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Was das Herz begehrt ...

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1. KAPITEL

„Nie und nimmer werde ich mir durch die Erinnerung an einen Priester mein ganzes Leben zerstören lassen! Da er unerreichbar für mich bleibt, will ich nicht länger leiden. Hiermit soll endgültig Schluss sein.“

Bei den letzten Worten warf Sydney ihren Rosenstrauß ins Wasser und beobachtete, wie er mit den Wellen aufs Meer hinaustrieb. Dann drehte sie sich um und lief den sandigen Pfad zum Grundstück der Brysons hinauf. Das frisch gebackene Ehepaar hatte sich in die Flitterwochen begeben, und damit war auch die Hochzeitsgesellschaft verschwunden. Abgesehen von den Mädchen, die alles wieder in Ordnung brachten, befand sich Sydney allein in der Luxusvilla, die einen märchenhaften Ausblick auf den Strand von San Diego und den weiten Pazifischen Ozean bot.

Nach der kirchlichen Trauung, die auf Samstagnachmittag festgelegt worden war, hatten sich mehr als hundert Gäste auf dem weitläufigen Gelände versammelt und das Brautpaar gefeiert. Die Brysons gehörten zu den angesehensten Familien und hatten keine Kosten gescheut, um der Hochzeit ihrer einzigen Tochter Glanz zu verleihen.

Gilly Bryson-King, von Beruf Ranger, hatte sich für Dr. Alex Latimer entschieden, den weithin bekannten Umweltschützer, der das Volcano-Observatorium im Yellowstone-Nationalpark leitete. Wie Märchenprinz und – prinzessin hatten sie auf der Klippe gestanden, er im schwarzen Smoking, sie im weißen Brautkleid, mit der tosenden Brandung als atemberaubender Kulisse.

Sydney hatte sich große Mühe gegeben, eine hübsche Brautjungfer für ihre Freundin zu sein. Sie hatte lange nach dem richtigen Lippenstift gesucht, um ihren großen, ausdrucksvollen Mund zu betonen, und sogar etwas getönten Puder benutzt, denn Gilly behauptete, sie sei mit ihren sanft geschwungenen Wangenknochen beinahe eine klassische Schönheit.

Unter den Gästen, denen sich Sydney so präsentiert hatte, waren viele Ranger vom Yellowstone- und Teton-Nationalpark gewesen. Sie hatten die weite Anreise nicht gescheut, denn ein so glänzendes gesellschaftliches Ereignis war selten und wurde entsprechend beachtet. Sydney hatte einige ihrer ehemaligen Kollegen wiedergesehen, aber es war ihr gelungen, ihre jüngst gefassten Zukunftspläne vor ihnen geheim zu halten.

Vor zwei Wochen hatte sie ihren Job als Ranger im Yellowstone-Park gekündigt. Nach einigem Zögern hatte Chief Ranger Archer die Kündigung angenommen und versprochen, Stillschweigen zu bewahren, bis sie endgültig aus der Gegend verschwunden war. Sie hatte ihre Blockhütte bereits geräumt und eine möblierte Wohnung in Gardiner, Montana, bezogen, ehe sie zur Hochzeit nach San Diego geflogen war. Nur der Chief Ranger wusste, dass sie die Absicht hatte, im nächsten Jahr in Gardiner als Lehrerin zu arbeiten. Das ersparte ihr lästige Fragen, die sie jetzt noch nicht beantworten konnte.

Außer Gilly hätte ihr keiner ihrer ehemaligen Kollegen abgenommen, dass dieser plötzliche Berufswechsel nur dazu diente, sie vor noch größerem Schaden zu bewahren. Sie war gern Ranger gewesen, aber es hatte ihr nicht geholfen, das zu vergessen, was sie unbedingt vergessen wollte. Nach einem kurzen Besuch bei ihren Eltern in Bismarck, North Dakota, würde sie nach Gardiner fliegen und dort ein neues Leben beginnen. Wenn sich ihre Hoffnung erfüllte, würde sie als Lehrerin kaum noch Zeit haben, einer Liebe nachzutrauern, die es nie hätte geben dürfen. Sie wollte frei sein und endlich wieder unbelastet in die Zukunft blicken.

Sydney ging noch einmal in den Garten und sah auf das weite Meer hinaus. Die späte Augustsonne neigte sich dem Horizont zu. Ihre letzten Strahlen vergoldeten Sydneys blonde Locken, die ihr gerade bis zum Kinn reichten und auch bei völliger Windstille leicht zerzaust wirkten, was der Geschicklichkeit eines Meisterfriseurs zu verdanken war.

Während der glühende Sonnenball im Ozean versank, nahm Sydney zu ihrem Kummer wahr, dass eine Unterströmung die Rosen wieder ans Ufer gespült hatte. Die aufgeweichten zartrosa Blüten lagen verstreut am Strand – ein mehr als schlechtes, ein beängstigendes Vorzeichen.

Der Mann, der für immer von ihr getrennt war, der sie für alle andern Männer verdorben hatte und den sie vergessen wollte, hatte ihr einmal gesagt, dass er das halbe Farbspektrum in ihren Augen entdecken könne, vom dunklen Graugrün bis zum hellen Lavendelblau. Die winzigen Punkte auf der Iris nahmen normalerweise die Farbe ihrer jeweiligen Kleidung an, aber heute spiegelte sich das zarte Hyazinthrosa ihres Kostüms nicht darin. Stattdessen lag ein finsterer Ausdruck in ihren Augen, der an drohende Wolken vor einem Tornado erinnerte.

Plötzlich fröstelte Sydney. Mit einem Seufzer wandte sie sich ab und lief ins Haus, um sich umzuziehen und für den Flug nach Bismarck zu packen.

Kurz nach Mitternacht hielt Jarod Kendall in der Auffahrt des Pfarrhauses von Cannon, North Dakota. Schwer zu sagen, wie sich ein anderer Priester nach der endlosen Sitzung der Kirchenleitung in Bismarck und der anschließenden einstündigen Heimfahrt gefühlt hätte. Jarod empfand nur Erleichterung, weil der Kampf endlich vorüber war.

„Father?“, fragte jemand von der Treppe her, als Jarod die Haustür leise hinter sich geschlossen hatte. Es war Rick Olsen.

„Ich hatte nicht erwartet, Sie noch wach zu finden“, antwortete Jarod.

„Willkommen zu Hause, Father. Kay schläft schon. Ich wollte noch etwas zwischen uns klären, bevor wir morgen zur Kirche fahren. Es wird nicht lange dauern, aber wenn Sie zu müde sind …“

Der Diakon verstummte mitten im Satz. Er war näher gekommen und erkannte im Halbdunkel, dass Jarod einen normalen Straßenanzug trug. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er einmal das Gewand eines Priesters getragen hatte.

Es war Jarods Absicht gewesen, Rick diesen mitternächtlichen Schock zu ersparen, aber da er ihn erwartet hatte, war das nicht mehr möglich. Vielleicht war es besser so. Rick wäre in der Überzeugung eingeschlafen, dass alles so weiterging wie bisher, und hätte am Morgen eine umso größere Überraschung erlebt. Jetzt konnte er sich über Nacht an den Gedanken gewöhnen und alles mit Kay besprechen. Welcher Trost lag darin, sich in so entscheidenden Momenten an eine Frau wenden zu können. Jarod musste allein damit fertig werden, dass er sich nach langen inneren Kämpfen dazu entschlossen hatte, sein Priesteramt aufzugeben.

„Kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer“, sagte er. „Ich habe Neuigkeiten für Sie.“

Rick folgte ihm wie ein Schlafwandler.

„Setzen Sie sich“, forderte Jarod den Diakon auf, während er an seinem Schreibtisch Platz nahm.

Rick ließ sich in den tiefen Ledersessel sinken. Er war sehr blass. „Als Sie letzte Woche in Urlaub gingen, fragten Kay und ich uns, ob es vielleicht Probleme gäbe“, sagte er leise. „Wir fürchteten schon, Sie seien krank und wollten das nur nicht zugeben.“

„Ich war tatsächlich krank, Rick“, gestand Jarod. „So krank, dass ich mich vor zwei Monaten entschloss, Heilung zu suchen und meinen Fall der Kirchenleitung vorzutragen. Das Ergebnis steht jetzt fest. Ich bin nicht mehr Father Kendall.“

Der Diakon lauschte mit angehaltenem Atem. Er war zu keiner Antwort fähig.

„Ab morgen wird Father Lane stellvertretend die Messe lesen, bis ein neuer Priester mein Amt übernimmt.“

Rick war immer noch fassungslos. „Warum?“, fragte er mit gebrochener Stimme.

„Bevor Kay und Sie hierherkamen, verliebte ich mich in eine Frau. Sie hieß Sydney Taylor und war Englischlehrerin. Eine ihrer Schülerinnen, die sechzehnjährige Brenda Halverson, erwartete ein Kind. Im ersten Schreck und aus Angst vor ihren Eltern wollte Brenda die Schwangerschaft abbrechen. In ihrer Not vertraute sie sich dem Tagebuch an, das sie für den Englischunterricht führte. Dadurch erfuhr Sydney davon. Sie ermutigte Brenda, den Beistand der Kirche zu suchen, und begleitete sie zu dem ersten Gespräch mit mir.“

Jarod machte eine kurze Pause, als müsste er Mut fassen, und fuhr fort: „Seit diesem Tag lebte ich in einer ständigen Konfliktsituation. Auf Brendas inständige Bitten hin, begleitete Sydney sie auch zu den folgenden Sprechstunden, aber in Wahrheit suchten wir beide nur die Gelegenheit, uns wiederzusehen. Sie haben mich manchmal voller Besorgnis angesehen, Rick, wenn Sie glaubten, ich würde es nicht bemerken. Sie spürten, dass ich mit ganzer Kraft darum kämpfte, Sydney zu vergessen. Vor einiger Zeit habe ich mich nach ihr erkundigt und erfahren, dass sie immer noch unverheiratet ist.“

Rick beugte sich vor, um etwas zu sagen, aber Jarod hob abwehrend die Hand. „Bevor Sie versuchen, mich von meiner Entscheidung abzubringen, muss ich Ihnen sagen, dass ich fünfzehn Monate Zeit gehabt habe, mein Gewissen zu befragen, welches der richtige Weg für mich ist. Fünfzehn Monate, um mir klarzumachen, was ich verlieren würde. Fünfzehn Monate, um zu begreifen, dass es nach der Aufgabe meines Priesteramts kein Zurück geben würde. Ich bin nicht wie manche meiner Pfarrkinder, die zu mir kommen, über ihre schlechte Ehe klagen und sich scheiden lassen wollen. Ich liebe die Kirche und die Stellung, die ich in ihrem Dienst einnehmen durfte. Es hat mich große Überwindung gekostet, diese Stellung aufzugeben, aber meine Liebe zu Sydney ist stärker als alles andere. Da ich nicht beides haben kann, trete ich von meinem Priesteramt zurück, um Sydney für mich zu gewinnen. Sie können nicht wissen, wie sehr ich Sie und Kay beneide, Rick. Das Glück der Ehe genießen und gleichzeitig der Kirche dienen zu können, muss die absolute Erfüllung im Leben sein.“

Rick hatte sich wieder in den Sessel zurückfallen lassen und saß zusammengesunken da.

„Das Problem des verheirateten Priesters ist viel diskutiert worden“, fuhr Jarod fort. „Ich weiß nicht, warum es mir unmöglich war, Sydney aus meiner Erinnerung und aus meinem Herzen zu verdrängen. Wir haben seit damals keinerlei Kontakt gehabt, und dennoch … Ich bin verrückt nach ihr!“ Die letzten, halb geflüsterten Worte verrieten seine mühsam unterdrückte Erregung.

Das leidenschaftliche Geständnis brachte Leben in den Diakon. „Weiß sie, welche Entscheidung Sie ihretwegen getroffen haben?“, fragte er scharf.

„Nein.“ Jarod schüttelte den Kopf. „Dennoch bin ich überzeugt, dass sie ledig geblieben ist, weil sie mich genauso wenig vergessen hat wie ich sie. Wie kann ich da als ordinierter Priester vor sie hintreten und ihr meine Liebe bekennen? Wenn wir uns wiedersehen, muss ich absolut frei sein. Sie soll mir wie einem ganz normalen Mann begegnen können, sonst wird sie nie den Father Kendall in mir vergessen.“

„Das verstehe ich“, erklärte Rick nach einigem Zögern. „Ob der Papst Ihnen Dispens erteilt, wenn ihm Ihr Gesuch vorgelegt wird?“

„Wahrscheinlich nicht“, gab Jarod zu. „Ich werde mit dem Gedanken leben müssen, mein Priesteramt ohne Genehmigung von höherer Stelle aufgegeben zu haben. Das ist nicht leicht für mich, aber ohne Sydney wäre ich von jetzt an nur noch ein halber Mensch. Damit würde ich mich gegenüber meinem Amt und auch mir gegenüber versündigen.“

Auch das verstand Rick. „Ich verurteile Sie nicht, Jarod“, sagte er ernst. „Ich wollte auch einmal Priester werden, bevor ich Kay begegnete.“

„Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, Rick, aber nur wenige werden es teilen. Die meisten werden sich von mir verraten fühlen. Man wird mir vorhalten, dass sich die Kosten für meine Ausbildung nicht ausgezahlt haben und dass ich meinen Amtsbrüdern in der Diözese ein schlechtes Beispiel gebe. Ich werde als Abtrünniger gelten …“

„Aber nicht als Abtrünniger der Kirche“, warf Rick ein.

„Nein, das nicht.“ Jarod schüttelte den Kopf. „Ich bleibe der Kirche treu, auch wenn ich mein Amt aufgebe.“

„Was macht Sie so sicher, dass Sydneys Gefühle sich nicht gewandelt haben?“

„Ich weiß es einfach“, antwortete Jarod, ohne zu überlegen.

„Und wenn sie Ihren Antrag zurückweist?“

„Das muss ich riskieren. Ich kann nicht verlangen, dass sie mich ernst nimmt, wenn ich mir den Rückweg offen halte.“

„Sie vertrauen so stark auf ihre Liebe, dass Sie bedingungslos alles aufgeben?“

Jarod nickte. „Ja.“

Rick hatte sich langsam aus seinem Sessel erhoben. „Haben Sie mit Sydney geschlafen?“, fragte er geradeheraus.

„Nein. Wir haben uns lange umarmt, bevor wir uns getrennt haben, aber die Sehnsucht nacheinander blieb ungestillt.“

„Dann …“

„Geben Sie sich keine Mühe, Rick. Was zwischen Sydney und mir geschehen ist, lässt sich nicht in Worte fassen. Seitdem sind fünfzehn Monate vergangen. Ich werde demnächst achtunddreißig, und mit jedem Tag verlieren wir etwas mehr von der Zeit, die uns noch geblieben ist.“

Rick setzte sich nachdenklich wieder hin. „Sie verzichten auf eine katholische Trauung …“

„Das weiß ich.“

„Ist Sydney gläubig?“

„Sie wurde evangelisch getauft, übt ihren Glauben aber nicht praktisch aus.“

„Das könnte in Ihrem speziellen Fall eine Hilfe sein. Für die evangelische Kirche ist die Heirat mit Andersgläubigen nicht weiter problematisch.“

Jarod seufzte. „Das ist nur ein schwacher Trost, Rick. Es gibt in diesem Fall keine ideale Lösung. Man müsste die Uhr zurückstellen können. Sydney müsste irgendwo in North Dakota, nur nicht in Cannon Lehrerin sein, sodass wir uns nicht begegnen würden. Urteilen Sie selbst, Rick. Sie sind neben dem Bischof mein bester Freund. Soll ich mich vielleicht in derartigen Spekulationen verlieren?“

Der Diakon schwieg, denn er wusste keine Antwort auf diese Frage. „Kay wird schwer darüber hinwegkommen“, meinte er endlich. „Für sie waren Sie immer der perfekte Priester.“

Jarod winkte müde ab. „Das ist es ja eben. Es gibt im Leben keine Perfektion.“

„Aber im Herzen wird sie Ihnen recht geben.“

„Das hoffe ich. Übrigens werde ich nicht mehr hier sein, wenn Kay morgen früh aufwacht. Das macht es leichter für sie. Father Lane wird bis auf Weiteres die Amtsgeschäfte übernehmen. Er wird den Leuten mitteilen, dass ich mich zurückgezogen habe, und später meinen Nachfolger einführen. So wird ein allzu harter Bruch vermieden.“

„Wovon wollen Sie in Zukunft leben?“, fragte Rick besorgt und erinnerte Jarod damit an die raue Wirklichkeit.

„Ich spiele mit dem Gedanken, in Gardiner, Montana, eine Beratertätigkeit zu übernehmen“, antwortete er. „Die kleine Stadt liegt nur wenige Meilen nördlich des Yellowstone-Nationalparks, sodass Sydney weiter als Ranger arbeiten kann, wenn sie das möchte.“

„Sydney ist Ranger?“

Jarod nickte.

„Und sie weiß nicht, dass Sie kommen?“

„Nein, und das ist wichtig für mein Vorhaben. Ich rechne mit dem Überraschungseffekt. Sie kann dann sagen, was sie will. Ihre Augen werden mir verraten, was sie wirklich fühlt.“

Ein Lächeln glitt über Ricks Gesicht. „Vielleicht sinkt sie Ihnen auch ohnmächtig in die Arme.“

„Der Typ ist sie nicht.“

„Schon möglich, aber wenn plötzlich der Mann als Liebhaber vor ihr steht, den sie bisher als Father Kendall gekannt hat … Das könnte auch ihre Nervenkraft übersteigen. Sie sind ein ungewöhnlich mutiger Mann, Father.“

„Mutig?“, fragte Jarod zweifelnd.

„Allerdings“, bekräftigte Rick. „Sie stehen zu sich selbst und sind vor Gott und der Welt überzeugt, dass Sie das Richtige tun.“

Jarod schüttelte den Kopf. „Nicht jeder wird so großmütig urteilen, Rick. Für die meisten werde ich ein Verräter bleiben, und in gewissem Sinn haben sie recht. Ich habe mein Amt und meine Stellung in der Kirche geliebt. Es wird lange dauern, bis ich über die Trennung hinwegkommen werde.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Vielleicht wird mir das nie ganz gelingen.“

„Ich werde Sie vermissen“, gestand Rick.

„Ich Sie auch.“ Die Blicke der beiden Männer begegneten sich, dann fuhr Jarod fort: „Höchste Zeit, schlafen zu gehen, Rick. Sie werden morgen alle Kraft brauchen, um Father Lane den Anfang zu erleichtern.“

Der Diakon stand auf. „Bevor ich nach oben gehe, müssen Sie mir etwas versprechen.“

„Alles, was Sie wollen.“

„Bleiben Sie in Verbindung mit uns.“

„Selbstverständlich.“

Rick ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. „Father Kendall war immer ein Vorbild für mich. Ich habe ihn geliebt und verehrt. Daran wird sich nichts ändern, auch wenn er jetzt einen neuen Weg einschlägt. Sollte es irgendwann eine Hochzeit geben, wäre es für Kay und mich eine Ehre, dabei zu sein.“

„Es wird eine Hochzeit geben“, versicherte Jarod. „Die Frage ist nur … wann.“

2. KAPITEL

Sydney hatte schon vor ihrer Abreise einen Leihwagen bestellt, denn sie wollte direkt vom Flughafen zum Haus ihrer Eltern fahren, das etwas außerhalb von Bismarck lag. Doch schon an der ersten Kreuzung fiel ihr Blick auf den Wegweiser nach Cannon. Es waren nur siebzig Kilometer bis dorthin, und ihr Verlangen, ihn wiederzusehen, würde endlich gestillt sein.

Die Messe begann um zehn Uhr. Mit etwas Glück konnte sie es noch schaffen. Wenn sie sich im Hintergrund der Kirche hielt, würde er ihre Anwesenheit nicht bemerken.

Nur diese wenigen Minuten, um mich ein Leben lang daran zu erinnern …

Sydney verachtete sich wegen ihrer Schwäche, aber sie konnte nichts dagegen tun. Wider bessere Einsicht ließ sie alle Bedenken fallen und verließ Bismarck in westlicher Richtung. Sie fuhr schneller als sonst. Die Gefahr, von einer Verkehrsstreife angehalten zu werden, schreckte sie nicht. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie die Geschwindigkeit als Ventil brauchte. Jetzt war ihr alles egal. Es kam nur noch darauf an, ihn wiederzusehen.

Abgesehen von einigen ausgebauten Wohnsiedlungen, hatte sich Cannon nicht verändert. Allerdings hätte Sydney Veränderungen auch nicht bemerkt. All ihre Aufmerksamkeit galt der Pfarrkirche am Ende der Jefferson Street.

Sydney hatte sich für den Flug unauffällig angezogen. Die blaue Bluse und der Khakirock waren auch für die Messe tauglich. Nachdem sie den Wagen geparkt hatte, wartete sie vor dem Portal, bis es genau zehn Uhr war. Erst dann schloss sie sich den letzten Besuchern an und betrat die Kirche. Sie hoffte, auf diese Weise unbemerkt die letzte Reihe zu erreichen, aber die anderen hatten diese Absicht ebenfalls, und so musste sie sich mit ihnen auf dieselbe Bank zwängen. Den Kopf hielt sie gesenkt, bis eine ihr unbekannte männliche Stimme sie aufschreckte.

Ein anderer, älterer Priester begann die Messe zu lesen. Wo war Father Kendall?

Sydney war bitter enttäuscht, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als still sitzen zu bleiben und das Ende der Messe abzuwarten. Kaum war der letzte Orgelton verklungen, erhob sie sich und hastete nach draußen. Als sie ihr Auto erreichte, schloss eine ältere Frau, die neben ihr geparkt hatte, gerade die Wagentür auf. Sie nickte Sydney freundlich zu und ermutigte sie dadurch zu der Frage: „Wissen Sie zufällig, warum Father Kendall heute nicht die Messe gelesen hat?“

„Angeblich soll er krank sein“, antwortete die Frau.

Die Nachricht erschreckte Sydney. „Das tut mir leid.“

„Mir auch. Niemand kann Father Kendall ersetzen.“

Nein, niemand.

Sydney rang sich ein Lächeln ab. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.“

Sekunden später saß sie im Wagen und fuhr davon. Nicht auszudenken, wenn sich das Gespräch in die Länge gezogen hätte!

Jarod war also krank. Wie krank? Sydney konnte in seinem Büro anrufen, aber da bestand die Gefahr, dass er ihre Nummer erkannte und dadurch erfuhr, dass sie ihn noch nicht vergessen hatte. Das wollte sie auf keinen Fall riskieren.

Niedergeschlagen fuhr sie nach Bismarck zurück. Als sie die Stadt fast erreicht hatte, rief sie ihre Eltern an und erklärte die Verspätung mit einer Reifenpanne. Niemand sollte erfahren, was sie wirklich aufgehalten hatte.

Sie dachte an die Rosen, die sie erst am Tag zuvor ins Meer geworfen hatte, mit dem festen Entschluss, Father Kendall zu vergessen. Aber die Rosen waren zurückgekommen, und sie war schwach genug gewesen, nach Cannon zu fahren, um ihn während der Sonntagsmesse heimlich zu beobachten. Das durfte nicht noch einmal geschehen. Sie musste sich aus ihrer Abhängigkeit befreien und ihn endgültig vergessen.

Zwei Stunden später folgte Sydney ihrem Vater durch die Hintertür ins Haus. Sie waren zusammen ausgeritten, und Sydney brauchte dringend eine Dusche.

„Der Lunch ist fertig“, verkündete ihre Mutter.

„Gleich, Mom“, erwiderte Sydney. „Ich brauche nur fünf Minuten.“

Sie benötigte jedoch die doppelte Zeit, um in frischer Bluse und frischen Jeans am Mittagstisch zu erscheinen. Ihre Eltern trugen ebenfalls Jeans und dazu, wie immer, karierte Shirts.

„Hm, Schmorbraten und Maiskolben“, stellte Sydney zufrieden fest. „Mein Lieblingsessen. Danke, Mom.“

In North Dakota hing man an alten Sitten. Schon Sydneys Urgroßeltern hatten mittags die Hauptmahlzeit eingenommen. Ihre Großeltern hatten diese Tradition fortgesetzt, und ihre Eltern hielten es genauso. Dabei spielte Rindfleisch eine wichtige Rolle.

„Wie hat dir ‚Nordacker‘ gefallen?“, fragte Margaret Taylor ihre Tochter.

Es fiel Sydney schwer, sich zu konzentrieren. Der missglückte Abstecher nach Cannon hatte sie aufgewühlt und viele Fragen offen gelassen. Ob Jarod ernsthaft erkrankt war? Die Vorstellung quälte sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.

„Wie ich sehen konnte, ist seit Juni viel von der großblättrigen Wolfsmilch verschwunden“, antwortete sie und knabberte weiter an ihrem Maiskolben.

Margaret lächelte. „Dein Vater hat in diesem Jahr kein Pflanzengift versprüht, sondern Käfer eingesetzt.“

„Eine kluge Entscheidung, Dad“, lobte Sydney ihn.

„Die Käfer haben die Wolfsmilch nicht ganz vernichtet, aber doch erheblich reduziert“, meinte Wayne Taylor und nahm sich eine zweite Bratenscheibe. „Außerdem habe ich viel Geld gespart. Der Tipp vom Landwirtschaftsministerium war wirklich gut.“

„Schön, dass du ihn beachtet hast.“

Margaret reichte Sydney die Salatschüssel. „Lydia möchte, dass wir bei ihr den Nachtisch essen.“

„Das klingt verheißungsvoll.“ Sydney hatte ihre Tante und ihren Onkel länger nicht gesehen. „Wie geht es Jenny?“

Jenny war ihre Cousine und erwartete ihr erstes Baby. Sydney hatte aus diesem Anlass in San Diego ein Geschenk für sie gekauft.

„Jenny ist bei bester Gesundheit.“

„Haben sie schon einen Namen für das Kind?“

Wayne Taylor nickte. „Es soll Joe heißen.“

„Nicht gerade einfallsreich.“ Jennys Ehemann hieß Joe, und die Entscheidung kam wahrscheinlich von ihm. Jenny hatte selten etwas gegen seine Entscheidungen einzuwenden und garantierte damit den Frieden in ihrer Ehe. Bei Sydneys Eltern war es ähnlich. Normalerweise fügte sich Margaret ihrem Mann. Sydney konnte sich kaum erinnern, dass sie ihm einmal ernstlich widersprochen hatte.

„Weißt du schon, für welches Geschenk wir uns im Frauenkreis entschieden haben?“, fragte Margaret. „Jenny bekommt neue Bezüge für die Autositze und einen zusammenklappbaren Kinderwagen.“

„Das ist wirklich großzügig.“

Während ihre Eltern noch beim Kaffee saßen, übernahm Sydney den Abwasch. Nach einer Weile kam Margaret mit den leeren Tassen in die Küche. „Eines Tages wirst du auch verheiratet sein, einen liebevollen Mann und wunderware Kinder haben“, meinte sie tröstend.

Sydney gab wenig auf diese Versicherung. Sie atmete einige Male tief durch und sagte dann: „Vielleicht auch nicht, Mom. Rechne nicht zu fest damit.“

Rechne nicht damit, dass ich mich jemals in einen andern Mann verliebe.

Wayne Taylor erschien ebenfalls in der Küche. „Wie steht es eigentlich zwischen dir und diesem Chip aus Idaho?“, fragte er. „Wir dachten immer, ihr beide würdet heiraten.“

„Ich war nie in ihn verliebt“, protestierte Sydney. „Deshalb haben wir auch nie vom Heiraten gesprochen.“

„Dann gibt es inzwischen wohl jemand anderen?“

„Ja“, gab Sydney zu. Sie konnte und wollte ihre Eltern nicht belügen.

„Wohnt er in Cannon?“, fragte Margaret.

Sydney antwortete nicht. ...

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