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Was geschah in Zimmer 113?

1. KAPITEL

“Hallo, Mum, weißt du was? Ich glaube, ich habe die perfekte Frau für Onkel Marcus gefunden. Sie heißt Suzi Howell. Wir haben sie kennengelernt, als Chris und ich bei seinen Eltern zum Abendessen eingeladen waren. Ihre Mutter ist Chris’ Patentante, und Suzi ist einfach super – genau der schicke Typ, auf den Marcus steht. Und sie ist genau im richtigen Alter – Ende zwanzig – und weiß alles übers Hotelgewerbe, weil sie für einen exklusiven amerikanischen Laden in der Karibik arbeitet und …”

“Briony …”, unterbrach Polly Fraser die Lobesrede ihrer Tochter, als sie sich am Küchenschrank herumdrehte, den sie gerade ausgeräumt hatte.

Warum müssen Kinder immer den unpassendsten Moment wählen, um derartige Ankündigungen zu machen? überlegte Polly, während sie die restlichen Sachen auf die Arbeitsfläche stellte. Jetzt stieg sie erneut auf die Trittleiter.

“Du wirst sie ins Herz schließen. Sie ist einfach perfekt für Onkel Marcus. Pass auf, Mum”, fügte Briony warnend hinzu und fing geschickt das Glas mit dem selbst gemachten Pflaumenmus auf, das Polly beim Hinuntersteigen fallen gelassen hatte.

“Mmh”, bemerkte Briony, “meine Lieblingsmarmelade. Kann ich die mit ins College nehmen? Gekaufte Marmelade ist längst nicht so lecker.”

“Stimmt, das ist sie nicht.” Polly nahm ihr das Glas wieder ab und ignorierte die beleidigte Miene ihrer Tochter. “Du kennst die Regeln. Die Gäste kommen zuerst. Dabei fällt mir ein, wenn du dir etwas Geld dazuverdienen willst, solange du hier bist, das Brombeer-Apfel-Gelee, das ich letztes Jahr nach diesem neuen Rezept gemacht habe, ist sehr gut angekommen …”

“Mum …”, protestierte Briony. “Kannst du mal für fünf Minuten nicht an das Hotel denken und mir zuhören?”

Gehorsam ließ Polly sich von ihrer Tochter zum Küchentisch führen.

Sie war selbst erst achtzehn gewesen, also genauso alt wie Briony jetzt, als sie Richard Fraser kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Er war vier Jahre älter als sie gewesen.

Zum ersten Mal war sie ihm in der Anwaltskanzlei begegnet, in der sie gearbeitet hatte und die er nach dem Tod seines Großvaters General Leo Fraser aufgesucht hatte. General Leo Fraser hatte seinen beiden Enkeln Richard und Marcus zu gleichen Teilen das große georgianische Haus hinterlassen, das sich seit Generationen im Besitz der Familie befand, und das keiner seiner Söhne, die ebenfalls Soldaten waren, hatte haben wollen.

Da Marcus für einen Mineralölkonzern im Ausland gearbeitet hatte, hatte Richard den Nachlass regeln müssen. Richard hatte ihr zwar schon viel von seinem älteren Cousin erzählt, doch sie hatte Marcus erst nach ihrer Hochzeit kennengelernt. Nur drei Monate nach ihrer ersten Begegnung hatten Richard und sie geheiratet. Selbst nach all den Jahren, erinnerte sich Polly noch daran, wie schockierend die erste Begegnung mit Marcus für sie gewesen war. Richard war gut aussehend, charmant und fast altmodisch höflich gewesen, Marcus dagegen …

Marcus hatte sich schon immer von der Masse abgehoben. Selbst jetzt, mit Anfang vierzig, war er so maskulin, dass ihr Herz jedes Mal schneller klopfte, wenn er den Raum betrat. Während Richard sich mit dem klassischen gutmütigen und gut aussehenden Helden nach dem Vorbild von Jane Austens Mr Bingley hätte vergleichen lassen, hätte Marcus vielmehr Mr Darcy geähnelt. Seine überwältigende sinnliche Ausstrahlung erinnerte an einen Vulkan kurz vor dem Ausbruch, und für sie, Polly, die damals frisch verheiratet und sehr schüchtern gewesen war, war es einfach zu viel gewesen.

Bereits bei ihrer ersten Begegnung mit ihm spürte sie, wie viel Wert Richard auf die Meinung seines älteren Cousins legte. Sie waren beide auf dasselbe traditionsreiche, konservative Internat gegangen und wie Brüder aufgewachsen, und da Richard anderthalb Jahre jünger war als Marcus, war es vielleicht ganz natürlich, dass er ihn idealisierte.

Da sie mit vier Jahren Waise geworden und bei der Schwester ihres Vaters und deren Mann aufgewachsen war, wollte sie auf keinen Fall einen Keil zwischen Richard und seinen Cousin treiben. Wenn es ihrem geliebten, wundervollen Richard so wichtig war, Anerkennung von Marcus zu bekommen, wollte sie nicht dagegensteuern, und daher behielt sie auch für sich, wie unglücklich sie über dessen Reaktion auf die Heirat war.

“Meine Güte, Rick, sie ist doch noch ein Kind”, hatte sie Marcus zu Richard sagen hören, als die beiden sich ungestört wähnten.

“Sie ist hinreißend, und ich liebe sie über alles”, hatte Richard glücklich erwidert.

Marcus seufzte, und Polly konnte sich lebhaft vorstellen, wie er dabei versuchte, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Es war schwer zu glauben, dass jemand wie Marcus überhaupt je verstand, wie es war, jemanden so zu lieben, wie Richard und sie sich liebten.

Nach der Hochzeit zog sie zu Richard in seine Mietwohnung. Es war eine kleine Mansardenwohnung, die jedoch nach Norden lag und daher jenes berühmte Licht hatte, das für Künstler so wichtig war. Noch war Richard unbekannt und nagte am Hungertuch, aber sie, Polly, wusste, dass er eines Tages reich und berühmt sein würde …

Sie kamen geradeso über die Runden, denn Richard wurde von seinen Eltern finanziell unterstützt und verdiente etwas Geld mit Auftragsarbeiten – vor allem für Freunde seiner Eltern. Und darüber hinaus hatten sie natürlich noch ihr Einkommen als Sekretärin. Es war nicht viel, aber es reichte. Und als Richard und Marcus Fraser House verkauften …

Dann passierte es … Marcus hatte ihnen zur Hochzeit nachträglich ein Wochenende in einem luxuriösen Landhotel geschenkt. Entweder waren die Meeresfrüchte nicht mehr ganz frisch gewesen, oder sie hatte zu viel Champagner getrunken. Jedenfalls war ihr plötzlich so schlecht, dass sie sich die ganze Nacht übergeben musste. Richard kümmerte sich rührend um sie, und schon bald ging es ihr wieder besser …

Kurz darauf war Marcus bei ihnen zu Besuch, um mit Richard zu sprechen, weil sich kein Käufer für Fraser House fand. Und sie blamierte sich unsterblich, indem sie an ihm vorbei in das kleine Badezimmer lief, um sich erneut zu übergeben. Und es war Marcus, der als Erster die mögliche Ursache für ihr Unwohlsein benannte, als er scharf zu Richard sagte: “Verdammt, Rick, wenn sie nun schwanger ist …”

“Schwanger …”

Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie begann zu zittern.

Was sollten sie tun, wenn Marcus recht hatte? Richard und sie konnten sich kein Baby leisten. Sie kamen ja selbst kaum über die Runden.

Bei der Zubereitung des Abendessens mochte Polly nicht einmal kosten. Sie hatte für Marcus ein aufwendiges Gericht ausgesucht, da sie gern neue Rezepte ausprobierte. Ihre Tante war eine gute Köchin und hatte ihre Kochkünste an sie weitervermittelt, weil ihre Töchter nicht das geringste Interesse daran gezeigt hatten.

Sie, Polly, war nie auf die Idee gekommen, dass sie schwanger werden könnte – zumindest nicht so schnell. Das war vermutlich naiv gewesen.

Während sie in der Küche stand, hörte sie die beiden Männer miteinander reden.

“Verdammt, Rick”, hörte sie Marcus scharf sagen, “was hast du dir bloß dabei gedacht? Sie ist doch selbst noch ein Kind …”

“Ich habe nicht gedacht … Das tut man nicht, wenn man verliebt ist”, erwiderte Richard schlicht.

“Verliebt!”, höhnte Marcus. “Ich bezweifle, dass einer von euch weiß, was Liebe ist.”

Kurz darauf verabschiedete er sich. Polly bot ihm die Wange zum Kuss, doch er achtete nicht darauf, und seine grauen Augen waren fast schwarz vor Zorn.

“Ich glaube nicht, dass Marcus mich besonders mag”, gestand sie Richard ein wenig später. Sie saßen auf dem kleinen schäbigen Sofa, und Richard versuchte gerade, sie mit den Resten des Nachtischs zu füttern. Allein bei dem Geruch revoltierte ihr Magen, doch noch immer weigerte sich Polly, den Tatsachen ins Auge zu blicken.

“Natürlich mag er dich”, entgegnete Richard herzlich – vielleicht zu herzlich, denn er mied dabei ihren Blick. “Wahrscheinlich wünscht er sich sogar, er hätte dich zuerst kennengelernt. Nicht, dass du sein Typ bist …”

“Wie sieht denn sein Typ aus?”, fragte sie beiläufig, mehr um sich von ihrer Übelkeit abzulenken.

“Oh, groß, schlank, blond und weltgewandt – der Typ Frau, der aussieht, als wüsste er über die Dinge des Lebens Bescheid.”

Größer hätten die Gegensätze nicht sein können. Sie war nur knapp einen Meter sechzig groß, hatte langweiliges braunes Haar, und was ihre Lebenserfahrung betraf …

Einen Monat später, als sie die Augen nicht länger vor der Tatsache verschließen konnte, dass Marcus recht gehabt hatte und sie schwanger war, kam Richard nach Hause und fand sie in Tränen aufgelöst vor.

“Keine Angst”, tröstete er sie und nahm sie in die Arme. “Wir schaffen es schon irgendwie …”

Natürlich fühlte sie sich sofort besser. Er hatte so ein sonniges Gemüt, und sein Optimismus wirkte richtig ansteckend.

Ein Auftrag für ein Porträt, den Marcus vermittelt hatte, und ein großzügiger Scheck zu Weihnachten von Richards Eltern, die auf Zypern lebten, ermöglichten es ihnen, das Minus auf ihrem Konto auszugleichen, das trotz ihrer, Pollys, sparsamen Haushaltsführung beängstigende Ausmaße angenommen hatte. Doch die Wohnung war kalt und feucht, und im neuen Jahr erkrankte Richard an Grippe, und sie steckte sich bei ihm an und konnte nicht arbeiten gehen. Daraufhin erhielt sie einen Brief von ihrem Arbeitgeber, in dem stand, dass sie nach der Geburt ihres Babys ohnehin aufgehört hätte und daher gleich zu Hause bleiben könne. Der Brief traf an einem tristen Februartag ein, als sie, Polly, im siebten Monat schwanger und das Geld von Richards Eltern aufgebraucht war.

Das kleine Wohnzimmer war vollgestopft mit Babysachen, die sie alle gebraucht gekauft hatte. Dazu gehörte auch eine Wiege, die Richard neu streichen wollte. Polly saß gerade weinend auf dem abgenutzten Teppich, als die Tür geöffnet wurde und Marcus hereinkam.

Schnell stand sie auf und verlor dabei das Gleichgewicht. Sie schrie auf, doch Marcus fing sie auf und zog sie an sich, sodass sie das Gesicht an seinem teuren Kaschmirjackett barg. Während sie so dastand und seinen Duft einatmete, hatte sie das verwirrende Gefühl, nach Hause zu kommen und geborgen zu sein.

Schnell verdrängte sie es wieder, als ihr klar wurde, wie seltsam ihre Reaktion war. Sie hatte sich in seiner Nähe noch nie wohlgefühlt, und sie glaubte in seinem Blick seine Missbilligung darüber zu erkennen, dass ihre Heirat mit Richard und ihre Schwangerschaft ihn dazu gezwungen hatten, Verantwortung zu übernehmen und sein künstlerisches Talent zu vernachlässigen. Also wie hätte sie derart empfinden können? Sie hatte es sich nur eingebildet. Und dann ließ Marcus sie los, wandte sich von ihr ab und ging in Richards Zimmer.

Eine knappe Woche später kam Richard aufgeregt nach Hause und erzählte ihr von der “super Idee”, die Marcus gehabt habe. Er hob sie hoch und wirbelte sie herum, bis ihr so schwindelig war, dass sie ihn bitten musste, sie wieder abzusetzen.

“Was für eine Idee?”, fragte Polly.

“Marcus sagt, wir sollten Fraser House behalten …”

“Aber wir brauchen das Geld”, protestierte sie. Mittlerweile war ihr klar geworden, dass ihr Mann ein Träumer war. Er hatte zwar eine ausgeprägte Fantasie, war jedoch alles andere als praktisch veranlagt. Daher ahnte sie nichts Gutes, als sie auf seine Antwort wartete.

“Wir brauchen das Geld, ja”, bestätigte Richard. “Aber Marcus hatte diese super Idee, wie wir Geld verdienen können. Du weißt doch, dass er vor Kurzem befördert wurde und deswegen mehr Zeit in Großbritannien verbringen muss, um Gäste zu empfangen?”

Polly nickte langsam. Marcus war vor Kurzem zum Abteilungsleiter befördert worden. Er fuhr jeden Tag zur britischen Niederlassung seiner Firma in London und kehrte abends in sein Luxusapartment in dem kleinen Vorort zurück, aus dem Richard und er kamen. Und aus seinen Gesprächen mit Richard wusste sie, dass er viel Zeit mit Besprechungen mit seinen Kollegen aus Übersee verbrachte.

“Na ja, offenbar ist sein Chef gerade von einem längeren Besuch bei der Muttergesellschaft in den USA zurückgekehrt und hat Marcus erzählt, dass es dort üblich ist, leitende Angestellte und ihre Frauen, die für einige Zeit dorthin gehen, bei ihren amerikanischen Kollegen unterzubringen. Und er möchte das hier unbedingt auch einführen. Marcus würde dafür zusätzliche Gelder bekommen, aber er meinte, als unverheirateter Mann, der in einem Apartment mit komplettem Service wohnt, könnte er unmöglich das gleiche Maß an Gastfreundschaft bieten. Und dann ist ihm der Gedanke gekommen, dass es die perfekte Lösung für uns alle wäre …”

“Was?”, fragte sie verwirrt. Das Baby hatte begonnen, sich zu bewegen, und sie war immer noch erschöpft von der Grippe. Daher wünschte sie sich nichts sehnlicher, als sich ins Bett legen zu können – in ein schönes warmes Bett in einem schönen warmen Schlafzimmer …

“Na ja, was ich gerade gesagt habe”, erwiderte Richard. “Was für eine tolle Idee es wäre, wenn wir drei in Fraser House einziehen würden, und du und ich … oder besser gesagt du”, fügte er ein wenig zerknirscht hinzu, “sich um Marcus’ Kollegen kümmern würdest. Du weißt schon, ihre Zimmer sauber machen, Essen für sie kochen und so weiter. Und Marcus würde uns dafür bezahlen. Ach, natürlich würde er auch in Fraser House wohnen, und du müsstest wohl auch für ihn kochen …”

“Richard”, unterbrach Polly ihn matt.

“Ist dir nicht gut?”, erkundigte er sich besorgt, als er sah, wie schockiert sie wirkte. “Es ist doch nicht das Baby, oder?”

Nein, es war nicht das Baby, aber ich war so schockiert, dass die Wehen genauso gut vorzeitig hätten einsetzen können, dachte Polly später, als sie nach den richtigen Worten suchte, um Richard zu sagen, wie unrealistisch Marcus’ Idee war. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Marcus mit einem Baby unter einem Dach wohnte, geschweige denn mit ihr.

In der Nacht brach dann die Decke im Schlafzimmer ein, und Richard erklärte, sie könnten auf keinen Fall weiter in dieser Wohnung bleiben, zumal er am nächsten Morgen wegen eines Auftrags für das Regiment seines Vaters für zehn Tage wegfahren müsse. Man habe ihn gebeten, das Maskottchen des Regiments zu malen – eine betagte Ziege, die im Hauptquartier in der Nähe von Aldershot ‘stationiert’ war.

Während Polly benommen in der Wohnung hin und her ging und versuchte, die heruntergefallenen Gipsstücke von den gewaschenen und gebügelten Babysachen zu sammeln, telefonierte Richard mit Marcus. Kurz darauf erschien Marcus, erfasste mit einem Blick die Lage und verkündete, in diesem Chaos könne niemand wohnen, vor allem kein schwangeres Kind.

“Ich bin kein Kind”, entgegnete Polly. “Ich bin neunzehn.”

“Wie ich bereits sagte – ein Kind”, erwiderte er scharf. “So, und jetzt kommst du mit und steigst in meinen Wagen.”

Widerstrebend begleitete sie ihn und fand sich kurz darauf in Fraser House wieder. Das Schild mit der Aufschrift Zu Verkaufen hatte man entfernt, und ein Reinigungstrupp war erschienen und beseitigte den Schmutz, der sich in den letzten Monaten angesammelt hatte.

Es war die Küche, die Polly schließlich veranlasste, sich doch für Marcus’ Idee zu begeistern. Groß und überraschend gut ausgestattet, wenn man bedachte, wie zurückgezogen der alte General gelebt hatte, verfügte sie über einen riesigen Herd und eine Heizungsanlage, die Unmengen warmen Wassers produzierte. Und dann waren da noch der große Garten und die Schlafzimmer, die nur einen neuen Anstrich brauchten, ansonsten aber komplett eingerichtet waren und jeweils über ein eigenes Ankleidezimmer verfügten. Diese Ankleidezimmer sollten zu Bädern umgebaut werden, denn Marcus zufolge brauchten alle Gäste ein eigenes Bad.

Der Wohnraum war riesig, ebenso das Esszimmer, das mit einem speziell angefertigten Tisch und vierundzwanzig Stühlen möbliert war. Außerdem gab es eine kleine Bibliothek, ein hübsches Frühstückszimmer, das nach Marcus’ Aussage das Reich seiner Großmutter gewesen war, ein weiteres Wohnzimmer, zahlreiche Kellerräume und einen Dachboden.

Polly war schockiert, als Marcus ihr sagte, wie viel seine Firma für jedes Paar zu zahlen bereit war.

“So viel”, brachte sie hervor.

“Davon musst du auch das Essen bezahlen”, warnte er sie. “Und diese Leute sind es gewohnt, in den exklusivsten Restaurants zu essen, und werden hier denselben Standard erwarten. Aber mir ist klar, dass das kein Problem für dich ist”, fügte er zu ihrer Verblüffung hinzu.

“Ich …” Sie fühlte sich plötzlich ganz schwach. “Ich …”, begann sie wieder. Er war vor ihr durch die große Eingangshalle gegangen, die sie im Geiste bereits frisch gestrichen und mit einer großen Schale frischer Blumen auf der antiken Kommode vor sich sah. Das Dekorieren konnte sie getrost Richard überlassen, denn sie wusste, dass er derartige Arbeiten nicht für unter seiner Würde hielt. Das Wandbild, das er in ihrer alten Wohnung im zukünftigen Kinderzimmer gemalt hatte, war wunderschön gewesen.

“Ja, Richard würde … Oh …” Der stechende Schmerz, den sie verspürte, nahm ihr den Atem, und sie blieb stehen.

“Was ist?”, erkundigte sich Marcus scharf.

“Nichts”, schwindelte sie und hoffte, dass sie recht hatte und die Schmerzen, die kamen und gingen, nur falscher Alarm waren. Schließlich war es noch fast ein Monat bis zur Geburt …

Und so riss sie sich zusammen und ging mit Marcus nach oben, wo sie sich gemeinsam die Schlafzimmer ansahen und entschieden, welche als Gästezimmer genutzt werden sollten.

Sie waren stillschweigend übereingekommen, dass Marcus das große Schlafzimmer erhielt, das seinem und Richards Großvater gehört hatte, und zwar hauptsächlich deswegen, weil es mit dem dazugehörigen Bad und dem kleinen Wohnzimmer fast eine separate Wohnung bildete. Für Richard und sich hatte Polly zwei Zimmer ausgesucht, die am entgegengesetzten Ende des Hauses lagen, nicht nur um ihre Privatsphäre zu wahren, sondern auch, damit Marcus nicht von dem Baby gestört würde.

In ihrem tiefsten Inneren wusste sie, dass sie nicht mit Richards Cousin unter einem Dach wohnen wollte. Aber was hatte sie für eine Wahl?

Polly zuckte zusammen, als sie wieder einen stechenden Schmerz verspürte, der jetzt noch intensiver war und noch länger anhielt. Und diesmal konnte sie es vor Marcus nicht verbergen. Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Ihr war übel und schwindelig, und sie fühlte sich sehr allein und sehnte sich mehr denn je nach Richard oder zumindest nach ihrer Tante. Doch Richard war in Aldershot, und ihre Tante besuchte ihre älteste Tochter in Südafrika.

Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, und Polly konnte nicht einmal protestieren, als Marcus plötzlich leise fluchte und sie nach unten und zur Haustür führte.

“Nein …”, begann sie, verstummte aber, als der Schmerz wiederkam.

“Was glaubst du wohl, wohin ich dich bringe?”, hörte sie Marcus angespannt fragen. “Ins Krankenhaus natürlich. Schaffst du es bis zum Wagen, oder …?”

Sie schaffte es nur, weil sie um jeden Preis verhindern wollte, dass er sie dorthin trug. Und offenbar überschritt er alle Geschwindigkeitsbeschränkungen, so schnell erreichten sie das Krankenhaus.

Zu dem Zeitpunkt kamen die Wehen so häufig, dass Polly nichts anderes tun konnte als das, was man ihr sagte, während sie aus dem Wagen auf eine Trage verfrachtet und in den Kreißsaal gerollt wurde.

Als zwei Stunden später Briony Honey Fraser das Licht der Welt erblickte, öffnete Polly die Augen und sah den Mann an, dessen Hand sie die ganze Zeit verzweifelt umklammert hatte. Dabei stellte sie ungläubig fest, dass es nicht Richard, sondern Marcus war. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, wurde sie von Erschöpfung übermannt. Als sie schließlich aufwachte und ihre entzückende Tochter in einem Kinderbettchen und ihren über alles geliebten Ehemann strahlend vor Freude und Stolz neben sich am Bett sitzen sah, sagte sie sich, dass sie es sich nur eingebildet hatte und es nicht Marcus gewesen war.

Sie redete sich das bis zu dem Morgen ein, als Richard kam, um sie und Briony nach Hause zu bringen, und fröhlich erklärte: “Was für ein Glück, dass Marcus bei dir gewesen ist, als die Wehen eingesetzt haben … Ich habe ihm gesagt, dass er unbedingt Brionys Patenonkel werden muss. Schließlich war er bei ihrer Geburt dabei.”

Polly schloss die Augen und spürte, wie sie verlegen errötete. Es war also kein Traum gewesen … vielmehr ein Albtraum. Marcus war tatsächlich die ganze Zeit bei ihr gewesen. Marcus war es gewesen, der ihr den Schweiß von der Stirn getupft hatte, der sie ermuntert hatte, sich auszuruhen und zu pressen … und der ihr schließlich rau gesagt hatte, sie habe eine wunderschöne kleine Tochter bekommen … Marcus, nicht Richard …

Niemand würde je erfahren, wie erleichtert sie war, als sie Fraser House betrat und Richard ihr eröffnete, Marcus sei geschäftlich verreist und würde fast einen Monat wegbleiben. So hatte sie genug Zeit, um die beunruhigenden Erinnerungen daran, dass er bei der Geburt dabei gewesen war, und ihre Gefühle zu verdrängen.

Allerdings passierte noch etwas, das Polly zutiefst beunruhigte. Die kleine Briony warf einen Blick auf den Cousin ihres Vaters, der ihrer Mutter – auch wenn diese es sich nicht eingestehen wollte – ein Dorn im Auge war, und gestand ihm so, wie es nur Babys können, ihre Liebe.

Marcus war es auch, den sie zum ersten Mal anlächelte. Und es war Marcus, dessen Namen sie zuerst sagte, auch wenn ihre Mutter sich einzureden versuchte, dass das “Ma… Mar” nichts anderes als “Mama” bedeutete. Marcus war auch derjenige, auf den sie zuging, als sie ihre ersten Schritte machte.

Richard machte es überhaupt nichts aus, was typisch für ihn war. Er freute sich sogar darüber, dass seine Tochter Marcus genauso bewunderte wie er. Und als Briony drei war, musste Polly sich eingestehen, dass Marcus’ Entscheidung, Fraser House in eine sehr luxuriöse und gemütliche private Pension umzuwandeln, in der die leitenden Angestellten seiner Firma sich wie zu Hause fühlen konnten, sich für sie alle als vorteilhaft erwiesen hatte.

In ihrer Rolle als Hausherrin war Polly in ihrem Element. Ihre Gäste ließen sich gern von ihr verwöhnen, und Marcus hatte ihr gegenüber sogar trocken bemerkt, der Vorstandsvorsitzende würde sich bereits darüber beschweren, dass er noch nicht in den Genuss eines Aufenthalts in Fraser House gekommen war. Außerdem hatte er ihr mitgeteilt, dass sämtliche Vorstandsmitglieder einstimmig beschlossen hatten, das traditionelle Weihnachtsessen in diesem Jahr in Fraser House abzuhalten.

Mit zunehmendem Selbstvertrauen wurden auch ihre Kochkünste immer besser. Neue Kochbücher verschlang sie genauso wie ihre Gäste ihre Feinschmeckermenüs, und als das Weihnachtsfest vor Brionys viertem Geburtstag näher rückte, musste Polly sich eingestehen, dass sie noch nie so glücklich gewesen war.

Durch seine Kontakte bekam Richard inzwischen mehr Aufträge, und er träumte immer noch davon, dass man ihn eines Tages bitten würde, in der Royal Academy auszustellen. Insgeheim befürchtete sie allerdings, dass es nie der Fall sein würde. Seine Träume bedeuteten ihm jedoch sehr viel, und sie liebte ihn viel zu sehr, um sie zu zerstören oder ihn zu verletzen.

Mit seinen Wandgemälden in Fraser House erntete er eine Menge Lob und gewann neue Kunden. Allerdings fehlte seinen Arbeiten, so hervorragend sie technisch auch waren, das gewisse Etwas, das ihn zu einem Meister seines Fachs gemacht hätte. Trotzdem war er glücklich, und wenn Richard glücklich war, dann war sie es auch. Doch sie fragte sich oft, was Marcus, der moderne Malerei sammelte, tatsächlich vom Talent seines Cousins hielt. Vermutlich hatte er Richard auch viel zu gern, um ihn zu verletzen.

Und dann geschah das Unglück. Eines Abends, auf dem Rückweg von der Arbeit an einem Auftrag in der Nähe, wurde Richard in einen Unfall verwickelt und verunglückte tödlich.

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