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Was am Ende zählt

Über dieses Buch

Wir alle müssen irgendwann sterben. Und doch verdrängen wir diese Tatsache, so gut es geht. Anders Angelika Kallwass: Deutschlands bekannteste TV-Psychologin wurde privat und beruflich immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Heute weiß sie: Gerade diese schicksalhaften Begegnungen haben ihr geholfen, ein erfülltes Leben zu führen. Ihre Erlebnisse zeigen, wie man mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgeht, worauf es im Leben wirklich ankommt und wie ein glückliches Sterben möglich ist. Ein inspirierendes Buch, das hilft, den Tod anzunehmen und sein Leben in vollen Zügen zu genießen.

Über die Autorin

Angelika Kallwass, 1948 in Köln geboren, ist Fernsehmoderatorin und Psychotherapeutin. Bekannt geworden ist sie vor allem durch die Reality-Show Zwei bei Kallwass, die sie zwischen 2001 und 2013 für den Fernsehsender Sat.1 moderiert hat. Heute arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis als Psychologin und hält Vorträge. Bei ihren feinsinnigen Beobachtungen verbinden sich eine professionelle Sicht auf die Gesellschaft mit viel Humor und Menschlichkeit. Sie lebt zusammen mit ihrem Ehemann in Köln und hat zwei Töchter.

Inhalt

  1. Prolog
  2. Kapitel 1
    »Ihr Vater ist tot« – Ein Schlag mitten ins Herz
    1. Der Anruf
    2. Schuld und Angst
    3. Mein Vater
    4. Erstarrung
    5. Den Tod begreifbar machen
    6. Die Rituale
    7. Der Brief – ein letzter Abschied
    8. Die letzte Reise
    9. So wie eine Schwester
    10. Die Aufführung
    11. Verrückte Fantasien
    12. Meine Eltern und ich
    13. Das, was fehlt
  3. Kapitel 2
    Wir sind nicht allein – Wer anderen hilft, hilft sich selbst
    1. Was mich der plötzliche Tod lehrte
    2. Reden, reden, reden
    3. Geliebter Vater, blöder Kerl
    4. Das Feuer und »Hätte ich doch …«
    5. Die Hochzeit
  4. Kapitel 3
    Die Welt ist ein Spiel – Kinder trauern anders
    1. Zwischen Neugier und Schuldgefühl
    2. Glückliche Kindheit
    3. Unverständliche Trauer
    4. Der unheimliche Tote
    5. Naturwissenschaftliche Betrachtungen eines Kindes
    6. Tod aus Einsamkeit
    7. Mein Vater als Totenwächter
    8. Eine große Sprachlosigkeit
    9. Schuldgefühle als Erziehungsmittel
  5. Kapitel 4
    Pflücke den Tag – Weil jeder Augenblick zählt
    1. Die Willkür des Todes
    2. Lebenshunger
    3. Das Leben lieben und die Liebe leben
    4. Der andere Tod
    5. Freiheit und Tod
    6. Das Neue beginnt, das Vergangene stirbt
    7. Gefühle zeigen
    8. Die nächste Generation
    9. Die Träume der Kindheit
    10. Ein Leben ohne Tod wäre langweilig
  6. Kapitel 5
    Meine Mutter stirbt – Gibt es einen glücklichen Tod?
    1. Der Märchenwald
    2. Der langsame Abschied
    3. Die psychiatrische Untersuchung
    4. »Die jecke Zick«
    5. Meine Mutter
    6. Der Abschied rückt näher
    7. Die letzten Worte
    8. Der innere Dialog
    9. Leni
    10. Der letzte Blick
    11. Die innere Versöhnung
    12. Meine Mutter, Leni und ich
    13. Der letzte Ausflug
    14. Zu Hause sterben
    15. Sie ist schon weit weg
    16. Sie verdurstet
    17. Die letzten Stunden
    18. Tu, was für dich gut ist
    19. Totenstille
    20. Die Zeit danach
    21. Der letzte Kuss
    22. Der letzte Weg
  7. Epilog
    Leni will gehen – Die Frage nach der Sterbehilfe

Prolog

Für uns Menschen ist der Tod eine schmerzliche Tatsache. Der Kunstprofessor Bazon Brock hat deswegen schlicht zu seiner Abschaffung aufgerufen. Er ließ Schilder bedrucken mit der Aufschrift: »Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss endlich aufhören!« Wie wir wissen, war er mit seiner Forderung nicht sehr erfolgreich. Immerhin: Eins seiner Schilder hängt noch heute in den Hackeschen Höfen in Berlin und erfreut die Passanten. Sie fühlen sich verstanden.

Nun werden Sie sich vielleicht fragen, warum Sie sich mit dem Tod beschäftigen sollen. Immerhin könnten Sie anstelle dieses Buchs auch ein Buch über Witze, gutes Essen oder schöne Urlaubsziele lesen. Vielleicht macht es Sie neugierig, weil Sie dem Thema begegnet sind, weil Sie sich grade damit beschäftigen. Vielleicht lesen Sie es, weil Sie ahnen oder wissen, dass das Leben ohne den Tod nicht denkbar ist wie die Freude nicht ohne die Trauer und der Sieg nicht ohne die Niederlage.

Als ich mit dem Verlag über den Titel des Buches diskutiert haben, war kurz eine Formulierung wie: »Was mich der Tod übers Leben gelehrt hat« im Gespräch. Das klang uns am Ende dann doch zu pädagogisch. Ich will nicht belehren, ich will den Tod lebendig machen. Für mich war der Tod so etwas wie ein Lehrmeister. Er hat mich die Kostbarkeit des Lebens spüren lassen. Ich würde Bazon Brock vehement widersprechen – der Tod darf nicht abgeschafft werden. Wir brauchen ihn vielmehr, um Glück und Bedeutung zu empfinden. Erst das Wissen um die Vergänglichkeit macht das Leben lebenswert.

Ich beginne dieses Buch mit einer der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens, mit dem plötzlichen, unerwarteten Tod meines Vaters. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich meine spätere Lebensgeschichte, deshalb steht der Tod auch am Anfang der Geschichte. Der Tod half mir, mit dem Leben und den Lebenden achtsamer umzugehen und das Abenteuer Leben anzunehmen.

Der Tod bleibt ein Mysterium. Erst angesichts des Todes haben wir Menschen vermutlich begonnen, über das Leben nachzudenken. Mich hat das Thema schon als Kind erschüttert und zugleich fasziniert, es hat meine Neugier und Fantasie beflügelt wie alle Kinder, wenn wir sie nicht von der Alltäglichkeit des Todes fernhalten. Der Tod ist »voll normal«.

Das Sterben leider manchmal nicht. Als meine Mutter starb, Jahrzehnte nach meinem Vater, habe ich das Sterben positiv erleben können. Sich mit dem Tod und dem guten Sterben zu befassen, hat mein Leben bereichert.

Deshalb möchte ich Ihnen davon erzählen.

Ihre Angelika Kallwass

Kapitel 1

»Ihr Vater ist tot« –
Ein Schlag mitten ins Herz

Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andren muss man leben.

Mascha Kaleko

Der Anruf

Ich weiß nicht mehr genau, was ich gerade tat, als das Telefon klingelte. Es war draußen bereits dunkel, ich befand mich im Schlafzimmer, es war ungefähr halb elf.

»Sind Sie Frau Bergmann?«

Die Stimme am anderen Ende kannte ich nicht.

»Wer ist denn da?«

Der Mann klang unsicher. Er räusperte sich. »Ich bin Polizist«, erklärte er mir. »Wir sind hier bei Ihrer Mutter, und wir empfehlen Ihnen, so schnell wie möglich bei der nächsten Polizeidienststelle anzurufen.«

»Ist etwas mit meinem Vater?«, fragte ich sofort.

Damals hatte man noch diese Schnurtelefone, diese Apparate mit den langen, gedrehten Kabeln, an denen ich unwillkürlich herumzuspielen begann, sobald ich mich beim Telefonieren ein wenig langweilte. Doch jetzt stand ich ganz starr.

Der Polizist wusste offenkundig nicht, was er sagen sollte.

»Ist etwas mit meinem Vater?«, fragte ich noch einmal.

Aber die Frage erreichte ihn schon nicht mehr. Statt einer Antwort erschien das Besetztzeichen. Und nachdem ich meinerseits aufgelegt hatte, wurde es unglaublich still.

Nur mein Herz, das raste.

Der Tag, an dem mein Vater starb, war ein Montag, genauer gesagt, Montag, der 17. Dezember 1979. Ich erinnere mich so genau an dieses Datum, weil mein Vater am nächsten Tag sechsundfünfzig Jahre alt geworden wäre. Am Vorabend hatten wir uns entsetzlich gestritten. Ich sagte ihm am Telefon, dass ich ihn hasste. Und dass ich nicht zu seinem Geburtstag kommen würde. Meine Worte müssen ihn sehr getroffen haben.

Eigentlich standen wir uns sehr nah. Ich wohnte zwar schon länger nicht mehr bei meinen Eltern, aber nicht weit entfernt, in Köln wie sie, nur auf der anderen Rheinseite. Die Vorstellung, dass mein Vater an seinem Geburtstag ohne einen Blumenstrauß, ohne ein Stück Kuchen in eisigem Schweigen mit meiner Mutter vor dem Fernseher gesessen und auf mich gewartet hätte – diese Vorstellung versetzt mir noch heute einen Stich. Vor allem, weil ich weiß, dass ich ohnehin an seinem Geburtstag mit einem Blumenstrauß vor der Tür gestanden hätte.

Ich habe viel Zeit damit verbracht, über meinen Vater nachzudenken und über die Gedanken und Gefühle, die sein Tod bei mir auslöste. Ich war in meinem Leben bereits häufiger mit dem Tod in Berührung gekommen. Schon als Kind begegnete mir das Thema Tod und Sterben. Ich habe den Erwachsenen aufmerksam zugehört, aber wirklich verstanden habe ich sie nicht. Einem Kind bleiben dann nur die Fantasien.

Der Tod meines Vaters war eine Zäsur. Ich war einunddreißig Jahre alt. Sein Tod kam plötzlich, unerwartet und erschien mir furchtbar unbarmherzig. Es gab keinen Abschied, wir waren nie miteinander in einen aufrichtigen Dialog getreten. Über den Job, das Studium, über Politik haben wir gesprochen. Uns in Wut angebrüllt, ja, auch das haben wir getan. Aber über uns zu reden – als Vater und Tochter –, über unsere Sehnsüchte, unsere Verletzungen, über die schmerzhaften und auch über die schönen Momente, das haben wir versäumt. Mein letzter Satz an meinen Vater war: »Ich hasse dich.« Sein letzter Satz an mich war: »Ich weiß, mein Liebchen.«

Ich lebte zu dem Zeitpunkt schon mit meinem späteren Mann und seiner Tochter zusammen. Und ich war gerade nach Hause gekommen, als mich der Anruf des Polizeibeamten aus meiner abendlichen Routine riss.

Wie man mir geraten hatte, wählte ich die Nummer der nächsten Polizeidienststelle. Atemlos vor Angst fragte ich: »Ist etwas über meinen Vater gemeldet? Mein Name ist Bergmann.«

»Wer ist denn Ihr Vater?«

»Entschuldigung. Sein Name ist Johann Tadeusz Bergmann.« Ich sprach den Namen sehr deutlich aus, und »Tadeusz« mit einem »sch« am Ende, wie man es eben im Polnischen tut.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte der Beamte.

Ich stand im Halbdunkel, in der rechten Hand den Hörer, mit der linken hatte ich nun doch begonnen, das Kabel zu kneten, und so wartete ich an die große Hochkommode gelehnt auf eine Erklärung. Es fühlte sich an, als wäre die Zeit stehen geblieben. In meinem Kopf fuhren die Gedanken Karussell, in einer Endlosschleife ging es immer nur: »Bitte nein. Bitte nein. Bitte nichts Schlimmes. Bitte nein.« Viel mehr konnte ich nicht denken.

Ich ahnte wohl bereits, dass mein Vater nicht mehr am Leben war. Die Situation hatte ich schon so oft befürchtet.

Mein Vater war ein sogenannter episodischer Trinker, umgangssprachlich auch Quartalstrinker genannt. Als Kind und Jugendliche kannte ich noch keine Diagnosen, ich erlebte nur seine Trinkanfälle, immer wieder die Schwüre, sich zu bessern, dann ein erneuter Anfall – es war eine ständige Achterbahnfahrt zwischen Schrecken und Hoffnung. In regelmäßigen Abständen, zunächst von Monaten. Am Ende lagen nur noch zwei, drei, manchmal auch noch vier Wochen zwischen seinen Trinkanfällen. Dann stattete er sich mit der nötigen Menge an Korn, Wodka, Branntwein oder anderen Spirituosen aus und machte sich daran, den Inhalt der Flaschen in sich hineinzustürzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Er trank meist drei, vier Tage am Stück und hörte erst wieder auf, wenn er sich in die völlige Besinnungslosigkeit getrunken hatte, um dann vom Alkohol und sich selbst ernüchtert zu erwachen, voller Schuldgefühle, und in den folgenden Tagen und Wochen den Alkohol keines Blickes zu würdigen.

Als ich noch zu Hause wohnte, habe ich ihn regelmäßig so gefunden. Wie im Koma lag er auf dem Sofa oder auch auf dem Fußboden. Ich fand ihn, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Manchmal hatte er sich eingenässt. In diesem Zustand sah er beängstigend aus, gespenstisch bleich im Gesicht, wie tot. Und daher bin ich oft ganz nah an ihn herangetreten, um nachzuschauen, ob er überhaupt noch atmete.

Ich war meist sehr wütend auf ihn, wenn ich ihn so sah. Er war mein Vater, und ich schämte mich für ihn. Ich wäre so gern stolz auf ihn gewesen – ich wusste ja, dass er auch eine andere Seite hatte. Dass mein Vater ein Trinker war – bis heute mag ich das entwertende Wort »Säufer« nicht aussprechen –, begleitete mich meine ganze Jugend über und sorgte nicht zuletzt dafür, dass ich in der Schule eine heile Welt »schauspielerte« und zu Hause keine Freundinnen mehr empfing. Ich lebte in der permanenten Erwartung der nächsten Katastrophe.

Wer weiß – wenn ich als Kind so vor ihm gestanden habe, den Schulranzen noch halb auf der Schulter, den Blick auf meinen eingenässten Vater gesenkt, vielleicht habe ich mir damals manchmal insgeheim gewünscht, dass er wirklich tot wäre. Ich erinnere mich nicht. Vielleicht hat mein Gewissen den Knopf »Nicht erinnern« gedrückt.

»Frau Bergmann?« Der Polizist war an den Apparat zurückgekehrt. »Hören Sie?« Ich stand immer noch da, wie mit dem Schlafzimmerteppich zu einer Einheit verwachsen, im dämmrigen Licht unserer Nachttischlampe. »Ja, ich höre Sie.«

Und so hörte ich, was der Polizeibeamte selbst erst vor wenigen Minuten über den Fernschreiber erfahren hatte. Er las die Nachricht mit einer monotonen Beamtenstimme vor: »Am siebzehnten Dezember neunzehnhundertneunundsiebzig um zwanzig Uhr sechsunddreißig wurde Herr Johann Tadeusz Bergmann, geboren am achtzehnten Dezember neunzehnhundertdreiundzwanzig, an der Ecke Clevischer Ring/Danziger Straße verstorben aufgefunden.«

Vielleicht hätte ich jetzt weinen, vielleicht hätte ich zusammenbrechen müssen, vielleicht wäre das normal gewesen. Aber ich hatte nur einen Gedanken: »So ist das also, so fühlt sich das also an.« Der Satz spukte durch meinen Kopf wie der Refrain eines guten Songs. Nur dass die Melodie fehlte. »So ist das also, so fühlt sich das also an.« Ich empfand nichts dabei, gar nichts. Mein Vater war tot, und ich stand in diesem Zimmer im ersten Stock unseres Hauses in Köln-Lindenthal, neben der Kommode und dem Telefon. Keine Frage, ich hätte mich in den Arm kneifen können, aber ich hätte keinen Schmerz gespürt, ich hätte auch mechanisch eine kleine Kopfrechenaufgabe lösen können, wenn man sie mir gestellt hätte, oder das genaue Datum nennen, aber ich war zu keiner Empfindung in der Lage. Vielmehr fühlte ich mich sehr weit weg, als schwebte ich über mir und der ganzen Szene. Von dort betrachtete ich den Raum, ich sah unser Schlafzimmer, ich erkannte die Möbelstücke, Details wie Lampen, Decken, aber die Umgebung war unwirklich und fern, wie eine Bühne. Ich war die unbeteiligte Beobachterin, die alles registrierte und sich dachte: »So ist das also – so ist das also – so ist das also.« Nonstop. Ich konnte nichts anderes denken. Es war wie ein Zwang.

Nun verfügen wir Menschen über eine Vielzahl solcher seelischer Abwehrmanöver, die wir je nach Situation bewusst oder unbewusst einsetzen, um uns gegen Gefahren von innen und von außen zu schützen. Wir verschieben, wir verdrängen, wir regredieren oder rationalisieren, wir verleugnen, wir spalten und projizieren, um nur einige der Mechanismen zu nennen. Stehen diese Möglichkeiten uns aus irgendeinem Grund nicht zur Verfügung, droht ein seelischer Zusammenbruch. »So ist das also«, dieser Gedanke, der sich wiederholte und wiederholte, schützte mich und half mir, nicht zu fühlen und meine Fassung zu bewahren. Denn die brauchte ich. Für meine Mutter. Sie fiel mir sofort ein. »Was ist mit ihr? Weiß sie es?« Ich konnte mich nicht rühren.

Was mir damals hochgradig unnormal vorkam und fast wie ein Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte, betrachte ich heute als natürliche Reaktion auf eine solche Nachricht. Ich konnte den Tod nicht begreifen, der mir als eine amtliche Nachricht sachlich übermittelt worden war. Ich hörte die Worte, ich kannte ihre Bedeutung, begriff ihre Grammatik, aber was diese Worte tatsächlich bedeuteten, vermittelte sich mir nicht. Dass ich meinen Vater nun nie wieder sprechen, nie mehr seine Hände halten, nie mehr mit ihm streiten oder lachen würde. Dass er mich nie mehr an der Haustür mit ausgebreiteten Armen empfangen würde. Dass es für meine Fragen und Entschuldigungen nun zu spät war. Dass er seinen Geruch, den Klang seiner Stimme, seine Geheimnisse, all die Erinnerungen, die ich nur mit ihm geteilt hatte, dass er das alles für immer ins Grab nehmen würde.

So ambivalent die Gefühle für meinen Vater auch gewesen sein mögen: Kalt und gefühllos, fast gleichgültig, wie ich mir in diesen Stunden vorkam, war ich ganz sicher nicht. Ich war einfach in einem Schockzustand, durch den plötzlichen Tod meines Vaters seelisch überfordert, in der Hoffnung, der Albtraum sei gleich zu Ende.

Nach einer Weile kam mein Mann ins Zimmer und sah mich immer noch neben dem Telefon stehen wie ein Gespenst.

»Was ist los?«, fragte er.

»Mein Vater ist tot.«

»Wieso?«

»Ich weiß es nicht. Er ist tot.«

Ich schaute ihn ausdruckslos an. Vielleicht fand auch er es merkwürdig, dass ich nicht weinte.

»Was ist passiert?«

»Ich muss jetzt zu meiner Mutter fahren«, erklärte ich.

»Verstehe ich. Aber so fährst du nicht!«

»Doch, ich muss zu ihr. Und ich will selbst fahren. Ich brauche das jetzt.«

»Dann lass uns zusammen fahren.«

Mein Mann ließ mich gewähren. Er kannte mich. Wenn die Gefühle zu bedrohlich wurden, brauchte ich einen Fokus, meist eine Aktivität, die mich ganz in Anspruch nahm, kein Blick mehr nach innen, wie ein Roboter – auch ein Weg, sich seelisch zu stabilisieren. Und auch eine unserer menschlichen Abwehrmaßnahmen.

Schuld und Angst

Es gab kaum Verkehr um diese Uhrzeit. Sehr selten ein Auto, kein Mensch. Es war dunkel und kalt, die Straßen waren leicht vereist. Ich realisierte, dass wir den Baum passierten, unter dem mein Vater vor etwa drei Stunden tot aufgefunden worden war. Ich hatte einen kurzen verrückten Gedanken, wie ich ihm noch einmal nahe sein könnte, einen Gedanken, den ich aber sofort wieder verwarf. Kaum fünf Minuten später bogen wir in die Straße ein, in der meine Eltern lebten und in der auch ich zuvor gelebt hatte. Ich stellte den Wagen ab und klingelte. Meine Eltern wohnten im ersten Stock. Auf der Treppe fingen mich zwei Polizisten ab. Sie waren noch sehr jung, jünger als ich, und schienen mit der Situation völlig überfordert. Sie wirkten wie auf der Flucht. Sicher hatten sie eine solche Situation in Rollenspielen geprobt, vielleicht aber war dies ihr erster Ernstfall.

»Was ist mit meiner Mutter, wie geht es ihr?«, fragte ich.

»Wir konnten es ihr nicht sagen … wir haben ihr gesagt, Ihr Vater sei auf der Intensivstation.«

Ich sagte nur: »Oh Gott«, und lief mit schlimmen Vorahnungen die letzten Stufen hoch. Die Tür war offen, ich ging ins Wohnzimmer, und dort stand meine Mutter mit schreckgeweiteten Augen und stammelte: »Ich habe so eine Angst, ich habe so eine Angst!« Ich nahm sie in die Arme und umschloss sie ganz fest. Ich sagte langsam und eindringlich: »Mama, du weißt es. Er ist tot.«

Sie schrie: »Nein, nein, er ist nicht tot, er ist auf der Intensivstation!«

Ich hielt sie einfach nur weiter fest und sagte immer wieder: »Mama, er ist tot.«

So ging es eine Weile. Sie schrie das eine, ich sagte das andere. Ich beschwor meine Mutter – und nicht zuletzt wohl auch mich: »Mama, er ist tot.« Ihr Schreien ging in ein Schluchzen über: »Ich habe Angst … ich habe Angst.« Mein Mann intervenierte: »Habt ihr hier eigentlich irgendwo einen Whisky oder so was?« Er war vorsichtig an uns herangetreten. Ich musste einen Moment nachdenken. »Dort in der Vitrine. Wenn sie ihn nicht versteckt hat.«

Der Alkohol half dann wirklich ein wenig. Nachdem mein Mann meiner Mutter einen größeren Schluck eingeflößt hatte, wurde sie etwas ruhiger. Zumindest konnte ich meine feste Umarmung wieder lösen. Ich setzte sie auf die Couch, mein Mann setzte sich neben sie, legte den Arm um sie, und ich packte ein paar Sachen ein. Mein Mann und ich waren uns ohne Worte einig geworden, meine Mutter bei uns zu Hause übernachten zu lassen. Wir nahmen sie einfach an die Hand. Sie war völlig passiv. Ich setzte mich mit ihr auf die Rückbank unseres Autos. Mein Mann startete den Wagen, jetzt fuhr er, ich konzentrierte mich ganz auf meine Mutter, nahm sie in den Arm wie ein Kind. Sie flüsterte: »Er kommt und holt mich!«, und keiner widersprach ihr. Mir wehte ihre leichte Schnapsfahne ins Gesicht, und ich schüttelte innerlich den Kopf: »Völlig absurd. Papa tot … und Mama riecht nach Whisky.«

Meiner Mutter erging es im Grunde wie mir. Sie reagierte auf den Tod nicht mit Tränen, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Ich hatte mich aus meinen Gefühlen zurückgezogen, meine Mutter war nur noch Angst.

Ihre Panik – so sehe ich es heute – war zu dem Zeitpunkt eher eine Gewissensangst, denn sie war voller Schuldgefühle. Häufig hat sie meinen Vater in ihrer verzweifelten Wut attackiert, verbal, manchmal auch körperlich. Mein Vater hat sich nicht gewehrt. Er war kein aggressiver Mensch, selbst wenn er trank, wurde er nie laut oder übergriffig. Später erzählte meine Mutter mir, er habe zu ihr im Streit häufig lachend, aber manchmal auch unvermutet ernst, fast drohend gesagt: »Du wirst keine lustige Witwe!« Wer weiß, was sie ihm alles an den Kopf geworfen hat. Sie hat ihm oft gesagt, dass sie ihn hasse. Vielleicht hat sie ihm auch den Tod gewünscht. Und vielleicht waren das sogar ihre Abschiedsworte bei ihrem letzten Streit, morgens, bevor er das Haus verlassen hatte und auf dem Heimweg starb.

Natürlich war sie deshalb nicht dafür verantwortlich. Dazu hätte sie entweder Auftragsmörder anheuern oder über Zauberkräfte verfügen müssen. Aber in ihrer Fantasie – ganz tief in ihrem Innern – fühlte sie sich offenbar schuldig und verrannte sich in eine magische Idee. In etwa so: »Ich habe ihm den Tod gewünscht. Jetzt ist er tot, und ich trage die Schuld. Dafür bestraft er mich. Er wird mich holen.« Entwicklungspsychologisch war sie in das Alter von sechs bis neun Jahren zurückgefallen, noch ganz im magischen Denken verhaftet. Kinder in diesem Alter glauben oft, dass jemand gestorben ist, weil sie ihm Schlechtes gewünscht haben. Und das löst Schuldgefühle aus.

Ein Rückfall in diese Entwicklungsphase kann passieren, wenn wir als Erwachsene in eine Situation geraten, die Angst und Schmerz auslöst und uns überfordert. Heute kann ich mir das alles erklären, damals hatte ich Sorge, meine Mutter würde den Verstand verlieren.

Wir kamen bei uns zu Hause an, und meine Mutter war immer noch völlig verwirrt. »Wir nehmen sie heute Nacht zu uns ins Bett«, beschloss mein Mann. Ich war ihm sehr dankbar; ich hatte dieselbe Idee, fand es aber irgendwie unpassend, ihm den Vorschlag zu machen. Mit der Schwiegermutter in einem Bett. Er hat ihre Not gespürt – sie war wie ein Kind und brauchte unseren Schutz.

Da lag ich dann also, in der Mitte, wie früher zwischen meinen Eltern. Links mein Mann, rechts meine Mutter, immer noch in meinem Arm. Vielleicht etwas eigenartig. Aber es fühlte sich richtig an. Als meine Mutter endlich ein wenig ruhiger wurde, fingen meine Gedanken an zu kreisen. Ich dachte an meinen Vater und an die Art, wie er gestorben war. Hoffentlich hat er keine Angst gehabt, wünschte ich mir. Und hoffentlich hatte er keine allzu starken Schmerzen.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie er da gelegen hat, unter dem Baum nahe der Kreuzung. Es war Dezember. Es hatte den ganzen Tag geschneit. Er war allein gestorben. In der Kälte. In der Einsamkeit. Und in dem Gefühl, dass ihn niemand wirklich liebte.

Mein Vater

Mein Vater war ein uneheliches Kind, und darin bestand die große Tragik seines Lebens. Seine Mutter war eine deutschstämmige Katholikin, die mit ihrer Familie in Polen lebte, sein Vater der Sohn einer orthodoxen jüdisch-polnischen Familie. Beide waren achtzehn Jahre alt. Für die Familie des Großvaters war meine Großmutter eine »Schickse«, für die Familie meiner Großmutter war mein Großvater ein ungläubiger Jude. Sie lebten in Konstantynów, einem kleinen Ort, der zu Łódź gehört. Es war eine unmögliche Liebe, die beiden durften nicht heiraten, mein Vater hat seinen Vater nie kennengelernt. Und weil seine Mutter ihn, das uneheliche Kind, das »Kind der Schande«, nicht behalten konnte, ist mein Vater bei seiner Babzia, der Mutter seiner Mutter, aufgewachsen.

Seine Mutter hat später einen deutschstämmigen Mann geheiratet und noch zwei weitere Kinder bekommen. Ihr Ehemann wusste von ihrem »Fehltritt«, er trank viel und schlug sie und verbot ihr jeglichen Kontakt. Meine Großmutter liebte meinen Vater ihr Leben lang als das Kind des geliebten Mannes, hat sich aber nicht zu ihm bekennen können. So hat sie es mir jedenfalls später erzählt. Im erzkatholischen Polen galt sie als »gefallenes« Mädchen. Sie hat meinen Vater verleugnet, um ihr soziales Überleben zu sichern. Mein Vater wuchs bei seiner Großmutter auf. Es gab allerdings später, nach dem Tod seines Stiefvaters, einen guten Kontakt zu seinen Halbgeschwistern.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Familie des Vaters – so erzählte mir meine Großmutter – erst im Ghetto von Łódź kaserniert und dann in das Vernichtungslager Chełmno deportiert, wo keiner von ihnen überlebte.

Aus Erzählungen weiß ich, dass mein Vater – er war damals drei, vier Jahre alt – manchmal von zu Hause weggelaufen und zu dem Haus seiner Mutter und ihres Ehemanns gerannt ist. Dort hat er an die Tür geklopft und nach seiner Mutter gerufen. Doch er wurde nicht hineingelassen. Wenn seine Babzia ihn vermisste, musste sie ihn nicht lange suchen. Sie fand ihn immer: Er schlief vor der Tür des Stiefvaters und der Mutter, die Tränen längst getrocknet und wie ein Bündel zusammengerollt. Auch im Winter im tief verschneiten Polen. Diese Geschichte erzählte mir später der jüngere Bruder meiner Großmutter.

Dieses Bild, wie er da gelegen hat, als Kind, einsam und frierend, das hatte ich jetzt wieder vor Augen. So war er nun auch gestorben, einsam und frierend im Schnee.

Plötzlich sah ich, dass meine Mutter sich im Bett aufrichtete. Sie rief: »Ich muss zu ihm, er friert!«

Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gesagt hatte – zunächst geduldig: »Mama, er ist tot.« Dann verzweifelt: »Er ist tot, verdammt noch mal! Er ist tot.«

Meine Mutter machte Anstalten, aus unserem Bett zu klettern. »Ich muss zu ihm, er friert! Lass mich!«

Ich packte sie entschieden an der Schulter und drückte sie zurück auf die Matratze. »Mama, er kann nicht mehr frieren. Er ist tot.« Dann sanfter: »Mach jetzt die Augen zu und versuch zu schlafen.«

Sie ist dann tatsächlich eingeschlafen. Ich hingegen lag noch lange wach. »Na, prima«, dachte ich. »Vater tot, und Mutter verrückt. Was passiert noch?« Es fehlte nicht viel, und ich hätte tatsächlich angefangen zu lachen. Diesen Galgenhumor kannte ich von mir. Fast wie in der Pubertät, wo man auch häufig an unpassenden Stellen lacht, weil man eigentlich überfordert ist. Heute würde ich sagen: Galgenhumor, selbst Sarkasmus, das alles ist auch eine Form, mit dem Schrecken umzugehen.

Erstarrung

Am nächsten Tag waren wir wie betäubt. Die Zeit stand still. Das Einzige, was sich in unserem Haus bewegte, eilfertig wie immer, war der Sekundenzeiger an unserer Küchenuhr. Auch der Alltag nahm seinen Lauf.

Trauer findet in unserem Alltag kaum Raum, sie passt nicht so richtig in unsere Zeit. Aber alles braucht seine Zeit, auch die Trauerzeit, und die ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Meine Stieftochter ging zur Schule, mein Mann musste seine Studenten unterrichten. Ich hatte für meine Mutter und mich zunächst die zwei Tage Sonderurlaub beantragt, die uns gesetzlich beim Tod des Ehemannes und des Vaters zustehen, meldete aber gleich noch ein paar weitere Urlaubstage an. Die Arbeitskolleginnen meiner Mutter – zwei waren ebenfalls verwitwet – waren sehr betroffen, ließen ihr Grüße ausrichten und boten ihr jede Form von Beistand an. Über dieses soziale Netz meiner Mutter war ich später sehr glücklich.

Ein Brot mit Schinken, ein bisschen Kaffee mit Milch. Meine Mutter hatte ein wenig zum Frühstück gegessen, bevor sie sich auf unserem Balkon die erste Zigarette ansteckte, ein Ritual, das sie mit meinem Vater gepflegt hatte.

Sie sprach nicht, sie weinte nicht, ihre Augen blickten ins Leere. Das war ihre Art zu trauern. Wie wir trauern, wie wir einem Schock begegnen, das ist sehr unterschiedlich. Es hängt ab von unserer Persönlichkeit, von unserer Vorgeschichte, unserem Verhältnis zum Verstorbenen, von der Art des Todes und auch von unserem sozialen und kulturellen Umfeld. Der eine läuft lange Strecken, die andere guckt sich Fotos an. Mein Mann rahmte in der Zeit vom Sterbetag meines Vaters bis zu seiner Beerdigung etwa fünfundzwanzig Bilder.

Es war Dienstagmorgen. Ich dachte, es muss doch etwas geschehen. Ich war vollkommen ratlos. Mein Vater seit vierzehn Stunden tot, in der Gerichtsmedizin, meine Mutter auf unserem Sofa streichelte wie in Trance unseren Hund. Ich musste etwas tun – und rief die Polizei an. Dort erfuhr ich, dass das Obduktionsergebnis erst am Mittag eintreffe. Dann erst könne man uns mitteilen, wann mein Vater zur Bestattung freigegeben würde. Ich verstand das alles nicht. Der Beamte wies mich auf die gesetzlichen Vorschriften hin. Es müsse eine Straftat wie Fahrerflucht mit Todesfolge ausgeschlossen werden, auch Mord und Selbstmord.

»Zieh dir bitte etwas an, es ist Winter«, sagte ich zu meiner Mutter, die immer noch wie ein Gespenst in ihrem Nachthemd durch unser Haus schlich. Ich half ihr, die immer sehr viel Wert darauf gelegt hat, gepflegt auszusehen, sich die Haare zu kämmen, und drückte ihr eine Gästezahnbürste in die Hand. Aber ich tat das, ohne groß nachzudenken, ganz automatisch. Wir hatten die Rollen getauscht.

Ein Gedanke hatte sich in meinem Kopf festgesetzt: Ich wollte meinen Vater sehen. Ich griff erneut zum Telefonhörer und fragte den zuständigen Polizeibeamten, ob das möglich sei.

»Kommen Sie erst einmal her«, sagte er. Meine Mutter wollte mich nicht begleiten, sie hatte Angst vor dem Besuch bei der Polizei. So kannte ich meine Mutter gar nicht. Ich wartete die Rückkehr meines Mannes ab, den ich als »Mothersitter« brauchte, dann stieg ich ins Auto und fuhr zum Polizeirevier. Bei der Polizei musste ich mich zunächst ausweisen, dann gab man mir die wenigen Habseligkeiten, die mein Vater bei sich gehabt hatte. Zum einen seine Brieftasche. Und dann noch eine Plastiktüte, in der sich eine halbleere Flasche Wodka und ein Glas mit dicken Bohnen befanden. Das Glas war noch ungeöffnet. Dicke Bohnen – die liebte er sehr. Vermutlich eine Erinnerung an die polnische Heimat. In seiner Brieftasche war kein Geld, nur sein Personalausweis und ein Bild, das ich ganz schnell wieder in der Seitentasche verschwinden ließ. Die Polizisten sahen mich gespannt an und warteten auf meine Reaktion. Ich blieb unbeeindruckt.

Es war seltsam, sich auf diese Weise der Existenz des toten Vaters zu bemächtigten: Seine Habseligkeiten und sein kleines Geheimnis wurden von den Polizisten und mir in Augenschein genommen und wieder in die Plastiktüte gesteckt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich noch immer die halb geleerte Flasche Wodka auf dem Schreibtisch des Polizisten sehen, den polnischen Wodka mit dem Bisongras. Die Flasche lag neben meinem Vater, als man ihn fand. Sie war für ihn stets greifbar, sie »stillte« seine (Sehn-)Sucht und brachte ihn gleichzeitig um.

Medizinisch betrachtet starb mein Vater vermutlich an einem Herzinfarkt oder an einer Embolie. Ein kurzer heftiger Schmerz in der Brust, vielleicht Schwindel, vielleicht Luftnot, dann das Aus. Oder an einem plötzlichen Herztod durch Kammerflimmern. Dabei wird die Blutzufuhr zum Gehirn sofort unterbrochen, und man ist augenblicklich tief bewusstlos. Nach der Aussage von Ärzten ist das die sanfteste Todesart überhaupt.

Fremdverschulden und Eigenverschulden waren ausgeschlossen, das ergab der Obduktionsbefund. Er war einfach umgekippt und in den Schnee gefallen. Niemand hatte ihn angefahren, keiner hatte ihn angegriffen, kein Mensch hatte ihn berührt außer der Frau, die ihn gefunden hatte, die aber nicht genannt werden wollte. Sie habe selbst unter Schock gestanden und Angst vor den Fragen der Angehörigen gehabt, wurde uns gesagt. Es hieß, sie habe ihn entdeckt, als er schon tot war – zweifellos war er an ebendieser Stelle unter dem kahlen Baum zusammengebrochen.

»Ich möchte ihn sehen«, sagte ich noch einmal.

Der Polizist schüttelte den Kopf. »Das würden wir Ihnen nicht empfehlen.«

»Ich will ihn aber sehen.«

»Ich rate Ihnen ab. So wie er gestorben ist, in der Kälte, mit einem Alkoholgehalt von zwei Komma sechs Promille – tun Sie es nicht. Ihr Vater ist aufgedunsen, außerdem ist er obduziert worden, der Kopf, der Rumpf, man hat einen Teil der Haare abrasiert, der Kopf ist verbunden.« Der Beamte sah mir meine Zweifel an. »Ihr Vater sieht sich nicht mehr ähnlich.«

Er merkte, dass ich immer noch zögerte. »Wenn Sie ihn sich jetzt angucken«, sagte er, im Ton jetzt sehr eindringlich, »werden Sie das Bild nie mehr vergessen. Behalten Sie ihn lieber so in Erinnerung, wie er aussah, als er lebte.«

Schließlich verzichtete ich darauf, ihn zu sehen. Später habe ich mit dieser Entscheidung manchmal gehadert. Vielleicht hätte es mir geholfen, ihn tot zu sehen. Ich war im Schock und habe seinen Tod nicht »realisiert«. Ich habe gehört, dass er tot ist, habe das Geschehene aber nicht nachvollziehen können. Der Anblick eines Toten hilft uns zu akzeptieren, dass der Mensch, den wir kannten, nicht mehr da ist. Mein Vater war plötzlich weg, aber er war für mich nicht gestorben. Für mich war er nur fort – er hätte sich auch nach Südamerika abgesetzt haben können. Vielleicht hätte mir der Blick auf ihn geholfen.

Den Tod begreifbar machen

Es gab diesen Moment am Abend seines Todes, auf der Fahrt zu meiner Mutter, diese Idee, die ich verworfen hatte. Vielleicht hätte ich anders entscheiden sollen, als wir mit dem Auto an dem Baum vorbeigefahren sind, unter dem mein Vater gestorben war. Ich wusste zwar, dass sich sein Körper nicht mehr am Fundort befand, das hatte ich den Revierpolizisten bei dem ersten Telefonat gefragt. »Vermutlich ist er schon in der Gerichtsmedizin«, hatte dieser mir geantwortet.

Trotzdem hätte ich kurz anhalten können. Es hatte an dem Abend viel geschneit. Vielleicht hatte der Körper meines Vaters einen Abdruck im Schnee hinterlassen. Später dachte ich: »Warum habe ich nicht die Mulde gestreichelt, die sein Körper im Schnee hinterlassen hat? Warum habe ich mich nicht sogar in die Mulde hineingelegt?« So hätte ich mit ihm eine letzte Erfahrung geteilt, hätte den Ort berührt, an dem er die letzten Sekunden seines Lebens verbracht hat. Vielleicht hätte es mir geholfen, das Unfassbare seines Todes fassbar zu machen. Vielleicht.

Die Blumen, die Geschenke, die Fahrräder, die kleinen Gedenktafeln am Straßenrand, die großen Gedenktafeln an den Orten von Schiffsunglücken und Flugzeugabstürzen, die Reisen der Angehörigen an diese Stellen – sie sind ein Mahnmal. Aber sind sie nicht auch ein Versuch, den Verstorbenen noch einmal nahe zu sein, dort, wo sie den letzten Atemzug getan haben und noch zu uns, den Lebenden, gehörten?

Aber ich habe nicht angehalten. Ich habe nur gedacht: »Mama. Ich muss zu ihr.« Ich bin ein Einzelkind, und so gab es keine jüngeren oder älteren Geschwister, die auch einmal die Verantwortung hätten übernehmen können. Sie lastete auf meinen Schultern und ließ keinen Platz für kleine Gedankenspiele oder große Gefühlsausbrüche.

Die Rituale

Es gab tatsächlich viel zu tun. Die Todesbescheinigung hatte der Amtsarzt ausgestellt. Ich habe meinen Vater beim Standesamt abgemeldet, meine Mutter und ich haben ein Bestattungsunternehmen aufgesucht, um den Sarg und die Bestattungsform auszuwählen. Meine Mutter wollte eine traditionelle Erdbestattung, so wie es immer in ihrer Familie praktiziert wurde. Wir wählten einen schwarzen Sarg. Die Bestatterin fragte nach einer Grabstätte. Damit hatten wir uns nie beschäftigt.

Meine Mutter zögerte mit der Entscheidung. Zu Hause wurde sie deutlich: »Ich kaufe kein Doppelgrab. Ich weiß nicht, wie und wann ich sterbe, und ich weiß auch nicht, ob ich neben ihm beerdigt werden will. Wir nehmen ein Einzelgrab.« Das war wie ein Schlag für mich. Ich war wütend und traurig zugleich. Meine Mutter hatte gerade die Scheidung von meinem toten Vater eingereicht; so fühlte es sich jedenfalls für mich an. Aber ich musste ihre Entscheidung respektieren, sie war ja schließlich die Ehefrau. Mein einziger Gedanke: »Jetzt ist er auch noch im Grab allein.«

Mein Mann sah, in welcher Verfassung ich war. Er schlug vor, meinen Vater im Grab seiner Eltern zu bestatten. Sein Vater war 1948, seine Mutter 1962 gestorben, die normale Grablaufzeit von zehn Jahren also längst überschritten. Er führte aus, er halte es für besser, meinen Vater zu seinem Vater zu legen: »Die zwei hätten sich zu Lebzeiten sehr gut verstanden, sie werden sich auch jetzt gut verstehen.« Und seine Mutter hätte dann auch keine Langeweile, sie könne jetzt auf zwei Männer schimpfen. Er grinste ein wenig und entschärfte damit die Situation. Ich tauchte wieder auf und musste auch etwas lachen, denn ich kannte die Geschichte seiner Eltern.

Die Beisetzung sollte am Freitag, dem 20. Dezember 1979 stattfinden, der Leichnam meines Vaters war freigegeben.

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