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Was bisher geschah

Uwe Ochsenknecht
mit Claudia Thesenfitz

WAS BISHER
GESCHAH

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Kiki, Rocco, Wilson, Jimi und Cheyenne

»Wenn du glücklich sein willst – dann sei es!«

Tolstoi

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PROLOG

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Nationaltheater Mannheim, November 1970, 15.20 Uhr

»Ach deswegen hast du so einen doofen Anzug an«, sage ich zu Emil, der eben mit dem Zug aus seiner Heimatstadt im großen Berlin eingetroffen ist.

»Nimm das sofort zurück! Sonst kleb ich dir eine, dass du scheintot hinfällst«, antwortet der und funkelt mich kampfeslustig an.

Ich bin vierzehn und spiele meine erste große Theaterrolle – die des Gustav in der Bühnenfassung von Erich Kästners berühmtem Kinderroman Emil und die Detektive. Tagelang habe ich meinen Text geübt, ihn mit meinen Kumpeln durchgespielt und versucht, mich in den Berliner Jungen einzufühlen. Was ist das für ein Kerl, der mit einer Hupe durch die Hauptstadt läuft und durch sein simples Getröte in Sekundenschnelle eine ganze Kinder-Gang versammeln kann? Er trötet, und sie kommen aus allen Ecken. Kenne ich Jungs, die so sind wie er? Das Kostüm – eine zu kurze Hose mit Hosenträgern und ein zerschlissenes Hemd – sowie meine zerwühlten Haare helfen mir, mich in die Situation des Berliner Straßenjungen hineinzudenken.

Im Stück haben Emil und ich uns gerade kennengelernt, nun sitzen wir nebeneinander auf einer Bank.

»Ich beobachte einen Dieb«, sagt Emil geheimnisvoll zu mir.

»Was? Wen hat er denn beklaut?«

»Mich!«, erwidert er.

Ich gucke ihn verblüfft an und spiele an der Hupe, die aus meiner Hosentasche hängt. »Hundertvierzig Mark hat er mir gestohlen, und jetzt sitzt er da drüben im Café und lässt sich’s gutgehen!«

»Das ist ja wie im Kino«, rufe ich begeistert und starre wie gebannt auf die andere Seite der Bühne in ein Café, das es gar nicht gibt.

Der alte Bühnenscheinwerfer oben an der Decke strahlt mich an, und mit jeder Minute, die ich spiele, versetze ich mich mehr in die Figur hinein. Die Sätze kommen mir ohne Stocken über die Lippen. Ich bin jetzt Gustav, der »Junge mit der Hupe«, und die Tröte gehört zu mir wie ein drittes Bein.

Im Zuschauerraum ist es dunkel, ich sehe nur die Gesichter in den ersten Reihen, und die Leute schauen mich gebannt an, wenn ich spreche. Ich spüre ihre Aufmerksamkeit und ihre Blicke, die mir folgen. Das fühlt sich phantastisch an. Ich höre meine eigene Stimme, während über hundert Menschen im Saal ganz still sind und mir zuhören. Mein Herz klopft mir bis zum Hals vor Freude. Es ist wie ein Rausch, wie Musikhören, wie Tanzen, wie Biertrinken – wie küssen! Und mir geht es nicht alleine so: Auch den anderen merke ich den Spaß beim Spielen an. Wir machen hier etwas Großes – und schaukeln uns gegenseitig hoch. Eine euphorisierende Dynamik entsteht zwischen uns. So etwas Tolles habe ich noch nie erlebt. Das ist spannender als jeder Film, den ich bisher gesehen habe, das ist intensiver als jede Mutprobe, die ich bisher bestehen musste.

An den dramatischen Stellen wird es ganz still im Saal, und bei überraschenden Wendungen ruft ab und an ein Kind erschrocken »Oh« im Zuschauerraum. Wir scheinen also überzeugend zu spielen. Plötzlich – viel zu schnell – ist das Stück dann zu Ende.

Der Vorhang fällt. Lauter Applaus brandet auf. Bravo-Rufe ertönen. Ein völlig neues Glücksgefühl durchströmt mich. Der Beifall prasselt wie eine warme Dusche auf mich nieder. Wir laufen einzeln vor den Vorhang und verbeugen uns vor dem Publikum. Bei jedem von uns wird das anhaltende Klatschen wieder lauter. Ich fühle mich phantastisch. Zum ersten Mal werde ich wirklich gesehen, anerkannt, geliebt …

Ist das hier meine Zukunft?