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Warum hilft mir keiner?

1. Kapitel

Tom war klar, dass es gefährlich werden könnte, aber er hatte keine andere Wahl. Er musste den Picasso stehlen, damit er von dem Erlös sein Ziel schneller vorantreiben konnte. Für diese Lecontes als Gärtner zu arbeiten, war für ihn mehr als nur demütigend.

Er verfolgte höhere Ziele mit mehr Gewinn und weniger Anstrengung. Nur die schöne Diana, der Traum eines jeden Mannes, die bei den Lecontes als Haus - und Kindermädchen angestellt war, ließ ihn hier noch ausharren. Jedoch lief ihm so langsam die Zeit davon.

Noch nie zuvor hatte er eine schönere Frau gesehen. Sie strahlte mit ihrer Natürlichkeit mehr Sexappeal aus, als die sogenannten Damen seines Konkurrenten Carlos es je könnten. Die Stuten seines Rivalen waren nicht schlecht, doch für ihr gutes Aussehen mussten sie zu etlichen Hilfsmitteln greifen, um für die Kundschaft interessant zu bleiben. Sie verdienten für Carlos äußerst gut, denn sie waren, wie der sie zu nennen pflegte, seine Diven.

Amüsiert über dessen Bezeichnung, verzog Tom das Gesicht. Von wegen! Diese Diven waren nichts anderes als Edelhuren. Daher wollte er Diana unbedingt für sich gewinnen. Mit ihr als Aushängeschild könnte er seinen Traum verwirklichen und musste nicht mehr nach Carlos Pfeife tanzen. Er war einfach nicht der Typ dafür, der so schnell aufgab. Weder in Bezug auf seine gewinnbringende Göttin, noch in anderen Bereichen.

Dass Diana seine wahre Identität nicht kannte und keinen blassen Schimmer von seinen Plänen hatte, interessierte ihn keineswegs. Es war gut so, wie es lief. Je weniger sie wusste, desto größere Chancen hatte er bei ihr. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass diese natürliche Schönheit bei seiner Sache niemals freiwillig mitmachen würde. Es würde ihm daher nicht allzu schwer fallen, diesem Engel den Hof zu machen. Wenn er eins in seinem Leben gelernt hatte, dann war es Schauspielern. Oh ja! Es würde ihm einen Riesenspaß bereiten, den Romeo für seine gewinnbringende Julia zu inszenieren. Nicht, dass er sich nicht von ihr angezogen fühlte, jedoch hatte ihm nur eine Frau nie genügt.

Mai 2010

„Mensch, Diana! Du kennst diesen Tom gerade einmal wenige Wochen. Was weißt du denn schon von ihm?“, fragte Andrea der Verzweiflung nahe, ihre beste Freundin am Telefon.

„Ach Andrea! Was spielt denn das für eine Rolle, wenn wir uns lieben? Ich weiß, dass er als Einzelkind aufwuchs, seine Eltern wohlhabend waren und sie aus Berlin stammten, aber vor sechs Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Tom arbeitet, weil sein Beruf ihm Spaß macht und das soll schon etwas heißen. Er könnte sich genausogut auf die faule Haut legen und von seinem Erbe leben. Außerdem ist er wirklich sehr liebenswürdig, aufmerksam und widmet mir jede freie Minute. Ich bin einundzwanzig Jahre alt und somit kein Kind mehr! Also bitte behandle mich nicht so. Das tut weh! Ich weiß, dass Tom mich liebt, denn er sagt es mir bei jeder Gelegenheit und ich glaube ihm. Du hast ihn doch nur einmal gesehen! Wie kannst du dann an ihm zweifeln? Du müsstest mal sehen, wie gut er in seinem Job ist. Er scheut sich nicht davor, seine Finger schmutzig zu machen. Was als Gärtner, wie du sicher weißt, oft vorkommt“, verteidigte Diana diesen Mann auch noch.

Andrea konnte ihrer Freundin nur kopfschüttelnd zuhören. Sie wusste, dass Diana aus einem lieblosen Elternhaus kam und womöglich das gerade ihr Problem war. Allem Anschein nach fühlte Diana sich völlig einsam und allein, wodurch sie nun an diesem Tom festhalten wollte und sich an ihre, wohlbemerkt erste Liebe klammerte. Das fand sie keineswegs gut.

"Diana, wir kennen uns seit den Kindertagen. Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich mir Sorgen um dich mache? Du bist für mich mehr, als nur eine gute Freundin. Du bist wie eine Schwester für mich! Ich habe einfach nur Angst um dich. Ich will dir ja Tom nicht ausreden, aber wenn er jetzt schon mit dir zusammenziehen will … Ich trau' der Sache einfach nicht. Bitte überstürze nichts und lernt euch doch erst ein wenig besser kennen“, redete sie ihrer Freundin daher ins Gewissen.

Diana wusste, dass ihre Freundin es nur gut mit ihr meinte. Sie missgönnte es ihr nicht, dass auch sie ihr wahres Glück fand. Aber es mit Tom gefunden zu haben, daran zweifelte Andrea. Warum auch immer. Es gab Diana einen Stich. Ein ganzes Jahrzehnt hielten sie sich schon die Treue und während dieser langen Freundschaft, gab es nichts, worüber sie nicht hätte mit ihr reden können. Ihre Freundin hatte ihr oftmals sehr gute Ratschläge geben können. Doch dieses Mal schienen sie zu keiner Einigung zu kommen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie für diese Unterredung einmal wieder zu besuchen. Lange schon war ihr letzter Besuch her. Ihr Job beanspruchte sie nun mal die ganze Woche über. Diana fühlte sich daher mehr als Mutter für ihre beiden Schützlinge, als es sein sollte. Niemals würde sie ihre Kinder so vernachlässigen wollen, wie ihre Arbeitgeber es mit ihren taten. Wenn sie dafür nicht die Zeit hätte, würde sie sich erst gar keine anschaffen. Was diese besser auch hätten tun sollen.

„Ok! Ich werde mit Tom darüber sprechen!“, versprach sie ihr. Deswegen mit Andrea einen Streit anfangen, wollte sie auf keinen Fall. Diana verabschiedete sie sich mit dem Versprechen von ihr, sie auf dem Laufenden zu halten. Ihre Freundschaft war ihr viel zu wichtig. Sie waren mehr oder weniger zusammen aufgewachsen. Auf Andrea konnte sie sich immer verlassen. Sie hatte ihr damals, als sie sich ihr anvertraute, indem sie ihr von den Schlägen ihres Vaters erzählte, angeboten, bei ihr zu bleiben, bis sie eine bessere Lösung gefunden hätten.

In dieser Zeit lernte Diana, was es hieß, sich zu lieben und vor allem zu Vertrauen. Denn Andreas Eltern führten eine wunderbare Ehe, welche sie sich zum Vorbild nahm. So eine Familie hatte sie sich immer gewünscht. Von ihrer Freundin und ihren Eltern, die sie sogar schon adoptieren wollten, hatte sie auch gelernt, offen über ihre Gefühle und Belange sprechen zu können, was zuvor undenkbar schien. Die Gewalt in ihrer Familie hatte sie stark eingeschüchtert und war der Auslöser vieler Komplexe von ihr gewesen.

Damals, als sie sich kennenlernten, arbeitete Andrea halbtags als Bürokraft in einer renommierten Anwaltskanzlei in Saarbrücken, bevor sie ihren jetzigen Mann Lukas kennenlernte. Sie war eine attraktive Rothaarige, besaß eine schlanke Figur und hatte ein Faible für schöne Kleider.

Diana mochte Lukas. Er war ein lebenslustiger und sehr gut aussehender Mann, der ihre Freundin regelrecht vergötterte. Er arbeitete in der Sicherheitsfirma seines Vaters in Luxemburg, wohin sie nach ihrer Hochzeit zogen.

Auf Andreas Wunsch hin, zog sie mit ihnen in die ihr fremde Stadt und blieb zwei Wochen, bis sie sich dann aber wie das dritte Rad am Wagen vorkam und lieber zurück nach Saarbrücken in so eine Art Stift ging. Manche würden es einfach Kloster nennen.

Andrea und Lukas fanden es zwar traurig, aber sie wollte ihnen nicht länger zur Last fallen. Nicht, dass sie je etwas in dieser Richtung gesagt hätten, aber sie wollte sich unbedingt auf eigene Beine stellen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. In dem Kloster blieb sie bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr. So lange hatte es gedauert, bis sie fertig mit der Schule war und eine feste Anstellung als Haus - und Kindermädchen bei den Lecontes gefunden hatte. Seither hatte sie ihre Freundin nur besuchen können, wenn sie Urlaub hatte.

Die Wochenenden und Feiertage, wenn es überhaupt mal möglich war, dass sie diese ohne die Kinder verbringen konnte, nutzte sie dann lieber für andere Dinge oder spannte in ihrem Zimmer, welches sie dort hatte, einfach mal aus. Dort hatte sie dann ihren Freund Tom kennengelernt, der für diese reichen Herrschaften den parkähnlichen Garten instand hielt. Es hatte nur einen Nachteil und der war, dass sie kaum ein Privatleben hatte. Jedoch war der Verdienst nicht schlecht und sie benötigte jeden Cent, um sich damit ihre Zukunft abzusichern. Denn ewig beabsichtigte sie diesen Job nicht zu tun.

13 Monate später: Juni 2011

Markus blickte aus dem Fenster seines Büros und sah zu den Bauarbeitern unten auf der Baustelle. Draußen war es bereits um zwei Uhr mittags ganze dreißig Grad heiß. Seit einigen Tagen gab es Probleme beim Bau des Tunnels, was bei dieser Hitze für sein Team noch belastender wurde. Als Bauingenieur war er damit beauftragt, eine Autobahnanbindung zwischen Saarbrücken und Luxemburg zu schaffen. Er rieb sich gerade seine schmerzenden Schläfen, als sich die Tür zu seinem Büro öffnete und Andrea, seine Bürohilfe und Frau seines Schulfreundes Lukas, mit Kaffee und Kuchen hereinkam.

„Du solltest wirklich mal eine Pause einlegen! Seit wann bist du heut' schon im Büro? Seit zehn Stunden?“

Er sah sie nachdenklich an und ging zurück zu seinem Schreibtisch, wo er sich auf dem Stuhl niederließ. „Das hieße ja, ich hätte mitten in der Nacht angefangen“, sagte er schmunzelnd. Sah er wirklich so mitgenommen aus? „Was würde ich nur ohne dich machen, Andrea? Du passt nicht nur auf mich auf, sondern weißt immer, was ich brauche!“ Er lachte und lies sich sogleich den Kaffee und den Kuchen schmecken.

Mit Besorgnis in den Augen musterte seine treue Freundin ihn, setzte sich auf die Tischkante und meinte doch tatsächlich: „Wenn du weiter so schuftest, wirst du schnell altern!“

Sein charmantes Lächeln kam wieder zum Vorschein, bei dem schon einige Frauen schwach wurden, und er mahnte sie: „Andrea, Andrea! Wenn du nicht mit Lukas verheiratet wärst, würde ich glauben, dass dir was an mir liegt.“ Er wusste, dass es nicht so war, doch machte es ihm manchmal einen Heidenspaß, sie ein wenig aufzuziehen.

Sie schnaubte nicht gerade damenhaft und funkelte ihn böse an. „Du weißt sehr wohl, dass ich mich nur um dich sorge. Du bist Lukas‘ und mein bester Freund! Da darf ich das! Er würde mich darin sogar noch unterstützen.“

Das ließ sich nicht von der Hand weisen. Lukas und er kannten sich immerhin seit der Schulzeit. Beide stammten sie aus Luxemburg und lebten heute wieder dort.

Nach dem Studium stieg sein Freund in die Sicherheitsfirma seines Vaters ein, womit er seine Studentenwohnung aufgab und wieder nach Hause zurück kehrte. Sein Weg hingegen führte ihn in die Architektur, wodurch er viele Jahre seiner Heimat den Rücken kehren musste. Vor fünf Jahren lernte sein Freund dann Andrea bei einem Auftrag in Saarbrücken kennen und war nun seit vier Jahren glücklich mit ihr verheiratet. Mit den beiden ging es sehr rasant zugange und er hätte nicht gedacht, dass es funktionierte. Doch Lukas und Andrea hatten ihn eines Besseren belehrt. Dies hatte er sich auch einmal gewünscht. Bei dem Gedanken daran, spürte er wieder diesen Schmach in sich aufsteigen.

Frisch gestärkt machte Markus sich wieder an die Arbeit. Er fuhr seinen Laptop hoch und überprüfte die zuletzt eingegebenen Daten. Die Schufterei war besser, als die Erinnerung daran. Andrea ließ sich davon allerdings nicht abhalten und bohrte weiter: „Mark, wann hast du zum letzten Mal ausgeschlafen? Wenn ich die dunklen Ringe unter deinen Augen sehe, ist es schon etwas her. Hör zu! Ich weiß, dass für dieses Projekt nur zwei Jahre Bauzeit vorgesehen sind. Trotz der anfänglichen Probleme hast du in den wenigen Wochen schon Erstaunliches geleistet. Aber wenn du nicht auf der Höhe bist, geht es auch nicht schneller voran.“

Mark nannte ihn nicht jedermann. Dieser Kurzname war nur seinen besten Freunden erlaubt. Er betrachtete sie aufmerksam und musste sich eingestehen, dass ein Funken Wahrheit in ihren Worten lag.

Seit Beginn des Projektes standen sie immer wieder vor Herausforderungen, weil die Bodenbeschaffenheit an der dafür benötigten Stelle zu weich für die Ausgrabungen war. Doch gab es nur diesen Platz für den Tunnelbau. Es mussten verstärkte Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, damit es nicht zu einem Erdrutsch kam und das kostete nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Zeit. Er war nun einmal für sein Team und das Projekt verantwortlich, und beides lag ihm sehr am Herzen.

„Du bist gerade 31 geworden und hast es schon so weit geschafft, Mark. Dein Team schätzt dich sehr! Du bist nicht nur für mich und Lukas wichtig. Glaub mir, es gibt einige, die dich lieber mal wieder mit einer hübschen Frau im Arm sehen wollen. Du lebst nur für deine Arbeit und vergisst dabei den Spaß am Leben“, ging Andreas Schimpfkanonade weiter. Womit sie ihn wieder einmal an einen Pitbull erinnerte. Die ließen bekanntlich auch nicht von ihrer Beute ab.

 

Nicht sicher, ob er lachen oder frustriert aufstöhnen sollte, setzte er zur Verteidigung an.

„Seit der Beziehung mit Eve, die mich nur belogen und betrogen hat, bin ich nur etwas vorsichtiger geworden. Das heißt nicht, dass ich nicht weiß, wie man Spaß haben kann. Ich habe nur jetzt wichtigere Dinge im Kopf.“

Doch Andrea ließ sich nicht abweisen. Wenn sie etwas zu sagen hatte, wollte sie es auch loswerden. Komme was wolle. „Momentan läuft doch jetzt wieder alles normal. Warum nimmst du dir nicht mal einen freien Tag, um abzuschalten? Ach, bevor ich es vergesse! Wir könnten uns auch mal eine Reinigungskraft für die Baracken der Arbeiter, die Waschräume und das Büro anschaffen. Damit wären die Arbeiter und auch ich weniger belastet. Was hältst du davon?“, erkundigte sie sich bei ihm, als er sich gerade sein Hemd am Hals aufknöpfte und das Fenster öffnen ging. In der Baracke, wo ihr Büro untergebracht war, kam man sich wie in einer Sauna vor.

Diese Gedanken hatte er sich auch schon gemacht. Aber nur, weil in seinem Apartment nicht einmal mehr sauberes Geschirr im Schrank stand. Das Badezimmer, die Fenster und seine Wäsche hätten es ebenso notwendig, mal geputzt zu werden.

„Das wäre wirklich eine gute Idee, Andrea! Wenn du Jemand gefunden hast, gib' mir Bescheid.“

„Ich könnte eine Annonce aufgeben. Was meinst du? Für wie oft in der Woche müsste sie hier erscheinen? Und was noch wichtiger ist, welche Vergütung wird wird wohl gezahlt werden?“

Nach kurzer Überlegung meinte er: „Die Vergütung auf der Baustelle werden unsere Auftraggeber sicher übernehmen. Ich werde den Antrag gleich per Email dem Vorstand senden. Dann sehen wir, was sie bereit sind zu zahlen. Da es hier sehr schmutzig ist, bräuchten wir Jemanden von montags bis freitags, denke je drei Stunden. Ach, und vielleicht könnte dieser Jemand dann samstags mein Apartment reinigen? Das werde ich natürlich aus meiner eigenen Tasche bezahlen!“

„Ha, ich wusste es! Bei dir sieht es bestimmt aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, stieß sie frech grinsend aus. Fragend sah er sie an und wartete immer noch auf ihre Antwort. Darauf wollte er jetzt nicht eingehen.

„Okay, Spaß beiseite! Für die Baustelle sind drei Stunden täglich in Ordnung. Da käme ein Stundenlohn von zehn Euro sicher auch in Frage. Darunter werden wir nämlich kaum Jemand finden, der diesen ganzen Dreck wegwischt. Das sind nun mal die Preise von heute! Versuche wenigstens soviel bei ihnen herauszuschlagen. Aber wie viel Zeit würdest du für das Putzen deines Apartments veranschlagen?“

Nach kurzer Überlegung teilte er ihr mit, dass auch dort sicher drei Stunden benötigt würden, weil es nur für einmal in der Woche wäre. Markus versprach ihr, sich gleich darum zu kümmern und sie wollte sich gleich daransetzen, diese Annonce aufzugeben. Nachdem Andrea ihr ihr kleines Büro zurückging, legte sich erst für ein paar Minuten entspannt in seinem Bürostuhl zurück und sagte sich, dass es jetzt doch mal bergauf gehen könne.

Er musste ihr Recht geben. Seit der Trennung von seiner Ex-Verlobten, vergrub er sich wie ein Besessener in Arbeit. Er konnte sich noch nicht einmal mehr an den für eine Frau typischen Duft erinnern. Seit zwei Jahren lebte er nun allein und hatte sich selbst eine Abstinenz auferlegt. Er wollte aber seinen Freunden nicht zu erkennen geben, dass es ihm nicht mehr so leicht fiel, wie noch vor zwei Jahren. Eve hatte es geschafft, seinem Vertrauen in eine Frau erheblich zu schaden.

2. Kapitel

 

Oktober 2011

 

„So schwer kann es doch nicht sein, eine tüchtige Reinigungskraft zu bekommen!“, rief Andrea an diesem verregneten Freitagvormittag zum x-ten Mal aus. Ihr Kopf schmerzte schon vom vielen Rumtelefonieren. Seit Juni hatten sie bereits verschiedene Dienstleister ausprobiert und waren mit den Leistungen der einzelnen Mitarbeiter nie wirklich zufrieden gewesen. Mitunter kam es sogar vor, dass einige darunter waren, denen diese Arbeit viel zu schmutzig war. Was dachten diese sich, warum eine Reinigungskraft benötigt werden würde? Sie hatten doch extra angegeben, wofür diese gebraucht wurde und was dort zu verrichten wäre.

Da klingelte es auch noch an der Haustür.

 

„Wer immer das ist, hat hoffentlich einen guten Grund!“, fauchte Andrea sichtlich genervt. Sie ging zur Haustür, und als sie öffnete, erstarrte sie regelrecht.

„Diana?“ Vor ihrer Tür stand ihre einstmals beste Freundin, bevor es vor einem Jahr zu einem Bruch kam. Was sie bis heute noch nicht verstand und ihr sehr leid tat.

 

Diana sah ihre beste Freundin an, was sie hoffentlich immer noch war und musste sämtliche Reserven aufbringen, um nicht vor ihr in Tränen auszubrechen. So tief saß die innerliche Wunde, die Tom ihr zugefügt hatte. Vor Erschöpfung musste sie sich mit der linken Körperseite an der Hauswand abstützen. Mit dem rechten Arm stützte sie ihr Baby, das sie unter einer weiten Jacke verbarg.

„Andrea!“ Mehr bekam sie nicht mehr über ihre Lippen, als ihr plötzlich doch die Beine nachgaben.

 

Geistesgegenwärtig packte Andrea sie am Ellbogen, stützte sie mit einem Griff um die Taille und zog sie mit sich hinein ins Wohnzimmer, wo sich Diana auf ihrer Couch niederlassen konnte. Ihre große Umhängetasche, die ziemlich schwer war, legte sie achtlos beiseite.

Wie ein Häufchen Elend saß ihre Freundin vor ihr. Andrea konnte es nicht fassen. Nach über einem Jahr Funkstille war sie nun hier bei ihr. Warum und was war mit ihr geschehen, dass sie so schlecht aussah? Auch wenn sie sich seit langer Zeit nicht mehr bei ihr gemeldet hatte, freute es sie doch, sie endlich wiederzusehen. Sie hatte Diana sehr vermisst und es tat ihr heute noch weh, wie alles gekommen war.

 

Nicht, dass sie nicht versucht hätte, Diana ausfindig zu machen. Sie wollte das, was ihr Freund ihr damals am Telefon mitgeteilt hatte, aus ihrem eigenen Mund hören. Doch alles, was sie herausgefunden hatte, war, dass Diana nicht mehr bei diesen reichen Schnöseln arbeiten würde und mit Tom fortgezogen war. Wohin, konnten sie ihr nicht sagen. Doch selbst Lukas konnte nicht viel erreichen. Einen Tom Sowieso gab es nicht im Telefonbuch.

Schweren Herzens mussten sie sich dann damit abfinden, jedoch hatten sie Beide nie die Hoffnung aufgegeben, sie eins wiederzusehen. Und nun saß sie hier bei ihr. Etwas musste damals passiert sein, weswegen sie den Kontakt mit ihr abbrach. Und sie glaubte auch zu wissen, wessen Schuld das war.

„Ich glaube, du brauchst einen starken Kaffee! Geht es wieder? Dann geh' ich schnell in die Küche.“

 

Als Diana sich wieder etwas gefangen hatte, konnte sie ihrer Freundin nicht einmal in die Augen sehen, so schuldig und verängstigt fühlte sie sich.

Andrea saß anscheinend noch der Schreck in den Gliedern. Diana sah es in ihren Augen. Sie nickte und sie ging in die Küche.

Da sitze ich nun bei ihr und bringe noch nicht einmal eine Erklärung über die Lippen, dachte sie. Diana schloss ihre brennenden Augen, legte den Kopf erschöpft gegen die Rückenpolster, wobei sie ihre Jacke oben leicht öffnete, damit ihr noch schlafendes Baby Luft bekam und legte beschützend ihre Arme um das kleine Kind.

Draußen regnete es noch immer, was ihr ein Blick aus dem Fenster zeigte.

 

Diana sah überhaupt nicht gut aus. Sie war ganz blass, nein, eher schon totenbleich und hatte sehr abgenommen. Das hatte sie gespürt, als sie ihre Freundin stützen musste.

Angst stieg in ihr auf. Sie griff zum Telefon, welches noch auf der Theke lag und wählte die Nummer ihres Mannes. Andrea wollte Lukas davon erzählen. Leider konnte sie ihn aber nicht erreichen. Irgendetwas war mit Diana passiert, das spürte sie genau. So verändert hatte Andrea ihre Freundin nicht einmal erlebt, als sie noch zuhause wohnte und sich regelmäßig ihre Trachtprügel von ihrem alkoholkranken Vater eingefangen hatte.

 

„Ich brauche Unterstützung. Am besten rufe ich Mark an und bitte ihn, zu kommen“, sprach Andrea zu sich und wählte auch schon seine Nummer. Sie musste nicht lange warten, bis er abhob und kam gleich zur Sache.

„Mark? Hier ist Andrea! Hast du gerade Zeit? Ich bräuchte deine Hilfe. Bitte! Kannst du kommen?“

„Andrea? Ist alles in Ordnung? Ist etwas passiert?“, kam es erschrocken aus dem Hörer. Er schien mitbekommen zu haben, wie aufgewühlt sie war. Trotz der Situation lächelte sie schwach und beruhigte ihn. „Mir geht‘s gut! Aber irgendwas stimmt mit meiner Freundin Diana nicht. Erinnerst du dich? Lukas und ich hatten dir einmal von ihr erzählt! Sie kam vor fünf Minuten hier an und macht einen völlig entkräfteten Eindruck. Mark, Diana sieht … wie soll ich sagen … fürchterlich aus! Da muss was passiert sein. So habe ich sie noch nie erlebt! Ich mache mir solche Sorgen um sie!“

 

Nachdem er ihr versprach, in einer halben Stunde da zu sein, legte sie auf.

Als sie einmal tief durchgeatmet hatte, ging sie mit einem Kaffee ins Wohnzimmer zurück, stellte diesen vor ihre Freundin auf den Tisch und setzte sich ihr gegenüber in den Sessel.

„Diana?“, fragte sie leise. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Freundin eingeschlafen war, denn sie hatte ihre Augen geschlossen. Doch sie öffnete die Augen und blickte mit leerem Blick über ihre Schulter hinweg.

Andrea zeigte zum Tisch und bat sie: „Hier, trink den Kaffee! Dann geht es dir bestimmt gleich besser.“ Das zumindest erhoffte sie sich.

„Ja, danke!“ In dem Moment, als ihre Freundin nach dem Kaffee greifen wollte, wimmerte etwas unter ihrer vom Regen nassen Jacke, die sie immer noch trug. Fast panisch blickte Diana sie nun an.

 

Andrea, die darüber selbt erschrocken war, sprang von ihrem Sessel auf, ging zu ihr rüber, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte: „Diana? Was hast du unter deiner Jacke?“

Vorsichtig öffnete ihre Freundin nun diese und Andreas Augen erblickten sogleich den Säugling, den ihre Freundin in einem Bauchgurt trug.

„Oh Gott, Diana! Wem gehört dieses Baby? Sag' doch was! Du machst mir jetzt richtig Angst. Bitte!“, stieß sie aus. Andrea hoffte sehr, dass sie sich nicht einer Straftat schuldig gemacht hatte.

 

Diana konnte sich nun nicht mehr zurückhalten und brach völlig erschöpft in Tränen aus. Dabei redete sie schluchzend drauf los.

„Oh, Andrea! Du hattest ja so Recht mit Tom. Und es tut mir alles so unendlich leid. Deine Freundschaft wollte ich niemals beenden. Bitte glaube mir! Ich kann nicht mehr …“

Ihre Stimme brach ab, ihr Körper zitterte heftig und bebte unter der Flut der Tränen.

Andrea nahm sie in ihre Arme und strich sowohl ihr, als auch dem Baby tröstend übers Haar, wobei sie alles versuchte, um sie zu beruhigen.

 

„Psst, es wird alles gut! Diana, gib mir bitte das Kind! Dann kannst du deinen Kaffee besser trinken. Und dann erzählst du mir in aller Ruhe, wessen Kind das ist und was mit dir los ist. Einverstanden?“

Nach kurzem Zögern antwortete Ihre Freundin mit einem Nicken und einem kläglich ausfallenden Lächeln: „Sicher darfst du sie halten und ich werde dir alles erzählen. Denn ich muss, weil ich eure Hilfe dringend brauche. Oh, Andrea, ich habe dich so vermisst! Ich kann nur hoffen, dass du mir verzeihen kannst, wenn du alles erfahren hast.“

„Darüber brauchst du dir jetzt nicht den Kopf zu zerbrechen. Ich bin doch froh, dich wiederzusehen. Entspann dich und erzähle mir, was geschehen ist“, beruhigte sie Diana, doch sie selbst musste sich regelrecht zwingen, Ruhe zu bewahren.

 

Sie hat sich überhaupt nicht verändert, ging es Diana durch den Kopf. Sie ist immer noch so wie früher. Hilfsbereit und liebenswürdig! Wehmütig und müde lächelte sie Andrea an und hoffte das Beste, wenn sie von ihrer Tragödie erzählt bekommen hätte. Doch erst einmal hieß es, sie über das Kind aufzuklären.

„Das Kind auf deinem Arm ist meine Tochter und sie heißt Saskia. Sie ist drei Monate alt. Andrea, ehe ich dir die Geschichte erzähle, muss ich dich fragen … Kann ich heute bei dir übernachten? Nur heute, bitte! Ich weiß nicht, wohin ich sonst gehen soll.“

Diana hoffte allerdings inständig, dass Andrea sie bei sich aufnehmen würde. Zumindest eine Zeitlang. Sie hatte kaum Geld bei sich und unter den gegebenen Umständen fürchtete sie sich vor dem Alleinsein. Sie konnte doch unmöglich mit Saskia unter einer Brücke schlafen.

 

Zu ihrer größten Erleichterung kam es auch dann von ihr: „Du kannst gerne bleiben, solange du willst. So wie früher! Darin wird sich niemals etwas ändern. Ich bin doch so froh, dass du wieder da bist, Diana! Ich habe dich so schrecklich vermisst! Und Saskia ist wirklich ein süßer Fratz.“ Kurz hielt Andrea inne und musterte sie. Dann kam sie zu dem Schluss: „Warum du jetzt hier bist, ist unwichtig. Was du zuerst brauchst, ist ein warmes Bad und Ruhe. Heut‘ Abend, wenn Lukas von der Arbeit kommt, essen wir zusammen und dann kannst du uns erzählen, was mit dir geschehen ist und was für ein Problem du hast. Denn dass du eins hast, spüre ich. Lukas wird sich sicher sehr über dein Kommen freuen. Er war damals auch geschockt, als Tom uns am Telefon sagte, dass du keinen Kontakt mehr mit uns wolltest. Und weil du dich nicht mehr gemeldet hast und wir dich nicht mehr erreichen konnten, da du ja umgezogen bist, fing ich an, es ihm zu glauben. Na ja, ist jetzt auch egal. Doch verrate mir nur eines! Hat Tom gelogen?“

 

Wenn die Umstände nicht so gravierend schlimm wären, hätte Diana über ihren Redefluss gelacht. Ja, so war Andrea! Redselig wie eh und je! Zur Bestätigung nickte sie, umarmte ihre Freundin und blinzelte die Tränen weg, die ihr vor Dankbarkeit kamen. Ihr fiel damit ein schwerer Stein vom Herzen. Sie raffte sich auf und fragte Andrea noch, ob Lukas ihr eventuell behilflich sein könne. Das, was sie ihnen dafür preisgeben musste, fiel ihr alles andere als leicht. Jedoch gab es keinen Ausweg, wenn sie ohne Angst ihr Leben weiterführen wollte. Gerade als Andrea sagte, dass er mit Sicherheit versuchen würde, ihr zu helfen, klingelte es plötzlich an der Tür. Diana fuhr sehbar zusammen. Er konnte sie nicht gefunden haben. Oder doch?

 

Andrea erkannte, dass ihre Freundin völlig ausgebrannt war und zudem sehr schreckhaft. Sie stand auf, um Mark die Tür zu öffnen. Dabei ließ sie Diana nicht aus den Augen. Ihre Freundin hörte nur seine dunkle, männliche Stimme, die ein "Hallo, hier bin ich!" sprach und das genügte, um sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie sprang auf, hob ihr Baby von der Couch und hielt sie beschützend an ihre Brust gepresst. Andrea verfolgte es mit vor Schreck geweiteten Augen. Herrje, was war nur mit ihr geschehen?

 

Nach einem kurzen "Hallo" führte Andrea ihn dennoch ins Wohnzimmer. Plötzlich geschah alles auf einmal. Mark blieb abrupt stehen und starrte ihre Freundin mit seinen blaugrünen Augen an. Andrea blieb an seiner Seite und sah in Dianas erschrockenes Gesicht. Ihre Freundin starrte den Mann ebenfalls an und bewegte sich wachsam und ängstlich rückwärts zur Terrassentür.

Da musste sie einschreiten. „Diana, was ist mit dir?“, fragte Andrea total verwirrt über ihre Reaktion.

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