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Warum Liturgiereformen?

Warum Liturgiereformen?

Beobachtungen in
Geschichte und Gegenwart

Friedrich Lurz

Butzon & Bercker

Inhalt

  • Motive für Liturgiereformen in der Antike
  • Impulse für liturgische Veränderungen im Mittelalter
    • Die verändernde Wirkung der Verlagerung in eine neue Kultur
    • Liturgie zwischen Klerikalisierung und Laienfrömmigkeit
  • Gottesdienst auf dem Prüfstand der Neuzeit
    • Die gottesdienstlichen Anliegen der Reformation
    • Liturgiereform während und nach dem Konzil von Trient
    • Liturgische Veränderungen in Barock und Aufklärung
    • Restauration und gottesdienstlicher Zentralismus
  • Liturgiereformen als Aufgabe der Moderne
    • Liturgiereform vor und auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil
    • Die nachkonziliare Liturgiereform
  • Resümee und Ausblick
    • Reform und Tradierung der Liturgie
  • Vom selben Autor bei Butzon & Bercker erschienen:

Einleitung

Am 4. Dezember 2013 jährt sich zum fünfzigsten Mal die Verabschiedung der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Nicht nur dieses Ereignis, sondern die gesamte Liturgiereform, die es auslöste, wird in der kirchlichen Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit erfahren.

Die gottesdienstlichen Veränderungen wurden in der Kirche von den Bischöfen bis zu den Gemeinden weitgehend begrüßt. Das Aufkommen der Traditionalisten („Erstarken“ wäre ein unzutreffendes Wort) blieb bei aller kirchenpolitischer Brisanz weitgehend ein Randphänomen. Es passte ebenso in das anzutreffende Spektrum von Meinungen und Zielsetzungen innerhalb der katholischen Kirche wie auf der anderen Seite die Versuche, die Reformen in konkreten Gemeinden wesentlich weiter zu betreiben, als der kirchliche Konsens zu diesem Zeitpunkt zuließ. Von beiden Außenpositionen versuchte man sich in der Mitte der katholischen Kirche abzugrenzen, ohne die grundsätzliche Befürwortung der Liturgiereform in Zweifel zu ziehen.

Umso mehr überraschte gerade in den letzten Jahren, dass die Reform von bekannten theologischen und nichttheologischen Autoren sowie von hochrangigen Kirchenvertretern auf einmal kritisch gesehen wurde – weniger von den Gläubigen in den Gemeinden selbst. Es wurde der Vorwurf erhoben, hier sei ein Bruch mit der Tradition vollzogen worden, der liturgiegeschichtlich gesehen einmalig sei. Diese Sicht wurde durch das Motu propio Summorum pontificum von 2007 verstärkt, mit der die vorkonziliare Liturgie in der unmittelbar vor dem Konzil gültigen Gestalt von Papst Benedikt XVI. als „außerordentliche Form“ neben die „ordentliche Form“ des römischen Ritus gestellt wurde.

Gewiss hat der Gottesdienst viel mit der Tradierung des Glaubens zu tun, greift also jede Veränderung in diesen Prozess ein. Die gottesdienstlichen Feiern (Leiturgia) sind zusammen mit der Verkündigung (Martyria) und der Fürsorge für die Nächsten (Diakonia) die entscheidenden Kennzeichen, dass die Kirche Jesu Christi in der Zeit und in dieser Welt existiert. Entsprechend ist der Gottesdienst durch inhaltliche Konstanten geprägt, die sich aus dem theologischen Fundament des mit Israel gemeinsamen Jahwe-Glaubens und des genuinen Christus-Ereignisses ergeben.

Zugleich hat der christliche Gottesdienst immer wieder Veränderungen und Reformen erlebt, oft untergründige, zunächst gar nicht wahrnehmbare, teilweise bewusst geplante. Gottesdienstliche Veränderungen konnten von Bischöfen oder vom Papst ausgehen, aber auch „von unten“ gegen Widerstände angestoßen werden. Zum Teil waren theologische Gedanken die Leitlinien, zum Teil müssen gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen als treibende Kraft angesehen werden. Geschichtlich gesehen bildet die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil keineswegs eine Ausnahme!

Deshalb lohnt es, sich einige Epochen in der Geschichte des christlichen Gottesdienstes anzusehen und zu befragen: Was waren die sie prägenden Veränderungen? Wodurch wurden sie ausgelöst? Durch wen und wie wurden sie durchgeführt? Welchen Effekt hatten sie auf Dauer gesehen? Erst anschließend soll die Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil genauer in den Blick genommen und bewertet werden, um so Perspektiven für die nahe Zukunft zu gewinnen.

Im Zentrum der Überlegungen steht der Gottesdienst der römisch-katholischen Kirche, während die ebenso relevanten Formen und Reformen in der evangelischen Kirche weitgehend unberücksichtigt bleiben müssen, da dort Veränderungen in einem anderen organisatorischen Rahmen und zumindest teilweise gemäß anderer Kriterien abliefen und ablaufen. Gerade in jüngerer Zeit ist aber zu beobachten, dass Reformimpulse zunehmend ökumenisch wirksam sind.

Dieses E-Book stellt die überarbeitete und ergänzte Reihe von Beiträgen dar, die in der Zeitschrift „MAGNIFICAT. Das Stundenbuch“ in den Heften „Dezember 2010“ bis „November 2011“ unter der Rubrik Die Mitte erschließen erschienen war.

Motive für
Liturgiereformen
in der Antike

Anfang und Anknüpfung
christlicher Liturgie

Gottesdienste im frühen Christentum

Es gibt eine grundlegende Spannung zwischen Tradition und Wandel, in der der christliche Gottesdienst aller Epochen steht. Diese Spannung wurde bereits zu Anfang mit der Anknüpfung an die jüdische Liturgie deutlich.

Jesus und der jüdische Gottesdienst

Nimmt man die drei Orte der jüdischen Liturgie (Tempel, Synagoge und Haus) in den Blick, so ging Jesus ganz selbstverständlich vom Tempelkult und seiner Priesterschaft aus (vgl. Mt 5, 23f., Mk 1, 44). Auch der Besuch der Synagoge wird mehrfach berichtet (vgl. Mt 4, 23; 12, 9; 13, 54 etc.). Zugleich relativierte und radikalisierte Jesus jüdische Ritualvorstellungen, wenn er etwa Reinheitsvorschriften nicht auf das Äußere, auch nicht auf die Nahrung und was in den Körper gelangt, sondern auf das Innerste des Menschen, auf seine Seele, anwandte (Mk 7, 15). Er führte die bereits im Alten Testament anzutreffende prophetische Kritik an der Veräußerlichung des Kultes fort, indem er um des Menschen willen das strenge Halten des Sabbats in Frage stellte (Lk 14, 1–6). Es war der feste Glaube an den Anbruch der Gottesherrschaft, der ihn zu Handlungen wie der Tempelreinigung bewegten (Mk 11, 15–19), weil die Nähe Gottes nicht mehr der an den Tempel gebundenen kultischen Vermittlung bedurfte.

Jesu Beten war einerseits ein gänzlich jüdisches Beten, wie das Vaterunser zeigt, das andererseits mit seiner direkten Gottesanrede „Vater“ („Abba“) eine ungewöhnliche Unmittelbarkeit aufwies. Die festlichen Mahlzeiten Jesu mit seiner Jüngerschaft standen in Kontinuität zur jüdischen Tradition, in der das Essen immer eine liturgische Konnotation besaß. Wieder bezeugte die für seine Umwelt so ungewöhnliche Tischgemeinschaft Jesu mit Sündern und Zöllnern (Mk 2, 16 par.) die radikale Zuwendung Gottes selbst an die Sünder und Ausgestoßenen der Gesellschaft, die aus dem Anbruch der Gottesherrschaft resultierte.

Beispiel: Die eigentliche Eucharistiefeier

So kann nicht verwundern, dass das gottesdienstliche Handeln der Jünger nach dem Tod Jesu und der Erfahrung seiner Auferweckung zugleich durch die Anknüpfung an und die Abgrenzung von der jüdischen Tradition gekennzeichnet war. Es spricht vieles dafür, dass die Jünger zunächst noch an den Gottesdiensten in Tempel und Synagoge teilnahmen (vgl. Apg 2, 46; 3, 1), aber höchstens bis dieses gottesdienstliche Gefüge durch die Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) völlig umgestaltet wurde. Eigenständige gottesdienstliche Ansätze der jungen Christen lagen in den häuslichen Mahlzeiten, die sie miteinander hielten und die bereits die neutestamentlichen Schriften mit „Brotbrechen“ (Apg 2, 46 etc.) oder „Herrenmahl“ (1 Kor 11, 20) eigenständig bezeichneten und charakterisierten. Sie setzten die Mahlzeiten Jesu mit seinen Jüngern fort. Zugleich erfuhr die frühe Christenheit in ihnen die besondere Präsenz des auferstandenen und erhöhten Herrn in ihrer Mitte, in dessen Namen sie sich versammelte.

Die Überlieferung vom Letzten Abendmahl Jesu (1 Kor 11, 23–25, Lk 22, 19f. und Mk 14, 22–25, Mt 26, 26–29) wurde in der Folge grundlegend für die Gestalt und das Verständnis dieser Feiern, die als Verwirklichung von Jesu eigenem Auftrag „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (1 Kor 11, 24f.) verstanden wurden. Auch wenn viel dafür spricht, dass dieses letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern ein Pessachmahl war, so sind die aus den Einsetzungsberichten ableitbaren Elemente solche, die in jedem jüdischen Festmahl dieser Zeit anzutreffen waren. Es war durch mehrere Weinbecher gegliedert, die gemeinsam getrunken wurden. Dieses zeitgenössische jüdische Festmahl bildete den allseits bekannten Verstehenshorizont, der erst das spezifisch Christliche der Feier erkennen ließ. Denn Jesus selbst gab einzelnen Elementen einen neuen Sinn. Sie zeigte sich in den Worten „Das ist mein Leib für euch“ (1 Kor 11, 24) und „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut“ (1 Kor 11, 25), mit denen er seinen bevorstehenden Tod als Lebenshingabe für die Seinen deutete. In der Erfüllung des Wiederholungsauftrags, wie ihn Paulus formulierte: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1 Kor 11, 26), erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gemeinschaft mit Jesus, dem Christus, der bis zur endgültigen Durchsetzung der Gottesherrschaft sowohl als abwesend als auch als pneumatisch-sakramental anwesend erfahren wurde.

Während die Liturgiewissenschaft aus diesen Erkenntnissen bislang abgeleitet hatte, dass das eigentliche Sättigungsmahl zwischen Brotbrechen zu Beginn und Becher mit Segensgebet zum Abschluss schon in neutestamentlicher Zeit aus der Eucharistiefeier ausgelagert wurde, gibt es in jüngerer Zeit Forschungsansätze, die die Mahlzeiten der frühen Christenheit aus den hellenistischen (d. h. den hellenisierten jüdischen) Mahlfeiern in Form des Symposions ableiten. Die Zuordnung, d. h. das Ineinander von Sättigungsmahl und Eucharistie, ließe sich besser erklären wie auch der in 1 Kor 11 aufscheinende Konflikt. Weiterhin würden aber Brotsegen und Brotbrechen konstitutive Elemente der frühen christlichen Mähler sein, die aus dieser hellenistischen Form nicht herzuleiten wären.

Auch das Eucharistische Hochgebet, das die Sinngestalt der Feier prägt, aber textlich erst in späteren Jahrhunderten greifbar ist, kann bislang nur aus jüdischen Formen abgeleitet werden: dem Gebet nach dem Essen beim jüdischen Festmahl (Birkat ha-mazon) und dem davon unabhängigen Dankopfergebet (Toda).

Trotz bruchstückhafter Quellenlage wird an dieser zentralen Feier schon deutlich, dass christlicher Gottesdienst an jüdische liturgische Formen anknüpfte, selbst wenn sie hellenistisch beeinflusst ...

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