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Warum ich mich nicht für Politik interessiere …

Inhalt


  1. VORWORT
  2. I. DAS RÄTSEL
  3. Der Garten
  4. Der Feuersalamander
  5. Würstchen aus Worms
  6. Der Professor der Gewässer und der Professor der Dünste
  7. Das halbe Pferd
  8. Freie Menschen
  9. Der ferne Freitod
  10. Das erste Kreuz
  11. Der erfundene Brieffreund
  12. Der zweite Kibbuz
  13. Das geklaute Fenster
  14. Das Abendessen in Schloss Augustusburg
  15. Das Abendessen in San Francisco
  16. II. DER WENDEPUNKT
  17. III. DIE POLITIK
  18. Die Parteien
  19. Das Volk und die Staatsgewalt
  20. Der politische Apparat
  21. Das politikferne Bürgerfest
  22. Der unmündige Zweitstimmer
  23. Der übereifrige Erststimmer
  24. Die bestimmten Regierungschefs
  25. Der ausgekungelte Bundespräsident
  26. Das Neumitglied als Frühstücksei
  27. Wahlen ohne Glanz und Gloria
  28. Die kleinen Blüten der Macht
  29. Das abgekoppelte Volk
  30. Politik als Organisation
  31. Die Kommissionen
  32. Die ausgegliederte Gesetzgebung
  33. Die Volksvertreter
  34. Die Talkshows
  35. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen
  36. Hoffentlich nie: Die öffentlich-rechtliche Zeitung
  37. Politik im Internet
  38. Die virtuellen Wahlkampfzentren der Parteien
  39. Politiker im Internet
  40. Der Wahl-O-Mat
  41. Der politische Lichtblick: Das Bundesverfassungsgericht
  42. IV. DIE ANDEREN
  43. DIE VIELEN
  44. Die Montagsdemonstranten
  45. Die Lichterkette
  46. Der Kirchentag 1993
  47. Aktion Sühnezeichen
  48. Der 14. September 2001
  49. Die Bürgermeister
  50. Braunes? Buntes! Wunsiedel
  51. Menschen, die es gibt, für Menschen, die es nicht gibt
  52. Hamburger Spendenparlament
  53. Common Purpose
  54. Die Fußballfans aus Dresden
  55. Das Netzwerk Weiße Rose
  56. Die politischen Onliner im Internet
  57. Die Online-Petition
  58. Abgeordnetenwatch
  59. DIE EINZELNEN
  60. Nelson Mandela
  61. Muhammad Yunus
  62. Jenny de la Torre Castro
  63. Clara Anders
  64. So: Antje Vollmer, Bischof Martin Kruse, Richard Schröder
  65. So nicht: Frank Steffel
  66. Seyran Ates
  67. Willy Brandt
  68. Gunter Demnig
  69. Der Leser
  70. Ismael Khatib
  71. Der Lehrer
  72. V. DIE GEWISSHEIT
  73. Die Wirklichkeit
  74. Der sonnige Staatskörper
  75. Das Kaleidoskop
  76. Die U-Bahn
  77. VI. DIE FOLGE
  78. Alles ist Politik …
  79. Politik als Lebensform
  80. Der politische Politikverweigerer
  81. Die Gesellschaft als tägliche Volksabstimmung
  82. Damals dreißig
  83. 1989: Der Mauerfall
  84. 1999: Die Töpfchen
  85. 2009: Der Unrechtsstaat
  86. Heute dreißig
  87. Keine Illusionen
  88. Dafür: Pragmatisch
  89. Aber: Unpolitisch?
  90. Friedliche Langeweile
  91. Rückzug ins Private? – Von wegen!
  92. Die unbequeme Zivilgesellschaft
  93. So: Das scheinbar bequeme Ehrenamt
  94. Und so: Die unbequemen Einmischer
  95. … und jeder ist ein Politiker
  96. DANK

VORWORT


27. Dezember 2008. Bruder Fritz kam zu Besuch. Erstmals allein, ohne die Kinder. Er blieb ein paar Tage. Wir redeten und redeten, die Nächte hindurch. Über uns und die Familie, über das Leben und die Politik. Das Superwahljahr stand vor der Tür, ein Schnaps musste her. »Du solltest ein Buch schreiben«, sagte er schließlich und nahm einen Schluck. Und beim nächsten lieferte er gleich den Titel dazu: »Warum ich mich nicht für Politik interessiere …«

Ein Buch über Politik schreiben? Ausgerechnet ich? Ausgerechnet jetzt? Interessiert sich überhaupt noch jemand für Politik? Sind wir der Parteien, der Kommissionen, der Volksvertreter, der Talkshows und des parteipolitisch dominierten Fernsehens nicht überdrüssig? Machen »die da oben« nicht sowieso, was sie wollen, egal, was »wir hier unten« denken? Solche Politik interessiert mich nicht. Eine derartige Politik kann nicht interessieren. Rollen wir nicht seit Jahren mit den Augen, wenn wir das Wort »Politik« auch nur hören? Werden wir 2009 nicht erst recht genug davon haben – mit den vielen Jubiläen und Jahrestagen, mit den nicht enden wollenden Wahlen?

Auf der anderen Seite: warum nicht? Bin ich nicht mit der Politik aufgewachsen? Habe ich nicht schon als Kind mit dem Vater die Zeitung gelesen? Mit ihm, der die Blätter immer zuerst lesen wollte, weil er es nicht ausstehen konnte, wenn sie »ausgelesen« waren, wie er sagte, wenn er eigentlich meinte: zerknittert? Haben wir nicht die Zeitung darum oft zusammen gelesen, er sie von sich weghaltend, ich sie gleichzeitig an mich heranziehend, damit wir die Buchstaben entziffern konnten? Habe ich mich nicht später mein ganzes Leben mit Politik beschäftigt, auch wenn ich nie »in der Politik« war? Aber schreibend als Journalistin, redend, moderierend und diskutierend bei vielen Anlässen?

Ja, Politik war immer da. Aber immer war da auch die Frage: Was ist das eigentlich? Lange Zeit rumorte die Frage in mir, stellte sich erst wörtlich, dann leise, dann kaum noch vernehmbar. Es gibt Fragen, die stellt man als Erwachsener nicht mehr. Der Vater, der Großvater, die Kindheit, die Jugend, der Schüleraustausch in den USA, die erste Wahl, das Studium, die frühen Reisen nach Israel, die spätere Begegnung mit der »Second Generation« in den USA, all das schoss mir beim zweiten Schnaps durch den Kopf. Ich wusste früh, dass wir Deutschen uns allein schon aus historischer Verantwortung für Politik interessieren müssen. Aber für welche Politik? Für die, die wir tagtäglich präsentiert bekommen? Ist das überhaupt Politik? Was ist Politik? Was hat sie mit uns, was haben wir mit ihr zu tun?

Darf man das fragen? Darf man solche Fragen in einem solchen Land mit einer solchen Geschichte stellen? Man darf, man muss. Auch öffentlich. Auch das schoss mir durch den Kopf.

Und noch viel mehr: Die Montagsdemonstrationen und Kirchentage, die Lichterkette und Fußballfans, Nelson Mandela und Willy Brandt, Seyran Ates und Ismael Khatib, ein Leser, ein Lehrer. Sie alle, zufällig und fast wahllos zusammengewürfelt, zogen an meinem inneren Auge vorbei. Ihr Mut, ihr Handeln, das hatte mich beeindruckt. Langsam dämmerte es mir: Sie alle verband etwas: die Politik. Verbindet sie das nicht mit uns allen, mit jedem von uns? Egal, wer wir sind, egal, was wir tun, egal, wie wir leben, egal, was wir denken? Sind wir nicht alle ein Teil des Ganzen?

Auf einmal kannte ich die Antwort auf meine Fragen nach der Politik. Auf einmal wusste ich, wofür ich mich mein Leben lang tatsächlich interessierte.

Beim dritten Glas wusste ich: Fritz’ Idee war keine Schnapsidee.

I. DAS RÄTSEL


Der Garten

Politik interessiert mich nicht.

Der Großvater war Diplomat, der Vater in der Politik, vom Ministerpräsidenten, dem Urgroßvater, habe ich erst viel später gehört. Ich verstand nicht, was der Vater tat, und als ich als Kind einmal fragte, was Politik eigentlich sei, blieb der Vater die Antwort schuldig. Wir gingen durch den Garten, lang, ziemlich lang, und er redete viel, sehr viel. Ich fragte, und er antwortete, ich fragte wieder, und er wand sich, ich fragte abermals, und er kam ins Schleudern. Wir sprachen viel zu Hause, wenn auch wenig über Politik. Mein Vater hatte sich stets zurückgehalten mit seinen Dingen, lieber uns befragt, aber immer geantwortet, wenn wir Fragen stellten. Diese Frage von damals war die einzige, die er mir nicht beantworten konnte. Und so blieb er auf Rückfrage der Lehrer das, was er laut Klassenbuch immer schon war: Rechtsanwalt.

Politik interessierte mich nicht. Nicht aus Opposition, sondern weil ich nicht wusste, was das ist. Ich verstand es nicht, weil ich es nicht sehen konnte.

Der Feuersalamander

Bis auf ein einziges Mal. Da gelang es dem Vater, das Interesse seiner Kinder an seinem Beruf zu wecken. Er sollte eine Rede halten. Im Bundestag? Ich weiß es nicht mehr. Im Fernsehen jedenfalls. Über Bewegendes und Historisches, die Deutsche Frage oder vielleicht auch etwas anderes. Wir saßen beim Frühstück und forderten ihn heraus. Wir machten einen Deal: Er sollte ein bestimmtes Wort sagen, ein Wort, das nicht passt. Das Wort hieß: Feuersalamander. Der Tag kam, wir hockten vorm Fernseher, gebannt wie sonst nur bei Bonanza oder der Sportschau, die Sendung begann. Wir lauschten, und wir verstanden nichts. Wir verfolgten Satz um Satz, Wort um Wort, wir verstanden nichts, und wir lauschten weiter. Bis endlich das Wort aller Worte fiel: Feuersalamander! Ein Blick in die Kamera, ein Augenzwinkern, das niemand sah.

Aber ich.

Selten wohl haben so kleine Kinder so gespannt eine politische Rede verfolgt und so wenig vom Inhalt verstanden. Kein Wunder, Politik interessierte uns nicht. Aber der Feuersalamander! Jahre später, am 8. Mai 1985, sollte der Vater uns mit einer politischen Rede faszinieren, aber da waren wir ja auch keine Kinder mehr.

Würstchen aus Worms

Politik. Was war nun Politik? Ein Blick in die Kamera, ein Blinzeln für die Tochter? Die Rede selbst jedenfalls war ein zum Scheitern verurteilter Versuch, uns die Materie jenseits des Feuersalamanders schmackhaft zu machen. Politik blieb rätselhaft. Politik, das waren Würstchen aus Worms, dem Wahlkreis des Vaters, und Wein für die Mutter mit dem Photo des Vaters auf dem Etikett. Politik hieß im November 1968 für kurze Zeit Gerhard Schröder, der statt des Vaters als CDU-Kandidat für die Bundespräsidentenwahl auserkoren worden war; mit der Folge, dass sein Name auf Geheiß des jüngeren, damals achtjährigen Bruders Fritz in unserem Hause nicht mehr erwähnt werden durfte – bis zur Wahl im März 1969. Denn zu unserer klammheimlichen Freude verlor Gerhard Schröder gegen Gustav Heinemann, zwar erst im dritten Wahlgang und mit 506 zu 512 Stimmen ziemlich knapp, aber uns scherte das nicht. Die Ehre des Vaters war gerettet. Der Name Schröder durfte im Hause Weizsäcker wieder fallen.

Das war Politik!

Der Professor der Gewässer
und der Professor der Dünste

Unser Vater hatte eine ganz eigene Art, mit uns umzugehen. In die alltäglichen Dinge mischte er sich selten ein, trotzdem prägte er uns. Weniger politisch als vielmehr persönlich. Er prägte jeden auf seine Weise. Meinen Bruder Fritz zum Beispiel machte er durch einen simplen Trick zu einem begnadeten Redner, einem wahren Rhetoriker.

Eltern gehen sonntags gern spazieren, Kinder nicht. Da waren wir keine Ausnahme. Besonders Fritz hatte nie Lust. Dem begegnete der Vater mit einer List. Er erfand zwei Professoren: den Professor der Dünste und den Professor der Gewässer. Einer war Fritz, der andere der Vater. Wer welche Rolle hatte, weiß ich nicht mehr, es ist auch egal. Sonntag für Sonntag debattierten die beiden »Professoren« aufs Heftigste. Das Siebengebirge hinauf, das Siebengebirge hinunter: Was herrschte über was: die Gewässer über die Dünste oder die Dünste über die Gewässer? War das Wasser wichtiger, ohne das es keinen Dunst gäbe? Oder war es der Dunst, ohne den kein Wasser entstünde? War das Wasser, das in Form von Regen den Dunst verscheuchen kann, mächtiger als der Dunst? Oder war der Dunst überlegen, aus dem der Regen für die Gewässer erst entsteht? Wer war Herr über die Dinge, vor allem: Herr über den anderen?

Geklärt wurde das nie. Irgendwann waren wir zu alt für Sonntagsspaziergänge.

Das halbe Pferd

Mich prägte er anders. Ohne Absicht und vermutlich auch, ohne es zu merken. Er erzog mich zum eigenständigen Denken, ohne je an mir zu ziehen. Er sprach mit mir wie zu einer eigenverantwortlichen Person. Denn die eigene Verantwortung, die war ihm wichtig. Nicht erst in der Zukunft, sondern jederzeit.

Gehörten Spaziergänge auch nicht zu meinen Leidenschaften, so trieb ich Sport für mein Leben gern. Turnen, Volleyball, Reiten, das war ein zentraler Teil meiner jungen Jahre. Die Bewegungen beim Turnen, das Mannschaftsspiel beim Volleyball und beim Reiten natürlich: das Pferd! Ein Pferd ist der Traum vieler Mädchen – unerreichbar für fast alle, auch für mich. Ich durfte Privatpferde reiten, das war das Schönste überhaupt. Da wurde mir plötzlich, wie aus heiterem Himmel, ein halbes Pferd angeboten. Eine junge Reiterin suchte eine Mitstreiterin, mit der sie sich Reiten und Pflege teilen konnte. Das war mehr als verlockend – doch nicht die einzige Option, die ich hatte.

Die andere war ein Schüleraustausch in Amerika. Auch das fand ich verlockend, doch ich fürchtete mich davor. Ich kannte das Heimweh zur Genüge, was ich natürlich niemals verriet, und fand vielleicht darum das Pferd die eindeutig bessere Wahl. Nur drei kleine Sätze sagte der Vater, der mein Dilemma wohl ahnte: »Es ist Deine Entscheidung. Es liegt ganz bei Dir, was Du willst: das Pferd oder Amerika. Aber überlege auch, was Du später davon hast.« Er würde jede Wahl akzeptieren, das wusste ich. Doch ich ahnte, dass Amerika sinnvoller wäre, dass ich mich davor eigentlich nur drücken wollte – aus Angst vor der langen Zeit, aus Angst vor dem Heimweh. Die Entscheidung war gefallen.

Freie Menschen

So blieb es auch später. Nie ging es den Eltern bloß um eine »Vorbereitung aufs Leben«, stets ging es um das Leben selbst. Nie bestimmte der Vater, stets hörte er zu oder gab zu bedenken. Nie sagte er, was ich denken oder tun sollte, immer wollte er, dass ich selbst entschied und selbst dazu stand. So verriet er mir erst, als ich schon Journalistin war, dass Journalismus früher sein Traumberuf war, und dass er sein erstes Geld nach dem Krieg mit Beiträgen für den Bayerischen Rundfunk verdient hatte. Das zu wissen, hätte meine Berufswahl gewiss nicht beeinflusst. Aber gesagt hat er es trotzdem nicht. Sicher ist sicher.

Die Eltern gaben nicht vor, welchen Weg wir einschlagen sollten. Wir sollten frei sein – in eigener Verantwortung. So wurden wir vier Geschwister so verschieden, wie es nur sein kann: Der älteste, Robert, wurde Volkswirt, der zweite, Andreas, Künstler, die dritte, also ich, Juristin, und Fritz, der vierte, Arzt. Und unsere Mutter sagte immer wieder spitzbübisch lächelnd: »Habe ich das nicht gut gemacht? Für jeden Fall etwas dabei.«

Politisch war das nicht anders. Auch hier sollten wir frei sein und vor allem frei entscheiden. Wer was wählte, war bei uns nie ein Thema. So wurde in dieser Familie schon fast alles gewählt, was es an demokratischen Parteien gibt: CDU und SPD, FDP und Grüne. Doch davon waren wir damals natürlich noch weit entfernt. Von der Politik ebenso wie vom Interesse daran. Und von den Wahlen schon gar.

Der ferne Freitod

Die Entscheidung zwischen Pferd und Amerika also war gefallen. Ich flog nach Everett, Washington, in den hohen Nordwesten, hinter den Rockies, gleich an der Küste, fast schon Kanada. 1976 war das, im Bicentennial, dem Jahr der 200-Jahr-Feier der USA. Wie anders alles war. Drei Dinge vor allem weiß ich noch genau.

Erstens: Zu meiner Verblüffung hieß Schule nicht nur Lernen. Eines Tages brauchten wir Geld. Für wohltätige Zwecke und eigenes Vergnügen, es ging um viel Geld. In Deutschland wäre es undenkbar gewesen, in den USA war es ganz leicht: Wir trieben Sport, was wir sowieso am liebsten taten. Wir spielten Basketball. Es war kein Wettbewerb wie sonst, es ging nicht darum, die anderen zu besiegen. Es galt einzig, den Ball auf Trab zu halten. Wie man damit Geld verdienen kann? Ganz einfach: Man tut es rund um die Uhr, vierundzwanzig Stunden lang. Der Ball musste nur in Bewegung bleiben, Stunde für Stunde. Sonst nichts. Wenn einer das Spielfeld verließ, kam ein anderer herein, der Ball hüpfte weiter. Und das funktionierte. Alle, die wollten, schauten vorbei, die Lehrer, die Eltern, die Schüler. Und alle, die kamen, spendeten Geld. Viel Geld kam zusammen. Niemand von uns hätte das allein geschafft.

Aber die Gruppe.

Zweitens: Zu meiner Überraschung kehrten sich die Rollen zuweilen um. Wir Austauschschüler sollten auf einmal unterrichten. Wir sollten von Klassenraum zu Klassenraum gehen und etwas über unser eigenes Land erzählen, über Japan, über Norwegen, über Frankreich, über Deutschland. Das klang schwierig, war aber leicht. Denn niemand wusste, dass West-Berlin in der DDR lag. Von der Mauer hatten manche gehört, aber nichts von der Lage der Stadt. Seltsamerweise wunderte sich keiner, dass Berlin von einer Mauer umgeben war, wenn es doch in West-Deutschland lag. Niemandem kam das komisch vor, niemand fragte nach. Erst als ihnen durch den Blick auf die Landkarte, die ich für sie gezeichnet hatte, klar wurde, warum es die Mauer gab, dass Berlin mitten im Osten lag, wurden sie neugierig. Nun wollten sie alles wissen. Wie denn das sei, wie denn das möglich sei, so eingesperrt zu leben. Eingesperrt sein in Freiheit, das sprengte die Vorstellungskraft. Die Luftbrücke war stets das Highlight ihres »Unterrichts«. Manche kannten sogar das Wort »Rosinenbomber«, aber es sagte ihnen wenig. Das war ja auch schon fast dreißig Jahre her, für Siebzehnjährige eine unendlich lange Zeit. Doch es war nicht das Faszinosum Berlin, das sie berauschte, es war der Beitrag ihres eigenen Landes. Denn Amerika hatte die Rosinenbomber geschickt. Ihre Väter hatten Berlin gerettet.

Ich hielt meine ersten Vorträge und fühlte mich großartig. Während man uns im fernen Bonner Gymnasium per Frontalunterricht mit theoretischem Wissen überhäufte, wurden wir hier als Menschen ernst genommen. Wir waren Gestalter, nicht bloß Gefäße, in die es möglichst viel hineinzufüllen galt.

Drittens: Zu meinem Erstaunen gab es keine Nachrichten über Deutschland. War schon die eigene Hauptstadt Washington D. C. weit, Europa schien auf dem Mond zu liegen. Nur zweimal wurde aus Deutschland berichtet. Das eine Mal vom Freitod Ulrike Meinhofs, das andere Mal von der Berliner Mauer, die irgendwo erhöht worden war. Mir fehlten Nachrichten. – Aber, änderte das etwas? Interessierte es jemanden?

Nope!

Das erste Kreuz

Die Volljährigkeit kam und mit ihr das Wahlrecht, gerade rechtzeitig zur Wahl 1976. Wir steckten noch voller Erinnerungen an den furiosen Wahlkampf Willy Brandts 1972, auch wenn wir damals noch halbe Kinder waren. Der Wahlkampf ’72 war ansteckend bis in die Schule; ansteckend buchstäblich: Ich sehe noch die »Willy-wählen«-Buttons überall auf den Schulranzen, höre noch die »Willy-wählen«-Rufe überall auf den Straßen. Wir wussten zwar kaum etwas vom gescheiterten Misstrauensvotum im April und hatten auch nur am Rande von der Auflösung des Bundestags im Herbst gehört. Das waren so Sachen, die interessierten uns nicht, die verstanden wir nicht. Die waren uns reichlich egal. Aber den Wahlkampf, die Begeisterung, die fast das ganze Land erfasst hatte, das fanden wir Spitze. »Politik« war Wahlkampf, und Wahlkampf war »Action«. Das fanden wir toll.

1976 war das ganz anders. »Freiheit statt Sozialismus« lautete nun die Parole. Kohl gegen Schmidt. Die »Menschen im Lande« sollten es richten. Wir also. Komisch, dachte ich. Wählen Politiker denn nicht? Politik blieb ein Rätsel. Es war meine erste Wahl. Die erste Wahlkabine, der erste Wahlzettel, das erste Kreuz. Das wurde schwierig. Was sollte ich wählen? CDU wie der Vater? Oder doch etwas anderes? Sollte ich heimliche Opposition hinterm Vorhang wagen? Doch ich traute mich nicht. Ich wählte CDU. Nie wieder habe ich das später getan. Nur damals, bei meiner ersten Wahl.

»Politik« hatte mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Sonst nichts.

Der erfundene Brieffreund

Das Studium folgte und mit ihm die Erkenntnis des Überflusses. Die geburtenstarken Jahrgänge strömten an die Universitäten, fünf Parallelklassen waren wir im Bonner Gymnasium gewesen, es gab uns in Massen, überall. Schon am ersten Tag des ersten Semesters in Hamburg schritt der Professor die Reihen ab, zeigte von Student zu Student und sagte ungerührt: »Eins, zwei, Sie fallen durch. Eins, zwei, Sie fallen durch. Eins, zwei, Sie fallen durch.« Mich hatte es nicht getroffen, doch ich fühlte mich elend. Ein Drittel musste raus, weil wir zu viele waren.

Vier Semester später in München war die Situation noch drastischer. Die Hörsäle barsten vor Studenten, und niemand registrierte, ob man da war oder nicht, ob es einen überhaupt gab oder nicht. Einmal wurde ein Student durch das gesamte Jura-Studium geschleust, er machte Schein um Schein, bestand Prüfung um Prüfung. Erst im mündlichen Teil des Ersten Staatsexamens flog der Schwindel auf: den Studenten hatte es nie gegeben. Andere hatten sich für ihn ausgegeben. Und niemandem war das aufgefallen.

Wir waren nicht nur alle ersetzbar, uns musste es gar nicht erst geben.

Da kam Marian. Er war meine Rettung. Auch Marian hat es nie gegeben. Er war mein Brieffreund in Polen und sollte es jahrelang bleiben. Ich hatte ihn erfunden, im dritten Semester. Während wir in Deutschland aufgabenlos vor uns hin studierten, hatten die Unruhen, die infolge der Gründung der Gewerkschaft Solidarność entstanden waren, auch die polnischen Universitäten erfasst. Ich verfolgte die revolutionären Ereignisse gebannt. Und ich schrieb Marian:

Im Februar 1981:

»Nun ist die Welle der Unruhen bis in Eure Universität in Warschau vorgedrungen, habe ich gelesen. Seid bloß vorsichtig mit Euren Sitzstreiks! Du glaubst gar nicht, wie sehr Eure Kraft noch gebraucht wird. Ihr habt es nicht leicht, und doch beneide ich Dich fast um den Aufbruch in dem Land, dessen Angehöriger Du bist. Weißt Du eigentlich, wie viel Du hast, wonach ich mich sehne? Du hast junge Kraft, Energie und Idealismus. Ich auch. Doch Du hast auch die Chance, sie für eine gute Sache einzusetzen. Du kämpfst für die Freiheit, eine Freiheit, die wir schon haben. Wofür könnte ich kämpfen? Ich kann allenfalls im Kleinen kämpfen. Und es reicht mir nicht, was ich tue. Ich habe das Gefühl, nicht gefordert zu sein.«

Im April 1981:

»Wenn ich verfolge, wie sie bei Euch Fleisch und Zucker rationieren, schwanke ich, ob meine Gedanken richtig sind. Lieber satt und träge als hungrig und rege? Die Älteren können mich sicher nicht verstehen. Sie waren im Krieg, sie haben alles dafür getan, damit es uns gut geht. Und doch überlege ich, ob sie nicht das sinnvollere Leben hatten. Sie hatten eine Aufgabe, wir nicht. Wenn ich an unsere Waschlappengeneration denke, wird es mir ganz übel. Die gehen doch ein, wenn’s mal brennt. – Vermutlich wirst Du mich für verrückt halten, Marian, aber vielleicht bist Du, der Du für eine gute Sache kämpfen kannst, auch der Einzige, der mich versteht.«

Im Mai 1982:

»Einen politischen Halt, eine politische Haltung gibt es hier nicht. Man plappert nach, was die Zeitungen sagen. Es gibt auch keine Notwendigkeit, den Halt selbst zu schaffen. Es geht uns zu gut. Das Resultat dieses Gut-Gehens sind Überdruss und Ziellosigkeit. Allen soll es auch gut gehen, bitte missverstehe mich nicht. Aber wozu sich anstrengen, wenn man einerseits ohne Anstrengung genauso weit kommt und andererseits trotz Anstrengung wegen der Masse nicht aus dem Mittelmaß herauskommt? Ich habe manchmal das Gefühl, vor ungenutzter Energie zu platzen. Und doch sinke ich jeden Abend übermüdet vom Kleinkram des Alltags ins Bett. Welche Verschwendung!«

Im Dezember 1983:

»Wenn ich meine Briefe an Dich lese, denke ich, es muss Dir so vorkommen, als sei ich unglücklich. Dem ist nicht so. Ich fühle nur, dass Zeit verrinnt, die man sinnvoll nützen müsste. Mein Traum ist immer noch, einmal so sinnvoll leben zu können, wie Du es in Deinem Leben täglich tust.«

Und drei Jahre später, im November 1986:

»Ist Leere und Stumpfsinn alles, was der satte, freie Mensch hinbekommt? Mehr und mehr glaube ich, dass wir es nicht lange aushalten, passiv zu leben. Der Mensch braucht die aktive Sinnhaftigkeit. Täte es der Gesellschaft nicht besser, wenn sie kämpfen muss? Herrschen Krieg oder Unfreiheit, ist der Lebenssinn offenbar. Doch ist das Ziel, ein Leben in Freiheit und Wohlstand zu führen, erreicht, können wir nicht damit umgehen. Ich kann nicht glauben, dass der Mensch nur in Unfreiheit kämpfen, nur dann Haltung zeigen kann, um danach im wahrsten Sinne des Wortes zu erlahmen. Das scheint mir unser eigentliches Problem zu sein. Aber wen interessiert das schon? Es ermutigt keinen, sich seinen Sinn und seine Dienste nicht nur komplett selbst ausdenken, sondern sie den anderen auch noch aufzwingen zu müssen.«

Bei Marian hatte ich den Eindruck, er hört mir zu, er nimmt mich wahr, er nimmt mich ernst, er versteht meine Gedanken. Davon konnte in meiner Wirklichkeit keine Rede sein.

Der zweite Kibbuz

Mit dem Studium begann auch die Zeit des Reisens. Zweimal fuhr ich nach Israel, um in einem Kibbuz zu arbeiten, einmal mit meinem Bruder Fritz, einmal mit drei Freunden. Im ersten Kibbuz, Grofit ganz im Süden, zogen wir in den frühen Morgenstunden Wasserleitungen aus dem Boden, um die Anlage »sommerfest« zu machen. Die Hitze der sommerlichen Sonne hätte sonst alles zerstört. So etwas kannten wir gar nicht, Fritz und ich.

Im zweiten Kibbuz, weiter im Norden, standen meine deutschen Freunde und ich Nacht für Nacht in der Fabrik und buken Challa, das Brot zum Sabbat, am Fließband, im Akkord. Zwischen Tel Aviv und Jerusalem lag ein riesiges Einzugsgebiet, es gab viel zu tun. Jeder wusste, wenn er nicht am Fließband stand, mussten die anderen mehr und schneller arbeiten. Darum war niemand krank. Hier wurde jeder gebraucht. Es war das Gegenteil von meinem Leben in Deutschland.

Einat war ein alter Kibbuz, gegründet von Überlebenden des Holocaust. Deutsche Volontäre waren nicht gern gesehen. Warum man uns gerade dorthin geschickt hatte, erfuhren wir nie. Zum ersten Mal sah ich KZ-Nummern auf Unterarmen. Mit aller Vorsicht und Scheu näherten wir uns an. Die Alten und wir Jungen. Zunächst war es schwierig. Sie wollten nicht, dass wir im Speisesaal arbeiteten, sie wollten nicht von Deutschen bedient werden, sie wollten unsere Nähe nicht. Doch nach und nach wich die Ablehnung: »Ihr könnt nichts dafür, Ihr seid ja jetzt hier, Ihr helft uns ja und lebt mit uns«, hieß es nach ein paar Wochen. Mit den jungen Israelis gab es keine Probleme, für sie waren wir Leute wie sie. Wir arbeiteten zusammen, wir aßen zusammen, wir lachten zusammen.

Bis die vierteilige Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß im Fernsehen kam. Tagelang waren die Menschen darauf vorbereitet worden. Hotlines wurden geschaltet, Psychologen und Seelsorger benannt, im Fernsehen, im Radio, immer wieder und wieder. Gleichwohl wurde die Ausstrahlung für fast alle zur Qual. Ein bleierner Schleier legte sich über das Land, der Woche um Woche erdrückender wurde. Ich schämte mich. Ich hätte mich am liebsten versteckt oder als die Schwedin ausgegeben, für die die meisten mich hielten. Ich spürte die ganze Last der Geschichte. Ich wagte nicht mehr, die Alten anzuschauen, doch die wandten den Blick nicht ab. Sie blieben dabei: Du kannst nichts dafür, du bist jetzt hier, du hilfst uns und lebst mit uns.

Die Jungen dagegen waren wie ausgewechselt. Keiner sprach mehr mit uns. »Ihr tragt die Schuld! Ihr seid verantwortlich für Hitler!«, war das Einzige, was sie sagten, wutschnaubend. Die Sätze der Alten wollten sie nicht hören, schon gar nicht gelten lassen. Und je öfter sie sie hörten, desto zorniger wurden sie. Das saß.

Und ließ mich zornig werden.

Wussten wir nicht dank des gründlichen Unterrichts in Deutschland gut Bescheid? Waren wir nicht durch das wiederholte Durchnehmen der Nazi-Zeit genügend vorbereitet? Hatte es nicht jahrzehntelange Bemühungen von Politikern gegeben, das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel zu entspannen? Hieß es nicht längst, es sei besser, leichter geworden, gerade für uns, die nächste Generation? In Einat war davon nichts zu spüren. Unser Wissen half uns nicht. Die großen Reden, die vielen Worte, am Fließband in Israel war nichts davon angekommen. Und die Alten? Die hatte wohl die Nachsicht von Eltern gegenüber der Unschuld von Kindern gepackt. Ach, die Kinder, die werden es schon noch lernen, sie werden es schon noch verstehen, eines Tages. Und dann können wir reden. So kam es mir vor.

Politik, was war das? Politik, was brachte das?

Das geklaute Fenster

Ein paar Jahre später besuchte ich Polen. 1985, vier Jahre, nachdem ich Marian erfunden hatte, fuhr ich erstmals in sein Land und sah Solidarność-Plakate überall. Ich war inzwischen Referendarin und besaß ein kleines Auto. Mit einem Freund hatte ich eine klassische Bildungsreise geplant: Breslau, Auschwitz, Krakau, Warschau, Wolfsschanze, Masuren, Danzig und zurück. Bis kurz vor Warschau hielt unser Plan. Da wurde eines Abends, wir saßen gerade in einem Konzert, in mein Auto eingebrochen, und gestohlen wurde nicht nur das Gepäck, sondern auch eine Fensterscheibe. Fein säuberlich war sie herausgetrennt worden, so sorgfältig, dass es uns zunächst gar nicht auffiel.

Von da an nahm unsere Reise einen ganz anderen Verlauf. Der deutsche Botschafter half uns rührend, seine Kinder, die in unserem Alter waren, liehen uns T-Shirts, Socken und sonst allerlei Nützliches, während ihr Vater eine Ersatzscheibe für den Polo organisierte. Er gab uns eine Adresse für die Weiterfahrt Richtung Norden. Von da an waren wir keine Touristen mehr, von da an waren wir Gäste.

Kaum hatten wir die erste polnische Familie besucht – selbstverständlich mit Übernachtung –, hielten wir schon die Adresse der nächsten in der Hand, die wir unbedingt auch noch besuchen sollten. So ging es tagelang.

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