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Naomi Klein

Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann

Aus dem kanadischen Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Barbara Steckhan

Hoffmann und Campe

Die Zukunft ist nicht in eine bestimmte Bahn gegossen. Im Gegenteil, wir könnten das sechste große Massenaussterben in der Erdgeschichte auslösen oder eine blühende, langfristig tragfähige Zivilisation schaffen. Von nun an ist beides möglich.

– Kim Stanley Robinson

Einführung:
»Wir sind der Flächenbrand«

An einem Freitag Mitte März 2019 strömten sie, aufgeregt wegen ihres trotzigen, widerständigen Akts des SchuleschwänzensSchulstreiks, plappernd in schmalen Rinnsalen aus den Schulen. Die kleinen Gruppen strebten zu den großen Alleen und Boulevards, wo sie sich mit anderen Strömen singender und schwatzender Kinder und Jugendlicher in Leggings mit Leopardenmuster, sauberen Uniformen oder Jeans und T-Shirt vereinten.

Bald wurden aus den Rinnsalen rauschende Flüsse: 100000 Teilnehmer in Mailand, 40000 in Paris, 150000 in Montreal.

Pappschilder tanzten über der Menschenwelle: Es gibt keinen Planeten B! Verbrennt nicht unsere Zukunft! Das Haus steht in Flammen!

Einige Transparente waren etwas komplexer. In New York hielt ein Mädchen ein üppig bemaltes Bild voller filigraner Hummeln, Blumen und Tiere des Dschungels hoch. Aus der Ferne sah es aus wie das Ergebnis eines Schulprojekts zur Artenvielfalt; bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass es eine Klage über das sechste MassenaussterbenMassenaussterben war: 45 % der Insekten durch den Klimawandel ausgestorben, 60 % aller Tierspezies in den letzten fünfzig Jahren verschwunden. In die Mitte hatte das Mädchen eine ablaufende Sanduhr gemalt.

Die jungen Menschen, die am ersten weltweiten SchulstreikSchulstreiks für das Klima teilnahmen, waren im Unterricht radikalisiert worden. Nachdem sie in ihren Schulbüchern und in aufwendigen Dokumentarfilmen von alten GletschernGletscher, atemberaubenden KorallenriffenKorallenriffe und exotischen Säugetieren als den vielen Wundern unseres Planeten erfahren hatten, mussten sie – aufgerüttelt durch Lehrer, ältere Geschwister oder neuere Dokus – feststellen, dass ein Großteil dieser Wunder bereits verschwunden und der Rest dem Untergang geweiht sein würde, bevor sie ihren dreißigsten Geburtstag feiern würden.

Doch nicht nur, was sie über den Klimawandel gelernt hatten, bewog diese jungen Leute dazu, massenhaft dem UnterrichtSchulstreiks fernzubleiben. Sehr viele von ihnen erfuhren ihn bereits am eigenen Leib. Vor dem Parlamentsgebäude im südafrikanischen KapstadtKapstadt riefen Hunderte junge Streikende ihre gewählten Politiker in Sprechchören dazu auf, keine neuen Vorhaben mehr zu genehmigen, bei denen fossile EnergieträgerFossile Energieträger zum Einsatz kämen. Erst ein Jahr zuvor hatte sich die Stadt mit vier Millionen Einwohnern im Griff einer so schweren DürreDürre befunden, dass die WasserversorgungWasserversorgung bei drei Vierteln der Bewohner zusammenzubrechen drohte. »KapstadtKapstadt nähert sich der ›Stunde null‹ nach der DürreDürre«, lautete eine typische Schlagzeile. Der Klimawandel war für diese jungen Menschen nicht etwas, worüber sie in Büchern lasen oder was sie in ferner Zukunft zu befürchten hatten. Er war so gegenwärtig und akut wie der Durst nach Wasser selbst.

Dasselbe galt für den Klimastreik auf der Pazifikinsel VanuatuVanuatu, wo die Bewohner in der ständigen Angst vor weiteren KüstenerosionenErosion leben. Der benachbarte Inselstaat, die SalomonenSalomonen, hatte bereits fünf kleine Inseln an das steigende Wasser verloren, und sechs weitere drohten für immer unterzugehen.

»Hebt eure Stimme, nicht den MeeresspiegelMeeresspiegel (Anstieg)!«, skandierten die Schüler.

In New YorkNew York kamen 10000 junge Menschen aus Dutzenden Schulen am Columbus Circle zusammen und marschierten mit dem Ruf »Geld zählt nicht mehr, wenn wir tot sind!« zum TrumpTrump, Donald Tower. Die Teenager unter ihnen hatten noch lebhafte Erinnerungen an den Tag im Jahr 2012, als der Supersturm SandyHurrikan Sandy in ihrer Küstenstadt gewütet hatte. »Mein Haus stand unter Wasser, und ich war total bestürzt«, erinnerte sich Sandra RogersRogers, Sandra. »Das hat mich dazu gebracht, der Sache nachzugehen, weil man in der Schule nichts darüber erfährt.«

Die große puertoricanische Gemeinde von New YorkNew York war an diesem unverschämt heißen Tag ebenfalls in großer Zahl vertreten. Manche Schüler hatten sich die Flagge des Inselstaats um die Schulter gelegt, um an die Verwandten und Freunde zu erinnern, die immer noch unter den Nachwehen des Hurrikans MariaHurrikan Maria litten, der 2017 in großen Teilen des Landes für fast ein Jahr die Strom- und WasserversorgungWasserversorgung lahmgelegt hatte – ein totaler Zusammenbruch der Infrastruktur, der etwa dreitausend Menschen das Leben gekostet hatte.

Auch in San FranciscoSan Francisco brodelte die Stimmung. Hier trafen sich mehr als tausend SchülerSchulstreiks, die aufgrund von Schadstoffen aus den benachbarten Industriebetrieben unter chronischem Asthma litten. Ihr Leiden hatte sich noch verschlimmert, als wenige Monate zuvor der RauchRauch eines großen Waldbrands in die Bay Area gewabert war. Ähnliche Klagen erhoben Streikende im gesamten Pazifischen NordwestenPazifischer Nordwesten, wo WaldbrändeBrändeWaldbrände nie gesehenen Ausmaßes zwei Sommer hintereinander die Sonnenstrahlen abgeblockt hatten. Auf der anderen Seite der Grenze, in VancouverVancouver, hatten junge Menschen bereits die Ausrufung des Notstands durch den Stadtrat erreicht.

Im 11000 Kilometer entfernten DelhiDelhi trotzten streikende SchülerSchulstreiks der allgegenwärtigen LuftverschmutzungLuftverschmutzung (die häufig weltweit Rekorde bricht) und riefen durch ihre weißen Mundschutzmasken hindurch: »Ihr habt unsere Zukunft verkauft, nur wegen des Profits!« In Interviews sprachen manche von den verheerenden ÜberschwemmungenÜberschwemmungen in Kerala, bei denen 2018 über vierhundert Menschen ums Leben gekommen waren.

Der vom Kohlenstaub offenbar benebelte australische Industrieminister erklärte: »Das Beste, was man von dem Protest lernen kann, ist, wie man arbeitslos wird.« Doch unbeeindruckt davon strömten 150000 junge Leute auf die Plätze von Sydney, Melbourne, Brisbane, Adelaide und anderen Städten.

In AustralienAustralien ist die junge Generation zu dem Schluss gekommen, dass sie einfach nicht mehr so tun kann, als wäre alles normal. Nicht mehr, seit Anfang 2019 in der südaustralischen Stadt Port AugustaPort Augusta (Australien) die TemperaturenTemperaturanstieg auf sagenhafte 49,5 Grad Celsius gestiegen waren. Nicht, nachdem die Hälfte des Great Barrier ReefGreat Barrier Reef, der weltweit größten natürlichen Struktur aus Lebewesen, zu einem verrottenden Massengrab unter Wasser geworden war. Nicht, nachdem sie in den Wochen unmittelbar vor dem Streik hatten mit ansehen müssen, wie sich im Bundesstaat Victoria mehrere BuschbrändeBrändeBuschbrände zu einem massiven Großfeuer ausgewachsen und Tausende Bewohner gezwungen hatten, aus ihren Häusern zu fliehen. Nicht, nachdem in TasmanienTasmanien Wildfeuer Primärwälder zerstört hatten, deren Ökosysteme weltweit kein zweites Mal existierten. Nicht, nachdem im Januar 2019 extreme Temperaturschwankungen und Misswirtschaft bei der WasserversorgungWasserversorgung dazu geführt hatten, dass das ganze Land zu den Morgennachrichten apokalyptische Bilder des Darling River serviert bekam, der von schwimmenden Fischkadavern verstopft wurde.

»Ihr habt uns alle furchtbar im Stich gelassen«, sagte die fünfzehnjährige Organisatorin des Streiks, Nosrat FarehaFareha, Nosrat, und meinte damit die gesamte politische Klasse. »Wir haben etwas Besseres verdient. Junge Leute, die nicht einmal wählen dürfen, werden mit den Folgen eurer Tatenlosigkeit leben müssen.«

In MosambikMosambik beteiligte sich unterdessen niemand am internationalen SchülerstreikSchulstreiks. Vielmehr bereitete sich das ganze Land auf den Zyklon IdaiZyklon Idai vor, einen der schlimmsten Stürme in der Geschichte AfrikasAfrika, der Menschen auf BäumenBäume Zuflucht suchen ließ, während das Wasser immer weiter anstieg und schließlich über tausend Menschen in den Tod riss. Nur sechs Wochen später, während die Bevölkerung noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, wurde MosambikMosambik vom Zyklon KennethZyklon Kenneth heimgesucht, einem weiteren rekordverdächtigen Sturm.

Diese Generation hat, wo immer man in der Welt hinschaut, eins gemeinsam: Sie ist die erste, für die der Zusammenbruch des Klimas in weltweiter Dimension keine ferne Bedrohung mehr ist, sondern erlebte Wirklichkeit. Und nicht nur an ein paar Brennpunkten, die besonderes Pech haben, sondern auf jedem einzelnen Kontinent, wobei nahezu alles bedeutend schneller aus den Fugen gerät, als es die meisten wissenschaftlichen Modelle vermuten ließen.

Die Meere erwärmen sich um 40 Prozent schneller, als die Vereinten Nationen noch vor fünf Jahren vorausgesagt haben. Und eine umfassende, 2019 in der Zeitschrift Environmental Research LettersEnvironmental Research Letters veröffentlichte Studie unter Leitung des Glaziologen Jason BoxBox, Jason zum Zustand der ArktisArktisAbschmelzen des MeereisesArktis zeigt, dass Eis in verschiedenen Formen so rapide abschmilzt, dass sich das »biophysikalische System der ArktisArktis inzwischen deutlich von seinem Zustand, wie er im 20. Jahrhundert herrschte, zu einem nie dagewesenen hinbewegt, mit Folgen nicht nur in der ArktisArktis selbst, sondern auch über ihre Grenzen hinaus«. Im Mai 2019 veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat IPBESIPBESUN-Weltbiodiversitätsrat IPBESUN-Weltbiodiversitätsrat IPBES (United Nations Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) einen Bericht über den alarmierenden Verlust von Wildtieren und warnte, dass eine Million Tier- und Pflanzenspezies auszusterben drohen. »Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und alle anderen Arten abhängig sind, nimmt rascher ab als je zuvor«, erklärte der Vorsitzende des Rates Robert WatsonWatson, Robert. »Wir höhlen weltweit die Grundlagen der Volkswirtschaften, unserer Erwerbsquellen, der Nahrungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität aus. Wir haben schon genug Zeit verloren. Jetzt müssen wir handeln.«

Und so fiel bei vielen der Schüler, die schon im Kindergarten gelernt hatten, wie man im Fall eines Amoklaufs in Deckung geht, der Unterricht wegen des RauchsRauch von FlächenbrändenBrändeFlächenbrände aus, oder sie mussten angesichts eines heranrollenden Hurrikans ihre Taschen für eine Evakuierung packen. In GuatemalaGuatemala wurden zahlreiche Kinder gezwungen, ihre Heimat für immer zu verlassen, weil eine anhaltende DürreDürre die Existenzgrundlage ihrer Eltern zerstört hatte, und in SyrienSyrien war jahrelange DürreDürre einer der Gründe für den Ausbruch des Bürgerkriegs.

Es ist inzwischen dreißig Jahre her, dass Regierungsvertreter und Wissenschaftler erstmals zu offiziellen Treffen zusammenkamen und über die notwendige ReduzierungKlimawandelReduktion der Emissionen von TreibhausgasemissionenTreibhausgasemissionen sprachen, um einen Zusammenbruch des Klimas zu verhindern. Seither hören wir immer wieder Appelle, zu handeln, in denen von »den Kindern«, »den Enkeln« und »den nächsten Generationen« die Rede ist. Man sagt uns, wir seien es ihnen schuldig, rasch Maßnahmen zu ergreifen und Veränderungen vorzunehmen. Man warnt uns, bei unserer heiligsten Aufgabe, dem Schutz dieser Kinder, nicht zu versagen. Und man droht uns, jene Kinder würden uns scharf verurteilen, wenn wir nicht in ihrem Sinne handelten.

Doch keiner dieser emotionalen Appelle konnte überzeugen, jedenfalls nicht die Politiker und ihre Hintermänner aus der Wirtschaft, die mutige Schritte hätten unternehmen können, um die Klimakrise zu stoppen, die wir alle heute erleben. Im Gegenteil, seit Beginn jener Gespräche auf Regierungsebene im Jahr 1988 haben die weltweiten CO2-EmissionenCO2-Emissionen um gut 40 Prozent zugenommen, Tendenz steigend. Seit wir KohleKohleenergie auf industriellem Niveau verbrennen, hat sich der Planet um etwa ein Grad erwärmt, und die DurchschnittstemperaturenTemperaturanstieg werden bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich um weitere vier Grad steigen. Das letzte Mal, dass sich eine solche Menge Kohlendioxid in der AtmosphäreAtmosphäreKohlendioxidgehaltAtmosphäre befand, gab es noch keine Menschen auf diesem Planeten.

Und die Kinder, Enkelkinder und Generationen, die so häufig heraufbeschworen werden? Sie sind nicht mehr nur Gegenstand von emotionalen Reden. Sie sprechen (schreien und streiken) jetzt für sich selbst. Und sie machen füreinander den Mund auf als Teil einer wachsenden internationalen Bewegung von Kindern und als Teil einer Schöpfung, zu der all jene erstaunlichen Tiere und Naturwunder gehören, in die sie sich so spontan verliebt hatten, nur um festzustellen, dass sie alle dem Untergang geweiht sind.

Und ja, wie vorhergesagt sind diese Kinder im Begriff, ihr moralisches Verdikt über die Menschen und Institutionen zu sprechen, die genau darüber Bescheid wussten, was für eine gefährliche, ausgelaugte Welt sie hinterlassen würden, und dennoch nicht gehandelt haben.

Sie wissen, was sie von Donald TrumpTrump, Donald in den Vereinigten Staaten, von Jair BolsonaroBolsonaro, Jair in Brasilien und Scott MorrisonMorrison, Scott in Australien und von all den anderen Mächtigen zu halten haben, die trotzig und freudig den Planeten in Brand setzen und gleichzeitig die elementarsten wissenschaftlichen Erkenntnisse bestreiten, die bereits die Achtjährigen unter diesen Kindern mühelos verstehen. Ebenso vernichtend ist das Urteil dieser jungen Menschen über die Politiker, die leidenschaftliche und bewegende Reden über die zwingende Notwendigkeit halten, das Pariser KlimaabkommenPariser Klimaabkommen zu respektieren und »den Planeten wieder groß zu machen« (Emmanuel MacronMacron, Emmanuel, der kanadische Ministerpräsident Justin TrudeauTrudeau, Justin, Angela MerkelMerkel, Angela und viele andere), dann aber die FossilFossilindustrie- und Agrobusiness-Riesen mit SubventionenFossilindustrieSubventionen, Zuwendungen und Lizenzen überschütten, die den ökologischen Zusammenbruch anheizen.

Junge Menschen auf der ganzen Welt dringen zum Kern der Klimakrise vor, sprechen von einer tiefen Sehnsucht nach einer Zukunft, die sie zu haben glaubten, die aber mit jedem Tag mehr dahinschwindet, an dem die Erwachsenen angesichts des Ernstfalls, in dem wir uns befinden, tatenlos abwarten.

Darin besteht die Kraft der jugendlichen KlimabewegungKlimabewegung. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, die an den Hebeln der Macht sitzen, haben sie noch nicht gelernt, die unvorstellbaren Gefahren unserer Zeit mit bürokratischen Floskeln und unnötig komplizierten Phrasen zu verschleiern. Sie begreifen, dass sie für das fundamentale Recht kämpfen, ein erfülltes Leben zu führen – ein Leben, in dem sie nicht, wie die dreizehnjährige Streikende Alexandria VillaseñorVillaseñor, Alexandria sagt, »vor Katastrophen davonlaufen müssen«.

An jenem Tag im März 2019 fanden laut Schätzung der Organisatoren etwa 2100 KlimastreiksSchulstreiks von Jugendlichen in 125 Ländern mit insgesamt 1,6 Millionen Teilnehmern statt. Das ist schon eine enorme Leistung für eine Bewegung, die erst acht Monate zuvor mit einem einzigen fünfzehnjährigen Mädchen in Stockholm ihren Anfang genommen hatte.

Gretas »Supermacht«

Das Mädchen, das ich meine, ist Greta ThunbergThunberg, Greta, und von ihr kann man eine Menge darüber lernen, was wir für die Sicherung einer lebenswerten Zukunft brauchen, und zwar nicht für eine abstrakte Idee von »zukünftigen Generationen«, sondern für Milliarden heute lebender Menschen.

So wie viele Gleichaltrige erfuhr GretaThunberg, Greta vom Klimawandel, als sie acht Jahre alt war. Sie las Bücher und sah sich Dokumentarfilme über aussterbendeMassenaussterben Arten und schmelzende GletscherGletscher an. Und es ließ sie nicht mehr los. Sie begriff, dass die Verbrennung fossiler EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger und eine auf Fleisch beruhende Ernährung in erheblichem Maße zur Destabilisierung des Planeten beitrugen, und entdeckte, dass zwischen unserem Handeln und den Reaktionen der Erde eine gewisse Zeitspanne liegt, das heißt eine weitere ErwärmungErderwärmung bereits feststeht, unabhängig davon, was wir jetzt tun.

In den folgenden Jahren beschäftigte sie sich weiter mit dem Thema, insbesondere mit wissenschaftlichen Vorhersagen darüber, wie radikal sich die Erde bis 2040, 2060 und 2080 verändern wird, sollten wir unseren gegenwärtigen Kurs beibehalten. Sie stellte sich vor, was das für ihr eigenes Leben bedeuten würde: die Schocks, die sie erfahren würde, der Tod, der sie umgeben könnte, die Lebensformen, die für immer verschwinden würden, die Schrecknisse und Entbehrungen, die ihre eigenen Kinder erwarteten, sollte sie sich entschließen, Mutter zu werden.

GretaThunberg, Greta lernte auch von Klimawissenschaftlern, dass es so schlimm nicht kommen müsse und die Chancen auf eine sichere Zukunft für ihre und die nächste Generation erheblich besser stünden, wenn wir jetzt energisch handeln und die EmissionenKlimawandelReduktion der Emissionen in wohlhabenden Ländern wie Schweden um 15 Prozent pro Jahr senken würden. Denn dann könnten wir noch ein paar GletscherGletscher retten und viele Inselstaaten vor dem Untergang bewahren. Wir könnten schwere Missernten verhindern, die andernfalls Hunderte Millionen, ja womöglich Milliarden Menschen zur Flucht zwingen würden.

Wenn all das wahr wäre, überlegte sie, »würden wir doch über nichts anderes mehr reden. […] Wenn die Verbrennung fossiler EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger unsere Existenz bedrohte, wie konnten wir dann einfach so weitermachen wie bisher? Warum wurde das nicht eingeschränkt? Warum wurde das nicht verboten?«

Es war einfach unbegreiflich. Zweifellos müssten sich Länder, insbesondere wenn sie über die nötigen Mittel verfügten, ihrer Verantwortung stellen und innerhalb eines Jahrzehnts für grundlegende Änderungen des KonsumverhaltensKonsum und eine Umgestaltung der Basis-Infrastruktur sorgen, bis GretaThunberg, Greta Mitte zwanzig sein würde. Tatsächlich bewegte sich jedoch die Regierung ihres Landes, das sich zum Vorreiter des Klimaschutzes stilisierte, viel zu langsam, und die weltweiten Emissionen stiegen weiter an. Es war Wahnsinn: Die Welt stand in Flammen, und doch plauderten die Leute, wo immer GretaThunberg, Greta hinsah, über Prominente, machten Selfies, bei denen sie die Posen der Stars nachahmten, kauften sich neue Autos und neue Klamotten, die sie nicht brauchten – als hätten sie alle Zeit der Welt, die Flammen zu löschen.

Mit elf Jahren war sie in eine tiefe Depression gestürzt. Es gab viele Faktoren, die dazu führten, und manche hingen damit zusammen, dass sie in einem Schulsystem, in dem erwartet wurde, dass alle Kinder mehr oder weniger gleich waren, anders war (»Ich war das unsichtbare Mädchen in der letzten Reihe«). Aber sie verspürte auch großen Kummer und Hilflosigkeit angesichts des sich rapide verschlechternden Zustands des Planeten – und der unfassbaren Tatenlosigkeit der Regierenden.

ThunbergThunberg, Greta hörte auf zu sprechen und zu essen. Sie wurde ernstlich krank. Schließlich erhielt sie die Diagnose selektiver Mutismus, Zwangsneurose und eine milde Form von AutismusAutismus, die als Asperger-SyndromAsperger-Syndrom bezeichnet wird. Letzteres war eine Erklärung dafür, warum GretaThunberg, Greta die Dinge, die sie über den Klimawandel erfuhr, so viel mehr zu Herzen gingen als vielen Gleichaltrigen.

Autistische Menschen neigen dazu, alles extrem ernst zu nehmen und haben deshalb Schwierigkeiten im Umgang mit der kognitiven Dissonanz, also der Kluft zwischen dem, was wir verstandesmäßig erkennen, und unserem Handeln, ein Phänomen, das unser modernes Leben prägt. Viele von einer Form des AutismusAutismus Betroffene sind zudem kaum anfällig dafür, das soziale Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld nachzuahmen – sie nehmen sogar oft gar keine Notiz davon –, und folgen eher ihrem ganz eigenen Weg. Dazu gehört auch oft, dass sie sich mit großer Intensität auf ihre Interessenschwerpunkte fokussieren und sich schwertun, sie auszublenden (die sogenannte Kompartimentierung). »Für uns Autismusbetroffene«, sagt ThunbergThunberg, Greta, »ist fast alles schwarz oder weiß. Wir können nicht gut lügen, und in der Regel nehmen wir nicht gern an dem sozialen Spiel teil, das der Rest von euch so zu mögen scheint.«

Diese Eigenschaften erklären, warum manche Menschen mit derselben Diagnose wie GretaThunberg, Greta kompetente Wissenschaftler werden oder sich der klassischen Musik verschreiben und ihre starke Fokussierung höchst wirksam nutzen. Sie machen auch verständlich, warum ThunbergThunberg, Greta, als sie ihre laserartig präzise Aufmerksamkeit auf den Zusammenbruch des Klimas lenkte, vollkommen überwältigt war und sich weder vor der Angst noch vor der Trauer schützen konnte. Sie sah und spürte deutlich die Folgen der Krise und war für Ablenkung unzugänglich. Zudem war die Tatsache, dass andere Menschen in ihrem Leben (Klassenkameraden, Eltern, Lehrer) relativ wenig betroffen schienen, kein beruhigendes Signal für sie, wie es bei Kindern der Fall ist, deren soziale Bindungen stärker sind. Im Gegenteil, der offenkundige Mangel an Besorgnis in ihrem Umfeld verstärkte ThunbergsThunberg, Greta Ängste noch.

Laut GretaThunberg, Greta und ihren Eltern spielte die Tatsache, dass sie Mittel und Wege fand, die unerträgliche kognitive Dissonanz zwischen ihrem Wissen über die Krise des Planeten und der Lebensweise ihrer Familie zu verringern, für das Wiederauftauchen aus ihrer gefährlichen Depression eine große Rolle. Sie überzeugte ihre Eltern, sich wie sie selbst vegan oder zumindest vegetarisch zu ernähren und, am allerwichtigsten, nicht mehr zu fliegen. (Ihre Mutter ist eine bekannte Opernsängerin, sodass dies kein geringes Opfer war.)

Die Menge an KohlenstoffKohlenstoff, die aufgrund dieser persönlichen Entscheidungen nicht in die AtmosphäreAtmosphäreKohlendioxidgehaltAtmosphäre gelangte, war minimal. GretaThunberg, Greta war sich dessen bewusst, dennoch entlastete es sie psychisch, dass sie ihre Familie überzeugen konnte, mit der Änderung ihrer Lebensweise eine Antwort auf die Notlage des Planeten zu geben. Zumindest tat sie jetzt nicht mehr so, als wäre alles in Ordnung, wenn auch nur in ihrem eigenen bescheidenen Rahmen.

Die wichtigste Veränderung, die ThunbergThunberg, Greta vornahm, hatte nichts mit Ernährung und Fliegen zu tun, sondern betraf die Suche nach einer Möglichkeit, der Welt zu zeigen, dass es an der Zeit war, nicht mehr so zu tun, als sei alles normal, wo doch das Normale unmittelbar in die Katastrophe führte. Wenn sie erreichen wollte, dass mächtige Politiker den Notstand anerkannten und den Klimawandel bekämpften, dann musste sich dieser Notstand auch in ihrem eigenen Leben widerspiegeln.

Und so beschloss sie mit fünfzehn, nicht länger das zu tun, was Kinder tun sollten, wenn alles normal ist: in die Schule zu gehen und sich auf ihre Zukunft als Erwachsene vorzubereiten.

»Warum«, fragte sich GretaThunberg, Greta, »sollen wir für eine Zukunft lernen, die es vielleicht bald nicht mehr gibt, weil niemand etwas unternimmt, um diese Zukunft zu retten? Und was für einen Sinn hat es, im Bildungssystem Dinge zu lernen, wenn die wichtigsten Tatsachen, die uns die beste Wissenschaft in ebendiesem Bildungssystem liefert, von unseren Politikern und unserer Gesellschaft ignoriert werden?«

So ging ThunbergThunberg, Greta im August 2018, zu Beginn des neuen Schuljahrs, nicht zum Unterricht. Sie stellte sich mit einem handgeschriebenen Plakat vor das schwedische Parlament, auf dem einfach nur stand: SchulstreikSchulstreiks für das Klima. Das wiederholte sie jeden Freitag, und sie blieb immer den ganzen Tag dort. Anfangs wurde GretaThunberg, Greta in ihrem blauen Kapuzenshirt aus einem Secondhand-Laden und mit ihren zerzausten braunen Zöpfen völlig ignoriert, wie ein unbequemer Bettler, der an das Gewissen gestresster, gehetzter Menschen appelliert.

Doch nach und nach schenkten die Medien dem donquijottischen Protest eine gewisse Aufmerksamkeit, und weitere Schüler sowie ein paar Erwachsene tauchten mit eigenen Plakaten neben ihr auf. Dann kamen die Einladungen, eine Rede zu halten – zunächst bei Kundgebungen zum Klimawandel, dann bei der UN-Klimakonferenz, bei der Europäischen UnionEuropäische Union (EU), bei TEDxStockholm, im VatikanVatikan, vor dem britischen Parlament. Sie wurde sogar gebeten, auf den berühmten Schweizer Berg zu kommen, um beim WeltwirtschaftsgipfelWeltwirtschaftsgipfel (Davos) in Davos vor den Reichen und Mächtigen zu sprechen.

Bei ihren Reden hielt sich GretaThunberg, Greta kurz, sie sprach schnörkellos und war harsch: »Sie sind nicht reif genug zu sagen, wie es ist«, erklärte sie den Klimaunterhändlern im polnischen Katowice. »Selbst diese Bürde überlassen Sie uns Kindern.« Und die britischen Parlamentarier fragte sie: »Ist mein Englisch okay? Ist das Mikrofon eingeschaltet? Denn allmählich wundere ich mich.«

Den Reichen und Mächtigen in DavosWeltwirtschaftsgipfel (Davos), die sie als Hoffnungsträgerin lobten, erwiderte sie: »Ich will Ihre Hoffnung nicht. […] Ich will, dass Sie in Panik geraten. Ich möchte, dass Sie die Angst spüren, die ich jeden Tag spüre. Ich möchte, dass Sie handeln. Ich möchte, dass Sie handeln wie in einer Krise. Ich möchte, dass Sie handeln, als stünde das Haus in Flammen, denn das tut es.«

Den Leuten im anspruchsvollen Publikum von Davos, all den Prominenten und Politikern, die von der Klimakatastrophe sprachen, als wäre sie ein Problem allgemeiner menschlicher Kurzsichtigkeit, schleuderte sie entgegen: »Wenn alle schuldig sind, kann man niemanden verantwortlich machen, aber jemand trägt die Schuld. […] Manche Leute, manche Unternehmen, vor allem manche Entscheidungsträger wissen genau, welche unschätzbaren Werte sie geopfert haben, um weiterhin unvorstellbare Mengen Geld zu verdienen.« Sie hielt inne, holte Luft und fuhr fort: »Und ich denke, viele von Ihnen, die heute hier sind, gehören zu dieser Gruppe von Menschen.«

Ihre schärfste Zurechtweisung der in DavosWeltwirtschaftsgipfel (Davos) Versammelten aber war wortlos. Statt in einem der Fünf-Sterne-Hotels zu übernachten, die zur Verfügung standen, trotzte sie der Temperatur von −18 Grad und schlief, eingekuschelt in einen leuchtend gelben Schlafsack, in einem Zelt. (»Ich bin kein großer Fan von Wärme«, erklärte mir GretaThunberg, Greta.)

Wenn sie in diesen Sälen voller Erwachsener in Anzügen sprach, die klatschten und mit ihren Smartphones Videos von ihr machten, als wäre sie ein Popstar, zitterte ihre Stimme nur selten. Aber die Tiefe ihrer Gefühle – Gefühle des Verlusts, der Angst, der Liebe zur Natur – war stets deutlich spürbar. »Ich appelliere an Sie«, sagte sie im April 2019 in einer emotionalen Rede vor dem Europäischen Parlament, »Sie dürfen hier nicht versagen!«

Auch wenn Greta ThunbergsThunberg, Greta Reden wenig Einfluss auf das Handeln der Politiker in all den imposanten Sälen hatte, so beeindruckte es die vielen Menschen draußen umso mehr. Fast jedes Video des Mädchens mit dem eindringlichen Blick wurde millionenfach geteilt. Es war, als hätte sie durch ihren Ruf »Es brennt!« auf unserem dichtbesiedelten Planeten zahllosen Mitmenschen das Selbstvertrauen gegeben, das sie benötigten, um ihrer eigenen Wahrnehmung zu trauen und den Rauch zu riechen, der unter all den fest verschlossenen Türen hindurchdrang.

Aber es ereignete sich noch etwas anderes. Wenn ThunbergThunberg, Greta darüber sprach, dass sie durch unsere kollektive Tatenlosigkeit in der Klimafrage beinahe ihren Lebenswillen verloren hätte, schien genau dies bei anderen den Überlebenswillen zu wecken. Viele von uns haben den puren Schrecken darüber, was es bedeutet, mitten im sechsten großen MassenaussterbenMassenaussterben zu leben und ständig wissenschaftliche Warnungen zu hören, dass uns die Zeit davonläuft, unterdrückt und abgespalten. GretasThunberg, Greta klare Stimme wies uns darauf hin, was wir da taten.

Plötzlich war GretaThunberg, Greta – das Mädchen, das sich selbst niemanden zum Vorbild nahm – die Stichwortgeberin für Kinder auf der ganzen Welt, die nun selbst begannen, SchülerstreiksSchulstreiks zu organisieren. Bei ihren Demonstrationen hielten viele Plakate mit den schärfsten Warnungen der jungen Schwedin in die Höhe: Ich möchte, dass Sie in Panik geraten! Unser Haus steht in Flammen! Bei einem großen SchulstreikSchulstreiks in Düsseldorf schwebte eine riesige Greta-Puppe aus Pappmachee über den Köpfen der Demonstranten, mit gerunzelten Augenbrauen und wippenden Zöpfen wie die Schutzheilige zorniger Kinder auf der ganzen Welt.

GretasThunberg, Greta außergewöhnlicher Weg von einem unscheinbaren Schulmädchen zu einer globalen Stimme des Gewissens verrät uns bei näherer Betrachtung viel darüber, was wir alle brauchen, um uns zu retten. ThunbergsThunberg, Greta übergeordnete Forderung lautet, die Menschheit als ganze müsse dem Beispiel folgen, das sie und ihre Familie gesetzt haben, und die Lücke schließen zwischen unserem Wissen um die Dringlichkeit der Klimakrise und unserem Verhalten. Der erste Schritt besteht darin, diese Dringlichkeit zu benennen, denn erst wenn wir den Notstand anerkennen, sind wir in der Lage, das Nötige zu tun.

Im Grunde genommen fordert sie uns Durchschnittsmenschen, die wir weniger zu extremer Fokussierung neigen und mit moralischen Widersprüchen ganz gut leben können, auf, zu werden wie sie. Das ist eine gute Idee.

In normalen Zeiten, wenn kein Notstand herrscht, sind die Fähigkeiten des menschlichen Geistes, Rechtfertigungen zu suchen, Dinge auszublenden und sich ablenken zu lassen, extrem wichtig. Diese drei Mechanismen helfen uns, durch den Tag zu kommen. Außerdem sind sie durchaus nützlich, wenn wir teils unbewusst unsere Mitmenschen und Rollenvorbilder beobachten, dabei unsere Gefühle prüfen und Entscheidungen über unser Verhalten treffen – auf der Grundlage von sozialen Hinweisen, auf denen wir Freundschaften und feste Gemeinschaften aufbauen. In Hinblick auf den realen Klimazusammenbruch führen diese Eigenschaften jedoch zu unserem kollektiven Untergang. Sie beruhigen uns, wo wir keineswegs beruhigt sein sollten. Sie lenken uns ab, wo wir uns auf die Sache konzentrieren sollten. Und sie beschwichtigen unser Gewissen, wo es Alarm schlagen sollte.

Zum Teil liegt es daran, dass unsere Wirtschaft sich gründlich verändern müsste, sollten wir uns entscheiden, die Klimazerstörung ernst zu nehmen, es aber vielen mächtigen Unternehmen gerade so gefällt, wie es ist. Vor allem sind das die Konzerne der FossilindustrieKlimawandelfossile Energieträger, die jahrzehntelang eine Kampagne der Desinformation, Vernebelung und der ausgemachten Lügen über die ErderwärmungErderwärmung geführt haben.

Wenn wir uns also nach Bestätigung umsehen für das, was uns Gefühl und Verstand über die Zerstörung des Klimas sagen, stehen wir vor allen möglichen Signalen, die uns suggerieren, wir müssten uns keine Sorgen machen, es werde alles ein wenig übertrieben, es gebe zahllose wichtigere Probleme und eine Menge schönere Themen, denen wir uns zuwenden sollten, wir könnten ohnehin nichts ändern und so weiter. Und ganz gewiss ist es wenig hilfreich, dass wir diese zivilisatorische Krise zu einem Zeitpunkt angehen müssen, da einige der brillantesten Köpfe enorme Energie darauf verwenden, uns mit immer raffinierteren Instrumenten zu veranlassen, auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinstoß im digitalen Hamsterrad zu laufen.

Das erklärt vielleicht, was für einen seltsamen Platz die Klimakrise in der öffentlichen Wahrnehmung einnimmt, und zwar selbst bei jenen, die massive Angst vor einem Zusammenbruch haben. Im einen Augenblick teilen wir Artikel über die Insektenapokalypse und virale Videos von Walrossen, die von Klippen fallen, weil das Abschmelzen des MeereisesArktisAbschmelzen des Meereises ihr Habitat zerstört hat, und im nächsten Augenblick shoppen wir im Internet und verwandeln unser Hirn bereitwillig in Schweizer Käse, während wir durch unseren Twitter- oder Instagram-Account scrollen. Oder wir sehen uns bis zum Abwinken Netflix-Serien über die Zombie-Apokalypse an, die unsere Ängste in Unterhaltung verwandeln, wobei sie stillschweigend bestätigen, dass die Zukunft auf jeden Fall in die Katastrophe führen wird – warum also versuchen, das Unausweichliche aufzuhalten? Es könnte auch erklären, warum rational denkende Menschen zwar begreifen, dass wir kurz vor einem Tipping-Point stehen und die anschließenden Ereignisse unumkehrbar sind, dass sie aber zugleich die Einzigen, die fordern, den KlimanotstandKlimanotstand auszurufen, als unseriös und unrealistisch bezeichnen.

»Ich glaube, wir AutistenAutismus sind in vielerlei Hinsicht die Normalen, und der Rest der Menschen ist ziemlich merkwürdig«, hat ThunbergThunberg, Greta einmal gesagt und hinzugefügt, es helfe nicht, sich durch Rechtfertigungen ablenken oder beruhigen zu lassen. »Denn wenn die Emissionen aufhören müssen, müssen wir sie beenden. Für mich ist das Schwarz oder Weiß. Wenn es ums Überleben geht, gibt es keine Graubereiche. Entweder wir leben als Zivilisation weiter oder nicht. Wir müssen uns verändern.« Ein Leben mit AutismusAutismus ist alles andere als leicht – für die meisten ist es »ein endloser Kampf gegen Schulen, Arbeitgeber und Mobbing. Aber unter den passenden Umständen, unter den richtigen Bedingungen kann es eine Superkraft sein.«

Die Welle der Mobilisierung Jugendlicher, die im März 2019 heranrollte, ist nicht auf ein einziges Mädchen und ihre einzigartige Sicht der Welt zurückzuführen. GretaThunberg, Greta weist stets darauf hin, dass sie von einer anderen Gruppe junger Leute inspiriert wurde, die sich gegen einen anderen Missstand erhob, der ihre Zukunft gefährdete: die Studenten in Parkland, FloridaParkland Massaker (Florida), die eine landesweite Reihe von SchulstreiksSchulstreiks für strengere Waffengesetze durchführten, nachdem im Februar 2018 siebzehn Menschen an ihrer Schule ermordet worden waren.

Auch ist ThunbergThunberg, Greta nicht die Erste, die mit ungeheurer moralischer Klarheit angesichts des Klimawandels »Es brennt!« ruft. In den vergangenen Jahrzehnten ist das schon mehrfach getan worden; es ist sogar eine Art Ritual bei den jährlichen Klimagipfeln der Vereinten Nationen. Doch vielleicht weil diese früheren Mahnrufe von Menschen dunkler Hautfarbe von den Philippinen, den Marshall-Inseln und dem Südsudan kamen, fanden diese Aufrufe, zu handeln, wenn sie denn überhaupt durchdrangen, nur wenig Aufmerksamkeit. Auch betont ThunbergThunberg, Greta stets, dass die Klimastreiks das Werk Tausender Schüler, ihrer Lehrer und unterstützender Organisationen sind, von denen viele bereits seit Jahren wegen des Klimas Alarm schlagen.

Und so hieß es in einem Manifest britischer Klimastreikender: »Greta ThunbergThunberg, Greta war vielleicht der Funke, aber wir sind der Flächenbrand.«

 

In den eineinhalb Jahrzehnten, seitdem ich von New OrleansNew Orleans aus berichtet habe (wo mir nach dem Hurrikan KatrinaHurrikan Katrina das Wasser bis zu den Hüften stand), habe ich versucht herauszufinden, was den elementaren Überlebensinstinkt der Menschheit außer Kraft setzt – warum so viele von uns nicht auf die offenkundige Tatsache reagieren, dass unser Haus in Flammen steht. Ich habe Bücher geschrieben, Filme gedreht, zahllose Vorträge gehalten und eine Organisation (»The LeapLeap-Manifest«) mitbegründet, die sich in der ein oder anderen Weise mit dieser Frage beschäftigt und dazu beitragen möchte, unsere kollektiveKlimaagendakollektives Handeln Antwort auf die große Klimakrise zu koordinieren.

Für mich war von Anfang an klar, dass die gängigen Erklärungen dafür, warum wir in diese gefährliche Lage geraten sind, völlig unzureichend waren. Unsere Passivität, hieß es, beruhe darauf, dass die Politiker in kurzfristigen Wahlzyklen gefangen seien, dass der Klimawandel zu weit weg, ihn aufzuhalten zu kostspielig oder die sauberen TechnologienTechnologiegrüne, die wir benötigen, um ihn aufzuhalten, noch nicht vorhanden seien. In alledem steckte ein Körnchen Wahrheit, aber im Lauf der Zeit wurden diese Theorien immer unglaubwürdiger. Die Krise war nicht weit weg – sie hämmerte bereits an unsere Türen. Der Preis für SolarkollektorenSolarpanele ist so weit gesunken, dass sie eine echte Alternative für fossile EnergieträgerFossile EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger darstellen. Saubere TechnologieTechnologiegrüne und erneuerbare EnergienErneuerbare Energien schaffen mehr ArbeitsplätzeKlimawandelArbeitsplätze, als sie gegenwärtig in Kohle, Öl und Gas vorhanden sind. Und was die angeblich untragbaren Kosten betrifft: In derselben Zeit, als die Staatssäckel für die EnergiewendeEnergiewende praktisch leer waren, wurden Billionen für endlose Kriege, Bankenrettungen und die SubventionierungFossilindustrieSubventionen der fossilen EnergieträgerFossile EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger bereitgestellt. Also musste es noch andere Gründe geben.

In diesem Buch sind ausführliche Berichte, Kommentare und Vorträge aus einem Jahrzehnt versammelt. Es zeichnet meinen Versuch nach, noch eine Reihe anderer Hindernisse zu prüfen – wirtschaftliche, ideologische, aber auch solche, die mit tieferliegenden Ursachen zu tun haben, etwa dem Recht bestimmter Menschen, Land an sich zu reißen und über die dort lebenden Menschen zu bestimmen, also mit Ursachen, die Kernelemente der westlichen Kultur sind. Die hier zusammengestellten Essays kehren immer wieder zu den Antworten zurück, die vielleicht jene Narrative, Ideologien und ökonomischen Interessen infrage stellen, Antworten, die scheinbar völlig verschiedene Krisen (wirtschaftliche, soziale, ökologische und demokratische) zu der alles umfassenden Geschichte eines zivilisatorischen Umbruchs verweben. Heute steht diese kühne Vision zunehmend unter dem Banner eines »Green New DealGreen New Deal«.

Ich habe mich entschieden, die einzelnen Teile in der Reihenfolge anzuordnen, in der ich sie geschrieben habe, und sie jeweils am Anfang mit Monat und Jahr ihrer Entstehung zu versehen. Daraus ergab sich die gelegentliche Wiederkehr eines bereits behandelten Themas, aber es zeigt auch die Entwicklung meiner Analyse. Bei dieser Analyse habe ich mit sehr vielen Freunden und Kollegen in der weltweiten KlimagerechtigkeitsbewegungKlimagerechtigkeitsbewegungKlimawandelKlimgerechtigkeit zusammengearbeitet und die verschiedenen kursierenden Theorien auf die Probe gestellt. Mit Ausnahme der letzten Kapitel, in denen es speziell um den Green New DealGreen New DealLeap-ManifestGreen New Deal geht und die stark erweitert wurden, habe ich dem Impuls widerstanden, die Texte zu verändern, und sie im Großen und Ganzen so gelassen, wie sie waren, nur den Zeitraum ihrer Entstehung hinzugefügt und hier und da Fußnoten und Anmerkungen aktualisiert.

Die chronologische Anordnung hat einen großen Vorteil. Sie zeigt uns auf quälende Weise, dass wir uns in einer rasch voranschreitenden Krise befinden, auch wenn es nicht immer so scheinen mag. In dem Jahrzehnt, das dieses Buch umfasst, hat unser Planet massiven und irreparablen Schaden erlitten, angefangen vom rapiden Abschmelzen des arktischenArktisAbschmelzen des Meereises Meereises bis hin zum Massensterben von KorallenriffenKorallenriffe. In dem Teil der Welt, aus dem meine Familie stammt – die Küste von British ColumbiaBritish Columbia, der westlichsten Provinz Kanadas –, verschwanden bestimmte Arten des Pazifiklachses, um die herum sich große, wunderbare Ökosysteme gebildet hatten.

Auch die politische Landkarte hat sich im Lauf des Jahrzehnts dramatisch verändert. Wir sehen die Wiederauferstehung einer zunehmend gewalttätigen extremen Rechten, die auf dem gesamten Globus an Macht gewinnt, indem sie Hass auf ethnische und religiöse Minderheiten schürt und der wachsenden Zahl von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, mit FremdenfeindlichkeitFremdenfeindlichkeit begegnet. Diese weltweiten politischen Entwicklungen stehen, davon bin ich überzeugt, in einer Art todbringender Wechselwirkung miteinander.

Für mich sind die zeitlichen Bezüge im gesamten Buch so etwas wie das Stundenglas auf dem erwähnten Plakat einer Schülerin: ein unwiderleglicher Beweis dafür, dass der Brand unseres Hauses nicht etwas ist wie ein GIF in Wiederholungsschleife. Wenn unsere Gesellschaften angesichts der Flammen nicht handeln, erzeugen sie immer mehr Hitze – und unersetzliche Teile unseres Hauses werden völlig niederbrennen und für immer verloren gehen.

Mein Hauptschwerpunkt in diesem Buch liegt auf den Ländern, die manchmal auch als »AnglosphäreAnglosphäre« bezeichnet werden (die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Großbritannien), sowie auf einigen nicht englischsprachigen Regionen Europas. Teilweise beruht das auf einem zufälligen Umstand – ich lebe und arbeite zurzeit in den Vereinigten Staaten, habe den Großteil meines Lebens in Kanada verbracht und mich ausgiebig an Klimadebatten und Initiativen in Australien, Großbritannien und anderen Ländern Westeuropas beteiligt.

Vor allem aber liegt mein Fokus auf diesen Teilen der Welt, weil ich schon seit langem versuche zu verstehen, warum sich die Regierungen dieser Länder besonders aggressiv gegen sinnvolle Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels wenden. Bis heute leugnen erhebliche (wenn auch glücklicherweise kleiner werdende) Segmente der Bevölkerung dieser Länder die grundlegende Tatsache, dass sich unser Planet aufgrund menschlicher Aktivitäten gefährlich aufheizt, eine eklatante Wahrheit, die in den meisten Teilen der Welt als unbestreitbar und unanfechtbar gilt.

Auch wenn die unverhohlene Leugnung abnimmt und eine progressivere ökologische Ära anzubrechen scheint (in den Vereinigten Staaten unter Barack ObamaObama, Barack, in Kanada unter Justin TrudeauTrudeau, Justin), tun sich diese Regierungen immer noch sehr schwer, die überwältigenden wissenschaftlichen Belege dafür zu akzeptieren, dass wir die Nutzung fossilerKlimawandelfossile Energieträger EnergieträgerFossile Energieträger nicht weiter ausdehnen dürfen und die gegenwärtige Förderung herunterschrauben müssen. AustralienAustralien besteht trotz seines Reichtums und trotz der Klimazerstörung auf der massiven Ausweitung der KohleförderungKohleabbau. Dasselbe gilt für Kanada in Bezug auf die Ausbeutung des TeersandsTeersand in AlbertaAlberta (Kanada) und für die Vereinigten Staaten in Bezug auf Bakken-ÖlBakken-Öl, Erdgas-FrackingFracking und TiefseebohrungenTiefseebohrungen. Letztere sind so inzwischen zum weltweit größten Ölexporteur aufgestiegen. In dieselbe Kategorie fallen die Versuche GroßbritanniensGroßbritannien, trotz heftigen Widerstands und diverser Hinweise auf einen Zusammenhang mit Erdbeben FrackingFracking-Vorhaben durchzuboxen.

Um diese Zusammenhänge verständlich zu machen, untersuche ich die speziellen Methoden, mit denen diese Länder die weltweite Versorgungskette aufgebaut haben, die den modernen KapitalismusKapitalismus hervorbrachte, also das Wirtschaftssystem des grenzenlosen KonsumsKlimawandelKonsumKonsum und ökologischen Raubbaus als Kern der Klimakrise. Es beginnt mit Menschen, die aus AfrikaAfrika entführt wurden, und mit Land, das man indigenen VölkernIndigene Völker stahl – zwei Methoden der brutalen Enteignung, die atemberaubend profitabel waren. Das überschüssige Kapital und die daraus resultierende Macht führten in das Zeitalter einer durch fossile EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger angetriebenen industriellen Revolution und damit zum Beginn des vom Menschen verursachten Klimawandels. Um diesen Prozess zu rechtfertigen, wurden von Anfang an pseudowissenschaftliche wie auch theologische Theorien entwickelt, die eine Überlegenheit der weißen Christen postulierten. Der inzwischen verstorbene Politikwissenschaftler Cedric RobinsonRobinson, Cedric meinte daher, das durch die Kombination dieser beiden Brandherde hervorgebrachte Wirtschaftssystem solle man besser als »rassistischen KapitalismusKapitalismusrassistischer« bezeichnen.

Abgesehen von den Theorien, die eine Begründung für die Behandlung von Menschen als kapitalistisches Rohmaterial liefern, das man grenzenlos ausschöpfen und missbrauchen kann, gab es auch solche, die dieselbe Haltung gegenüber der Natur (Wälder, Flüsse, Land- und Wassertiere) rechtfertigten. Über Jahrtausende angesammeltes menschliches Wissen über die Bewahrung und Regeneration von Wäldern bis hin zu Fischbeständen wurde hinweggewischt für die neue Auffassung, der Mensch könne ohne Angst vor den Folgen die Natur grenzenlos beherrschen und sich an ihr bereichern.

Solche Vorstellungen von der unerschöpflichen Natur entstanden nicht zufällig in den Ländern der AnglosphäreAnglosphäre. Es handelt sich dabei um Gründungsmythen, die tief in die nationalen Narrative eingeschrieben sind. Die mit ernormem natürlichem Reichtum ausgestatteten Gebiete auf der Welt, aus denen die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien hervorgehen sollten, stellten für die Europäer, sobald sie mit ihren Schiffen gelandet waren, so etwas wie Dubletten ihrer eigenen Länder dar, in denen die ausbeutbare Natur knapp geworden war. Mehr wollten sie darin nicht erblicken. Mit der »Entdeckung« dieser scheinbar unendlichen »neuen Welten« hatte Gott ihnen Aufschub gewährt: Neu-England, Neu-Frankreich, Neu-Amsterdam, Neu-Südwales – diese Regionen waren der Beweis dafür, dass den Europäern niemals die ausbeutbare Natur ausgehen würde. Und wenn ein Streifen dieses neuen Territoriums ausgelaugt oder übervölkert war, wurde die Grenze einfach ausgedehnt, und man beanspruchte und benannte weitere »neue Welten«.

Auf den folgenden Seiten gehe ich den Zusammenhängen zwischen dieser neuen Ursünde und der Klimakrise nach: dem schwarzen Tod, der sich mit dem BPBP (British Petroleum)-Öl im Golf von MexikoGolf von Mexiko ausbreitete; der »ökologischen Bekehrung« von Papst FranziskusFranziskus (Papst); TrumpsTrump, Donald Amerika in den Fängen des Raubtierkapitalismus; dem Absterben des Great Barrier ReefGreat Barrier Reef, an dem einst Captain James CooksCook, James Schiff (ein umgebauter Kohlekahn) auf Grund lief, und so weiter. Außerdem untersuche ich die Schnittpunkte dieser kollabierenden Mythen, nun, da sich die Natur keineswegs als unendlich ausbeutbar erweist, sowie die erschreckende Wiederkehr der hässlichsten und gewalttätigsten Aspekte dieser kolonialen Narrative in der gesamten AnglosphäreAnglosphäre: Sie handeln vom Recht der angeblich überlegenen weißen Christen, ungeheuerliche Gewalt gegen jene auszuüben, die nach ihrer Meinung in der Menschheitshierarchie unter ihnen standen.

Ich behaupte keineswegs, dass diese Länder die einzigen Triebkräfte unseres ökologischen Zerfalls sind. Unsere Krise ist global, und auch viele andere Länder haben in diesem Zeitraum rücksichtslos TreibhausgaseTreibhausgasemissionen emittiert. (Nehmen Sie jedes x-beliebige der erdölexportierenden Länder oder ChinaChina und IndienIndien, deren Emissionen in die Höhe schnellen.) Aber die enorme Beschleunigung des Klimazusammenbruchs findet parallel zu und als unmittelbare Folge der weltweiten Verbreitung eines extrem konsumorientiertenKonsum Lebensstils statt, der von ebenjenen Ländern ausgeht, über die ich in diesem Buch schreibe. Darüber hinaus sind dies die Länder, die jahrhundertelang enorme Umweltschäden verursacht und daher die Verpflichtung haben, gemäß der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen vor den Schwellenländern die Führung auf dem Weg zur EmissionsreduzierungKlimawandelReduktion der Emissionen zu übernehmen. Gemäß dem Motto: »Wer es kaputt macht, muss dafür zahlen«, wie es Vertreter der US-Regierung während der Invasion im IrakIrak 2003 ausdrückten.

Der Notstand eines Volkes

Doch so tiefgreifend unsere Krise auch sein mag, so verändert sich auch etwas anderes, ebenso Tiefgreifendes, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die mich verblüfft. Während ich diese Worte schreibe, steht nicht nur unser Planet in Flammen. Dasselbe gilt für soziale Bewegungen, die aufstehen, um – von unten – den Notstand auszurufen. Neben dem Flächenbrand der SchülerstreiksSchulstreiks erleben wir den Aufstieg der »Extinction RebellionExtinction Rebellion«, die eine Welle gewaltfreier direkter Aktionen und zivilen UngehorsamsZiviler Ungehorsam auslöste und zum Beispiel den Verkehr in großen Teilen Zentral-Londons stilllegte. Extinction RebellionExtinction Rebellion fordert die Regierungen auf, den KlimanotstandKlimanotstand auszurufen, gemäß den Erkenntnissen der Klimawissenschaft rasch den Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare EnergieErneuerbare Energien zu vollziehen und auf demokratischem Weg den Plan für eine Umsetzung der EnergiewendeEnergiewende durch Bürgerversammlungen zu entwickeln. Im Zuge ihrer spektakulären Aktionen im April 2019 erklärten Wales und Schottland binnen Tagen den »KlimanotstandKlimanotstand«, und unter dem Druck der Oppositionsparteien zog das britische Parlament nach.

In derselben Zeit haben wir in den Vereinigten Staaten den kometenhaften Aufstieg der »SunriseSunrise-Bewegung«-Bewegung gesehen, die, eine Woche nachdem die Demokraten das Repräsentantenhaus bei den Zwischenwahlen 2018 zurückerobert hatten, mit der Besetzung des Büros von Nancy PelosiPelosi, Nancy, der mächtigsten Frau der Partei in Washington, die politische Bühne stürmte. SunriseSunrise-Bewegung verlor keine Zeit mit Glückwünschen, sondern warf der Partei vor, sie habe keine Antwort auf den KlimanotstandKlimanotstand. Die Organisation forderte den Kongress auf, sofort ein DekarbonisierungsprogrammDekarbonisierung aufzulegen, von der zeitlichen Umsetzung und der Dimension her so ambitioniert wie Franklin D. RooseveltsRoosevelt, Franklin D. »New DealNew Deal«, das radikale Politikpaket im Kampf gegen die ArmutArmut während der Großen DepressionGroße Depression (USA) und dem ökologischen Kollaps großer Teile der Great Plains in den USA und Kanada (in der sogenannten »Dust BowlDust Bowl«) durch verheerende Staubstürme.

Als Schriftstellerin und Organisatorin bin ich seit Jahren in der weltweiten KlimabewegungKlimabewegung aktiv und habe in diesem Zusammenhang an vielen großen Protestmärschen und Massenaktionen teilgenommen, etwa dem People’s Climate MarchPeople’s Climate March (New York) in New YorkNew York City 2014 mit 400000 Demonstranten. Ich habe an wichtigen Klimagipfeln der Vereinten Nationen teilgenommen und darüber berichtet, wo hochtrabende Versprechen gemacht wurden, sich der existenziellen Herausforderung der Menschheit zu stellen (wie in KopenhagenUN-Klimakonferenz (Kopenhagen)Kopenhagen 2009 und ParisUN-Klimakonferenz (Paris)Paris 2014). Als Vorstandsmitglied der Klimakampagnengruppe 350.org350.org (Klimakampagne) habe ich die Divestment-BewegungDivestment-Bewegung mitbegründet, der es gelungen ist, Investoren davon zu überzeugen, Anteile an Fossilenergie-Unternehmen im Wert von insgesamt 8 Billionen Dollar (Stand 2018) abzustoßen. Und ich gehöre mehreren Bewegungen an, die die Verlegung neuer Öl-PipelinesÖl-Pipelines zu verhindern suchen und dabei teilweise auch erfolgreich waren.

Der Aktivismus, den wir heute sehen, ist dieser Vorgeschichte zu verdanken und verändert die Gleichung völlig. Die oben beschriebenen Bemühungen waren zwar enorm, aber sie gingen vor allem von selbsternannten Umwelt- und Klimaschützern aus. Wenn sie über diese Kreise hinausgingen, dann meist nur für eine einzige Demonstration oder eine Protestaktion gegen eine neue PipelinePipelinesÖl-PipelinesPipelines. Jenseits der KlimabewegungKlimabewegung konnte es aber passieren, dass die Krise des Planeten monatelang in Vergessenheit geriet und bei wichtigen Wahlkämpfen kaum erwähnt wurde.

Unsere gegenwärtige Situation ist eine deutlich andere, und dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist das Bewusstsein für die drohende Gefahr gewachsen, zum anderen ist eine neue, bisher unbekannte Hoffnung am Horizont aufgetaucht.

Die radikalisierende Kraft der Klimawissenschaft

Einen Monat bevor die Mitglieder der Sunrise-BewegungSunrise-Bewegung das zukünftige Büro der designierten Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy PelosiPelosi, Nancy besetzten, veröffentlichte der UN-WeltklimaratUN-WeltklimaratIPCC-Bericht (IPCCUN-Weltklimarat) einen Bericht, der eine größere Wirkung hatte als jede andere Publikation in der einunddreißigjährigen Geschichte der mit dem Nobelpreis gewürdigten Organisation. In dem IPCCUN-WeltklimaratIPCC-Bericht-Bericht wurden die Folgen einer ErderwärmungErderwärmung von unter 1,5 Grad Celsius untersucht. Angesichts der eskalierenden Katastrophen, die wir bei einer ErwärmungErderwärmung von etwa 1 Grad Celsius bereits sehen, wurde festgestellt, dass die Menschheit bei einer ErwärmungErderwärmung unterhalb der Schwelle von 1,5 Grad noch die besten Chancen hätte, einen wahrlich desaströsen Zusammenbruch zu verhindern. Doch dies zu erreichen sei äußerst schwierig. Laut der Weltorganisation für MeteorologieUN-Weltorganisation für Meteorologie der Vereinten Nationen befinden wir uns auf dem Weg zu einer ErwärmungErderwärmung um 3 bis 5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Um den schwerfälligen Dampfer der Wirtschaft rechtzeitig zu wenden und damit die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten, müssten weltweit, so der IPCCUN-Weltklimarat, die Emissionen in lediglich zwölf Jahren – das sind elf Jahre nach Erscheinen dieses Buchs – um etwa die Hälfte reduziertKlimawandelReduktion der Emissionen und bis 2050 auf Netto-Null gesenkt werden. Und das nicht nur in einem Land, sondern in jeder größeren Volkswirtschaft. Da der Kohlendioxidgehalt in der AtmosphäreAtmosphäreKohlendioxidgehaltAtmosphäre bereits jetzt das unbedenkliche Niveau massiv übersteigt, wäre es außerdem notwendig, ihr einen Großteil des CO2 wieder zu entziehen, ob durch kostspielige Abscheidungstechnologien, deren tatsächliche Wirkkraft niemand kennt, oder mit den altbewährten Methoden: durch die Pflanzung von Milliarden BäumenBäume und anderer KohlenstoffKohlenstoff bindender Vegetation.

Dieses Ende der Umweltverschmutzung in Hochgeschwindigkeit, so stellt der Bericht fest, ist nicht mit einzelnen bürokratischen Maßnahmen wie der CO2-SteuerCO2-Steuer zu erreichen, obwohl auch solche Instrumente einbezogen werden müssten. Vielmehr sei es notwendig, Energieerzeugung, LandwirtschaftKlimawandelLandwirtschaft, Verkehr und Wohnungsbau in unseren Gesellschaften gezielt und sofort umzugestalten. Wir brauchen, so der erste Satz im Resümee des Berichts, »rasche, weitreichende und nie dagewesene Veränderungen in allen Bereichen unserer Gesellschaft«.

Dies war keineswegs der erste erschreckende Bericht und auch nicht der erste unmissverständliche Appell angesehener Wissenschaftler, die EmissionenKlimawandelReduktion der Emissionen radikal zu senken. Meine Bücherregale sind voll von Literatur mit solchen Schlussfolgerungen. Doch wie Greta ThunbergsThunberg, Greta Reden sorgte der laute Ruf des IPCCUN-Weltklimarat nach einem tiefgreifenden sozialen Wandel und die Kürze der Zeitachse, auf der diese Veränderungen stattfinden müssen, dafür, dass sich der Blick der Öffentlichkeit endlich auf das Problem richtete.

Dies hat größtenteils mit dem KlimaratUN-Weltklimarat selbst zu tun. 1988 kamen die Regierungen der Welt zusammen, um zu verkünden, dass sie die Bedrohung durch die ErderwärmungErderwärmung erkannt hätten, und gründeten den IPCCUN-WeltklimaratIPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change)UN-Weltklimarat mit dem Ziel, politischen Entscheidungsträgern möglichst zuverlässige Informationen zum Klimawandel zur Verfügung zu stellen. Im Rat werden die besten Studien zusammengetragen, die dann noch einmal von einer großen Zahl Wissenschaftler analysiert werden, um Prognosen zu erarbeiten. Bevor etwas veröffentlicht wird, muss sich die Mehrheit von ihnen erst darauf geeinigt haben – und auch dann noch wird nichts freigegeben, bevor die Regierungen selbst ihre Zustimmung erteilt haben.

Wegen dieses aufwendigen Prozesses waren die IPCCUN-Weltklimarat-Prognosen notorisch konservativ und offenbarten oft eine gefährliche Unterschätzung der Risiken. Nun aber lag ein Bericht vor, der auf etwa sechstausend Quellen von fast hundert Urhebern und Peer-Reviews beruhte und mit klaren Worten unsere Situation schilderte: Wenn die Länder so wenig unternehmen, um die EmissionenKlimawandelReduktion der Emissionen zu senken, wie sie gegenwärtig versprechen, steuern wir auf Katastrophen wie den Anstieg des MeeresspiegelsMeeresspiegel (Anstieg) zu, der Küstenstädte verschlingen wird, und wir haben das völlige Absterben von KorallenriffenKorallenriffe sowie DürrenDürre zu erwarten, die in weiten Teilen der Welt die Ernten vernichten werden.

Die heutigen Schüler werden erst in ihren Zwanzigern sein, wenn die weltweiten Emissionen bereits auf die Hälfte reduziert sein müssen, um solche Folgen zu verhindern. Aber die schicksalsträchtigen Entscheidungen darüber, ob diese Reduktionen stattfinden – Entscheidungen, die ihr ganzes Leben beeinflussen –, werden gefällt, bevor sie das Wahlalter erreicht haben.

Vor diesem Hintergrund kam es 2019 zu jener Lawine großer und kämpferischer Klima-Mobilisierungen. Wieder und wieder hörten wir bei Streiks und Protestaktionen die Worte »Wir haben nur noch zwölf Jahre!« Dank der unmissverständlichen Klarheit des IPCCUN-WeltklimaratIPCC-Bericht-Berichts und aufgrund der unmittelbaren und sich wiederholenden Erfahrung beispielloser Wetterereignisse verändert sich unsere Wahrnehmung der Klimakatastrophe. Mehr Menschen als zuvor begreifen allmählich, dass es bei dem Kampf nicht um etwas Abstraktes namens »die Erde« geht. Wir kämpfen um unser Leben. Und wir haben keine zwölf Jahre mehr, sondern nur noch elf. Bald werden es nur noch zehn sein.

Der Green New DealGreen New Deal tritt auf den Plan

Der IPCCUN-Weltklimarat hat sich als starker Motivator erwiesen, ein noch wichtigerer Faktor aber hat mit dem Titel dieses Buchs zu tun: Aus den verschiedensten Winkeln der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt ertönte die Aufforderung an die Regierungen, der Klimakrise mit einem radikalen Green New DealGreen New Deal zu begegnen. Der Gedanke ist ganz einfach: Im Prozess der TransformationTransformationKlimawandelKatalysator für Transformation unserer gesellschaftlichen Infrastruktur in dem Tempo und Ausmaß, wie es die Wissenschaft verlangt, hat die Menschheit die Jahrhundertchance, sich von einem Wirtschaftsmodell zu verabschieden, das die allermeisten Menschen in den verschiedensten Bereichen benachteiligt. Was unseren Planeten zerstört, zerstört auch die Lebensqualität der Menschen in vielerlei anderer Hinsicht – von der Stagnation des Lohnniveaus über krasse Ungleichheit und den Zerfall der öffentlichen Versorgung. Die Lösung dieser tieferliegenden Probleme bietet uns zugleich die Chance, mehrere miteinander verflochtene Krisen mit einem Schlag zu beenden.

Mit der Bewältigung der Klimakrise können wir Hunderte Millionen guter ArbeitsplätzeKlimawandelArbeitsplätze auf der ganzen Welt schaffen, in systematisch abgehängte Gemeinden und Länder investieren, die Versorgung von Kranken und Kindern absichern und vieles mehr. Durch diesen Wandel würden Volkswirtschaften entstehen, die die lebenserhaltenden Systeme der Erde schützen und erneuern und zugleich die Menschen respektieren und stützen, die von ihnen abhängig sind. Im Hinblick auf die Dimensionen, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, bezieht das Konzept des Green New DealGreen New Deal seine Inspiration aus Franklin D. RooseveltsRoosevelt, Franklin D. New DealNew Deal, der mit einem bunten Strauß politischer Maßnahmen und öffentlicher Investitionen auf das Elend und den Zusammenbruch während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre reagierte. Damals wurden Gesetze zur Sozialversicherung und zum Mindestlohn, zur Zerschlagung von Banken, zur Elektrifizierung der ländlichen Gebiete und zum Sozialwohnungsbau in den Städten erlassen, mehr als zwei Milliarden BäumeBäumeAufforstung gepflanzt und Bodenschutzprogramme in der von Staubstürmen verheerten Dust BowlDust Bowl aufgelegt.

Die diversen Pläne für eine TransformationTransformationKlimawandelKatalysator für Transformation unter dem Green New DealGreen New Deal führen in eine Zukunft, in der die schwierige Aufgabe des Umbaus unserer Gesellschaft angepackt und der Verzicht auf verschwenderischen KonsumKonsum vollzogen wurde. In eine Zukunft, in der sich der Alltag arbeitender Menschen in vielfacher Hinsicht verbessert hat und ihnen wesentlich mehr Zeit für Muße und künstlerische Betätigung zur Verfügung steht, sie leichten Zugang zu bezahlbaren öffentlichen Verkehrsmitteln und Wohnungen haben, die klaffenden Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen und zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen endlich beseitigt wurden und das Stadtleben nicht mehr ein endloser Kampf gegen Verkehr, Lärm und Umweltverschmutzung ist.

Lange vor dem 1,5-Grad-Bericht des IPCCUN-WeltklimaratIPCC-Bericht hatte die KlimabewegungKlimabewegung bereits auf die gefährliche Zukunft hingewiesen, die uns bevorsteht, sollte die Politik nicht handeln. Wir verbreiteten die neuesten erschreckenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, sagten Nein zu neuen Öl-PipelinesÖl-Pipelines, Gasfeldern und KohleminenKohleabbau; Nein zu Universitäten, Lokalregierungen und Gewerkschaften, die Kapital und Pensionsgelder in Fossilunternehmen investierten; Nein zu Politikern, die den KlimawandelKlimawandelleugner leugneten, und zu solchen, die das Richtige verkündeten, aber das Falsche taten. All das war von großer Bedeutung und ist es nach wie vor. Doch während unsere Bewegung Alarm schlug, konzentrierte sich nur die relativ kleine Gruppierung der »KlimagerechtigkeitsbewegungKlimagerechtigkeitsbewegungKlimawandelKlimgerechtigkeit« auf die Frage, wie die Wirtschaft und Gesellschaft aussehen sollen, die wir stattdessen wollen.

Als der Green New DealGreen New Deal im November 2018 schlagartig in den Mittelpunkt der politischen Debatte rückte, wurden die Karten neu verteilt. Mit T-Shirts, auf denen stand »Wir haben ein Recht auf gute Arbeitsplätze und eine lebenswerte Zukunft« hatten sich kurz nach den Zwischenwahlen 2018 Hunderte junge Mitglieder der Sunrise-BewegungSunrise-Bewegung vor dem Kongress versammelt, um ihre Parolen zu skandieren. Endlich gab es neben dem oft artikulierten »Nein« der KlimabewegungKlimabewegung auch ein starkes, mutiges »Ja«, eine Vorstellung, wie die Welt nach der Entscheidung für einen tiefgreifenden Umbau aussehen könnte, und einen Fahrplan, der uns ans Ziel bringen kann. Der Grundgedanke des Green New DealGreen New Deal, die Klimakrise von unten her anzupacken, ist an sich nicht neu. Das Konzept der »KlimagerechtigkeitKlimawandelKlimgerechtigkeit« (im Unterschied zum »Klimaschutz« allgemein), entwickelt in Lateinamerika und in der US-amerikanischen Umweltgerechtigkeitsbewegung, wird seit Jahren vielerorts auf lokaler Ebene erprobt. Die Idee eines Green New DealGreen New Deal ist zudem bereits im Programm einiger kleiner grüner Parteien in aller Welt zu finden. In meinem Buch Die Entscheidung: Kapitalismus vs. KlimaDie Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima von 2015 habe ich diesen ganzheitlichen Ansatz genauer untersucht. Damals griff ich auf das historische Beispiel zurück, das bereits die bolivianische Klimaunterhändlerin Angélica Navarro LlanosNavarro Llanos, Angélica mit ihrer ergreifenden Ansprache vor dem UN-KlimagipfelUN-Klimakonferenz (Kopenhagen) von 2009 anführte: »Wir brauchen eine Massenmobilisierung in nie gekanntem Ausmaß. Wir brauchen einen MarshallplanMarshallplan für die Erde«, erklärte sie mit Hinweis auf die Wiederaufbauhilfe, die die Vereinigten Staaten aus Angst vor einem Erstarken der SowjetunionSowjetunion nach dem Zweiten WeltkriegWeltkrieg (Zweiter) in vielen Teilen Europas geleistet hatten. »Dieser Plan muss Finanz- und Technologietransfers in beispiellosem Umfang enthalten. Er muss alle Länder mit TechnologienTechnologiegrüne versorgen, um sicherzustellen, dass die EmissionenKlimawandelReduktion der Emissionen gesenkt werden und der Lebensstandard der Menschen gleichzeitig gehoben wird. Dafür bleiben uns nur zehn Jahre Zeit.«

Das gesamte Jahrzehnt, das folgte, haben wir mit Flickschusterei und Leugnen vertan. Die Naturwunder, die als Folge davon verschwunden sind, werden ebenso wenig wiederkehren wie die zerstörten Existenzen und Lebensgrundlagen. Navarro LlanosNavarro Llanos, Angélica und ihre bolivianischen Mitbürger mussten mit ansehen, wie die majestätischen GletscherGletscher, die den Großraum La PazLa Paz (Bolivien) (mit 2,3 Millionen Einwohnern) mit TrinkwasserWasserversorgung versorgen, in einem alarmierenden Tempo schrumpften. Im Jahr 2017 waren die Speicher so weit geleert, dass in der Hauptstadt erstmals WasserWassermangel rationiert und im ganzen Land der Notstand ausgerufen werden musste.

Aber angesichts der verlorenen Jahre ist Navarro LlanosNavarro Llanos, Angélica’ weitsichtiger Aufruf nicht weniger relevant, sondern umso mehr, denn der IPCC-BerichtUN-WeltklimaratUN-WeltklimaratIPCC-Bericht stellt klar, dass mit jedem halben Grad Erwärmung, das wir verursachen, das Leben Hunderter Millionen Menschen in Gefahr gerät.

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Noch etwas hat sich in den zehn Jahren verändert, die seit diesem Aufruf verstrichen sind. Zuvor hatte man das Gefühl, dass solche Forderungen von sozialen Bewegungen und kleinen Ländern in einem politischen Vakuum verhallten. In den Regierungen der reichsten Nationen des Planeten gab es keine Politiker, die bereit gewesen wären, die Klimakrise als Ernstfall zu behandeln. Marktmechanismen mit Trickle-down-EffektTrickle-down-Effekt waren das Einzige, was sie im Angebot hatten. Und sobald es mit der Wirtschaft bergab ging, lösten sich auch diese unzureichenden Maßnahmen in Luft auf.

Das ist heute anders. In den Vereinigten Staaten, Europa und anderswo gibt es inzwischen Politikerinnen und Politiker, die teilweise nur zehn Jahre älter sind als die jungen Klimaaktivisten auf der Straße, und die willens sind, der Dringlichkeit der Klimakrise mit politischen Maßnahmen gerecht zu werden und die Zusammenhänge zwischen den vielfachen Krisen unserer Zeit zu sehen. Am bekanntesten unter ihnen ist Alexandria Ocasio-CortezOcasio-Cortez, Alexandria, die mit neunundzwanzig Jahren die jüngste Frau ist, die je in den Kongress der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Ein Green New DealGreen New Deal war Teil des Programms, mit dem sie im Wahlkampf antrat. Nach ihrem Sieg bekundeten bald mehrere Mitglieder der kleinen Gruppe weiblicher Abgeordneter mit dem Beinamen »Squad« ihre Unterstützung für die mutige Initiative, und zwar insbesondere Rashida TlaibTlaib, Rashida aus Detroit und Ayanna PressleyPressley, Ayanna aus Boston. Als sich Hunderte Mitglieder des SunriseSunrise-Bewegung-Bewegung nach den Zwischenwahlen zu Demos und Sit-ins in Washington versammelten, gingen die neugewählten Kongressabgeordneten keineswegs auf sichere Distanz zu den Aufrührern. Stattdessen schlossen sie sich den Protesten an. TlaibTlaib, Rashida sprach auf einer Kundgebung (und brachte Süßigkeiten für die Demonstranten mit, um sie mit frischer Energie zu versorgen), und Ocasio-CortezOcasio-Cortez, Alexandria besuchte das Sit-in in Nancy PelosisPelosi, Nancy Büro.

»Ich möchte euch nur wissen lassen, wie stolz ich auf jede und jeden von euch bin, weil ihr den Kopf hinhaltet und alles riskiert, um dafür zu sorgen, dass unser Planet, unsere Generation und unsere Zukunft gerettet werden«, versicherte sie den Demonstrierenden und erinnerte sie daran, dass »meine Reise hierher in Standing Rock begann«, ein Verweis auf ihren Entschluss, für den Kongress zu kandidieren, nachdem sie an den von den Standing Rock SiouxStanding Rock Sioux angeführten Protesten gegen den PipelinePipelines-Bau teilgenommen hatte.

Drei Monate später stand Ocasio-CortezOcasio-Cortez, Alexandria mit Senator Ed MarkeyMarkey, Ed aus Massachusetts vor dem Kapitol und verkündete eine offizielle ResolutionGreen New DealGreen-New-Deal-Resolution für einen Green New DealGreen New Deal, eine grobe Skizze der Eckpfeiler des Wandels. Die Green-New-Deal-ResolutionGreen New DealGreen-New-Deal-Resolution beginnt mit den erschreckenden wissenschaftlichen Erkenntnissen und den knappen Fristen des IPCC-BerichtsUN-WeltklimaratUN-WeltklimaratIPCC-Bericht und fordert die Vereinigten Staaten auf, der DekarbonisierungDekarbonisierung eine so hohe Priorität einzuräumen wie einst dem Flug zum Mond und in nur zehn Jahren die Emissionen auf Netto-Null herunterzufahren, ein Ziel, das die gesamte Welt Mitte des Jahrhunderts erreichen muss.

Als Grundlage dieses radikalen Wandels werden massive Investitionen in erneuerbare EnergienErneuerbare Energien, EnergieeffizienzEnergieeffizienz und sauberen Verkehr gefordert. Beschäftigte, die von kohlenstoffintensiven in grüne Branchen wechseln, sollen weder Einkommensverluste noch soziale Nachteile erleiden. Auch wird eine Arbeitsplatzgarantie für alle gefordert, die arbeiten wollen. Außerdem sollen die Kommunen, die besonders unter den toxischen Altlasten der Verschmutzer zu leiden haben und in denen vielfach Indigene oder People of Color leben, nicht nur vom ökologischen Umbau profitieren, sondern an dessen Gestaltung vor Ort mitwirken. Als wäre das nicht genug, wurden auch noch zentrale Forderungen der wachsenden Bewegung demokratischer Sozialisten innerhalb der Demokratischen Partei aufgenommen: kostenlose Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung und höhere Bildung für alle.

Gemessen an früheren Forderungen war dieses Konzept schockierend kühn und progressiv, aber besonders unter jungen Wählern fand es so viel Beifall, dass es in kürzester Zeit für weite Teile der Partei zur Gretchenfrage wurde. Im Mai 2019, als der Wettbewerb um die Spitzenposition in der Demokratischen Partei in Gang gekommen war, bekundeten die meisten Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur ihre Unterstützung für die ResolutionGreen New DealGreen-New-Deal-Resolution, darunter Bernie SandersSanders, Bernie, Elizabeth WarrenWarren, Elizabeth, Kamala HarrisHarris, Kamala, Cory BookerBooker, Cory und Kirsten GillibrandGillibrand, Kirsten. Mittlerweile hatten sich 105 Mitglieder von Senat und Repräsentantenhaus hinter die Forderungen gestellt.

Der Green New DealGreen New Deal liegt auf dem Tisch, und das heißt, dass jetzt nicht nur ein Rahmenkonzept für die Erreichung der IPCCUN-Weltklimarat-Ziele durch die Vereinigten Staaten existiert, sondern auch ein klarer (wenn auch verwegener) Weg vorgezeichnet ist, wie das Konzept in Gesetze gegossen werden kann. Er sieht so aus: Bei den Vorwahlen der Demokraten für einen überzeugten Verfechter des Green New DealGreen New Deal stimmen; 2020 das Weiße Haus sowie eine Mehrheit in Repräsentantenhaus und Senat erobern; am ersten Tag nach der Amtseinführung der neuen Regierung mit der Umsetzung beginnen (so wie es Franklin D. RooseveltRoosevelt, Franklin D. in den berühmten »ersten hundert Tagen« mit dem New DealNew Deal gemacht hat, als der frischgebackene Präsident fünfzehn wichtige Gesetze durch den Kongress brachte).

Der IPCC-BerichtUN-WeltklimaratUN-WeltklimaratIPCC-Bericht war der schrillende Feueralarm, der die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zog, der Green New DealGreen New Deal hingegen ist der Auftakt zu einem Brandschutz- und Präventionsplan. Und er ist kein Flickwerk, keine Wasserpistole, die auf lodernde Flammen gerichtet wird, wie es in der Vergangenheit so oft geschehen ist, sondern ein umfassender, ganzheitlicher Plan, der das Feuer tatsächlich löschen kann. Und zwar vor allem, wenn sich die Idee auf der ganzen Welt ausbreitet – ein Prozess, der bereits begonnen hat.

Tatsächlich hat im Januar 2019 die politische Koalition »Europäischer Frühling« (ein Ableger des Projekts DiEM25DiEM25 (Partei), dessen Beratergremium ich angehöre) einen Green New DealGreen New Deal für Europa präsentiert, einen radikalen, detaillierten Plan, der eine Agenda zur raschen DekarbonisierungDekarbonisierung in ein umfassenderes Programm für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit einbettet: »Neben einem umweltfreundlichen Investitionsprogramm für den ökologischen Umbau der Welt enthält unser Programm auch alles Weitere, was uns während der vergangenen Jahre beschäftigt hat: entschiedene Maßnahmen zur Beseitigung von SteueroasenSteueroasen, eine humane und wirksame MigrationspolitikMigrationspolitik, einen klaren Plan zur Bekämpfung der ArmutArmut auf unserem Kontinent, einen Arbeitspakt und eine europäische Konvention über die Rechte der FrauEuropäische Konvention über die Rechte der Frau. Unser Green New DealGreen New Deal ist eine echte Option für all jene, die das Dogma ›Es gibt keine Alternative‹ durchbrechen und unserem Kontinent Hoffnung bringen wollen«, verkündete die Koalition.

In Kanada schloss sich ein breites Bündnis mehrerer Organisationen zusammen, um einen Green New DealGreen New Deal zu fordern, und die Führung der New Democratic Party übernahm das Konzept (wenn auch nicht seine höchsten Ziele) als Eckpfeiler ihrer Politik. Dasselbe gilt für GroßbritannienGroßbritannien, wo die oppositionelle Labour PartyLabour Party (Großbritannien) im Augenblick intensive Verhandlungen darüber führt, ob sie einen Green New DealGreen New Deal, ähnlich wie in den Vereinigten Staaten vorgeschlagen, in ihr Parteiprogramm aufnehmen wird.

Die verschiedenen Versionen des Green New DealGreen New Deal, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, haben eines gemeinsam: Während frühere Maßnahmen ein wenig an den Stellschrauben drehten, um Anreize zu schaffen, die im System nur minimale Störungen verursachten, handelt es sich bei den Green-New-Deal-Konzepten um eine Generalüberholung des Betriebssystems, sie sehen vor, dass wir die Ärmel hochkrempeln und erledigen, was ansteht. Märkte spielen in dieser Vision eine Rolle, sie sind aber nicht die Hauptakteure dieser Geschichte – das sind die Menschen: die Arbeiter, die die neue Infrastruktur schaffen, die Stadtbewohner, die saubere Luft atmen, in bezahlbaren Nullenergiehäusern wohnen und zu niedrigen Preisen (oder kostenlos) die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen werden.

Uns Verfechtern solcher Umbauprogramme wird zuweilen vorgeworfen, dass wir die Klimakrise benutzen, um eine sozialistische oder antikapitalistische Agenda voranzubringen, die wir schon vertraten, bevor wir uns auf die Klimakrise konzentrierten. Darauf habe ich eine ganz einfache Antwort. Mein Leben lang habe ich mich in Bewegungen gegen die unzähligen Eingriffe engagiert, mit denen unser derzeitiges Wirtschaftssystem, getrieben von skrupellosem Gewinnstreben, die Existenz von Menschen ebenso zerstört wie die Unversehrtheit von Landschaften. No Logo!Klein, NaomiNo Logo!, mein erstes Buch, erschienen vor fast genau zwanzig Jahren. Es dokumentierte die Kosten der konzerngesteuerten Globalisierung für Mensch und Natur, von den Sweatshops in IndonesienIndonesien bis zur ErdölförderungErdölförderung im NigerdeltaNigerdelta. Ich habe junge Mädchen gesehen, die unsere Kleider herstellten und dabei wie Maschinen behandelt wurden, und ich habe Berge und Wälder gesehen, die weggesprengt und vollkommen zerstört wurden, um an die darunterliegenden Öl-, Kohle- und Erzvorkommen zu gelangen.

Die schmerzlichen, teils tödlichen Auswirkungen dieser Praktiken konnte niemand leugnen. Man hat uns jedoch erklärt, dies seien einfach die notwendigen Kosten eines Systems, das so viel Wohlstand erzeuge, dass die Vorteile letztlich mittels des Trickle-down-EffektsTrickle-down-Effekt zu einem besseren Leben für jeden Bewohner des Planeten führen würden. Stattdessen ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben, die sich in der Ausbeutung einzelner Beschäftigter in den Fabriken und in der Zerstörung einzelner Berge und Flüsse zeigte, im Begriff, sich auszuweiten und unseren gesamten Planeten zu schlucken, fruchtbares Land in Salzwüsten, schöne Inseln in Geröllhaufen und einst lebensprühende KorallenriffeKorallenriffe in farblose Skelette zu verwandeln.

Ich gebe offen zu, dass ich die Klimakrise nicht von den marktgenerierten lokalen Krisen trennen kann, die ich im Lauf der Jahre dokumentiert habe; der Unterschied liegt nur in Umfang und Größenordnung der Tragödie, die das einzige Zuhause, das die Menschheit hat, in Gefahr bringt. Für mich war es immer ein Anliegen von überragender Dringlichkeit, ein radikal humanes Wirtschaftsmodell einzuführen. Aber diese Dringlichkeit hat inzwischen eine andere Qualität, weil wir heute in einer Zeit leben, in der wir letztmalig die Chance haben, durch einen Kurswechsel unvorstellbar vielen Menschen das Leben zu retten.

Das bedeutet nicht, dass jede Klimaschutzmaßnahme den KapitalismusKapitalismus demontieren muss und man sie andernfalls verwerfen sollte (wie manche Kritiker absurderweise behaupten) – wir brauchen jede nur denkbare Maßnahme, um die EmissionenKlimawandelReduktion der Emissionen zu vermindern, und zwar jetzt. Aber wir werden, wie der IPCCUN-Weltklimarat so energisch unterstreicht, die Aufgabe nicht bewältigen, sofern wir nicht zu einem wirtschafts- und sozialpolitischen Systemwechsel bereit sind.

Die Geschichte als Lehrmeisterin – und Warnung

Unter den Experten für EmissionsreduktionKlimawandelReduktion der Emissionen wird seit langem die Debatte geführt, welche Beispiele aus der Geschichte Vorbildcharakter für den radikalen, gesamtwirtschaftlichen Wandel haben könnten, so wie ihn die Klimakrise fordert. Viele favorisieren RooseveltsRoosevelt, Franklin D. New DealNew Deal, weil er bewies, wie drastisch die Infrastruktur und die herrschenden Werte einer Gesellschaft in nur einer Dekade verändert werden können. Tatsächlich waren die Ergebnisse verblüffend. Im Jahrzehnt des New DealNew Deal fanden mehr als 10 Millionen Menschen eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst, ein Großteil der ländlichen Gebiete wurde erstmals ans Stromnetz angeschlossen, Hunderttausende Häuser und andere Bauwerke wurden errichtet, 2,3 Millionen BäumeBäumeAufforstung wurden gepflanzt, achthundert neue staatliche Parks wurden geschaffen, und es entstanden im Auftrag der öffentlichen Hand Hunderttausende Kunstwerke.

Neben dem unmittelbaren Ergebnis, dass Millionen von der DepressionGroße Depression (USA) schwer getroffene Familien der ArmutArmut entrannen, hinterließ diese Periode fieberhafter staatlicher Investitionen ein bleibendes Erbe, das bis heute überlebt hat – ungeachtet jahrzehntelanger Versuche, es zu demontieren. Der Historiker Neil MaherMaher, NeilNature’s New DealMaher, Neil liefert in seinem Buch Nature’s New Deal eine aufschlussreiche Zusammenfassung:

»Heute fahren wir auf Straßen, die von der Works Progress Administration angelegt wurden; wir schicken unsere Kinder in Schulen und entleihen Bücher aus Bibliotheken, die von der Public Works Administration errichtet wurden, und selbst das Wasser, das wir trinken, kommt aus Stauseen, die von der Tennessee Valley AuthorityTennessee Valley Authority geschaffen wurden. Diese und andere New-Deal-Programme […] haben die natürliche Umwelt massiv verändert. Sie haben auch in der amerikanischen Politik einen Wandel herbeigeführt, denn sie haben den New DealNew Deal der amerikanischen Öffentlichkeit so präsentiert, dass die allgemeine Unterstützung für RooseveltsRoosevelt, Franklin D. liberalen Wohlfahrtsstaat wuchs.«

Andere sehen den einzigen Präzedenzfall, der uns den nötigen Umfang und die Geschwindigkeit der angesichts der Klimakrise erforderlichen Veränderungen vor Augen führt, in der Mobilisierung des Zweiten WeltkriegsWeltkrieg (Zweiter), als westliche Länder ihre Industrieproduktion und ihre Konsumgewohnheiten umstellten, um gegen Hitler-Deutschland zu kämpfen. Die Umstrukturierung war tatsächlich schwindelerregend: Fabriken wurden für die Herstellung von Schiffen, Flugzeugen und Waffen umgerüstet. Um Lebensmittel und Treibstoff für das Militär bereitzustellen, änderten die Bürger ihren Lebensstil massiv: In GroßbritannienGroßbritannien wurde jeglicher Transport auf das absolut Notwendige reduziert – zwischen 1938 und 1944 stieg die Nutzung öffentlicher Verkehrsmitteln in den Vereinigten Staaten um 86 Prozent und in Kanada um 95 Prozent. Im Jahr 1943 hatten 20 Millionen Haushalte (drei Fünftel der Bevölkerung) sogenannte »Victory Gardens« hinter dem Haus und bauten Gemüse an, das 42 Prozent des Bedarfs in diesem Jahr abdeckte.

Andere meinen, eine bessere Analogie als die Kriegsanstrengungen sei der anschließende Wiederaufbau – insbesondere der MarshallplanMarshallplan, eine Art New DealNew Deal für West-, Mittel- und Südeuropa. In Westdeutschland investierte die US-Regierung Milliarden in den Aufbau einer Mischwirtschaft, die breite Zustimmung finden und die wachsende Unterstützung für den SozialismusSozialismus untergraben sollte (während zugleich ein aussichtsreicher Markt für US-Exporte entstand). Das hieß Schaffung von Arbeitsplätzen durch den Staat, massive Investitionen in den öffentlichen Sektor, Subventionen für deutsche Firmen und die Förderung starker Gewerkschaften. Der MarshallplanMarshallplan gilt vielen als Washingtons erfolgreichste diplomatische Initiative.

Jeder dieser Präzedenzfälle hat seine offenkundigen Schwächen und Widersprüche. Das US-Militär allein ist der Union of Concerned ScientistsUnion of Concerned Scientists zufolge »der größte institutionelle Verbraucher von Erdöl weltweit«. Und Krieg mit seinen verheerenden Folgen für Menschen, Natur und Demokratie ist kein Modell für soziale Veränderungen. Überdies wird sich die Klimaerhitzung niemals so bedrohlich anfühlen wie Nazis auf dem Vormarsch – oder erst dann, wenn es zu spät ist und unser Verhalten keinen spürbaren Einfluss mehr haben kann.

Die Mobilisierung in Kriegszeiten und die gewaltigen Wiederaufbaumaßnahmen, die sich anschlossen, waren zweifellos ambitioniert, aber sie wurden auch durch eine Zentralregierung von oben gelenkt. Wenn wir uns angesichts der Klimakrise in ähnlicher Weise Regierungen fügen, dürfen wir mit hochgradig korrupten Maßnahmen rechnen, die für die verstärkte Konzentration von Macht und Reichtum in den Händen einiger weniger Big Player sorgen werden, ganz zu schweigen von systematischen Angriffen auf die MenschenrechteMenschenrechte, ein Phänomen, das ich wiederholt in meiner Beschäftigung mit dem Katastrophen-Kapitalismus in der Nachhut von Kriegen, Wirtschaftsschocks und Extremwetterereignissen beobachtet habe. Eine Klimawandel-SchockdoktrinSchockdoktrin ist eine reale, heute präsente Gefahr, deren erste Anzeichen ich in diesem Buch erörtern werde.

Auch der New DealNew Deal ist keineswegs eine ideale Analogie. Die meisten seiner Programme und Schutzvorschriften wurden auf den Druck sozialer Bewegungen hin entwickelt und nicht einfach von oben verordnet wie die Kriegsanstrengungen. Aber mit dem New DealNew Deal gelang es nicht, die US-Wirtschaft aus dem Griff der Wirtschaftskrise zu befreien, was das Hauptziel gewesen war, und seine Programme waren größtenteils auf männliche weiße Arbeitnehmer zugeschnitten. Die meist schwarzen Beschäftigten in Landwirtschaft und Haushalten blieben ebenso außen vor wie viele mexikanische Einwanderer – Ende der zwanziger und in den dreißiger Jahren wurden etwa eine Million von ihnen deportiert. Der Civilian Conservation CorpsCivilian Conservation Corps, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Leute, hielt an der RassentrennungRassentrennung fest und schloss Frauen aus (abgesehen von einem Camp, in dem junge Frauen die Herstellung von Konserven und andere hauswirtschaftliche Tätigkeiten lernten). Die indigene Bevölkerung profitierte zwar teilweise von den New-Deal-Programmen, jedoch wurden ihre Landrechte sowohl durch massive Infrastrukturprojekte als auch durch Naturschutzmaßnahmen verletzt. Auch waren die New-Deal-Hilfswerke vor allem in den Südstaaten wegen ihrer Voreingenommenheit gegen arbeitslose afroamerikanische und mexikanische FamilienMexikanische Einwanderer (USA) berüchtigt.

Die Green-New-DealGreen New DealGreen-New-Deal-Resolution-Resolution von Ocasio-CortezOcasio-Cortez, Alexandria und MarkeyMarkey, Ed beschäftigt sich ausführlich damit, wie solche Ungerechtigkeiten vermieden werden können, und nennt als eines ihrer Kernziele die »Beendigung der heutigen, Verhinderung der zukünftigen und Wiedergutmachung der historischen Unterdrückung indigener VölkerIndigene Völker, der Kommunen, in denen Farbige oder MigrantenMigranten leben, der deindustrialisierten Kommunen, der entvölkerten ländlichen Gemeinden, der Armen, Geringverdienenden, Frauen, älteren Menschen, Obdachlosen, Menschen mit Behinderungen und jungen Menschen«. »Wir haben hier nicht nur eine Chance […], den ersten New DealNew Deal zu reparieren, sondern auch die Wirtschaft umzubauen«, erklärte die Kongressabgeordnete Ayanna PressleyPressley, Ayanna bei einer Bürgerversammlung in Boston.

All diese historischen Vergleiche, vom New DealNew Deal bis zum MarshallplanMarshallplan, hinken nicht zuletzt deshalb, weil sie samt und sonders zur Ankurbelung und Ausweitung des CO2-intensiven Lebensstils, der Zersiedelung und des WegwerfkonsumsKonsum beigetragen haben und damit für die gegenwärtige Klimakrise verantwortlich sind. Die knallharte Wahrheit lautet, wie es im IPCC-BerichtUN-WeltklimaratIPCC-Bericht heißt, dass »es kein historisches Beispiel für die Größenordnung der notwendigen Veränderungen gibt, insbesondere da sie sozial und wirtschaftlich nachhaltig sein müssen« – ein Hinweis auf die Tatsache, dass die globalen Emissionen bisher nur in Zeiten schwerer Wirtschaftskrisen deutlich gefallen sind (wie etwa während der Großen DepressionGroße Depression (USA) in den dreißiger Jahren oder beim Zusammenbruch der SowjetunionSowjetunion) und dass die Kriege, die einen rapiden gesellschaftlichen Wandel ausgelöst haben, humanitäre und ökologische Katastrophen waren.

Ich persönlich bin der Meinung, dass es sich lohnt, historische Beispiele, so unzureichend sie sein mögen, zu untersuchen und zu zitieren. Jedes einzelne liefert auf seine Weise einen krassen Kontrast zu den bisherigen Reaktionen der Regierungen auf die Klimakatastrophe. Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten beobachten wir die Schaffung eines komplizierten EmissionshandelsEmissionshandel, gelegentlich eine geringe CO2-SteuerCO2-Steuer, den Ersatz eines fossilen Brennstoffs (Kohle) durch einen anderen (Erdgas), diverse Anreize für Verbraucher, andere Glühbirnen und energieeffizienteEnergieeffizienz Haushaltsgeräte zu kaufen, sowie Angebote von Firmen, ökologische Alternativen zu wählen, sofern wir bereit sind, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Aber nur ganz wenige Länder (insbesondere DeutschlandDeutschland und ChinaChina) haben ernsthaft in erneuerbare EnergienErneuerbare Energien investiert und damit ihre Markteinführung in einer halbwegs akzeptablen Geschwindigkeit erreicht.

Langsam werden in einigen wenigen Ländern strengere Vorschriften erlassen, und zwar stets als Reaktion auf den Druck starker sozialer Bewegungen. Einige Länder, Bundesstaaten und Provinzen haben Erdgas-FrackingFracking durch Verbote oder Moratorien untersagt. Die neuseeländische Regierung hat angekündigt, keine Lizenzen mehr für Offshore-ÖlbohrungenOffshore-Ölbohrungen zu erteilen. In NorwegenNorwegen dürfen ab 2025 keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden, ein Schritt, der zweifellos den Umstieg auf Elektroautos beschleunigen wird, sofern er zum Vorbild für andere Länder wird. Aber bisher hat sich keine Regierung eines reichen Landes bereit gezeigt, eine offene Debatte darüber zu führen, dass ihre Bürger den KonsumKonsum einschränken oder Unternehmen aus dem Fossilsektor für die Beseitigung der Schäden, die sie verursachen, bezahlen sollten.

Und wie sollte es auch anders sein? In den vergangenen vierzig Jahren Wirtschaftsgeschichte wurde die Macht der Öffentlichkeit systematisch geschmälert, wurden Aufsichtsbehörden geschwächt, Steuern für die Reichen gesenkt und zentrale Dienstleistungen an den Privatsektor verscherbelt. Unterdessen ist die Schlagkraft der Gewerkschaften dramatisch geschwunden, und die Öffentlichkeit erstarrt in erlernter Hilflosigkeit: Ganz gleich wie groß das Problem ist, so wurde uns versichert, man solle es am besten den Märkten oder milliardenschweren philanthropischen Kapitalisten überlassen, nicht im Weg stehen und gar nicht erst versuchen, das Problem an der Wurzel zu packen.

Und genau das ist der Grund, warum die historischen Beispiele aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren nach wie vor hilfreich sind. Sie erinnern uns daran, dass es schon immer möglich war und auch heute noch möglich ist, einer extremen Krise anders zu begegnen. Angesichts der kollektiven Notlage, die diese Jahrzehnte kennzeichnete, wurde die gesamte Gesellschaft, vom einzelnen Verbraucher über die Beschäftigten und die Fabrikanten bis hin zu sämtlichen Regierungsbehörden, für die tiefgreifenden Veränderungen mit klaren gemeinsamen Zielen herangezogen.

Die Problemlöser der Vergangenheit suchten nicht nach einem »Patentrezept« oder einer »Killer-App«, auch bastelten sie nicht an Notbehelfen oder warteten darauf, dass der Markt durch den Trickle-down-EffektTrickle-down-Effekt Lösungen lieferte. In jedem dieser Beispiele arbeiteten Regierungen gleichzeitig mit einer Vielzahl handfester Maßnahmen (von der Schaffung von Arbeitsplätzen durch Infrastrukturmaßnahmen über IndustrieplanungKlimaagendaPlanung bis hin zum öffentlichen Bankensektor). Diese Kapitel unserer Geschichte zeigen uns, dass durch die Kombination ehrgeiziger Ziele mit schlagkräftigen politischen Mechanismen praktisch alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in kürzester Zeit verändert werden können, so wie es heute angesichts des Zusammenbruchs unseres Klimas geboten ist. Diese Maßnahmen zu unterlassen ist eine bewusste Entscheidung und hat nichts mit der menschlichen Natur zu tun. So erklärte auch Kate MarvelMarvel, Kate, Klimawissenschaftlerin an der Columbia University und am Goddard Institute for Space Studies der NASA: »Wir sind nicht dem Untergang geweiht – es sei denn, wir entscheiden uns dafür.«

Die historischen Beispiele verdeutlichen einen weiteren wichtigen Punkt: Wir müssen nicht alle Einzelheiten ausarbeiten, bevor wir anfangen. Bei jeder der früheren Mobilisierungen gab es immer wieder Fehlstarts, es wurde improvisiert, und der Kurs wurde korrigiert. Wie wir noch sehen werden, kam es zu den progressivsten Reaktionen nur wegen des unermüdlichen Drucks der Bevölkerung. Wichtig ist, dass wir den Prozess sofort einleiten. Wie Greta ThunbergThunberg, Greta sagt: »Wir können nichts gegen einen Notfall ausrichten, wenn wir ihn nicht wie einen Notfall behandeln.«

Das heißt nicht, dass wir uns mit einem grün angehauchten New Deal oder einem MarshallplanMarshallplan für SolarpaneleSolarpanele begnügen dürfen. Wir brauchen ganz andersartige Veränderungen. Wir brauchen eine dezentraleDezentralisierung Versorgung mit WindWindenergie- und SonnenenergieSonnenenergie, wenn möglich in der Hand von Kommunen oder Genossenschaften, und nicht die Monopole und Megakraftwerke des alten New DealNew Deal, die fossile EnergieträgerFossile EnergieträgerKlimawandelfossile Energieträger oder WasserkraftWasserkraft aus angestauten Flüssen nutzten. Wir brauchen in den Städten optisch ansprechende Nullenergie-Wohngebäude für alle ethnischen Gruppen, erbaut mit demokratischer Beteiligung der künftigen Bewohner – statt der ausufernden, von Weißen bewohnten Vorstädte und der innerstädtischen schwarzen Ghettos der Nachkriegszeit mit ihren Sozialbauten. Wir müssen den indigenenIndigene Völker Gemeinschaften, kleinen Landwirten, Viehzüchtern und nachhaltigen Fischereibetrieben Einfluss und Ressourcen zubilligen, damit sie die AufforstungBäumeAufforstung mit Milliarden BäumenBäumeAufforstung, die Renaturierung von Mooren und den Humusaufbau auf landwirtschaftlichenKlimawandelLandwirtschaft Flächen selbst in die Hand nehmen können – statt die Kontrolle über den Naturschutz weitgehend dem Militär und Bundesbehörden zu überlassen, wie es beim New DealNew Deal mit dem Civilian Conservation CorpsCivilian Conservation Corps geschehen ist.

Und auch wenn wir beharrlich den Notstand beim Namen nennen, dürfen wir nicht zulassen, dass aus dem Notstand ein Ausnahmezustand gemacht wird, in dem mächtige Interessenvertreter Angst und Panik der Öffentlichkeit nutzen, um hart erkämpfte Rechte auszuhebeln und gewinnträchtige Pseudolösungen durchzusetzen.

Mit anderen Worten, wir brauchen etwas, das noch nie versucht wurde, und um es in Angriff zu nehmen, müssen wir zum Bewusstsein unserer Möglichkeiten und zu dem Tatendrang zurückfinden, die verloren gegangen sind, seit Ronald ReaganReagan, Ronald verkündete: »Die neun furchterregendsten Wörter der englischen Sprache sind: ›I’m from the government and I’m here to help‹ (›Ich bin von der Regierung und komme, um Ihnen zu helfen‹).« Frühere Zeiten rapider kollektiver Veränderung können uns inspirieren und beflügeln, aber auch ernüchternde Warnungen liefern.

So können wir aus den dreißiger und vierziger Jahren lernen, dass im Fall von Systemkrisen, die ein politisches und ideologisches Vakuum schaffen, wie es heute der Fall ist, nicht nur humane und hoffnungsvolle Ideen wie der Green New DealGreen New Deal Nahrung finden. Dasselbe gilt für gewaltträchtige und hasserfüllte Ideen. Dies zeigte sich in erschreckender Weise am 15. März 2019, einem ersten Höhepunkt der weltweiten SchulstreiksSchulstreiks.

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