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Was für ein Mann!

1. KAPITEL

Ein kühler Lufthauch strich über Stephanie Ryders Brust. Als sie an sich hinunterblickte, sah sie, dass ein Knopf ihrer Bluse aufgesprungen war. Die weiße Spitze an ihrem BH und die Rundungen ihrer Brüste waren deutlich zu erkennen.

Schützend verschränkte sie die Arme vor der Brust und musterte mit hochgezogenen Brauen den Mann, dessen Umrisse sich im Türrahmen der Sattelkammer abzeichneten. „Alec Creighton, Sie sind wirklich kein Gentleman.“

Er trug ein Anzughemd, eine dunkelgraue Hose und schwarze Slipper, die nicht recht zu dem rustikalen Ambiente des Pferdestalls passten. Langsam ließ er den Blick von Stephanies Armen zurück zu ihrem Gesicht wandern. „Haben Sie einen ganzen Tag gebraucht, um das herauszufinden?“

„Nein, so lange hat es nicht gedauert“, gab sie spöttisch zurück. „Übrigens bestätigen Sie diesen Eindruck gerade.“

Er trat einen Schritt auf sie zu. „Sind Sie immer noch sauer?“

Eilig schloss sie den Knopf wieder und strich ihre Bluse glatt. „Ich war gar nicht sauer.“

Enttäuscht, ja. Immerhin war Wesley Harrison gestern Abend kurz davor gewesen, sie zu küssen, als Alec hereingeplatzt war.

Wesley war ein toller Typ. Er sah gut aus, war clever und witzig und nur ein Jahr jünger als Stephanie. Seit Juni trainierte er am Ryder Equestrian Center, und er flirtete mit ihr, seitdem sie sich zum ersten Mal begegnet waren.

„Er ist zu jung für Sie“, sagte Alec.

„Wir sind gleichaltrig.“ Jedenfalls beinahe.

Alecs gerunzelte Stirn verriet seine Skepsis, doch er schwieg.

Mit seinem Auftrag, die Finanzen ihres Reitstalls genau unter die Lupe zu nehmen, hätte seine Anwesenheit sie eigentlich einschüchtern müssen. Auch seine äußere Erscheinung wirkte irgendwie Respekt einflößend: der kurze Haarschnitt, das kantige Kinn, der Ausdruck in den schiefergrauen Augen. Aber Stephanie hatte sich ihr Leben lang mit zwei älteren Brüdern und zahllosen eigenwilligen Springpferden herumgeschlagen. Von einem Auftragsschnüffler würde sie sich ganz sicher nicht aus der Ruhe bringen lassen.

„Sollten Sie nicht Ihre Arbeit machen?“, fragte sie.

„Ich brauche Ihre Hilfe.“

Nun war sie es, die ungläubig die Stirn runzelte. Schließlich war Finanzmanagement eindeutig nicht ihre Stärke. „Wobei denn?“

„Bei einem Rundgang.“

Sie griff nach dem schnurlosen Telefon, das neben dem Zaumzeug ihrer Hannoveraner-Stute Rosie-Jo auf dem Arbeitstisch lag. „Kein Problem“, sagte sie und drückte auf eine Kurzwahltaste.

„Was machen Sie da?“

„Ich rufe den Stallmeister an.“

Alex kam näher. „Warum?“

„Damit er Sie herumführt.“

Er nahm ihr das Telefon aus der Hand und schaltete es aus. „Sie könnten mir alles zeigen.“

„Dafür habe ich keine Zeit.“

„Aha. Sie sind also immer noch wütend auf mich.“

„Nein.“ Zwar war sie nicht gerade begeistert von seiner Anwesenheit, aber für die nächsten Tage würde er ihr Gast sein. Er hatte von ihren Brüdern den Auftrag erhalten, das Familienunternehmen Ryder International zu rationalisieren. Zugegeben, sie war ein wenig … nein, sehr besorgt, dass er an ihrer Art, das Ryder Equestrian Center zu führen, etwas auszusetzen haben könnte.

Stephanie war nicht bereit, auf Qualität zu verzichten, also sparte sie an nichts. Sie trainierte Weltklasse-Springpferde. Und wenn sie auf diesem Niveau konkurrieren wollte, brauchte sie von allem das Beste: Pferde, Futter, Equipment, Trainer und Tierärzte. Es reichte, dass sie ihre Entscheidungen gegen ihre Brüder verteidigen musste. Sie war nicht scharf darauf, sich auch noch vor einem Fremden zu rechtfertigen.

„Sind Sie stolz auf das, was Sie hier geschaffen haben?“, fragte er jetzt.

„Allerdings“, antwortete sie prompt.

„Dann spricht ja nichts dagegen, dass Sie mich herumführen.“ Seine Stimme klang herausfordernd.

Sie zögerte, suchte nach einer glaubwürdigen Ausrede.

Ein kaum merkliches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Stephanie straffte die Schultern, richtete sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter fünfundsechzig auf und blickte ihm offen in die Augen. „Alec Creighton, Sie sind wirklich kein Gentle­man.“

Sein Lächeln wurde breiter. Eilig trat er zur Seite und deutete auf die Stalltür. „Nach Ihnen.“

Hoch erhobenen Hauptes stolzierte Stephanie an ihm vorbei.

Es kam nicht oft vor, dass ein Mann schlagfertiger war als sie. Zwar gefiel es ihr nicht, aber sie würde die Sache einfach hinter sich bringen. Sollte er seine Führung kriegen. Sie würde seine Fragen beantworten und sich dann wieder ihrer täglichen Routine widmen.

Heute Vormittag würde sie Anfänger unterrichten und nachmittags ihr eigenes Training absolvieren. Danach musste der Tierarzt Rosie-Jo untersuchen. Sie hatte am Vortag vor einem Hindernis gescheut, und Stephanie musste sich vergewissern, dass die Stute sich nicht verletzt hatte.

Über den Feldweg gingen sie auf den großen Stall zu. Der Gedanke, Alec in seinen teuren Slippern durch den Schlamm auf der Reitbahn waten zu lassen, war verlockend. Es wäre ihm ganz recht geschehen.

„Also, was genau tun Sie eigentlich hier?“, erkundigte sie sich.

„Ich suche nach Fehlern und schaffe sie aus der Welt.“

„Und was heißt das?“

„Das heißt, dass die Leute mich rufen, wenn sie Probleme haben.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das flache weiße Gebäude, das ganz für sich am Rand einer Wiese stand. „Was ist das da?“

„Eine Tierklinik. Welche Art Probleme meinen Sie?“

„Solche, wie Sie sie haben. Leisten Sie sich einen eigenen Tierarzt?“

„Ja. Also Probleme wie Zahlungsschwierigkeiten und zu schnelle Expansion?“ Das waren die Schwierigkeiten von Ryder International in Kurzfassung.

„Manchmal.“

„Und was noch?“

Er schwieg.

„Sind Sie immer so ein Geheimniskrämer?“ Stephanie schenkte ihm einen Blick, der naiv und neugierig wirken sollte. Bei ihren Brüdern zog diese Masche immer.

„Also gut. Im Allgemeinen mache ich Marktlücken ausfindig. Und ich analysiere die wirtschaftlichen Bedingungen bestimmter Gebiete im Ausland.“

„Klingt anspruchsvoll“, gab sie zu und schaute wieder auf den Feldweg.

Die leichte Brise frischte auf, auf den Koppeln wieherten die Pferde.

„Erzählen Sie mir etwas über Ihren Job“, sagte Alec plötzlich.

„Ich bringe Pferden bei, über Hindernisse zu springen.“ Stephanie versuchte gar nicht erst, ihre Arbeit zu beschönigen.

Er wirkte belustigt, doch seine Stimme klang sanft. „Klingt anspruchsvoll.“

„Überhaupt nicht. Sie lassen sie einfach schnell galoppieren, lenken sie auf ein Hindernis zu, und meistens kapieren sie dann, was sie tun sollen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann bleibt das Pferd stehen. Aber Sie fliegen weiter.“

„Mit dem Kopf zuerst?“

„Mit dem Kopf zuerst.“

„Autsch.“

Ohne es zu merken, rieb sie über den empfindlichen Punkt außen auf ihrem rechten Oberschenkel. Sie war gestern hart gelandet, als Rosie-Jo sie abgeworfen hatte. „‚Autsch‘ trifft es ziemlich gut.“

Der Feldweg verengte sich zu einem Trampelpfad, der an dem mannshohen Lattenzaun endete, der die Reitbahn umgab. Alec blieb stehen, um eine Gruppe junger Reitschüler mit ihrem Trainer auf der anderen Seite des Zauns zu beobachten.

Stephanie stellte sich neben ihn.

„Ich wollte nicht überheblich klingen“, sagte er.

„Ich weiß.“ Zweifellos hatte er ihr seinen Job zutreffend beschrieben. Wäre er kein erfahrener Profi, hätten ihre Brüder ihn nicht engagiert.

Alec legte die Hand auf den Zaun und drehte sich zu ihr um. „Also, verraten Sie mir jetzt, wie Ihr Arbeitsalltag aussieht?“

Sie setzte schon zu einer sarkastischen Antwort an, doch in seinen schiefergrauen Augen lag eine Offenheit, die sie schweigen ließ.

„Ich dressiere Pferde“, sagte sie nur. „Ich kaufe Pferde und verkaufe sie wieder. Ich reite sie zu, züchte und trainiere sie.“ Sie ließ den Blick zu der Gruppe auf der Bahn wandern. „Und ich bin Springreiterin.“

„Wie ich höre, sind Sie auf dem besten Weg, für die Olympischen Spiele nominiert zu werden.“ Er fixierte sie aufmerksam.

„Das ist reine Zukunftsmusik. Im Augenblick konzentriere ich mich auf das Turnier in Brighton.“

Während sie sprach, tauchte Wesley hinter der Tribüne auf und führte Rockfire auf die Reitbahn. Selbst aus dieser Entfernung genoss sie den Anblick seiner hochgewachsenen schlanken Statur und des von der Sonne gebleichten Haars.

Seine Lippen waren ihren so verlockend nahe gewesen …

Ob er es noch einmal versuchen würde?

„Und was ist mit dem Management?“

Geistesabwesend konzentrierte Stephanie sich wieder auf Alec. „Hmm?“

„Management. Ich nehme an, dass Sie auch die Finanzen des Reitstalls verwalten.“

Sie nickte und beobachtete verstohlen wieder Wesley, der gerade auf sein Pferd stieg. Es war sein erstes Jahr bei den Erwachsenen, und er brannte vor Ehrgeiz.

Als er mit Tina sprach, die die Nachwuchsreiter unterrichtete, grinste er vergnügt und fuhr sich mit der Hand durch das volle, zerzauste Haar.

„Ihr Freund?“ Alecs Stimme klang scharf.

Schuldbewusst drehte Stephanie sich zu ihm um. Sie fühlte sich ertappt, weil sie abgelenkt gewesen war.

Stirnrunzelnd blickte Alec sie an. Der Gegensatz zwischen den beiden Männern war bemerkenswert. Der eine blond, der andere dunkelhaarig. Einer sorglos und unbekümmert, der andere intensiv und ernst.

Stephanie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Sind Sie verliebt in ihn?“

„Da ist nichts.“

Alec nahm seine Hand vom Zaun. Gerade segelte Wesley auf Rockfire über das erste Hindernis. „Doch, da ist etwas.“

Empört funkelte sie ihn an. „Hey, das geht Sie überhaupt nichts an.“

Lange hielt er schweigend ihrem Blick stand.

Seine Augen waren dunkel, die Lippen halb geöffnet. Und plötzlich war sie sich sicher.

Nein.

Nicht Alec.

Wesley war es, den sie wollte.

„Sie haben recht“, lenkte Alec ein. „Es geht mich nichts an.“

Es geht mich gar nichts an, ermahnte Alec sich selbst.

Doch an diesem Abend in ihrem Haus ertappte er sich dabei, dass er Stephanies Porträt auf einem Cover des Equine-Earth-Magazins anstarrte, das in einem Bilderrahmen im Wohnzimmer hing.

Ihre geheimnisvollen silberblauen Augen, das unbändige kastanienbraune Haar und die Sommersprossen in ihrem ansonsten makellosen Gesicht – all das ging ihn nichts an.

Allerdings galt das nicht für die Tatsache, dass der Name Ryder auf der Titelseite einer Zeitschrift prangte, die überall im Land gelesen wurde.

„Das war in Carlton Shores“, sagte sie. Der Klang ihrer Stimme jagte ihm einen elektrisierenden Schauer über den Rücken.

Plötzlich stieg ihm der Duft frisch gebrühten Kaffees in die Nase. Als er aufsah, bemerkte er, dass sie zwei dunkelrote Keramikbecher in der Hand hielt.

„Da haben Sie gewonnen“, sagte er.

Sie reichte ihm einen Becher. „Können Sie hellsehen?“

Er lächelte. „Das trifft es ziemlich genau.“

„Man verkauft sich eben, so gut es geht“, konterte sie.

„Warum überrascht mich das eigentlich nicht?“

In ihrem Geschäft ging es vor allem um Show und Glamour. Oh ja, sie arbeitete hart. Andernfalls hätte sie es niemals so weit gebracht. Doch der Reitstall war nicht gerade die Haupteinnahmequelle von Ryder International.

Alec trank einen Schluck Kaffee. Ließ den Blick über ihr frisch gewaschenes, noch feuchtes Haar wandern, das sie zu einem praktischen Zopf geflochten hatte. Sie trug ein eng anliegendes weißes Tanktop und eine bequeme Jogginghose, deren dunkelblaue Farbe sich mit dem Lindgrün der Socken biss.

„Hübsch“, bemerkte er.

Lächelnd streckte sie einen Fuß aus. „Royce hat sie mir aus London mitgebracht. Der letzte Schrei.“

„Soll das etwa ein modisches Statement sein?“

„Alle anderen Socken sind in der Wäsche“, gab sie zu. „Ich bin ein bisschen faul.“

„Genau. Das habe ich mir gleich gedacht, als ich Sie gesehen habe.“ Es war beinahe neun Uhr abends, und sie war gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen, um vor dem Abendessen zu duschen.

„Ich nehme an, das war ironisch gemeint.“

„Das Outfit gefällt mir“, erwiderte er aufrichtig. Offen gesagt hätte an ihrem straffen Körper mit den verführerischen Kurven selbst ein Kleid aus Sackleinen gut ausgesehen.

Neckend klimperte sie mit den Wimpern. „Kann man Ihnen irgendetwas glauben?“

Alec war von ihren funkelnden blauen Augen und den roten Lippen fasziniert, die einen reizvollen Kontrast zu ihrer hellen Haut bildeten.

Sie luden zum Küssen geradezu ein, deshalb lenkte er seine Aufmerksamkeit gnadenlos wieder aufs Geschäft. „Ist Ihnen eigentlich klar, dass die Einnahmen des Ryder Equestrian Center fast gleich null sind?“, fragte er.

Sofort erlosch das Funkeln in ihren Augen. Er redete sich ein, dass es so am besten war.

„Wir verdienen Geld“, behauptete sie.

„Ein Tropfen auf dem heißen Stein im Vergleich zu dem, was Sie ausgeben.“

Sicher, sie verkauften Pferde und kassierten Gebühren von den Reitschülern. Und Stephanie hatte im Lauf der Jahre einige Preisgelder bei Turnieren gewonnen. Doch die Einnahmen standen in keinem Verhältnis zu den hohen Ausgaben, die der Reitstall verursachte.

Sie deutete auf das Titelblatt an der Wand. „Und wir haben das hier.“

„Niemand bestreitet, dass Sie oft gewinnen.“

„Ich meine den Werbeeffekt. Das ist ein Cover von Equine Earth. Überprüfen Sie mal diesen Wert auf dem freien Markt.“

„Und wie viele potenzielle Pächter des Büroturms in Chicago lesen Ihrer Meinung nach dieses Magazin?“

„Sehr viele. Springreiten ist ein Sport der Reichen und Berühmten.“

„Haben Sie die demografische Zusammensetzung der Leserschaft von Equine Earth analysiert?“

Ihre Lippen wurden schmal, und sie stellte ihren Kaffeebecher auf dem Tisch ab.

Alec bedauerte, dass sie jetzt nicht mehr lächelte, aber er zwang sich, weiterzusprechen. „Natürlich haben Werbemaßnahmen einen Wert …“

„Oh, vielen Dank, Sie Guru der internationalen Wirtschaft.“

„Hey, ich versuche doch nur, einen professionellen …“

Die Eingangstür knarrte, und augenblicklich verstummte Alec. Als er sich umdrehte, sah er Royce in der Tür stehen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie laut Stephanie und er geredet hatten.

Doch Royce nickte ihnen freundlich zu. Offenbar hatte er nichts von ihrer Unterhaltung mitbekommen.

„Hey, Royce.“ Stephanie schlenderte zu ihrem Bruder. Ihre Stimme klang ruhiger, und ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.

Royce umarmte sie, bevor er sich Alec zuwandte. „Störe ich?“

„Wir plaudern gerade über meine Karriere“, zwitscherte Stephanie. „Über die Werbung, die das Ryder Equestrian Center für den ganzen Konzern macht.“ Mit einem Blick forderte sie Alec auf, ihre Worte zu bestätigen.

Der nickte ergeben.

„Hast du ihm das Video gezeigt?“, fragte Royce.

Argwöhnisch sah Stephanie ihren Bruder an. „Das muss er nicht sehen.“

Royce schob sie sanft zur Seite und betrat den Raum. „Natürlich muss er das. Es gibt nichts Besseres, um deinen Werdegang zu erklären. Haben wir noch Popcorn?“

„Wir haben noch nicht gegessen. Ich werde nicht …“

„Lass uns grillen.“ Royce schob die Ärmel seines Westernhemds hoch. „Ich könnte gut einen Burger vertragen. Und Sie, Alec?“

„Klar. Burger klingt gut.“ Genauso wie der Vorschlag, ein Video von Stephanie anzuschauen, vor allem, weil sie von der Idee nicht begeistert zu sein schien. Hatte sie etwas zu verbergen?

„Dann müsst ihr auf mich verzichten, fürchte ich“, sagte sie mit einem warnenden Unterton in der Stimme.

„Hast du denn keinen Hunger?“, wollte Royce wissen.

Sie reckte die sommersprossige Nase in die Luft. „Ich hole mir etwas aus der Kantine.“

„Wie du willst“, sagte Royce, und Alec bemerkte, dass in seinen Augen so etwas wie Genugtuung aufblitzte.

Was ging hier vor?

Stephanie zog ein Paar abgetragene Lederstiefel an, streifte sich einen grob gestrickten grauen Pullover über und stapfte zur Tür hinaus.

„Ich hatte schon Angst, dass wir sie gar nicht mehr loswerden.“ Royce schmunzelte.

„Was gibt’s?“

„Wir grillen Burger und sehen uns Familienvideos an“, erwiderte Royce harmlos.

Zwanzig Minuten später biss Alec in einen saftigen Burger. Er musste zugeben, dass Royce wirklich ein Meister am Grill war. Alec hatte einen Wahnsinnshunger, und der Burger schmeckte köstlich. Er war üppig mit gebratenen Zwiebeln und einer dicken Tomatenscheibe frisch aus dem Garten belegt.

Im Sessel neben ihm saß Royce und zielte mit der Fernbedienung auf den Fernseher.

Sie aßen noch, als auf dem Bildschirm eine sehr junge rothaarige Stephanie auf einem weißen Pony über kniehohe Hindernisse sprang. In ihren zierlichen Händen hielt sie die Zügel fest umklammert. Der Helm saß ihr schief auf dem Kopf, mit entschlossen angespannter Miene segelte sie über die Holzlatten.

Alec musste lächeln. Warum wollte Stephanie nicht, dass er den Film sah? Sie war hinreißend.

Schon in der kurzen Zeit, die er mit Royce und dessen Verlobter Amber auf der Ranch verbracht hatte, war ihm klar geworden, dass Stephanie von Royce und ihrem älteren Bruder Jared nach Strich und Faden verwöhnt wurde. Als er nun dieses Video sah und über den Altersunterschied zwischen Stephanie und ihren Brüdern spekulierte, ahnte er, wie es dazu gekommen sein musste.

Vor einem Oxer sammelte sich das Pony. Stephanie, in den Steigbügeln stehend, beugte sich nach vorn. Das Tier hob die Vorhand vom Boden und schlug mit der Hinterhand aus. Die beiden segelten über die weiß gestrichenen Latten, landeten schließlich mit einem heftigen Ruck hinter dem Hindernis auf der weichen Erde.

Das Pony kam zum Stehen, doch das galt nicht für Stephanie, die über den Kopf des Tieres nach vorn flog. Wild ruderte sie mit den Armen und stürzte hart auf den Boden.

Jared und Royce rannten zu ihr. Die beiden Teenager drehten ihre Schwester behutsam um, redeten auf sie ein und wischten ihr den Schmutz aus dem kleinen Gesicht.

Obwohl ihre Brüder sie zurückzuhalten versuchten, schüttelte sie den Kopf und ging entschlossen auf das Pony zu. Sie nahm die Zügel und saß wieder auf. Dann wendete sie das Pony und ritt zum Ende des Turnierplatzes. Die Kamera folgte ihr, als sie den Parcours noch einmal in Angriff nahm.

Alec schüttelte den Kopf. Er war amüsiert, gleichzeitig bewunderte er Stephanie.

Plötzlich schob Royce seinen Teller beiseite, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Ton des Fernsehers aus.

Fragend sah Alec ihn an.

„Es gibt etwas, das Sie wissen müssen.“ Royce klang gleichmütig, doch seine Gesichtszüge wirkten angespannt. „Versprechen Sie mir, dass Sie es für sich behalten.“ Jetzt lag ein warnender Unterton in seiner Stimme.

„Ich behandle alles, was Sie mir erzählen, mit größter Vertraulichkeit.“ Verschwiegenheit war die Grundlage von Alecs geschäftlichen Aktivitäten. Er wartete, und seine Neugier wuchs.

„Gut“, sagte Royce und holte tief Luft. „Also, hören Sie zu … Wir werden erpresst.“ Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Es geht um Stephanie.“

„Was hat sie getan?“ Doping? Ein Turnier manipuliert?

Scharf blickte Royce ihn an. „Sie hat nichts getan. Stephanie weiß nichts von der Sache, und das soll auch so bleiben.“

Aha. Fehlanzeige. Andere Taktik.

„Wer erpresst Sie?“

„Das möchte ich lieber nicht sagen. Aber das ist der Grund, warum das Konto der Viehranch ständig leer ist.“

„Über welchen Betrag reden wir?“

„Hunderttausend im Monat.“

„Im Monat?“, fragte Alec ungläubig.

Royce nickte grimmig.

Alec richtete sich in seinem Lehnstuhl auf. „Seit wann geht das so?“

„Seit mindestens zehn Jahren.“

„Wie bitte?!“

„Ja, ja, ich weiß.“

„Sie haben zwölf Millionen Dollar ausgegeben, um Stephanie etwas zu verheimlichen? Das muss ja ein verdammt großes Geheimnis sein.“

Ein finsterer Blick von Royce traf ihn. „Sorry. Es geht mich nichts an“, sagte Alec. Dennoch spielte er im Geist alle Möglichkeiten durch. Hatte die Familie in der Vergangenheit illegale Geschäfte gemacht? Glücksspiel? Alkoholschmuggel?

„Sie werden es nicht erraten“, sagte Royce.

„Vielleicht doch.“

„Nein. Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, hier herumzuschnüffeln.“

„Ich werde nicht spionieren“, lenkte Alec ein. Natürlich würde er die Wünsche seines Auftraggebers respektieren.

„Ach, verdammt.“ Mit einem frustrierten Seufzer setzte Royce sich wieder.

Alec wartete eine Sekunde. „Wie schlimm ist es?“

Royce stieß ein harsches Lachen aus. „Mein Vater war ein Mörder und meine Mutter eine Ehebrecherin.“ Nach einer kurzen Pause sprach er weiter. „Wir werden vom Bruder ihres Liebhabers erpresst. Der Liebhaber war auch das Mordopfer. So schlimm ist es.“

Alec zählte eins und eins zusammen. „Stephanie ist also Ihre Halbschwester.“

Heftig ließ Royce sich gegen die Lehne des Stuhls fallen. Sein Gesichtsausdruck sagte Alec, dass er mit seiner Vermutung richtiglag.

„Jedenfalls kann ich mir sonst nichts vorstellen, was zwölf Millionen Dollar wert wäre.“

„Sie darf es niemals erfahren.“

„Aber Sie können nicht ewig weiterzahlen.“

„Oh doch, das können wir. Mein Großvater hat gezahlt, bis er starb. Dann hat McQuestin weitergemacht. Und vor ein paar Monaten habe ich damit angefangen.“

Obwohl es ihn eigentlich nichts anging, fühlte Alec sich verpflichtet, aufrichtig zu sein. „Was werden Sie tun, wenn er seine Forderungen erhöht?“

Royces überraschter Blick verriet, dass ihm dieser Gedanke noch nicht gekommen war.

„Irgendwann werden Sie es ihr sagen müssen.“

„Nicht, wenn wir ihm das Handwerk legen.“

„Und wie wollen Sie das fertigbringen?“

„Ich weiß es nicht.“ Royce schwieg, richtete den Blick dann düster auf sein Gegenüber. „Haben Sie eine Idee?“

2. KAPITEL

Der Burger aus der Kantine, den Stephanie am Abend zuvor gegessen hatte, schmeckte zwar nicht so gut wie die, die Royce zubereitete. Doch er hatte ihren knurrenden Magen beruhigt. Und sie war der x-ten Vorführung des Videos „Stephanie fällt vom Pferd“ entkommen.

Es war eine Sache, diese Aufnahmen von Pleiten, Pech und Pannen guten Freunden zu zeigen … aber Geschäftspartnern? Während sie sich bemühte, von Alec ernst genommen zu werden, ließ Royce sie wie ein dummes kleines Mädchen aussehen.

Sie öffnete das Holzgatter zu Rosie-Jos Box im inneren Bereich des großen Pferdstalls und führte die Stute hinein. Der Tierarzt hatte die einwandfreie Gesundheit des Pferdes bestätigt, und sie hatten an diesem Morgen ein großartiges Training hinter sich gebracht. Bereitwillig hatte Rosie jedes Hindernis übersprungen.

Stephanie zog ihre Lederhandschuhe aus, nahm dem Pferd das Zaumzeug ab und griff durch die Streben des Gatters, um es auf einen Haken vor der Box zu hängen. Dann suchte sie sich eine Bürste aus der Kiste mit dem Sattelzeug heraus und fuhr damit über das gescheckte Fell der Stute.

„Wie läuft’s?“ Wesleys Stimme hallte durch die riesige Scheune. Von Rockfires Box schlenderte er zu der von Rosie-Jo hinüber. Er rückte seinen Stetson zurecht und legte die Arme auf das Gatter.

„Gut.“ Stephanie fuhr damit fort, Rosie-Jo zu striegeln.

Doch ihr Herz klopfte aufgeregt, in ihrem Bauch kribbelte es erwartungsvoll. Die Scheune war beinahe leer, die Stallburschen draußen mit Pferden und Schülern beschäftigt. Seit dem Beinahe-Kuss vor zwei Tagen hatte sie nicht mehr mit Wesley gesprochen. Wenn er es noch einmal versuchen wollte, war jetzt die beste Gelegenheit dazu.

„Sie scheut nicht mehr“, erklärte Stephanie. „Und bei dir? Alles okay?“

„Rockfire ist startklar. Tina lässt gerade die Hindernisse für uns umstellen.“

Ein letztes Mal strich Stephanie über Rosie-Jos Fell. Nachdem sie die Bürste an ihren Platz zurückgelegt hatte, klopfte sie die Hände an ihrer Jeans ab und ging quer durch die Box auf Wesley zu. Plötzlich fühlte sie sich befangen, konnte ihm nicht in die Augen schauen.

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