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Was Indien nachhaltig voranbringt

Astrid Rosenschon und Claus-Friedrich Laaser

Was Indien nachhaltig voranbringt

Denkanstöße für die indische Regierung und die geistige Elite

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Danksagung von Astrid Rosenschon

Anliegen und Aufbau des Buches

TEIL I. Bestandsaufnahme: Das derzeitige Indien – Ein Land mit Licht und Schatten

A.    Die Vorgeschichte

B.    1991: Auf Kommando von Manmohan Singh setzt sich der indische Elefant in Bewegung

C.    2014: Die Ära Narendra Modi bricht an

D.    Zwischenbilanz: Schritte in die richtige Richtung

E.    Aber: Ein gewaltiger Berg an unbewältigten Problemen wartet auf Maßnahmen, die ihn abbauen

F.    Das ländliche Indien: Eine Großbaustelle für die künftige Politik

1.    Der Befund: Tiefe Gläubigkeit und kultureller Reichtum, aber materielle Not, Elend und Ungerechtigkeit

2.    Hoher Korrekturbedarf für die hinduistische Religion

a)    Entrücktheit von der Welt als hinduistisches Ideal

b)    Indische Kosmologie und der Glaube an ein determiniertes „Bergab“

c)    Die hinduistische Kastenordnung steht Effizienz und Gerechtigkeit im Wege

d)    Hinduismus und Kriminalität

e)    Fehlsteuerungen durch die Herrschaft des Alters

f)     Senkung der Pro-Kopf-Einkommen durch Kult um den Sohn

g)    Indische Hochzeiten: Kapitalschlucker par excellence

h)    Hinduismus hat Industrialisierung verhindert

G.    Indiens Norden und das Landesinnere – Wo der politische Handlungsbedarf besonders groß ist

1.    Der Befund: Ausgeprägtes Süd-Nord- sowie Küsten-Binnenland-Gefälle

2.    Was sind die Gründe für die Überlegenheit des Südens?

3.    Warum Küstenregionen reicher sind als Regionen im Landesinneren

H.    Warum sich in Indiens Metropolen Offenheit und Freiheit entfalten können

TEIL II. Korrekturen des antiquierten Weltbilds in Indien ebenso erforderlich wie Bildungsoffensive

A.    Welche mentalen Hindernisse müssen beseitigt werden, damit modernes Denken auf dem Land einziehen kann?

1.    Wird ein Verstoß gegen die Kastenregeln mit schlechterer Wiedergeburt bestraft?

2.    Rituelle Reinheit durch Diskriminierung?

3.    Sind weibliche Wesen weniger wert als männliche?

4.    Geht die Entwicklung bergab?

5.    Weltabkehr als höchstes Ideal?

6.    Ist alles Leiden selbstverschuldet?

7.    Ist das Drehbuch für dieses Leben bereits geschrieben?

8.    Westphobie – Ein Grund, sich der Moderne zu verweigern?

9.    Politischer Hinduismus als Glücksbringer?

10.    Verbessern Kastenparteien und Quoten das Los der Unterprivilegierten?

B.    Die fundamentale Rolle von Bildung und Gesundheit

TEIL III. Indien im Spiegel der Statistik und internationaler Rankings

A.    Indien in Zahlen

1.    Größe und Bevölkerung

2.    Wirtschaftsstruktur

3.    Außenhandel

4.    Regionale Unterschiede im Wohlstandsniveau

B.    Indien im internationalen Vergleich verschiedener Rankings

1.    Human Development Index der Vereinten Nationen

2.    KOF-Globalisierungsindex

3.    Internationaler Korruptionsindex von Transparency International

4.    Ease of Doing Business Index der Weltbank

5.    Internationaler Infrastrukturindikator

6.    Global Competitiveness Index des World Economic Forum in Davos

7.    Economic Complexity Index (ECI) von Hausmann und Hidalgo

C.    Fazit

TEIL IV. Die klassische und immer noch zeitgemäße Idee einer offenen, spontanen und natürlichen Ordnung – ein kybernetisches Lernsystem

A.    Adam Smith als Wegbereiter einer idealen Ordnung für menschliches Zusammenleben

1.    Sein Werk und eine kurze Charakteristik seiner Person

2.    Adam Smith’s „Unsichtbare Hand“ – auch bei Teilhard de Chardin

3.    Adam Smith’s Idee – immer wieder verdreht, verstümmelt und verfälscht dargestellt

B.    Die ordnungspolitischen Eckpfeiler im Weltbild von Adam Smith

1.    Mitgefühl, ethische Normen, Gesetze und Konkurrenz – am Markt herrschende Zügel für das natürliche Selbstinteresse

a)    Mitgefühl

b)    Regeln der Ethik

c)    Gesetze

d)    Konkurrenz

2.    Markt, Staat und Ethik – institutionelle Fundamente der Wirtschaft und Gesellschaft und Wurzeln der Evolution

3.    Staatsaufgaben bei Adam Smith – Die Mär von Laissez-Faire und Nachtwächterstaat

C.    Der Ordo-Liberalismus

D.    Exkurs: Mitgefühl und Altruismus – Produkte der wirtschaftlichen Entwicklung

E.    Markt, Staat und Ethik – institutionelle Fundamente der Wirtschaft und Gesellschaft und Wurzeln der Evolution

1.    Knappheit und ökonomische Naturgesetze – Axiome im menschlichen Dasein

a)    Knappheit – Eine unumstößliche Tatsache

b)    Sättigung, sinkende Grenzproduktivitäten von Hilfsquellen und sich verschlechternde Austauschbarkeit von Gütern als Naturgesetze

2.    Der Markt – ein geniales Informations- und Steuerungssystem

a)    Preise – Orientierungsmarken für wirtschaftliche Entscheidungen der Konsumenten und Produzenten

b)    Marktpreise sorgen für Marktausgleich, maximalen Umsatz und höchstmögliche Tauschgewinne aller Akteure

c)    Der Markt in einer Welt des Wandels – Deus ex machina bei der Bewältigung der Knappheit

d)    Zur Rechtfertigung der Gewinne

e)    Exkurs: Wie wirken Eingriffe in die Preisbildung?

f)    Exkurs: Muss ein Land subventionieren, weil ein anderes Land dies tut?

g)    Exkurs: Gehören Netzbetriebe in staatliche Hand?

h)    Exkurs: Sollte sich die Daseinsvorsorge in staatlicher Obhut befinden?

i)    Der Markt ist auch ein gerechtes, soziales und humanes System

3.    Die eigentlichen Aufgaben des Staates

4.    Der hohe Stellenwert der Ethik

a)    Der neutrale Beobachter als Kontrollinstanz und als Wurzel der Ethik

b)    Von normativen Religionsaufgaben und von Religionsversagen

c)    Leitbilder der Erziehung und Erziehungsversagen

5.    Fazit: Was von der These vom Marktversagen zu halten ist

F.    Das Armutsproblem – kritische Reflexionen zur Sozialpolitik

1.    Das reale Phänomen der sozial Starken und der sozial Schwachen

2.    Die Gratwanderung zwischen zu wenig und zu viel Sozialpolitik

3.    Effiziente und menschenwürdige Sozialpolitik erfordert Hilfe zur Selbsthilfe statt Dauertransfers

TEIL V. Appendix: Unhaltbare Kritik an der liberalen Ordnungsidee und an der klassischen Ökonomie

A.    Verherrlichung des Staates und Verurteilung des Marktesdurch intellektuelle Meinungsmacher – Eine Ideologie, die Schulegemacht hat

B.    Was von den „Caring Economics“ zu halten ist

C.    Einwände der „pluralen Ökonomik“ oder „post-autistischen Ökonomie“ oder der „Real World Economics“ nicht überzeugend

1.    Zur „Unsichtbaren Hand“

2.    Ökologie versus Ökonomie

3.    Keynesianismus versus Neoklassik

4.    Zum Neoliberalismus oder klassischen Liberalismus

5.    Zum „homo oeconomicus“

6.    Wettbewerb

TEIL VI. Indiens Zukunft gestalten

A.    Den Staat fit machen

1.    Auf demokratische und föderale Traditionen in Indien setzen

2.    Staatsaufgaben im föderalen Gemeinwesen und „Management by Delegation“

3.    Das Modell des offenen Lernsystems – Vorbild für die Organisation des Staatswesens

4.    Unterstützung durch externen Sachverstand

5.    Fazit

B.    Engpässe beseitigen, Reformstau auflösen

1.    Strukturwandel erfordert Arbeitsmarktreformen

2.    Leichtere Übertragbarkeit landwirtschaftlich genutzter Böden für alternative Verwendungen erforderlich

3.    Zügiger Ausbau der Infrastruktur erforderlich

4.    Umschulungsgutscheine für das ländliche Indien gefragt

C.    Bildung und Gesundheit – Finanzierungsengpässe kreativ überwinden

D.    Geschäftsideen, die im Dienstleistungssektor Arbeitsplätze und Einkommen für das ländliche Indien schaffen

1.    „Smart cities“ gründen, aus Komplementaritäten profitieren

2.    Entwicklung von Technologien zur Überwindung von Sprachbarrieren als Voraussetzung für den Ausbau des tertiären Sektors

3.    Indien als Anbieter von Gesundheitsdiensten für die Welt

a)    Zum Anbieterpotential 206

b)     Zum Nachfragerpotential

c)    Chancen für Indien als internationaler Markt für Gesundheitsdienste

d)    Neue Arbeitsplätze und Einkommenschancen

e)    Wie die Landbevölkerung mit Gesundheitsdienstenversorgt werden kann

4.    Indien als Rentnerdestination zum Überwintern

5.    Indien als attraktive Destination für den internationalen Tourismus

a)    Ein paar Denkanstöße, um Tourismuspotentiale zu erschließen

b)    Der Buddhismus als Lockvogel für die Gäste aus Indiens ost- undsüdostasiatischer Nachbarschaft

c)    Christliche Kulturstätten als Attraktion für Südkoreaner

6.    Indien als Zentrale für die Wissenschaft und für asiatische Kultur

a)    Indien: Der optimale Standort für ein „Institut für Weltwissenschaft“

b)    Die drei Säulen des „Instituts für Weltwissenschaften“

(i) Das „Weltzentrum für ordo-liberale Ökonomen“

(ii) Das „Weltzentrum für Religion, Philosophie und Geisteswissenschaften“

(iii) Das „Weltzentrum für die Naturwissenschaften“

c)    Indien als Standort für Kunstausstellungen und Kunstauktionen

7.    Güterexporte im Sog des Tourismus

E.    Fazit

TEIL VII. Indien braucht auch einen philosophischen Paradigmenwechsel – Grundzüge für ein positives Weltbild

A.    Realität und Evolution statt Scheinwelt und Rückschritt

1.    Der Mensch und das Leben – Elemente eines göttlichen Plans?

2.    Individualität und Subjekt-Objekt-Spaltung – Tricks der Natur, um die Entwicklung voranzutreiben?

3.    Böses, Leiden und Ungerechtigkeit – Treibriemen für die Evolution?

a)    Trotz Fortschritts und Evolution: Die Realität –kein Heile-Welt-Szenario

b)    In einem dynamischen Weltbild sind Übel Hürden, die es zu überspringen gilt

B.    Von Gott und der Welt

1.    Moderne Gottesbilder

2.    Der Mensch als Gottes Spielpartner –Erfüllungsgehilfe oder Widersacher

3.    Wie die „Unsichtbare Hand“ wirkt – Gesetze und Zufälle

C.    Konturen eines Weltmodells

ABSCHLIESSENDE GEDANKEN: Die offene, spontane und natürliche Ordnung – ein aufstrebender Weg ins Krita Yuga

Literaturverzeichnis

Vorwort und Danksagung von Astrid Rosenschon

Ein hartes Hotelbett und fahles Vollmondlicht im Zimmer waren die Auslöser für dieses Buch. Denn sie bescherten mir auf meiner 9. Reise nach Indien im Frühjahr 2016 eine schlaflose Nacht, in der ich alle meine Eindrücke gedanklich Revue passieren ließ und über Gott und die Welt nachdachte. Vor meinem geistigen Auge erschienen nicht nur die prächtigen südindischen Tempeltürme – die Gopurams –, die knallbunten Saris und Werbeplakate sowie das chaotische Gewimmel auf den Straßen, das den Betrachter in Atem hält und unter positiven Stress setzt, sondern auch die vielen alten, gebrechlichen und behinderten Menschen, die am Eingang zu den heiligen Stätten ihre bettelnden Hände ausstreckten. Ich grübelte, was mein persönlicher Beitrag dazu sein könnte, etwas gegen die Armut zu tun, die nach wie vor in Indien erschreckend präsent ist. Der in den neunziger Jahren durch wirtschaftspolitische Reformen ausgelöste wirtschaftliche Aufschwung hat das Elend zwar gemildert, aber bei weitem nicht beseitigt. Da ich auf der Sonnenseite der Welt geboren bin, das Glück hatte, an einer deutschen Universität Ökonomie studieren zu können und viel in der Welt herum gekommen bin, fühlte ich mich in der moralischen Pflicht, ein Buch zu schreiben, das die Ursachen des in Indien überall gegenwärtigen Elends offenlegt und das zugleich Wege aufzeigt, die zu Chancengleichheit und zu Wohlstand für alle führen. Welche Grundbedingungen müssen gegeben sein und welche Strategien sind einzuschlagen, damit Arbeitsplätze und Einkommenschancen für das ländliche Indien entstehen können? Das war die Kardinalfrage, die ich mir und meinem Mann, den ich als Co-Autor gewinnen konnte, stellte. Wir glauben, dazu Ideen beisteuern zu können. Allerdings setzen unsere Vorschläge eine ordnungspolitische Radikalkur, die auf den Ideen von Adam Smith und der ökonomischen Klassik fußt, und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Hinduismus voraus. Man mag anzweifeln, dass unsere Vorschläge realistische Chancen auf Umsetzung haben. Ich selbst bin grundsätzlich ein Kurzfrist-Pessimist. Aber als notorischer Langfrist-Optimist hoffe ich, dass unser Beitrag eine Diskussion unter jenen indischen Intellektuellen auslöst, die soziale Verantwortung für die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft verspüren.

An dieser Stelle verbleibt mir die angenehme Pflicht, mich bei allen zu bedanken, die dabei geholfen haben, dass aus dem ursprünglichen Manuskript ein lesbares Büchlein geworden ist. Mein herzlicher Dank geht an die ehemalige Chorsängerin der Münchner Staatsoper und Hobby-Historikerin Elke Föll-Großhans und ihren Mann Volker Föll sowie an die Ökonomen Dr. Alfred Boss, Dr. Martin Hoffmeyer, Professor Henning Klodt und Professor Joachim Scheide.

Ferner bin ich meinem im Jahr 1990 verstorbenen Doktorvater, Professor Horst Claus Recktenwald, dankbar, dem wir in memoriam dieses Buch widmen möchten. Als Ökonom, der in säkularen und entwicklungsgeschichtlichen Dimensionen dachte, hat er meinen Blick für ordnungspolitische sowie theologische Fragen geschärft. Er war ein profunder Kenner des Werkes von Adam Smith (1723–1790), dem berühmten schottischen Moralphilosophen, der als geistiger Vater der ökonomischen Wissenschaft gilt und der an eine göttliche Ordnung hinter allen Phänomenen geglaubt hat. Seine Metapher von der „Unsichtbaren Hand“ ist Legende. Horst Claus Recktenwald hat den „Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith ins Deutsche übertragen. Das zweite Hauptwerk von Adam Smith – die „Theorie der ethischen Gefühle“ – hat er, neben dem „Wohlstand“ und den „Essays“, in seinen Studien zu Smiths Schaffen ebenfalls gewürdigt. Recktenwalds Analyse präsentiert ein duales Menschenbild bei Adam Smith: Siamesischer Zwilling des natürlichen Selbstinteresses ist das Mitgefühl, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Es ist uneigennützig und hält – zusammen mit Gesetzen, Konkurrenz und Regeln der Ethik – das natürliche, da angeborene Eigeninteresse in Schach, so dass es nicht in Egoismus und Selbstsucht oder in Faulheit und Desinteresse umschlägt. Das Mitgefühl ist auch die Basis für Altruismus. Im Zentrum von Smith’s Ethiklehre steht die Instanz des „neutralen Beobachters“, die dem Gewissen bei Immanuel Kant entspricht. Diese Erkenntnisse sind völlig konträr zu falschen Behauptungen von Wissenschaftlern, die sich zwar über Smith äußern, die aber Smith niemals gelesen haben.

Last but not least möchte ich meinem Mann, dem Ökonomen und Weltenbummler Dr. Claus-Friedrich Laaser, danken. Er machte mich mit dem liberalen Weltbild seines prominenten akademischen Lehrers Professor Herbert Giersch vertraut, unter dessen wissenschaftlicher Ägide ich drei Jahre lang arbeiten durfte. Mein Mann hat mich auf allen meinen Indienreisen – mittlerweile sind es elf geworden – begleitet und mit mir viele fruchtbare Diskussionen über dieses Land geführt. Es ist nicht übertrieben, wenn ich feststelle, dass er mich mit seinem „Indienfieber“ angesteckt hat. Ich bin meinem Mann dankbar, dass er sich zur Mitarbeit an diesem Buch bereit erklärt hat. Er hat nicht nur Teil III der Studie beigesteuert, in dem statistische Daten über die indische Wirtschaft – auch im Vergleich zu anderen Ländern – präsentiert und analysiert werden. Er hat auch die von mir verfassten Texte gründlich überarbeitet. Mit seiner Besonnenheit war mir mein Mann eine willkommene Kontrollinstanz. Er hat als Testleser viel zur Ausgewogenheit des Textes beigetragen. Nicht zuletzt sollte ich sein Mitwirken bei einer möglichst guten englischen Übersetzung dankend hervorheben.

Astrid Rosenschon, Molfsee 2019

Anliegen und Aufbau des Buches

Im Fokus dieser Abhandlung steht das Wohl der indischen Bevölkerung, Es hängt ab von der Versorgung der Menschen mit Gütern oder Leistungen oder Werten, die das Leben ermöglichen, erleichtern und lebenswert machen, sowie von der Ausstattung mit den dafür erforderlichen Hilfsquellen (Ressourcen). Unter Ressourcen verstehen Ökonomen 1) Rohstoffe und Boden, 2) gesunde Arbeitskräfte für einfache – sowie möglichst gut ausgebildetes, gesundes Personal für qualifizierte – Tätigkeiten und 3) gut mit Sachkapital ausgestattete Handwerksbetriebe, Fabriken und Dienstleistungssektoren. In den Produktionsstätten müssen gezielt jene Technologien zum Einsatz kommen, die der landesspezifischen Faktorausstattung am besten gerecht werden. Da Indien besonders reich an Arbeitskräften ist, während Kapital knapp ist, sollte arbeitsintensiven, kapitalsparenden Methoden der Vorzug eingeräumt werden. Zu den Quellen des Wohlstandes werden ferner 4) Innovationen oder neues Wissen in einem umfassenden Sinn – also wissenschaftlicher, technologischer, organisatorischer und institutioneller Fortschritt – gerechnet. Maßgeblich für das Produktionspotential – das sind die bei Vollauslastung maximal produzierbaren Erzeugnisse – sind also die Mengen der Produktionsfaktoren (Sachkapital, Arbeit, Boden und Rohstoffe (Natur) und Wissen) und deren Qualitäten (Produktivitäten), die vom Fortschritt geprägt sind.

Zu den „harten“ Standortfaktoren zählt auch 5) ein ökonomisch effizienter Staat, der die ordnungspolitischen Voraussetzungen schaffen muss, dass Märkte optimal funktionieren. Dazu bedarf es stabiler Institutionen und Regeln des Staates als Ordnungsrahmen für das Gemeinwesen. Leider kommen reale Staaten meist ihren idealtypischen Aufgaben, die wir in Teil IV aufzeigen werden, nicht richtig nach, so dass reale Märkte – trotz aller immer noch stattlichen Leistungen – in der Regel Mängel aufweisen. Gerade für Länder, die wirtschaftlich noch hohen Aufholbedarf haben, ist ein hohes Maß an Korruption typisch. Indien stand im Jahr 2017 unter 180 Ländern auf Platz 81 des Korruptions-Index, China vergleichsweise auf Platz 77.

Um durch einen höheren und nachhaltigen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens die in Indien immer noch weit verbreitete Armut zu überwinden, ist ein Staat erforderlich, der sowohl wirtschaftlich effizient als auch gerecht im Sinne der Chancengleichheit ist. Unter Letzterem ist die Offenheit der Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen für alle Bürger zu verstehen. Ein funktionsfähiger Staat, der seine Bürger, ihr Eigentum und ihre Freiheit sowie den Wettbewerb schützt, der zu vorausschauendem Handeln, Verantwortlichkeit und Vertragstreue ermutigt, der gleiches Recht für alle sichert, also weder begünstigt noch diskriminiert, der für wichtige öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Straßen, Brücken, Kanäle, digitale Netze usw. sorgt, der unabhängige Grundlagenforschung ermöglicht und der den Geldwert stabil hält, verleiht dem Wachstum und der Entwicklung kräftige Impulse.

Ein idealtypischer Staat, der seinen eigentlichen Aufgaben nachkommt, ist Voraussetzung für ein reibungsloses Funktionieren der Marktwirtschaft. Seine klassischen Pflichten werden in Teil IV näher analysiert. Zuvor sind aber drei indienspezifische Teile abzuhandeln.

In Teil I wird eine kurze Bestandsaufnahme präsentiert: Nach einem historischen Vorspann wird das moderne Indien als Land mit Licht und Schatten charakterisiert. Während in den urbanen Zentren unübersehbar der Fortschritt Einzug hält, erscheint insbesondere das ländliche Indien als Großbaustelle für die künftige Politik. Denn dort hemmen bestimmte Wesenselemente des Hinduismus ungehindert die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. In den Metropolen hingegen werden sie aufgeweicht und können unter den dortigen Bedingungen nicht weiter bestehen. Die Diskussion zeigt einen hohen Korrekturbedarf für die hinduistische Religion, die auf dem Land monokausal den Rückstand erklärt. Die älteste unter den Weltreligionen ist zwar in geistiger Hinsicht weltweit einmalig offen und tolerant. (Die gegenwärtigen nationalhinduistischen Strömungen, die gegen die anderen Religionen gerichtet sind, stehen freilich im Widerspruch zu dieser Tradition.) In gesellschaftlicher Hinsicht ist der Hinduismus aber äußerst rigide. Man denke nur an das Zwangskorsett der Kastenordnung oder an die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts. Die innere Zerrissenheit des Subkontinents zeigt sich nicht nur im ausgeprägten Stadt-Land-, sondern auch im Süd-Nord- und im Küsten-Binnenland-Gefälle.

Teil II folgt unmittelbar aus den Abhandlungen in Teil I und widmet sich der Frage, wo Korrekturen in den Köpfen der Menschen erforderlich sind, damit auch im ländlichen Indien Fortschritt einziehen kann. So wichtig wirtschaftspolitische Reformen sind: so lange mentale Hindernisse für modernes Denken bestehen, die weitgehend in der Religion ihre Wurzeln haben, wird das Hinterland Indiens, in dem rund 70 Prozent der Bevölkerung leben, rückständig bleiben.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es wird hier nicht die Existenz des indischen Götterhimmels oder der vielfältigen monotheistischen Strömungen im Hinduismus angezweifelt. Es gibt Grenzfragen, bei denen die Theologie ein Monopol hat und andere Wissenschaften verstummen müssen. Die Autoren haben – das sei hier ausdrücklich betont – keinesfalls Ambitionen, den Indern den Hinduismus auszureden. Im Gegenteil: Sie sind der Meinung, dass es Gesichtspunkte gibt, in denen der Hinduismus anderen Religionen überlegen ist – so etwa in der Toleranzkultur und im Fehlen eines institutionellen Überbaus wie etwa der Kurie und dem Papsttum im Katholizismus. Vielmehr beschränkt sich die Hinduismus-Kritik auf jene Wesenselemente dieser Religion, die sich als ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungsbremsen par excellence erwiesen haben.

Um in den Köpfen der Menschen die Weichen umzustellen, ist ein Einsatz auf zwei Fronten erforderlich: Zum einen müssen falsche Glaubenssätze (Ideologien) ad absurdum geführt werden. Beispielsweise glaubt die breite Masse der Unterprivilegierten daran, dass ein Verstoß gegen die Kastenregeln oder gar ein Ausbruch aus dem Kastensystem mit einer schlechteren Wiedergeburt bestraft wird – vielleicht sogar als Wurm im Darm eines Hundes… Die geknechtete Mehrheit ist wegen dieser falschen Behauptung der Herrschenden, denen es nur um Absicherung der eigenen Macht und der eigenen Privilegien geht, gewissermaßen im System gefangen. So werden Anreize blockiert, eine Revolution anzuzetteln und aus dem Zwangssystem auszubrechen. Außerdem erscheint es vielen Indern geboten, sich – passiv und leidend – in ihr Schicksal zu fügen, weil das Drehbuch für dieses Leben angeblich bereits im Vorleben geschrieben worden ist. Man nennt diese Kausalität Karma. Dabei müsste Denken in Kausalitäten aber doch gerade nahelegen, dass es der Mensch in der Hand hat, durch beherztes Zupacken in der Welt sein Los zu verbessern – jetzt oder später. Ferner glaubt das Gros der Bürger, das weibliche Geschlecht sei weniger wert als das männliche, obwohl es ohne Frauen keine Männer und Söhne gäbe, so dass logischerweise dem schwachen Geschlecht der Wert zukommen muss, den sich das starke Geschlecht selbst beimisst.

Hier aufklärend zu wirken, ist Aufgabe der geistigen Elite und der Massenmedien. Dies ist freilich schwer, weil die Mitglieder der gebildeten Oberschicht meist selbst wenig Anreize verspüren, an den eigenen Privilegien zu rütteln. Es geht also gleichsam darum, einen gordischen Knoten zu durchtrennen.

Zum anderen ist eine bildungs- und gesundheitspolitische Großoffensive angesagt, die vor allem auf die jüngere Generation abzielt, der Umdenken naturgemäß erheblich leichter fällt als den Alten. Dem Staat kommt also die Aufgabe zu, für Chancengleichheit auf breiter Front zu sorgen. Ein marktwirtschaftliches System wird umso eher akzeptiert, je mehr der Einzelne den Eindruck hat, reale Lebens- und Entwicklungschancen zu haben. Bildungs- und Gesundheitspolitik sind nicht nur die beste Sozialpolitik, sondern gleichzeitig Wachstumspolitik, da sie direkt auf die Produktionsgrundlagen einwirken und den einzelnen zur Selbsthilfe befähigen.

Nachdem in Teil I und Teil II aufgezeigt wurde, dass bestimmte Wesenselemente des hinduistischen Systems als Bremsklötze der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung wirken, geht es in Teil III um empirische Indikatoren für den Entwicklungsrückstand. In Teil III wird das heutige Indien im Spiegel der Statistik und internationaler Rankings präsentiert. Die Abhandlung „Indien in Zahlen“ informiert über Bevölkerung, Erwerbspersonen und Pro-Kopf-Einkommen, Struktur der Wertschöpfung und Verteilung der Arbeitskräfte auf die Wirtschaftssektoren, den Außenhandel und die regionalen Unterschiede im Wohlstandsniveau. Dabei werden die indischen Indikatoren mit denen anderer Länder verglichen. Anschließend werden empirische Studien zu Länderrankings herangezogen, die zeigen, welchen Platz Indien in der Weltwirtschaft einnimmt.

Es schließt sich Teil IV an. Dieser Teil ist nicht indienspezifisch. Vielmehr handelt es sich um grundsätzliche Gedanken, wie ein Gemeinwesen zu organisieren ist, das den Menschen bestmögliche Lebensbedingungen bietet. Als allgemeines geistiges Referenzsystem ist es auf alle Länder anwendbar. Es geht auf den schottischen Moralphilosophen und Ökonomen Adam Smith zurück. Er hat die klassische und immer noch zeitgemäße Idee einer offenen, spontanen und natürlichen Ordnung entwickelt. Indien sollte dieses kybernetische Lernsystem als ein Hindu-Dharma im neuzeitlichen Gewand begreifen – ein Leitmodell für ein Gemeinwesen aus freien Individuen, die Schranken unterliegen und für die natürliche Arbeitsteilung zwischen Markt, Staat und Ethik/Religion. Diese Ordnung führt aus der Armut und sorgt für hohe Wohlfahrt.

Nach einer kurzen Charakteristik von Adam Smith durch den renommierten Smith-Interpreten Horst Claus Recktenwald wird die Grundidee der „Unsichtbaren Hand“ präsentiert, die den in der Natur ablaufenden Evolutionsprozess in die richtigen Bahnen lenkt. Dem schließen sich falsche Behauptungen und Vorurteile zum Werk von Adam Smith an. Sie werden selbst von Wissenschaftlern geäußert, die oftmals Adam Smith niemals gelesen haben und die auch die Ergebnisse der Smith-Forschung geflissentlich ignorieren.

Anschließend werden die ordnungspolitischen Eckpfeiler im Weltbild von Adam Smith dargestellt. Das sind erstens die vier Zügel, die das natürliche Selbstinteresse der Menschen, wenn sie unter den Bedingungen der Anonymität handeln, unter Kontrolle halten – nämlich Mitgefühl, Regeln der Ethik, Gesetze und Konkurrenz. Diese vier Schranken sorgen dafür, dass das Eigeninteresse nicht in Selbstsucht (Egoismus) oder Desinteresse sowie Leistungsverweigerung umschlägt. Ein Exkurs zur Entstehung von Mitgefühl und Altruismus rundet die Ausführungen über die Schranken für das natürliche Selbstinteresse ab. Es wird gezeigt, dass diese ethischen Gefühle im Gefolge der wirtschaftlichen Entwicklung entstanden sind. Im Urzustand waren sie nur rudimentär vorhanden.

Neben den vier Schranken für Selbstsucht oder Desinteresse gibt es weitere Fundamente des Smith’schen Systems, nämlich die drei komplementären Subsysteme Markt, Staat und Ethik (Religion) als institutionelle Eckpfeiler der Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Kontext werden die Staatsaufgaben bei Adam Smith kurz skizziert. Sie muten erstaunlich modern an, wenn man bedenkt, dass der Autor im 18. Jahrhundert lebte. Schon damals hat er im Rahmen einer historischen Stufenlehre argumentiert und gesehen, dass im Zuge des Fortschritts neue Pflichten auf den Staat zukommen. Der Leser sieht, dass es eine Mär ist, zu behaupten, Adam Smith habe einem Nachtwächterstaat und zügellosem Laissez-faire-Liberalismus das Wort geredet. Nach den Staatsaufgaben bei Adam Smith folgt eine kurze Darstellung des Ordo-Liberalismus, der von der sogenannten „Freiburger Schule der Nationalökonomie“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt worden ist. Der Ordo-Liberalismus fußt auf den Ideen von Adam Smith, ist aber auch geprägt durch negative Erfahrungen mit Staatsinterventionismus im Hitler-Deutschland und in der Sowjetunion sowie mit dem Laissez-faire-Liberalismus auf der anderen Seite (Manchesterliberalismus).

Der ausführlichen Darstellung des optimalen Zusammenspiels von Markt, Staat und Ethik aus moderner Sicht werden ein paar ökonomische Naturgesetze vorangestellt, nämlich das Knappheitsaxiom, die eintretende Sättigung beim zunehmenden Konsum eines Gutes, die sinkenden Grenzproduktivitäten von Hilfsquellen sowie die sich verschlechternde Austauschbarkeit von Gütern bei zunehmendem Ersatz eines Gutes durch ein anderes. Diese ökonomischen Grundzusammenhänge bilden die Basis, um das Wirken des Preismechanismus, wie er für den Markt typisch ist, verstehen zu können

Das Sättigungsgesetz wirkt einem Phänomen entgegen, das neben Marktkritikern vor allem Vertreter von Religionen mit der Wirtschaftsaktivität und mit Märkten assoziieren und vor allem in der westlichen Welt verorten. Vor allem Buddhisten und Hinduisten warnen vor Anhaftung und Gier. Anhaftung und Gier werden von Religionen allgemein als Übel gefürchtet, weil sie angeblich vom Seelenheil wegführen und die Menschen in einen „Konsumrausch“ versetzen. Doch das Sättigungsgesetz wirkt Anhaftung und Gier entgegen. Es drückt sich darin aus, dass jede zusätzlich konsumierte Einheit eines Gutes mit einem sinkenden Zusatz-Nutzen einhergeht, der schließlich negativ werden kann. Das Sättigungsgesetz ist zudem die Wurzel für eine im Zuge der Evolution immer feinsinniger werdende Güter- oder Wertepalette, die Tierwohl, Umweltschutz, soziale Kontakte, Caritas und Wissen über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, einschließt.

Nach der Darstellung ökonomischer Grundzusammenhänge wird gezeigt, dass der Markt als geniales Infomations- und Steuerungssystem bei gegebenen Beschränkungen für ein Höchstmaß an Wohlfahrt sorgt – Wettbewerb vorausgesetzt und den muss ein neutraler Staat garantieren, was keine leichte Aufgabe ist. Der Markt bringt also Konsumentenwünsche und Produktionsmöglichkeiten optimal in Einklang. Preise dienen als Orientierungsmarken für wirtschaftliche Entscheidungen der Nachfrager und Anbieter. Der Marktpreis sorgt für Marktausgleich, maximalen Umsatz und höchstmögliche Tauschgewinne für alle Akteure. Preisverhältnisse zeigen Knappheitsverhältnisse an und lenken die Ressourcen gezielt dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Der Mechanismus der relativen Preise ist also ein deus ex machina. Der Markt ist auch ein perfektes Anreizsystem: Innovative Kräfte, die ermöglichen, dass Zukunftsträume wahr werden, erzielen als Anreiz hohe Prämien, allerdings nur vorübergehend. Denn es dauert nicht lange, bis ihnen die Imitationskonkurrenz dicht auf den Fersen ist. Im Rahmen der Marktanalyse wird ferner begründet, dass das System der kontrollierten und disziplinierten Freiheit auch für Gerechtigkeit und Humanität sorgt. Der Markt ist also in einem ganz allgemeinen Sinne sozial.

Das nächste Augenmerk gilt den eigentlichen Aufgaben des Staates. Der Leser erfährt, dass ein funktionsfähiger Markt einen sehr starken, unbestechlichen, neutralen Staat braucht. Nicht umsonst wählt der indische Schriftsteller Gurcharan Das für sein Buch „India grows at night“ den Untertitel „– a liberal case for a strong state“. Der starke Staat nimmt nicht nur seine diversen Schutzfunktionen wahr, er bekämpft Preisabsprachen, sorgt für Offenheit der Märkte sowie für Wettbewerb und spornt seine Bürger zu verantwortlichem Handeln an. Auch obliegen ihm diverse Koordinations-, Organisations- und Infrastrukturaufgaben. Er ist ferner für Chancengleichheit im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie für die soziale Grundsicherung verantwortlich und garantiert unabhängige Grundlagenforschung. Elementar ist auch, dass eine unabhängige Notenbank einen stabilen Geldwert sichert.

Neben den Aufgaben des Marktes und des Staates wird der Stellenwert der Ethik/ Religion abgehandelt. Zunächst wird das Konzept des „neutralen Beobachters“ von Adam Smith vorgestellt, das dem Gewissen bei Immanuel Kant entspricht. Es ist eine imaginierte Kontrollinstanz, die jeder Mensch in sich spürt. Sie ermöglicht ethisches Denken und Handeln, ist also die Wurzel für Mitgefühl und Altruismus. Weiterhin wird diskutiert, welche Aufgaben Religionen erfüllen sollten und wann Religionsversagen zu diagnostizieren ist. Ebenso werden Leitbilder für Erziehung sowie ihr Gegenteil – das Erziehungsversagen – erörtert.

Die Diskussion der Trilogie „Markt, Staat und Ethik“ endet mit Überlegungen zum Marktversagen, das in der hybriden ökonomischen Literatur darüber meist als einziges Versagen genannt wird. Staatsversagen, Religionsversagen, Erziehungsversagen, Versagen von Beratern, die sich als Experten ausgeben, werden meist unter den Teppich gekehrt. Bei kritischer Prüfung wird deutlich, dass die eigentlichen Ursachen hinter vermeintlichen Marktschwächen in Mängeln der Politik, der Erziehung, der Religion und der Beratung zu suchen sind. Tatsächlich sind in diesen Lebensbereichen die Machtspielräume, die menschliches Fehlverhalten ermöglichen, sehr viel ausgeprägter als am Markt unter Wettbewerbsbedingungen. Selbst dort, wo sich ein Anbieter eine Vormachtstellung erkämpft hat, herrscht – sofern der Staat dies zulässt – zumindest potentielle Konkurrenz, die disziplinierend wirkt. Zwar verspüren viele Marktteilnehmer – was bereits von Adam Smith angeprangert wurde – den unseligen Drang in sich, den Wettbewerb auszuschalten und den Staat dazu zu animieren, sie bevorzugt zu behandeln. Doch ist es Aufgabe des Staates, Absprachen zu unterbinden und sich durch eine Verfassungsnorm zur Neutralität zu verpflichten. Auch ist Umweltverschmutzung kein Marktmangel. Sie liegt vielmehr darin, dass es Staaten versäumt haben, Eigentumsrechte an der Umwelt einzuräumen.

Nach der Abhandlung zum klassischen Dreigestirn „Markt, Staat und Ethik“ als Fundamente für Wirtschaft und Gesellschaft folgen kritische Reflexionen zur Sozialpolitik. In der Realität gibt es nicht nur sozial Starke, sondern auch sozial Schwache und in Ländern wie Indien sind weite Teile der Bevölkerung arm. So wünschenswert Hilfe für schwache Bevölkerungsgruppen auch ist, so sehr muss die Politik darauf achten, sie richtig zu dosieren: es geht letztlich um eine Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Sozialpolitik. Die Politik sollte – das steht außer Frage – das Überleben garantieren, wenn private Hilfe ausbleibt. Die Aussicht auf Hilfe im Notfall ist unabdingbar, damit Menschen entspannt ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Doch sollte die Hilfe – sofern sie denn monetär ist – spürbar unter dem Niveau der niedrigsten Lohngruppe liegen, um die Leistungsanreize nicht zu beeinträchtigen. Für das politische Bemühen um soziale Gerechtigkeit spricht, dass sonst die so segensreiche Institution des Marktes ein Akzeptanzproblem hätte, zumal man höhere Einkommen in der Realität nicht ausschließlich durch höhere Leistung erklären kann. Doch darf Umverteilungspolitik die Wirtschaftskraft nicht überfordern und die Wirtschaftssubjekte nicht dazu verführen, die Kriterien für Hilfsbedürftigkeit selbst herzustellen. Es ist eine Binsenweisheit, dass das Brot nicht verzehrt werden kann, bevor es gebacken ist. Zwischen den indischen Ökonomen Jagdish Bhagwati und Arvind Panagariya auf der einen Seite und Jean Drèze und Amartya Sen auf der anderen Seite wird ein Disput ausgefochten. Während die Erstgenannten betonen, wie wichtig Wirtschaftswachstum ist, setzten ihre Kontrahenten auf eine gerechte Verteilung. An beiden Standpunkten ist etwas dran und die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte.

Neben der richtigen Dosierung monetärer Hilfen des Staates werden auch die adäquaten Arten sozialpolitischer Eingriffe erörtert. Die Autoren plädieren für eine effiziente und menschenwürdige Sozialpolitik. Das ist nach ihrem Verständnis primär eine staatliche Hilfe zur Selbsthilfe. Symptomorientierte Dauertransfers sollte es nur in Ausnahmefällen geben, wenn nichts anderes und niemand anderer mehr hilft. Einer staatlichen Geschenkwirtschaft auf breiter Front – also umfangreichen Leistungen an die Bevölkerung zu heruntersubventionierten Billig-, wenn nicht gar Nulltarifen – erteilen die Autoren eine klare Absage, da dies Staaten in den Konkurs führt. Das historische Scheitern sozialistischer Wirtschaftsordnungen in der ehemaligen Sowjetunion und in China unter Mao-Tsetung zeigt dies ganz deutlich. Auch der dritte Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, den Indien nach der Unabhängigkeit eingeschlagen hat, musste in die Sackgasse führen. Hilfe zur Selbsthilfe sind vor allem 1) eine marktkonforme Wirtschaftspolitik, die Arbeitsplätze auch für die einfachen Menschen schafft, 2) der allgemeine Zugang zu den Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen – also Chancengleichheit – und 3) Kredite für Existenzgründer. Eine so definierte Sozialpolitik ist integraler Bestandteil der Wachstumspolitik, während Dauertransfers im Widerspruch zu dieser stehen.

In einem Appendix in Teil V wird gezeigt, dass die vielfach geäußerte Kritik an der ökonomischen Klassik und an der Ordnungstheorie, wie sie der Leser in Teil IV kennengelernt hat, unhaltbar ist. Die offene, spontane und natürliche Ordnung, die auf (a) den vier Schranken für Selbstsucht (Mitgefühl, Regeln der Ethik, Gesetze und Konkurrenz), (b) den institutionellen Fundamenten „Markt, Staat und Ethik/Religion“ sowie (c) einer Sozialpolitik als „Hilfe zur Selbsthilfe“ ruht, ist vielmehr allen anderen Entwürfen einer Wirtschaft und Gesellschaft, die die Menschheit kennt, überlegen.

Kritik ist vor allem an drei Fronten auszumachen. Erstens gibt es weltfremde intellektuelle Meinungsführer, die den Menschen grundsätzlich misstrauen, wenn sie auf Märkten agieren, sich aber grundsätzlich das Heil versprechen, wenn die gleichen Menschen als Politiker oder Bürokraten auftreten. Die linken Intellektuellen unterstellen, ein Parlamentssitz oder politisches Mandat sei automatisch mit einer Erleuchtung verbunden und plädieren für möglichst wenig Markt und für staatsinterventionistische Lösungen auf breiter Front. Ein Wechsel aus der Politik in die private Wirtschaft wird hingegen mit einem spontanen Verlust an moralischen Werten assoziiert – so als ob man den Menschen zum Umpolen über Nacht an die Steckdose angeschlossen hätte.

Zweitens mischen sich fachfremde Wissenschaftler und Religionsgelehrte in die Ökonomie ein und fordern als Alternative „Caring Economics“ oder „Mehr Mitgefühl in der Wirtschaft“ – wie die Titel jüngst veröffentlichter Bücher einer Neurowissenschaftlerin und eines Chemikers, der buddhistischer Mönch geworden ist, heißen. Selbsternannte „Caring-Ökonomen“ kritisieren Adam Smith auf Weltkongressen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder den Tagungen des Mind and Life Institute, das den interkulturellen Dialog zwischen dem Dalai Lama und Wissenschaftlern verschiedener Nationen vorantreiben soll. Dabei haben die Smith- oder Klassik-Kritiker die Werke von Adam Smith offenbar niemals gelesen. Sonst könnten sie nicht ihre unwahren Behauptungen über den Moralphilosophen und geistigen Vater der Ökonomie in die Welt setzen. Im Spekulanten George Soros und seinem „Institute of New Economic Thinking“ haben die Verfechter der „Caring Economics“ einen potenten Geldgeber gefunden.

Drittens wird die ökonomische Wissenschaft im Allgemeinen und die Klassik und Neoklassik im Besonderen neuerdings von Vertretern der eigenen Zunft angegriffen. Die neue Richtung nennt sich in Deutschland „plurale Ökonomie“ und in Frankreich „autistische Ökonomie“. International spricht man von „real world economics“. Die in diesen Netzwerken organisierten Ökonomen wollen ihr Fach revolutionieren, wobei die Kritik u.a. abzielt auf Smith’s Konzept der „Unsichtbaren Hand“ und den für analytische Zwecke eigens konstruierten „homo oecomicus“, der im Übrigen – als „saint of rationalism“ – auf John Stuart Mill zurückgeht, nicht auf Adam Smith, dem dieses Kunstkonstrukt von Mensch immer wieder fälschlicherweise in die Schuhe geschoben wird. Adam Smith hat vielmehr das Bild des realen Menschen vertreten, der durch Gefühle und durch Vernunft gesteuert wird und der am Markt nur grob über den Daumen peilt, statt Rechenmaschinen anzuwerfen und komplizierte Algorithmen zu bemühen. Kritik wird ferner am neoklassischen Modell, am angeblichen Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie und am Wettbewerb geäußert. Es wird näher begründet, dass diese Ansichten unhaltbar sind.

Berechtigte Kritik an der Volkswirtschaftslehre muss woanders ansetzen, nämlich vor allem a) an der Fiktion, Ökonomie sei eine – prognostizierbare – Naturwissenschaft wie die Newtonsche Physik oder Himmels“mechanik“, b) an der Überfrachtung mit Mathematik, die zum Selbstzweck geworden ist, und c) an der uferlosen Aufspaltung in immer neue Unter-Fachrichtungen ohne anschließenden Synthese oder Synopse. Das ist so sinnlos wie Arbeitsteilung ohne nachträglichen Tausch.

„Die Interaktionen von Wirtschaftssubjekten entwickeln sich eben nicht mechanisch und kontrolliert, sondern in gewissen Situationen chaotisch. Wirtschaft entsteht aus dem komplexen sozialen Miteinander von Milliarden Menschen. Viele Modelle sind aber so reduziert, dass sie nur noch winzige Ausschnitte und Aspekte isoliert behandeln“ (Plickert 2016, S. 14; siehe auch Friedrich August von Hayek.)

Und Hans Werner Sinn resümiert:

„Die Volkswirtschaftslehre braucht heute wieder mehr Ökonomen, die bereit sind, sich mit den Details des staatlichen Ordnungsrahmens und der Funktionsweise des Staatsapparates zu beschäftigen“ (zitiert nach Plickert 2016, S. 35).

Die Welt braucht also eine Renaissance der klassischen Ordnungstheorie und des Ordo-Liberalismus. Wenn die G20 im Jahr 2022 in Indien tagen, wäre das ein Anlass, die Idee einer offenen, spontanen und natürlichen Ordnung – wie wir sie in Teil IV kennengelernt haben – neu zu beleben. Das vorliegende Buch möchte einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion leisten, die dieses internationale Forum begleiten wird.

Teil VI ist – nach den beiden allgemein orientierten Teilen IV und V – dann wieder auf Indien zugeschnitten. Es geht um die Fragen, wie der indische Staat und wie der Markt fit für eine bessere Zukunft gemacht werden können, ferner wie Bildung, Gesundheit und Wissenschaft in einem relativ armen Gemeinwesen zu finanzieren sind. Es geht also im Kern darum, steuerliche Finanzierungsengpässe kreativ zu überwinden. In einem weiteren Absatz wird eine Geschäftsidee präsentiert, wie im Dienstleistungssektor Arbeitsplätze für das ländliche Indien geschaffen werden können.

Wie ist der indische Staat fit zu machen? Hier geht es darum, aus der demokratischen und föderalen Struktur des indischen Subkontinents Kapital zu schlagen. Es wird zum einen die Frage erörtert, welche Staatsaufgaben dem Zentralstaat vorbehalten bleiben und welche den nachgelagerten Gebietskörperschaften obliegen sollten. Da Indien ausgeprägte regionale Traditionen hat – anders als das seit alters zentralistische China –, kann es in manchen Fällen kein Tabu sein, Länderkompetenzen auf die Zentrale zu übertragen und Parallelkompetenzen zu eliminieren, so etwa im Arbeitsrecht und im Bodenrecht. Eine diskutable Alternative wäre Länderkompetenz in den beiden genannten Rechtsgebieten mit der Modifikation, dass die Zentrale subsidiär die Regeln erlassen kann, falls ein Land bei der Vorgabe eines fortschrittsfördernden Rechtsrahmens versagt. Ferner ist bei einigen Steuern Zentralisierung erforderlich. Es passt nicht mehr ins dritte Jahrtausend, dass in Indien bei jedem Grenzübergang zunächst die Steuerbehörde aufgesucht werden muss, deren „Staatsdiener“ sich zudem ein dickes „Schmiergeld“ verdienen. Die Vereinheitlichung der Umsatzsteuer hat die Regierung Modi ja bereits auf den Weg gebracht, nachdem zuvor das Steuerrecht einem Flickenteppich geglichen hat – mit langen Wartezeiten der Lkws an den internen Grenzen.

Zum anderen wird vorgeschlagen, vom konventionellen System der getrennten Staatsebenen abzugehen und die staatsinternen Strukturen nach dem Vorbild eines offenen Lernsystems zu gestalten. Diese institutionelle Innovation wäre eines Landes würdig, das sich als wichtiger Vorreiter auf dem Weg in ein digitales Zeitalter hervorgetan hat. Es ist anzustreben, die Ebenen durch einen permanenten Informationsfluss von oben nach unten und von unten nach oben miteinander zu verbinden, um die auf den einzelnen Ebenen zu treffenden Entscheidungen aufeinander abzustimmen und miteinander zu koordinieren. Statt also auf der Basis vermeintlich höheren Wissens von oben her zu befehlen und zu bevormunden – der ökonomische Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek bezeichnete das als „Anmaßung von Wissen“ –, sollten die unmittelbar Betroffenen in den Prozess der Informationsgewinnung und Entscheidungsfindung eingebunden und somit auch zur Mitarbeit motiviert werden. Umgekehrt kann die Basis von der Spitze profitieren, in der ausgebildete Fachleute sitzen. Durch die iterativen Prozesse, die auf Feedbacks in vertikaler Richtung gründen, können also sowohl Vor-Ort-Wissen als auch Expertenwissen genutzt werden. Erforderlich ist ferner ein in horizontaler Richtung verlaufender Informationsfluss. So können etwa Bürgermeister miteinander kooperieren, um ihre Region zu modernisieren. Bei dieser Vernetzung ist auch an den Aufbau eines Beschwerdesystems zu denken. Adressaten sind Kinder, Frauen, Shudras, Unberührbare, Adivasis und Angehörige religiöser Minderheiten sowie Bürger, von denen Staats“diener“ ein Bestechungsgeld einfordern.

Welche Aufgaben sind dringlich, um Reformstaus aufzulösen? Während bisherige Reformen vor allem die Effizienz auf den Gütermärkten erhöhten – etwa durch die Abschaffung des Lizenzsystems und die Lockerung von Handelsschranken – sind die Faktormärkte von der Politik weitgehend vernachlässigt worden. In erster Linie ist an eine Reform des Arbeitsrechts zu denken. Indien leidet nicht nur an einem Dickicht an arbeitsrechtlichen Normen des Zentralstaates und der einzelnen Länder, die sich teil widersprechen und zudem alle älter als 40 Jahre sind. Indien leistet sich auch Arbeitsstandards, die viel zu hoch sind – gemessen am niedrigen Entwicklungsstand und am Produktivitätsniveau. Es verwundert daher nicht, dass Unternehmen der offiziellen Wirtschaft kaum Arbeitskräfte ...

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