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Warum denken wehtun kann

Über den Autor

Marc Abrahams ist Herausgeber und Mitgründer der Zeitschrift für komische Wissenschaften mit dem Titel Annals of Improbable Research und wöchentlicher Kolumnist für den Guardian. Er rief den Ig-Nobelpreis ins Leben, der Leistungen auszeichnet, die Menschen zum Lachen und Nachdenken bringen. Die Preise werden auf einer jährlichen Feier an der Harvard University vorgestellt. Über Abrahams und die Ig-Nobelpreise ist in den internationalen Medien breit berichtet worden, u. a. durch die BBC, ABC News, die New York Times, Daily Mail, The Times, USA Today, Wired, New Scientist, Scientific American und Cocktail Party Physics. Er und seine Frau Robin, Kolumnistin für den Boston Globe, leben in Cambridge, Massachusetts.

Marc Abrahams

WARUM DENKEN
WEHTUN KANN

und andere unfassbare Erkenntnisse
der Wissenschaft

Aus dem Englischen von
Wolfdietrich Müller

Inhalt

Über den Autor

Vorwort. Ohne Enten

1 Seltsam im Kopf

2 Dinge, die wichtig sind

3 Hunde, Kühe, Katzen und so weiter

4 Benehmen Sie sich (oder lassen Sie es bleiben)

5 Essen, denken und fröhlich sein

6 Geld kann wertvoll sein

7 Über uns, im Bett

8 Aufregende Verletzungen und Krankheiten

9 Ernsthaft tödlich

10 Schöne Mathe

11 Für Detektive

12 Es muss … etwas bedeuten

Danksagungen

Quellenangaben

Noch mehr Quellenangaben

Illustrationen

Vorwort.
Ohne Enten

Homosexuelle, nekrophile Enten tauchen in diesem Buch nicht auf.1 Für sie war kein Platz. Zu viele andere unwahrscheinliche Geschichten forderten ihr Recht ein.

Man kann versucht sein anzunehmen, dass »unwahrscheinlich« mehr beinhaltet als seine buchstäbliche Bedeutung – dass es gut oder schlecht meint, wertlos oder wertvoll, belanglos oder wichtig. Etwas Unwahrscheinliches kann alles davon sein oder nichts, oder auch alles davon auf einmal, auf unterschiedliche Weise. Etwas kann in mancher Hinsicht schlecht sein und in anderer Hinsicht gut.

Unwahrscheinlich ist einfach, was Sie nicht erwarten.

Ich sammle Geschichten über unwahrscheinliche Dinge, Dinge, die Menschen zuerst zum Lachen bringen, dann aber zum Nachdenken. Die Forschungsergebnisse, Ereignisse und Menschen in diesem Buch widersetzen sich jedem schnellen Beurteilungsversuch (gut oder schlecht, wertlos oder wertvoll, belanglos oder wichtig?). Aber lassen Sie sich deshalb nicht von einem Versuch abhalten. Sehen Sie selbst, was Sie davon halten:

Messen, wie Katzen schleichen. Einen Flugzeugentführer auf mechanische Weise ergreifen und verpacken, dann auswerfen und per Fallschirm den Behörden am Boden übergeben. Leute veranlassen, Lehrbücher mit unangemessenen Unterstreichungen zu lesen. Die natürliche Hüpffrequenz einer Person bestimmen. Freiwillige beobachten, während sie dem Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel lauschen. Das Gehirn eines Pianisten überwachen, während er ein kurzes Lied über vierundzwanzig Stunden ohne Pause wiederholt. Mit offenem Schnürsenkel in verschiedenen Ländern schlendern. Einen BH entwickeln, der schnell in ein Paar Gesichtsschutzmasken umgewandelt werden kann. Eine Katze auf eine Kuh setzen, dann alle zehn Sekunden Papiertüten platzen lassen. Die Verpackung eines großen hohlen Schokoladenhasen optimieren. Die Gedanken des französischen Philosophen Michel Foucault auf das Leben von Spielern des Australian Football anwenden. Jesu strategische Führungsprinzipien in der US Army umsetzen. Die Psyche von Spielautomatennutzern ausloten. Die Grade von Langeweile bei Verwaltungsbeamten des mittleren Dienstes im Britischen Empire kategorisieren. Einen Belgier chirurgisch so verändern, dass er Michael Jackson ähnelt. Die Paarung der Stachelschweine untersuchen. Entdecken, dass die Elektroejakulation beim Nashorn schwierig durchzuführen ist.

Das meiste, was Sie hier lesen werden, erschien zuerst in irgendeiner Form in meiner wöchentlichen Kolumne »Unwahrscheinliche Forschung« im Guardian. Aber der Trott der Wissenschaft geht weiter, und deshalb habe ich für dieses Buch weitere Details ausgegraben, Aktualisierungen hinzugefügt und besonders unwahrscheinliche Leckerbissen eingerührt.

In jeder einzelnen Geschichte steckt natürlich mehr, als ich in diese Seiten pressen konnte. Unter anderem deswegen gebe ich am Ende des Buches Fundstellen an. Sollten Sie diesen Hinweisen folgen, warten Überraschungen auf Sie.

Und es gibt noch einen anderen, gewichtigeren Grund, die Belegstellen anzugeben. Manche Leute halten diese Geschichten für erfunden oder übertrieben. Nein, Freunde: Es sind Fakten. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, nicht zu übertreiben.

Aufrichtig und unwahrscheinlich,
Marc Abrahams

Herausgeber und Mitgründer, Annals of Improbable Research

Eins
Seltsam im Kopf

In Kürze

»Die Persönlichkeit meiner Großmutter: Eine posthume Bestimmung respektive Bewertung«

von Frederick L. Coolidge (erschienen im Journal of Clinical Geropsychology, 1999)

Dies und mehr finden Sie in diesem Kapitel: Denken als Gefahr in medizinischer Hinsicht • Sichten haariger Köpfe in Freizeitparks • Sich langweilen für Seine Majestät • Weiterspielen, während man beobachtet wird • Hirnschaden für besseres Wetten • Schönheit abtasten auf Intelligenz • Brain und Head • Ein Alias für Körperhaar • Beten bis an den Rand des Wahnsinns

Ihr Geist könnte Sie töten

Wie gefährlich ist es eigentlich zu denken? Die Frage hat Gewicht, weil es für manche Leute wirklich gefährlich ist, ja geradezu lebensbedrohlich – in körperlicher Hinsicht.

Diese Frage berührt aber auch eine andere, die scheinbar nichts damit zu hat: Ist es für Studenten gefährlich, einen Taschenrechner zu benutzen, anstatt kopfzurechnen?

1991 veröffentlichten Forscher im japanischen Osaka einen Bericht mit dem Titel »Durch Rechnen mit einem ›Soroban‹, einem japanischen traditionellen Rechenbrett, hervorgerufene Reflexepilepsie«. (Das deutsche Wort für Soroban ist »Abakus«). Der Bericht beschreibt einen bedauernswerten jungen Mann, der »1980 aufs College kam, wo er einem Musikklub angehörte und sich als Drummer betätigte. Nach sechs Monaten spürte er eine starke psychische Anspannung während des Trommelns und besonders auch, wenn er Noten aufschreiben musste, während er die auf Band aufgenommene Musik hörte«. Die Situation verschlimmerte sich. Noten aufzuschreiben löste den ganzen Körper betreffende tonisch-klonische Krämpfe aus. Der Mann litt wahrlich für seine Musik.

In seinem letzten Jahr an der Universität entdeckte er, dass das Rechnen auf einem Abakus das gleiche Problem verursachte, nur noch heftiger. Er benutzte deshalb keinen Abakus mehr und suchte Ärzte auf.

Fachärzte haben andere solcher Fälle gesehen und darüber berichtet.

Beachten Sie den auf verstörende Weise nachdenklich machenden Aufsatz mit dem Titel »Durch Denken ausgelöste Anfälle«. Der Bericht wurde von A.J. Wilkins und drei Kollegen an der University of Essex in den Annals of Neurology 1982 veröffentlicht. Die Forscher beschrieben einen Mann, der Krämpfe bekam, wenn er bestimmte Arten des Kopfrechnens betrieb. Es handelte sich hier um reines Kopfrechnen, ohne durch einen Abakus oder ein anderes mechanisches oder elektronisches Gerät verursachte Komplikationen. Die Addition im Kopf schien für diesen Mann recht unbedenklich, desgleichen die Subtraktion. Aber immer, wenn er versuchte, im Kopf zu multiplizieren, löste dies Krämpfe aus. Dividieren war ebenso gefährlich.

Andere aktenkundige Fälle deuten an, dass die Subtraktion nicht immer so ungefährlich ist, wie es scheint, wenigstens nicht für jeden. Auch die Addition nicht.

Mathematik und Komposition sind nicht die einzigen riskanten mentalen Tätigkeiten. Ein Team am St Thomas’ Hospital in London dokumentierte die Notlage von siebzehn Personen, die genau aufpassen mussten, was sie beobachteten. Bei ihnen konnte der Akt des Lesens Anfälle auslösen. Zeitungen sind also gefährlich. Bücher sind gefährlich. Gefahrenquellen lauern überall. Es gibt auch Menschen, für die der Akt des Schreibens gefährlich ist.

Im Lesen, Schreiben, Rechnen und anderen Arten des Denkens lauern also echte Gefahren. Sie sind aber äußerst selten. Wenigstens sagen die Ärzte, dass sie das glauben.

Daten durchkämmen

Clarence Robbins und Marjorie Gene Robbins besuchten Freizeitparks in der Hoffnung, eine gute repräsentative Mischung von Fremden mit Kopfhaar vorzufinden. Dann verfassten sie »Haarlänge in Freizeitparks in Florida: Eine Approximation der Haarlänge in den Vereinigten Staaten von Amerika«. Die Untersuchung verrät, wie Robbins und Robbins ihre Daten sammelten, sie auswerteten und die Strähnen hochrechneten, um ein neues Verständnis von Amerika zu gewinnen.

Zur Zeit ihrer Untersuchung waren Robbins und Robbins die führenden Forscher bei Clarence Robbins Technical Consulting, einer Denkfabrik in ihrem Wohnort Clermont, Florida. Clermont ist nur eine kurze Autofahrt von vier großen Freizeitparks entfernt – Epcot, Universal Studios, Magic Kingdom und MGM Studios. Für die Besuche in diesen Parks setzten sich die Forscher ein einfaches, klares Ziel: »Daten zum Prozentsatz von Personen in den Vereinigten Staaten mit unterschiedlichen Kopfhaarlängen zu erhalten«.

Das Ziel war nicht so leicht zu erreichen. Robbins und Robbins hielten es für klug, den Freizeitparks zwei zusätzliche Besuche abzustatten, eigens um Fragen hinsichtlich der Genauigkeit zu beantworten.

Der erste Extrabesuch diente dem Ziel, zu »bestimmen, ob Frisuren unsere Schätzungen zu den Längen freihängenden Haares stören oder beeinträchtigen könnten oder nicht«. Dies ließ sich mühelos statistisch abgleichen.

Der andere Besuch hatte die Aufgabe, zu »bestimmen, ob Kopfbedeckungen« – womit sie Mützen, Hüte und Schals meinten – die Schätzungen verzerrten oder nicht. Sie entschieden erfreulicherweise, dass Kopfbedeckungen keine derartigen Probleme verursachen würden.

Robbins und Robbins konnten natürlich nicht garantieren, dass ihre haarige Stichprobe die gesamte amerikanische Bevölkerung repräsentierte. Aber die Abhandlung verrät, wie sie ihr Bestes versuchten: »Im Bestreben, zu ermitteln, wie diese Bevölkerungsgruppe sich zur amerikanischen Bevölkerung generell verhält, wurden mehrere Telefonate mit der Walt Disney Corporation geführt, auch mit ihrer Abteilung für Marktforschung. Die Angesprochenen weigerten sich, hilfreiche Auskünfte zu geben, indem sie darauf hinwiesen, dass ihre Daten und Ergebnisse geschützt seien.«

Die Robbins-Robbins-Studie legt, obwohl vom Wesen her fachspezifisch, Fakten vor, die auch für Laien erhellend sein mögen: »Eine Frau, die in Epcot beobachtet wurde, hatte Haare, die mehrere Zentimeter über ihr Gesäß reichten. Sie war in ein hautenges Kostüm gekleidet, genauso wie zwei junge Männer, die sie kurz nach einer Disney-Vorführung begleiteten. Sie hatte lockiges blondes Haar und schien Mitte bis Ende zwanzig zu sein. Diese Frau war höchstwahrscheinlich eine Angestellte von Disney, eingestellt wegen ihrer langen Haare, denn wir beobachteten sie einmal vorher in einer Disney-Vorführung, wo sie als Rapunzel auftrat.«

Der im Journal of Cosmetic Science erschienene Bericht schließt mit einer zwingenden Zusammenfassung: »Durch Beobachtung des Haars von 24 300 Erwachsenen in Freizeitparks in Zentralflorida zu angegebenen Daten von Januar bis Mai 2001 und Schätzung der Haarlänge bezüglich spezifischer anatomischer Positionen schließen wir, dass rund 13% der amerikanischen erwachsenen Bevölkerung derzeit das Haar schulterlang oder länger, etwa 2,4% das Haar über die Schulterblätter oder länger, ungefähr 0,3% das Haar hüftlang oder länger und nur 0,017% das Haar gesäßlang oder länger tragen. Haar, das beträchtlich länger als gesäßlang war, wurde in dieser Bevölkerungsgruppe nicht beobachtet.«

Wahrheit, von der Seite betrachtet

Auf welcher Seite liegt die Wahrheit? Nach einer in der Zeitschrift Neuropsychologia 1993 veröffentlichten Untersuchung ist es die linke. Das linke Ohr, besagt diese Studie, kann besser als das rechte die Wahrheit erkennen. Ein bisschen besser. Bei den meisten Leuten. Manchmal.

Das Experiment unter dem Namen »Hemisphärische Asymmetrie für die akustische Erkennung wahrer und falscher Aussagen« wurde von Franco Fabbro und seinem Team an der Universität Triest durchgeführt. 24 Männer und 24 Frauen setzten Kopfhörer auf, dann folgten (vermutlich) diese Anweisungen: »In den Kopfhörern werden Sie Sätze hören, gesprochen von vier Personen, die Sie nicht kennen. Es gibt zwei Typen von Sätzen – ›Dies ist ein angenehmes Foto‹ und ›Dies ist ein unangenehmes Foto‹. Während die vier Personen diese Sätze sprachen, blickten sie auf Fotos, die sie vorher als angenehm oder unangenehm beurteilt hatten. Manchmal sagen sie die Wahrheit. Manchmal lügen sie. Nachdem Sie einen Satz gehört haben, müssen Sie entscheiden, ob Sie glauben, die Sprecher sagen die Wahrheit oder lügen.«

Die Wirkung ist subtil. Nach den Daten erkennt der Wahrheitsdetektor des linken Ohres nicht besonders gut Lügen von Frauen. Er funktioniert, in dem Maß, wie er funktioniert, nur, wenn ein Mann lügt. Selbst dann erkennt er aber nur 63% der wahren Aussagen als wahr.

Fabbro und seine Kollegen waren von den zwei Gehirnhälften fasziniert. Die eine wird für geschickter als die andere im Umgang mit Emotionen gehalten. »Die meisten Menschen erleben einen Anstieg an emotionalem Stress, wenn sie lügen«, besagte die Studie. Auch diese Theorie ist subtil. Fabbro und seine Kollegen drücken es so aus: »Da in menschlichen Kulturen das Lügen vorwiegend auf der verbalen Ebene stattfindet, ist es vernünftig, mit einer stärkeren Tendenz zu rechnen, jene Art von Information als falsch zu betrachten, die durch verbale Systeme übermittelt und verarbeitet wird. Aus demselben Grund ist es vernünftig, mit einer stärkeren Tendenz zu rechnen, diejenige Information für wahr zu halten, die durch nicht-verbale Systeme verarbeitet wird.«

Ein anderes Experiment, das über ein Jahrzehnt früher an der McGill University in Montreal, Kanada, durchgeführt wurde, suchte nach etwas weniger Subtilem. Und fand es.

Walter W. Surwillo berichtete über alles in seiner Studie »Ohr-Asymmetrie im Hörverhalten am Telefon«, die in der Zeitschrift Cortex veröffentlicht wurde. Auch er war neugierig auf die Stärken des linken Ohrs im Vergleich mit dem rechten. Surwillo befragte Personen, deren Arbeit viel mit Telefonieren verbunden war, und auch solche, bei denen dies nicht der Fall war. Seine Frage lautete: Welches Ohr ziehen sie jeweils zum Hören am Telefon vor?

Die Ergebnisse: »Das Hören mit dem linken Ohr war mit häufiger Benutzung des Telefons verbunden. Der meistgenannte Grund für das Hören mit dem linken Ohr war, dass es die rechte Hand für Schreiben und Wählen freimache. Diese Bevorzugung dürfte durch Bequemlichkeit motiviert sein, denn obwohl jedes Ohr zum Hören zur Verfügung steht, ist es leichter, den Hörer an das linke statt an das rechte Ohr zu halten, wenn man ihn mit der linken Hand packt.«

Zur weiteren Information über die relative Aussagekraft des linken und des rechten Ohrs möchten Sie vielleicht eine Untersuchung von 203 Angestellten im Telefonmarketing zu Rate ziehen, welche die Beziehung zwischen Ohrbevorzugung, Persönlichkeit und der Bewertung der Arbeitsleistung untersuchte. Diejenigen, die ein Headset am rechten Ohr bevorzugten, wurden in den Augen der Vorgesetzten, wenn es um tatsächliche Leistung und Entwicklungspotenzial ging, allgemein höher bewertet als die Mitarbeiter, die ein Headset am linken Ohr vorzogen.

Imperiale Langeweile

Gewiss, auf seinem Höhepunkt häufte das Britische Empire überwältigende Berge an Reichtum und Macht an. Aber gemäß dem Historiker Jeffrey Auerbach brachte das Empire auch erstaunliche Langeweile hervor.

In einem umfangreich dokumentierten Bericht in der Zeitschrift Common Knowledge schreibt Auerbach: »Durch das ganze 19. hindurch und bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Beamte des Britischen Empires auf allen Ebenen gelangweilt von ihren Erfahrungen, wenn sie im Dienst des Königs oder der Königin und des Landes reisten und arbeiteten. Doch in der öffentlichen Meinung war das Britische Empire aufregend – voller Neuigkeiten, Gefahren und Abenteuer, wenn Entdecker, Missionare und Siedler auf der Suche nach neuen Ländern, potenziellen Konvertiten und unerhörten Reichtümern um den Erdball segelten.«

Auerbachs Interessen sind nicht auf die Langeweile beschränkt. Der Assistenzprofessor für Geschichte an der California State University in Northridge hat zu vielen anderen Themen publiziert, darunter »Die Homogenisierung des Empires«, »Die Monotonie des Empires« und, inspirierend überschrieben, »Die Unmöglichkeit artistischen Entkommens«.

Der Bericht über imperiale Langeweile ist angefüllt mit enthüllenden Beweisen für Beamtenlangeweile. Diese Beamten reichen von dem später berühmten Winston Churchill (der mit 21 Jahren schrieb, das Leben in Indien sei »stumpfsinnig und uninteressant«) bis zu dem Beamten, der dieses Liedchen textete:

Von zehn bis elf: aß ein Sieben-Uhr-Frühstück;
Von elf bis Mittag: zu früh zum Anfangen;
Von zwölf bis eins: fragte, »Was gibt’s zu tun?«;
Von eins bis zwei: fand nichts zu tun;
Von zwei bis drei: begann zu ahnen,
Dass es von drei bis vier verdammt langweilig würde.

Auerbach klagte, es sei über Generationen gleich abgelaufen: »Die Gelehrten haben im Großen und Ganzen ein glanzvolles Bild des Empire aufrechterhalten, indem sie imperiale Männer entweder als heroische Abenteurer porträtierten, die neue Länder kartierten und die ›Bürde des weißen Mannes‹ in die fernsten Gegenden des Planeten trugen, oder als Aggressoren, die kulturell bestimmte Normen und Werte einheimischen Völkern und deren Lebensweisen aufzwangen.«

Er sagt, er habe seine Forschung betrieben, indem er »veröffentlichte Erinnerungen und Reisetagebücher gegen den Strich las« und das unspektakuläre Geraune von privaten Tagebüchern und Briefen erforschte. Ein Punkt, behauptet er, machte seine Aufgabe umso schwieriger: »Wenn Menschen sich vor der Mitte des 18. Jahrhunderts gelangweilt fühlten, wussten sie es nicht.« Diese Sicht der Langeweile, legt er dar, wurde überzeugend von Patricia Meyer Spacks entwickelt, deren 304 Seiten umfassendes Buch Boredom: The Literary History of a State of Mind die nach Nervenkitzel gierenden Gelehrten 1995 angenehm erregte.

Auerbach selbst schreibt auch ein Buch. Es handelt von Langeweile im Empire. Er wird seine vorliegende Studie, die 23 Seiten lang ist und nur 76 Fußnoten enthält, erheblich ausbauen müssen. Während dieses Buch – das Sie gerade lesen – in den Druck geht, ist Auerbachs Buch noch nicht auf dem Markt. Seine Homepage führt es auf als Imperial Boredom: The Banality of the British Empire, 1757-1939 (in Arbeit).

Vielleicht hat Auerbach seine schönste Arbeit schon erledigt. Hier ist in nur 50 Wörtern seine Ansicht zur imperialen Langeweile: »Die Realität konnte den Erwartungen, die durch Zeitungen, Romane, Reisebücher und Propaganda erzeugt wurden, einfach nicht gerecht werden. Folglich waren, ungeachtet einiger berühmter Ausnahmen, Kolonialbeamte des 19. Jahrhunderts von der Tristesse ihres imperialen Lebens ernüchtert und versuchten verzweifelt, das Empire, das sie geschaffen hatten, zu ignorieren oder ihm zu entkommen.«

28 Stunden Vexations am Stück

Deutsche und österreichische Forscher analysierten, was dem Pianisten Armin Fuchs widerfuhr, als er mehr als einen vollen Tag damit verbrachte, immer wieder nonstop ein seltsam benanntes Musikstück eines französischen Komponisten zu spielen. Sie analysierten auch, was mit der Musik passierte. Dies war ein Gewaltakt künstlerischer und neurologischer Wiederholung.

Das Forscherteam – Christine Kohlmetz, Reinhard Kopiez und Marc Bangert von der Hochschule für Musik, Drama und Medien in Hannover sowie Werner Goebl und Eckart Altenmüller vom Österreichischen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in Wien – veröffentlichten 2003 zwei Untersuchungen, die beschreiben, was sie an dem Pianisten maßen.

Die Titel der Studien sind, wie die Aufführung, übermäßig lang. Die eine, die in der Zeitschrift Psychology of Music erschien, weist im Titel die Formulierung auf: »Elektrokortikale Aktivität in einem Pianisten, der Vexations von Erik Satie fortlaufend über 28 Stunden spielt«. Als Satie das Stück 1893 komponierte, fügte er als Anweisung hinzu, der Musiker solle »dieses Motiv 840-mal hintereinander spielen«.

Kohlmetz, Kopiez, Bangert, Goebl und Altenmüller, die Forscher des 21. Jahrhunderts, fragen ausdrücklich, ob der Komponist aus dem 19. Jahrhundert »sich der Wirkung bewusst war, die sein Werk auf einen Pianisten haben könnte, besonders hinsichtlich seines Bewusstseins und seiner motorischen Funktion«.

Rechnen Sie nach, und Sie werden sehen, dass Fuchs, der unerschrockene Klavierspieler, durchschnittlich 30 Aufführungen je Stunde bewältigte. Das ist eine Menge Vexations (Schikanen) in zweiminütigen Brocken.

Die Forscher verkabelten Fuchs’ Kopf und nutzten die Elektroenzephalografie (EEG), um ununterbrochen die gesamte elektrische Aktivität in seinem Gehirn zu überwachen. Dabei entdeckten sie, dass »der Pianist durch die gesamte Aufführung hindurch verschiedene Bewusstseinszustände erlebte, die von Aufmerksamkeit bis zu Trance und Schläfrigkeit reichten«.

Fuchs’ Spiel wurde während der Phasen der Schläfrigkeit unbeständig. Aber wach war der Mann ein Muster an Beständigkeit. »Am wichtigsten«, sagt die Studie, »war während der tiefen Trance, die Wirkungen wie Zeitverkürzung, veränderte Wahrnehmung und charakteristische Veränderungen im EEG umfasste, dass es der Pianist fertigbrachte, nicht nur weiterzuspielen, sondern auch ein konstantes Tempo aufrechtzuerhalten und somit komplexe motorische Programme auf einem hohen Leistungsniveau auszuführen.« (Ein Video der laufenden Aufführung finden Sie auf https://www.youtube.com/watch?v=km9GiejF5OQ).

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Ausschnitt aus der Tabelle »Ereignisprotokoll der Aufführung, aufgezeichnet von einem Beobachter und nachträglich ergänzt vom Pianisten«

Die zweite Studie, erschienen im Journal of New Music Research, gibt eine viel feinkörnigere »Tempo- und Lautstärkenanalyse«. Sie streicht heraus, dass »nichtlineare Methoden ergaben, dass Veränderungen in Lautstärke und Tempo von hochkomplexer Art sind und beide Parameter sich in einem 18-dimensionalen Raum entfalten. Dies ist nie zuvor in der Aufführungsforschung nachgewiesen worden.«

Vexations zählt nicht zu den beliebtesten Kompositionen Erik Saties, jedenfalls noch nicht. Obgleich kurz (wenn sie entgegen den Anweisungen nur einmal gespielt wird), dümpelt sie in einer Art und Weise dahin, die weder schnell eingängig noch einprägsam ist.

Aber Satie bereitete einer wertvollen Sache den Weg – der Technik (»Spiele dieses Motiv 840-mal«), die die Musikbranche viele Jahre später mit beträchtlicher Rendite verfeinern würde. Rundfunk-Discjockeys bewiesen in den 1950ern, dass sie einen Song durch ständiges fleißiges Wiederholen in den Köpfen vieler Hörer verankern konnten, die von da an glaubten, es sei eine ihrer Lieblingsmelodien.

Der Verstand des Kellners

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Buenos Aires rühmt sich beeindruckender Kellner, deren Verstand eine Untersuchung wert ist, so der Beitrag »Strategien der Kellner in Buenos Aires zur Steigerung des Erinnerungsvermögens in einem realen Umfeld«, veröffentlicht in der Zeitschrift Behavioural Neurology. »Oberkellner in Buenos Aires merken sich typischerweise alle Bestellungen der jeweiligen Kunden und nehmen die Bestellungen von bis zu zehn Personen pro Tisch auf, ohne sich etwas zu notieren«, erklärt der Beitrag. »Sie bringen das Bestellte auch zielgenau jedem einzelnen der Gäste, der es bestellt hat, ohne zu fragen, für wen es sei.«

Und meistens machen sie ihre Sache gut.

Wie bringen sie das fertig? Die Forscher Tristan Bekinschtein, Julian Cardozo und Facundo Manes führten ein Experiment durch, um das herauszufinden. Die drei arbeiten wechselweise am Institut für kognitive Neurologie und an der Favaloro Universität, beide in Buenos Aires, und an der MRC Cognition and Brain Sciences Unit der University of Cambridge.

Acht Gäste saßen also um einen Tisch und bestellten Getränke. Als der Kellner mit den Getränken zurückkam, zählten die Forscher zusammen, wie viele den Personen gebracht wurden, die sie bestellt hatten, und wie viele fälschlich einer anderen zugeteilt wurden. Alle Kellner schnitten bewundernswert gut ab.

Später bestellten die Gäste weitere Getränke, dann tauschten sie die Plätze, bevor der Kellner zurückkam. Das Ergebnis war trostlos. Die Wissenschaftler probierten dies mit neun Kellnern aus, von denen nur einer die Drinks durchgängig den richtigen Personen servierte.

Anschließend befragt, erklärten die Kellner, dass sie allgemein auf die Sitzplätze, Gesichter und Kleidung der Gäste achteten. Sie deckten auch einen kleinen Trick ihres Gewerbes auf: Sie »achteten auf keinen anderen Gast, nachdem sie die Bestellung eines Tisches aufgenommen hatten, als ob sie das Erinnerungsbild auf dem Weg vom Tisch zum Barkeeper oder zur Küche schützen wollten«.

Beim Verfassen ihrer Studie entdeckten Bekinschtein, Cardozo und Manes einen veröffentlichten Bericht eines höchst bemerkenswerten Kellners (sie konkretisieren jedoch nicht, ob er Argentinier war). Dieser Mann hatte sich fast olympische Talente beim Servieren der Speisen antrainiert. Er »konnte nicht weniger als 20 Essensbestellungen behalten, die Speisen kategorisieren (mit Fleisch oder stärkehaltig) und mit dem Platz am Tisch verknüpfen. Er verwendete auch Akronyme und Wörter, um Salatdressing zu codieren, und stellte sich bildlich Gartemperaturen für das Fleisch jedes Gastes vor und verknüpfte diese mit dem Sitzplatz am Tisch«.

Die Kellner in Buenos Aires dagegen »berichteten allesamt, dass sie an keine bestimmte Strategie gedacht haben und dass ihre große Fähigkeit allein mit der Zeit und Übung kommt«. Ob wahr oder nicht, stimmt diese Antwort mit der berühmten Tradition arroganter Geringschätzung der Theorie in ihrem Gewerbe überein.

Der beste Kellner – der eine, der die Drinks korrekt servierte, auch als die Gäste die Plätze getauscht hatten – behauptete, dass er, anders als seine Kollegen, ignoriert habe, wo die Gäste gesessen hätten, und nur auf ihr Aussehen geachtet habe. Seine berufliche Erfahrung »sammelte er im Verlauf von zehn Jahren größtenteils auf Cocktailpartys, wo die Leute dazu neigen, ihren Platz im Raum zu wechseln; erst in den letzten drei Jahren hat er in dem Restaurant gearbeitet«.

Zocken mit Hirnschaden

Ein Hirnschaden kann Glücksspielern manchmal einen Vorteil verschaffen, behauptet eine amerikanische Untersuchung. Die Forscher riskieren viel bei der Erklärung, wie und warum bestimmte Hirnverletzungen unter manchen Umständen einer Person dabei helfen können, über andere oder über ein Unglück zu triumphieren.

Die in der Zeitschrift Psychological Science erschienene Studie überträgt die unwiderstehliche pikante Frage in hochtrabendes Fachchinesisch. Die fünf Koautoren unter Führung von Baba Shiv, einem Marketing-Professor der Graduate School of Business an der Stanford University, fragen: »Kann Dysfunktion in neuralen, für Emotionen zuständigen Systemen unter gewissen Umständen zu vorteilhafteren Entscheidungen führen?«

Das Team experimentierte mit Menschen, die Anomalien in bestimmten Hirnregionen aufwiesen – der Amygdala, dem orbitofrontalen Kortex und der rechten Inselrinde bzw. dem somatosensorischen Kortex. Medizinisch können Anomalien in diesen Bereichen anzeigen, dass im Umgang der Person mit Emotionen etwas nicht in Ordnung ist.

Jede hirngeschädigte Person bekam ein Bündel Spielgeld und Anweisungen, bei 20 Runden Münzenwerfen zu setzen (Kopf oder Zahl, mit ein paar einzigartigen Drehungen). Andere Personen ohne solche Hirnverletzungen bekamen den gleichen Geldbetrag und dieselben Spielanweisungen.

Die hirngeschädigten Glücksspieler hatten am Ende ziemlich regelmäßig mehr Geld als ihre Konkurrenten mit gesünderen Gehirnen. Die Forscher vermuten, dass »normale« Zocker, wenn sie eine Reihe von unglücklichen Münzwurfresultaten haben, den Mut verlieren und vorsichtig werden – vielleicht zu vorsichtig. Nicht so die Menschen mit emotionaler Dysfunktion aufgrund der Hirnverletzung. Wenn sie eine Pechsträhne haben, machen sie einfach unverdrossen weiter. Und freuen sich dann über einen relativ schönen Gewinn. Wenigstens manchmal.

Die Studie hält fest, dass diese positive Nebenwirkung gelegentlich sogar ein Menschenleben retten kann. Die Forscher führen den Fall eines Mannes mit einem ventromedialen präfrontalen Schaden an, der unter gefährlichen Straßenverhältnissen Auto fuhr: »Wenn andere Fahrer auf eine vereiste Stelle stoßen, treten sie vor Schreck auf die Bremse, wodurch ihre Fahrzeuge unkontrolliert ins Schleudern geraten, aber der Patient überquerte die vereiste Stelle gelassen, fuhr ruhig weiter, als das Fahrzeug ausbrach, und setzte die Fahrt fort. Der Patient erinnerte sich an die Tatsache, dass nicht zu bremsen das angebrachte Verhalten ist, und seine Angstfreiheit erlaubte ihm, optimal zu agieren.«

Hauptautor Baba Shiv hat einen Blick für unübliche Wege, den bizarren Sumpf zu erforschen, den das menschliche Verhalten darstellt. Manchmal hält er ein Seminar mit dem Titel »Die schräge Wissenschaft des Geistes« ab. 2008 erhielten er und drei Kollegen den Ig-Nobelpreis für den Nachweis, dass teure gefälschte Medikamente wirksamer sind als billige gefälschte Medikamente.

Absätze führen zu Schizophrenie

Verursachen Schuhe Schizophrenie? Jarl Flensmark aus Malmö in Schweden möchte das wissen, und in einem neueren Beitrag in der Zeitschrift Medical Hypotheses erklärt er auch, warum.

»Schuhwerk mit Absätzen«, schreibt er, »kam vor mehr als 1000 Jahren in Gebrauch und führte zum Auftreten der ersten Fälle von Schizophrenie … Die Industrialisierung der Schuhherstellung erhöhte die Verbreitung der Schizophrenie. Die Mechanisierung der Produktion begann in Massachusetts, breitete sich nach England und Deutschland aus und dann in die übrige Welt. Eine bemerkenswerte Zunahme im Auftreten von Schizophrenie folgte dem gleichen Muster.«

Die Geschichte ist beunruhigend, falls sie genau rekonstruiert und wahr ist. Flensmark skizziert die Einzelheiten.

»Die älteste Darstellung eines Stöckelschuhs stammt aus Mesopotamien, und in diesem Teil der Welt finden wir auch die ersten Einrichtungen, die der Fürsorge bei Geistesstörungen dienten«, schreibt er. »Am Anfang war Schizophrenie anscheinend in den oberen Schichten verbreiteter. Mögliche frühe Opfer waren König Richard II. und Heinrich VI. von England, sein Großvater Karl VI. von Frankreich, seine Mutter Johanna von Bourbon und sein Onkel Ludwig II. von Bourbon, Erik XIV. von Schweden, Johanna von Kastilien [und] ihre Großmutter Isabella von Portugal.« Alle diese Persönlichkeiten trugen entweder nachweislich oder mutmaßlich Schuhe mit Absatz.

Er führt auch Beweise aus anderen Teilen der Welt an – der Türkei, Taiwan, den Balkanländern, Irland, Italien, Ghana, Grönland, der Karibik und anderswo.

»Wahrscheinlich begannen die oberen Schichten früher als die unteren, Schuhwerk mit Absätzen zu tragen«, erklärt Flensmark. Er zitiert dann Studien aus Indien und anderen Ländern, die zu bestätigen scheinen, dass »Schizophrenie zuerst die Oberschicht betrifft«.

Zwischen diesen beiden Beobachtungen – Erhöhung der Absätze und Anstieg belegter Fälle, bei denen es sich um Schizophrenie gehandelt haben mag – vermutet Flensmark eine starke Verbindung. Bescheiden lässt er durchblicken, dass er dies nicht als Erster tut. Im Jahr 1 740, schreibt er, »warnte der dänisch-französische Anatom Jakob Winslow vor dem Tragen von Stöckelschuhen, da er in ihnen die Ursache für gewisse Gebrechen sah, die keinen Bezug dazu zu haben scheinen«.

Flensmark fasst die Sache in einer vernichtenden Behauptung zusammen: »Nachdem Stöckelschuhe in einer Bevölkerung eingeführt werden, treten die ersten Fälle von Schizophrenie zu Tage, und dann folgt die Zunahme im Auftreten der Schizophrenie der Zunahme im Gebrauch von Stöckelschuhen mit einiger Verzögerung.«

»Ich habe«, fährt er fort, »keine dem widersprechenden Daten finden können.«

Damit Kritiker dies nicht als bloße Augenwischerei oder Spiegelfechterei abtun, erklärt Flensmark biomedizinisch, wie das eine vermutlich das andere verursacht: »Beim Gehen steigern synchronisierte Reize von Mechanorezeptoren in den unteren Extremitäten die Aktivität in zerebellothalamokortiko-zerebellären Schleifen durch ihre Wirkung auf NMDA-Rezeptoren. Die Verwendung von Schuhen mit Absatz führt zu schwächerer Stimulation der Schleifen. Die verminderte Kortexaktivität verändert sich dopaminerg, was die basalen gangliathalamo-kortikal-nigrobasalen Ganglienschleifen mit einbezieht.«

Man könnte schließen, dass das medizinische Establishment Gefallen an Flensmarks Entdeckung findet. Praktisch hat sich niemand zu Wort gemeldet, um sie anzufechten.

Schön, schlau

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Sind schöne Menschen intelligenter als alle anderen? Satoshi Kanazawa und Jody Kovar glauben das. In ihrer 17-seitigen Untersuchung »Warum schöne Menschen intelligenter sind«, erklären sie rundheraus: »Menschen nehmen äußerlich attraktive Mitmenschen als intelligenter wahr als äußerlich unattraktive. Während die meisten Forscher diese Wahrnehmung als ›Vorurteil‹ oder ›Stereotyp‹ abtun, behaupten wir, dass Menschen diese Wahrnehmung haben, weil schöne Menschen in der Tat intelligenter sind.«

Kanazawa, Dozent für Management und Forschungsmethodik an der London School of Economics and Political Science, ist ein geistreicher Spezialist für Schönheit geworden: Er nannte eine spätere Studie »Schöne Eltern haben mehr Töchter«. Kovar arbeitet an der Indiana University of Pennsylvania.

Beide wenden detektivisches Können und hohen Intellekt auf, um einigen verbreiteten Überzeugungen entgegenzutreten: »Kritiker haben angemerkt, dass die Leute das gegenteilige Stereotyp im Kopf haben, wonach äußerst attraktive Frauen nicht intelligent seien. Wir glauben jedoch nicht, dass ein solches Stereotyp existiert. Wir glauben stattdessen, das Stereotyp ist, dass blonde Frauen und Frauen mit großem Busen nicht intelligent seien, was beides, genau wie das Stereotyp, schöne Frauen seien wiederum intelligent, statistisch wahr sein mag.«

Kanazawa und Kovar behaupten diese Dinge nicht einfach so. Sie begründen sie. Der Umfang ihres Beweismaterials, wenn auch nicht das Beweismaterial an sich, ist überwältigend. Fast alles stammt aus einer großen Zahl von Studien, die von anderen Leuten erstellt wurden. Darunter folgende frühere Entdeckungen:

ZITAT: Mädchen aus der Mittelschicht … haben höhere IQs und sind äußerlich attraktiver als Mädchen aus der Arbeiterklasse.

ZITAT: Schönere Kinder und Erwachsene beiderlei Geschlechts weisen eine größere Intelligenz auf, (und somit) ist der Grundsatz »Schönheit ist oberflächlich« ein »Mythos«.

ZITAT: Körperliche Attraktivität hat eine erhebliche positive Auswirkung auf Familieneinkommen, persönliches Einkommen und Bildung.

Doch trotz allem gibt es noch Hoffnung für die äußerlich Nichtssagenden. Kanazawa und Kovar erklären, es bestehe eine gute Möglichkeit, dass jedwede bestimmte Einzelperson kein Idiot sei: »Unsere Behauptung, dass schöne Menschen intelligenter sind, ist rein wissenschaftlich (logisch und empirisch); sie ist keine Vorschrift, wie andere zu behandeln oder zu beurteilen sind … Gleichzeitig ist unsere Theorie probabilistisch, nicht deterministisch, und das vorhandene Beweismaterial legt nahe, dass die empirische Korrelation zwischen äußerlicher Attraktivität und Intelligenz … bestenfalls bescheiden ist. Somit wäre jeder Versuch, die Intelligenz und Kompetenz von Menschen aus ihrer äußerlichen Attraktivität zu erschließen, anstatt aus einem standardisierten IQ-Test, höchst ineffizient.«

Ganz am Ende ihres Berichts behaupten die beiden Wissenschaftler, dass schöne Menschen mehr als bloß klug sind. Die Logik der Argumentation und die endgültigen Schlussfolgerungen sind provokativ:

  1. Aggressive Männer erreichen mit hoher Wahrscheinlichkeit einen hohen Status und paaren sich mit schönen Frauen;
  2. Aggressive Männer bekommen mit hoher Wahrscheinlichkeit aggressive Kinder, und schöne Frauen bekommen mit hoher Wahrscheinlichkeit schöne Babys.

Rechnen Sie das zusammen, sagen Kanazawa und Kovar, und Sie müssen folgern, dass im Vergleich zu allen anderen »schöne Menschen aggressiver sind« …

Brain über »Head in Brain«

Russell Brain – auch Lord Brain, Baron Brain of Eynsham – war Herausgeber der Zeitschrift Brain. 2011 feierte die Zeitschrift das goldene Jubiläum der Veröffentlichung von Dr. Brains Essay »Henry Head: Ein Mann und seine Ideen«. Head war ein Vorgänger von Brain (dem Mann) als Kopf (soll heißen: Herausgeber) der Zeitschrift (deren Name, ich stelle es noch einmal der Klarheit halber fest, Brain ist).

Head leitete Brain von 1905 bis 1923. Brain wurde 1954 Leiter und starb 1967 im Amt. Keine anderen Herausgeber in der langen Geschichte der Zeitschrift (sie wurde 1879 gegründet) konnten mit Nachnamen aufwarten, die so fantastisch über ihre Obsession, ihren Beruf und ihren Arbeitsplatz Auskunft gaben. Einer von Dr. Brains letzten Artikeln 1963 hieß »Einige Gedanken über Gehirn [Brain] und Geist«.

Dr. Head schrieb viele Abhandlungen für Brain, manche hiervon recht langatmig. Die erste, ein Koloss von 135 Seiten, erschien 1893, lange bevor er Herausgeber wurde. Darin spricht Dr. Head einem Dr. Buzzard besonderen Dank aus und führt Dr. Buzzards Großzügigkeit an, deren Art nicht näher beschrieben wird.

Liest man Dr. Brains Beitrag in Brain und anderes Material über Dr. Head, bekommt man den starken Eindruck, dass Head einen großen Kopf hatte und dass dieser mit Wissen vollgestopft war, das mitzuteilen Dr. Head keine Hemmungen hatte. Brain schreibt: »Manche Menschen … fühlen sich getrieben, anderen Kenntnisse mitzuteilen. Head war einer von ihnen.«

Brain zitiert dann Professor H.M. Turnbull mit den Worten: »Ich hatte das große Glück, als ich damals zum Krankenhaus ging, täglich morgens in der Untergrund-Dampfeisenbahn Dr. Henry Head zu treffen. Er … unterrichtete mich freundlicherweise während unserer Fahrten über körperliche Anzeichen, sehr zum Ärger unser Mitreisenden; tatsächlich redete er in seinem charakteristischen Eifer so laut, dass auch auf unserem Fußweg vom Bahnhof St. Mary’s zum Krankenhaus Leute auf der anderen Seite der breiten Whitechapel Road sich nach uns umdrehten.«

Brain führt aus, dass Head »seine Vorträge mit Verweis auf sich selbst veranschaulichte, indem er die unwillkürlichen Bewegungen oder Körperhaltungen aufgrund einer Nervenkrankheit wiedergab, und ›Henry Head zeigt Gangarten‹ war eine immerwährende Attraktion«.

1904, mit 42 Jahren, heiratete Head eine Schulleiterin, Ruth Mayhew von der Brighton High School für Mädchen. Brain versichert uns, dass sie »mit Blick auf die Intelligenz für ihn eine passende Gefährtin« war.

Bei allem Respekt für Head deutet Brain an, dass sein Vorgänger hirnlastig war: »Er hatte viele Ideen: Er sprudelte vor ihnen über, und vielleicht war er manchmal allzu bereit, sich von ihrer Wahrheit zu überzeugen.«

Haar auf Köpfen mit Hirnen

Henry Head ist nicht der einzige herausragende Kopf in der Wissenschaft. Der Luxuriant Flowing Hair Club for Scientists ist, der Name sagt es, ein Klub für Wissenschaftler mit üppig wallenden Mähnen. LFHCfS, unter welchem Kürzel er seinen Mitgliedern und Bewunderern auf unaussprechliche Art bekannt ist, wurde Anfang 2001 gegründet. Jede und jeder können beitreten, vorausgesetzt, sie oder er ist wissenschaftlich tätig und hat üppiges wallendes Haar. Und ist stolz darauf.

Der »Stolz« ist entscheidend. Der Klub ist nicht für den krankhaft schüchternen, menschenscheuen Wissenschaftler, wie er im Buche steht. Das Haar jedes LFHCfS-Mitglieds ist auf der Homepage des Klubs zu sehen, unter https://www.improbable.com/projects/hair/hair-club-top.html.

LFHCfS wurde von Bewunderern der berühmten lockigen Mähne des Psychologen Steven Pinker gegründet. Pinker, damals Professor am Massachusetts Institute of Technology und heute Leiter des Psychologischen Seminars in Harvard, schrieb sich als erstes Mitglied ein. Er führt den Klub stolz auf seiner akademischen Homepage auf.

Zu den Mitgliedern zählen heute Mathematiker, Astronomen, Linguisten, organische Chemiker, Computerforscher, Immunologen, Genetiker, Physiker, Neurowissenschaftler, drei Schwestern, ein Ehepaar und andere Männer und Frauen der Wissenschaft, beiderlei Geschlechts, aller Haarfarben und vieler Frisuren. Es gibt sogar einen echten Rockstar, den italienischen Chemiker Piero Paravidino, Gitarrist der Heavy-Metal-Band Mesmerize und Koautor des Beitrags »Synthese mittelgroßer N-Heterozyklen durch Ringschlussmetathese der Fischer-Hydrazin-Carbenkomplexe«. Paravidino wurde 2002 LFHCfS-Mann des Jahres, vor seinem LFHCfS- und Rockstar-Kollegen, dem Astronomen Brian May von der Rockband Queen.

Aufruf an Mitglieder
Seit der Gründung von LFHCfS schrieben Wissenschaftler, die einmal langes Haar hatten – aber kein langes Haar mehr haben – den Klub an und fragten, ob sie dennoch irgendwie als Mitglied anerkannt werden könnten. Deshalb wurden die zwei Geschwisterklubs des LFHCfS ins Leben gerufen: der Luxuriant Former Hair Club for Scientists für die ehemals Langhaarigen und der Luxuriant Facial Hair Club for Scientists für die Bärtigen. Die Mitglieder aller drei Klubs haben eine extreme Eigenschaft gemeinsam. Jedes Mitglied hat extrem gutes Haar oder extrem null Haar. Um sich für eine Mitgliedschaft zu bewerben, schicken Sie bitte per E-Mail:

  • Eine Fotografie, die den deutlichen Beweis liefert für (1) üppig wallendes Kopfhaar, (2) üppig wallendes Gesichtshaar oder (3) üppiges ehemaliges Haar.
  • Einen aktuellen Lebenslauf, der Ihre Referenzen als Wissenschaftler zusammenfasst.
  • Eine prägnante Erklärung Ihrer Qualifikationen, sowohl haarig als auch akademisch.

Sie können jemand anderen als Mitglied vorschlagen unter der Voraussetzung, dass diese Person die relevanten Qualifikationen für eine Mitgliedschaft erfüllt und dass Sie zuvor die begeisterte Zustimmung dieser Person erhalten haben. Senden Sie alles an marca@improbable.com mit der Betreffzeile: Luxuriant Hair Club.

Dr. Alias, Haarmann

Wenn ein behaarter Mann unbedingt wissen möchte, was es bedeutet, so viel Haar zu haben, mag er durchaus auf das Werk von Dr. A. G. Alias stoßen. Ja, so heißt er wirklich.

Alias ist Experte für gewisse Aspekte und Implikationen der Behaartheit von Männern. Er hat sich besonders für haarige Militärführer, haarige Intellektuelle, drittklassige haarige Boxer und Marlon Brando interessiert. Alias hat folgende Kurzfassung seiner Ansichten geliefert: »Ich bin ziemlich sicher, dass die große Mehrheit der stark behaarten Männer im Vergleich zu den jeweiligen ›viel weniger‹ stark behaarten Männern derselben Rasse und ethnischen Gruppe deutlich intelligenter und/oder gebildeter ist, aber nur von einem statistischen Standpunkt aus betrachtet.«

Männliche Behaartheit erfreut sich einer komplexen und oft unklaren Beziehung zu Intelligenz und Verhalten. Alias, der am Chester Mental Health Center in Chester, Illinois, arbeitet, hat versucht, einige der vielen Feinheiten herauszukitzeln.

Alias erregte Aufmerksamkeit, als er 1996 auf dem 8. Kongress der Vereinigung europäischer Psychiater in London einen Forschungsbeitrag unter dem Titel »Ein statistischer Zusammenhang zwischen großzügig wachsendem Körperhaar und Intelligenz« vorlegte. Er berichtete, dass Behaartheit unter erfolgreichen männlichen Akademikern, Ingenieuren und Medizinern verbreitet sei – und auch unter den Männern, die sich Mensa anschließen, dem internationalen Verein für Hochbegabte.

Dies war nur ein Jahr, nachdem Alias einen Aufsatz mit dem Titel »Spitzenboxer sind weniger behaart als Boxer auf niedrigerem Niveau« veröffentlicht hatte. Darin diskutiert er Athleten – grobknochige, muskulöse Männer. Alias analysierte sorgfältig 380 Zeichnungen in William Sheldons Buch Atlas of Men. Daraus wollte er eine allgemeine Erkenntnis ableiten, ob große Kraftprotze viel Körperhaar haben. Anschließend begutachtete Alias sorgfältig Harry Mullens Band Great Book of Boxing, in dem »Körperhaar zeigende Bilder von 49 weißen Spitzenboxern im Schwergewicht, von denen 15 Weltmeister wurden, abgedruckt sind«. Alias folgerte, dass in der Regel Champions weniger haarig seien als Nicht-Champions. Er warnt jedoch, dass der Unterschied statistisch nicht signifikant sei.

Alias beschränkte seine Forschung aber nicht auf weiße Faustkämpfer in verstaubten Büchern; er begutachtete auch schwarze Boxer, die im Fernsehen zu sehen waren. Er berichtet, dass »rund 35% der schwarzen Boxer anscheinend behaarter sind als irgendeiner der 16 schwarzen Boxer, die in [dem Buch] All-Time Greats of Boxing vorkommen: Johnson, Louis, Walcott, Patterson, Liston, Ali, Frazier, Holmes, Tyson, M. Spinks, Robinson, Hagler, Armstrong, Hearns, Leonard und Saddler. Archie Moore, Ezzard Charles, Mike Weaver, Tony Tubbs, Iran Ian Barkley und Lennox Lewis, bei denen es sich um auffallend behaarte Weltmeister im Schwergewicht handelte, waren eher weniger herausragend.«

Im selben Jahr, 1995, veröffentlichte Alias auch einen Beitrag mit dem Titel »Nichtpathologische Assoziationslockerung bei Marlon Brando: ein Zeichen von Untererregung?«. Biografen des verstorbenen Schauspielers können diesen Beitrag auf unerwartete Einsichten hin ausloten.

Eine unwahrscheinliche Erfindung

»Methode des Verbergens teilweiser Glatzköpfigkeit«
aka »Resthaarverwertung«

von Frank J. Smith und Donald J. Smith (US-Patentnummer 4.022.227, Patent 1977 erteilt und 2004 mit dem Ig-Nobelpreis im Bereich Ingenieurwissenschaft/Technik ausgezeichnet)