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Was Liebe vermag

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Sommer 1858
  7. Herbst – Winter 1858
  8. Frühjahr – Winter 1859
  9. 1864
  10. 1865
  11. 1866
  12. 1867
  13. 1870 – 1874
  14. 1881 – 1886
  15. 1887 – 1890
  16. Nachwort

Über die Autorin

Maja Schulze-Lackner wurde in Berlin geboren. Neben ihrer Tätigkeit als Designerin und Geschäftsfrau schrieb sie für Bunte, Die Welt und Elle. In ihrem ersten Buch Und Wunder gibt es doch erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. Fortgesetzt wird diese in Wilde Rosen, weites Land, Solang es Träume gibt und Himmel über Ostpreußen. Nach dem großen Erfolg ihrer ersten vier Bücher schildert sie nun erneut bewegte Zeiten in Ostpreußen. Maja Schulze-Lackner lebt mit ihrem Mann in München.

Mehr über die Autorin auf www.schulze-lackner.de

Sommer 1858

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Es war noch früh am Morgen, nicht einmal fünf Uhr. Hubertus von Ehrenfeld saß auf seiner Terrasse, zu seinen Füßen Herr Schulze, sein neuer Jagdhund. Der weitläufige Park und das sich bis zur Angerapp ausbreitende Tal lagen im Morgennebel vor ihm. Aber er hatte keinen Blick für die herrliche Landschaft, über der in Kürze die Sonne aufgehen würde. Eine innere Unruhe raubte ihm zurzeit nicht nur den Schlaf, sondern auch die Freude an der Schönheit seines prachtvollen Besitzes.

Seit Wochen waren die Zeitungen voll mit Berichten über die Weltwirtschaftskrise und einen Börsenkrach. Schon vor Monaten hatte ihn sein alter Freund David Hansemann, Bankier und ehemaliger Finanzminister Preußens, gedrängt, seine Eisenbahnanteile an der Ohio Life Insurance and Trust Company schleunigst abzustoßen.

»Bist du sicher, dass das klug ist?«, hatte Hubertus entsetzt gefragt. »So ein Kreditinstitut kann doch nicht so plötzlich den Bach runtergehen.«

»Verkauf, alter Lorbas«, hatte Hansemann insistiert. »Du wirst mir für diesen Rat einmal sehr dankbar sein.« Und das war er. Mit Schaudern dachte Hubertus an die verheerenden Folgen, hätte er nicht auf seinen Freund gehört. Viele Aktien befanden sich im freien Fall. Einige seiner Bekannten waren inzwischen bankrott, sogar Selbstmorde hatte es gegeben.

Mit einem leisen Räuspern riss ihn sein Diener Kuno aus den trüben Gedanken. »Herr Baron. Darf ich das Frühstück draußen servieren, oder wollen der Herr Baron lieber …«

»Gern hier draußen«, unterbrach Hubertus den Diener. »Und bitte Lisa, mir ein paar Spiegeleier mehr zu machen. Geselchtes und etwas von ihrer herrlichen Pastete hätte ich auch gern.«

Allein der Gedanke ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Kunos Frau Lisa war wirklich eine hervorragende Köchin, und er war froh, ihre Kochkunst weiterhin Tag für Tag genießen zu können. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte er all seinen Bediensteten kündigen müssen. Allen voran Kuno und Anton, die ihm seit Jahren treue Dienste verrichteten, ebenso wie Fräulein Kollmann, die Hausdame, und Hanna, die Zofe seiner Frau Anneliese. Und natürlich Friedrich, der Kutscher, und Fräulein von Allhorn, in deren strenge und zugleich fürsorgliche Hände er die Erziehung seiner Tochter Josefine gelegt hatte.

Seufzend lehnte er sich zurück. Er war hungrig. Und er freute sich auf das Frühstück, das ihm die liebste Mahlzeit am Tag war. Nicht zuletzt, weil er sie meist allein einnahm. Anneliese würde zum Glück auch heute nicht vor zehn Uhr erscheinen. Dann war er bereits unterwegs mit seinem Forstmeister, Peter Gawellke, um den nahe gelegenen Wald zu inspizieren, also bestand vor dem späten Nachmittag keine Gefahr, sie zu Gesicht zu bekommen. Er liebte seine Frau nicht, und wenn er genauer darüber nachdachte, hatte er sie eigentlich nie jemals auch nur sehr gemocht. Er hatte sie geheiratet, weil er die Frau, die er liebte, nicht heiraten konnte. Er, der Baron, und sie, die Tochter eines Kohlenhändlers und der Putzmacherin, bei der seine Mutter ihre Hüte bestellte – diese Beziehung war einfach undenkbar! Das hatten sie beide von Anfang an gewusst, er und Lena Budzinski. Ach, mein Lenchen, dachte er und schloss voller Sehnsucht die Augen.

Der Geruch von Spiegeleiern mit Speck und frisch gebackenem Brot holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Während er mit großem Genuss die Eier, mehrere Brote mit Butter, Geselchtem und Leberwurst verzehrte, ohne auch nur einen Gedanken an seinen »nervösen Magen« zu verschwenden, den Dr. Grüben ihm mehr als einmal attestiert hatte, ging über der Angerapp die Sonne auf. Wie ein riesiger gelber Ball schob sie sich hinter dem Horizont empor und ließ den in der Ferne fließenden Fluss glitzern wie mit Millionen Diamanten übersät. Mit einem Mal vernahm Hubertus das Zwitschern einzelner Vögel. Und dann erwachte um ihn herum alles zum Leben. Die Hähne begannen zu krähen, und aus den Stallungen war das erste Muhen der Kühe zu hören, deren pralle Euter gemolken werden mussten. Stallburschen pumpten geräuschvoll Wasser in Eimer und riefen sich unverständliche, allem Anschein nach fröhliche Dinge zu. Ein neuer Tag hatte begonnen.

»Wird man wieder janz schön heiß heute«, sagte Kuno, während er das Frühstücksgeschirr und die spärlichen Reste abräumte. »Soll ich dem Herrn Baron dat Leinenjackett holen?«

»Ne, ne, lass man.« Hubertus reichte dem Diener seine Strickjacke, die er gegen die morgendliche Kühle übergezogen hatte. »Ich reite im Hemd, aber bring mir bitte später meinen Strohhut. Lisa soll außerdem wie immer einen Imbiss herrichten für mich und Gawellke. Und sag meiner Tochter, dass ich anschließend auf einer Partie Bezique mit ihr bestehe, egal, ob sie Klavierstunde hat oder von meiner Frau zu irgendeiner anderen Beschäftigung angehalten wird.«

Josefine, genannt Finchen, war ihr einziges gemeinsames Kind. Hubertus liebte sie mehr als alles andere auf der Welt. Jahrelang hatten er und Anneliese sich bemüht, einen Erben für Gut Haffingen und den Namen Ehrenberg zu bekommen. Hubertus schnaubte verächtlich. Das war wahrlich kein Vergnügen gewesen mit einer Frau, die er nicht liebte und die er des Nachts noch nie ohne Flanellnachthemd gesehen hatte. Und dann war Anneliese nach neun langen Jahren endlich schwanger geworden. Die Erleichterung, für die Zukunft von seinen ehelichen Pflichten entbunden zu sein, hatte Hubertus beinahe zu einem lieben, fürsorglichen Ehemann werden lassen.

Anneliese, die all die Jahre unter der Lieblosigkeit ihres Mannes gelitten hatte, blühte auf. Sie genoss die Zeit der Schwangerschaft und die Aufmerksamkeit, die Hubertus ihr schenkte. Täglich fragte er nach ihrem Befinden, gab ihr unvermittelt einen Kuss oder strich ihr über die Wange.

Annelieses Enttäuschung war grenzenlos, als das sehnlich erwartete Kind ein Mädchen war. Hatte sie doch so sehr gehofft, Hubertus den gewünschten Erben zu schenken. Doch Hubertus war selig. Nach der Geburt des Kindes war er weiterhin freundlich zu ihr, aber die monatelange Fürsorglichkeit schenkte er jetzt nicht mehr ihr, sondern dem Kind. Er liebte dieses kleine, weiche Wesen vom ersten Tag an geradezu abgöttisch.

Sie selbst genoss das Beisammensein mit ihrer Tochter, war fröhlich und ausgeglichen. Sie mühte sich, eine gute Mutter zu sein und stillte Josefine, bis ihre Brüste keine Milch mehr hatten. Doch je mehr Zeit verrann, desto größer wurde ihre Sehnsucht nach Hubertus. Jeden Abend wartete sie darauf, dass er sich wieder zu ihr in das gemeinsame Schlafzimmer gesellen würde, das er, wie er anfänglich betonte, während der Schwangerschaft aus Rücksicht auf sie verlassen hatte. Doch Hubertus kam nicht. Auch von einem männlichen Erben wurde nicht mehr gesprochen. So vergingen die Jahre, und zu guter Letzt gab sie die Hoffnung auf. Und dazu sich selbst, wie sie sich in Momenten der Verzweiflung mehr als einmal eingestanden hatte. Irgendwann belauschte sie ein Gespräch zwischen ihrer Zofe Hanna und einem der Hausmädchen, das keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Mann schon seit Jahren eine Geliebte hatte. Annelieses Enttäuschung war grenzenlos. Von Stund an fraß sie ihren Kummer in sich hinein oder ließ ihn an Josefine aus, dem Menschen, den Hubertus am meisten liebte.

Dabei hatte vor mehr als zwanzig Jahren alles so vielversprechend begonnen. Ihre Väter, Konsul Hansum sowie Rüdiger Baron von Ehrenfeld, waren Geschäftsfreunde. Der Baron war häufiger bei ihnen in Hamburg zu Gast, und hin und wieder begleitete auch Hubertus seinen Vater auf diesen Reisen. Anneliese war in ihn verliebt, seitdem sie ihn mit fünfzehn Jahren das erste Mal gesehen hatte. Ein schöner, groß gewachsener Mann, elf Jahre älter als sie, mit blitzenden braunen Augen und dichten schwarzen Locken, das Gesicht bis auf schmale Koteletten glatt rasiert. Seine für einen Mann erstaunlich vollen Lippen entblößten beim Lachen eine Reihe blendend weißer Zähne. So sah für sie ihr Traumprinz aus.

Eines Abends belauschte Anneliese ein Gespräch der beiden alten Herren, die nach dem Essen in der Bibliothek wie so oft Cognac tranken und Zigarren rauchten. Die Tür zum anschließenden Biedermeierzimmer, in das sie sich zur Lektüre zurückgezogen hatte, war nur angelehnt. Sie horchte auf, als der Name ihres Traumprinzen fiel. »Bedauerlich, dass Hubertus dieses Mal nicht mitkommen konnte. Wie geht es ihm?«, fragte ihr Vater. »Ist er eigentlich inzwischen verlobt? Verheiratet vermutlich nicht, denn von einer Hochzeit hätten wir ja wohl erfahren.«

»Da schneiden Sie ein heißes Eisen an, alter Freund.« Der Baron seufzte. »Der Junge ist jetzt siebenundzwanzig. Es ist wirklich an der Zeit, dass er eine Familie gründet. Schließlich wollen meine Frau und ich unsere Enkel noch erleben. Aber immer, wenn ich ihn darauf anspreche, weicht er mir aus.« Seine Stimme wurde leiser, und Anneliese schlich zur Tür. Sie wollte auf keinen Fall etwas von der interessanten Unterhaltung verpassen. »Es gibt da eine unsägliche Geschichte.« Er räusperte sich, als sei es ihm unangenehm, darüber zu sprechen. »Man hat mir da was zugetragen … eine Affäre mit einer jungen Frau aus Königsberg … völlig indiskutabel … soll schon länger gehen.« Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Aber diese Liaison ist absolut unmöglich, die Dame befindet sich weit unter Stand, so eine Heirat kommt auf keinen Fall infrage.« Wieder seufzte er. »Apropos, mein lieber Hansum, wie wäre es denn mit Ihrer reizenden kleinen Tochter?«, fragte er in normaler Lautstärke. »Unsere beiden Familien nicht nur geschäftlich vereint, wäre das nicht in unser beider Sinne?«

Anneliese traute ihren Ohren nicht. Gespannt hielt sie den Atem an. Was würde ihr Vater darauf antworten? »Dagegen wäre wahrlich nichts einzuwenden«, vernahm sie schließlich seine Stimme. »Aber da hat mein Annelieschen ja wohl auch ein Wörtchen mitzureden.« Er lachte laut auf. »Und ich nehme an, ihr Sohn ebenso.«

In dem Moment betrat ein Hausmädchen das Biedermeierzimmer, und Anneliese huschte zurück in ihren Sessel. An ihrem Buch hatte sie kein Interesse mehr.

Bei seiner Rückkehr aus Hamburg nahm der alte Baron seinen Sohn ins Gebet. »Hör mal zu, mein Junge, du solltest nun langsam daran denken, eine Familie zu gründen.« Er füllte zwei große Gläser mit Schnaps und reichte Hubertus eines davon. Dann nahm er in einem Sessel Platz und blickte Hubertus liebevoll an. »Ehen werden nicht im Himmel geschlossen, das weißt du doch sehr wohl. Ich habe mit dem Konsul gesprochen. Die kleine Hansum ist schließlich recht hübsch. Wenn auch nicht von Adel, so doch aus bester Hamburger Familie.« Er nahm einen großen Schluck. »Und was unsere Beteiligungen an dem Hansumschen Handelskontor betrifft, so sind sie nicht unerheblich und äußerst ertragreich.«

Hubertus schwieg. »Aber Vater«, sagte er nach einer Weile. »Du weißt sicher nicht …«

»Doch, mein Junge, ich weiß: Du liebst eine andere Frau.«

Hubertus war sichtlich überrascht. »Aber woher … und seit wann hast du Kenntnis davon?«

Rüdiger von Ehrenfeld erhob sich und begann, unruhig auf und ab zu gehen. Dieses Gespräch fiel ihm nicht leicht, und er rang nach den richtigen Worten. Aber es musste geführt werden, nicht zuletzt, weil er es seiner Frau versprochen hatte. Wohlweislich verschwieg er Hubertus die Reaktion seiner Mutter, als die von der bereits seit Jahren andauernden Liebschaft ihres Sohnes erfahren hatte. Sie war außer sich gewesen.

»Was sagst du da? Hubertus verkehrt seit Jahren mit der Tochter meiner Putzmacherin! Und du meinst, er liebt sie?«

»Es sieht so aus.« Rüdiger von Ehrenfeld bedauerte bereits, seiner Frau davon erzählt zu haben.

»Jetzt stell dir das doch mal vor: Frau Budzinski bei unseren Abendgesellschaften, an einem Tisch mit den Troyenfelds und Delwitz! Und wie ihr Mann, ich glaube, er ist Kohlenhändler, die Braut zum Altar führt!« Gerda von Ehrenfeld war einer Ohnmacht nahe gewesen und hatte mit letzter Kraft nach ihrem Riechfläschchen gegriffen. Dann rief sie mit schriller Stimme: »Du hast Hubertus doch wohl hoffentlich klar gemacht, dass diese … diese …« Ihr war vor lauter Entsetzen nicht das passende Wort eingefallen, das einer solchen Verbindung Genüge getan hätte. »Dass diese Verbindung auf gar keinen Fall …«

»Hubertus hat keine Ahnung, dass ich es weiß«, hatte er den hysterischen Redefluss seiner Frau unterbrochen. »Und ich bitte dich, es auch sofort wieder zu vergessen.«

»Was soll ich?« Gerda hatte ihn fassungslos angesehen.

»Du sollst die Klappe halten!« Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton.

»Bist du von Sinnen? Wie kann ich so etwas denn vergessen?« Erneut war das Riechfläschchen zum Einsatz gekommen.

Rüdiger von Ehrenfeld hatte seine Frau in den Arm genommen. »Versprich es mir, mein Marjellchen«, hatte er sie angefleht. »Und ich verspreche dir, dass ich mit Hubertus rede, sobald ich von meiner Reise nach Hamburg zurück bin.«

Und da stand er nun. Schließlich holte er tief Luft. »Ich weiß das schon sehr lange, und ich habe gehofft, dass es bloß eine kleine Affäre ist.« Wieder nahm er einen Schluck aus seinem Glas und tupfte sich mit einem großen Taschentuch die Stirn ab. »Du solltest dir deine Hörner abstoßen, das ist doch vollkommen normal. Aber dir muss auch klar sein, dass eine solche Verbindung nicht infrage kommt.« Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.

Ein Jahr später fand auf dem Hansumschen Anwesen in Hamburg die Hochzeit statt. Alle außer Hubertus waren überglücklich.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Hubertus von Ehrenfeld und sein Forstmeister von der Inspektion zurückkehrten.

»Du kommst doch noch auf einen Imbiss mit rein, Peter?«, fragte Hubertus. »Ein Nein lasse ich nicht gelten.«

»Wenn deine Frau sich nicht allzu sehr gestört fühlt, gern.« Peter Gawellke wusste, dass Anneliese von Ehrenfeld diese enge Freundschaft nicht besonders schätzte. Dabei kannten sich die beiden Männer schon so lange. Sie hatten in Insterburg gemeinsam die Volksschule besucht und waren seitdem die besten Freunde. Schon Peters Vater war Forstmeister bei den Ehrenbergs gewesen, und so war es selbstverständlich, dass sein Sohn einmal sein Nachfolger werden würde. Er war ein großer, kräftiger Mann mit leicht gewellten, blonden Haaren, einer großen geraden Nase und einem langen Backenbart, den er hin und wieder mit einer Bartschere stutzte. Unter buschigen Augenbrauen leuchteten auffallend blaue Augen. Er strahlte eine innere Zufriedenheit aus und konnte mit Stolz behaupten, dass man ihm nicht ansah, dass er auf die Fünfzig zuging. Im Gegensatz zu Hubertus, dessen dunkle Locken inzwischen mit grauen Strähnen versetzt waren. Peter betrachtete seinen Freund von der Seite. Das glatt rasierte, immer noch schöne Gesicht war vom häufigen Aufenthalt an der frischen Luft leicht gebräunt, aber um die Augen und entlang der Nase hatten sich tiefe Falten gebildet. Hubertus sah nicht glücklich aus. Peter kannte das Geheimnis seines Freundes, er war von Beginn an eingeweiht gewesen. Nie hatte Hubertus etwas vor ihm verheimlicht, und er hatte ihn immer getröstet, wenn ihn seine Verzweiflung ins Forsthaus getrieben hatte. Peter hatte volles Verständnis für Hubertus’ Kummer. Es war für ihn unvorstellbar, mit einer ungeliebten Frau verheiratet zu sein. Wenn er an sein Gretchen dachte, mit der er schon seit fünfzehn Jahren glücklich war und die ihm mit Käthchen und Franz zwei wunderbare Kinder geschenkt hatte, wurde ihm warm ums Herz.

Hubertus lachte freudlos. »Red keinen Unsinn. Nun komm schon.«

Sie übergaben ihre Pferde einem Stallburschen, nicht ohne ihn zu ermahnen, diese ordentlich trocken zu reiben. Dann gingen sie hinüber zur Terrasse des Herrenhauses. Auf einer Korbliege im Schatten der Pergola lag Anneliese. Mit einem Fächer versuchte sie, sich etwas Kühlung zu verschaffen.

Peter begrüßte sie mit einer Verbeugung. »Guten Tag, Frau Baronin. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.«

»Danke der Nachfrage, Herr Gawellke.« Sie trug einen leidenden Ausdruck auf dem Gesicht und sprach mit müder, leiser Stimme. »Nein, es geht mir nicht besonders. Die Hitze macht mir sehr zu schaffen.«

»Nun, meine Liebe, vielleicht solltest du ins Haus gehen und dir von Hanna kalte Umschläge machen lassen.« Hubertus’ Stimme klang nicht besonders mitfühlend. An Kuno gewandt, der gerade große Platten mit Wurst, Schinken, Geselchtem und allerlei Käsesorten heraustrug, fuhr er fort: »Sag Hanna Bescheid: Meine Frau fühlt sich nicht wohl. Sie wird gleich in ihrem Boudoir sein.«

Anneliese blieb keine Wahl, sie hatte zu gehen. Ächzend erhob sie sich von ihrer Liege, aber Hubertus machte keinerlei Anstalten, ihr behilflich zu sein. Das enge Mieder zeigte dunkle Flecken, und ihr Gesicht war schweißnass. »Du hast Recht, ein paar kalte Wickel werden mir guttun. Dann bis später. Leben Sie wohl, Herr Gawellke.«

Hubertus würdigte seine Frau keines Blickes, als sie leise stöhnend ins Haus ging. Sein Gesicht drückte nichts als Verachtung aus. »Mein Gott, ich kann sie einfach nicht ertragen.« Er vergrub seinen Kopf in den Händen. »Sieh doch bloß, was aus ihr geworden ist.«

Peter konnte seinem Freund nicht widersprechen. Aus dem ehemals hübschen Mädchen war eine Matrone geworden. Mit gerade einmal sechsunddreißig Jahren sah sie aus wie eine alte Frau. Sie war mehr als korpulent, ihre Wangen waren schlaff, und ihre Augen eingebettet in hängende Oberlider und dicke Tränensäcke. Peter legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. »Lass man gut sein, alter Lorbas, sie hat es auch nicht gerade leicht mit dir. Sie ist unglücklich, und das seit Jahren, genau wie du.«

Hubertus wurde einer Antwort enthoben, als in diesem Moment Kuno mit einer Flasche Schnaps und zwei großen vollen Bierkrügen die Terrasse betrat. »Eisjekihlt, meine Herren«, sagte er, bevor er sich sofort wieder zurückzog. Er wusste: Wenn der Baron seinen Freund zu Besuch hatte, wollte er ungestört sein. Was aber nicht hieß, dass Kuno nicht des Öfteren und völlig unbeabsichtigt, wie er nicht müde wurde, seiner Frau zu beteuern, einige Gespräche mit anhörte.

»Na, denn man Prosit«, sagte Hubertus. »Und guten Appetit. Du musst unbedingt Lisas Geselchtes probieren. Es ist heute wieder fabelhaft.« Er nahm einen tiefen Schluck.

Aus dem Musikzimmer erklang leises Klavierspiel. »Hörst du mein Finchen?« Hubertus strahlte. »Ach Peter, wenn ich sie nicht hätte, ich glaube, ich könnte das alles nicht mehr ertragen. Sie und Lenchen sind die Einzigen, die mein Leben überhaupt lebenswert machen.«

»Nun übertreib man nicht, alter Junge!« Peter war ehrlich entrüstet. »Du hast einen wunderbaren Besitz, eine entzückende Tochter, keine finanziellen Sorgen und eine …«, er senkte seine Stimme, da ihm sehr wohl bewusst war, dass die Wände Ohren hatten, »… geduldige Geliebte. Also jetzt nimm dich mal zusammen.«

Hubertus musste lachen, wie immer, wenn sein alter Freund ihm die Leviten las. Sein Forstmeister war der Einzige, der so mit ihm reden durfte. »Ach Peter, wenn ich dich nicht hätte! Auch wenn du in Bezug auf die finanziellen Sorgen ausnahmsweise einmal Unrecht hast. Die Zeitungen sind jeden Tag voll mit Schreckensmeldungen über die Wirtschaftskrise.« Er leerte sein Glas und läutete anschließend mit der silbernen Tischklingel. Sofort erschien Kuno, sehr weit weg konnte er nicht gewesen sein. »Bring uns noch ein Bier, Kuno«, sagte er. Dann wandte er sich an Peter. »Wenn Hansemann mich nicht gedrängt hätte, meine Eisenbahnanteile rechtzeitig abzustoßen, wäre ich jetzt fast ruiniert. Die Ohio Life Insurance and Trust Company hat längst Konkurs angemeldet.«

»Und weshalb lamentierst du dann? Ist doch gut für dich ausgegangen.«

Hubertus wiegte nachdenklich den Kopf. »Ach, du hast ja keine Ahnung. Die Krise betrifft nicht nur die Eisenbahngesellschaften. Auch Banken gehen pleite.«

»Ja, davon habe ich schon gehört«, unterbrach ihn sein Freund. »Ich lese auch Zeitung, hin und wieder jedenfalls.«

»Und wahrlich schlecht sieht es bei der Hamburger Kaufmannschaft aus«, fuhr Hubertus fort. »Du weißt, ich bin erst gestern spät von meiner Geschäftsreise aus Hamburg zurückgekommen. Mein Schwager Hansum hat mich dort wissen lassen, dass sie in großen Schwierigkeiten stecken. Die Speicher sind voll, sie bekommen ihre Waren nicht los, und die Banken geben keine Kredite mehr.«

»Und was hast du damit zu tun?« Peter blickte seinen Freund verständnislos an.

»Ich habe Annelieses gesamte Mitgift und dazu noch einen beträchtlichen Teil meines Vermögens dort investiert. Das habe ich damit zu tun! Als Annelieses Vater noch lebte – Gott hab ihn selig –, schien es mir eine lohnenswerte Anlage. Jetzt werden die Geschicke des Hauses Hansum anderweitig gelenkt, dazu noch die Situation an den Weltmärkten … die Sache sieht nicht gut aus, gar nicht gut. Der alte Hansum würde sich im Grabe umdrehen.«

»Oh Jott, oh Jott!«, war alles, was Peter über die Lippen kam.

»Verstehst du nun meine schlaflosen Nächte?«

»Ein bisschen. Aber gar so schlimm kann es ja nun nicht werden. Du wirst dieses Jahr eine gute Ernte einfahren, und wenn alle Stricke reißen, verkaufst du ein Stück Wald. Dein Baumbestand ist doch enorm.«

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Hubertus seinen Freund an. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass im Moment irgendjemand Wald kaufen würde. Kaum einer hat Geld, nicht einmal die Banken!«

Das Klavierspiel verstummte, und kurz darauf stürmte Josefine nach draußen. Sie fiel ihrem Vater um den Hals. »Kuno hat es mir eben erst gesagt! Da bist du ja endlich wieder, Papachen. Ich hab dich so schrecklich vermisst.«

»Ich dich auch, Finchen, meine kleine Prinzessin, das weißt du doch. Nun begrüß Peter.«

Sie machte artig einen Knicks und reichte Peter die Hand. »Darf ich euch mal wieder besuchen, Onkel Peter?« Ihre großen Augen leuchteten. »Ich habe Tante Gretchen ja schon so lange nicht mehr gesehen. Und Käthchen und Franz auch nicht.« Die Zwillinge waren in Josefines Alter.

»Wann immer du willst. Du weißt doch, Gretchen hat dich sehr lieb, genau wie ich.« Er strich dem Kind über den Kopf. Sie war das Ebenbild ihres Vaters. Ihr zartes, ovales Gesicht war von dunklen Locken umrahmt, die mit einem Reif aus der Stirn gehalten wurden. Auch der volle Mund und die gleichmäßigen weißen Zähne hatte sie von ihrem Vater, nur die blauen Augen waren ein Erbe ihrer Mutter. Ihr Auftreten und ihre Art zu sprechen, zeugten von einer lebhaften Intelligenz, die für ein neunjähriges Mädchen durchaus bemerkenswert war. Und sie sah entzückend aus in ihrem weißen Mousselinkleid. Doch sosehr er die Anwesenheit der beiden genoss, war es Zeit für den Aufbruch.

»Ich muss los, ich habe noch eine Menge zu tun«, sagte Peter und zuckte bedauernd die Schultern. »Bis dann, Hubi, und komm vorbei, wenn du noch Fragen hast wegen des Baumschlags.«

»Mach ich, vermutlich morgen Vormittag.«

»Darf ich dann mitkommen?«, Josefine sah ihren Vater bittend an.

»Das geht leider nicht, mein Schatz. Käthchen und Franz sind doch vormittags in der Schule, und du hast Unterricht bei Fräulein von Allhorn. Du weißt, deine Mutter schätzt es gar nicht, wenn du ihn ausfallen lässt. Außerdem muss ich danach noch nach Königsberg und komme erst abends spät, vielleicht sogar erst übermorgen, zurück. Aber ich verspreche dir, dass wir in den nächsten Tagen gemeinsam das Forsthaus besuchen.«

Da wird sich Lenchen ja morgen freuen, dachte Peter, als er sein Pferd bestieg und nach Hause ritt.

»So, und wir beide spielen jetzt eine Partie Bezique«, sagte Hubertus fröhlich. »Kuno hat bereits die Karten gebracht. Mal sehen, ob du mich wieder schlägst.« Er wusste, dass Josefine dieses Kartenspiel liebte, vor allem die Partien mit ihm, der sie meistens gewinnen ließ. Nun aber blickte sie nachdenklich drein. »Ich bin noch nicht fertig mit Klavierüben, ich habe das nur unterbrochen. Mama wird immer sehr böse mit mir, wenn ich die Zeit nicht einhalte.«

Hubertus runzelte die Stirn. »Soso, wird sie das! Dann werde ich wohl mal mit deiner Mutter reden müssen.«

»Nun, was gibt es denn zu bereden?« Anneliese stand in der Tür, die Lippen zu einem schmalen Spalt zusammengepresst. »Willst du deine Tochter wieder zu Ungehorsam gegen mich anstiften?«

Hubertus sog tief die Luft ein. Er war kurz davor, zu explodieren und konnte förmlich spüren, wie die Ader auf seiner Stirn anschwoll. Die Zeichen standen wie so oft auf Sturm. Er bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Josefine bedrückt zu Boden blickte. Nicht schon wieder vor dem Kind, dachte Hubertus und zwang sich zur Ruhe. »Wir reden später darüber, Anneliese, nach Tisch. Jetzt werde ich mit meiner Tochter Karten spielen.« Er begann, die Karten zu mischen, ohne seine Frau weiter zu beachten. Das leise Rascheln des Reifrockes verriet, dass Anneliese gegangen war. Josefine nahm die Karten, die Hubertus ihr hinhielt.

»Na, dann woll’n wir mal«, sagte er betont fröhlich. »Du fängst an.«

Kuno machte sich derweil auf den Weg zu Lisa in die Küche. Er sah seine Frau bekümmert an. »Ich brauch nen Schlubberchen. Is man wieder dicke Luft.«

Lisa goss ihm ein großes Glas Schnaps ein. »Wat is denn nu schon wieder?« Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Der jnädije Herr ist doch jerade mal zurick.«

Kuno nahm einen kräftigen Schluck. »Erst hat er mit Gawellke über de Krise jeredet, du weißt ja, dat ist ja nu ma seit Monaten das Thema bei jeder Jesellschaft. Und nu isset jans schlimm, sagt er. Keener hat keen Jeld nich mehr, och die Banken nich.«

Lisa schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Erbarmerche«, rief sie, wie immer, wenn sie entsetzt war, egal, ob die Herrschaften stritten oder sie sich über ein faules Küchenmädchen oder eine missglückte Pastete aufregte. Sie gebrauchte wie alle den in Ostpreußen üblichen Diminutiv, an alles ein chen zu hängen. »Die Banken haben keen Jeld nich mehr? Sowat jibt et doch nich.« Eine Bank sollte kein Geld mehr haben! Das war doch unvorstellbar.

»Na ja, und mit der Jnädijen hat’s och schon wieder Stunk jegejen, wie immer wejen dem Finchen.«

Nun brauchte auch Lisa dringend einen Schnaps. Stumm prosteten die beiden sich zu. Seit über zwanzig Jahren waren sie nun schon auf Gut Haffingen, davon dreizehn Jahre verheiratet. Seitdem lebten sie unter einem Dach mit Kunos Mutter. Kuno hatte mit sechzehn als einfacher Diener angefangen und war vor einigen Jahren erster Diener geworden, als dieser aus Altersgründen ausschied, und Lisa hatte ihre Mutter als Mamsell abgelöst. Vorher war sie im Alter von 14 Jahren als Stubenmädchen für Hubertus’ Schwester Alexa tätig gewesen. Sie waren von Beginn an Zeugen dieses Ehedramas, litten mit der jungen unglücklichen Baronin, aber auch mit dem Baron, der eine andere Frau liebte. Alle wussten es, in einem solchen Haus hatten die Wände Ohren. Anfänglich wurde viel darüber getuschelt, und so war es schließlich auch der Baronin zu Ohren gekommen. Aber als einmal bei einem gemeinsamen Abendessen der Dienerschaft ein neues Hausmädchen sich dazu äußerte, hatte Kuno sich das mit aller Schärfe verbeten. »Wenn ich noch einmal eine dermaßen unbotmäßige Bemerkung höre, wird das Konsequenzen haben.« Vor der Herrschaft und vor allem bei den Bediensteten bemühte er sich, Hochdeutsch zu sprechen, was ihm nicht immer gelang. Aber die Drohung zeigte Wirkung. Es gab zu dieser Zeit keinen Mangel an Personal. Bedienstete, vor allem wenn sie neu im Haus waren, waren leicht zu ersetzen, und das wussten alle.

Einige Stunden später hatte Josefine zusammen mit ihrer Gouvernante bereits ein frühes Abendessen eingenommen. Fräulein von Allhorn war von eher schmächtiger Statur, doch ihre hellen Augen waren sanft und drückten eine große Güte aus. Ihr blasses Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der kleinen geraden Nase war von einer zarten Schönheit. Kleine Fältchen um Augen und Mund zeigten, dass sie nicht mehr ganz jung war. Seit einem Jahr war sie auf Gut Haffingen angestellt, um Josefine sittsames Benehmen, Sticken und Klavierspielen beizubringen. Zudem hatte sie auch die Aufgabe des täglichen Unterrichtens übernommen, seit der junge Hauslehrer nach dem Tod seiner Mutter plötzlich zurück nach Hause gerufen worden war. Außerdem leistete sie dem Mädchen auch bei gelegentlichen gemeinsamen Abendessen mit ihren Eltern Gesellschaft. Zufällig war sie am Nachmittag Zeugin des kurzen Streits zwischen dem Baron und seiner Frau geworden. Ihr war sehr wohl bewusst, dass diesem nach dem Abendessen ein weiterer folgen würde, zu oft hatte sie dies miterleben müssen. Um dem aus dem Weg zu gehen, hatte sie Kuno gebeten, sie für das gemeinsame Abendessen wegen eines leichten Unwohlseins zu entschuldigen.

Der Tisch war im kleinen Speisezimmer gedeckt. Mehrarmige Kerzenleuchter und zahlreiche Wandarme tauchten den Raum in ein warmes Licht. Hubertus, wie immer im Abendanzug, wartete bereits seit zehn Minuten auf seine Frau. Es gab kaum etwas, was er mehr hasste als Unpünktlichkeit.

Anneliese wusste das, aber Hanna, ihrer Zofe, war nur mit Mühe gelungen, das Mieder des neuen rosa Taftkleides zu schließen. Dann war noch ein Haken ausgerissen, und zu allem Überfluss hatte Hanna das passende Häubchen erst nach längerem Suchen gefunden.

»Sie sehen jeradezu umwerfend aus, Frau Baronin«, rief Hanna, als Anneliese endlich fertig war.

»Danke, das ist nett von dir!« Anneliese drehte sich noch einmal vor ihrem Spiegel. Die Ballonärmel und der Reifrock ließen sie noch fülliger erscheinen, als sie ohnehin schon war. »Was meinst du, Hanna, vielleicht sollte ich doch ein wenig abnehmen?«

Hanna, die zwar dieser Meinung war, widersprach. Zu oft schon hatte sie dieses Vorhaben aus dem Mund ihrer Herrin gehört, doch anstatt abzunehmen, war sie immer dicker geworden. »Nu ne nich, Frau Baronin. Lassen se man. Sie sehen fabelhaft aus, wirklich.«

»Nu lass den Honig mal im Topf.« Annelieses Blick fiel auf die kleine Porzellanuhr auf ihrem Schminktisch. »Oh Gott! Ich bin ja viel zu spät.« So schnell es ihre Körperfülle erlaubte, schritt sie die Freitreppe herunter. Blieb nur zu hoffen, dass die Anwesenheit von Fräulein von Allhorn Hubertus davon abhielt, ihr gleich wieder Vorhaltungen zu machen. Doch als sie das Speisezimmer betrat, sah dieser mit missbilligender Miene auf seine goldene Taschenuhr. Anneliese kam seinem Vorwurf zuvor: »Es ist ja nur für zwei gedeckt, Kuno. Was ist denn mit Fräulein von Allhorn?«

»Fräulein von Allhorn hat mich gebeten, sie zu entschuldigen. Ein leichtes Unwohlsein. Sie hat bereits mit Josefine gespeist.«

»Ach, tatsächlich.« Anneliese war zutiefst enttäuscht.

Schweigend nahmen sie und Hubertus ihre Mahlzeit ein. Auf ihre Frage, wie es ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Hamburg gehe, antwortete Hubertus nur recht einsilbig. »Es geht ihnen gut. Sie lassen dich grüßen«, brummte er, viel mehr erfuhr sie nicht. Sie spürte, dass er ihr etwas verschwieg, hakte aber nicht nach. Sie interessierte sich ohnehin nicht für seine Geschäfte. Geld hatte man, aber man sprach nicht darüber.

Als Kuno die Teller des Desserts abgeräumt hatte, erhob sich Hubertus.

»Meine Frau und ich nehmen noch einen Likör in der Bibliothek, Kuno«, sagte er. »Du kannst dann zu Bett gehen. Wir brauchen dich heute nicht mehr. Zum Auskleiden kannst du mir Anton schicken.«

»Sehr wohl, Herr Baron. Frau Baronin.« Mit einer Verbeugung hielt der Diener die Tür zur Bibliothek auf, welche direkt neben dem kleinen Speisezimmer gelegen war. »Soll ich den Herrschaften noch einschenken?«

»Danke, das übernehme ich selbst«, sagte Hubertus.

»Sehr wohl, Herr Baron, ich wünsche eine geruhsame Nacht.« Damit schloss Kuno die gepolsterte Tür, und zu seinem Bedauern war von der nun folgenden Unterhaltung kein Wort mehr zu hören.

Anneliese nahm in einem Sessel Platz. Sie fühlte sich unwohl, Hubertus wirkte wieder einmal sehr abweisend. Unruhig ließ sie ihren Blick durch das Zimmer wandern, das als Hubertus’ Arbeitszimmer fungierte. Der Kamin, in dem das Feuer von Oktober bis Mai nie ausging, war rechts und links flankiert von bis zur Decke reichenden Regalen voll kostbarer, in feinstes Leder gebundener Bücher. Quer vor den großen Flügeltüren, die zur Terrasse hinausgingen, stand der mit safranfarbenem Leder bezogene Schreibtisch, auf dem Papiere, Stifte und aufgeschlagene Zeitungen verstreut herumlagen. Ein fünfarmiger Kerzenleuchter auf dem Kaminsims spendete mattes Licht.

Anneliese rutschte unruhig in ihrem Sessel hin und her. Sie beobachtete, wie Hubertus schweigend eine Havanna aus dem kleinen Ebenholzkasten nahm, der auf dem Rauchtisch stand, und umständlich mit dem Zigarrenabschneider das Ende abschnitt. Ihr Unwohlsein stieg mit jeder Minute, und sie spürte, dass sich auf ihrer Stirn bereits wieder Schweißperlen gebildet hatten. Sie musste mit Hanna sprechen, das Mieder war wohl doch ein wenig zu eng. Endlich brannte die Zigarre, und Hubertus schenkte beide Likörgläser voll. Er nahm ihr gegenüber Platz, und sogleich schienen seine dunklen Augen förmlich Blitze zu schießen.

»Unsere Tochter scheint Angst vor dir zu haben«, begann er das Gespräch. »Kannst du mir das erklären?« Sein Ton war eisig.

Daher wehte also der Wind. Er wollte tatsächlich weiter auf dem Gespräch am Nachmittag herumreiten. »Josefine hat wahrscheinlich übertrieben, wie immer«, stieß sie hervor.

»Warum sollte sie das tun?«

»Na, warum wohl!« Anneliese atmete schwer. »Sie weiß, dass du ihr kaum etwas abschlagen kannst. Ich versuche, sie zu erziehen, ihr Disziplin und Gehorsam beizubringen. Aber du untergräbst alle meine Bemühungen.« Ihre Stimme klang schrill.

»Red keinen Unsinn!« Hubertus nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre. »Wie willst du dem Kind Disziplin beibringen, du, die du selber die Unpünktlichkeit in Person bist? Von deinen Ess- und Trinkgewohnheiten ganz zu schweigen.«

Anneliese erstarrte. Das war das erste Mal, dass Hubertus eine derartige Bemerkung machte, was ihre Figur betraf, und was meinte er in Bezug auf ihre Trinkgewohnheiten? Naja, sie hatte wohl hin und wieder ein Gläschen zu sich genommen, wenn er seine Ausflüge nach Königsberg machte, aber woher sollte er das wissen? Mit ihrem Spitzentaschentuch tupfte sie sich die Schweißperlen von der Stirn und aus dem Gesicht. »Was willst du damit sagen?« Ihre Stimme zitterte.

»Das ist mein Haus«, sagte er kalt. »Ich weiß, was hier vorgeht. Also nimm dich in Zukunft zusammen.«

Anneliese wusste nur zu gut, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Sie beschloss, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben. »Wie du weißt, brauchen wir einen neuen Hauslehrer. Aber Josefine liegt mir schon wieder in den Ohren, dass sie mit den Gawellkekindern«, das Wort kam ihr nur schwer über die Lippen, »in die Volksschule in Insterburg gehen will.«

»Nun, was spricht denn dagegen? Ich habe diese Schule auch besucht.«

»Ich weiß, daher rührt ja dein intimer Umgang mit dem Forstmeister«, sagte sie spitz.

»Ach, und vor so einem Umgang willst du unsere Tochter bewahren?« Hubertus schüttelte ungläubig den Kopf. »Peter Gawellke ist einer meiner engsten Freunde. Es ist mir nicht entgangen, dass du das nicht standesgemäß findest, aber das ist mir vollkommen egal.« Er erhob sich aus seinem Sessel und ging aufgebracht hin und her. Eine Weile sagte niemand ein Wort, dann hielt Hubertus schließlich inne. »Ich bin selten mit dir einer Meinung«, sagte er, »aber vielleicht ist die insterburgsche Volksschule für eine angehende junge Dame wirklich nicht der geeignete Ort.« Er bedachte sie mit einem langen Blick. »Allerdings ist mir nicht entgangen, dass du auch versuchst, Finchens Freundschaft zu den Kindern der Gawellkes zu unterbinden.« Er stellte sich vor sie. »Und das, meine Liebe, wirst du gefälligst unterlassen. Das Kind hat ja kaum Spielgefährten. Käthchen ist ein reizendes kleines Mädchen und Franz bestimmt liebenswerter als manch kleiner adliger Rüpel.«

Anneliese presste ihre Lippen aufeinander. Der Umgang mit den Gawellkes passte ihr wirklich gar nicht, doch damit stieß sie bei Hubertus auf taube Ohren. Wenigstens einen kleinen Sieg hatte sie errungen: Das Thema Volksschule war vom Tisch, Gott sei Dank. »Wann wirst du dich um einen neuen Hauslehrer kümmern?«, fragte sie.

»Morgen bin ich in Königsberg.«

»Na, hoffentlich findest du dafür noch Zeit!«, unterbrach sie ihn und spürte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht schoss.

»Das lass mal meine Sorge sein«, stieß Hubertus kalt hervor, der offensichtlich verstanden hatte, worauf sie anspielte. Nach einigen Minuten eisigen Schweigens erhob sie sich schließlich und reichte ihm die Hand. »Ich werde jetzt zu Bett gehen«, sagte sie. »Gute Nacht.«

Er streifte ihre Hand mit einem flüchtigen Kuss. »Ich wünsche dir eine geruhsame Nacht.«

Nachdem Hanna ihr beim Auskleiden geholfen hatte, nahm Anneliese einige Baldriantropfen zur Beruhigung ein. Sie war außer sich. Vierzehn Tage war Hubertus unterwegs gewesen, und nun wollte er schon wieder nach Königsberg zu seiner Geliebten fahren. Auch noch an dem Tag, an dem sie ihren monatlichen Jour fixe abhielt! Natürlich würden die Gäste wissen wollen, wo der Hausherr war, was dem Klatsch neue Nahrung geben würde. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie immer, wenn ihr Kummer übermächtig wurde, hielt sie Zwiesprache mit ihrem toten Vater. Ach, Papachen, würdest du noch leben, ich wäre längst zu dir geflohen. Sie dachte an seine liebevollen Worte, als er sie bei ihrer Hochzeit zur Seite genommen hatte. »Wenn du nicht glücklich wirst oder meine Hilfe brauchst, komm wieder nachhause, meine Kleine. Dein Elternhaus steht dir immer offen.« Aber bald darauf war er gestorben, und als sie einmal versucht hatte, sich ihrem Bruder anzuvertrauen, hatte der sie nur verständnislos angesehen.

»Du willst deinen Mann verlassen, weil er eine Geliebte hat? Bist du noch bei Trost?« Mehr hatte er nicht dazu gesagt, und damit ihr weiteres Schicksal besiegelt.

Anneliese hatte wie so oft die ganze Nacht wachgelegen und die Decke angestarrt, die im Verlauf der Stunden immer neue Schattierungen von Schwarz zu Grau angenommen hatte. Als der Morgen kam, war sie für kurze Zeit in einen unruhigen Schlaf gefallen, und als sie sich gegen zehn Uhr erhob, fühlte sie sich wie erschlagen.

Sie nahm ihr Frühstück allein im Frühstückszimmer ein. Durch die weit geöffneten Fenster sah sie Josefine und Fräulein von Allhorn im Park mit Blumen und Gräsern in den Händen umhergehen. Anscheinend gab es Unterricht in Botanik. Von der Terrasse hörte sie Hubertus’ Stimme und die seines Verwalters, Arndt von Beldow. Die beiden Männer waren seit ihrer gemeinsamen Studienzeit befreundet. Hubertus hatte seinem Vater zuliebe Land- und Forstwirtschaft studiert, aber schon während des Studiums bemerkt, dass er sich mehr für das Geschäftliche und die mit dem Geschäft verbundenen Reisen interessierte als für die Landwirtschaft an sich. Und so hatte er kurzerhand seinen Freund als Verwalter eingestellt, als die Stelle frei wurde. Arndt Baron von Beldow arbeitete nun schon seit Jahren zu Hubertus’ vollster Zufriedenheit und hatte weitreichende Vollmachten. Hubertus ließ sich regelmäßig von ihm über den Viehbestand, die Ernteerträge, die Kosten für das Gesinde und alles Weitere Bericht erstatten. Ihn interessierte die Landwirtschaft an sich durchaus, nur sich täglich selbst von morgens bis abends darum zu kümmern, wie sein Vater es getan hatte, das wollte er nicht. Er hatte andere Interessen.

Anneliese lauschte dem Gespräch nur mit halbem Ohr. Ein Knecht war offenbar von einem herabfallenden Balken getroffen worden, und der Arzt musste geholt werden. Und der Pferdestall brauchte ein neues Dach. Plötzlich jedoch horchte sie auf.

»Hast du gehört, dass die Krise nun auch die Hamburger Kaufmannschaft erreicht hat?«, hörte sie Hubertus fragen. »Ich befürchte das Schlimmste für meine Beteiligungen bei den Hansums.«

»Das sind ja man gar keine guten Nachrichten«, sagte nun Arndt. »Wie konnte das denn bloß passieren?«

»Der Markt ist zusammengebrochen. Sie sitzen auf ihren Waren und können die Wechsel, die sie akzeptiert haben, nicht mehr bezahlen.«

»Und wie tief steckst du drin?« Arndts Stimme klang ernst.

»Ziemlich tief.«

»Nu mach dir man nicht allzu viel Sorgen, Hubi«, sagte Arndt. »Haffingen ist schuldenfrei, und die diesjährige Ernte wird all deine Erwartungen übertreffen.«

In diesem Moment betrat ein Dienstmädchen das Frühstückszimmer. Anneliese konnte der Unterhaltung nicht weiter folgen, aber was sie gehört hatte, reichte. Das geschieht ihm recht, meinem sauberen Bruder, dachte sie schadenfroh. Soll er doch Bankrott gehen! Hubertus würde dadurch zwar anscheinend viel Geld verlieren, aber ihnen in Ostpreußen konnte die Krise nichts anhaben, dessen war sie sich sicher.

Sie erhob sich mühsam, und sofort bildeten sich Schweißperlen auf ihrer Stirn. »Kannst du mir bitte meinen Fächer holen«, bat sie das Dienstmädchen. »Ich gehe hinaus auf die Terrasse.«

Beide Herren standen sofort auf und begrüßten sie mit einem Handkuss. »Wie geht es dir, Anneliese?«, fragte von Beldow.

»Danke der Nachfrage, Arndt. Es geht so. Es kühlt ja nachts kaum ab, das macht mir ein wenig zu schaffen.«

»Möchtest du dich setzen?«, fragte Hubertus hörbar gelangweilt.

»Nein danke. Ich wollte Arndt nur an meinen Jour fixe heute Abend erinnern. Du bist ja leider wieder nicht da«, bemerkte sie spitz. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und wandte sich an den Verwalter. »Ich hoffe doch, Lissy kommt auch mit.« Lissy Baronin von Beldow war eine der wenigen Frauen im Landkreis, mit der Anneliese sich angefreundet hatte. Ihr konnte sie ihr Leid klagen, ohne fürchten zu müssen, dass es die Runde machte.

»Aber wie könnten wir das vergessen, verehrte Anneliese«, sagte von Beldow ebenfalls lächelnd. Dann wandte er sich Hubertus zu. »Das ist aber schade, Hubi. Lissy würde sich sehr freuen, dich zu sehen. Und vor allem, dich mal wieder im Whist zu schlagen.«

»Ich habe in Königsberg zu tun und werde versuchen, rechtzeitig zurück zu sein.« Beide Männer wussten, dass das nicht stimmte.

»Mama, Papa!« Josefine stürmte auf die Terrasse. Ihr zartes Gesicht glühte vor Aufregung. »Ich habe heute sehr viel über Gräser gelernt. Und die hier habe ich für dich gepflückt, Mama.« Sie streckte ihrer Mutter einen dicken Strauß Levkojen entgegen.

»Das ist wirklich lieb von dir, mein Kind.« Für einen kurzen Moment empfand Anneliese tiefe Zuneigung für ihre Tochter. Aber als sie sah, wie Josefine sich an ihren Vater schmiegte und ihm die Arme um den Hals legte und wie Hubertus ihr liebevoll über das Haar strich, wich das Gefühl der Zärtlichkeit einer grenzenlosen Eifersucht.

Sie senkte den Blick. »Wir sehen uns heute Abend, Arndt«, sagte sie steif und wandte sich zum Gehen. »Ich werde mich noch ein wenig hinlegen.«

Kurz darauf verabschiedete sich auch Arndt von Beldow, nicht ohne seinem Freund zuzuflüstern: »Du bist wirklich unverbesserlich, alter Luntrus.«

Hubertus setzte sich wie verabredet mit Peter Gawellke in Verbindung und legte fest, welche Bäume geschlagen werden sollten. Anschließend nahm er den Mittagszug nach Königsberg. Er hatte Lenchen telegrafiert, dass er in der Stadt sein werde und sie sich doch bitte frei nehmen sollte. Als P. S. hatte er hinzugefügt: Kann kaum erwarten, Dich zu sehen. Und das stimmte. Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart, schätzte ihre ruhige und besonnene Art. Und nicht zuletzt sah sie gut aus. Lena Budzinski war eine Schönheit, groß und schlank, mit ausdrucksvollen bernsteinfarbenen Augen unter fein gestrichelten Brauen, und ihre vollen schwarzen Haare, die mit Schildpattkämmen nach oben gesteckt waren, ließen ihre helle Haut wie Alabaster schimmern. Seit dem Tod ihrer Eltern lebte sie allein mit einem Dienstmädchen in der Wohnung über ihrem Geschäft. Sie hatte das Hutgeschäft ihrer Mutter übernommen, schließlich war sie gelernte Putzmacherin. Hubertus’ Angebot, ihr eine monatliche Apanage zu zahlen, damit sie nicht arbeiten musste, hatte sie empört abgelehnt. »Ich liebe dich, Hubertus«, hatte sie gesagt. »Und ich werde dich immer lieben. Aber aushalten lasse ich mich nicht.« Die ersten Jahre wurde viel getuschelt, weil sie keinen einzigen der Anträge, die sie von den durchaus zahlreichen Bewerbern erhielt, annahm. Mit ihr stimme doch etwas nicht, sagten die Leute, aber irgendwann hörte das Gerede auf. Das Fräulein Budzinski, immer freundlich und in ihrem Beruf eine Koryphäe, wurde akzeptiert, sie war nur eben etwas wunderlich.

Lena hastete den Steindamm entlang, bog nach einigen Metern in die Heinrichstraße ein und verschwand im rückwärtigen Teil eines schlichten Mietshauses. Am Abend zuvor hatte sie die Depesche erhalten, dass Hubertus den Mittagszug nehmen würde. Sie war spät dran, weil eine Kundin sie aufgehalten hatte. Die Dame hatte sich partout nicht von einer Angestellten bedienen lassen wollen und war sehr wählerisch gewesen. Den einen Hut fand sie zu pompös, einen anderen zu schlicht. Als sie sich endlich entschieden hatte, setzte sie an, Lena in epischer Breite zu erzählen, wann und zu welchen Gelegenheiten sie das außergewöhnliche Model zu tragen gedenke. Doch Lena hatte sie höflich unterbrochen. »Es tut mir schrecklich leid, Frau Kommerzienrätin. Seien Sie mir bitte nicht böse, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Meine Großtante feiert ihren neunzigsten Geburtstag und erwartet mich zum Mittagessen. Ihre Bestellung ist in einer Woche fertig, dann habe ich so viel Zeit für Sie, wie Sie wünschen.« Lena hatte eilig ihren Strohhut und die Blumen gegriffen, die sie am Morgen besorgt hatte, und war aus dem Laden geschlüpft, bevor die Kommerzienrätin noch einmal hatte Luft holen können.

Die Wohnung im zweiten Stock, die Hubertus gemietet hatte, war seit mehr als fünfzehn Jahren ihr Liebesnest. Im Parterre befand sich die Kanzlei eines Winkeladvokaten und im ersten Stock eine Gesellschaft für Im- und Export. Beide hatten kaum Parteienverkehr, und so liefen sie kaum Gefahr, jemandem zu begegnen. Am Wichtigsten aber war, dass es keine neugierige Portiersfrau gab.

Hubertus hatte lange nach einer geeigneten Bleibe gesucht. Ursprünglich hatte er ein Haus in den Hufen, dem eleganten Villenviertel, mieten wollen, aber Lena war strikt dagegen gewesen. »Ich habe einen guten Ruf in Königsberg«, hatte sie gesagt. »Und den will ich nicht verlieren. Du weißt doch: Es gibt nur sittsame Frauen und gefallene Mädchen. Und bei einem gefallenen Mädchen kauft man keine Hüte.« Dann hatte sie schallend gelacht und ihn ins Schlafzimmer gezogen.

Nun hastete sie die Treppe hinauf. Mit zitternden Händen schloss sie die Tür auf. Hoffentlich war Hubertus noch nicht da. Als sie die Wohnung betrat, atmete sie erleichtert auf. Die schweren Vorhänge waren noch geschlossen. Es herrschte eine angenehme Kühle, doch die Luft war abgestanden. Eilig öffnete sie die Fenster und stellte die Blumen in eine Vase. Erst dann legte sie Hut und Leinenjacke ab, zog die Schuhe aus und fiel erschöpft in einen Sessel. Sie liebte diese kleine Wohnung, die Hubertus so geschmackvoll und mit viel Liebe ausgestattet hatte. In der ovalen Diele war der Fußboden mit weißem Marmor ausgelegt, in dessen Mitte ein Stern aus schwarzem Stein prangte. An der Stirnseite stand eine in Weiß und Gold gefasste Konsole, flankiert von zwei mannshohen, fünfarmigen Kandelabern, darüber ein großer Spiegel mit goldenem Rahmen. Rechts davon befand sich die Tür zu einer kleinen Küche, daneben die zum Schlafzimmer. Links führte eine Tür in den großen Salon, dessen Boden mit dicken pastellfarbenen Smyrnateppichen bedeckt war. Die drei großen Fenster waren gerahmt von Gardinen aus schwerer, lindgrüner Seide, dem Stoff, mit dem auch das Sofa und die Sessel bezogen waren. Lena liebte es, hier zu sitzen, im Schein der zahlreichen ein- und mehrarmigen Kerzenleuchter in Silber und umgeben von Beistelltischchen, auf denen allerlei Nippes herumstand, dessen Anzahl mit jeder von Hubertus’ Reisen stieg. Immer brachte er ihr etwas mit, eine kleine, bunt bemalte Porzellanfigur, eine silberne Dose oder eine Schale aus Kristall. Kostbare Gemälde an den mit Holzpanelen verkleideten Wänden vervollständigten die erlesene Einrichtung. Welcher der anderen Mieter würde schon ein solches Schatzkästchen hinter der unscheinbaren Eingangstür vermuten?

Ein leises Geräusch ließ Lena aufschrecken. Und dann stand er auch schon vor ihr, ihr über alles Geliebter, in der Hand einen Strauß dunkelroter Rosen.

»Mein Lenchen«, sagte er leise. »Ich hab dich so schrecklich vermisst.«

»Ach, und wie freu ich mich nur.« All ihre Liebe lag in diesen Worten.

Zur gleichen Zeit besprach Anneliese noch einmal mit Fräulein Kollmann, der Hausdame, den Ablauf des abendlichen Jour fixe. Gemeinsam durchschritten sie die drei ineinander übergehenden Salons, die äußerst geschmackvoll eingerichtet waren. In den Räumen standen mehrere mit grünem Flanell bezogene Spieltische, an denen am Abend Whist und Baccarat gespielt werden würde. »Liegen überall die Karten bereit?«, fragte Anneliese noch während sie, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die am Morgen frisch geschnittenen Blumenarrangements in prachtvollen chinesischen Vasen zeigte. »Hier, sehen Sie, einige Rosen lassen schon wieder die Köpfe hängen«, sagte sie missbilligend. »Und bitte sagen Sie Kuno, er soll nicht vergessen, die Zigarrenkästchen aufzufüllen.«

»Selbstverständlich, Frau Baronin. Ich werde mich sofort um alles kümmern.« Fräulein Kollmann verließ eilig den Raum und machte sich auf die Suche nach Kuno.

Sie traf ihn in der Küche an, wo er versuchte, Lisa zu beruhigen, die wegen einer missglückten Pastete zahlreiche verzweifelte »Erbarmerche« ausstieß und gleichzeitig auf das neue Küchenmädchen schimpfte, ein unscheinbares junges Ding, das heulend in der Ecke stand.

»Unjeheuerlich is dat! Dickkoppsch bist und keene Ahnung von nuscht nüscht hast.« Die Köchin wischte sich mit einem karierten Taschentuch den Schweiß aus dem hochroten Gesicht. »Und och noch dreibastich bist.«

»Aber ich hab doch man nur …«

Lisas üppiger Busen wogte, aber jetzt mischte sich Kuno ein. »Nu lass man jut sein, Lisachen, nu reg dir man nich so uff. Das nutzt ja nu nuscht nix.«

Dann wandte er sich dem leise schluchzenden Mädchen zu und ging ins Hochdeutsche über: »So was kann schon mal passieren, aber frech zur Mamsell wirst du nicht noch einmal sein.«

Das Küchenmädchen blickte ihn mit großen, rotgeweinten Augen dankbar an. »Janz bestimmt nie nich mehr.« Sie warf noch einen schüchternen Blick in Richtung der Mamsell, die immer noch vor Wut kochte, dann rollte sie weiter den Teig für einen Apfelkuchen aus.

»Haben Sie einen Moment für mich?«, fragte Fräulein Kollmann und erlöste damit den Diener, dem Lisa gerade ausführlich von der missglückten Pastete berichten wollte. Sichtbar erleichtert wandte Kuno sich ihr zu.

Anneliese blieb noch eine Weile allein im Salon zurück. Langsam schlenderte sie durch die Räume und betrachtete zufrieden die Einrichtung. Wieder dachte sie an den Tag vor vielen Jahren zurück, an dem sie es gewagt hatte, Hubertus darum zu bitten, den Salons neuen Glanz geben zu dürfen. Seine Eltern waren einige Jahre nach der Hochzeit gestorben, und zu ihrer Überraschung hatte Hubertus ihre Meinung geteilt, dass alles doch ein wenig verstaubt sei, und ihr freie Hand bei der Gestaltung gelassen. Sie war stolz auf ihr Werk, für das sie immer wieder Worte des Lobes zu hören bekam. Anneliese ließ ihren Blick über die mit Seide bespannten Wände gleiten, an denen Gemälde von Rembrandt, Watteau und Vermeer hingen. Zahlreiche versilberte Wandarme würden am Abend das prachtvolle Kristall und Silber funkeln lassen, unterstützt von verschiedenen mehrarmigen Leuchtern, die überall in den Räumen aufgestellt waren. Sie strich mit den Fingern über die kleinen, mit Brokat und Seide bezogenen Sitzgruppen, die verteilt auf den pastellfarbenen Teppichen standen, bevor sie sich im Musikzimmer, dem hintersten der drei Räume, wehmütig dem Steinwayflügel näherte. Er war ein ungeheuer wertvolles Stück und das letzte Geschenk ihres Vaters, kurz vor seinem Tod. Wie hätte er ahnen sollen, dass ihre Trauer ihr all ihre Freude an dem Klavierspiel nehmen würde!

In diesem Moment schlug die Fayenceuhr auf dem Kaminsims fünf Mal. Anneliese schreckte auf. Sie wollte sich noch ein wenig ausruhen, bevor Hanna ihr beim Ankleiden half. Sie eilte, so schnell sie konnte, hinauf in ihr Boudoir und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen.

Um Punkt sieben fuhren die ersten Kutschen vor, unter ihnen die des Gutsverwalters und seiner Frau. Lissy Baronin von Beldow war eine eindrucksvolle Erscheinung. Gleichalt wie Anneliese wirkte sie wesentlich jünger. Das lag zum einen an ihrer schlanken Figur – sie achtete streng darauf, nicht zuzunehmen – und zum anderen an ihrem ausdrucksvollen Gesicht. Sie war nicht wirklich schön, aber ihre großen, veilchenblauen Augen, die hohen Wangenknochen und die gerade, ein wenig zu große Nase über der etwas zu kurzen Oberlippe verliehen ihr ein interessantes Äußeres. Außerdem war sie immer fröhlich, was sie zu einem beliebten Gast machte. Ihr Tischherr konnte noch so langweilig sein, sie fand immer etwas, worüber es sich gemeinsam zu amüsieren lohnte.

Arndt war noch Junggeselle gewesen, als er auf Gut Haffingen anfing. Er hatte von Anfang an von Hubertus’ Liaison mit Lena gewusst, diese aber für eine kurze Affäre gehalten. Als Anneliese auf Gut Haffingen eingezogen war, eine so junge, hübsche und augenscheinlich sehr in ihren Mann verliebte Frau, hatte er gehofft, Hubertus würde zur Vernunft kommen. Im Verlauf der Jahre hatte er mehr als einmal Mitgefühl mit Anneliese empfunden, als ihr Unglück und die damit einhergehende körperliche Veränderung immer offensichtlicher und Hubertus’ Art ihr gegenüber immer liebloser geworden waren. Einmal hatte Arndt seinen Freund darauf angesprochen, aber der hatte sich jede Einmischung verbeten. »Führ du dein Leben, und ich führe meins.«

Umso erleichterter war er gewesen, als Lissy sich auf Anhieb mit Anneliese verstand und ihr mit den Jahren eine echte Freundin wurde.

Nun stiegen die von Beldows aus ihrer Kutsche und wurden, wie jeder Gast, persönlich von Anneliese begrüßt und willkommen geheißen.

»Das macht sie wirklich gut«, sagte Lissy zu ihrem Mann. »Hubertus könnte wahrlich stolz auf sie sein. Sie führt ein großes Haus, hat einen erstklassigen Geschmack, und wenn sie etwas abnehmen würde, wäre sie auch immer noch recht hübsch. Aber leider ist sie süchtig nach Konfekt. Sie ernährt sich ja geradezu davon.«

»Du hast ja so recht, meine Liebe«, antwortete Arndt. »Sie liebt Hubertus immer noch und hat sich jahrelang bemüht, ihm zu gefallen. Aber er liebt nun mal eine Andere und wird sich nie von ihr trennen. Eine Tragödie ist das.«

Nach einer halben Stunde waren die meisten Gäste da, allesamt elegant gekleidete Damen und Herren. Sie schlenderten umher, begrüßten Freunde und tauschten Klatsch aus. Wie ein gleichmäßiges Summen erfüllten die Gespräche die Salons. Dazwischen waren freudige Ausrufe ebenso zu hören wie das etwas zu laute Lachen einer Dame. Livrierte Diener boten auf großen Silbertabletts Champagner, Wein, Liköre und üppig belegte Kanapees an. Auf einem großen Büffet würden später warme Speisen angerichtet werden, von der Mamsell und den Küchenmädchen in tagelanger Arbeit und begleitet von mehr als einem »Erbarmerche« zubereitet. Einige der Spieltische waren bereits besetzt. Auch Arndt entschloss sich, eine Partie zu beginnen.

»Ich sehe, Ihnen fehlt der vierte Mann«, sagte er zu Eberhard von Kaulitz, Sanitätsrat Dr. Grüben und Mathias Lackner, der mit seiner Frau Amalie von Gut Lindicken herübergekommen war.

»Sie kommen wie gerufen.« Sanitätsrat Grüben mischte bereits die Karten. »Unsere Frauen ziehen es offensichtlich vor, Klatsch auszutauschen«, bemerkte er fröhlich. Vergnügtes Lachen klang von einer Sitzgruppe zu ihnen herüber. »Meine Marike und Ihre Frau scheinen sich bereits bestens zu amüsieren.«

Arm in Arm, sich mit ihren Fächern Luft zufächelnd, schlenderten Aglaia von Kaulitz und Amalie Lackner zu den Damen. »Na, was gibt es denn zu lachen? Dürfen wir daran teilhaben, oder ist das Amüsement nur Schnapsdrosseln vorbehalten?« Amalie zeigte auf die gerade aufgefüllten Likörgläser.

»Wir sind aus dem Musikzimmer geflüchtet«, kicherte Lissy von Beldow. »Kommerzienrätin Gehlau hat uns mit ihrem grauenhaften Geklimper in die Flucht geschlagen.«

»Das kann man wahrlich nur mit Hochprozentigem ertragen«, fügte Marike Grüben hinzu. »Sie sieht auch noch so langweilig aus, dass man sie nicht einmal als unauffällig bezeichnen kann!«

»Gott, sind Sie gemein«, sagte Amalie Lackner mit gespielter Entrüstung. »Wo Frau Kommerzienrätin sich doch für eine begnadete Pianistin hält.«

»Ja, leider. Wo immer sie bei Einladungen ein Piano sieht, denkt sie, uns damit beglücken zu müssen.« Lissy rollte die Augen.

»Aber keiner wagt es, ihr das zu sagen, jeder fürchtet ihre spitze Zunge.«

»Was heißt hier spitze Zunge?« Marike Grüben lachte. »Eine gefährliche Giftspritze ist sie. Wo ist übrigens Baron von Ehrenfeld?« Sie sah sich suchend um. »Er sollte doch seit gestern aus Hamburg zurück sein.«

»O Gott, fragen Sie bloß nicht Anneliese.« Lissy senkte ihre Stimme. »Sie ist schon wieder am Boden zerstört. Gestern ist er zurückgekommen, und heute, an ihrem Jour fixe, ist er bereits wieder nach Königsberg gefahren.«

Carla von Harvich gesellte sich zu ihnen. Sie hatte nur den letzten Satz gehört. »Reden Sie von Baron von Ehrenfeld? Na, was meinen Sie wohl, wo er ist? Bei seiner Geliebten natürlich, das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern.«

»Vielleicht pfeifen die uns auch mal zu, wer sie ist«, sagte Amalie Lackner. »Wissen Sie da Näheres?«

»Ne, das weiß niemand. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie man so etwas so lange verheimlichen kann. Nicht einmal Irina hat die blasseste Ahnung, und sie weiß sonst immer alles.« Irina von Nöthen, Carlas beste Freundin, versorgte sie stets mit dem neuesten Königsberger Klatsch.

»Ich bin mir sicher, dass mein Mann es weiß«, sagte Lissy. »Aber er verrät es mir nicht. Nicht einmal unter Androhung von Liebesentzug.« Sie kicherte. »Achtung!«, rief sie kurz darauf. Die Baronin näherte sich der Gruppe.

»Annelieschen«, rief Lissy. »Komm, setz dich zu uns. Was für ein wunderbarer Abend! Übrigens: Kommt Alexa heute nicht? Ich habe sie noch nicht gesehen.« Alexa Gräfin von Waldau, Hubertus’ jüngere Schwester, lebte in Königsberg und nutzte für gewöhnlich jede Gelegenheit, um ihr Elternhaus und ihre über alles geliebte Nichte zu besuchen.

»Sie hat mir eine Note geschickt, dass sie sich nicht wohlfühlt. Sie kommt vorbei, sowie es ihr besser geht.« Alle taten ihr Bedauern kund. Alexa Gräfin von Waldau gehörte zu den elegantesten und vor allem interessantesten Damen des Landkreises und war ein Gewinn für jede Gesellschaft.

»Ich lasse Sie wissen, wenn sie das nächste Mal anreist. Vielleicht haben Sie dann Lust und Zeit, zum Tee zu kommen.« Ein »nichts lieber als das« und »natürlich, jederzeit« war zu hören. »Ich vermisse auch die Donnersmarcks, Anneliese«, sagte nun Lissy. »Sie sind doch sonst immer bei deinem Jour Fixe.« »Sie haben abgesagt. Der Graf ist krank. Es soll aber nichts Ernstes sein.« Man plauderte weiter über belanglose Themen.

Einige Herren hatten sich nun mit bedenklichen Mienen in der Bibliothek zusammengefunden. Die Luft war geschwängert vom Rauch schwerer Zigarren. »Sagen Sie, Herr Kölichen, wie lange wird die Krise denn wohl noch dauern?«, fragte Kommerzienrat Gehlau. »Sie haben doch beste Verbindungen.« Horst Kölichen war Anwalt in Insterburg und beriet einige Klienten auch in finanziellen Angelegenheiten.

»Schwer zu sagen, Herr Kommerzienrat. Es geht ja nun schon seit einem Jahr. Wie man hören konnte, haben in Großbritannien große Handelshäuser Konkurs angemeldet, und nun sieht es auch bei den Hamburgern mehr als düster aus.«

»Wie Sie wissen, habe ich vor kurzem Klein Darkehmen, das Gut meiner Eltern, übernommen und wollte ein Darlehen aufnehmen, um neue Ställe zu bauen«, meldete sich jetzt Georg Henkiel zu Wort, ein junger, kräftiger Mann Anfang dreißig. »Aber keine Bank will mir einen Kredit geben. Das ist doch ungeheuerlich!« Sein rundes Gesicht lief vor Ärger rot an.

»Das wundert mich nicht«, sagte Rechtsanwalt Kölichen. »Die Banken haben einfach kein Geld. Letztes Jahr haben in Amerika über tausendvierhundert Banken schließen müssen, und hier kommt wohl auch noch einiges auf uns zu.«

»Das kann ja heiter werden!«, meinte nun Gustav Goelder, ein blendend aussehender Mann in Henkiels Alter. »Aber Gott sei Dank sind wir Bauern, was Georg?« Er prostete seinem Freund zu. »So schnell kriegt uns doch eine Krise nicht klein. Essen und Schnaps werden uns schon nicht ausgehen.« Er deutete grinsend auf Georg Henkiels beginnende Leibesfülle. »Das wäre für dich doch das weitgehend größere Problem als neue Ställe. Die kannst du auch später noch bauen.« Anton schenkte den Herren jetzt nach, und Gustav Goelder ergriff die Gelegenheit, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Friedrich-Wilhelm soll es ja inzwischen sehr schlecht gehen.«

»Ja«, sagte Eberhard von Kaulitz, der in diesem Moment die Bibliothek betrat. »Meine Tante korrespondiert mit Königin Elisabeth-Ludovica. Nach mehreren Schlaganfällen kann der König kaum noch sprechen. Es ist schrecklich. Sie haben ja keine Kinder, und sein Bruder wird wohl irgendwann die Regentschaft übernehmen müssen.« Das Klavierspiel hatte aufgehört, und der Kommerzienrat erhob sich. »Ich werde mich dann mal um meine Astrid kümmern.« Nach und nach machten sich auch die anderen Herren auf die Suche nach ihren Frauen.

Um Mitternacht herrschte im Haus wieder die gewohnte Ruhe. Lärmend hatten die letzten Gäste gegen elf Uhr ihre Kutschen bestiegen, nachdem sie sich überschwänglich bei Anneliese bedankt hatten.

»Wie immer, meine Liebste, ein wunderbarer Abend.«

»Grüße an den Baron, er wird doch hoffentlich beim nächsten Mal dabei sein.«

»Sagen Sie dem Baron, sein Port ist von einer außergewöhnlichen Qualität.« Davon war in der Tat reichlich getrunken worden, das war an dem bei einigen Herren schwankenden Gang deutlich zu erkennen.

Den ganzen Abend hatte Anneliese gehofft, dass Hubertus doch noch kommen würde. Auf ihren Wunsch hin brachte Hanna ihr noch ein Schälchen mit Konfekt, das sie in Windeseile leerte. Erschöpft und enttäuscht sank sie ins Bett. Eine weitere schlaflose Nacht lag vor ihr, wie so viele andere davor.

Hubertus fand Anneliese mit Lissy auf der Terrasse. Sein Hund, Herr Schulze, hatte ihn auf der Freitreppe freudig begrüßt und schwanzwedelnd begleitet. Ein heftiges Gewitter am frühen Nachmittag hatte die Luft abgekühlt und den sehnlich erwarteten Regen gebracht. Er war bester Laune. Das Zusammensein mit Lena hatte ihn für kurze Zeit seine finanziellen Sorgen und die unerfreuliche Auseinandersetzung mit Anneliese vergessen lassen. Auch war er erleichtert, Lissy vorzufinden. Das ersparte ihm neue Vorwürfe seitens seiner Frau, jedenfalls für den Moment. Er begrüßte die beiden Damen mit einem Handkuss.

»Kuno sagte mir, dass ich euch hier finde. Nun, Anneliese, ist dein Jour fixe zu deiner Zufriedenheit verlaufen?«

»Ja, sehr. Aber man hat dich vermisst.«

»Vor allem ich«, warf Lissy ein, die eine der üblichen unerfreulichen Szenen befürchtete. »Ohne dich macht Whist keinen Spaß. Aber ich kann dir versichern, dass es wirklich ein wunderbarer Abend war. Anneliese hat wie immer alles fabelhaft organisiert.« Ihre Freundin warf ihr einen dankbaren Blick zu. Lissy kicherte. »Nur das grauenhafte Geklimper von Kommerzienrätin Gehlau war nicht ganz so erbaulich. Übrigens fällt mir dazu etwas sehr Komisches ein.« Sie lachte laut auf. »Wir haben seit einiger Zeit ein neues Dienstmädchen. Sie ist fünfzehn und sehr unbedarft. Vorgestern hat Arndt auf seinem alten Cello geübt. Sie hat einen Moment zugehört und ihn dann gefragt: ›Warum machen Se dat, jnädjer Herr?‹ Arndt antwortete: ›Nun … zu meinem Vergnügen.‹ Darauf sie vollkommen erstaunt: ›Nu ne nich … und sowat macht Ihnen Freude?‹«

Anneliese prustete los. »Das ist ja wirklich zu komisch!«

»Und wie hat Arndt reagiert?«, fragte Hubertus lachend. »War er beleidigt?«

»Du kennst ihn doch!« Lissy grinste. »Wenn er etwas hat, dann ist das ein gesunder Humor.« Sie erhob sich. »So, meine Lieben, ich muss gehen. Es gibt nur eins, was Arndt auf den Tod nicht leiden kann, und das ist, wenn ich nicht pünktlich zum Abendessen erscheine.« Mit einem fröhlichen »Also bis bald, meine Lieben« verließ sie die beiden.

Hubertus und Anneliese schwiegen, während Kuno das Kaffeegeschirr abräumte. »Was kann ich den Herrschaften noch bringen?«, fragte er beim Hinausgehen.

»Mir einen Cognac und meine Zigarren«, sagte Hubertus. »Und dir, Anneliese?«

»Eine Limonade, bitte.«

Hubertus zog zwei kleine Päckchen aus der Tasche. »Ich habe dir eine Kleinigkeit mitgebracht.« Er reichte ihr das größere. Erstaunt sah Anneliese ihn an. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er ihr zuletzt etwas geschenkt hatte, außer zu Weihnachten oder zum Geburtstag.

»Danke«, sagte sie erfreut. »Was ist es denn?«

»Nun … pack es aus.«

Mit zitternden Händen löste sie das goldene Band und öffnete den kleinen Karton. »Oh, ein Duftwasser! Danke, Hubi, wie lieb von dir.« Sie ahnte nicht, dass Lena ihrem Geliebten geraten hatte, etwas netter zu seiner Frau zu sein und ihr hin und wieder eine Kleinigkeit von seinen Ausflügen mitzubringen. »Du liebst sie nicht, das weiß sie. Und was du mir von ihr erzählst, muss sie eine sehr unglückliche Frau sein.« Dann hatte sie ihn geküsst und gesagt: »Manchmal plagt mich wirklich ein schlechtes Gewissen.«

»Ich habe übrigens deinem Wunsch entsprochen und bei der Hartungschen Zeitung eine Anzeige für einen Hauslehrer aufgegeben«, sagte Hubertus.

»Oh, das ist gut. Und hast du Alexa gesehen? Sie hat mir eine Note geschickt, dass sie nicht zu meinem Jour fixe kommen könne. Geht es ihr besser? Und hat sie erwähnt, wann sie uns besuchen wird?«

»Sie lässt dich grüßen. Sie war ein paar Tage in Zoppot und hat sich dort wohl eine Erkältung zugezogen. Aber sie ist schon wieder auf dem Wege der Besserung und wird in der nächsten Woche kommen.«

Anneliese strahlte. Die Besuche ihrer Schwägerin brachten immer eine willkommene Abwechslung in ihr doch recht eintöniges Leben.

Kuno servierte jetzt die Getränke und sah zu seiner Freude Anneliese seit langer Zeit wieder heiter. »Wo ist denn Josefine?«, fragte Hubertus.

»Fräulein von Allhorn hat vorgeschlagen, einen längeren Spaziergang zu machen«, sagte Kuno. »Heute is ja man nich so heiß.« In diesem Moment hörten sie schon die Stimmen der beiden, und bald darauf stürmte Josefine die Treppe hinauf, hinter ihr etwas langsamer die Gouvernante.

»Papachen, da bist du ja wieder.«

»Ja, mein Finchen, und morgen ist Sonntag, da besuchen wir Gretchen und die Kinder.« Er strich ihr zärtlich über die Wange. »Lass uns sehr früh, bevor es zu heiß ist, zusammen frühstücken, und dann reiten wir hinüber zum Forsthaus.« Dann wandte er sich an Anneliese. »Zum Mittagessen werden wir zurück sein. Bitte sag der Mamsell, ich hätte gern Königsberger Klopse.«

Josefine klatschte in die Hände. »Oh fein, mein Leibgericht.«

»Nun schau, was ich dir mitgebracht habe.« Hubertus reichte ihr das kleinere Päckchen.

Aufgeregt drehte und wendete Josefine das Päckchen und zog schließlich gespannt das Papier beiseite. »Danke, Papa, ein neuer Haarreif. Wie schön.«

»Ich habe auch etwas bekommen«, sagte Anneliese, und es klang lange nicht so schroff wie sonst, wenn sie mit ihrer Tochter sprach. »Möchtest du einmal daran riechen?« Josefine schnupperte an dem Parfüm, und dann legte Anneliese ihr den Haarreif an. Hubertus kraulte zufrieden das Ohr von Herrn Schulze und zog genüsslich an seiner Zigarre. Zu Josefines Erheiterung produzierte er beim Ausblasen große Ringe aus Qualm. Es war schon lange her, dass die Familie so harmonisch zusammengesessen hatte.

Am nächsten Morgen wachte Josefine bereits um sechs Uhr auf. Sie zog sich allein ihr Reitkleid an, welches das Dienstmädchen ihr am Abend bereitgelegt hatte, und streifte ihre Locken mit dem neuen Haarreif aus dem Gesicht. Dann nahm sie ihren kleinen Strohhut und ging leise die Freitreppe hinunter in die Halle, wo Herr Schulze sie schwanzwedelnd begrüßte. Sie strich ihm über den Kopf und flüsterte: »Guten Morgen, du lieber Hund. Hast du gut geschlafen?« Bis auf das entfernte Klappern von Geschirr aus dem Küchentrakt war kein Geräusch zu hören. Das Haus lag noch in tiefem Schlaf. Vorsichtig öffnete sie die schwere Tür und fragte leise: »Willst du mitkommen, Herr Schulze?« Mit einem Satz war er neben ihr. Es herrschte eine sonntägliche Stille. Nur das Krähen der Hähne und leise Muhen der Kühe war zu hören. Über die kiesbedeckte Einfahrt liefen sie hinüber zu den Ställen. Ein junger Knecht kam mit einem Eimer aus dem Stall und blieb erstaunt stehen. »Nanu, dat Baronesschen. So früh schon uffe Beine.«

»Ja, Papa und ich wollen zusammen ausreiten. Ich wollte nur sehen, ob unsere …«

»Nanu man käine Sorje nich. Ich bring die Pferdchens um achte rüber. Anton hat jestern Bescheid jesacht.«

Erleichtert atmete Josefine auf. »Danke«, sagte sie höflich. »Komm, Herr Schulze, wir laufen zurück.«

»Da bist du ja schon«, begrüßte Hubertus seine Tochter, als er ein paar Minuten nach ihr das Frühstückszimmer betrat. Sie gab ihm einen Kuss auf beide Wangen. »Wie hübsch du aussiehst, meine Kleine.«

»Ich freu mich ja so, Papachen, dass wir zusammen ausreiten. Darf ich dich etwas fragen?«

»Aber natürlich, mein Kind.«

»Mama hat mir gestern gesagt, dass ich auf keinen Fall nach Insterburg in die Schule gehen darf und dass sie will, dass ein neuer Hauslehrer engagiert wird.« Sie zögerte einen Moment. »Weißt du«, fuhr sie fort, »mein letzter Hauslehrer, der Herr Schneider, hat mir lange nicht so viel beigebracht wie das Fräulein von Allhorn. Mit ihr macht Lernen jetzt so viel mehr Spaß. Wirklich, Papachen! Kann sie mich nicht weiter unterrichten? Sie ist sooo klug und sehr, sehr nett. Ich kann jetzt sehr gut lesen und auch rechnen, und ich weiß sogar schon alles über die Französische Revolution.« Ihre Stimme wurde immer aufgeregter, und ihre Worte überstürzten sich. »Und Französisch will sie mir auch beibringen, das interessiert mich nämlich.«

Hubertus lächelte. »Ich werde das mit deiner Mutter und dem Fräulein von Allhorn besprechen und denke, dass sich eine Lösung finden wird.«

Josefine fiel ihrem Vater um den Hals. »Danke, Papachen, danke«, flüsterte sie.

»Nun greif zu, mein Liebling. Wir wollen los, bevor es zu heiß wird. Ich will noch am Vorwerk vorbei, um kurz etwas mit Onkel Arndt zu besprechen, bevor wir zum Forsthaus reiten.«

Es war kurz nach acht, als sie ihre Pferde bestiegen, die bereits seit einigen Minuten vor der Freitreppe standen und ungeduldig mit den Hufen scharrten. Josefine war eine ausgezeichnete Reiterin. Schon mit fünf Jahren hatte sie ihr erstes Pony bekommen. Zum achten Geburtstag endlich erfüllte Hubertus ihr ihren sehnlichsten Wunsch, ein »richtiges Pferd«, eine sanfte braune Stute mit dem Namen Lotte, nicht zu hoch, mit einer weißen Blesse auf Brust und Stirn.

Im Schritt ritten sie nun durch die alte Lindenallee, die vor mehr als hundert Jahren von Hubertus’ Großvater gepflanzt worden war und deren dichte Baumkronen zu einem Schatten spendenden Dach zusammengewachsen waren. Am Ende machte die Allee einen kleinen Bogen, und als sie aus dem Schatten herausritten, waren beide für einen kurzen Moment von der noch tief stehenden Sonne geblendet. Sie ließen die Pferde anhalten. Schon bald hatten sich ihre Augen an das grelle Licht gewöhnt, und Hubertus ging das Herz auf. Er liebte diese wunderschöne Landschaft, mit ihren fruchtbaren Feldern und weiß umzäunten Koppeln mit kleinen Baumgruppen, unter denen die Pferde bereits Schatten suchten. Auf saftigen, zu beiden Seiten der Angerapp liegenden Weiden graste ein Teil der Kühe, andere lagen noch im Schatten der hohen Hecken, die an einigen Stellen des Ufers wuchsen. »All das wird einmal dir gehören und dann deinen Kindern.« Er lächelte seine Tochter an. »Aber bis dahin ist ja noch lange Zeit.« Er deutete jetzt auf ein nicht weit entfernt liegendes kleines Dorf. »Siehst du, da ist Piragienen. Insterburg kann man leider nicht sehen, es ist noch zu dunstig.«

»Fräulein von Allhorn besucht dort heute ihre Cousine«, sagte Josefine. »Sie will zu Fuß gehen, obwohl Mama ihr angeboten hat, die Kutsche zu nehmen.«

»Na ja, sehr weit ist es ja nicht. Ich bin früher oft mit Onkel Peter zur Schule gelaufen. Mehr als eine Dreiviertelstunde braucht man nicht. Aber jetzt müssen wir los.« Er gab seinem Pferd sanft die Sporen, und es verfiel in einen leichten Trab, vorbei an reifen, goldgelben Kornfeldern mit leuchtend roten Mohn- und kobaltblauen Kornblumen. Rechts und links der Wege wuchsen dichte Hecken, voll mit reifen Brombeeren. Hubertus machte sich im Geiste eine Notiz, dass die Küchenmädchen die Beeren gleich morgen pflücken sollten. Er liebte Brombeermarmelade, so wie er überhaupt diese Zeit des Jahres liebte, diese Wochen Ende August bis in den ...

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