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Was Hexen wollen

Lindsay Gordon (Hg.)

WAS HEXEN
WOLLEN

und andere
paranormale erotische Stories

Aus dem Englischen von
Marietta Lange

Inhalt

Das Mädchen seiner Träume
Heather Towne

Alles, was ich mir zu Weihnachten wünsche
Mae Nixon

Was Hexen wollen
Mathilde Madden

Zwischen der Wildnis und der Menschheit
Teresa Noelle Roberts

Das Mädchen seiner Träume

Heather Towne

Laura lächelte Evelyn zu, während die andere weiter von einer weiteren wunderbaren Episode aus dem Leben ihres einjährigen Sohns, dieses Wunderkinds, plapperte. Aber sie hörte nicht hin, sondern schaute über die Schultern ihrer Kollegin hinweg einen Mann an, den sie noch nie gesehen hatte. Er ging den Gang zwischen den Arbeitsnischen entlang in die Abteilung für Versicherungsmathematik. Sie setzte ihre Tasse mit dem Motto »Katzen zu Pelzhandschuhen« an die leicht geöffneten Lippen, sodass ihre Brille beim Anblick der straffen Hinterbacken des Mannes, die sich unter seinen blassblauen Anzughosen bewegten, von dem heißen Getränk beschlug.

»Ähem … sag mal, haben wir einen neuen Versicherungsmathematiker eingestellt?«, unterbrach sie Evelyns Monolog über den Windelinhalt ihres Kindes.

Die Ältere wandte den Kopf und folgte Lauras Blick. »Ach ja, das ist … herrje, wie hieß er noch? Jetzt weiß ich es wieder, Perkin Miller.« Evelyn arbeitete in der Gehaltsabrechnung und wusste daher alles über jeden, der in dieser mittelgroßen Versicherungsgesellschaft arbeitete. Und sie hatte auch nichts dagegen, ihr Wissen zu teilen. »Perkin. Was für ein Name.«

Und dann setzte sie schon wieder zu einer neuen Geschichte über den kleinen Ezekiel an, während Laura den nicht besonders hochgewachsenen, straffen Körper von Perkin, der sich jetzt umdrehte, betrachtete. Sein braunes Haar wurde auf der rechten Seite von einem wie mit dem Lineal gezogenen Scheitel geteilt, hinter einer Goldbrille spähten große blaue Augen hervor, und sein blasses Gesicht wirkte mager und knochig. Sie spielte mit den Möglichkeiten: Laura Miller, Laura Litt-Miller, Perkin Miller-Litt – war das letzte nicht eine Biersorte?

Auch Nerds brauchten Liebe, das wusste sie genau. Laura arbeitete in der Buchhaltung, sie prüfte Spesenabrechnungen und führte Buchungen aus, aber sie war ein Mädchen mit einer sehr aktiven Fantasie. Unter anderen Talenten.

In der Mittagspause sah Laura Perkin endlich wieder. Er saß ganz allein an einem Vierertisch in einer Ecke der Kantine.

Sie schluckte heftig, entschloss sich zu einem kühnen Vorstoß und löste sich aus dem Grüppchen von Buchhaltungsangestellten, um ihr Tablett zu Perkins Tisch zu tragen. Normalerweise war sie ein schüchternes, reserviertes Mädchen, aber sie hatte seit einem halben Jahr kein Date mehr gehabt und sehnte sich nach mehr als Schokolade und American Idol. Ganz zu schweigen davon, dass ihre Batterien inzwischen fast leer waren.

»Ähem, ist dieser Platz noch frei?« Sie wies auf den leeren Stuhl gegenüber von Perkin.

Er sah von seinem Sandwich mit Eiersalat auf und blinzelte. »Mhhh, ja.«

Laura lächelte, stellte ihr Tablett ab und setzte sich auf den Stuhl. Ihr langes, dunkles Haar war lose zu Zöpfen geflochten, die an den Enden von roten Bändern zusammengehalten wurden, und sie trug einen leichten Hauch von Rouge, Lidschatten und Lippenstift auf ihrem runden, mädchenhaften Gesicht. Gekleidet war sie in einen dünnen rosa Pullover und einen langen weißen Rock. Nicht gerade aufreizend, aber ein Mädchen musste mit dem arbeiten, was es hatte.

Sie biss in ihr Sandwich mit Thunfischsalat, und eine Weile sahen die beiden einander verlegen beim Essen zu. »Dann sind Sie … ähem … Versicherungsmathematiker?«, fragte Laura schließlich.

»Nein, noch nicht ganz«, antwortete Perkin. Er nahm seine Milchpackung und saugte mit einem Paar Lippen, die voller und roter als die von Laura waren, an dem Strohhalm. »Ich habe mein Examen noch nicht abgeschlossen.«

»Das muss faszinierend sein«, gab sie schwärmerisch zurück. Hinter ihrem dunklen Brillengestell blitzten ihre braunen Augen. Sie warf ihrerseits die Lippen auf, schloss sie fest um den Strohhalm und saugte mit einem feuchten, kehligen Glucksen die Milch ein. Ein Tropfen rann aus ihrem Mundwinkel, und sie leckte ihn auf und zog die Zunge langsam wieder ein. »Ich selbst bin im zweiten Jahr meiner Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin.«

»Großartig.« Perkin strich sich ein abgängiges Haar mit einer glatten, zu großen Hand zurück.

»Ja, das ist es«, hauchte Laura. Mit kräftigen, weißen Zähnen, aufgerissenen Augen und geblähten Nasenflügeln biss sie in das Brot. »Ich will nicht mein ganzes Leben lang Buchungen erledigen, sondern das lieber andere Leute machen lassen.«

»Klingt vernünftig«, antwortete Perkin. Er leckte sich die Lippen und schluckte. Sein vorstehender Adamsapfel hüpfte über seinem konservativ gestreiften Schlips auf und ab.

Laura bewegte unter dem Tisch die Beine und errötete im Gesicht und überall. »Haben Sie schon mal die Fernsehserie Numb3rs gesehen? Gestern Abend …«

Ein Summer ertönte.

Perkin wischte sich sorgfältig Hände und Mund mit einer Serviette ab und stand auf. »Ich muss los«, sagte er, nahm sein Tablett vom Tisch und ging davon.

Ein Mann, der seine Verantwortung ernst nimmt, dachte Laura träumerisch und sah den straffen Hinterbacken des Mannes nach, die in der Menschenmenge, die die Kantine verließ, verschwanden.

Laura war sich ihrer einzigartigen übersinnlichen Fähigkeiten erst mit zwölf bewusst geworden, als sie bei einer Freundin zu einer Pyjamaparty eingeladen war. Als Einzelkind, das mit seinen Eltern in einer geräumigen Villa lebte, hatte sie noch nie so nahe bei jemand anderem geschlafen. Doch in dieser Nacht hatte sich Ashley Schweinsteiger direkt neben ihr hingelegt. Und dann war, als Laura wach lag und dem schweren, nasalen Atem des Mädchens lauschte, plötzlich ein seltsames Bild in ihren Gedanken aufgeflammt: Ashley, die auf einem Einhorn ritt.

Als Laura sich konzentrierte, war Ashleys merkwürdiger Traum in beider Köpfe weitergegangen. Ashley und ihr Einhorn waren über Regenbogen und Wasserfälle gesprungen, unter dem Applaus einer Menge von Bewunderern, die aus einem Casting für Nickelodeon hätten stammen können, auf einer goldenen Wiese im Kreis geritten und hatten von einem Zentauren, der wie Freddie Prinze Junior aussah, eine riesige rote Siegesschärpe verliehen bekommen. Laura wusste, dass das Mädchen von Pferden geradezu besessen war. Ein wenig zu sehr, stellte sie fest, als Ashley den Prinze-Zentauren umarmte. Und später … wurde es noch merkwürdiger.

Als die Dotcom-Blase platzte und ihr Vater für drei Jahre im Gefängnis landete, mussten Laura und ihre Mutter in eine enge Sozialwohnung ziehen, und erst da entdeckte sie ihre telepathischen Fähigkeiten und bildete sie vollständig aus.

Sie teilte sich ein Schlafzimmer mit ihrer Mutter. Nachts lag Laura wach, konzentrierte sich auf den Geist der Schlafenden und empfing ihre Träume. Für gewöhnlich ging es darin um die Familie und bessere Zeiten – worüber Laura weinen musste –, oder um die boshafte Leiterin der Parfümabteilung in dem Kaufhaus, wo ihre Mutter arbeitete. Das rührte Laura erst recht zu Tränen.

Sie fand heraus, dass sie nur die Gedanken Schlafender lesen konnte. Aber sie war auch in der Lage, sich in den Traum einer anderen Person hineinzuprojizieren, wenn sie sich stark genug konzentrierte.

Das gelang ihr erstmalig, als D’arby T. Spoule, Teilzeitkünstler und Vollzeit-Parkwächter, in die Wohnung nebenan zog. Ihre Schlafzimmer waren nur durch eine dünne Gipsplatte getrennt, und Laura zapfte seine üppigen, dynamischen und von Farben erfüllten Träume an, in denen er den Himmel anmalte, kolossale Skulpturen schuf und die hochnäsigen, ahnungslosen Galeriebesitzer und Kunstagenten, die D’arbys Arbeiten ablehnten, mit zusammengerollten Leinwänden und riesigen Pinseln verprügelte.

Sie lag im Bett und wurde in seinen spektakulären Träumen lebendig, trat persönlich in seine aufregenden Schlafszenarien ein und nahm daran teil. Sie beide bestanden zusammen mit anderen Künstlern und Modellen alle möglichen wunderbaren Abenteuer im ruhmreichen Kampf für Wahrheit und Schönheit; fantastische Traumreisen ins Unterbewusstsein, die Welten entfernt von der deprimierenden Umgebung von Apartment 10 C und D waren.

Wenn D’arby Laura in der Realität auf dem Flur oder im Aufzug des Gebäudes begegnete, pflegte er sie merkwürdig anzusehen und nachdenklich über seinen roten Bart zu streichen. Als erkenne er mehr in ihr als nur das Mädchen von nebenan, obwohl er nicht wusste, warum oder wie. In D’arbys raffinierten, sinnlichen Träumen sprühte mehr herum als nur Farben und Ton.

Nach einigen weiteren erfolglosen Versuchen, in der Firma Perkins Interesse zu wecken, beschloss Laura, ihre besonderen Kräfte einzusetzen, um den Kerl neugierig zu machen. Sicher, sie hätte ihre Gabe auch benutzen können, um den örtlichen Dschihadisten im Traum Frieden und Brüderlichkeit zu predigen oder die Träume von Lokalpolitikern mit dem Bedürfnis nach billigeren Bustarifen und bezahlbaren Wohnungen zu erfüllen. Aber da sie zwanzig und so geil wie die Blechbläser in einer Band aus Marines war, hatte das Mädchen andere Prioritäten.

Mit Evelyns Hilfe fand sie heraus, wo Perkin wohnte und hatte dann das Glück, die Wohnung unter ihm mieten zu können. Sie unterschrieb einen Dreimonatsvertrag und brachte heimlich ein Klappbett, eine Decke und ein Kissen darin unter. Und setzte ihren Plan zu seiner unterbewussten Verführung in die Tat um.

Am ersten Abend hörte sie deutlich, wie er über ihr herumging, denn das ganze Tudorstil-Gebäude knarrte wie Grandma Moses’ Schaukelstuhl. Sie hörte seinen Fernseher, hörte ihn im Bad und hörte schließlich, wie er in sein Schlafzimmer am anderen Ende der Diele ging. Dann kam nichts mehr. Die Arme starr an den Seiten ausgestreckt zitternd und mit zusammengebissenen Zähnen legte sie sich auf das Klappbett und konzentrierte sich. Sie hatte noch nie versucht, mit Absicht den Traum eines Mannes zu manipulieren. Aber sie war eine Frau, nicht nur ein Medium, und daher wusste sie, wozu sie in der Lage war. Der Ruf ihrer wild gewordenen Hormone übertönte mit Leichtigkeit jeden Zweifel.

Leider war Perkin nicht der Typ, der einschlief, sobald sein Kopf das Kissen berührte: Über eine halbe Stunde lang lag Laura da und empfing nichts von ihm. Dagegen bekam sie alles von der Frau nebenan mit. Der Traum stammte direkt aus einem Videospiel, und zwar einem mit der Bewertung »P« für »psycho«. Die Frau bewaffnete sich wie Rambo, fuhr wie der Terminator durch eine Gebäudefront und ballerte los, dass sogar Gears of War darüber abgestürzt wäre. Die Menschen fielen wie die Fliegen.

Laura sah eine Weile bei diesem Chaos zu, bis es langweilig wurde, und dann löste sie sich aus dem Traum und schlief prompt ein. Am nächsten Morgen sah sie, wie die Frau – eine zierliche Blondine mit einem liebreizenden Lächeln und blitzenden grünen Augen –, ihre Wohnung verließ. Sie trug die stolze Uniform der US-Post.

In der zweiten Nacht stellte Laura endlich eine Verbindung zu Perkin her. Sie hörte, wie er zwischen Wohnzimmer und Bad, der Küche, dem Wohnzimmer und wieder dem Bad hin- und herlief und schließlich ins Schlafzimmer ging. Ein letztes Mal knarrten die Bodendielen über ihrem Kopf, und dann war alles still.

Mit feuchten Händen umklammerte sie die Decke, schloss die Augen und konzentrierte sich. Männer und Frauen in Blau strömten schreiend aus einem riesigen Lagerhaus, während eine durchgeknallte kleine Blondine mit einer Superknarre Blei spritzte wie aus einem Feuerwehrschlauch. Sie schüttelte den falschen Traum ab und konzentrierte sich stärker. Und da war es. Schwach. Eine schwarzweiße Welt aus Großraumbüros, Computern und Teppichboden. Sie konzentrierte sich noch mehr, als Perkin tiefer einschlief.

Er saß an seinem Schreibtisch an seinem Arbeitsplatz, scrollte auf dem Bildschirm Tabellen hinunter, wühlte sich durch riesige Ordner mit Statistiken und Schadensberichten, machte sich Notizen und füllte Kalkulationstabellen aus. Nicht eine Grauschattierung in Sicht. Das war der feuchte Traum eines Mathematikers.

Nun ja, Träume über die Arbeit waren ja nichts Ungewöhnliches. Geduldig lag Laura auf dem Klappbett und wartete darauf, dass der Traum in Schwung kam, etwas Farbe gewann, oder dass etwas Vergnügliches geschah. Das wäre dann genau die richtige Stelle für sie gewesen, dachte sie, um aufzutreten und eine Verbindung herzustellen.

Aber der Traum gewann nicht an Tempo. Der Kerl arbeitete im Schlaf genauso fleißig wie im Wachzustand. Er hatte sich darin vertieft, den jährlichen Versicherungsbericht für den Lehrer-Pensionsfonds zusammenzutragen, und er machte jede Menge Überstunden. Fluchend zerknüllte Laura die Decke, und ihre Nase zuckte, als wäre sie verhext.

Okay, dachte sie, es kann trotzdem funktionieren. Ich werde dafür sorgen, dass es klappt.

Jemand klopfte an die schwarzweiße Trennwand um Perkins Arbeitsplatz. Er blickte auf, und da stand sie. Sie hatte sich mit einem hautengen, tief ausgeschnittenen roten Kleid aufgebrezelt, dessen Saum auf der ...

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