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Was aus uns wird

Über den Autor

David Gilbert, im Juli 1967 in Paris geboren, lebt mit seiner Familie in New York. Er schrieb Short Stories für GQ, Harper’s und The New Yorker. 2005 erschien sein hochgelobter erster Roman »Die Normalen«, über den The New Yorker schrieb: »Was dieses Buch so unvergesslich macht, ist seine treffsichere Schilderung des widersprüchlichen Wunsches, der Welt zu entgehen und sich ihr gleichzeitig auszuliefern.«

BASTEI ENTERTAINMENT

Was aus uns wird ist ein fiktionales Werk. Namen, Personen, Schauplätze und Geschehnisse sind Fantasieprodukte des Autors oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Schauplätzen oder Personen, ob lebendig oder tot, ist rein zufällig.

Manchmal sah Louis in seinen Söhnen einen Spiegel, der seine besten Seiten reflektierte, und war von Stolz erfüllt; dann wieder hoffte er, in ihnen nicht sein Ebenbild zu erkennen und bestand darauf, sie zu seinem Gegenteil zu formen, wenn nötig mit Gewalt. Vater sein bedeutet, diese Extreme, das Alpha und Omega, aufzuweichen und dabei immer die fiebrige Hitze des eigenen Vaters im Nacken zu spüren.

Wir lieben und hassen unsere Söhne dafür, dass sie uns eines Tages durchschauen könnten.

A. N. Dyer, Der verschonte Mann

ES WAR EINMAL EINE ZEIT, da kreiste ein Mond um den Mond. Das ist sehr lange her, lange, bevor es Söhne gab, die ihren Vater um Gutenachtgeschichten anbettelten, lange, bevor es überhaupt Väter, Söhne oder Geschichten gab. Der Mond-Mond war erheblich kleiner als der Mond, wie eine Untertasse im Vergleich zu einer Kuchenplatte, doch für die Bewohner des Mondes war das nicht so wichtig. Für sie hatte der Mond eine überragende, fast mystische Bedeutung. Man hätte diese Leute – ach, was heißt hier Leute; sie glichen eher intelligenten Auberginen mit starken Klammerwurzeln –, man hätte sie also fragen können: »Interessiert euch die nahe Erde mit ihren fantastischen Blau- und Grüntönen und den weißen, unruhigen Wirbeln denn gar nicht?« Nein, das tat sie nicht. Die Mondbewohner betrachteten die Erde eher als latent gefährliche, unheimliche Präsenz, wie den magischen Gegenstand eines Zauberers. Was uns zu der Frage führt: Wie dachten die Bewohner der Erde über ihre beiden Monde? Nun, um ehrlich zu sein, war Intelligenz zu der Zeit noch kein Thema auf der Erde, obwohl Forscher kürzlich einen unmittelbaren evolutionären Zusammenhang zwischen den beiden Monden und der Entwicklung des binokularen Sehens bei den Kreidezeitschnecken entdeckt haben.

Doch eines Tages – denn dies ist eine Geschichte und es muss ein »eines Tages« geben – stand der Mond-Mond größer als sonst am Himmel, was die weisen Männer des Mondes einer intergravitationalen Blähung zuschrieben. Dennoch schien er noch heller als sonst. Am nächsten Abend hatte der Mond seinen Umfang verfünffacht und seine Helligkeit nahm weiter zu. Noch fürchtete sich niemand, noch waren alle zu sehr von Ehrfurcht erfüllt. Doch als der Mond am zehnten Tag wie eine Dampfwalze auf sie zuzurollen schien, sorgten sich die Wesen. Das konnte doch nicht sein! Was sie am meisten liebten, schien auf einmal ihren sicheren Tod zu bedeuten. Hilfe! Oje! Eine Art Schreckstarre setzte ein. Sie klammerten sich mit ihren Wurzeln besonders fest und bereiteten sich auf den unvermeidlichen Einschlag vor, der am einundzwanzigsten Tag hätte stattfinden müssen, wenn der Mond-Mond nicht wie ein etwas zu hoch gezielter Ball über sie hinweggeflogen wäre. Zum Glück verfehlte er sie und die Wesen seufzten erleichtert auf. Dann drehten sie die Köpfe, verfolgten seinen Kurs und erkannten bald sein wahres Ziel: Er würde mitten in die ferne Erde krachen. Sie waren also nicht Betroffene, sondern eher Zuschauer. Am vierundzwanzigsten Tag, vor ungefähr fünfundsechzig Millionen Jahren, legte der Mond-Mond seine letzten Kilometer zurück und eine riesige, aber geräuschlose Explosionswolke stieg von der unteren Hemisphäre der Erde auf. Und das war’s. Der Mond der Mondbewohner war fort und von der Einschlagstelle aus verschluckte nach und nach ein Katarakt von Grau die Blau- und Grüntöne und die weißen Wirbel.

Der Himmel, an dem einst der Mond geleuchtet hatte, schien jetzt wüst und leer. Seine Farbe erinnerte an einen Bluterguss. Eine neuartige Sehnsucht erfüllte die Mondbewohner, während sie zur Erde starrten. Irgendwann ließ der erste los, wahrscheinlich der deprimierteste. Doch anstatt zu verdorren, wie es ihnen stets vorausgesagt worden war, begann er zu schweben. Und nicht nur das! Er stieg auf und trieb auf die ferne Grabstätte ihres geliebten Mondes zu. »Wir haben alle festgehalten«, rief er hinunter, der neue Prophet, »die ganze Zeit nur festgehalten!« Die Weisen des Mondes diskutierten noch darüber, ob es sich um Selbstmord oder Befreiung handelte, als schon der nächste losließ, dann noch einer, bis schließlich fünf, dann acht hinauf in den Himmel schwebten, die Augen zur Erde und einer erhofften Wiedervereinigung mit ihrem Mond gerichtet. Bevor man sich geeinigt hatte, tanzten bald am Horizont tausende Reisegefährten wie Löwenzahnsamen, als hätte der Mond einmal tief durchgeschnauft: fffffffffffffff! Seine Oberfläche erblasste, bis nur noch ein Wesen zurückgeblieben war, ein Kind, genauer gesagt ein Junge. Die Versuchung, den anderen zu folgen, war groß, doch er blieb dickköpfig und hielt seine Verweigerung für einen Ausdruck von Freiheit. Freunde und Verwandte verschwanden allmählich, ihr Flehen verhallte und Jahre später, als der Himmel nicht länger ihre Erinnerung trug, senkte der Junge, inzwischen ein junger Mann, den Kopf und studierte den Boden. Irgendwann wagte er seine ersten Schritte und schleifte seine hinderlichen Wurzeln über die staubige Mondoberfläche. Er war überzeugt, dass das, was er finden würde, alles Verlorene in den Schatten stellen würde.

Doch das ist eine andere Geschichte und muss bis morgen warten.

I

ANDREW DYER

24. Juni 1942

Lieber Charlie,

vielen Dank für das tintenlose, fleckenlose D-men Fingerabdruck-Set. Es gefällt mir sehr gut! Ich habe schon eine Akte mit den Dreckpfoten meiner Familie angelegt und pudere jeden Tag mein gutes altes Sparschwein ein, falls Daddy Desperado auf dumme Gedanken kommt. Nach Deinen Abdrücken suche ich auch. Hände weg von meinem Baseball, Kumpel! Danke, dass Du zu meinem Geburtstag gekommen bist, obwohl er nicht halb so lustig war wie Deiner. Normalerweise hasse ich Zauberer und ihre blöden Tricks, aber Mr. Magnifico war wirklich große Klasse. Wohin wohl dieser Vogel verschwunden ist? Ich wette, er hatte zwei, vielleicht sogar drei Vögel. Vielleicht war er selbst ein Vogel. Egal. Erst mal bis morgen in der Schule, da hast Du meinen Brief noch gar nicht bekommen.

Viele Grüße von Deinem endlich auch acht Jahre alten

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I.i

UND DA SASS ER NUN, mutterseelenallein vorne in der ersten Kirchenbank. Auf Nachfragen bestätigten die Platzanweiser mit sparsamem Nicken: Ja, das ist er. Diejenigen, die ihn sahen, aber nichts sagten, verrieten sich, indem sie die Köpfe wegdrehten und so taten, als beeindruckten sie die benachbarten Bleiglasfenster mit dem verehrten Hauptmann Kornelius oder Gottfried von Bouillon und nicht der von diversen Zipperlein geplagte neunundsiebzigjährige Schriftsteller. Seit einiger Zeit ging das Gerücht, dass er kommen würde. Sein ältester, engster Freund, Charles Henry Topping, war tot. Trauerfeier am Dienstag in der St.-James-Kirche, Ecke 17. Straße und Madison Avenue. Erweisen Sie ihm die letzte Ehre. Kleidung: dem Anlass entsprechend. Treffpunkt: in der Kirche. Einige Getreue hatten Bücher mitgebracht, in der Hoffnung, er würde sie signieren, etwas gewagt, aber wer hätte widerstehen können, und um Viertel vor elf war die Kirche fast voll. Ich erinnere mich, wie die Freunde meines Vaters durch den Mittelgang schritten. Während ihr Blick auf die Slocums, die Coopers und – da drüben – die Englehards fiel und sie ihre Bekannten mit bekümmertem Lächeln grüßten, schienen sie über einige andere Trauergäste sichtlich verwundert. Trugen die etwa Turnschuhe? Und dort – war das eine Kette oder eine Tätowierung, eine Frisur oder ein Hut? Bedauerlicherweise schien dieser Anlass ein seltsames Publikum anzuziehen. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, blätterte jedermann das Programm durch – hochwertiges Papier, geschmackvoll bedruckt – und kalkulierte im Kopf die voraussichtliche Dauer der Feier, zu der gottlob kein Abendmahl gehörte. Gespannt erwarteten alle den Trauerredner, da der Mann in der vordersten Bank als notorisch zurückgezogen, ja einsiedlerisch bekannt war. Aufgeregtes Gemurmel verbreitete sich in der Kirche und eilig wurden E-Mails, SMS, Status-updates und Tweets getippt. Diese New Yorker Trauerfeier mutierte ganz unerwartet zum gesellschaftlichen Ereignis, einem dieser Ich-war-dabei-Momente, die in dieser Stadt so bedeutsam sind, sogar, wenn man den Schriftsteller aus früheren Zeiten kannte, noch bevor er berühmt und ausgezeichnet war, damals, als er noch ein sportlicher Schwimmer und heldenhafter Bäumekletterer gewesen war, sogar, wenn man seine Mutter, seinen Vater, seinen Stiefvater und seine Freunde aus der Kindheit gekannt hatte, für die er Andy oder Andrew anstatt der unzugänglichere A.N. Dyer gewesen war.

All das geschah vor zwölf Jahren Mitte März. Ich erinnere mich daran, dass es der erste warme Tag des Jahres war, eine kleine Erleichterung nach Monaten sibirischer Kälte. Nur eine Woche zuvor hatten die Temperaturen um die minus zehn Grad geschwankt und durch den Wind schien es noch kälter zu sein. Die Fensterscheiben klirrten in den Rahmen und der Himmel spannte sich wie eine Betondecke über die Stadt. Nachdem er den ganzen Winter über auf dem Sterbebett gelegen hatte, war mein Vater endlich verschieden. Ich weiß noch, dass ich aufstand und sein Gesicht bedeckte, wie man es in Filmen sieht, und dass seine leuchtend blauen Socken unter der Decke hervorschauten. Mein Vater trug stets Socken zum Schlafanzug und deckte sich niemals zu, als wollte er verhindern, dass seine Träume das Bett in Unordnung bringen. Ich öffnete beide Fenster und verfluchte die kalte Luft nicht mehr, sondern hoffte, sie würde die Leiche meines Vaters ein wenig konservieren. Doch am Tag seiner Beerdigung stöhnte die Stadt schon fast unter der Hitze, wenn auch in der St.-James-Kirche noch immer herbstliche Temperaturen herrschten, jene episkopale Konstante, die nach Scotch und Tweed verlangte.

Kirchen sind glorifizierte Dachböden, hatte A.N. Dyer einst geschrieben, doch jetzt glich auch er einem tief ins Gebet versenkten Gläubigen – den Kopf gesenkt, die gefalteten Hände an den Bauch gepresst. Seine Haltung erinnerte mich an ein Komma, dessen Bedeutung noch nicht definiert ist. Die Anwesenden nahmen an, dass er bekümmert war. Natürlich war er das. Mein Vater und er waren uralte Freunde gewesen und nur elf Tage nacheinander in demselben Krankenhaus in Manhattan auf die Welt gekommen. Als Kinder war ihnen dieser Altersunterschied wichtig und Andrew pflegte den älteren Charlie damit zu necken, dass er statistisch gesehen als Erster sterben würde. Er würde seinen Freund begraben und in der verbleibenden Zeit ein herrliches, Topping-freies Leben genießen. »Die Würmer und Insekten werden dich fressen, während ich Champagner schlürfe!« Dieser Witz war so lange komisch, bis in der Pointe innige Vertrautheit mitschwang, und was den kleinen Charlie einst zum Weinen gebracht hatte, ließ ihn später lächeln, sogar bis zu seinem Ende. »Du nutzt die Situation ja weidlich aus«, murmelte Andrew bei seinem letzten Besuch. »Ich trinke jetzt schon seit einem Monat Blubberwasser auf Eis.« Er saß neben dem Bett wie ein Ersatzspieler auf der Bank, der eine schreckliche Niederlage beobachtet. Zu dem Zeitpunkt konnte mein Vater schon nicht mehr sprechen. Der Sensenmann hockte ihm schon auf der Brust und höhnte: Los, atme, atme doch! Daher beschloss Andrew, seinem Freund das letzte Wort zu lassen, beugte sich zu ihm und soufflierte: »Jetzt musst du sagen, ich soll doch mal in den Spiegel schauen, ich, mit meinen vielen Pillen, den ruinierten Gelenken und meiner Wampe, die ich nie wieder loswerde. Du musst jetzt auf mich zeigen und mit dem schrecklichen Wissen der Vorausgehenden sagen: ›Du bist der Nächste!‹« Andrew war froh, dass er gekommen war. Er fragte sich, was sein Freund noch wahrnehmen konnte und ob eine Entschuldigung die Mühe lohnte, doch er kam zu dem Schluss, dass sein Besuch das Wichtigste war, die Anwesenheit von A.N. Dyer persönlich. Keine Kleinigkeit bei seinem schlimmen großen Zeh! Für ihn war es ein Zwei-Vicodin-Vormittag; Charlie bekam einen Morphium-Tropf gegen seine Schmerzen. »Jetzt sieh dir mal an, was aus uns geworden ist«, wollte Andrew gerade sagen, als Charlies rechte Hand plötzlich aufflatterte und wie ein toter Vogel auf dem Knie des Freundes landete. Die Fingernägel waren dick und gelb und Andrew erinnerte sich an makabre Betrachtungen aus seiner Jugend darüber, dass Haare und Nägel nach dem Tod weiterwuchsen. Er hob den Blick zu Charlies dichtem Haar und stellte sich vor, wie er im Sarg seinen monatlichen Haarschnitt verpassen und zum Hippie werden würde, wie Beethoven, der seine eigene Verwesung dirigierte. Ungerührt tätschelte Andrew die Hand seines Freundes. Seine eigene sah kaum besser aus. Dann versuchte Charlie, etwas zu sagen. Er bemühte sich verzweifelt, es war ihm offensichtlich wichtig, doch er brachte nichts Verständliches hervor, nur ein raues Keuchen wie in einem billigen Garagenfilm, wenn sich Tote in Zombies verwandeln und man sich besser davonmacht. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass Andrew den Blick nicht abwandte. Einerseits war er sichtlich bekümmert, zugleich aber auch peinlich berührt, ja, vielleicht überwog dieses Gefühl sogar, als sei Sterben unweigerlich von einem peinlichen Geständnis begleitet. Bitte, lass mich gehen, sagte er vermutlich im Geiste zu seinem Freund. Lass mich los. Nachdem er dem verzweifelten Krächzen eine Weile zugehört hatte, unterbrach er Charlie mit einem »Tut mir leid, alter Freund«, legte ihm eine Hand auf die Brust und küsste ihn sanft auf die Stirn. Das reichte ja wohl, oder?

Charles Henry Topping erhielt einen respektablen, wenn auch unbebilderten Zweihundert-Wörter-Nachruf in der New York Times – Anwalt, Philanthrop, Treuhänder, Lockentensammler von Weltrang und lebenslanger Freund des Schriftstellers A.N. Dyer, der die blaublütige Welt der Toppings und Dyers häufig thematisierte. Thematisierte? Ich bin mir sicher, dass sich Andrew über diesen Imperfekt wunderte. Wahrscheinlich wunderte er sich ebenfalls, dass mein Vater überhaupt in der Times erwähnt wurde. Wie wenig dafür heutzutage im Leben ausreichte!

Die Kirchenorganistin spielte die letzten Noten des Mendelssohn-Präludiums.

Andrew krümmte sich in seiner Kirchenbank noch weiter vor, als fühle er sich von hinten bedrängt. Wenn Isabel nur da gewesen wäre! Sie hätte die richtigen Worte gefunden. »Schluss jetzt mit dem Selbstmitleid!« Er hörte auf sie wie auf Kommando. Den ganzen gestrigen Tag hatte sich Andrew über seine IBM Selectric gebeugt und sich das Gehirn nach Erinnerungen an seinen Freund zermartert, doch er fand kaum etwas, außer, dass Charlie Schinkenspeck so gerne gemocht hatte. Ja, Schinkenspeck hatte er unglaublich gern gemocht. Er konnte eine ganze Lage davon verspeisen. Sandwiches mit Schinken, Salat und Tomate. Hamburger mit Schinkenspeck. Sandwiches mit Schinken und Mayonnaise. Leber in Schinkenspeck gewickelt. Ekelhaft! Natürlich gab es noch mehr zu sagen (schließlich fand sogar die Times zweihundert Wörter), doch die Freundschaft zwischen Andrew Dyer und Charlie Topping schien sich ganz wesentlich aus gemeinsamen Kindheitserlebnissen zu speisen, als noch mehr unternommen als geredet wurde und Schinkenspeck genauso bedeutend war wie alles andere. Seit ihrer Geburt war ihre Freundschaft so unverrückbar wie die Sterne und darin bestand ein großer Teil ihres Zaubers. Wie bei vielen Männern, die Freundschaften in verschieden langen Umlaufbahnen unterhalten, konnten ein Monat, sechs Monate oder ein Jahr vergehen, ohne dass sie miteinander sprachen, und doch konnten sie jederzeit den Faden wieder aufnehmen. Die beiden standen sich ohne Frage nahe, also warum nach Antworten suchen? Ihre Unterhaltungen kreisten um Triviales, Vergangenheit und Gegenwart, Sommerferien und Schulkameraden, eben solch wichtige Kindheitserinnerungen, während die heikleren Themen wie Krankheit und Tod, Scheidung und Depressionen auf subatomarer Ebene wirkten: Sie besaßen Wichtigkeit, führten zu den nötigen Interaktionen, doch sie hatten keinerlei greifbare Konsequenz, wenn sich die Freunde zu einem netten gemeinsamen Essen trafen, das ihnen womöglich von ihren stets aufmerksamen Gattinnen aufgedrängt worden war.

Ja, Charlie mochte wirklich gerne Schinkenspeck.

Andrew zog die Trauerrede aus der Innentasche seines Jacketts.

Soll ich diesen Mist wirklich öffentlich vortragen?, dachte er. Wie soll ich überhaupt hoch zum Rednerpult klettern, ohne dass meine Gicht mich wie mit tausend Glassplittern quält? Mein Knochengerüst besteht nur noch aus Kalk. Aus der Jackentasche fischte er seine Notfall-Vicodin, die fusselverklebte Nachhut seiner Frühstücksvicodin, und schluckte sie. Sie kratzte in seiner Kehle, als sei ihr geborstenes Glas beigemischt. Die Organistin näherte sich ihrem tonalen Amen. Hinter dem Altar ragte der massive goldene Lettner mit den Miniaturreliefs bedeutender Kirchengestalten auf, deren Namen Andrew und Charlie einst in der Sonntagsschule auswendig lernen mussten. Miss Kepplinger, diese blöde Kuh, bestand auf einer metronomischen Rezitation – St. Polycarp, St. Gregor von Nazianz  eine Pause, und es gab keinen Keks! – St. Michael, St. Uriel  und obwohl Andrew ein gutes Gedächtnis hatte – St. Rafael, St. Gabriel –, wäre er, wenn Miss Muh heute rhythmisch mit ihrem Klumpfuß getappt hätte – der fünfte Erzengel ganz oben, äh, der Schutzpatron aller Verzeihenden, derjenige, der Abraham davon abgehalten hat, Isaak zu opfern –, ohne Keks nach Hause gegangen. Doch niemand tappte mit dem Fuß. Nicht heute. Mendelssohn war fertig, Charlie war tot und Andrew war nur Minuten davon entfernt, sein berühmteres Selbst vor all diesen Leuten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Geh jetzt, und zwar sofort!, rief ihm eine innere Stimme zu.

Zieh die Reißleine und hau ab!

Die Schuld für das ganze Schlamassel gab er der zweiten Mrs. Topping, meiner Stiefmutter. Lucy besaß die einzigartige Fähigkeit, Leute am Telefon in die Enge zu treiben. »Er hat an dir gehangen«, sagte sie zu ihm einen Tag, nachdem mein Vater gestorben war.

»Ja«, sagte Andrew.

»Er hat wirklich sehr an dir gehangen.«

»Ja.«

»Und er war so stolz, dich zum Freund zu haben! Sehr stolz. Ja, er war einfach stolz auf dich.«

»Und ich auf ihn«, sagte Andrew und fragte sich, ob er Englisch oder Mandarin sprach.

»Und auch die Jungs und Grace haben dich sehr gern, du bist wie ein zweiter Vater für sie.«

»Ihr Vater war ein guter Mensch.«

»Du kannst dich doch so gut ausdrücken. Wirklich, ich …«

Lächerlich, ihre Schmeicheleien. Vielleicht machte sie sich sogar lustig über ihn, denn ihre Lippen verzogen sich oft zu einem bleistiftdünnen Lächeln, die traditionelle Grimasse jener Vorstadthausfrauen, die sowohl blöde als auch oberschlau daherkommen können, wie Profis aus dem Dienstleistungssektor. Dennoch hatte die Geschiedene aus Oyster Bay am Ende des Gesprächs ihren Supertrauerredner an der Angel. Eine gottverdammte Trauerrede? Gab es Schlimmeres? Vielleicht eine Rede zum Schulabschluss. Oder eine Hochzeitsansprache. Andrew hatte zugestimmt, entgegen seiner beruflichen und privaten Grundsätze, er hatte zugestimmt, obwohl sein letzter Roman, Der verschonte Mann, bereits vor zehn Jahren erschienen und größtenteils aus zwanzig Jahre altem Material entstanden war – seitdem kein Wort mehr von dem gefeierten Autor solcher Werke wie Ampersand, Hier leben wütende Hunde und wilde Männer und einem Dutzend anderer Bücher, nicht einmal ein Brief von angemessener Länge. Manchmal schien es, als hätte sich ein entscheidender Teil seines Gehirns abgelöst. Er konnte es förmlich klappern hören, ein loses, aus der Halterung gesprungenes Typenrad, das nicht länger Gedanken in vernünftige Wörter und Sätze verwandelte. Im Grunde war er kaputt. Oft überkam ihn der Drang, sich einen Kugelschreiber ins Ohr zu rammen. Etwa am Abend vor der Beerdigung in seinem Arbeitszimmer: Er saß an seinem Schreibtisch, abgelenkt von einer kürzlichen Neuausgabe seiner Werke mit diesem blöden Muster auf den Rücken (wenn man sie chronologisch geordnet aufstellte, ergab sich eine rote Linie in Form einer Herzkurve). Das war zwar geschickt gestaltet, berücksichtigte aber nicht die Herzklabaster nach Mitternacht, die Rhythmusstörungen, die Atemnot, die angedeuteten Aussetzer, die irrationale Angst vor dem Schlaf. Sein alter Freund war gerade gestorben und ihm blieben nur wenige Stunden, um eine Apologie seines Lebens zu schreiben. Um halb fünf in der Früh, bis zur Brust im eigenen Grab, griff Andrew nach dem verachtenswertesten, niedersten Schreibinstrument von allen, dem Laptop-Computer und stieg in die Unterwelt des Internets hinab. Fast aus Spaß startete er eine Google-Suche (war er der Einzige, dem die lächerliche Konnotation des Logos auffiel, eine Art infantile Unendlichkeit?) nach Trauerrede, Hilfe und Bitte. Innerhalb von einer Stunde hatte er seine Eurydike gefunden:

Meine liebe Freundin, mein lieber Freund,

ich möchte Ihnen mein tiefstes Beileid zu dem Verlust aussprechen, den Sie kürzlich erlitten haben. In dieser Zeit der Trauer kann es Sie hoffnungslos überfordern, vor einem Publikum von Freunden, Verwandten, Geistlichen und Fremden eine Rede zu halten, geschweige denn, innerhalb nur weniger Tage eine Trauerrede mit der ihr angemessenen Sorgfalt zu verfassen. Was haben Sie zu geben außer Tränen? Ich selbst war vollkommen sprachlos und verängstigt, als mich mein Schwager bat, die Trauerrede für meine geliebte, tragisch verstorbene Schwester zu halten. Doch obwohl ich befürchtete, dem schönen Teil ihres Lebens nicht gerecht zu werden, an den ich mich erinnerte, wurden meine Worte so positiv und dankbar begrüßt, dass ich seitdem Trauerreden für meinen Vater, meine Kusine, meinen Onkel, zwei meiner Tanten, meine Großmutter, zahllose gute Freunde und sogar arme, ausgesetzte Neugeborene verfasst habe. Wenn Sie Ihr Selbstvertrauen aufbauen, Zeit sparen und sichergehen wollen, eine denkwürdige Ansprache für jemanden zu halten, der Ihnen einst sehr viel bedeutet hat, dann sollten Sie auf jeden Fall noch heute die Website www.TrauerredenvonHerzen.com besuchen. Meine fertigen Trauerreden werden Ihnen alles liefern, was Sie brauchen, um angemessen und bedeutungsvoll Ihre Trauer zu äußern. Ich möchte Ihnen dabei helfen, den Verlust in Worte zu fassen, der Sie im Innersten aufwühlt.

Mit herzlichen Grüßen und tiefstem Beileid

Emma Norbert

Tja, dachte Andrew, Emma Norbert versteht ihr Handwerk. Ihr Foto prangte an zentraler Stelle und ihr Gesicht drückte tiefes Mitgefühl aus, auch wenn die Augen unpassenderweise zu stark geschminkt waren. Doch man sah ihr an, dass sie wirklich etwas von Trauer verstand. Emma fand die richtigen Worte, während bei ihm alles künstlich und aufgesetzt klang. Trunken vom Scotch und schwindelig vom Vicodin, betrachtete Andrew die vierzehn Bücher, die sein Testament ausmachen würden. Eine Handvoll älterer Kritiker würde sich wohlwollend äußern, eine Handvoll jüngerer Kritiker solche laschen Meinungen angreifen. Oh, Emma, dachte Andrew, was würdest du für 29,99 $ über mich sagen? Er gab seine Daten und seine Kreditkartennummer ein und drückte ENTER. Innerhalb von fünf Minuten hatte er eine Auswahl an Trauerreden beisammen, bei denen er nur noch den Namen eintragen musste.

Es heißt, am Ende unserer Zeit auf dieser Erde könne man sich glücklich schätzen, wenn man einige wenige Freunde besitzt. Ich weiß, dass ich ein glücklicher Mensch bin, weil ich immer auf (Namen eingeben) zählen konnte, den treuesten Freund, den ich je hatte. Heute bin ich krank vor Verzweiflung, umso mehr, weil (Namen eingeben) nicht hier ist, um mit seinen / ihren lieben Worten und seiner / ihrer Warmherzigkeit Ordnung in meine Seele zu bringen …

Andrew klatschte in die Hände, ja, kicherte vielleicht sogar. Die Vorstellung, dass er oder Charlie irgendetwas oder -jemanden hätten in Ordnung bringen können, war einfach lächerlich. Sie hatten zwei linke Hände und für das In-Ordnung-Bringen waren erst ihre Mütter, später ihre Ehefrauen zuständig gewesen, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes, während ihre Söhne beziehungsweise Ehemänner selbst die leichtesten Haushaltsaufgaben vermasselten und sich nur wohlfühlten, wenn sie so taten, als seien sie für den Haushalt völlig ungeeignet. Ohne ihre Frauen waren sie hilflos. Andrew spannte ein Blatt Papier in die Selectric, was immer eine befriedigende Handlung war, als würde man Erinnerungen in einen leeren Kopf einfüllen. Während er den Text abschrieb, erlaubte er sich in Gedanken ein kurzes Abenteuer mit Ms. Norbert. Emma trug Leder und High Heels, drückte sein Gesicht hinunter und nahm ihn ran wie einen Bandwurmsatz. Zwar brachte ihre Peitsche nichts zum Anschwellen, doch das trockene Klappern der Tasten klang irgendwie tröstlich.

Ich hoffe nur, dass ich (Namen einfügen) auch nur ein halb so guter Freund war wie er mir und dass ich am Ende, so Gott will, wieder mit ihm / ihr zusammen sein und (Lieblingsaktivität einfügen) kann. Die Sonne geht unter, doch stets bleibt das Versprechen auf einen neuen Tag, stets das Versprechen, auf immer.

Im Elend des Begräbnistages schwamm Emma jedoch wie eine bleierne Ente. Andrew steckte die Trauerrede wieder ein und duckte sich noch tiefer in die Kirchenbank, in der Hoffnung, dass die alte Miss Muh vielleicht vergessen würde, ihn aufzurufen. Er fragte sich, wo Andy war. Der Junge war kurz rausgegangen, um eine Zigarette zu rauchen, aber inzwischen hätte er fünf geschafft. Doch was sind für einen Siebzehnjährigen schon zwanzig Minuten? Oder eine Stunde? Oder auch ein Jahr? Die Zukunft, die vor ihm lag, leuchtete als helles Licht unter der Tür hervor, während die Gegenwart nur ein schmales Guckloch bot. Dennoch wünschte Andrew, die Hand ausstrecken, das Knie des Jungen berühren und sich vielleicht durch einen bestätigenden Blick beruhigen zu können. Andy war die Antwort auf jene spätabendliche Frage: Bin ich allein? Nein. Ich habe ja ihn. Aber wo war er? Andrew wollte aufstehen und nach ihm suchen, doch die Vorstellung, durch die versammelte Menge zu waten, durch die ganzen gesellschaftlichen Beziehungen, die Vergangenheit, die dünner wurde, aber nie zerriss, ja, höchstens elastischer wurde, erschöpfte ihn. Seine Geschichte konnte er nicht verleugnen. Die gesamte Upper East Side feierte ihn wie einen begabten Jungen aus den Appalachen, auch wenn seine Romane mehr zu Upper West tendierten. Freunde seiner Eltern lobten die Kritiken und Zeitschriftenartikel, fragten nach Verkaufszahlen und möglichen Auszeichnungen und erkundigten sich, ob Darryl Zanuck schon angerufen hätte. Dieselben Leute gratulierten ihm einige Jahrzehnte sogar, nachdem er sie im Henry-Doubleday-Zweiteiler zerrissen hatte (Amerikanische Ligatur und Die Gorgone USA), doch bis dahin gab es keinerlei Grund zur Aufregung. A.N. Dyer war berühmt.

Andrew räusperte den hartnäckigen Schleim in seiner Kehle weg, was inzwischen dreißig Sekunden in Anspruch nahm. Ja, die Kirchenbänke hinter ihm trugen die Schrott-DNS seines Lebens. Sie mochte nutzlos sein, aber vielleicht erhaschte er in ihren Windungen einen Blick auf den Geist seiner Mutter, der durch die Reihen wehte. Vielleicht schnappte er auch ein freundliches Wort über seinen Vater auf, der einen Tag nach Weihnachten gestorben war, als Andrew erst acht Jahre alt war. Doch anstatt sich umzudrehen, starrte er geradeaus, desorientiert wie jemand, der einen Spiegel für den Ausgang hält.

Die Organistin ließ den ersten Akkord der Prozessionshymne »Thine Be the Glory« erklingen. Die Trauergemeinde erhob sich und wandte sich um. Nur A.N. Dyer blieb sitzen, offensichtlich zu zerstreut, um sich zu bewegen. Erst kam der Knabenchor, gefolgt von den Geistlichen, dem Sarg und endlich uns Toppings, angeführt von der Witwe Lucy. Zweifellos erregte ihr Kostüm mit dem Pelzbesatz und den großen Satinknöpfen bei einigen Damen Aufsehen, die von Mrs. Oyster Bay nichts weniger Aufwändiges erwartet hatten. Die Original-Mrs.-Topping, meine Mutter Eleanor, hätte die Schlichtheit auf die Spitze getrieben bis zur Haute Couture. Wie so viele Damen ihrer Generation orientierte sie sich so sehr an Jaqueline Kennedy, dass man fast glauben konnte, sie alle hätten ein Attentat an der Seite ihres berühmten Gatten überstanden.

Zu Lucys Verteidigung muss man allerdings sagen, dass ihre Rolle als zweite Gattin die mit Abstand undankbarere gewesen war. Sie hatte mit meinem Vater die schweren Zeiten durchstehen müssen – seine erste Erkrankung an Speiseröhrenkrebs, die Demenz, das Herzversagen im Zusammenhang mit einer Rückkehr des Krebses. Die letzten Jahre hatte sie ihm so angenehm, so glücklich wie möglich gestaltet, auch wenn sie sich fortwährend darüber beklagte, dass seinetwegen Reisen nach Indien, Kambodscha oder, weiß Gott, Xanadu ausgefallen seien. Nur ein grausamer Mensch hätte ihren atemberaubenden Halston-Hut kritisiert. Sie hatte sich dieses pompöse Begräbnis redlich verdient.

Thine be the glory, risen, conq’ring Son;

Endless is the vic’try, Thou o’er death hast won

Andrew saß noch immer da, dachte nach, nahm die Atmosphäre in sich auf, atmete tief ein und ließ die Jahre im Feinstaub dieser Kirche Revue passieren. Hier hatte sich nichts verändert, nicht einmal der Geruch, der ihn an den Kleiderschrank seines Vaters erinnerte. Als kleiner Junge hatte er zwischen den Bänken auf Schuhen mit hohen Absätzen gekauert, versteckt und doch nicht ganz verborgen. Fast hatte er entdeckt werden wollen, obwohl er sich sofort dumm vorgekommen wäre – ja, im Fluss des Immergleichen trieben auch zahlreiche Hochzeiten, Taufen und Trauerfeiern. Gott weiß, wie oft er in dieser Kirche gesessen hatte, dabei glaubte Andrew eigentlich nicht einmal an Gott.

Make us more than conq’rers, though Thy deathless love;

Bring us safe through Jordan to Thy home above.

Jungen schritten in ihren rotweißen Gewändern vorbei wie Männer im Miniaturformat. Dieser langsame, in den höchsten Tönen singende Zug erschreckte Andrew und er erkannte: Mist, der Gottesdienst hat angefangen, ich sollte aufstehen! Auf die Bank gestützt, hievte er sich hoch und wankte dank des Vicodins nur kurz in der Erinnerung an die Schmerzen. Einige von uns grinsten ihm müde zu, als wir in unsere reservierten Bänke rutschten. Lucy und Kaye Snow, ihre Tochter aus erster Ehe, saßen neben Andrew. Kay war unverheiratet und züchtete Wheaten Terrier, obwohl man bei ihrem Anblick eher auf Zwergspitz getippt hätte. Ihr eigentlicher Beruf war jedoch der einer benachteiligten, aber ergebenen Tochter, eine Rolle, die sie seit fast siebenundvierzig Jahren spielte und niemals an den Nagel hängen würde. Kaye lächelte Andrew zu. Sie muss ein Händchen für Hunde haben, dachte er.

Lucy streckte die Hand aus und berührte ihn am Unterarm. »Wie geht es dir?«

»Wie bitte?«

»Du siehst blass aus.«

»Nein, bin ich nicht«, erwiderte er, da er sie falsch verstanden hatte. »Hast du Andy gesehen?«

»Nein. Ist alles in Ordnung?«

Andrew nahm an, dass sie die Trauerrede meinte. »Oh ja, das wird schon klappen.«

»Es ist schwer, nicht wahr?«

»Was?«

»Na, das alles«, antwortete sie und breitete die Hände aus, als besäße die Conditio humana in etwa die Größe und das Gewicht einer Wassermelone. Dann richtete sie Andrews Kragen und wischte ihm einige Schuppen von den Schultern. »Hätte ich doch bloß einen Kamm dabei.«

Tochter Kaye grinste ihr eintätowiertes Grinsen.

»Wie auch immer«, sagte Lucy und winkte einer Freundin zu. »Ich danke dir, dass du die Rede für ihn hältst.«

Die Hymne ging zu Ende. Pfarrer Thomas Francis Rushton stellte sich vor die Gemeinde und murmelte die vertrauten Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr …«, obwohl an seiner Ansprache nichts besonders Unsterbliches war, außer den Worten an sich in ihrem intimen Soliloquium, »… wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt …« Der Pfarrer erinnerte Andrew an die Figur des Astroff in einer Inszenierung von Onkel Wanja, die er vor vielen Jahren gesehen hatte, als er das Theater noch weniger gehasst hatte, » … und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben …« Andrew versuchte sich zu erinnern, was Sonja in dieser letzten Szene sagte – irgendetwas über die Sinnlosigkeit des Lebens und dass wir unsere verbleibende Zeit nutzen sollen, »… Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub …«, wo in Gottes Namen war Andy und wie viele Zigaretten brauchte dieser Junge, »… und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen …« Andrew hatte selbst bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr jeden Tag ein Päckchen geraucht und noch immer sehnte er sich nach der Morgenzigarette, »… keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn …«, siebzehn Jahre alt und schon Raucher, genau wie sein Vater, »… Selig die Toten …« Andrew atmete ein und stellte sich seine Lungen im Einklang mit denen des Jungen vor, »… sie sollen ausruhen von ihren Mühen …«, und an dieser Stelle erschauerte er vor Angst, was sein nächster Atemzug bringen würde.

Pfarrer Rushton sprach: »Der Herr sei mit euch.«

»Und mit deinem Geiste«, antworteten die Eingeweihten.

»Lasset uns beten.«

In der Pause vor dem Vaterunser flüsterte Andrew: »Was habe ich getan?« – so laut, dass einige von uns es hörten.

I.ii

BEVOR MAN MICH DER GESCHICHTSKLITTERUNG bezichtigt, möchte ich zu meiner Verteidigung vorbringen, dass A.N. Dyer meinen Vater häufig in seinen Romanen auftreten ließ. Nicht, dass es meinem Vater etwas ausgemacht hätte; wahrscheinlich fiel es ihm nicht einmal auf. Mir dagegen durchaus, schon seit ich als Teenager zum ersten Mal Ampersand gelesen hatte. Ich erkannte die frappierende Ähnlichkeit zwischen meinem Vater und Edgar Meads bestem Freund Cooley, dem linkischen, aber eifrigen Schüler, der in einer Familie von Athleten aufgewachsen war, Cooley mit dem wirren Haar, der sich weigerte, irgendeinen Sport zu treiben außer Tischtennis. Das war mein Vater. Seine Leidenschaft für Tischtennis schien seiner Natur zu widersprechen, doch er wollte wohl auf seine Art beweisen, dass auch er ein guter Sportler hätte werden können, ja, genauso überragend wie seine Brüder und seine Schwester und nicht zuletzt sein eigener Vater, der es als letzter Gentleman-Amateur ins Viertelfinale der amerikanischen Tennismeisterschaften in Forest Hills geschafft hatte. Mein Vater benutzte gerne Vergleiche aus dem eingeschränkten Tischtennisjargon von Spin und Schnitt, wenn er uns ermahnte, unsere Talente nicht zu vergeuden – Match Point –, indem wir sinnlose Ziele verfolgten. Je nachdem, wann man den Beginn der Ära des Neuen Mannes ansetzt, war er wohl etwa acht bis zehn Jahre zu früh geboren, um seine Sensibilität ausleben zu können. Als Kind war er schüchtern, später reserviert und irgendwann schließlich derart distanziert, dass er seine Gefühle nur noch durch Handbewegungen ausdrücken konnte – ein fester Griff, ein leichter Schlag auf den Rücken, ein halb ironischer Gruß. Ein Meister des Abschiedswinkens. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn vor mir, wie er mit bekümmerter Miene – »was soll’s« – die Hand sinken ließ und den kleinen Schläger auf den kleinen Ball legte, peinlich berührt schon vom kleinsten Sieg.

Pfarrer Rushton führte uns durch die Eröffnungsgebete.

Ich war unaussprechlich müde.

Vorne schimmerte der Sarg auf Hochglanz poliert. In ihm befand sich nur ein geringer Rest meines Vaters. Seinem Wunsch gemäß war er eingeäschert worden. Die Hälfte seiner Asche sollte im Atlantik bei Ost-Long-Island verstreut werden, wo wir jedes Jahr den Sommer verbrachten, die andere Hälfte vom Kirchturm der Phillips Exeter Academy, unserer kollektiven Alma Mater. Diese Anweisungen waren für uns, seine Kinder, eine Überraschung gewesen. Mein Vater war weder gerne geschwommen noch gesegelt, noch hatte er besonders für die blauen Weiten des Ozeans geschwärmt; ganz im Gegenteil, er hatte Sand eindeutig verabscheut. Und obwohl er ein großzügiger Mäzen und langjähriges Mitglied im Verwaltungsrat von Exeter gewesen war, blickte er weder nostalgisch auf seine Studienzeit zurück, noch brüstete er sich mit dem Renommee der Hochschule oder drängte seine Kinder, in seine Fußstapfen zu treten (obwohl wir es alle taten). Seine letzten Ruhestätten erschienen uns daher so merkwürdig wie unbequem. New Hampshire? Wie idyllisch. Doch der Mahagonisarg mit den Satinborten und dem champagnerfarbenen Samtfutter (das, glaube ich, als Montrachet bezeichnet wird) war das Werk unserer Stiefmutter. Sie wollte etwas haben, was sie beerdigen und besuchen konnte, auch wenn dieses Etwas nur als kurzfristiges Behältnis ihres dritten Mannes gedient hatte.

»Ein Zehntausend-Dollar-Aschenbecher«, murrte meine Schwester während der Vorbereitungen.

»Sie hat auch eine Grabstätte in Woodlawn gekauft«, motzte mein Bruder.

»Was das alles kostet!«

»Fünfzigtausend, die Grabpflege nicht eingerechnet.«

»Unfassbar!«

»Und dazu noch der Grabstein.«

Die Aussicht auf das Erbe hatte beide zu Buchhaltern gemacht.

Ich war – oder besser: bin – Charles Henry Toppings zweiter Sohn, der jüngste von drei Kindern. Grace und Charles Jr. waren mir in jeder Hinsicht voraus: Grace kommandierte die zweite Reihe, in der sich die Familie drängte. Die sechs waren griesgrämig, aber standhaft, wie Superreiche, die Economy Class fliegen müssen. Hinter ihr saß Charles Jr., der niemals Charlie oder Chuck gerufen wurde, mit seinen beiden Mädchen, den immer blonderen Kopien seiner blonden Gattin, die im sechsten Monat schwanger war – vermutlich mit einem gleißenden Ball grellweißen Lichts. Und dann kam ich, Philip, das Muttersöhnchen ohne Mutter. Ich wurde eingerahmt von meinem fünf Jahre alten Sohn und meiner siebenjährigen Tochter, beide gekleidet wie Erwachsene, die um ihre verlorene Kindheit trauern. Ich hatte sie mehrere Wochen lang nicht gesehen. Seit jeher hatte ich vermutet, dass ich einen lausigen Ehemann abgeben würde, ebenso wie einen enttäuschenden Sohn, dabei aber immer geglaubt, ein guter Vater zu sein. Rufus und Eloise waren so brav, dass es schon fast an Beleidigung grenzte. Das hatten sie von ihrer Mutter, die trotz ihrer Wut auf mich stets höflich blieb und jetzt irgendwo in der Kirche auf das Ende des Gottesdienstes wartete, damit sie ihre Schützlinge schnell wieder einsammeln und heimbringen konnte. Wahrscheinlich vergoss Ashley durchaus Tränen. Sie hatte meinen Vater gerngehabt und in seiner stillen Art hatte auch er sie gemocht. »Sie macht eine gute Figur«, hatte er eines Tages mir gegenüber bemerkt, womit er nicht ihre schlanke Gestalt meinte, sondern eher sie als Person. Und vielleicht dachte Ashley auch an meine Mutter, zu der sie ein ausnehmend gutes Verhältnis hatte (meine Mutter verstand es wie keine Zweite, herzlich und offen auf andere zuzugehen, obwohl wir Kinder oft an der Echtheit ihrer Gefühle zweifelten), und es musste sie schmerzen, die Freunde und Verwandten der Toppings zu sehen, von denen viele zehn Jahre zuvor auf unserer Hochzeit gewesen waren. Wir verkörperten die banale Nebenhandlung: der untreue Ehemann, die betrogene Ehefrau, die armen, armen Kinder. Ja, Ashley weinte wahrscheinlich, während ich nur den Sarg anstarren konnte und mir das geschlossene Maul einer Riesenmuschel vorstellte, die mit ihren samtigen Falten leicht irritierend wirkte. Getreu dem Exeter-Motto: Finis Origine Pendet. Das Ende hängt vom Anfang ab.

Doch wo lag der Anfang?

Ich habe keine Ahnung, wie mein Vater als Kind, als Jugendlicher oder junger Mann war. Noch heute suche ich in den Romanen A.N. Dyers nach Hinweisen auf sein früheres Leben. Ich analysiere den bereits erwähnten Cooley aus Ampersand, aber auch Richard Truswell aus Rotauge und Killian Staut aus Hier leben wütende Hunde und wilde Männer. Ich studiere diese Charaktere und versuche Spuren von ihm zu entdecken: Truswells tragischer Anstand, Stouts unterdrückte Leidenschaften. Beide Figuren leiden unsäglich unter ihrer Bürde, bis ein einziges Ereignis sie zu Fall bringt. Mein Vater dagegen war nie zusammengebrochen. Er war bar jeder Überraschungen. Dennoch hat er, wie ich erst vor einem Jahr erfahren habe, als Kind gestottert, und diese Nachricht traf mich so sehr, als sei eine polizeiliche Phantomzeichnung plötzlich koloriert worden. Väter beginnen als Götter und enden als Mythen, und dazwischen kann die Gestalt, die sie annehmen, verhängnisvoll für ihre Söhne sein. Ich habe keine frühen Erinnerungen an meinen Vater, nur die Ahnung eines Mannes, der sich hinter seiner Zeitung verschanzte. Sein Hinterkopf hinterließ für immer einen Abdruck auf dem Sessel, seinen fettigen Schatten. So erfuhr ich vom Tagesgeschehen, weil ich ihn schweigend anstarrte und darauf wartete, dass sich die Zeitung senkte. Die armen, erwartungsvollen Söhne. Wer weiß, an was mein Sohn sich später erinnert, wenn er an mich denkt. An den Ausflug ins Naturkundemuseum, bei dem er mich beim Weinen ertappt hat? Aber dieses Buch in seiner ganzen Unvollkommenheit handelt nicht von mir, meinem Vater oder meinem Sohn, obwohl auch wir darin vorkommen, sondern von dem Mann in der ersten Kirchenbank, dem bedeutenden Mann, dem Mann, der weiterleben wird, während wir anderen unter den ausgebreiteten Armen Pfarrer Rushtons verschwinden werden.

»Sie können jetzt wieder Platz nehmen«, sagte der Geistliche.

Die Trauerrede war der erste Programmpunkt. Es dauerte fast eine Minute, bis A.N. Dyer das Rednerpult erklommen hatte. Sogar mein Jüngster reckte den Hals und ich erinnere mich, dass ich dachte: Was ist nur los mit ihm? Sein Geist schien nicht länger seine Extremitäten zu erreichen, sondern sich auf seinen Körper zu konzentrieren, und speiste nur noch das Allernotwendigste. Es war einen Monat her, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte, bei seinem Besuch meines Vaters an einem Samstag Mitte Februar. Mit Strickmütze und Wollmantel hatte er vor der Tür gestanden und noch immer ausgesehen wie einer jener zeitlosen, rotgesichtigen, hageren Studentenschnösel, die ihr Alter tragen wie ein Lausejunge eine Maske.

»Philip«, sagte er feierlich, als ich die Tür öffnete. Es erstaunte mich immer wieder, dass er meinen Namen kannte, obwohl er mein Pate war. »Eiskalt draußen«, stellte er fest.

»Ich weiß, unglaublich«, sagte ich.

Dieser Februar war die reinste Miniatureiszeit. Andrew fragte, ob ich Feuer im Kamin gemacht hätte, und als ich verneinte, bat er um einen Drink. Wir gingen in die Bibliothek, wo er die braunen Fachzeitschriften durchblätterte, bevor er sich ein Glas Glenfiddich einschenkte. Eine Weile bewunderten wir die umfangreiche Sammlung von Miniaturenten und -strandvögeln aus der Werkstatt Elmer Crowells, die in speziell angefertigten Vitrinen standen. Crowell galt als Meisterschnitzer von Lockvögeln, doch sowohl sein Name als auch sein Ruf war meinen Geschwistern und mir völlig fremd gewesen, bis wir die komplette Sammlung vor drei Jahren versteigern lassen wollten, was in den einschlägigen Kreisen für erhebliches Aufsehen sorgte. Ich fand die Vögel immer peinlich, eine alberne Spielerei, während andere Familien echte Kunstwerke besaßen, manchmal sogar bedeutende. Bei uns dagegen konnte man einen wohlgenährten Kiebitzregenpfeifer von Obediah Verity bewundern. Dabei ging mein Vater nicht einmal auf die Jagd.

»Mir hat dieser Raum immer gut gefallen«, bemerkte Andrew. »Man fühlt sich wie mitten im Sumpf.«

»Kann schon sein.«

»Du weißt, dass dein Großvater ein hervorragender Schütze war.«

»Ja, ich habe davon gehört.«

»Er war berühmt, hat richtig Karriere gemacht. Außerdem war er ein Ass im Tennis, Golf, Fischen und Trinken. Und nicht zu vergessen – ein Weiberheld. Er machte aus allem einen Wettkampf, war immer auf der Suche nach etwas zum Fangen, Töten oder Verprügeln.« Andrew blieb vor einer schwarzen Ente von Shang Wheeler stehen, deren Oberfläche vom jahrelangen Dümpeln im Wasser angegriffen war – eine Patina, die eine halbe Million Dollar wert war. Andrew berührte den glatten Kopf. »Es scheint eine ehrliche Kunstform zu sein, wenn auch eine mit tödlicher Absicht.« Er tat, als schösse er mit einer Flinte in die Luft. »Ich habe nie getroffen. Es hieß, ich hätte kein gutes Auge; außerdem habe ich meistens zu tief gezielt.« Seine hinuntergezogenen Mundwinkel dehnten die Wörter; eine Kieferklemme, die bis zu den frühesten niederländischen Diphtongen zurückreichte. Seine Stimme und Sprechweise waren angenehm, aber leicht zu persiflieren. Ein Schriftstellerkollege hatte einmal geschrieben, A.N. Dyer spräche, als hätte er sich Mandrax in die Ohren gestopft. »Tut mir leid, dass ich nicht öfter zu Besuch gekommen bin«, sagte er.

»Schon gut.«

»Hatte viel um die Ohren.«

»Natürlich.«

»Wie geht es deiner Frau und den Kindern?«

»Gut«, sagte ich, was zu diesem Zeitpunkt noch stimmte.

»Und du unterrichtest immer noch die kleinen Hosenscheißer an der Buckley?«

Ich nickte. Insgeheim schämte ich mich für meinen Beruf, der nur eine Notlösung war, während ich in der Öffentlichkeit so tat, als sei ich stolz darauf. Was eigentlich nur für eine Übergangszeit gedacht war, zog sich jetzt schon seit unfassbaren fünfzehn Jahren hin. Ich unterrichtete die fünfte Klasse an der nobelsten Grundschule New Yorks, die bereits drei Generationen von Topping- und Dyer-Jungen besucht hatten. Bald darauf würde man mich feuern.

Andrew erhob sein Glas. »Ein Leben als Lehrer, sehr ehrbar.«

Vielleicht etwas zu defensiv erzählte ich ihm, dass ich noch immer schreibe und mich von den Ablehnungen nicht entmutigen lasse. Ich arbeite an einem Roman über die Kuba-Krise und den heraufziehenden Generationenkonflikt und würde nächstes Jahr ein Sabbatical nehmen, um mich ganz dem Manuskript widmen zu können. Ich schob meine Schriftstellerpersönlichkeit nach vorn wie eine ehrgeizige Mutter ihr Kind.

»Freut mich für dich«, sagte Andrew, höflich desinteressiert.

Ich gestehe, dass ich die lebhafte, wenn auch lächerliche Hoffnung auf ein Blurb von A.N.Dyer auf dem Cover meines bislang noch hypothetischen Romans hegte – ein Riesentalent, mein rechtmäßiger Erbe. Ich hatte schon einen Titel, Q.E.D., was ehrlich gesagt das Beste am Buch war. Auch das Cover sah ich bereits vor mir: eine William-Eggleston-Fotografie einer jungen Frau mit langen roten Haaren, die auf einem Rasen lag, wie im Krieg gefallen, in der rechten Hand eine Brownie-Hawkeye-Kamera wie eine ungezündete Granate. Doch abgesehen von der äußerlichen Gewichtigkeit, abgesehen von meinem Namen in Copperplate Gothic Bold – Philip Webb Topping –, abgesehen von der Widmung und der seitenlangen Danksagung, abgesehen von der Rechtfertigung, die das Buch mir als Lehrer für die müßigen Sommermonate bot, stellte Q.E.D. rein gar nichts dar. In zwei Jahren hatte ich vielleicht fünfzig Seiten geschrieben, träumte aber immer noch von A.N. Dyers Anerkennung. Das Buch sollte der Auslöser für seine Signatur sein. Ich habe seit jeher die unglückselige Neigung besessen, mich in Parallelwelten wegzuträumen. Als Kind stellte ich mir immer wieder vor, ich sei durch einen Unfall zur Waise geworden und der Dyer-Clan würde mich als einen der ihren bei sich aufnehmen. Es erschien mir so offensichtlich, dass ich in die falsche Familie hineingeboren war – ein Verdacht vieler Teenager, nehme ich an – und ich wusste, dass ich ein guter Sohn sein könnte, der wahre Sohn, der richtige Sohn dieses großen Mannes, gewiss besser als seine leiblichen Söhne. Eine absurde Fantasie! Doch eine hartnäckige. Bis heute wälze ich mich manchmal im Bett herum und wünsche mir eine Zeitmaschine. Bitte lass mich zurückkehren, flehe ich dann in die Dunkelheit, bitte lass mich mein jüngeres Selbst aus der jetzigen Misere führen, mich von meiner Vergangenheit trennen, mich aus seiner Perspektive verschwinden, ein rückwirkender Selbstmord. Dieser Blödsinn, den ich angestellt habe, die richtig schlimmen Sachen! Meine Erinnerung gleicht einer Reihe von Schlägen in die Magengrube und dazu noch dieses Finale: mein Vater auf dem Totenbett und ich aus meiner eigenen Wohnung rausgeflogen.

»Ein Feuer wäre schön«, wiederholte Andrew.

»Soll ich?«

»Nein, nein, das war nur so ein Zitat von früher.« Er schenkte sich noch einmal nach. Die Hand, die das Glas hielt, zitterte fast rhythmisch, wie ein Seismograph, der die nahenden Wellen der Zerstörung misst. »Ich weiß, was du durchmachst«, sagte Andrew. »Es ist unglaublich hart für einen Sohn, wenn der Vater stirbt. Beide möchten sich noch so viel sagen, befürchten aber, nichts anderes herauszubekommen als: Ich hoffe, ich war keine furchtbare Enttäuschung oder so was Ähnliches. Am Ende ist eine Lüge die einzig barmherzige Antwort.« Damit trank er zufrieden, fast zeremoniell einen Schluck.

Wahrscheinlich war ich irgendwie beleidigt.

Schließlich starb die grausame Wahrheit nur ein paar Schritte entfernt und ich, die schwächere Wahrheit, tat einfach mein Bestes. Ich war allerdings fasziniert von diesem intimen Bekenntnis und beschloss, mich durch die Öffnung zu mogeln und ihn nach seinem eigenen Vater zu fragen, ob er sich an ihn erinnere. Ich wusste, dass er gestorben war, als A.N. Dyer noch ziemlich klein war. War das ein bewusster Seitenhieb? Nein, keineswegs. Ich war nur neugierig und wollte mich einschmeicheln und mein Wissen über seine Biografie zum Ausdruck bringen, ohne meine absolute Ergebenheit zu verraten. Doch Andrews Blick senkte sich zu Boden, als hätte er eine Münze gesehen, die kaum das Aufheben lohnte. »Du hast recht«, sagte er. »Ich weiß nicht, wovon ich rede.«

»Aber so habe ich es nicht gemeint!«

»Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir konnten uns nicht richtig verabschieden. Ich erinnere mich an ihn. Gut, ich hatte meinen Stiefvater, aber der stand meiner Mutter an Resolutheit in nichts nach und brauchte bei seinem Tod keine Worte von mir. Ja, Philip, du hast mich ertappt.« Andrew breitete die Arme aus und etwas Whiskey schwappte über den Rand des Glases. »Ich bin entblößt!«

»Aber …«

»Schlimmer noch«, fuhr er fort. »Ich glaube, ich habe meine Weisheit aus einem meiner Bücher, ich weiß nur nicht mehr aus welchem.«

»Tiros Verderben«, soufflierte ich, »als Hornsby in Formia stirbt.«

»Gott, nicht einmal einer meiner besseren Versuche.«

»Mir gefällt es.«

Andrew stieß einen verächtlichen Laut aus und stellte seinen Drink ab. Eine heftige Bö traf die Park Avenue und für einen Moment klapperten die Fenster wie die einer kleinen Jagdhütte in der Wildnis. Später am Nachmittag und die ganze Nacht lang würde es schneien, die Schule würde ausfallen und ich würde meiner Geliebten (verzeihen Sie das Wort, aber alle andere wären schlimmer) eine E-Mail schreiben und ein Treffen für den Nachmittag ausmachen, während meine Frau mit den Kindern rodeln ging. Schlechtes Wetter macht mich immer geil. Mein Gott, wie sorglos ich war!

»Ich sollte jetzt zu ihm gehen«, sagte Andrew.

»Dein Besuch bedeutet ihm viel.«

»Mag sein, mag sein«, antwortete er niedergeschlagen. Durch seinen jungenhaften weißen Schopf, seinen altmodischen Yankee-Exotismus, seinen Sprachrhythmus und seine Wiederholungen erinnerte mich Andrew an Robert Frost und dessen Gedicht »Provide, Provide«. Ich habe dieses Gedicht immer gemocht. Some have relied on what they knew / Others on being simply true. Während Frost in unseren Köpfen als alter Mann weiterexistiert, bleibt A.N. Dyer für uns auf ewig jung. So blickt er uns von seinem Autorenfoto aus an, das einzige, das er für seine Bücher benutzte, beginnend mit Ampersand. Auf diesem Foto verkörpert er die reine Erkenntnis. Aus seinen Augen spricht schwarzer Humor, aus seinem Lächeln Ironie, als hätte er gesehen, was du unterstrichen hast, du Fanatiker, der alle paar Seiten eine Pause einlegt, um das Foto zu betrachten, als hättest du etwas Magisches und doch Vertrautes entdeckt, einen neuen besten Freund, der am anderen Ende auf dich wartet. Vierzehn Romane, geschrieben von einem einzigen, alterslosen A.N. Dyer. Zweifellos hat dies, in Verbindung mit seiner totalen Zurückgezogenheit, zu seinem Mythos beigetragen. Das Foto stammt von seiner Frau Isabel. Ihre Ehe war anfangs sehr harmonisch, was man noch erahnen kann, wenn man sich die beiden frisch Verheirateten im Central Park vorstellt, mitten auf dem Sheep Meadow, wo Andrew widerwillig posierte, während Isabel das Essex House wegen seiner unterschwelligen Bedeutung zum Bestandteil des Bildes machte. Klick! Kaum zu fassen, dass das schon fünfzig Jahre her war. © Isabel Dyer. Das Foto wurde sogar nach der Affäre weiter verwendet, die Andy hervorgebracht, die Ehe zerstört und die Entfremdung zu Andrews ohnehin distanzierten Söhnen zementiert hatte. Für die meisten Leser blieb A.N. Dyer für immer siebenundzwanzig, und als er das Rednerpult in der Kirche erklomm und älter aussah denn je, schnappte die Gemeinde regelrecht nach Luft, als sei das Altern ein Stunt, der schrecklich schiefgegangen war.

Andrew strich seine Trauerrede glatt. Er fischte in seinen Jackentaschen nach der Lesebrille und das Mikrofon fing sein Gemurmel auf, das hauptsächlich aus Vokalen bestand. »Also dann«, sagte er, räusperte sich und putzte sich die Nase. »Also dann«, wiederholte er und atmete, von Gefühlen überwältigt, zittrig ein. Endlich begann er zu lesen. Er stand da wie ein Junge vor der Klasse, der versucht, sein Referat ohne katastrophale Aussetzer zu halten. »Was sind wir in dieser Welt ohne unsere Freunde wenn die Familie das Fundament ist dann sind die Freunde die Querbalken Stützwände und Wasserrohre Freunde halten uns warm liebe Freunde geben Geborgenheit und bei einem Freund wie Charlie Topping fühlte ich mich immer zuhause.« Andrew hielt inne, um Luft zu holen und wir alle folgten erleichtert seinem Beispiel. Dann blickte er auf und fragte, ob ihn alle hören könnten. Einige nickten, manche von uns senkten die Köpfe. »Wann immer ich Beistand brauchte – Beistand«, wiederholte er das Wort, als sei er überrascht, dass es dort stand, »konnte ich auf Charlie zählen.« Von da an las er langsamer weiter. »Er war eine unverschlossene Tür, hinter der es verlockend nach etwas Köstlichem im Ofen roch. Er war das Feuer im Kamin, die Decke über dem Sofa, der Hund zu meinen Füßen. Er war die Zuflucht, wenn ich der Sturm war.« Wieder pausierte Andrew, scheinbar von höheren Frequenzen gestört. Er drehte sich um und zeigte auf die Spitze des vergoldeten Lettners. »Zadkiel«, sagte er mit wiedererwachter Autorität, »so heißt der Engel dort oben, der fünfte von links. Zadkiel. Charlie meinte immer, das klänge nach einer Comicfigur. Mandrake, der Magier. Zadkiel, der Erlöser. Schneller als ein Gewissensbiss.« Andrew wandte sich wieder um. »Entschuldigung«, sagte er. »Ich bin der Sturm, da waren wir stehen geblieben, richtig, ich als tobender Sturm.« Es war, als müsse man mitansehen, wie König Lear in der Heide seinen Text vergisst. Andrew nahm die Brille ab und schützte mit einer Hand die Augen vor dem gedämpften Licht in der Kirche. »Hat jemand meinen Sohn gesehen?«, fragte er. »Andy Dyer?« Er suchte die Menge ab, als bildeten die Gesichter Wellen und ein kleiner Junge sei über Bord gegangen und drohe zu ertrinken. »Bitte, es ist wichtig«, drängte er. Keine Antwort durchbrach die Oberfläche, doch ich stellte mir vor, wie viele heimlich »Bastard« dachten und nur oberflächlich dem Klatsch abgeschworen hatten. »Ist er da?« Immer noch keine Reaktion. »Bist du da, Andy?« Stille. »Ich muss ihn finden. Bitte!«

Irgendwo in der unendlichen Bandbreite der Realität oder besser: der möglichen Realitäten, bin ich derjenige, der aufsteht und sich dem Rednerpult nähert, der A.N. Dyer sanft am Arm fasst und ihn zu seiner Bank zurückführt. Doch es war meine Stiefmutter, die barmherzig eingriff, während ich nur dasaß und wartete, bis ich aufgerufen wurde.

I.iii

DRAUSSEN AUF DER TREPPE rauchte Andy Dyer seine fünfte Zigarette und beobachtete den Strom hochhackiger Passantinnen auf der Madison Avenue, die – es war der erste warme Tag – viel nackte Haut zeigten und ihre Einkaufstüten mit der Frühlingskleiderernte schwenkten. Viele von ihnen durchstreiften die nahe gelegene Ralph-Lauren-Filiale und ich frage mich, ob Andy wusste oder überhaupt wissen wollte, dass der alte Ralph ursprünglich Lipschitz hieß und aus der Bronx stammte. Oh, die Ironien des amerikanischen Neuerfindens: Wir wissen das Streben, den Erfolg und den hochwertigen Stoff zu schätzen, aber auch den Insiderwitz. Der Laden befand sich in der alten Rhinelander Mansion, einem fabelhaften Beispiel französischer Neo-Renaissance, das im Inneren mit Gemälden von Pferden und Hunden, Porträts von hübschen Jungen und athletischen Männern, Segelszenen und idyllischen Schnappschüssen aus dem Club geschmückt war – genug, um in jedem WASP, der etwas auf sich hielt, Übelkeit, aber auch einen Anflug von Neid auszulösen. Wir sollten alle noch immer so leben. Doch Andy interessierte sich nicht für solche Dinge. Nein, er war dort auf seiner Treppe sehr beschäftigt damit, Zigarette um Zigarette zu rauchen und darauf zu warten, dass eine dieser geheimnisvollen New Yorker Frauen stehen blieb, lächelte und den Namen Jeanie Spokes mit Inhalt füllte.

Er hatte keine Ahnung, wie sie aussah, trotz zahlreicher Internetrecherchen. Sie weigerte sich, seine Facebook-Freundin zu werden und das einzige Foto, das sie auf ihrer Seite veröffentlicht hatte, war das Gesicht von Ayn Rand, auf den Körper einer Beach-Volleyballerin kopiert, die rechte Hand energisch zum Schmetterball erhoben. Konkret wusste er nur ihr Alter: vierundzwanzig. Während er auf der Treppe saß, sammelte sich zwischen T-Shirt und Haut Feuchtigkeit. Vierundzwanzig. Die Zahl rann ihm wie Regen den Rücken hinunter.

»Woran soll ich dich erkennen?«, hatte er sie bei ihrem letzten Chat gefragt.

»Wenn du mich siehst, bleibt dein Herz kurz stehen«, gab Jeanie zurück.

»So gruselig?«

»Furchterregend!«

»Du bist aber kein Typ, oder?«

»Äh, nein«, tippte sie, »ich schwöre es«, kam hinterher, und dann: »Echt.« Ihre Worte reihten sich verführerisch hintereinander, wie ein Dialog in einem sexy Comic-Strip. »Augenblick«, schrieb sie, »definiere Typ.« Jeanie Spokes hatte ein unfehlbares Timing.

»Ich erwartete dich auf der Treppe von St. James an der Ecke 71. – Madison«, schrieb Andy.

»Willst du wirklich, dass ich komme?«

»Willst du wirklich kommen?«

Pause.

»Kommen?«, tippte er.

»Hübsch ausgedrückt, Cyrano.«

»Erzähl mir nicht, du hättest nicht dasselbe gedacht.«

Andy wartete, wartete und wartete, bis »Kein KOMMENtar« zurückflimmerte.

Wieso verlockte Chatten zu solchen Zweideutigkeiten, Wortspielen und ungeschminkten Sexsprüchen, wie die Auflistung zukünftiger Sünden? Natürlich war alles sehr schräg, teils, als spräche eine andere Persönlichkeit diese Lingua franca des Internets, doch manchmal richtete sich das Schräge gerade und eine Blitzintimität schlüpfte in die Unterhaltung. Plötzlich kamen seine tiefsten Gedanken ins Spiel, nur um zu testen, ob solche Gefühle auch eingefangen werden konnten.

»Ich kann es kaum erwarten, dich zu treffen«, schrieb Andy.

»Ich auch nicht.«

»Das ist mein Ernst.«

»Nein, meiner.«

»Katze!«

»Maus.«

Andy wusste nur wenig Konkretes über Jeanie Spokes: Sie war an der Upper West Side aufgewachsen, ihre Mutter war Architektin, ihr Vater Lektor bei Random House. Sie war erst aufs Trinity College, dann an die Columbia Universität gegangen, zwischendurch ein Jahr Auslandsaufenthalt in Paris. Sie besaß einen Magna-Cum-Laude-Abschluss in Komparatistik und arbeitete derzeit als Assistentin bei Gilroy Connors, A.N. Dyers Literaturagentur. Sie wohnte in einem Studio Apartment am Riverside Drive, wo die Miete zwar ein Vermögen kostete, aber sie war ein Manhattan Girl durch und durch und konnte nirgendwo anders leben, ohne Gleichgewichtsstörungen zu entwickeln. Viele dieser Einzelheiten entsprachen Andys eigener Biographie: vom Trinity-College nach Exeter, vom Central Park West zur Fifth Avenue, von Sharon nach Southampton. Er war im Prinzip mit dieser Art von Mädchen, oder besser: Frau, vertraut, und das machte die Sache kompliziert: Jeanie Spokes war hundertprozentig erwachsen, während er in seiner Entwicklung, Erfahrung und den Aknezonen nach erst bei 83 Prozent angekommen war. Dasselbe galt für seine Noten, was seine Chancen auf ein Studium in Yale gefährdete und damit auch die Ebenbürtigkeit mit seiner Columbia-Absolventin. Dadurch wiederum sank die Wahrscheinlichkeit, die Beziehung zu ihr über einen reinen Onlineflirt hinaus zu vertiefen.

Andy zündete seine sechste Zigarette an. Er wollte, dass sie ihn rauchend fand, das war ihm wichtig, aber sie hatte sich bereits um eine halbe Stunde verspätet und ihm schwindelte, weil das Päckchen fast alle war. Orgelmusik ertönte durch die geschlossenen Kirchentüren. Die Vorfilme waren vorüber und der Hauptfilm würde gleich beginnen, mit seinen kitschigen Special Effects, dem müden Drehbuch und dem lächerlichen, völlig unglaubwürdigen Protagonisten namens Gott. Andy überlegte, ob Jesus seinem Vater mal höchst peinlich gewesen war, dieser Hippie-Zimmermann, der mit einer Schar schräger Typen umherzog, bis er endlich seine Träume aufgab und in den Familienbetrieb eintrat, wahrscheinlich zum Bedauern seiner Mutter. Was für ein fauler Kompromiss, dachte Andy. Ein wahrer Rebell hätte gesagt: Geh und lass dich selbst im Stich und wäre ein bescheidener Baumeister geblieben. Das wäre doch anbetungswürdig gewesen: der Sohn Gottes, der Gott zurückweist, um zu leben und zu sterben. Andy blickte sich zur Kirche um, und plötzlich fiel ihm wieder ein, warum er hier war. Charlie Topping war ein ziemlich netter Kerl gewesen, förmlich, nicht zu ernsthaft, wie ein Kinderarzt, obwohl Andy ihn öfter dabei ertappte, wie er ihn anstarrte, als hätte er gerade verborgene Symptome irgendeiner schrecklichen Krankheit entdeckt. Zu Weihnachten und zum Geburtstag schenkte er Andy jedes Jahr ein Set antiker Zinnsoldaten – Dragoner, Grenadiere, Husaren und Highlander – ganze Schlachtszenen, ganze Kriege, darunter den amerikanischen Sezessionskrieg in zehn Schachteln. Hineinzugehen und ihm seinen Respekt zu erweisen war das Mindeste, was Andy tun konnte.

Aber wo war sie?

Andy schaute sich nach potentiellen Jeanies um. Alle Frauen schienen in besonderem Licht zu baden, als erwarteten in der ganzen Stadt junge Männer ihre Ankunft. Doch keine von ihnen nahm Notiz von dem 17-prozentigen Jungen mit dem pickligen Kinnbart, dem Wuschelhaar und dem hartnäckigen Babyspeck um die Hüften, als habe er sein jüngeres, weicheres Selbst erst teilweise verdaut, und wenn sie ihn bemerkten, dachten sie – wer weiß, was sie über diesen Kerl dachten, der nicht mehr Junge und noch nicht ganz Mann war. Nur eine ältere Frau sah zwei Mal hin, als sie die Kirchentreppe hinaufrannte, weil sie zu spät zum Gottesdienst kam. Sie war beinahe attraktiv für eine über Siebzigjährige, groß und schlank mit hübschem Gesicht und betont un-omahafter Frisur. Und diese Schultern! Sie erinnerten daran, dass ein Schlüsselbein auch als Klavikula bezeichnet wurde. Andy stellte sich vor, er wäre ein glücklicher alter Mann.

Seit einiger Zeit nahm er die weiblichen Formen bewusster wahr. Natürlich hatte er schon früher das Offensichtliche gesehen – Busen, Hintern, eine gewisse Magerkeit, die ihn faszinierte –, doch inzwischen fielen ihm noch andere Merkmale auf, auch unsichtbare: das Mysterium, das die Mädchen in der Schule und die Frauen auf der Straße umgab, die Geheimnisse ihrer Einzigartigkeit, die sich unter ihren Kleidern verbarg, die Unterschiede in Stil, Form und Farbe. Das platonische Ideal der Weiblichkeit fiel zu Boden und zerbrach in tausend Stücke. Die Andeutung einer Brustwarze unter einem T-Shirt glich der Entdeckung eines Safes – die Kombination war unbekannt, das Schloss sichtbar. Dann spekulierte er über das darin verschlossene Schamhaar, die Brustwarzenhöfe, Sommersprossen und Leberflecke, die Spalten und Öffnungen. Diese verführerischen feinen Härchen auf Wangen und Armen und wie sich die Sonne darin fing, hauten ihn einfach um. Dabei war er kein Sexfanatiker (obwohl er ein bisschen pervers sein konnte), aber es war doch so: Wenn man eine Frau nackt sah, wirklich nackt, von nahem und bei hellem Tageslicht, war einem glatt zum Heulen zumute und man hätte sich bedenkenlos als Märtyrer für diese schöne Sache geopfert. Vielleicht, weil man im Gegenzug so wenig zu bieten hatte.

Insgesamt hatte Andy fünfzehn Mädchen geküsst, davon zwölf mit Zungenkuss.

Von diesen zwölf hatte er neun befummelt.

Von diesen neun hatte er fünf gefingert.

Von diesen fünf hatten ihn vier ebenfalls berührt.

Von diesen vier hatten ihm vier einen geblasen.

Und von diesen vier hatte ihm eine erlaubt, sie mit der Zunge zu berühren – Felicity Chase, seine Freundin seit Oktober. Nach fünf Monaten Beziehung war sie einverstanden gewesen, ihm einen zu blasen, was natürlich wunderbar war – Blowjobs auf dem Klo der Bibliothek, Blowjobs im nahe gelegenen Wald –, doch sie wollte nie, dass er sich revanchierte. »Mach es lieber mit der Hand«, hatte sie zu seiner großen Frustration jedes Mal erwidert. Andy war bereit zum nächsten Schritt, wobei ihm sein ziemlich fehlgeleiteter Instinkt sagte, dass er ein Mädchen erst oral befriedigen musste, bevor es richtigen Sex gab. Er hielt es für eine Art natürlicher Reihenfolge, eine Ordnung, bei der man eine Prüfung bestehen musste, bevor man weiterkam. Dabei gingen sie im Keller des Phelps Science Center schon so zur Sache, dass Felicity stöhnte, ihre Hose runterzog, Andys Reißverschluss öffnete und etwas Pornografisches darüber sagte, wie sich sein Schwanz tief in ihr anfühlen würde. Andy hätte seine Jungfräulichkeit wahrscheinlich direkt an Ort und Stelle verlieren können, wenn er nicht so versessen darauf gewesen wäre, Cunnilingus von seiner To-do-Liste zu streichen. Doch Felicity murmelte etwas von Fußball und nicht geduscht und nicht jetzt und Andy ärgerte sich, als hätte er es mit einer Frigiden zu tun, die gerade seinen Schwanz im Mund hatte. Doch vor drei Wochen hatte sie endlich zugestimmt. Andy nahm sich Zeit und fuhr mit der Zunge über Körperpuder, bis er endlich auf Haare traf, eine erste Locke, und ihre Beine spreizte. Er fand den Geschmack interessant, etwas säuerlich, wie ein altes Zitronenbonbon und glaubte, ihren kleinen Klitoris-Vorsprung gefunden zu haben, obwohl es dunkel war. Viel zu dunkel. Er wünschte, er hätte eine Taschenlampe gehabt. Doch er gab sich Mühe und widmete sich ihr, als läse er ein dünnes, aber wichtiges Buch, zum Beispiel den Großen Gatsby. Er genoss jeden Satz, selbst als Felicity mit einer Hand versuchte, ihn hochzuziehen.

»Alles klar?«, fragte sie.

»Ja. Hab ich etwas falsch gemacht?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Kann ich weitermachen?«

»Lieber nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich habe im Moment irgendwie keine Lust mehr«, antwortete sie.

Drei Tage später machte Felicity mit ihm Schluss und einen Monat später hüpfte sie begeistert mit Harry Wilmers ins Bett, einem von Andys besten Freunden. »Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich oder so«, sagte Harry.

»Nein, ist schon okay«, antwortete Andy, was stimmte.

»Ich habe sie schon immer gemocht.«

»Ja, sie ist toll. Ist dir aufgefallen, dass ihre Brustwarzen ziemlich dick sind, wie rosa Pralinen? Irgendwie europäisch, glaube ich.«

»Du bist echt ein Arschloch«, sagte Harry, und zwar nicht im Spaß.

Andys Problem war, dass er in wenigen Monaten (am 24. Juni) Geburtstag hatte und ihm die Aussicht, seine Jungfräulichkeit erst mit achtzehn zu verlieren, wie eine Katastrophe erschien, die sein ganzes Leben überschatten würde. Siebzehn dagegen, siebzehn war akzeptabel. Er stellte sich Jeanie Spokes vor: Sie würden sich treffen, mit dem Taxi zu ihrer Wohnung fahren, sich in wenigen Minuten durch das Vorspiel mit Küssen, Fummeln, Fingern, Saugen und Lecken jagen, alles auf der Bettdecke und bei offenen Jalousien, und dann zum entscheidenden Akt übergehen. Andy wurde ein bisschen geil da draußen auf der Kirchentreppe. Selbst wenn sie unattraktiv war, würde er sie ficken, weil er sie irgendwie schon liebte.

»Mit wie vielen Typen hast du bisher geschlafen?«, hatte er sie einmal beim Chatten gefragt.

»Andy!«

»Ja?«

»Das geht dich nichts an.«

»Schick mir wenigstens ein Bild von dir.«

»Nein!!!!!!!!! Wahren wir das

G

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H

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N

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S«, hatte sie geantwortet.

Die beiden hatten sich durch einen Zufall kennen gelernt, nachdem Andys Vater ihm die letzte Neuausgabe seines kompletten Werks geschickt hatte, begleitet von der Notiz: Ziemlich raffiniert, was, vielleicht ein bisschen zu raffiniert, vermiss dich, wie immer, ich. Von den vierzehn Büchern hatte Andy nur eines vollständig gelesen, Ampersand, und nun las er es für den Englischunterricht zum zweiten Mal. Als Sohn des berühmten Autors und ehemaligen Schülers war er eine Art Promi auf dem Campus und ganz Exeter verehrte diesen Roman. Und nicht nur Exeter. Fast alle, die sich auf der High School in A.N. Dyer und seine Shearing Academy vertieften, waren restlos begeistert. Nach dem Erscheinen von Ampersand hatte die Exeter-Gemeinschaft den Roman und das kaum verfremdete Porträt ihrer geliebten Schule jedoch zutiefst skandalös gefunden. Es war, als hätte ein Verräter Ein separater Frieden (das vorherige, nur wenige Jahre alte Lieblingsbuch) gekidnappt, gefoltert und ihm eine Gehirnwäsche verpasst, bis es als weniger barmherzige Version von Schuld und Sühne wieder zum Vorschein kam. Das war doch nicht ihre geliebte Schule! Schüler wie Lehrer waren entsetzt. So etwas duldeten sie nicht, nicht einmal als Prosa! Der Direktor ging so weit, eine Richtigstellung von dem achtundzwanzigjährigen Autor zu verlangen und A.N. Dyer versprach der Schule als Akt der Reue einen Anteil an den Einnahmen aus den Buchverkäufen. Er schickte einen Scheck über fünfzigtausend Dollar, auszuzahlen an die Shearing Academy. Nachdem er dann als jüngster Schriftsteller aller Zeiten den Pulitzer-Preis erhalten hatte, erschien der Scheck eingerahmt an der Wand der Bibliothek, wo er bis heute hängt.

Zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen gehörte Ampersand zum Curriculum der elften Klasse und führte bald zu einem Ritual ähnlich dem Bloomsday in Dublin zu Ehren von James Joyces Ulysses. In Exeter wird jedes Jahr am vierten Mai ein Elftklässler von fünf Zwölfklässlern entführt und in das von Schülern betriebene Antiquariat gebracht. Es war ein hinter Bücherregalen verstecktes Kabuff, in dem im Roman der Sohn des Direktors, Timothy Veck, vierzehn Tage lang gefangen gehalten wird. In der Spielfassung wird Veck jedoch nur für wenige Stunden festgehalten, inklusive Pinkelpausen, und danach wird er – oder heutzutage sie – zur Vollversammlung in die Aula gebracht, wo der Gewinner des diesjährigen A.N.-Dyer-Preises verkündet wird (den ich beinahe einmal bekommen hätte). Als Veck ausgewählt zu werden, gilt als gewisse Ehre, und dieses Jahr war besonders bemerkenswert: Der gleichnamige Sohn des Autors besuchte nicht nur die elfte Klasse, sondern man feierte zugleich das fünfzigjährige Jubiläum der Ersterscheinung des Romans. Das war ein so glücklicher Zufall, dass sogar der älteste, skeptischste Lehrer, Bertram McIntyre, eines Nachmittags Mitte Februar meinte: »Könnte nicht Ihr Vater dieses Jahr kommen und Sie als Veck befreien? Danach könnten Sie beide den Gewinner verkünden.«

Andy grinste nur. Wie bei so vielen Fragen zu seinem Vater wusste er auch auf diese keine Antwort.

»Das ist doch eine gute Idee, meinen Sie nicht?«

»Kann schon sein«, sagte Andy.

»Kann schon sein«, äffte McIntyre ihn lustlos nach. Sie saßen in seinem Büro. Falls sich mit den Jahren nichts daran geändert hatte, war es immer noch mit Büchern vollgestopft, aufgestapelt zu bis zu anderthalb Meter hohen Türmen, wie die Rekonstruktion eines römischen Tempels, in dem Bertram McIntyre gottgleich residierte. Bertram, der damals achtzig war und seit seinem siebenunddreißigsten Lebensjahr die englische Abteilung leitete, gehörte zu jenen asexuellen Lehrern, die Teenager, besonders Jungen, als wacklige Altäre ihrer Zunft benutzten. Während der Schulzeit mochte man ihn als beeindruckend, unglaublich belesen, einschüchternd und gelegentlich inspirierend wahrgenommen haben, jedoch wurde er zur absurden Figur, einem kauzigen Einsiedler, wahrscheinlich latent schwul, dessen Lebensinhalt die Bücher waren und aus dieser Perspektive wirkte er so respekteinflößend wie ein Gartenzwerg. Vielleicht machte man sich dann sogar über seinen altmodischen Hang zum Gedichterezitieren lustig. Wie viel Zeit für das Auswendiglernen draufgegangen war! So eine sinnlose Plackerei. Wordsworth für Jugendliche war natürlich Perlen vor die Säue geworfen, doch Jahrzehnte später wachte man vielleicht eines Morgens auf und war dankbar für ein paar Zeilen, an die man sich noch erinnerte und die einen so tief berührten, dass einem die Tränen im Halse stecken blieben. Das Meer der Erinnerung spült alles irgendwann wieder an den Strand, sogar alte Highschoollehrer.

»Wissen Sie, Ihr Vater ist nie offiziell von Exeter geehrt worden, obwohl wir es versucht haben, besonders, als Ihre Brüder hier waren. Gott, wie sehr wir uns bemüht haben!«

»Meine Halbbrüder«, korrigierte Andy.

»Seine Söhne jedenfalls. Er hätte doch mal kommen, an einer Unterrichtsstunde teilnehmen, ein paar Worte über das Schreiben sagen und vielleicht eine Vorlesung halten können, aber er hat sich geweigert, warum auch immer. Wir möchten nur unseren berühmten Absolventen ehren! Wir verlangen ja keine Rede, nur ein verdammtes Foto für die verdammte Ehemaligen-Zeitung. Von einem lächelnden A.N. Dyer. Ist das zu viel verlangt?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen, Sir.«

»Es war keine Frage. Ich persönlich halte Ampersand für eine emotional unehrliche, selbstherrliche, grausame, übertrieben schematische und zynisch-adoleszente Übung in pseudoeuropäischer Anmaßung mit einem Klacks amerikanischer Profitmacherei dazu. Aber das ist meine persönliche Meinung. Alle anderen an dieser Schule sind begeistert. Seine Einstellung Exeter gegenüber ist lächerlich für einen Mann seines Alters. Er benimmt sich, als wäre er noch immer ein Teenager und verwechselt Dickköpfigkeit mit Prinzipien.« Eine Pause, und dann schob sich die berühmte McIntyre-Zunge heraus wie der Finger eines Aliens, der aus den Niederungen seines Exils nach Einfluss strebt. »Aber vielleicht könnten Sie ihn um einen kleinen Besuch bitten?«

»Ich?«

»Schließlich sind Sie mit ihm verwandt, oder? Ich will Ihnen ja nicht die Worte in den Mund legen, aber vielleicht könnten Sie ihm sagen, dass es Ihnen viel bedeuten würde, wenn er mal vorbeikäme, ohne großes Trara, nur er und Sie und das gute alte Exeter. Ein Tag wäre alles, worum wir – worum Sie ihn bitten. Ein Nachmittag würde reichen, obwohl ein Abendessen natürlich großartig wäre. Wir werden alle nicht jünger. Ein kalter Wind weht und einige von uns sind schon etwas kurzatmig, aber Exeter, Exeter wird uns alle überleben, also sollten wir in diesem flüchtigsten aller Momente zusammenstehen und unsere gemeinsame Geschichte feiern. Sie verstehen, was ich sagen will, oder soll ich aus Heinrich V. zitieren?« Die berühmte McIntyre-Zunge erkundete jetzt die Innenseite seiner linken Wange, immer die zweite Bewegung, wenn ein Schüler ihn imitierte.

»Er wird ablehnen«, prophezeite Andy.

»Sie sollten vielleicht darauf bestehen. Was hat die Schule ihm denn getan? Sie hat ihm eine hervorragende Ausbildung mitgegeben und die Vorlage für eine Geschichte. Das hat er doch genutzt, und zwar exzessiv. Ich finde, er ist uns etwas schuldig – das bleibt aber unter uns.«

»Ich versichere Ihnen, dass er ablehnen wird.«

»Fragen Sie ihn einfach.«

»Er wird …«

»Fragen Sie ihn einfach, verdammt noch mal, schmieren Sie ihm Honig um den Bart. Vielleicht verdrehen Sie auch noch die Augen, wie wenn Sie die Antwort auf eine meiner Fragen nicht wissen. Zucken Sie erschrocken zurück, lassen Sie den Kopf hängen, bestürzt wegen Ihres Versagens. Gucken Sie wie ein Gedicht, das noch seinen Titel sucht. Und wenn das nichts nutzt, versuchen Sie’s mit Betteln.« Im Gegensatz zu anderen Personen in diesem Buch ist Bertram McIntyre noch am Leben. Er ist erstaunliche zweiundneunzig Jahre alt und wohnt in Maine. Er war einer der Gründe dafür, dass ich Lehrer geworden bin, leider nicht mit seinem Erfolg. Nach dem Tod meines Vaters schrieb er mir eine Kondolenzkarte (… Ich habe mich immer über seine Besuche zu den Verwaltungsratstreffen gefreut und seine Gesellschaft und seine Liebe zur alten Poesie geschätzt. Ihr Vater war ein netter Mensch und ich werde ihn vermissen …), die eine Antwort verlangte (… mein Vater liebte alte Dichter? Welche denn? …). In der Folge entwickelte sich eine unerwartete Freundschaft. Wenn man jemanden beim Vornamen nennt, verändert sich alles. Doch genug von der zukünftigen Vergangenheit. Bert muss einstweilen Bertram bleiben und hinter den Bücherstapeln auf seinem Schreibtisch verharren, jedenfalls bis kurz vor Schluss.

Zurück in seinem Studentenzimmer blätterte Andy die vierzehn Bücher durch, die ihm sein Vater vor kurzem geschickt hatte. Er schämte sich, bisher nur Ampersand gelesen zu haben. In die anderen hatte er nur einen kurzen Blick geworfen und den Stil nicht übel gefunden. Der Mann auf dem Foto sah so selbstbewusst, so gelassen und arriviert aus, während sein Vater ihn in Wirklichkeit oft anstarrte, als sei er seine einzige Rettung. »Du bist ein wunderbarer Junge«, sagte er dann. »Ich hoffe, du weißt, dass ich dich sehr, sehr liebhabe.« Das war sicher ganz nett. Vielleicht kompensierte er damit seine eigene miese Jugend oder sein Versagen bei seinen ersten Versuchen als Vater (der klassische Fall: Sprachlosigkeit, Fehlverhalten). Doch Andy empfand diese Bedürftigkeit als anstrengend. Sein Vater rief ihn mehrmals die Woche an, immer den Tränen nah. Er habe keine wahren Freunde mehr. Er könne nicht schlafen. Er mache sich Sorgen. Er sei schon so alt. Er vermisse seine Frau und manchmal seine anderen Söhne. Er habe solche Gewissensbisse! Seine Füße schmerzten. Oh, und diese ständigen Schmerzen! »Gott sei Dank, dass ich dich habe«, schloss er jeweils. »Sonst hätte das alles gar keinen Sinn mehr.« Es war nicht lustig, für jemand der einzige Grund zum Leben zu sein. Andy sehnte sich nach dem A.N. Dyer der Klappentexte, der präzisen Prosa und ironischen Menschlichkeit, die in den ersten Sätzen von Traum-Anspiel strahlte:

Statt einer dieser körnergefüllten Röhren mit Löchern und Sitzstangen bestand seine Frau auf einem Mini-Vogelpavillon, zweihundert Dollar plus Anbringung, der in ihrer perfekten Welt Blauhäher und Kardinale anlocken sollte, in Wirklichkeit jedoch nur die Krähen begeisterte, die wie Hexen kreischten, bis Avery Price am sechzehnten Juli das Scheißding mit der Axt fällte.

Wo war dieser Mann mit der Axt? Andy drehte das Buch um und las die vertrauten Zitate und die Auszüge aus Kritiken. War sein Vater vor etwa dreißig Jahren wirklich so anders gewesen? »Dyer ist wild, humorvoll und unglaublich menschlich, und dieses Buch könnte sein Glanzstück werden. Meine Damen und Herren, wir haben einen neuen Champion, vielleicht den größten seiner Generation«, hatte Anthony Kunitz von der Washington Post geschrieben. Hatte der Mann auf dem Foto wirklich irgendetwas mit seinem Vater zu tun? Wenn er jemals Humor gehabt hatte, so war dieser mittlerweile vertrocknet und verdorrt. Sogar an seinen besten Tagen wirkte er lediglich wie eine nervöse Zweitbesetzung seiner eigenen Rolle. Natürlich kannte Andy die Hintergründe, seinen eigenen Status als Resultat einer Mai-Dezember-Affäre und das Geheimnis um seine Geburt, bis der frühzeitige Tod seiner Mutter die Anerkennung der Vaterschaft forciert hatte. Er wusste, dass durch seine Ankunft als acht Monate altes Baby die Ehe der Dyers zerbrochen und zu einem kleinen Skandal geführt hatte. All das wusste er, ihm war kein Detail erspart geblieben. Doch eine längst verstorbene Mutter, verbitterte Halbbrüder und ein gebrechlicher, zunehmend labiler Vater waren nichts im Vergleich zu seinen normalen, alltäglichen Gefühlen, die alle Eigenschaften von Spin Art aufwiesen: spannend in der Bewegung, uninteressant bei Ruhe. Andy starrte das Foto seines Vaters an. A.N. Dyer war gut aussehend im Stil jener Porträts aus vergangenen Zeiten, bei denen gerade die Ausschweifungen den Abgebildeten einen gewissen Glamour verliehen, und obwohl Andy dieselben dunklen Augen und dünnen Lippen besaß, waren seine übrigen Züge jugendlich-ungeformt, als würde er jede Nacht von zwei winzigen Fäusten verprügelt.

Auf der Rückseite von Traum-Anspiel entdeckte Andy unten eine Internet-Adresse: www.andyer.com. Diese Entdeckung erschien ihm so unglaublich wie eine Tätowierung im Nacken seines Vaters. Computer waren nicht seine Welt und die Vorstellung, er habe eine eigene Website, erschien einfach lächerlich. Andy gab die Adresse ein. Das Lade-Icon stellte eine Herzkurve dar und nachdem die rote Linie ihre Reise beendet hatte, erschien auf dem Bildschirm ein Überblick über A.N. Dyers Welt im Stile Saul Steinbergs. Jede Landmarke war ein Link – zu seinen Büchern, seiner Biographie, seinen Auszeichnungen, zukünftigen Veranstaltungen mit ihm (eine fast hämische Leere), einer Handvoll Essays und sogar zu jenem Ausnahmeinterview in der Paris Review, das Andy in seinen frühen Teenagerjahren gelesen hatte, als er sich für die Karriere seines Vaters zu interessieren begann:

A.N. Dyer

Ich glaube nicht an eine Romantik des Schreibens, an Inspiration, an das Eigenleben von Figuren – alles Augenwischerei. Ich weiß genau, was ich tue. Ich sitze den ganzen Tag allein in einem Zimmer, und zwar meist schon vor dem Morgengrauen. Dann schufte ich, bis etwas Buchähnliches auf meinem Schreibtisch liegt, ungefähr einen Meter hoch.

Die Webseite war offensichtlich ein Marketing-Instrument und als solches sinnvoll, doch die E-Mail-Adresse, die eingeblendet wurde, als Andy auf das Kontakt-Feld klickte, war vollkommener Blödsinn. Zum Scherz schickte Andy seinem Vater eine Nachricht:

An: andyer@andyer.com

Das kannst nicht du sein. Als ich das letzte Mal E-Mail erwähnt habe, dachtest du, ich spräche von einer Person namens Emile. Trotzdem: Hallo, wer immer du bist. Dein nicht verwandter Sohn, Andy.

Später am gleichen Tag erhielt er eine Antwort:

An: andrewdyer-13@exeter.edu

Die Frage ist: Bist du das wirklich?

An: andyer@andyer.com

Ja, ich bin’s. Sieht man doch an der Exeter-Adresse. Aber du kannst nicht du sein. Ich stelle mir vor, wie du versuchst, eine E-Mail mit Kuli direkt auf den Bildschirm zu schreiben und dann den ganzen Computer in einen braunen Umschlag steckst. Wunder der Technik! Jedenfalls: Ich bin’s tatsächlich, aber du kannst es immer noch nicht sein.

An: andrewdyer-13@exeter.edu

Doch, ich bin es. Ich habe mich mit Deinem Freund Emile ein wenig angefreundet. Mir tut es einfach gut, zu erfahren, dass die Leute meine Werke noch immer schätzen und sie ihnen etwas bedeuten. Wenn man älter wird, neigt man nun einmal dazu, vieles zu vergessen. Die meisten Leser fragen, woran ich gerade arbeite (geht sie nichts an), ob ich ihnen Bücher signieren würde (auf gar keinen Fall), ob ich zu einem Interview bereit wäre (Gott bewahre!) oder mit ihnen eine Tasse Kaffee trinken würde (eine abwegige Vorstellung). Die Menschen sind so einsam. Einige stellen Fragen zu Einzelheiten in den Romanen, ein anderer behauptet, ich hätte ihm all seine Ideen gestohlen, was wahrscheinlich stimmt. Die große Mehrheit teilt mir einfach mit, wie sehr ihnen dieses oder jenes gefällt, sie plappern eine Zeile nach oder meinen, ich hätte ihr Leben aufgeschrieben, ich müsse wohl über telepathische Fähigkeiten verfügen. Es ist so lange her, dass ich mit, sagen wir: Fans konfrontiert wurde, dass ich vergessen habe, warum ich eigentlich aufgehört habe, ihnen zu antworten – man beginnt ziemlich schnell, sie zu verachten. Merkwürdiges Phänomen. Sie preisen dich und du würdest sie am liebsten mit ihren Zungen erwürgen. Wie geht’s in der Schule?

Andy las die Mail mehrmals durch und druckte sie aus, sogar zwei Mal, weil der Druck beim ersten Mal kaum leserlich war. Er muss es sein, dachte er. Diese Zeilen waren bei weitem der längste Brief, den er je von seinem Vater erhalten hatte. Normalerweise pflegte dieser nur Post-it-Zettel an einen Artikel oder ein Buch zu heften. In diesem Text hörte Andy das Echo seiner Autorenstimme, stark, unsentimental und, das Beste von allem: Sie galt nur ihm allein. Das war neu und ungewohnt.

An: andyer@andyer.com

Hier hast du auch deine Fans. Dauernd werde ich über dich ausgefragt. Dann weiß ich nicht, was ich sagen soll, murmele irgendwas und hoffe, dass sie das Interesse verlieren und mich in Ruhe lassen. Ich nehme an, die halten mich für völlig bescheuert. Oder hätte einen Dachschaden. Aus der Nummer komme ich nicht raus. Mit deinem Namen. Manchmal habe ich das Gefühl, mit deinem Namen anzugeben, obwohl es mein eigener ist und dann fühle ich mich wie ein Loser, als würde ich dich benutzen, als sei ich so unsicher, dass ich deine Berühmtheit anzapfen müsse. Als wärst du ein Mittel zum Zweck und nicht einfach mein Vater. Schlimmer noch: Jeder erwartet, ich müsste genial sein wie du.

Ich mag Exeter immer noch nicht besonders. Im Gegenteil, ich hasse es sogar.

Ich bin froh, dass du jetzt E-Mail hast. Kannst du auch chatten? Schreibst du vielleicht sogar SMS? Oder einen Blog? Bist du bei Facebook? Kennst du Twitter, Tumblr und Flickr? Pittypat? (Das letzte habe ich erfunden.) A

Diese Art der Kommunikation mit seinem Vater war aufregend und ein bisschen gruselig, zugleich aber sicher und kontrollierbar. Andy brauchte weder Angst vor spontaner Zurückweisung noch Tritten ins Fettnäpfchen zu haben, es waren einfach Worte. Zum ersten Mal seit langer Zeit genoss er das Schreiben. Er hatte eine Stunde lang an seiner Antwort gefeilt und mit Stil, Ausdruck und Rhythmus gespielt. Er hatte versucht, sich selbst in dem Text zum Ausdruck zu bringen, den Sohn, wie er vor seinem Vater stehen könnte. Und er mochte diesen Andy. Dieser Andy klang klug, lustig und offen. Doch dann bekam dieser Andy eine eiskalte Dusche.

An: andrewdyer-13@exeter.edu

Ich muss dem ein Ende machen. Ich bin nicht Ihr Vater (der umgekehrte Darth-Vader-Effekt, tut mir leid). Ich heiße Jeanie Spokes und arbeite für die Agentur Ihres Vaters. Es tut mir wirklich leid! Ich habe das Ganze für einen Witz gehalten, es nicht für bare Münze genommen. Ich dachte, wenn ich Sie hinters Licht führen könnte, würde es mir bei jedem gelingen. Seit einigen Monaten bin ich für die E-Mails Ihres Vaters zuständig. Ich erstelle eine Liste seiner wichtigsten Leser für Marketing- und Publicityzwecke und manchmal, ja, manchmal beantworte ich auch eine Nachricht. Ich weiß, dass ich das auf keinen Fall dürfte und dass es glatter Betrug ist, aber ich tue das sehr respektvoll und die Leute scheinen sich über meine Antworten zu freuen. Ich muss sagen, dass es Leser gibt, die nach Nachrichten von Ihrem Vater gieren. Entschuldigung, das sollte keine Rechtfertigung sein. Ich mag meine Arbeit sehr und bin erst vierundzwanzig, aber wenn Sie glauben, es jemandem sagen zu müssen, kann ich Sie verstehen und bin Ihnen nicht böse. Ich hätte es verdient, entlassen zu werden. Übrigens war ich in Dalton. Ich habe gehört, dass Exeter superhart und nur etwas für Hochbegabte ist. Ich mag die Bücher Ihres Vaters. Und Sie klingen sehr nett. Ich möchte mich nochmals entschuldigen und habe Verständnis für alles, was Sie unternehmen werden.

Auf ewig beschämt

Jeanie Spokes

PS: Ich finde Chatten toll. Und Pittypatten auch.

Was bin ich für ein Idiot, eine Frau für meinen Vater zu halten!, dachte Andy. Wahrscheinlich eine Praktikantin, ein Literaturgroupie, auch wenn sie den Stil seines Vaters geschickt kopiert hatte oder besser das, was sich Andy als E-Mail-Stil seines Vaters vorstellte. Stattdessen hatte er einem verwöhnten Gör aus Manhattan geschrieben, das mit armen, ahnungslosen Leuten seine Späße trieb. Besonders enttäuschend war, dass Andy geglaubt hatte, seinem Vater endlich ein wenig nähergekommen zu sein, mit einer Art Freund zu reden statt einer Fata Morgana. Andy war stinksauer. Was bildete sich diese Tussi ein und was meinte sie mit »sehr nett«? Andy las ihre Mails noch einmal und entdeckte zwischen den Zeilen eine hinterlistige, aber zerknirschte und womöglich in seiner Schuld stehende Absolventin von Dalton, einer Schule, die für ihre attraktiven, progressiv eingestellten Schülerinnen bekannt war. Mit ein bisschen Glück war sie ein Bücherwurm, der Andy für genial hielt und nicht die Nase rümpfte, weil er mit siebzehn noch Jungfrau war. Ein bisschen pittypatten? Er antwortete ihr. Seine Mail bestand aus sieben Wörtern, aber er brauchte drei Tage, um sie zu formulieren und einen weiteren Tag, um sie abzuschicken, und obwohl sie dem wahren Andy gar nicht ähnlich sah, war sie ehrlicher als alles, was er je geschrieben hatte.

An: andyer@andyer.com

Dad, du bist ein sehr ungezogenes Mädchen.

Am nächsten Tag chatteten sie und dann – nun ja, Andy saß auf der Kirchentreppe und wollte nicht weg. Warum jetzt gehen? Dieses Spiel hatte er schon verloren. War er vielleicht der größte Loser aller Zeiten? Er hatte die Schule einige Tage vor dem offiziellen Beginn der Frühlingsferien verlassen, um mit seinem Dad zu dieser Beerdigung gehen zu können. Ebenfalls reine Zeitverschwendung. Die meisten seiner Klassenkameraden gingen Skilaufen oder flogen in die Tropen, während Andy zu Hause blieb. Zeitverschwendung Nummer drei. Er hatte vor, oft ins Kino zu gehen und mit Freunden abzuhängen, die wie er in New York festsaßen. Hauptsächlich aber hoffte er, endlich Sex zu haben, falls Jeanie Spokes jemals …

»Andy?«

Er hörte seinen Namen in ein Schloss gleiten, einrasten und gedreht werden. Sie stand an der Treppe und grinste unsicher. Sie sah ganz vernünftig aus, so wie viele vernünftige Mädchen in Exeter – die Produkte ihrer vernünftigen Mütter. Sie hatten stets dunkles, niemals zu kurz geschnittenes Haar und überraschend schlechte Zähne – wenn nicht schief, dann gelb, wenn nicht gelb, dann mit deutlich sichtbarem Zahnfleisch – und von Natur aus sonnenunempfindliche Haut, trugen fast immer eine Brille, aber mit schickem Rahmen (ihr offenkundigstes modisches Attribut). Sie waren kräftig gebaut, aber niemals dick, athletisch durch die Gene, die über Generationen harter Frauenleben vererbt worden waren und heute dafür sorgten, dass die Mädchen Hockeybällen anstatt verirrter Schafe hinterherrannten. Das machte sie zwar nicht unbedingt besonders intelligent, aber oft sehr zielstrebig und keineswegs automatisch zu Mauerblümchen. Ihre Vernunft ließ Raum für jede Menge Sexappeal, Humor und eine Aufgewecktheit, die einen angenehmen Kontrast zu der grundlosen Blasiertheit manch anderer bildete. Doch diese Mädchen, diese Frauen mit ihren ausgeprägten Kinnlinien, den mausbraunen Augen und der realistischen Selbsteinschätzung hüteten das Geheimnis ihres gesunden Menschenverstands, der einen ganz schön erschrecken würde, wenn man ihn entdeckte. Diese Frauen arbeiten oft im Verlagswesen.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe«, sagte sie gedehnt, als schleppe sie einen schweren Koffer hinter sich her.

Andy lächelte und stand auf. »Kein Problem.« Es war merkwürdig. Da war sie, eine Stimme, ein Gesicht, ein Kontext, Jeanie Spokes höchstselbst stand vor ihm. Sie atmete dieselbe Luft, wurde von derselben Sonne gewärmt, und all die Gestalten und Formen, diese schemenhaften Details in seiner Fantasie – und es waren viele, zahlreiche von ihnen schöner als die reale Version – sickerten in sie hinein und erfüllten sie mit allem, was er sich je gewünscht hatte. Er hatte das Gefühl, sowohl ausgelaugt als auch übervoll zu sein.

»Der Verkehr war der reine Wahnsinn«, erklärte sie. »Ich musste die U-Bahn nehmen.«

»Kein Problem.«

»Und die Bahn hat ewig gebraucht.«

»Kein Problem.«

»Alles ist schiefgegangen.«

»Kein Problem.«

»Du siehst ein bisschen aus wie dein Vater«, bemerkte sie mit schräg geneigtem Kopf.

»Tja, wir sind verwandt, weißt du.«

Sie lächelte – hurra! – und schürzte die Lippen, als verberge sie etwas in ihrem Mund, einen kleinen runden Kieselstein, und Andy bemerkte ihren Enthusiasmus – das bei weitem wirksamste Aphrodisiakum: das Bewusstsein, dass das eigene Lächeln erwidert wird, womöglich gleich doppelt, diese wunderbare Eskalation gegenseitiger Bestätigung, und Andy staunte: Das passiert wirklich!, wobei noch nicht klar war, was eigentlich passierte.

»Nett, dich endlich kennen zu lernen«, sagte sie.

»Finde ich auch. Wirklich nett.«

»Beinahe wäre ich nicht gekommen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es eine so gute Idee war.«

»Oh, sogar eine sehr gute«, erwiderte Andy. »Ich verabrede mich mit all meinen Freundinnen zum ersten Treffen bei einer Beerdigung.«

Jeanie zuckte zusammen.

»Was habe ich falsch gemacht? Freundin?«, fragte er, als ihm sein Lapsus auffiel.

Wortlos nickte sie.

»Was wäre dir denn lieber? Bekannte?«

»Ich sollte besser gehen.«

»Nein, nein, das ist unfair, schließlich bist du gerade erst gekommen. Wir unterhalten uns und es ist nett, stimmt’s, nett und interessant, vergiss das nicht, und ich verspreche auch, nichts mehr über Freundinnen oder irgendetwas in der Richtung zu sagen.«

Sie schien den Kieselstein hinunterzuschlucken. »Du bist erst siebzehn.«

»Das sind hundertfünfzig Hundejahre. Ein Wunder, dass ich noch lebe.«

Sie lächelte.

»Lass uns nicht mehr übers Alter reden«, schlug Andy vor. »Mein Vater war fünfunddreißig Jahre älter als meine Mutter, obwohl man das natürlich nicht vergleichen kann. Wir lernen uns doch gerade erst kennen, von Angesicht zu Angesicht, um es mal altmodisch auszudrücken, und ehrlich gesagt mag ich dein Gesicht, du hast ein sehr hübsches Gesicht, Jeanie Spokes.« Sie errötete, jedenfalls stieg ihr die Röte in den Hals, so fleckig, dass Andy schon eine allergische Reaktion befürchtete.

Mit perfektem Topping-Timing wurde in diesem Moment der Sarg durch die Kirchentüren geschoben, begleitet von professionellen Bestattern, die zum Leichenwagen tänzelten, als seien die Trauerfeiern hier eine Gratisshow für die an der Madison ansässigen Geschäftsleute.

»Oh, nein!«, sagte Jeanie Spokes und drehte sich um. »Du hast den ganzen Trauergottesdienst verpasst!«

»Komm, lass uns einfach gehen, vielleicht ein Stück spazieren.«

»Aber ist denn nicht dein Vater hier?«

»Egal«, erwiderte Andy, »ich muss ihn nicht unbedingt sehen.«

»Ich hätte früher kommen sollen.«

»Glaub mir, du hast mir einen Gefallen getan.«

Die Trauergemeinde schlüpfte nach und nach durch die halb geöffneten Türen, wir Toppings zuerst. Lucy führte A.N. Dyer am Arm. Ich entdeckte Andy in dem Moment, als er seinen Vater sah und er machte genauso ein Gesicht, wie ich es heute von meinem Sohn kenne: ein Blick, in dem sich eine gewisse spontane Entgeisterung mit tödlicher Kränkung mischt, als wäre ich ihm wieder einmal in die Parade gefahren. Während immer mehr Leute die Kirche verließen, versammelte sich auch auf dem Bürgersteig eine neugierige Menge. Eine Gruppe treuer A.N.-Dyer-Fans drängte auf ihn zu. Einige trugen Bücher, die sie in Folie eingebunden hatten, was weniger archivarisch als fetischistisch wirkte, aber die Leute waren meist höflich, wie Ober, die Tabletts mit unerwünschten Canapés servieren.

»Ich glaube, ich sehe deinen Vater«, sagte Jeanie und deutete hinüber.

»Lass uns einfach von hier …«, begann Andy. In diesem Augenblick erblickte ihn sein Vater, löste sich aus Lucys Griff, tappte, mit beiden Händen winkend, ungeschickt die Stufen hinunter und rief: »Andy! Andy!« Da ich befürchtete, er könne fallen und sich das Genick brechen, ließ ich meine Kinder bei meiner Schwester zurück und bot Andrew Halt an meiner Schulter, wie ein guter Sohn, so dachte ich, der für seinen Vater da ist. Andy sank bei unserer Ankunft sichtlich in sich zusammen, ein Phänomen, das mich in meine Highschoolzeit zurückversetzte – super, hier kommt Philip Topping. Währenddessen legte Andrew die Hände um Andys Hals – eine Bewegung wie das Gegenteil von Erwürgen, als wolle er ihm das Atmen erleichtern. »Gott sei Dank!«, stieß er hervor. »Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dich verletzt, blutend und einsam sterbend auf der Straße liegen sehen. Ich könnte schwören, dass ich Krankenwagen und Glockenläuten gehört hätte!«

»Auch schön, dich zu sehen«, erwiderte Andy.

»Ich kann nichts dafür, dass meine Fantasie manchmal mit mir durchgeht.«

»Aber warum muss ich darin immer sterben?«

»Wenn du Kinder hast, wirst du mich verstehen.«

»Ich war doch gerade mal zwanzig Minuten weg.«

»Nein, fast eine Stunde.«

»Und deswegen muss ich gleich tot sein?«

Während sie sich kabbelten, tauschte ich einen Blick mit Jeanie Spokes, deren Namen ich damals noch nicht kannte. Sie war offensichtlich älter als Andy und offensichtlich der Grund für diese Scherereien. Sie grinste mich an, als seien wir die Sekundanten bei einem erbitterten, aber unterhaltsamen Duell. Die Haare auf ihren Armen waren dunkel und irgendwie sexy und ich bemerkte einige Leberflecke, auf ihren Wangen und ihrem Hals, die in mir sofort das Verlangen weckten, sie zu berühren. Meine Wünschelrute signalisierte mir, dass es Regen geben würde. Ich war gespannt, ob mich Andy zu gegebener Zeit freundlich vorstellen würde. Frühere Lehrer, besonders frühere Grundschullehrer, leben in der Unterwelt der Nostalgie weiter, gefangen in der Endlosschleife jener Klasse, die man längst hinter sich gelassen hat. Bis heute sehe ich Andy als Zehnjährigen vor mir, ein sonderbarer Junge, der keine rechte Kontrolle über seinen Körper hatte. Er schlenkerte wild mit den Armen, stieß gegen Ecken, stolperte über seine großen Füße und kippte andauernd mit dem Stuhl um. In der sechsten Klasse entwickelte sich das zu einer regelrechten Marotte. Man wusste nie, ob seine Unfälle Absicht waren, auch wenn immer echtes Blut floss. Doch in der sechsten Klasse wird alles kompliziert. Deshalb mochte ich Fünftklässler. Ich hielt sie für die besten Versionen ihrer selbst, diese großen Kinder, die mit ihrer Jugend mühelos umgingen. Schon bald darauf würde sich die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsensein öffnen und sie mussten hinüber auf die andere Seite springen. Ich dagegen unterrichtete sie, während sie noch sicher und lediglich neugierig auf einer Seite des Abgrunds standen.

»Ich kann einfach den Gedanken nicht ertragen, dass du allein bist«,

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