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Was der Winter verschwieg

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Wiggs

Was der Winter verschwieg

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

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Für Rose Marie Harris,

der Paperback Plus gehörte, der beste kleine

Buchladen in Washington State, den sie die letzten

siebenundzwanzig Jahre lang geleitet hat. Sie ist

eine Buchhändlerin, von der jeder Autor träumt:

belesen, enthusiastisch, liebevoll, hilfreich und

hat die unglaubliche Gabe, dem Leser immer

das richtige Buch in die Hand zu drücken. Zu

einer Signierstunde bei Paperback Plus gehörten

immer Unmengen an Essen, Freunden und Spaß,

was die Veranstaltung Jahr für Jahr zu einem

unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

 

Für Rose Marie, Kate, Lois und den Rest

der Belegschaft –

es war eine tolle Zeit mit euch, Ladies.

 

Danke für alles.

1. TEIL

Februar

SCHNEEBÖEN

Jeden Winter, wenn die kalte arktische Luft über Nordamerika hinwegfegt, bilden sich entlang der Lee-Seiten der Seeufer Schneeböen. Diese Böen, auch als Seeeffektschnee bezeichnet, bringen sehr schwere Schneefälle mit sich. Während die Schneeböen toben, ist oft nur wenige Meilen entfernt ein strahlend blauer Himmel zu sehen.

1. KAPITEL

Avalon, Ulster County, New York

Jeder Sender in Noah Shepherds Autoradio brachte die gleiche Meldung. Der nationale Wetterdienst hatte eine Warnung vor heftigem Schnee, Eis und Wind herausgegeben – im Bereich der Seen war außerdem mit heftigen Schneeböen zu rechnen. Die Behörden empfahlen den Menschen, an diesem Abend zu Hause zu bleiben und die Straßen für Rettungsfahrzeuge frei zu halten. Der kleine Flughafen war schon vor Stunden geschlossen worden. Sogar das schwerste Schneeräumgerät hatte Schwierigkeiten, den Highway zu räumen. Nur Verrückte und Dummköpfe waren bei diesem Wetter unterwegs.

Nun, Verrückte, Dummköpfe und Tierärzte für Großtiere. Noah wünschte, sein Scheibenwischer hätte eine noch schnellere Stufe. Der vom Wind herumgewirbelte Schnee kam so heftig und schnell auf ihn zu, dass er das Gefühl hatte, direkt gegen eine weiße Wand zu fahren. Noah konnte kaum sagen, ob er sich überhaupt noch auf der Straße befand.

Die Legende besagte, dass während dieser besonderen Schneeböen am See Wunder geschahen. Ja klar, dachte er. Wenn das hier ein Wunder war, war ihm die Realität tausendmal lieber.

Nachdem er geholfen hatte, Osmonds Fohlen auf die Welt zu bringen, hätte er das Angebot annehmen und über Nacht bleiben sollen. Es wäre wesentlich klüger gewesen, abzuwarten, bis das Wetter aufklarte und die Straßen wieder gut befahrbar waren, bevor er sich auf den meilenweiten Rückweg zu seinem Haus und der Klinik begab. Aber wie dem auch sei, dem Wetterbericht zufolge könnte es noch mehrere Tage dauern, bevor der Sturm sich ausgetobt hatte, und er würde mit Sicherheit erst noch einmal schlimmer werden, bevor es besser wurde. In der Klinik warteten der alte Beagle von Palmquists, eine Katze, die sich von einer Wirbelsäulenoperation erholte, und Noahs eigene Tiere, zu denen derzeit ein ausgesetzter Welpe gehörte. Er wusste, er konnte jederzeit seine Nachbarin Gayle bitten, nach ihnen zu schauen, aber er belästigte sie nur ungern. Mit einem Ehemann in Übersee und drei kleinen Kindern hatte sie garantiert Besseres zu tun, als zu seinem Haus zu gehen und nach seinen Tieren zu sehen.

Außerdem war sein Arztkittel mit Blut und Geburtsflüssigkeiten befleckt, und er brauchte dringend eine Dusche. Er trug seine liebste Kopfbedeckung für diese Jahreszeit, eine Wollmütze mit Ohrenklappen. Sie stammte aus seiner „Früher Depp“-Phase, wie eine seiner Exfreundinnen es genannt hatte. Noah hatte eine ganze Menge Exfreundinnen. Frauen in seinem Alter neigten dazu, sich etwas anderes zu erträumen als ein Leben an der Seite eines Landtierarztes.

Er beugte sich über das Lenkrad und schaute blinzelnd auf die Straße. Im Licht seiner Scheinwerfer sah es aus, als wenn die Schneeflocken waagerecht auf ihn zuflogen. Es erinnerte ihn an Star Wars, wenn der Millenium-Falke zu Lichtgeschwindigkeit überwechselte. Der Gedanke inspirierte ihn, die Star Wars-Melodie zu pfeifen. Gelangweilt von seinem langsamen Vorankommen, stellte er sich vor, die Windschutzscheibe wäre ein Fenster in eine weit entfernte Galaxie. Er war Han Solo, und die Schneeflocken, die auf ihn zuflogen, waren Sterne. Er gab Befehle an seinen Kopiloten, der beim Klang der Stimme seines Herren die Ohren spitzte: „Bereite alles für die Beschleunigung vor, Chewie. Hörst du? Alles vorbereiten zur Beschleunigung.“

Rudy, der Hund auf dem Beifahrersitz, stieß ein heiseres Bellen aus, woraufhin die Fensterscheibe beschlug.

Noahs letzte Freundin Daphne hatte ihn kritisiert, ein Kind zu sein, das niemals erwachsen wurde. Und Noah, der die Feinfühligkeit eines Vorschlaghammers besaß, hatte halb scherzend vorgeschlagen, dass sie ein paar eigene Kinder machen sollten, damit er jemandem zum Spielen habe.

Das war das letzte Mal, dass er Daphne gesehen hatte.

Ja, er hatte wirklich ein Händchen für Frauen. Kein Wunder, dass er ausschließlich mit Tieren arbeitete.

„General Kenobi, Ziel in Sicht, ein thermischer Detonator“, sagte er. Vor seinem inneren Auge sah Noah eine galaktische Sklavin in einem knappen Kettenbikini. Wenn das Universum doch nur tatsächlich so jemanden vorbeischicken würde.

Dann schlug er einen wohlklingenden Bariton mit einem fürchterlichen englischen Akzent an. „Ich vertraue darauf, dass du findest, was du suchst. Und … Mist!“ Ein blasser Schatten schimmerte direkt vor ihm auf der Straße. Er schlug das Lenkrad ein wenig ein und nahm den Fuß vom Gas. Das Heck seines Trucks brach aus. Rudy versuchte, sich auf dem Sitz zu halten. Mitten auf der Fahrbahn stand ein großäugiges Reh, dessen Rippen durch das dicke Winterfell stachen.

Noah drückte auf die Hupe. Das Reh zuckte zusammen und sprang dann quer über die Straße, über den kleinen Graben und verschwand in der Dunkelheit. Mitten im Winter war die schlimmste Zeit für Wild – in diesen Wochen drohten die Tiere zu verhungern, weil sie nichts mehr zu fressen fanden.

Der Radiosender führte den üblichen Test für die Verbreitung von Notfalldurchsagen durch. Noah stellte das Radio aus.

Beinahe zu Hause. Es gab keine Anzeichen in der Landschaft, die darauf hindeuteten, nur sein Gefühl verriet ihm, dass er sich seinem Haus näherte. Abgesehen vom College und dem Veterinärstudium in Cornell, hatte er nie irgendwo anders gelebt. Jeder Briefkasten sollte eigentlich mit einem hohen Metallstab ausgerüstet sein, doch die Schneeverwehungen waren inzwischen zu hoch und hatten die Briefkästen samt der Stäbe unter sich begraben.

Er konnte den Willow Lake zu seiner Linken nicht sehen, aber er spürte ihn. Es war der schönste See im Landkreis, umgeben von der wilden Landschaft der Catskills. Im Moment war er hinter einem Vorhang aus Schnee verborgen. Noahs Zuhause lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Sees und ein wenig den Berg hinauf. Am Seeufer selbst gab es nur einige alte Sommerhütten, die im Winter unbewohnt waren.

„General Azkanabi, wir brauchen Verstärkung“, sagte Noah und hörte, wie die eingebildete Musik in seinen Ohren anschwoll. „Schicken Sie mir jemanden her. Sofort!“

In diesem Augenblick bemerkte er … es: Etwas Rotes schimmerte im Schnee. Die gepfiffene Melodie erstarb Noah auf den Lippen. Er verlangsamte die Geschwindigkeit und hielt seinen Blick fest auf den roten Fleck gerichtet. Schließlich konnte er ein passendes Licht dazu ausmachen. Rücklichter, die zu einem Auto zu gehören schienen, das in einer Schneewehe feststeckte.

Er hielt seinen Truck in der Mitte der Straße an. Der Motor des anderen Wagens lief noch; Noah sah eine Abgaswolke aus dem in einem unnatürlichen Winkel nach oben ragenden Auspuff steigen. Die Rückleuchten warfen ein gruseliges Licht in die Nacht. Einer der Frontscheinwerfer war von Schnee bedeckt, der andere beleuchtete das Reh, das vom Auto erwischt worden war.

„Bleib, Junge“, befahl Noah dem Hund. Er packte seine Tasche, in der sich ausreichend Betäubungsmittel befanden, um das Reh zu erlösen. Dann schaltete er seine Stirnlampe an und begab sich in die stürmische Nacht hinaus.

Der herumwirbelnde Schnee und der heulende Wind schnitten wie Messer aus Eis in seine Haut. Er rannte zum Auto hinüber und sah, dass eine Frau darin saß. Sie schien mit einem Handy herumzufummeln.

Als sie ihn sah, ließ sie das Fenster herunter. „Gott sei Dank, dass Sie da sind“, sagte sie und stieg aus.

Für das Wetter war sie vollkommen unpassend gekleidet, so viel war mal sicher. Sie trug einen modischen Mantel und dünne Lederstiefel mit hohen, spitzen Absätzen. Keine Mütze. Keine Handschuhe. Blondes Haar, das wild im Wind wehte, verbarg teilweise ihr Gesicht.

„Wie sind Sie so schnell hierhergekommen?“, rief sie.

Noah nahm an, sie dachte, er wäre vom Pannendienst. Er hatte jetzt aber keine Zeit, ihr den Irrtum zu erklären.

Sie schien seine Eile zu teilen, denn sie packte seinen Ärmel und zog ihn von der Fahrertür weg zur Vorderseite des Autos, wobei sie auf ihren hohen Absätzen ein wenig schwankte. „Bitte“, ihre Stimme klang gestresst. „Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist. Glauben Sie, es kann gerettet werden?“

Er richtete den Strahl seiner Stirnlampe auf das Reh. Es war nicht die Ricke, die er vorhin gesehen hatte, sondern ein junger Bock mit einem gerade durchgebrochenen Geweih auf der einen und einem noch flauschigen Dreiender auf der anderen Kopfseite. Seine Augen waren glasig, und sein Atem ging auf eine Weise, die Noah kannte – die panischen Atemzüge eines Tiers im Schockzustand. Er sah kein Blut, aber oft handelte es sich um tödliche innere Verletzungen.

Verdammt. Er hasste es, Tiere einzuschläfern, hasste es wie die Pest.

„Bitte“, sagte die Fremde erneut. „Sie müssen es retten.“

„Halten Sie mal.“ Er gab ihr eine weitere Lampe aus seiner Tasche, um den Strahl seiner Stirnlampe zu verstärken. Dann hockte er sich neben das Tier, wobei er beruhigende Geräusche von sich gab. „Ganz ruhig, Kleiner.“ Er zog seine Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche seines Parkas. Das raue Fell des Rehs wärmte seine Finger, als er seinen Bauch untersuchte und keine Anzeichen von Flüssigkeit, keine abnormal weichen oder heißen Stellen feststellte. Vielleicht …

Ohne Vorwarnung rappelte der Rehbock sich auf und versuchte mit strampelnden Beinen, in dem tiefen Schnee Halt zu finden. Noah bekam einen Schlag auf den Arm ab und zog sich zurück. Das Tier sprang auf die Füße und setzte über eine Schneewehe. Instinktiv stellte Noah sich vor die Frau, um sie vor den Hufen des Bocks zu schützen, als der mit großen Sprüngen im Wald verschwand.

„Ich habe ihn nicht umgebracht“, jubelte sie. „Sie haben ihn gerettet.“

Nein, dachte er, auch wenn es bestimmt beeindruckend ausgesehen hat, dass der junge Bock sofort aufgesprungen ist, nachdem ich meine Hände auf seinen Bauch gelegt habe. Er sagte es nicht, aber es bestand immer noch die Möglichkeit, dass das Tier irgendwo im Wald zusammenbrach und starb.

Langsam schaltete er die Stirnlampe aus und richtete sich auf. Die Frau schien ihm mit der Taschenlampe direkt ins Gesicht und blendete ihn. Als er zusammenzuckte, senkte sie die Lampe. „Tut mir leid.“

Er zog seine Handschuhe wieder an und fragte: „Wohin sind Sie unterwegs?“

„Zwölf siebenundvierzig Lakeshore Road. Das Haus der Wilsons. Kennen Sie es?“

Er blinzelte und versuchte, sich zu orientieren. Die Frau hatte ihr Auto direkt an seiner Auffahrt von der Straße gelenkt. „Noch ein paar hundert Meter in Richtung See, dann sind Sie da“, erklärte er. „Ich kann Sie gerne hinbringen.“

„Danke.“ Schneeflocken verfingen sich in ihren Wimpern; sie blinzelte sie fort. Er erhaschte einen Blick auf ihr Gesicht – erstaunlich hübsch, aber blass und angespannt. „Ich hole nur eben meine Sachen.“ Sie reichte ihm die Taschenlampe und nahm dann eine Handtasche und eine große Reisetasche aus dem Auto. Außerdem gab es noch einen Rollkoffer mit vielen bunten Etiketten. In dem schwachen Licht der Innenbeleuchtung konnte er Wörter in einer fremden Sprache erkennen – ’s Gravenhage? Er hatte keine Ahnung, was das war. Und ein anderer Aufkleber sah aus wie ein offizielles Siegel vom State Department oder so. Wow, dachte er. Die Frau war nicht nur geheimnisvoll, sondern auch sehr international.

Sie schaltete den Motor und die Lichter aus. „Ich nehme an, es gibt im Moment nichts, was wir bezüglich des Autos unternehmen könnten“, bemerkte sie.

„Zumindest heute Abend nicht.“

„Ich habe noch ein paar Gepäckstücke im Kofferraum. Meinen Sie, ich kann die hierlassen?“

„Heute ist vermutlich keine Nacht für Diebe“, beruhigte er sie. Dann ging er zu seinem Truck voran und öffnete die Beifahrertür. „Geh nach hinten“, befahl er Rudy, und der Hund sprang auf den hinteren Notsitz.

Die Frau zögerte. Sie drückte ihre Handtasche gegen die Brust und sah Noah aus großen Augen an. Sogar in dem schummrigen Licht seines Trucks konnte er sehen, dass ihre Augen blau waren. Und sie sah ihn nicht länger als Rehflüsterer an, sondern so, als wäre er ein unberechenbarer Killer.

„Sie sehen mich an, als wäre ich ein Axtmörder“, sprach er seinen Gedanken laut aus.

„Woher weiß ich, dass Sie das nicht sind?“

„Noah Shepherd“, stellte er sich vor. „Ich wohne hier. Das hier ist meine Auffahrt.“ Er zeigte in die entsprechende Richtung. Der Weg, der von Kiefern gesäumt war, deren Äste von der Schneelast nach unten gedrückt wurden, lag unter einer knietiefen Schneedecke. Ein Lichtschein aus dem Fenster und die Verandabeleuchtung hüllten die Eingangstür in nebliges gelbes Licht. Die Zufahrt zur Klinik, den Zwingern und Ställen lag etwas weiter links; die Sicherheitsbeleuchtung war in dem dichten Schneetreiben kaum zu erkennen.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Selbst Axtmörder müssen irgendwo wohnen.“

„Stimmt. Wie also soll ich wissen, dass Sie keine Axtmörderin sind?“

Die Frage schien sie überhaupt nicht zu stören. „Das können Sie nicht“, erwiderte sie schlicht und stieg in den Truck.

Als er um den Wagen herum zur Fahrerseite ging, fragte sich Noah, ob hier fremde Mächte am Werk waren. Er machte sich normalerweise nichts aus so etwas, aber hatte er sich nicht gerade erst eine Frau gewünscht? Hatte das Universum ihn etwa erhört?

Natürlich wusste er gar nichts über seine unerwartete Beifahrerin. Wie sie so treffend bemerkt hatte, wusste er nicht einmal, ob sie eine Mörderin war oder nicht.

Als ob das was ausmachen würde. Mit ihrem Aussehen wäre es ihm vermutlich auch egal, wenn sie die Elternmörderin Lizzie Borden war. Die Fremde war einfach hinreißend und saß neben ihm in seinem Truck. Warum einem geschenkten Gaul ins Maul sehen?

Er hoffte, der Geruch des feuchten Hundes und der Geburtsflüssigkeiten auf seiner Hose würde sie nicht zu sehr stören. Vermassel es nicht, warnte er sich und kletterte auf den Fahrersitz. Und hör auf, alles zu übereilen. Er wusste nicht, ob sie sich mit jemandem traf, verheiratet war, verlobt, lesbisch oder psychotisch. Das Einzige, was er mit Sicherheit sagen konnte, war …

„Verdammt.“ Das Wort entschlüpfte ihm, bevor er es verhindern konnte. „Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie verletzt sind?“ Er nahm die Taschenlampe und ließ den Strahl an ihrem Bein entlang über den roten Fleck gleiten, der zum Loch am Knie ihrer Hose führte.

Sie gab ein kleines, kehliges Geräusch von sich, ein verängstigtes Keuchen, das Noah zusammenzucken ließ. Dann fing sie an zu zittern. Ihr Atem kam stoßweise. Sie sagte etwas in einer fremden Sprache, vielleicht in einem deutschen Dialekt. Es klang wie ein Gebet. Ängstlich schaute sie ihn an, als wenn er ihr schlimmster Albtraum wäre.

So viel dazu, es nicht zu vermasseln, dachte Noah.

„Hey, kein Grund auszuflippen“, sagte er, doch sie war mit ihren Gedanken ganz woanders. Plötzlich sackte sie einfach auf dem Sitz zusammen, ihr Kopf fiel zur Seite.

„Hey“, sagte er erneut, dieses Mal lauter. Mist, war die Frau ohnmächtig geworden? Er zog seinen Handschuh aus und fühlte an der Halsschlagader der Fremden nach einem Puls. Sie hatte noch einen, Gott sei Dank. „Kommen Sie schon, Miss“, drängte er sie und legte vorsichtig eine Hand an ihre Wange. „Kommen Sie wieder zu sich.“

Hinter sich hörte er Rudy unruhig wimmern. Er nahm vermutlich die Angst und das Blut der Frau wahr. Dann war der Hund einen Moment still, um im nächsten den Kopf in den Nacken zu legen und zu heulen.

Das wird mir eine Lehre sein, dachte Noah. Als er die Sterne gebeten hatte, ihm jemanden zu schicken, hätte er ein wenig genauer sein sollen. „Schickt mir eine Kellnerin aus dem Hooter’s“, hätte er sagen sollen, nicht irgendeine verrückte Fremde, die beim Anblick ihres eigenen Blutes in Ohnmacht fiel.

Soweit Noah das beurteilen konnte, war die Ohnmacht durch die Verletzung und die ganze Aufregung verursacht worden. Bei Tieren war es manchmal ein Schutzmechanismus. Bei Menschen … er war sich nicht sicher, was es da bedeutete. Egal wie, er musste ihren Blutdruck messen und sich um die Wunde kümmern.

Er versicherte sich, dass er immer noch den Allradmodus eingestellt hatte, und fuhr dann langsam die Auffahrt zu seinem Haus hinauf. Er fuhr am Haus vorbei zum dahinter liegenden Gebäude, in dem sich die Klinik befand. Das Grundstück hatte einst die Molkerei seiner Familie beherbergt, und in diesem Gebäude hatten sich die Büros befunden. Als er drei Jahre zuvor seine Praxis eröffnet hatte, hatte er es zu seiner Tierklinik umgebaut.

Er stieg aus dem Truck und gab Rudy ein Zeichen. Mit einem Kläffen kletterte der lebhafte Hund auf den Vordersitz und sprang dann aus dem Auto, um quer über ein schneebedecktes Feld zu laufen. Ganz offensichtlich war er sehr erpicht darauf, der seltsamen Fremden zu entkommen.

Noah sprang ebenfalls aus dem Auto und lief zur Beifahrerseite. „Miss? Können Sie mich hören?“

Die Frau reagierte immer noch nicht. Erneut prüfte er ihren Puls, bevor er sie ungelenk aus dem Truck zog und dabei rückwärts durch den knietiefen Schnee stolperte. Die Frau war nicht sonderlich groß, aber dennoch war es anstrengend, sie durch den hohen Schnee zu tragen. Mit der Schulter stieß Noah die Tür zur Klinik auf und trat ein. Er blieb kurz stehen, um die Alarmanlage auszuschalten, was ihm gelang, ohne die Frau fallen zu lassen. Dann durchquerte er den schummrig erleuchteten Empfangsbereich und betrat eines der Untersuchungszimmer. Hier ließ er die Frau vorsichtig auf den Edelstahltisch hinab und zog die Verlängerungsplatte heraus. Der Tisch war nicht für Menschen gedacht, aber er hatte keine andere Wahl.

„Miss“, sagte er noch einmal und fragte sich, ob er mit Erste-Hilfe-Maßnahmen anfangen sollte.

„Kommen Sie, kommen Sie, kommen Sie.“ Er schüttelte sie mit einer Hand und zog mit der anderen eine Sauerstoffmaske heran. Die tütenförmige Maske war eigentlich für Hundeschnauzen gedacht, aber wenn er sie stark genug andrückte, würde sie auch bei einem Menschen funktionieren.

Ihre Lider flatterten, dann schaute sie ihn auf einmal aus weit aufgerissenen Augen an. Sie stieß einen kleinen Schrei aus und rappelte sich auf. Noah trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. „Beruhigen Sie sich, okay?“, flehte er und dachte an das Pferdebetäubungsmittel, das er in seiner Tasche hatte. Er fragte sich, was sie wohl tun würde, wenn er sagte: Bringen Sie mich nicht dazu, das Pferdeberuhigungsmittel herauszuholen. Schlechte Idee. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sie berühren? Versuchen, sie zu beruhigen? Oder ihr Wasser ins Gesicht schütten? Sie berühren, ganz eindeutig.

„Miss …“ Sanft legte er seine Finger an ihr Handgelenk, um ihren Puls zu prüfen.

Großer Fehler. Sie zuckte zurück, als wenn sie sich verbrannt hätte, und rappelte sich auf. Dann bedachte sie ihn mit einem Blick, als wäre er Jack the Ripper.

„Miss“, sagte er noch einmal und stellte sich vor sie, damit sie nicht vom Tisch fiel, sollte sie erneut ohnmächtig werden. „Alles wird gut, das schwöre ich. Bitte schauen Sie mich an. Ich kann Ihnen helfen, aber Sie müssen sich konzentrieren.“

Seine Worte schienen endlich zu ihr durchzudringen. Er sah, wie sie sich ein wenig entspannte und versuchte, sich durch einen tiefen Atemzug weiter zu beruhigen.

„Hey.“ Noah unterdrückte den Drang, ihre Hand zu nehmen. „Alles wird gut.“ Beruhigend sprach er auf sie ein, so wie er es normalerweise mit verängstigten Tieren tat. „Ich muss Sie untersuchen, okay? Ich schwöre, mehr tue ich nicht. Okay?“

Sie fing an zu zittern. Ihr Gesicht war so blass wie der Mond. „Ja“, sagte sie. „Ja, danke … Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“

Ach was, dachte er.

„Ich schätze, Sie haben eine vasovagale Synkope erlitten“, erklärte er. „Laienhaft ausgedrückt sind Sie beim Anblick Ihres eigenen Blutes in Ohnmacht gefallen. Sie haben ein körperliches Trauma erlitten, also muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen und Ihren Puls und Blutdruck messen.“

Dieses Mal erreichten seine Worte eindeutig ihr Ziel. Zögernd streckte er die Hand aus und berührte sanft ihr Kinn, um den Kopf so zu drehen, dass er ihre Pupillen überprüfen konnte. Ihre Haut war samtweich, aber kalt. Er spürte, dass sie sich bemühte, ihr Zittern zu unterdrücken. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Das war unverzeihlich von mir.“ Sie straffte die Schultern und hob das Kinn. Ihr Selbstbewusstsein wuchs und verwandelte sie vor seinen Augen in einen anderen Menschen. Das zusammengekauerte Opfer verschwand, und an seine Stelle trat eine kontrollierte – wenn auch eindeutig erschütterte – junge Frau.

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Viele Menschen flippen aus, wenn sie verletzt sind und bluten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das beweist lediglich, dass Sie auch nur ein Mensch sind.“

„Wo sind wir hier?“, fragte sie.

„In meiner Klinik“, erwiderte er.

„Ich habe mein Auto direkt vor Ihrer Klinik zu Schrott gefahren? Das nenne ich mal eine gute Planung.“ Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

„Ist Ihnen das schon mal passiert?“, wollte er wissen. „Dass Sie in Ohnmacht gefallen sind, meine ich?“

„Nein. Um Gottes willen, noch nie.“

„Können Sie sich daran erinnern, ob Sie kurz vorher Kopf-, Rücken- oder Brustschmerzen oder Schwierigkeiten beim Atmen gehabt haben?“

„Nein. Ich war doch direkt neben Ihnen. Es ging mir gut, bis … Ich erinnere mich nicht mehr.“

Er zog seinen Parka aus und dachte erst jetzt wieder daran, dass seine OP-Kleidung noch ganz verschmiert von der Pferdegeburt war. Schnell drehte er sich weg, damit sie ihn nicht sah, zog das Oberteil aus und steckte es in den Wäschesack. Dann schnappte er sich ein frisches Laborhemd.

Seine Patientin war jetzt extrem ruhig. Er drehte sich um und ertappte sie dabei, dass sie seinen nackten Oberkörper anstarrte. Ihr Mund – ein wunderschöner Mund, selbst für eine verrückte Lady – formte ein perfektes O. Sie war allerdings immer noch sehr blass, sodass er eine weitere Ohnmacht nicht ausschließen mochte. Doch trotz seines eindringlichen Wunsches wusste er, dass der Auslöser dafür nicht sein beeindruckender Körperbau war. Irgendetwas hatte sie erschreckt.

„Ich musste mir nur eben ein frisches Hemd anziehen“, sagte er.

Schnell wandte sie den Blick von ihm ab und ließ ihn durch den Raum schweifen.

Er spürte, wie ihr Vertrauen in ihn schwand. Während des Studiums hatte man ihn nicht darauf hingewiesen, dass er sein Hemd nicht vor seinen Patienten wechseln sollte, weil es seinen vierbeinigen Patienten normalerweise herzlich egal war, was er anhatte.

„Tut mir leid“, murmelte er. Schnell schlang er sich das Stethoskop um den Hals, in der Hoffnung, dass sie das von seinen guten Absichten überzeugen würde. „Ich schwöre, ich will Ihnen nur helfen.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Sie ließ ihren Blick über den hüfthohen Edelstahltisch gleiten, über die Instrumente auf der Arbeitsplatte. „Ich werde keinen weiteren Panikanfall bekommen. Das war … das war ganz untypisch für mich. Und das hier ist alles sehr … sehr Rocky Horror Picture Show.“

Sofort blitzte vor Noahs innerem Auge ein Bild von Susan Sarandon in Slip und BH auf. Wenn es doch nur so wäre.

Mithilfe der Fußpumpe ließ er den Tisch herunterfahren. „Sie bluten immer noch – nein, nicht hinsehen.“ Er wollte nicht noch eine Ohnmacht riskieren. „Ich muss mir das Bein wirklich mal ansehen.“ Er schrubbte sich die Hände am Waschbecken, nahm ein Paar Latexhandschuhe aus dem Spender, und während er sie anzog, betrachtete er das Bein der Frau etwas genauer. „Ich muss vielleicht Ihre Hose aufschneiden.“ Es gelang ihm nicht, das Grinsen zu unterdrücken.

„Was ist denn so lustig?“, fragte sie.

„Es ist nur so, dass ich das noch nie zu einem Patienten gesagt habe. Setzen Sie sich bitte auf den Tisch, ja? Und lehnen Sie sich dann zurück, sodass Ihr Bein ausgestreckt ist.“

Zu seiner Überraschung folgte sie seinen Anweisungen und stützte sich auf ihre Hände, während sie sich in dem Untersuchungszimmer umschaute. Besonders eindringlich betrachtete sie die Tafeln mit den Wachstumsphasen von Kaniden und einen Kalender von einer Firma, die Tierarzneien herstellte. „Sie sind kein echter Arzt, oder?“

„Das ist meine absolute Lieblingsfrage“, erwiderte er. „Sehen Sie, wenn ich ein echter Arzt wäre, würde ich nur die Anatomie und Pathologie einer einzigen Rasse kennen, nicht von sechs. Und ich hätte nur eine Spezialisierung und nicht neun.“

„Ich schätze, das hören Sie oft.“

„Gerade oft genug, dass es mich nervt.“ Er trat einen Schritt zurück und hielt seine behandschuhten Hände in die Luft. „Hören Sie, ich muss das hier nicht tun.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, fände ich es aber gut, wenn Sie es täten.“

So viel dazu, sich als schwer herumzukriegen zu geben. „Ich muss Sie untersuchen, um zu sehen, wo Sie sich noch verletzt haben.“

„Nur am Knie.“

„Sie könnten innere Verletzungen erlitten haben.“

„Und das können Sie feststellen?“

„Sie zeigen Anzeichen eines Schocks. Ich muss Ihre Brust und Ihren Bauch nach Quetschungen untersuchen und Ihren Unterbauch abtasten.“

„Sie meinen das ernst, oder?“ Sie versteifte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich verzichte. Ich bin nirgendwo gegengeschlagen oder sonst was. Mir tut auch nichts weh – außer dem Knie.“

Er wollte sie nicht drängen. Die Situation war auch so schon bizarr genug. „Ich könnte den Rettungswagen rufen, aber in einer Nacht dieser würde ich das ungerne tun, wenn es sich nicht um einen lebensbedrohlichen Notfall handelt.“

„Meine Verletzung ist nicht lebensbedrohlich“, versicherte die Frau. „Glauben Sie mir, ich kenne den Unterschied.“

„Okay. Dann also nur das Knie. Aber wenn Sie irgendetwas anderes spüren – wenn Sie mit einem Mal doppelt sehen oder Ihnen schwindelig wird –, müssen Sie es mir sagen.“ Er maß ihren Blutdruck. Er lag im normalen Bereich, was ein gutes Zeichen war. Ein stark gefallener Blutdruck würde auf eine innere Blutung hindeuten. „Okay, schauen wir uns mal das Knie an.“

Sie legte sich zurück und bedeckte ihre Augen mit dem Unterarm. „Sie haben sicher Verständnis, dass ich nicht hinsehe.“

„Mir ist schon aufgefallen, dass Sie kein großer Freund von Blut sind.“ Er nahm die Schere, mit der er normalerweise Verbandsmaterial zurechtschnitt, setzte sie am Saum der dunklen Wollhose an und schnitt vorsichtig an der Naht entlang nach oben. Das dünne, teuer aussehende Leder ihres Stiefels war blutgetränkt. Er machte weiter und hoffte, nicht bis so weit nach oben schneiden zu müssen, dass es ihn wie einen Perversen aussehen ließ. Als er die Wundstelle erreicht hatte, sah er, dass in ihrem Bein ein sichelförmiger Schnitt klaffte. Sie musste es sich an irgendetwas unterhalb des Armaturenbretts aufgeschnitten haben. „Sie haben hier einen Schnitt direkt über dem Knie.“ Die Verletzung musste höllisch wehtun. „Das muss genäht werden“, sagte er.

„Können Sie das machen?“

„Ich bin kein Schönheitschirurg. Was auch immer ich tue, wird eine Narbe hinterlassen.“

„Können Sie dann die Blutung stoppen, damit ich mir morgen einen Chirurgen suchen kann?“

„So lange kann das nicht warten. Das Infektionsrisiko ist zu hoch. Ärzte sagen, man sollte mit dem Nähen maximal sieben Stunden warten. Bis dahin werden die Straßen immer noch unpassierbar sein.“

„Dann nähen Sie es. Ich werde es schon überleben, eine Narbe zurückzubehalten.“

Für eine Frau, die so gut aussah, war das eine unerwartete Reaktion. „Okay. Ich kann die Stelle betäuben … die Wunde muss vermutlich mit einem Dutzend Stichen genäht werden. Wenn ich sie ganz klein mache, wird die Narbe später kaum zu sehen sein.“ Er überlegte, ob er ihr ein Beruhigungsmittel anbieten sollte, war sich aber bezüglich der Dosierung nicht sicher. Sie wog vermutlich ungefähr so viel wie ein Rottweiler, also sollten 80 mg reichen. Andererseits vielleicht auch nicht. Besser, er hielt sich an die örtliche Betäubung.

„Ja, ein bisschen Novocain wäre nicht verkehrt“, sagte sie.

„Es ist ein einprozentiges Lidocain.“ Und er hoffte, dass er nicht zu viel genommen hatte. Es war seltsam, eine Patientin zu haben, die nicht festgehalten werden musste. Er injizierte das Betäubungsmittel. Die Frau zuckte nicht einmal.

„In wenigen Minuten wird es taub.“

„Das hoffe ich sehr.“ Sie nahm den Arm von den Augen, drehte den Kopf und schaute auf die Arbeitsfläche. „Wenn ich ganz tapfer bin, bekomme ich dann einen Keks aus dem Glas dort?“

„Sie können so viele Kekse haben, wie Sie mögen.“ Er schnitt die sterile Verpackung des Nähsets auf. „Sie verleihen frischen Atem und machen Ihre Zähne weißer.“

„Das kann uns allen nicht schaden“, murmelte sie.

Er wechselte die Handschuhe und fing an, die Wunde für das Nähen zu reinigen. Viele Tiere besaßen eine Haut, die wesentlich empfindlicher war als die des Menschen. Er wählte einen 3-0-Nylonfaden mit einer Hautnadel – die Standardausrüstung für das Vernähen von äußeren Wunden bei Pferden.

Nachdem er seine Lupenbrille aufgesetzt und sich das Licht eingerichtet hatte, machte er sich so präzise wie möglich an die Arbeit, um keine reißverschlussartige Narbe auf ihrer zarten Haut zu hinterlassen. Er spürte, dass sie wieder anfing zu zittern, und fragte sich, ob er ein wenig Small Talk betreiben sollte, um ihre Nerven zu beruhigen und sie zum Stillhalten zu bringen. Bei seinen üblichen Patienten reichten meist ein paar mitfühlende Zungenschnalzer.

„Ich habe Ihren Namen gar nicht verstanden“, fing er eine Unterhaltung an.

„Sophie. Sophie Bellamy.“

„Irgendwie verwandt mit den Bellamys, denen das Resort oben am Ende des Sees gehört?“

„Auf gewisse Weise schon. Ich war mit Greg Bellamy verheiratet. Wir sind inzwischen aber geschieden.“

Aber sie trug immer noch seinen Nachnamen, wie Noah auffiel.

„Meine beiden Kinder leben hier in Avalon“, fuhr sie fort.

Das erklärte vermutlich die Namenswahl. Was es allerdings nicht erklärte, war, warum die Kinder nicht bei ihr lebten. Noah erinnerte sich daran, dass ihn das nichts anging. Menschen waren kompliziert und hatten eine unglaubliche Bandbreite an Emotionen und Problemen. Sie waren eine Rasse, bei der nichts einfach war. Er fand die Arbeit mit den Tieren wesentlich unkomplizierter. Sich mit Menschen zu beschäftigen, war, wie ein Minenfeld zu überqueren. Man wusste nie, wann etwas explodieren würde.

Small Talk, dachte er. Lenk sie mit Small Talk ab. „Also sind Sie auf Besuch hier? Oder kommen Sie gerade von einer Reise zurück?“

Sie schwieg einen Moment, als überlege sie, was sie sagen sollte. Was seltsam war, denn es hatte sich ja nicht um eine sonderlich komplizierte Frage gehandelt. Schließlich antwortete sie: „Ich bin heute Nachmittag auf dem JFK-Flughafen gelandet. Wegen des Wetters gab es keine Weiterflüge zum Kingston-Ulster Airport, deshalb habe ich mir ein Auto gemietet und bin gefahren. Ich schätze, ich hätte auch den Zug nehmen können, aber ich konnte es kaum erwarten, endlich hier anzukommen.“

Von wo war sie auf dem JFK gelandet? Noah fragte nicht, weil er erwartete, dass sie das von sich aus preisgeben würde. Das tat sie aber nicht, also konzentrierte er sich wieder auf seine Aufgabe. Ihm fiel auf, dass menschliche Haut der von Hunden oder Pferden sehr ähnlich war. „Und Sie wohnen bei den Wilsons auf der anderen Straßenseite?“, hakte er nach.

„Nicht wirklich. Ich darf ihre Sommerhütte benutzen. Alberta – Bertie – Wilson und ich kennen uns seit unserem Jurastudium.“

„Oh.“ Mitten in der Bewegung hielt er inne. „Sie sind Anwältin?“

„Ja.“

„Eine echte Anwältin?“

„Okay, das habe ich verdient.“ Sie grinste.

„Hätten Sie mir das nicht sagen können, bevor ich angefangen habe, Sie mit Nähzeug für Pferde zusammenzuflicken?“

„Hätten Sie mich dann anders behandelt?“

„Ich weiß nicht“, gab er zu. „Ich hätte Sie vielleicht gar nicht behandelt. Oder Sie gebeten, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben.“

„Das hat einen guten Anwalt noch nie aufgehalten.“ Schnell fügte sie hinzu: „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben mich gerettet und die Blutung gestoppt. Das Letzte, was ich in der Welt tun wollte, wäre, Sie zu verklagen.“

„Gut zu wissen.“ Noah entfernte das OP-Tuch und wusch die Wunde mit einer Jodlösung ab. „Aber vielleicht sollten Sie doch mal einen Blick darauf werfen. Es ist kein besonders schöner Anblick.“

Sie stützte sich mit den Händen ab und setzte sich auf. Die Stiche bildeten eine dünne schwarze Linie auf ihrer blassen Haut, die jetzt durch das Desinfektionsmittel orangerot gefärbt war. „Sie haben die Blutung gestoppt“, wiederholte sie.

„Sieht so aus.“ Er legte ein Stück Gaze über die Wunde. „Ich werde das noch verbinden. Sie müssen in nächster Zeit vorsichtig sein, nicht an den Stichen herumfummeln und schauen, dass sie nicht aufgehen. Wenn Sie einer meiner üblichen Patienten wären, würde ich Ihnen jetzt einen Kragen verpassen, um sie davon abzuhalten, den Verband abzuknabbern.“

„Das wird nicht nötig sein, aber danke.“

„Sie müssen die Wunde so trocken wie möglich halten.“

„Ich denke, das bekomme ich hin.“ Sie hielt still, während er den Verband anlegte. Dann prüfte er noch einmal ihren Blutdruck. „Keine Veränderung. Das ist gut.“

„Danke. Wirklich. Ich kann Ihnen gar nicht genug danken.“

Er hielt ihr beide Hände hin und half ihr, vorsichtig vom Tisch zu klettern. Sie schwankte ein wenig und er legte einen Arm um ihre Taille, um sie festzuhalten. „Ganz langsam“, sagte er. „Sie müssen das Bein heute Nacht so gut wie möglich hoch lagern.“

„Okay.“

Sie schien von seiner Berührung überrascht, denn sie erschauerte. Hatte sie Angst, oder war sie erleichtert? Er wusste es nicht. Sehr vorsichtig entzog sie sich dann seinem Arm. Er ging vor zum Empfangsbereich. Mildreds Arbeitsplatz war so penibel ordentlich, wie seine Assistentin es selbst auch war. Noahs Tisch war übersät mit Magazinen und Büchern, Spielzeugen und kleinen Figuren, Postkarten von Tierbesitzern. Es gab eine kleine Pinnwand, die allein für Briefe von Kindern und Fotos von ihnen und ihren Tieren reserviert war. Noah liebte Kinder über alles.

„Danke noch mal“, sagte sie. „Sie müssen mir noch sagen, was ich Ihnen schuldig bin.“

„Sie machen Witze, oder?“

„Ich mache niemals Witze. Sie haben mich professionell behandelt, also sind Sie auch berechtigt, mir Ihre Leistung in Rechnung zu stellen.“

„Ja, klar.“ Sie klang wie eine echte Anwältin. Wenn er das Gleiche bei einem Dobermann gemacht hätte, betrüge die Rechnung ein paar Hundert Dollar. „Das geht aufs Haus. Sie sollten aber so schnell wie möglich einen richtigen Arzt aufsuchen.“

„Nun dann. Sie haben weit mehr für mich getan, als es Ihre Pflicht gewesen wäre. Sie sind mein Held.“

Er meinte, immer noch ein leichtes Beben in ihrer Stimme zu hören, also vermutete er, dass sie versuchte, ihre Furcht hinunterzuspielen und möglichst cool zu tun. „So hat mich noch niemand genannt.“

„Ich wette, einige Ihrer Patienten würden es tun, wenn sie sprechen könnten.“ Sie senkte den Blick, und er bemerkte erfreut, dass ein wenig Farbe in ihre Wangen zurückgekehrt war. Verdammt, sie sah aber auch echt klasse aus. „Wie auch immer, ich sollte mich jetzt zu meiner Hütte begeben …“

„Oh nein“, widersprach er. „Auf keinen Fall mehr heute Nacht.“

„Aber …“

„Die Straßenverhältnisse sind schlimmer als je zuvor. Ich weiß, dass es eine Zufahrt zum Grundstück der Wilsons gibt, aber die ist unter riesigen Schneemassen begraben. Die Hütte ist vermutlich eiskalt. Heute Nacht bleiben Sie hier.“

Sie schaute sich in der Klinik um. „Sie wollen mich also in einen Zwinger im Hinterzimmer stecken?“

„Ja, gleich neben der Katze von Mrs Levinson.“ Er deutete auf die Couch im Wartezimmer. „Setzen Sie sich und legen Sie Ihr Bein hoch. Ich muss nach meinen Patienten sehen, danach gehen wir ins Haus. Es ist nicht das Ritz, aber ich habe etwas zu essen und einen Schlafplatz für Sie. Mein Haus hat unzählige Zimmer.“

„Ich habe Ihnen bereits genug Umstände bereitet …“

„Dann macht eine mehr oder weniger den Kohl auch nicht fett.“

„Aber …“

„Wirklich, das ist überhaupt kein Problem.“ Er ging in den hinteren Bereich des Gebäudes, wo blaues Nachtlicht brannte. Toby, die Katze, war wach, schien sich aber in ihrer Box wohlzufühlen. Sie hatte noch ausreichend Wasser. Brutus, der Beagle, schnarchte und schlief tief und fest. Die andere Katze, Clementine, putzte sich.

Noah tauschte ihren beinah leeren Wassernapf aus. „Hast du sie gesehen, Clem?“, flüsterte er. „Ist mein Glück zu fassen? Ich habe die Mädchen-steckt-im-Straßengraben-fest-Lotterie gewonnen.“

Die Katze blinzelte ihn an, hob eine Vorderpfote und machte sich daran, sie hingebungsvoll abzulecken.

„Danke für deine Begeisterung“, sagte Noah. Gut, Sophie war durch einen Unfall in sein Leben geschneit, aber vielleicht hatte das Schicksal ja auch seine Hand im Spiel. Die schönste Frau der Galaxie, eine Frau, die ihn „meinen Helden“ nannte, würde auf der anderen Straßenseite einziehen.

Mein Gott, ja, vielleicht las er in diese zufällige Begegnung zu viel hinein. Na und? Han Solo würde nicht zögern, das Beste aus der Situation zu machen. Sophie war wunderschön und hatte ihm deutlich gesagt, dass sie Single war. Und sie hatte Kinder. Noah liebte Kinder. Er hatte immer ein ganzes Haus voll gewollt. Das war der Grund für die Trennung von seiner letzten Freundin gewesen. Und jetzt war da plötzlich diese Frau, die bereits Kinder hatte.

Er wusch sich die Hände und ermahnte sich, nicht zu schnell vorzupreschen – eine dumme Angewohnheit von ihm. Das Schicksal hatte ihm eine goldene Gelegenheit in die Hände gespielt. Jetzt war es an ihm, zu sehen, was daraus werden könnte.

Noah war ziemlich sicher, dass er niemals zuvor jemanden wie Sophie Bellamy getroffen hatte. Er fragte sich, wer sie war – außer die Exfrau von irgendjemandem. Es interessierte ihn, woher sie gekommen war und was sie dazu getrieben hatte, im Dunkeln inmitten eines Schneesturms hierherzufahren. Und er fragte sich, ob die Verzweiflung, die er in ihren Augen gesehen hatte, etwas war, worüber er sich Sorgen machen sollte.

2. TEIL

Einen Monat zuvor

OFFENBARUNG

Bei einer Offenbarung handelt es sich um eine plötzliche Erkenntnis, einen Einblick oder eine Wiedergeburt. Sie wird oftmals durch ein lebensveränderndes Ereignis ausgelöst.

Vom griechischen Wort für „Erscheinung“ oder „Manifestation“ abstammend, ist die Offenbarung unter dem Begriff „Epiphanias“ unter Christen das Fest der „Erscheinung des Herrn“ und wird am zwölften Tag nach Weihnachten gefeiert. Traditionell fällt sie mit dem Besuch der Heiligen Drei Könige zusammen. An diesem Tag wird geschlemmt und gefeiert.

Gougères

Gougères sind luftige französische Käsebällchen, die traditionell zu dieser Zeit des Jahres zusammen mit trockenem Champagner serviert werden.

1/8 l Wasser

25 g Butter

1 TL Salz

75 g Mehl

2 Eier

25 g Greyerzer

25 g frischer Parmesan

Den Backofen auf 225° C vorheizen.

Wasser in einen kleinen Topf geben und sprudelnd aufkochen lassen. Salz hinzufügen und die Butter im Wasser schmelzen lassen.

Das Mehl auf einmal in das sprudelnde Wasser kippen, dabei sofort mit einem Kochlöffel kräftig umrühren, damit sich keine Klümpchen bilden. Den Brandteig ca. eine Minute lang weiter umrühren, bis sich auf dem Boden des Topfs ein weißer Belag bildet.

Ein Ei aufschlagen und so lange unter den Brandteig rühren, bis er anfängt, zu glänzen und geschmeidig zu werden. Den Teig in eine Schüssel umfüllen und abkühlen lassen. Erst jetzt das zweite Ei sorgfältig unterrühren, bis der Teig geschmeidig wird.

Greyerzer und Parmesan mit der Käsemühle fein reiben und unter den Brandteig mischen.

Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Mit einem Teelöffel kleine Mengen vom Teig abstechen, mit der Hand zu Käsebällchen formen und auf dem Backblech verteilen. Das Blech in den vorgeheizten Ofen schieben und bei 225° C für 20-25 Minuten backen, bis die Gougères goldbraun aussehen. Die Käsebällchen warm servieren.

2. KAPITEL

Der Friedenspalast

Den Haag, Holland

6. Januar – Epiphanias

Die glänzende schwarze Limousine hielt vor dem im gotischen Stil errichteten Gebäude, dessen klobige Fassade vom Schein der gelben Nebellichter erhellt wurde. Regen prasselte wie Schrotkugeln auf das Dach des Citroën.

Hinter dem kugelsicheren Glas der Trennscheibe zum Fond überprüfte Sophie Bellamy noch ein letztes Mal Haare und Makeup und ließ dann ihre Puderdose zuschnappen. Ihre Abendtasche steckte sie in das kleine Fach in der Armlehne. Mit den strengen Sicherheitsmaßnahmen heutzutage war es einfacher, das Gebäude mit nichts außer ihrer vorab überprüften Berechtigungskarte und den Kleidern, die sie am Leib trug, zu betreten.

Als sie angefangen hatte, Veranstaltungen im Friedenspalast zu besuchen, war sie sich ohne ihre Handtasche nackt vorgekommen. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, einen formellen Abend ohne Lippenstift oder Kamm, ihren Schlüssel oder ihr Handy zu verbringen. Aus Sicherheitsgründen waren diese Dinge verboten.

An diesem Abend waren besonders scharfe Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden. Das letzte Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs für Kriegsverbrechen – ein Fall, der Sophie zwei Jahre ihres Lebens gekostet hatte – war äußerst kontrovers aufgenommen worden, und es war durchaus möglich, dass es zu Ausschreitungen kommen würde.

Die Limousine reihte sich in die Schlange der anderen Wagen ein und wartete, bis sie an der Reihe war. Früher war Sophie vor solchen Veranstaltungen immer ganz aufgeregt gewesen, aber mittlerweile waren sie für sie zur Routine geworden. Es war erstaunlich, wie sehr sie sich an all das gewöhnt hatte. Fahrer und Sicherheitspersonal, Designergarderobe und lächelnde Würdenträger, Übersetzungen, die ihr durch einen Kopfhörer ins Ohr übertragen wurden – all das war für sie mittlerweile ganz normal.

Die Gäste wurden unter schwarzen Regenschirmen zu dem äußeren Wachtor begleitet. Ihre Schatten wurden silberschwarz von der steinernen Oberfläche des Paleisplein widergespiegelt. Sophie war vorgewarnt worden, dass die Presse über das Event berichten würde, aber sie sah nur einen fensterlosen Übertragungswagen, dessen tropfnasse Crew gerade dabei war, ihre Ausrüstung dreißig Meter vom Gebäude entfernt aufzubauen. Trotz der historischen Bedeutung dieses Abends, trotz der Tatsache, dass Königin Beatrix persönlich anwesend sein würde, fand die Veranstaltung beim Rest der Welt kaum Beachtung. In Amerika waren die Leute viel zu sehr damit beschäftigt, die neuesten Internetvideos anzuschauen, als sich die Tatsache bewusst zu machen, dass sich gerade die Geografie Afrikas verändert hatte – was zu einem großen Teil Sophie zu verdanken war.

Ihr Handy vibrierte und kündigte eine eingehende MMS mit einem Foto und einer Nachricht von ihrem Sohn Max an: weißer Sandstrand und türkisfarbenes Meer mit der Unterschrift: „St. Croix ist super. Dad & Nina werden gleich Ja sagen. Xoxox!“

Sophie starrte die Worte ihres Zwölfjährigen an. Sie hatte gewusst, dass heute der Tag war, aber versucht, nicht daran zu denken. Ihr Exmann war auf einer tropischen Insel und stand kurz davor, die Frau zu heiraten, die Sophies Platz an seiner Seite eingenommen hatte. Sanft klappte sie das Handy zu und drückte es gegen die Brust. Sie versuchte, die Gefühle, die in ihr rumorten und ein Loch in ihr Herz fraßen, zu unterdrücken. Die durfte sie sich nicht erlauben. Nicht einmal an diesem Abend.

André, ihr Fahrer, schaltete die Warnblinkanlage an, um anzuzeigen, dass er gleich aus dem Auto aussteigen würde. Er rückte die flache Kappe seiner Uniform zurecht. Seine Schultern hoben sich, als er tief einatmete. Er stammte aus dem Senegal und war kein großer Freund des nordeuropäischen Wetters, schon gar nicht im Januar.

Plötzlich waren das Quietschen von Reifen und ein Geräusch wie ein Schuss zu hören. Ohne zu zögern, duckte Sophie sich in den Fußraum und griff dabei nach dem Autotelefon. Auf dem Fahrersitz tat André das Gleiche. Dann ertönte eine Hupe, und eine Stimme über Lautsprecher gab auf Niederländisch, Französisch und Englisch Entwarnung.

André ließ die Trennscheibe zum Fond hinunter. „C’est rien“, sagte er. „Eine Fehlzündung, mehr nicht. Merde. Ständig muss man wachsam sein.“

Die ganze letzte Woche war die Stadt wegen vermehrter Bandenaktivitäten in erhöhter Alarmbereitschaft gewesen. Die Fahrer der Auslandsdienste waren beliebte Ziele für Raubüberfälle, da sie oft stundenlang an öffentlichen Plätzen warten mussten und dabei in ihren Autos schliefen.

Erneut nahm Sophie den Spiegel aus ihrer Tasche, um ihr Aussehen zu überprüfen. Sie hatte sich einem umfangreichen Krisentraining unterzogen und es mit einigen der gefährlichsten Menschen der Welt zu tun gehabt, und doch hatte sie nie wirklich um ihre Sicherheit gefürchtet. Es waren so viele Vorkehrungen getroffen worden, dass das Risiko extrem gering war.

André hob eine behandschuhte Hand – die wortlose Frage, ob bei ihr alles in Ordnung war. Sophie schob ihre Eitelkeit beiseite und nickte. In der Hand hielt sie die laminierte carte d’identité. Ihre Tür wurde geöffnet, und ein livrierter Angestellter hielt einen schwarzen Regenschirm über sie.

„On y va, alors“, sagte Sophie zu André, was so viel hieß wie: Dann wollen wir mal.

„Assurément, madame“, erwiderte er mit seinem melodischen Akzent. „J’attends.“

Natürlich wartet er, dachte sie. Das tat er immer. Und dafür dankte sie Gott. Am Ende des Abends würde sie so high wie nie sein – vom Champagner und dem Gefühl, etwas Großes erreicht zu haben. Wie gern würde sie diese Aufregung mit jemandem teilen. André war ein guter Zuhörer. Während der kurzen Fahrt von ihrer Wohnung zum Palast hatte Sophie ihm gestanden, wie sehr sie ihre Kinder vermisste.

Gerade an diesem Abend hätte sie Max und Daisy zu gern an ihrer Seite gehabt, damit sie Zeugen der Ehre wurden, die ihrer Mutter zuteil wurde. Aber sie waren auf der andere Seite des Ozeans bei ihrem Vater, der an diesem Tag heiratete. Heiratete. Vielleicht sagte ihr Exmann genau in diesem Moment ein zweites Mal: Ja, ich will.

Das Wissen darum drückte wie ein Stein im Schuh und nahm dem Abend ein wenig von seinem Glanz.

Hör auf, rief Sophie sich zur Ordnung. Das hier war ihre Nacht.

Sie stieg aus dem Wagen und rutschte auf dem nassen Kopfsteinpflaster aus. Eine albtraumhafte Sekunde lang glaubte sie, hinzufallen, doch ein starker Arm packte sie um die Taille und hielt sie fest. „André“, stieß sie ein wenig atemlos hervor. „Du hast gerade eine Katastrophe verhindert.“

„Rien du tout, madame“, erwiderte er und blieb in ihrer Nähe. Das Licht schien auf sein ernstes, freundliches Gesicht.

Ihr wurde bewusst, dass dies das erste Mal seit … viel zu langer Zeit war, dass ein Mann sie in den Armen hielt. Sie schob den vollkommen unangebrachten Gedanken beiseite und trat einen Schritt vor. Die Kälte drang ihr in jede Pore. Ihr langer Kaschmirmantel wärmte sie an diesem Abend nicht genügend. Der Wetterbericht hatte Schnee vorhergesagt. Das kam in Den Haag nur äußerst selten vor, doch der Regen hatte sich bereits in Graupel verwandelt. Unter dem Regenschirm eilte sie an dem Wachhäuschen vorbei zur ersten Eingangskontrolle. Ein Weg führte um das Denkmal mit der immerwährenden Flamme des Friedens herum, die durch ein gehämmertes Metalldach vor dem Wetter geschützt wurde. Es waren noch einmal zwanzig Meter bis zum Säulengang, der für diesen Anlass mit einer Markise und einem roten Teppich ausgestattet worden war. Nachdem sie unter dem schützenden Vordach angekommen war, murmelte ihr Begleiter: „Bonsoir, madame. Et bienvenue.“ Die meisten Angestellten sprachen Französisch, das, gemeinsam mit Englisch, die offizielle Sprache der internationalen Gerichte war.

„Merci.“

Der Begleiter mit dem Schirm kehrte in den Regen zurück, um den nächsten Gast abzuholen.

Die Schlange zum Haupteingang kam nur langsam vorwärts, da auf ihrem Weg die Garderobe und ein weiterer Sicherheitscheck passiert werden mussten. Sophie kannte niemanden von den Leuten in der Schlange, aber sie erkannte viele von ihnen – schwarz gekleidete Würdenträger und ihre Familien, Afrikaner in zeremonieller Tracht, Diplomaten aus der ganzen Welt. Sie waren gekommen, um die Zukunft von Umoja zu feiern, einem Land, das das Gericht gerade von einem Kriegsherren befreit hatte, der von einem illegal agierenden, korrupten Diamantensyndikat finanziert worden war.

Vor Sophie stand eine amerikanische Familie. Der uniformierte Ehemann hatte die unangestrengt gerade Haltung eines Militärangehörigen. Die Frau und die Töchter im Teenageralter standen wie Satellitenstaaten um ihn herum. Sophie meinte, den Mann zu erkennen – ein Attaché vom obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte Europas in Belgien. Sie sah jedoch von einer Begrüßung ab, da sie den fröhlichen Familienausflug nicht stören wollte.

Die Frau des Attachés drängte sich nahe an ihn, als wenn sie sich vor der Kälte schützen wollte. Sie war etwas mollig und sehr zurückhaltend gekleidet. Wie Sophie trug sie schlichte goldene Ohrringe. Zu einem Ereignis wie diesem Juwelen zu tragen, vor allem Diamanten, wäre völlig unangebracht gewesen.

In ihrer trauten Viersamkeit wirkte die amerikanische Familie wie eine eingeschworene Gemeinschaft. In diesem Augenblick vermisste Sophie ihre eigenen Kinder so sehr, dass es sich anfühlte, als stieße ihr jemand einen Dolch ins Herz.

Ein kalter Wind fegte über den Vorplatz und brannte ihr in den Augen. Sie blinzelte ein paarmal, weil sie nicht wollte, dass ihre Wimperntusche durch die Tränen verschmierte. Dann stellte sie den Kragen ihres Mantels auf und drehte sich mit dem Rücken zum Wind. Am Seiteneingang zum Palast stand der Lieferwagen eines Caterers. Sie waren ganz schön spät dran. Die weiß beschürzten Kellner rannten hektisch hin und her, schoben schwere Wagen durch den Lieferanteneingang in das Gebäude und sprachen aufgeregt miteinander.

Sophie zitterte, als sie endlich die Garderobe erreichte. Es gab nur wenige Orte, die sich so kalt anfühlten wie Den Haag während eines Wintersturms. Die Stadt lag unterhalb des Meeresspiegels. Sie war auf Land gebaut, das der eiskalten Nordsee abgetrotzt worden war, und wurde von Deichen umschlossen. Während eines Sturms fühlte es sich an, als wenn die Natur versuchte, sich zurückzuholen, was ihr gehörte. Der Wind war scharf wie eine Messerklinge und fuhr einem bis in die Knochen. In Den Haag gab es ein Sprichwort: Wenn ich aufrecht im Wind stehen kann, kann ich auch in ihn hinausgehen.

Widerstrebend zog Sophie ihre butterweichen Rehlederhandschuhe aus und gab der Garderobiere ihren langen Kaschmirmantel. Die Marke mit der Nummer 47 steckte sie in die Tasche ihres Kleids. Als sie sich den Rock glatt strich und sich dann zum Eingang umdrehte, merkte sie, dass die Frau des Attachés sie beobachtete. In ihren Augen entdeckte sie einen Hauch Neid und Bewunderung.

Sophie hatte den halben Tag darauf verwendet, sich zurechtzumachen. Ihr Designerkleid und ihre Schuhe kosteten zusammen mehr als ein Möbelstück. Das Kleid passte ihr hervorragend. Auf dem College war sie Langstreckenschwimmerin gewesen, und sie nahm immer noch an Wettbewerben teil – das half ihr, in Form zu bleiben. Ihre blonden Haare waren zu einem schlichten Chignon zusammengefasst. Bijou, ihre Stylistin, behauptete, sie sähe genau aus wie Grace Kelly. Eine Schauspielerin – das passte. Ihr Job bestand zu einem großen Teil aus Image und Auftreten. Schall und Rauch.

Sie lächelte der Frau des Attachés zu und verspürte einen Anflug von Ironie. Beneiden Sie mich nicht, wollte sie sagen. Sie haben Ihre Familie dabei. Was kann man mehr wollen?

Nachdem sie durch den Metalldetektor gegangen war, schritt sie den offenen Säulengang zum großen Ballsaal hinunter. An der Tür wartete sie inmitten einer größeren Gruppe, bis sie dran war, angekündigt zu werden.

Auf Zehenspitzen reckte sie den Hals, um etwas sehen zu können. So viel ihrer Arbeit fand in dem Wolkenkratzer aus Glas und Stahl statt, in dem der Internationale Gerichtshof saß, dass sie oft die romantischen Ideale vergaß, die sie zu diesem Punkt in ihrer Karriere getrieben hatten. Aber hier, in diesem reich verzierten Palast, der von Arnie Carnegie ohne Rücksicht auf die Kosten gebaut worden war, erinnerte sie sich daran, dass dies ein Beruf war, von dem die meisten Menschen nur träumen konnten. Sie war Aschenputtel, aber ohne einen Prinzen.

Der Majordomus in seiner prächtigen Palastlivree beugte sich vor, um ihren Ausweis zu betrachten. Der Mann trug ein kleines Mikrofon am Revers, das per Kabel mit einem Ohrstöpsel verbunden war. „Sind Sie in Begleitung, madame?“

„Nein“, erwiderte Sophie. „Ich bin allein.“ Wer hatte in diesem Job schon Zeit für einen Prinzen?

„Madame Sophie Lindstrom Bellamy“, verkündete er wohlklingend. „Au Canada et aux Ètats-Unis.“

Aus Kanada und den Vereinigten Staaten – dank ihrer kanadischen Mutter und ihres amerikanischen Vaters besaß sie die doppelte Staatsbürgerschaft. Die USA waren zwar kein Mitglied des ICC, doch der Rest der Welt arbeitete zusammen daran, Kriegsverbrecher zu verfolgen, deshalb nahm Sophie ihre Aufgaben bei Gericht als kanadische Staatsbürgerin wahr. Sie setzte ihr schönstes Fotolächeln auf und betrat den Ballsaal, der ins goldene Licht der Kronleuchter und Wandlampen getaucht war. Der Applaus der anderen Gäste brandete ihr entgegen. Trotz der warmherzigen Begrüßung wusste sie, dass sie den Abend so verbringen würde, wie sie alle großen Momente ihres Lebens verbracht hatte – allein.

Sie verscheuchte die trüben Gedanken mit einem Glas Champagner, das ihr von einem großen, ungelenken Kellner gereicht wurde. Sie würde sich diesen Abend nicht durch negative Gedanken kaputt machen lassen. Immerhin traf man nicht jeden Tag eine echte Königin und nahm die Freiheitsmedaille einer dankbaren Nation entgegen.

Den Haag war eine königliche Stadt, Sitz der niederländischen Regierung, und Königin Beatrix war unermüdlich, wenn es darum ging, ihre offiziellen Pflichten wahrzunehmen. Englands Königsfamilie hatte zwar ihre Skandale, aber die Familie Oranje-Nassau von Holland hatte eine Monarchin, die so hart arbeitete wie jeder Beamte. Sicherheitsagenten in Zivilkleidung patrouillierten diskret am Rand des Ballsaals, ließen ihre rastlosen Blicke durch den Raum gleiten. Es war eine internationale, feierliche Versammlung. Weiter hinten stand eine Frau mit einem Kopftuch, ihr stufiges Kleid ein heller Mix aus bunten Farben. Eine andere Frau trug einen Kimono. Mehrere Männer trugen bunte Dashikis, die Westeuropäer in ihren Maßanzügen hatten Frauen in Abendkleidern an ihrer Seite. In diesen Augenblicken fühlte Sophie sich lebendig und voller Energie und erlaubte sich, zu vergessen, was mit ihrer Familie passierte. Die Kinder des Chors in ihren gestärkten Schuluniformen und dem zahnlückigen Lächeln sangen voller Inbrunst; ihre hellen Stimmen erfüllten den riesigen, im gotischen Stil erbauten Saal. Die Musik war eine Mischung verschiedener Kulturen – traditionelle Lieder zu Epiphania wie Il Est Né, Le Divin Enfant und Ça Bergers, aber auch einheimische Tanzlieder und ein gesummtes, feierliches Kirchenlied.

Jetzt setzte der Chor zu Impuka Nekati an, einem temperamentvollen Lied über die Jagd zwischen Katz und Maus. Es war erstaunlich, dass diese Kriegswaisen immer noch singen konnten. Sophie hätte am liebsten jede einzelne von ihnen mit nach Hause genommen. Sie erkannte einige von ihnen vom Anfang der Woche wieder, als sie dem Team der Anklage Blumen gebracht hatten.

Sophies Kampf gegen länderübergreifende Verbrechen gegen Kinder nahm all ihre Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch, und diejenigen, die dafür bezahlen mussten, waren ihre eigenen Kinder. Wie viele Vorführungen und Veranstaltungen von Max und Daisy hatte sie wegen ihrer Arbeit verpasst? Hatten ihr Sohn oder ihre Tochter jemals mit vor Freude strahlenden Gesichtern gesungen? Oder war ihnen das Herz schwer geworden, wenn sie ihren Blick über die Zuschauer schweifen ließen und ihre Mutter nirgendwo entdecken konnten? Lieber Gott, wie sehr sie wünschte, die beiden könnten jetzt hier sein, um zu sehen, wofür sie all diese Opfer gebracht hatten. Vielleicht würden sie es dann verstehen. Vielleicht würden sie ihr dann vergeben.

Da war ein Mädchen mit knochigen Knien und großen weißen Zähnen, das sang, als wenn es ums Überleben ginge. Als das Lied endete, ging Sophie zu ihr. „Du singst wunderschön“, sagte sie.

Oh, dieses Lächeln. „Danke, madame“, sagte das Mädchen und fügte verlegen hinzu: „Ich heiße Fatou. Ich komme aus dem Dorf Kuumba.“

Mehr musste die Kleine nicht erklären. Die Attacke der Miliz auf das Dorf gehörte zu den schlimmsten Kriegsgräueln. Sophie erinnerte sich an die Berichte über Kuumba und verspürte erneut eine unbändige Wut auf die Männer, die ihre unmenschlichen Taten an Kindern wie Fatou verübt hatten.

Was diese samtigen braunen Augen gesehen, was dieses Kind durchlitten hatte. Sophie fragte sich, wie Fatou überhaupt noch aufrecht stehen konnte, wie sie sich der Welt stellen, ihren Mund öffnen und singen konnte.

„Ich bin so froh, dass du jetzt hier und in Sicherheit bist“, sagte Sophie.

„Ja, madame. Danke sehr, madame.“ Das Mädchen lächelte.

Und dieses Lächeln spiegelte all die Gründe wider, warum Sophie tat, was sie tat, warum sie weit entfernt von ihrer Familie lebte und mehr Stunden arbeitete, als der Tag hatte – so kam es ihr zumindest manchmal vor.

In diesem Augenblick erhob sich ein Murmeln im Saal. Das Mädchen sah besorgt aus, aber Sophie hörte jemanden flüstern, dass es schneite.

„Komm.“ Sophie nahm Fatou bei der Hand. „Schau mal aus dem Fenster.“ Sie ging mit ihr zu einem der hohen Fenster und schob die samtenen Vorhänge beiseite. „Sieh nur“, sagte sie.

Fatou beugte sich vor und drückte ihre Nase an die Scheibe. Der Schnee fiel in dicken, schweren Flocken und verwandelte die Palastgärten in eine Märchenlandschaft, die von dem weichen gelben Licht der Laternen beschienen wurde.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte Fatou. „Das ist ein Wunder, madame.“

Draußen auf dem schmalen Kopfsteinpflasterweg flackerten Schatten über die schnell weiß werdende Erde. Sophie beugte sich ebenfalls vor, um besser sehen zu können. Der Innenhof lag leer und friedlich da. Sie wünschte, Max und Daisy könnten das sehen – die Pracht und Schönheit dieses Abends. Sie war froh, dass sie diesen Moment wenigstens mit dem freundlichen Mädchen an ihrer Seite teilen konnte. Lächelnd wandte sie sich zu Fatou um.

Das Mädchen bemerkte es nicht, sondern schaute weiter aus dem Fenster, wie hypnotisiert vom fallenden Schnee.

3. KAPITEL

Nachdem alle über den Schnee gestaunt hatten, gingen die Vorführungen weiter. Sophie schlenderte zu dem langen Buffettisch, um sich das Angebot anzusehen. Wie die Musik repräsentierte auch das Essen die verschiedenen Nationen, die sich an diesem Tag hier versammelt hatten. Ein Tablett mit buttrigen Gougères, goldbraun gebackenen Käseküchlein, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen, doch sie unterdrückte den Drang, sie zu probieren. Sie konnte sich nicht erlauben, etwas zu essen. Für ihre Präsentation musste sie so gut wie möglich aussehen, dazu passten weder Krümel im Mundwinkel noch ein verwischter Lippenstift.

Zu ihrer Überraschung wirkte das sonst immer so sorgfältig aufgebaute Buffet an diesem Abend etwas chaotisch. Das Essen und die Blumen waren lieblos und ohne jedes Feingefühl einfach so hingestellt worden. Der Oberkellner, ein blonder Mann mit kräftigem Knochenbau, schnippte mit den Fingern und sprach einen Befehl in das Mikrofon seines Headsets. Als er den Arm ausstreckte, um die Shrimps nachzufüllen, brach er ein Stück von einer Eisskulptur ab. Sophie hätte schwören können, ihn unterdrückt fluchen zu hören. Genieß den Abend, dachte sie und nahm sich ein Glas Champagner von der Bar. Das würde bestimmt sein letzter Auftritt sein. Hier, am mächtigsten Gericht der Welt, musste das Catering untadelig sein. Eine falsche Bewegung, und der Caterer war Geschichte.

Sie schlenderte zu der Gruppe, die sich um Momoh Sanni Momoh versammelt hatte. In seiner Robe aus safrangelber Seide und dem hohen, kunstvoll gebundenen Turban sah der Premierminister von Umoja äußert beeindruckend aus. Während sie darauf wartete, ihn zu begrüßen, traf sie auf ihre Kollegin Bibi Lateef. Als Bürgerin von Umoja trug Mme Lateef heute auch ihre Nationaltracht, die ein krasser Gegensatz zu ihrer üblichen nüchternen Gerichtsrobe war.

„Sie starren mich an, madame“, sagte sie zu Sophie und lächelte breit. Freude über den Sieg spiegelte sich in ihren Augen.

Die Frauen umarmten einander, dann trat Sophie einen Schritt zurück, um ihre Kollegin anzuschauen. „Ich bin geblendet. Dieser Look steht Ihnen fabelhaft.“

„Freut mich zu hören“, erwiderte Mme Lateef, „denn ich werde meine Robe nicht länger benötigen.“

Sophie strahlte vor Stolz. Ihre Kollegin war ebenso gut ausgebildet wie alle Juristen am Gericht. Sie würde in der neuen Regierung ihres Landes einen hohen Posten einnehmen.

„Wissen Sie schon, welchen Posten Sie bekleiden werden? Dürfen Sie das bereits verraten?“

„Wie gefällt Ihnen ‚Ministerin für Sozialfürsorge‘?“, sagte Mme Lateef.

Sophie nahm ihre Hand. Bibi Lateef hatte im Krieg viele Mitglieder ihrer Familie verloren. Ihr Kampf war sehr persönlicher Natur gewesen. Nun in ihr Heimatland zurückzukehren, musste eine bittersüße Erfahrung für sie sein. „Das klingt perfekt“, sagte Sophie. „Herzlichen Glückwunsch. Ich werde Sie allerdings vermissen. Niemand wollte diesen Fall dringender zu einem Abschluss bringen als ich, aber die Zusammenarbeit mit Ihnen wird mir fehlen.“

„Es gibt noch viel zu tun. Familien, die auseinandergerissen wurden, verwaiste Kinder – das werden meine vordringlichsten Aufgaben sein. Sie müssen mir versprechen, mich zu besuchen.“

„Aber natürlich.“ Sophie war bereits mehrere Male in Umoja gewesen. Selbst in den Nachwehen des Krieges war es ein Land von herzerweichender Schönheit. Die Kämpfe und die Eingriffe in die Natur durch den Bau von Minen hatten die Anzahl der Städte dezimiert, aber es gab immer noch weite, unberührte Landstriche mit rotsandigen Wüsten und Regenwäldern in den Bergregionen. An einigen Flussläufen fing man bereits damit an, die Dörfer neu aufzubauen.

„Ich werde Sie an das Versprechen erinnern“, sagte Mme Lateef. Die aufrichtige Dankbarkeit in ihren Augen berührte Sophies Herz. „Ich bin sehr froh, Sie kennengelernt zu haben.“

„Und es war mir eine Ehre, der Gerechtigkeit zu dienen.“ Sophie schaute ihre Kollegin weiter an, als diese zurücktrat und mit ein paar Kindern in ihrer Landessprache sprach. Das waren die Momente, für die Sophie lebte. Diese Augenblicke, in denen sie absolute Sicherheit verspürte, dass das, was sie tat, wichtig war. Dass es all die Schmerzen und persönlichen Opfer wert war. Aber wie immer blieb eine Frage offen – sahen ihre Kinder das genauso?

Während sie weiter darauf wartete, den Premierminister zu begrüßen, trat ein Mann mit einem Presseausweis am Revers auf sie zu. „Brooks Fordham, New York Times. Bitte erzählen Sie uns, worum es heute Abend geht.“

Sophie schenkte ihm ein zurückhaltendes Lächeln. „Mr Fordham, wenn Sie die wahre Geschichte hören wollen, bräuchte ich Stunden, um sie zu erzählen.“

„Ich will die wahre Geschichte. Aber warum geben Sie mir nicht eine Kurzfassung? Und bitte, nennen Sie mich Brooks.“

Sophie kannte diesen Typ Reporter – verwöhnt, ehrgeizig, hervorragend ausgebildet, gut aussehend und sehr von sich eingenommen. Dennoch gab sie nach und erzählte ihm eine Kurzfassung der Ereignisse, die sie an diesem Abend hier zusammengebracht hatten. Umoja war eine versklavte Nation gewesen, unterdrückt von einem halblegalen Syndikat aus europäischen Diamantenhändler und ihren afrikanischen Mitarbeitern, angeführt von einem berüchtigten Kriegsverbrecher namens General Timi Abacha. Zwei Jahrzehnte lang war das Land von einer gnadenlosen Miliz gelenkt worden, die sich durch den Handel mit Blutdiamanten finanziert hatte. Mit der Zeit hatten die Gräueltaten so schlimme Ausmaße angenommen, dass der Rest der Welt darauf aufmerksam geworden war.

Dann kam das Foto, das schließlich das öffentliche Bewusstsein auf den Plan rief. Das Bild zeigte einen eingeborenen Jungen, dem eine Hand und ein Ohr fehlten. Er schaute in die Kamera mit Augen, die jegliche Unschuld verloren hatten. Er war seiner Familie entrissen, zur Arbeit gezwungen und mit Misshandlungen bestraft worden. Und alles nur, weil er klein genug war, um in einen Minenschacht zu passen. Das Bild schaffte es auf die Titelblätter aller wichtigen Zeitschriften und Magazine und trieb die Weltgemeinschaft an, etwas zu unternehmen. Ein Team aus internationalen Ermittlern überprüfte die Vorfälle von Sklaverei und Missbrauch, den Einsatz von Kindersoldaten und die Vergewaltigungen. Der Fall wurde mit äußerster Sorgfalt aufgebaut und betraf viele der hauptsächlichen Drahtzieher. Wer die falschen Leute befragte oder sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt, fiel schnell mal einem „Unfall“ zum Opfer.

Sophie kannte die Geschichte auswendig und vermutlich besser als jeder andere im Raum. In der Vorbereitung des Falles hatte sie sich tief in die rote Erde dieses Staates vergraben. Auf der Karte sah das Land aus wie ein Glaskrug, dessen Ausguss auf die oberste Ecke von Südafrika zeigte.

Und genau das machte Umoja so wertvoll. In den Grenzgebieten lagen einige der ergiebigsten Diamantminen der Welt, in denen Steine von außergewöhnlicher Güte gefördert wurden. Über unzählige Generationen hatten die Eingeborenenstämme sich gegen die europäischen Kolonialherren und feindliche Stämme zur Wehr gesetzt. Doch dann gelang es einem schwer bewaffneten Stamm, die Herrschaft in einem blutigen Putsch an sich zu reißen.

Das Volk erlitt unvorstellbare Qualen – Vergewaltigungen, ethnische Säuberungen, Genozid. Kleine Jungen wurden als Soldaten verpflichtet, kleine Mädchen benutzt und aussortiert oder gezwungen, die Kinder ihrer Vergewaltiger auszutragen. In der Vorbereitung des Falles gegen den Diktator und Kriegsherren hatten Sophie und ihr Team Opfer aller möglichen Verbrechen befragt. Es gab so viele Geschichten unaussprechlicher Gewalt, dass einige Teammitglieder traumatisiert gekündigt hatten. Andere waren abgestumpft, vollkommen desensibilisiert durch dieses Übermaß an Grauen.

Jedes Mal, wenn Sophie von einem Jungen hörte, der nicht älter war als ihr eigener Sohn, den man einer Gehirnwäsche unterzogen und in die Drogenabhängigkeit gezwungen hatte, um ihn in eine Killermaschine zu verwandeln, blutete ihr das Herz. Als sie von einer jungen Frau hörte, ein Teenager ungefähr im Alter ihrer Tochter, die fast zu Tode vergewaltigt worden war, war sie fassungslos. Jede Geschichte nahm sie sich zu Herzen, und sehr früh in den Vorbereitungen für den Fall begann die ganze Sache, für sie zu einer persönlichen Angelegenheit zu werden.

Proteste und Rufe nach internationalen Sanktionen waren unzureichend. Genauso kühl kalkulierend wie die Diamantenhändler, die in dem Land das Sagen hatten, fing Sophie an, ihren Fall gegen das Regime aufzubauen, der darauf abzielte, die aktuelle Regierung zu entmachten.

Der Prozess hatte zwei Jahre gedauert. Sophie hatte bis zur Erschöpfung gearbeitet. Ihre Ehe war dabei gescheitert, und Sophie hatte einen Ozean entfernt von ihren Kindern gelebt. Aber an diesem Abend erinnerte sie sich daran, dass die Schlacht gewonnen war. An diesem Tag ging es darum, die zu ehren, die eine Nation befreit und Schlimmeres verhindert hatten. Dorfbewohner mussten nicht länger vor Verbrecherbanden fliehen. Menschen wurde nicht mehr gezwungen, in den Minen zu arbeiten, Missbrauch und Hunger zu erleiden, bis sie durch die Hand unmenschlicher Schakale starben, die ihnen ihr Land gestohlen hatten.

Sophie spürte, dass Brooks sie beobachtete. Sie versuchte, ihn nicht anzusehen, weil sie Angst hatte, sich dadurch ablenken zu lassen. Auch wenn sie sich eben erst kennengelernt hatten, spürte sie, dass er die Art von leichtem Charme und geistreicher Unbekümmertheit besaß, die sie zum Lächeln bringen würde. Nachdem sie den emotionalen Schmerz der Scheidung überwunden hatte, hatte sie festgestellt, dass sie ein großes Faible für Männer hatte. Sobald sie sich dieses Gedankens bewusst wurde, stieg ihr eine leichte Röte in die Wangen.

Sophie arbeitete als stellvertretende Anwältin für die Anklage. Als zwei ihrer Vorgesetzten krank wurden, war sie es, die direkt zu den fünfzehn Richtern des Internationalen Gerichtshofs sprach. Man sagte, ihre unermüdlichen und leidenschaftlich vorgetragenen Argumente wären der Schlüssel zu der Verurteilung gewesen. Danach waren UN-Truppen in das Land eingerückt, hatten die korrupte Regierung vertrieben und den im Exil lebenden Premierminister wieder auf seinen rechtmäßigen Posten gesetzt.

„Das war die kurze Version der Geschichte“, schloss sie ihre Erzählung für Brooks. „Und selbst dabei werden Ihre Augen schon ganz glasig.“

„Das liegt am Jetlag.“ Er holte einen Block und einen Bleistift heraus. „Telefonnummer?“ Sein strahlendes Lächeln blitzte auf.

Sie gab ihm die Handynummer ihrer Assistentin, das musste reichen.

Er schrieb sie auf und machte sich ein paar Notizen, dann gab er Sophie seine Nummer. „Wollen Sie sie nicht aufschreiben?“, fragte er.

„Das habe ich bereits.“ Das war eines ihrer Talente. Sie hatte ein beinah fotografisches Gedächtnis für Zahlen. Noch immer hatte sie die Nummer des Schiedsmanns im Kopf, der ihre Scheidung über ein Jahr zuvor abgewickelt hatte. Die Telefonnummer vom Hockeycoach ihres Sohnes, den sie nie persönlich getroffen hatte. Die Nummer von Gregs neuer Frau Nina, auch wenn Sophie die niemals wählen würde. Sie schaute Brooks an und wiederholte seine Telefonnummer.

„Eine Frau mit vielen Talenten“, stellte er bewundernd fest. „Wirklich, das ist eine unglaubliche Geschichte …“

„Die auf einen Vierzeiler unter der Rubrik ‚Aus aller Welt‘ reduziert und auf Seite neunzehn versteckt wird“, beendete sie den Satz für ihn.

„Ich werde versuchen, mehr Platz herauszuschinden. Aber noch eine andere Frage.“

„Schießen Sie los.“ Sophie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Stimmt es, dass Sie Zugang zu den Bankdaten des Syndikats erlangt haben, indem Sie die gleichen Methoden wie die nigerianischen Bankbetrüger eingesetzt haben?“

Sophie merkte, wie es um ihre Mundwinkel zuckte. „Wir haben endlich einen sinnvollen Verwendungszweck für Spam-Mails gefunden. Das Ermittlerteam hat die technische Arbeit geleistet, aber schlussendlich lief es darauf hinaus, dass wir den obersten Schatzmeister des Syndikats hereingelegt haben. Es ist nicht der älteste Trick der Welt, aber fast. Und es ließ ihn ziemlich dumm aussehen.“

In der Tradition der nigerianischen Bankbetrüger hatten sie den obersten Schatzmeister des Diktators, Mr Femi Gidado, angemailt. Er war als ehrgeiziger, gieriger Mann bekannt, dessen hochriskante Investments dem Regime hohe Renditen eingebracht hatten.

Nachdem Sophie das über ihn in Erfahrung gebracht hatte, schickte sie ihm eine E-Mail, in der sie sich als unschuldiger Regierungsbeamter ausgab, der für ein gigantisches Vermögen verantwortlich war. Sie hatte „seine werte Aufmerksamkeit“ für „eine Sache von höchster finanzieller Dringlichkeit“ erbeten und ihm eine Summe von 3,5 Millionen Dollar geboten, wenn er einfach nur seine Bankdaten für eine simple geheime Transaktion zur Verfügung stellte.

Nach einem relativ kurzen E-Mail-Verkehr hielten Sophie und ihr Team auf einmal das Vermögen des Regimes in Händen. Da es durch illegale Mittel erworben worden war, konnten sie das Geld nicht nutzen – aber die Leichtigkeit, mit der sie an die Informationen gelangt waren, gab ihnen Auftrieb. Sie machten dem betrügerischen Schatzmeister ein Angebot.

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