen. Sie nannte die Frau „Doro von der Eisbar“.“

„Gibt es einen Eissalon in der Nähe ihrer Wohnung?“

„Ja. Zwei Blocks weiter auf der linken Seite.“ Rena zeigte mit dem Arm in die entsprechende Richtung, und Kai machte sich Notizen auf seinem Phone.

„Gehen Sie bitte Ihre Ankunft noch einmal Schritt für Schritt in Gedanken durch.“

Rena lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Ich bin am Samstag um 17.12 Uhr angekommen, der Zug hatte eine Viertelstunde Verspätung. Ich habe dann etwa 20 Minuten gewartet und bin mit dem Bus nach Hause gefahren. Kurz nach 18.00 Uhr war ich dort.“

Sie machte eine Pause, öffnete kurz die Augen, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und schloss wieder ihre Lider. Sie sprach langsam und bedächtig.

„Die Wohnung war aufgeräumt, es stand oder lag nichts herum. Die Spülmaschine war fertig, aber nicht ausgeräumt, Mamas Bett war gemacht, mein Bett frisch bezogen.“

Kai, der sich weiter Notizen machte, erinnerte sich, was Enno ihm auf Nachfragen bestätigt hatte, nämlich, dass Frau Berkhof am Freitag pünktlich den Betrieb verlassen hatte, wie aus der Zeiterfassung ersichtlich war.

„Weiter“.

„Ich habe mir ein Fertiggericht aus dem Tiefkühlschrank gemacht, habe Cola getrunken, Musik gehört und gewartet. Irgendwann nach 23.00 Uhr bin ich eingeschlafen.“

„Gut, was taten Sie am nächsten Morgen?“

„Als ich sah, dass Mama nicht da ist, habe ich erst schnell geduscht, mir andere Sachen angezogen und dann im Adressbuch neben dem Telefon meiner Mutter nach den Nummern ihrer Freundinnen gesucht. Ich habe alle drei nacheinander angerufen, aber keine wusste, wo sie sein könnte.

Kurz vor 12.00 bin ich dann zur Polizeidienststelle Mitte gefahren, um meine Mutter als vermisst zu melden, aber die wollten noch nichts tun, weil…“

Kai unterbrach sie. „Falls Ihre Mutter aber seit Freitagabend nicht mehr zu Hause war, wären die 48 Stunden jetzt um. Und Sie haben ja keinen Anhalt, dass sie erst am Samstag das Haus verlassen hat, nicht wahr?“

Rena nickte.

„Haben Sie zufällig ein Bild Ihrer Mutter dabei?“ fragte Kai.

Rena entnahm ihrer Tasche eine Fotografie, auf der sie mit Ihrer Mutter abgebildet war.

„Das ist aus dem letzten Urlaub“ sagte sie.

Kai fotografierte das Bild mit seinem Handy und reichte es ihr zurück.

„Ich bitte einen Freund, sich der Sache anzunehmen. Er ist Polizist.“

Er winkte der Kellnerin und bezahlte den Kaffee. Beim Verlassen des Cafés sagte Kai:

„Sollte Ihnen noch etwas einfallen, rufen Sie mich auf jeden Fall an.“

Rena nickte und gab ihm die Hand. „Ich bin Ihnen so dankbar für Ihre Hilfe“ sagte sie und ging in Richtung ihrer Wohnung davon, während Kai sich zum Parkplatz begab.

Wie es Kai in seinem Beruf gewöhnt war, ordnete er die Notizen und schrieb die Fakten auf. Dann überlegte er, ob er kochen oder sich etwas vom Pizzaservice bestellen sollte. Wenn Jan erst spät nach Hause käme, hatte er bestimmt schon irgendetwas gegessen, also lohnte es nicht, heute zu kochen. Er rief „Tonio’s“ an und bestellte eine Pizza Calzone für 19.00 Uhr, bevor er die Unterlagen für das morgige Seminar heraussuchte und bearbeitete.

Tonio lieferte pünktlich, und Kai aß die Pizza direkt am Schreibtisch aus der Packung. Er überlegte gerade, ob er sich einen Grappa oder einen Espresso genehmigen sollte, als es wieder klingelte.

Rena rannte die Treppen in die 3. Etage hinauf, kaum, dass er den Türöffner betätigt hatte. Außer Atem stand sie vor ihm und sagte: „Entschuldigung für die Störung, aber ich habe etwas gefunden!“

Er bat sie herein und komplimentierte sie auf die Couch, holte ihr ein Glas Wasser und wartete, bis sich ihr Atem wieder normalisiert hatte.

„Was haben Sie gefunden?“ fragte er.

Sie öffnete ihre Handtasche und holte einen Zettel mit einer Handy-Nummer heraus.

„Den habe ich obenauf im Müll gefunden“ sagte sie. „Ich habe da angerufen, aber es war endlos besetzt.“

Sie sah Kai mit einem hilflosen Blick an. „Können Sie damit etwas anfangen?“

„Nein, ich nicht, aber ich kenne jemand, der es kann…wie sind Sie übrigens hierhergekommen?“

„Mit dem Auto meiner Mutter.“

„Aha“. In der nachfolgenden Stille hörten beide das Schnappen eines Türschlosses.

„Was war das?“ fragte Rena und sah nervös zur Tür.

„Oh, vermutlich ein Geräusch aus der Nachbarwohnung, das Haus ist sehr hellhörig“ antwortete Kai. Wenige Sekunden später glaubte er ein leises Schnappen abermals zu hören.

Er nahm sein Handy und wählte. Als die Verbindung zustande kam, sagte er: „Kannst du auf einen Sprung zu uns herüberkommen…ja, eine junge Frau, die ihre Mutter als vermisst melden will……richtig……natürlich tue ich das…Kaffee oder Espresso?“ Kai beendete die Verbindung und sagte zu Rena: „Möchten Sie auch einen Kaffee?“

Sie nickte, und Kai ging zum Küchenblock, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen.

Als es wenig später klingelte, stand Jan Köller vor der Tür. Nach dem allgemeinen Bekanntmachen und nachdem der dampfende Kaffee vor ihnen stand, brachte Kai Jan unter Zuhilfenahme seiner Notizen auf den neuesten Stand. Auch den Zettel mit der Telefon-Nummer reichte er ihm. Jan zückte sein Phone und wählte. Nach dem 3. Klingeln meldete sich eine Stimme vom Band: „Eis und Feuer. Montag ist unser Ruhetag. Sie erreichen uns dienstags bis samstags in der Zeit von 11.00 Uhr bis Mitternacht. Am Sonntag von 10.00 bis 23.00 Uhr.“

Jan schüttelte mit dem Kopf: „Ein gastronomischer Betrieb, der heute Ruhetag hat.“ Und zu Rena gewandt „Ich kümmere mich sofort morgen Vormittag darum.“

Rena stand auf. „Ich schlafe heute Nacht bei einer Freundin. Mit ihr wollten meine Mutter und ich eigentlich für ein paar Tage nach Amrum. Ihre Eltern haben dort ein kleines Häuschen. Aber mir ist so gar nicht nach Urlaub. Ich denke, ich bleibe hier.“

„Wissen Sie“, sagte Kai „ich glaube wegzufahren ist gar keine so schlechte Idee. Hier können Sie ohnehin nichts tun, und wir haben ja ihre Handynummer, wenn wir Sie erreichen wollen. Vielleicht gelingt es Ihnen, ein wenig Abstand zu gewinnen.“

„Na gut, ich denke darüber nach. Vielen Dank für alles, und entschuldigen Sie, dass ich Ihren Feierabend gestört habe.“

„Kein Problem. Fahren Sie vorsichtig!“

Die Tür schloss sich hinter Rena.

Jan fragte: „Hat sie etwas gemerkt?“

„Nein, ich glaube nicht. Ich habe gesagt, es sei ein Geräusch aus der Nachbarwohnung gewesen“.

Jan grinste. „ So kann man es auch nennen. Du musst unbedingt den Schnapper der Verbindungstür wieder einmal ölen.“

Kai nickte und holte die Flasche Grappa aus dem Schrank. „Magst du?“ fragte er. Jan zeigte mit Daumen und Zeigefinger, wie viel er haben wollte.

„Was war das heute mit deiner Frauenleiche?“ fragte Kai

„Genickbruch, ein oder zwei Tage im Wasser, unklar ob Unfall oder Fremdverschulden. Sie war nur mit einem Slip bekleidet. Alle weiteren Fakten liefert die Gerichtsmedizin bis morgen Mittag…Ist es ok. wenn ich gleich schlafen gehe, ich bin geschafft.“

„Geh nur, ich werde heute auch nicht alt, und wer weiß, welche Überraschungen uns morgen ins Haus stehen. Gute Nacht.“

„Schlaf gut.“

Der Mann mit den langen grauen Haaren stutzte, als er das Bündel halb im Wasser liegen sah. Dass es sich nicht um Altkleider handelte, war ihm sofort klar. Langsam näherte er sich, kniete nieder und legte seine zitternden Finger an die Halsschlagader der Frau. Nur ganz schwach vernahm er ein unregelmäßiges Pochen. Er stand auf und sah sich um. In der Nähe der beiden alten Container, die er und zwei andere Nichtsesshafte bewohnen, sah er eine Gestalt am Boden sitzen und rauchen. Er stieß einen gellenden Pfiff aus, worauf die Person sich erhob und zu ihm herübersah. Er winkte. Langsam setzte sich der Mann in Bewegung. Auch er hatte ungepflegte lange graue Haare, die er zu einem Knoten am Hinterkopf festgesteckt hatte. Als er auf Rufweite herangekommen war, sagte der erste Mann:

„Hier liegt eine Frau, mehr tot als lebendig. Wir müssen Sie zu unseren „Villen“ bringen. „ Such Strandgut, das mindestens einen Meter lang ist, und komm so schnell wie möglich zurück, hörst du?“

„Ja, Doc“ sagte der andere Mann.

„Nun mach schon, Otto, wenn sie hier stirbt, haben wir die Bullen am Hals. Willst du das?“

„Nee, schon gut“.

Otto rannte am Ufer entlang und bückte sich mehrmals, ohne aber das Gewünschte zu finden. Der, den er Doc genannt hatte, fühlte die Haut an den Armen der Frau. „Unterkühlt“ murmelte er. Er betastete die Gliedmaßen, konnte aber keinen Bruch feststellen. Zuletzt sah er sich den Schädel an. Dort fanden sich zwei riesige Hämatome, die Schwellung reichte bis zur Stirn und um die Augen herum. „Brillenhämatom“ murmelte er.

Er suchte mit den Augen nach Otto und sah, dass der sich bereits auf dem Rückweg befand. Und zwei lange Äste hinter sich herzog.

Geschickt fertigte „Doc“ aus seinem Mantel und den beiden Ästen eine Behelfstrage. Vorsichtig bettete er die Frau darauf, und gemeinsam zogen sie die Verletzte zu den Containern. Dort angekommen legte er die Frau auf seine Matratze und wickelte sie in alle verfügbaren Kleidungsstücke und in die alte Decke, die er als Schutz gegen die Winterkälte besaß. Dann entfachte er draußen ein Feuer, kochte Wasser aus dem Fluss ab und fügte eine Hand voll Kräuter, die er im Marschland gefunden hatte, hinzu. Löffelweise flößte er der Frau die Flüssigkeit ein. Er massierte ihre Handgelenke, prüfte immer wieder ihre Lider, bis sie plötzlich von einem Hustenreiz geschüttelt wurde. Sie verzog dabei schmerzhaft das Gesicht. Eine Weile später, Doc hatte ihr fast eine ganze Tasse des Gebräus eingeflößt, begannen ihre Lider zu zittern. Sie öffnete die Augen, konnte ihren Blick jedoch nicht fokussieren. Dies geschah in der nächsten halben Stunde noch öfter. Doc überprüfte immer wieder den Puls.

Als von draußen Stimmen zu ihm drangen, ging er vor die Tür. Dort standen Otto und sein Mitbewohner, der von Allen Zorro genannt wurde, wegen seines schwarzen Hutes, des schwarzen Halstuchs und einer ebensolchen Weste. Auf seinem Rücken hing seine Gitarre.

„Stimmt es, Doc, du hast ne Frau gefunden?“ fragte er

Doc nickte. „Ob sie durchkommt, kann ich noch nicht sagen, aber sie hat zumindest schon ein paarmal die Augen geöffnet.“

„Kann ich sie mal sehen?“ fragte Zorro.

Doc öffnete die Tür für Zorro, und dieser kniete sich vor das Lager und betrachtete das Gesicht der Frau eingehend.

„Nie gesehen“ sagte er. „Weder aufm Strich noch auf der Rolle…und wat jetz?“

„Wir müssen abwarten“ sagte Doc. „Mehr kann ich momentan nicht tun.“

„Ich hau mich hin, war die ganze Nacht auf den Beinen“ sagte Zorro und verschwand im anderen Container, vor dem Otto mit einer angebrochenen Flasche Fusel saß.

„Komm rüber Doc, frühstücken“ rief er, aber zu seinem Erstaunen schüttelte Doc den Kopf.

„Jetzt nicht“ sagte er und machte noch einmal sein Kräutergebräu, das er diesmal auch selbst trank. Er suchte nach etwas Essbarem und fand einen Kanten Brot, der zwar hart, aber eingeweicht in den „Tee“ durchaus genießbar war, und den ersten Hunger stillte.

In einer Ecke des Containers kramte er in einer fadenscheinigen Tasche nach ein wenig Bargeld und Tabak. Dabei fand er eine noch fast volle Flasche Wein.

Im Gegensatz zu seinen beiden „Kumpels“ trank er keinen Schnaps. Und immer nur gerade so viel, dass es zum Vergessen reichte, nicht aber zu einem totalen blackout führte. Er wusste, dass er eines Tages die Kontrolle über den Alkohol verlieren würde, aber noch war es nicht so weit….

Doc, dessen eigentlichen Namen niemand zu kennen schien, war vor mehr als einem Jahr in Hamburg gestrandet. Dort hatte er Otto gefunden, der in einer Hintergasse auf Sankt Pauli zusammengeschlagen worden war. Er hatte ihn versorgt und sehr schnell festgestellt, dass Ottos geistige Fähigkeiten begrenzt waren. Ohne eine Ausbildung und mit nur wenigen Jahren Schulbildung, hatte Otto eine Zeit lang für einen Hungerlohn im Hafen gearbeitet. Dann, als er lieber trank, als aß, verlor er auch diesen Job und war zum Stadtstreicher geworden. Irgendwann hatte er sich mit den falschen Leuten angelegt, und die hatten ihm eine ordentliche Abreibung verpasst.

Da für Otto das Pflaster auf Sankt Pauli zu heiß wurde, und Doc vom Nachtleben, das geprägt war von Alkohol, Sex und Gewalt, die Nase voll hatte, zogen beide Richtung Wedel. Dort fanden Sie eines Tages an der Grenze zum Marschland zwei angeschwemmte Container, voll mit alten Kleidern. Auf Docs Initiative hin sortierten sie aus, was sie selbst brauchen oder verscherbeln konnten, säuberten die Container so gut es ging und richteten sich „wohnlich“ ein. Von einem seine Streifzüge nach Pfandflaschen brachte Otto Zorro mit, der als Straßenmusikant sein Dasein fristete. Er bewohnte eine schäbige Kammer in einem schäbigen Haus, in dem es nach altem Fett, ungewaschenen Körpern und noch Ekligerem roch. Er erkaufte sich ein gelegentliches Wohnrecht im Container durch den Fusel, den er Otto mitbrachte und vermietete seine Bleibe gegen Vorkasse stundenweise an Leute mit dem entsprechenden Bedarf.

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