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Wartet in Irland die Liebe?

1. KAPITEL

Der Brief kam aus heiterem Himmel.

"Ich habe keine Ahnung, was das hier sein soll, Mylord." Mrs. Upham zog angewidert eine Augenbraue in die Höhe. Zwischen ihren Fingern baumelte ein schmuddeliger, zerknitterter blassblauer Umschlag. "Reichlich … unappetitlich."

Die restliche Post auf Flynns Schreibtisch hatte Mrs. Upham wie stets fein säuberlich vorsortiert. Bei dem größten Stapel handelte es sich um Post, die das Anwesen betraf. Dann gab es Fanpost und Verlagskorrespondenz, das war der mittlere Stapel. Und auf dem dritten Stapel lag Privates, Briefe von seiner Mutter oder seinem Bruder, die beide nichts von Anrufen oder E-Mails zu halten schienen.

Alles wirkte sehr ordentlich und bestens organisiert, fast so, als wollte Mrs. Upham Flynns Leben gleich mit in Angriff nehmen.

Na, dann viel Spaß, dachte Flynn trocken.

Da es gegenwärtig sein einziges Lebensziel war, die fünfhundert Jahre alte, vom akuten Verfall bedrohte Burg seiner Familie zu retten, war zu bezweifeln, dass sie viel Freude daran haben würde. Flynn stand nämlich vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Schließlich betraf die Rettungsaktion nicht nur die Burg, sondern ebenfalls die dazugehörige Farm und die Ländereien. Außerdem gab es noch seinen pferdevernarrten Bruder mit dessen ehrgeizigen Plänen. Dev hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Gestüt wieder aufzubauen, für das Dunmorey einst berühmt gewesen war. Das Problem war nur, dass ihm dafür das nötige Kleingeld fehlte. Und zu guter Letzt kam noch hinzu, dass Flynns Mutter seit dem Tod seines Vaters vor sieben Monaten in ihrer Verzweiflung immer wieder dieselben Worte wie ein Mantra wiederholte: "Flynn, wir müssen unbedingt eine Frau für dich finden."

Mrs. Upham hingegen könnte er in diesem Moment nur zufriedenstellen, wenn er ihr sagte, dass sie den Brief wegwerfen sollte.

Was sein Vater mit Sicherheit getan hätte.

Der verblichene achte Earl von Dunmorey hatte nämlich für nichts, was weniger als perfekt war, auch nur das geringste Verständnis aufbringen können. Irgendwann einmal hatte Flynn es gewagt, ihm während seiner Recherchearbeiten aus einem Kriegsgebiet auf einer alten Papiertüte einen Brief zu schreiben. Sein Vater hatte nicht lange gefackelt und den Brief einfach ungelesen weggeworfen.

"Wenn du dir nicht die Mühe machst, einen anständigen Brief zu schreiben, bin ich auch nicht bereit, mir die Mühe zu machen, ihn zu lesen", hatte der Earl mit versteinertem Gesicht erklärt.

Allerdings wäre es beruhigend gewesen, wenn Flynns Vater wenigstens nach seinem Tod aufgehört hätte, so eine Macht über ihn zu haben. Tatsache jedoch war, dass kaum ein Tag verging, an dem Flynn nicht dieses irritierende "Ich weiß genau, dass du es nicht kannst" des Grafen im Ohr hatte.

Die Burg retten, zum Beispiel. Oder ein guter Graf sein. Pflichtbewusst und verantwortungsvoll handeln. Seiner Aufgabe gerecht werden.

Bitte. Wenn du etwa meinst, du kannst es …

Unterschwellig hatte in diesen Worten des Grafen immerdie felsenfeste Überzeugung mitgeschwungen, dass Flynn es eben nicht konnte.

"Mylord?", drängte Mrs. Upham.

Die Kiefer fest aufeinandergepresst, schaute Flynn auf. Er war gerade dabei, noch einmal nachzurechnen, ob das Geld nicht vielleicht doch irgendwie für ein neues Dach reichte. Natürlich ohne die Stallungen zu vernachlässigen, die eigentlich fertig sein sollten, wenn Dev mit dem neuen Deckhengst aus Dubai zurückkam.

Große Hoffnungen machte er sich allerdings nicht.

Eigentlich gar keine, genau gesagt. Da wäre sogar die Wahrscheinlichkeit größer, mit seinem im nächsten Monat erscheinenden neuen Buch die Bestsellerliste der New York Times zu stürmen. Denn seine wahre Begabung war das Schreiben.

Mit Schreiben hatte er sich seinen Lebensunterhalt verdient, bevor ihn sein Schicksal - die Grafenwürde - ereilt hatte.

Und dennoch war er finster entschlossen, Dunmorey nicht aufzugeben. Auch wenn es tagein, tagaus ein neuer Kampf war zu verhindern, dass die Burg nicht in sich zusammenfiel. Er hatte keine andere Wahl. Es war seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das alte Gemäuer für zukünftige Generationen am Leben zu erhalten. Obwohl er natürlich nie wirklich damit gerechnet hatte, dass diese Aufgabe irgendwann ihm zufallen könnte.

Flynn hatte sich die Verantwortung, die jetzt auf seinen Schultern lastete, nicht ausgesucht. Aber er wollte seinem alten Herrn beweisen, dass er ihr gerecht werden konnte - auch wenn der alte Graf bereits tot war.

"Ich denke, ich bin hier für den Moment fertig, Mylord", sagte Mrs. Upham. "Und das hier kommt ins Altpapier, einverstanden?"

Flynn brummte nur irgendetwas Unverbindliches in sich hinein und beugte sich wieder über seine Zahlenkolonne.

"Oder wünschen Mylord vielleicht noch eine Tasse Tee? Ihr Herr Vater hat immer Tee getrunken, wenn er die Post öffnete."

"Nein, danke, Mrs. Upham. Ich brauche nichts."

Er hatte rasch herausgefunden, dass er, obwohl er in Mrs. Uphams Augen natürlich nie an seinen Vater heranreichen würde, seine eigene Autorität besaß.

Und wenn er sie einsetzte, verstand Mrs. Upham sofort. "Sehr wohl, Mylord." Sie nickte und verließ mit dem Gesicht zu ihm den Raum. Als wäre er der König von England.

Flynn fing wieder an zu rechnen. Leider noch immer mit demselben niederschmetternden Ergebnis. Seufzend lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, rieb sich die Augen und rollte die Schultern. In einer Stunde war er draußen bei den Stallungen mit dem Bauunternehmer verabredet. Der Mann wollte ihn davon in Kenntnis setzen, was bis zu Devs Rückkehr in zwei Wochen noch alles passieren musste.

Da das mehrfach prämierte Pferd als eine Investition betrachtet werden musste, die sich in nicht allzu ferner Zukunft - hoffentlich - auszahlte, hatte die Renovierung der Stallungen absolute Priorität. Obwohl es ziemlich unwahrscheinlich war, dass sich Dunmorey allein mit Beschälerhonoraren und Buchtantiemen über Wasser halten ließ.

Die Burg befand sich seit über dreihundert Jahren in Familienbesitz. Sie hatte schon bessere Zeiten gesehen - allerdings auch schlechtere, obwohl das nur schwer vorstellbar war. Doch Flynn betrachtete die eingemeißelte irische Inschrift als Ansporn: Eireoidh Linn. Was übersetzt hieß: Wir werden überleben.

Viele Generationen vor ihm hatten durchgehalten, manche trotz größter Widrigkeiten. Und Flynn wollte verdammt sein, wenn er der Erste war, der aufgab.

In der Post waren noch weitere Kostenvoranschläge für Renovierungsarbeiten, die erschreckend hoch ausfielen, und mit den Rechnungen verhielt es sich nicht besser. Für Devs Zuchtpläne hatten sie eine Hypothek aufnehmen müssen. Doch wenn die Zucht erst einmal lief, würde alles besser werden. Und wenn sich dann sein Buch auch noch gut verkaufte, wäre das ein echter Lichtblick. Aber bis dahin …

Flynn sprang auf und lief nervös im Zimmer auf und ab. Als er an seinen Schreibtisch zurückkehrte, fiel sein Blick auf den schäbigen blassblauen Umschlag, den Mrs. Upham in den Papierkorb geworfen hatte.

Die Haushälterin hatte recht gehabt. Der Umschlag war wirklich ziemlich unappetitlich. Nichtsdestotrotz war Flynns Neugier geweckt.

Es konnte weder eine weitere Rechnung noch ein Kostenvoranschlag sein. Auch keine Ankündigung einer bevorstehenden Farmversteigerung. Geschweige denn eine Einladung zu irgendeiner Dinnerparty von Graf und Gräfin Soundso.

Außerdem war der Umschlag ein halbes Dutzend Mal umadressiert worden. Er war wie eine Erinnerung an sein früheres Leben.

"Müll", hätte sein Vater geringschätzig gesagt und sich abgewandt.

Aber Flynn war bekanntlich nie wie sein Vater gewesen.

Er bückte sich und fischte den Umschlag aus dem Papierkorb. Ursprünglich war der Brief an das Magazin Incite in New York adressiert worden. Zu seinen Händen.

Er runzelte die Stirn. Früher hatte er öfter unterhaltsame Klatschgeschichten und Features für Incite geschrieben. Das Letzte, was er für sie gemacht hatte, war eine Reportage aus einem kleinen Nest in Montana gewesen. Über das, was man scherzhaft "Die große Cowboyauktion von Montana" genannt hatte. Elmer hatte das Städtchen geheißen. Doch das war jetzt sechs Jahre her.

Sein Vater hatte seine Artikel stets als oberflächlich bezeichnet und sich beklagt, dass Flynn offensichtlich nicht gut genug war, um über wirklich wichtige Themen zu schreiben.

Obwohl das nicht stimmte. Genau genommen waren die ausgestrichenen Adressen auf dem Umschlag der Beweis dafür, dass er sehr wohl gut genug dafür war. Das bewiesen seine Reportagen aus Afrika, Zentralasien, Südamerika und dem Nahen Osten.

Lauter Krisenherde, einer heißer als der andere.

Flynn starrte auf den Umschlag, während vor seinem inneren Auge wie in einem leuchtenden Kaleidoskop tausend Erinnerungen aufblitzten.

Dann schaute er wieder auf die entschlossene, saubere Handschrift, die die erste Adresse auf den Umschlag geschrieben hatte. Er kannte sie nicht. Wirklich erstaunlich, wohin ihm der Brief überall gefolgt war, ohne dass er ihn je erreicht hätte. Es musste echtes Engagement oder reine Sturheit der Postämter in aller Welt gewesen sein. Die US-amerikanische Briefmarke war zum ersten Mal im November vor fünf Jahren abgestempelt worden.

Vor fünf Jahren?

Im November vor fünf Jahren war Flynn im südamerikanischen Dschungel gewesen und hatte über ein "wirklich wichtiges Thema" geschrieben - einen Stammeskrieg im einundzwanzigsten Jahrhundert, den er aus erster Hand miterlebt hatte.

"Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?" Sein Londoner Verleger war skeptisch gewesen, als Flynn sein Vorhaben angekündigt hatte. "Sie sind dieses Jahr schon einmal angeschossen worden. Diesmal könnten Sie sich umbringen."

Das war damals die Hauptidee gewesen.

Ein paar Monate zuvor war sein älterer Bruder Will - "der Erbe", wie sein Vater ihn zu nennen pflegte - bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Und je nachdem wie man es betrachtete, war Flynn schuld an Wills Tod. Auf jeden Fall hatte der Graf das so gesehen.

"Er wollte dich vom Flughafen abholen!", hatte Flynns Vater gezürnt. "Weil du unbedingt nach Hause kommen musstest, um dich zu erholen. Weil man auf dich geschossen hatte!"

Man hatte auf ihn geschossen, aber er war nicht gestorben.

Gestorben war Will - der zuverlässige, vernünftige, verantwortungsbewusste Will, der auf dem Weg zum Flughafen angehalten hatte, um einem anderen Autofahrer beim Reifenwechsel zu helfen. Dabei war er von einem vorbeifahrenden Auto überfahren worden.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich für Flynn die Welt von Grund auf verändert - Will war tot, und Flynn war plötzlich als "der Erbe" nachgerückt.

Schwer zu sagen, wer darüber bestürzter war - Flynn oder sein Vater.

Niemand hatte Einspruch erhoben, als er, sobald er sich von seiner Schussverletzung erholt hatte, den nächsten gefährlichen Auftrag angenommen hatte - sein Vater schon gar nicht.

Und auch als seine Reisen in die Krisenherde dieser Welt immer riskanter geworden waren, hatte sich niemand von seiner Familie darum geschert.

Nichtsdestotrotz, Flynn hatte überlebt, egal wie gefährlich seine Aufträge auch waren und obwohl er mehrfach verletzt worden war. Als sein Vater letzten Juli nach einem Herzinfarkt gestorben war, war er immer noch "der Erbe" gewesen.

Und jetzt war er der Graf. Seine weiten, gefährlichen Reisen waren Geschichte. Er saß auf Dunmorey Castle fest.

Und ein fünf Jahre alter Brief, der ihm um die Welt gefolgt war und ihn letzten Endes doch noch erreicht hatte, erschien ihm weit weniger fordernd - und viel interessanter -, als über die Irrwege seines Lebens nachzudenken.

Flynn riss den Umschlag auf und zog ein einzelnes weißes Blatt Papier heraus. Er faltete es auf und las den kurzen Text.

Flynn. Dies ist mein dritter Brief an dich. Keine Angst, noch einmal schreibe ich nicht. Ich erwarte nichts von dir. Ich stelle keine Ansprüche. Ich finde einfach nur, dass du ein Recht hast, es zu wissen. Das Baby kam heute früh kurz nach acht zur Welt. Er wiegt siebeneinhalb Pfund. Ein kräftiger gesunder Junge. Ich werde ihn nach meinem Vater nennen. Selbstverständlich behalte ich ihn.

Sara

Flynn starrte auf die Worte, versuchte sie zu verstehen, stellte sie in einen Zusammenhang, in dem sie Sinn machten.

Ich erwarte nichts von dir … ein Recht zu wissen … Baby.

Sara.

Das Blatt zitterte in seiner Hand. Sein Herz begann zu hämmern. Er las alles noch einmal von vorn - diesmal mit der Unterschrift im Kopf: Sara.

Vor seinem geistigen Auge blitzte ein Gesicht auf, mit eindringlichen braunen Augen, einer makellosen weißen Haut und sehr kurz geschnittenen dunklen Haaren. Herrlich glatte Haut und Lippen, die nach Zimt und Nelken schmeckten.

Sara McMaster.

Die entzückende Sara aus Elmer, Montana.

Heiliger Himmel.

Er starrte auf den Brief.

Sara war von ihm schwanger geworden. Sara hatte ein Kind bekommen.

Einen gesunden, kräftigen Jungen …

Und dieser Junge war sein Sohn.

Heute war Valentinstag.

Das wusste Sara, weil sie gestern Abend ihrem fünfjährigen Sohn Liam geholfen hatte, in mühseliger Kleinarbeit seinen Namen auf einundzwanzig Valentintagskarten zu schreiben.

Und sie wusste es auch, weil sie mit ihm einen Schuhkarton in weißes Seidenpapier gehüllt und mit roten Herzen beklebt hatte, der ihm als "Briefkasten" dienen sollte. Der dritte Grund, warum sie es wusste, war, weil sie gestern Abend noch schnell Muffins gebacken hatte - mit Schokoglasur und verziert mit roten und weißen Herzen aus Zuckerguss. Kurz vor dem Schlafengehen war Liam nämlich eingefallen, dass er versprochen hatte, für die Valentintagsfeier in der Vorschule Muffins mitzubringen.

Außerdem wusste sie es, weil sie heute - zum ersten Mal, seit Liam auf der Welt war - eine Verabredung mit einem Mann hatte.

Adam Benally hatte sie zum Essen eingeladen. Adam war vor ein paar Monaten aus Arizona hergezogen und arbeitete als Vorarbeiter auf Lyle Dunlops Ranch. Als Witwer mit einer Vergangenheit, über die er nur ungern sprach, war er immerhin offen genug gewesen zu sagen, dass er "versuchte, seine Gespenster zu vertreiben". Sie hatten sich kennengelernt, weil er Sara gebeten hatte, die Buchhaltung für die Ranch zu übernehmen.

Sara, die sich mit Gespenstern gut auskannte, hielt es durchaus für denkbar, dass sie und Adam einiges gemeinsam hatten. Und er bemühte sich wenigstens, seine Gespenster zu vertreiben. Höchste Zeit, dass sie sich ein Beispiel an ihm nahm.

"Du kannst nicht ewig wie eine Nonne leben", ermahnte ihre Mutter Polly sie immer wieder. "Nur weil du einmal schlechte Erfahrungen gemacht hast …"

Sara ließ ihre Mutter reden. Polly sagte viel, wenn der Tag lang war, obwohl sie natürlich nicht ganz unrecht hatte. Bis auf die vermeintlich "schlechten Erfahrungen".

Weil ihre Erfahrungen nämlich alles andere als schlecht gewesen waren. Zumindest nicht, solange es gedauert hatte. Im Gegenteil, es waren die wunderbarsten drei Tage ihres Lebens gewesen. Und dann …

Totale Funkstille. Nichts.

Das war das Schlimme. Jedes Mal wenn sie daran dachte, krampfte sich ihr Magen zusammen. Dieses Nichts verfolgte sie und machte es ihr schwer, sich einem anderen Mann zu öffnen, einen zweiten Versuch zu wagen.

Aber jetzt endlich war es so weit. Sie hatte sich durchgerungen, es noch einmal zu versuchen. Mit Adam. Eine Verabredung zum Abendessen, immerhin, ein erster Schritt.

"Wird ja auch höchste Zeit", hatte Polly gemurmelt, als Sara ihr davon erzählt hatte. "Ich bin froh. Du musst deine Gespenster bannen."

Nein. Nur ein Gespenst.

Und zudem eines, das Sara tagtäglich in Miniaturausgabe vor sich hatte - bis hin zu dem zerzausten schwarzen Haar und den jadegrünen Augen.

Sie schob den Gedanken rigoros beiseite. Jetzt war keine Zeit, daran zu denken. An ihn.

Liams Vater war Vergangenheit, auch wenn Liam eine ständige Erinnerung an ihn darstellte. Doch mittlerweile vergingen manchmal schon mehrere Tage, ohne dass sie an ihn denken musste. Das war heute nur, weil Valentinstag war und sie Adams Einladung angenommen hatte.

"Aufhören! Sofort!", ermahnte sie sich selbst laut. Die Vergangenheit war vergangen. Daran musste sie sich wieder und wieder erinnern. Sinnlos, über verschüttete Milch zu weinen, wie man so schön sagte. Es half nichts. Sie musste sich auf die Zukunft konzentrieren - auf Adam.

Was mochte er sich von ihr erwarten? Sara durchquerte die Küche, machte Tee, überlegte, was sie anziehen und welche Gesprächsthemen sie anschneiden sollte. Sich mit einem Mann zu treffen war für sie, wie eine fremde Sprache zusprechen. Etwas, womit sie nur sehr wenig Übung hatte.

Nein! Verdammt. Jetzt fing sie schon wieder an.

Entschlossen ging sie mit ihrer Teetasse an den Tisch und breitete ihre Unterlagen aus, um zu arbeiten. Wenn sie mit der Buchhaltung für den Haushaltswarenladen fertig war, bis Liam von der Vorschule nach Hause kam, konnte sie eine Pause machen, vielleicht ein bisschen rausgehen und einen Schneemann mit ihm bauen, eine Schneeballschlacht machen. So war sie wenigstens abgelenkt.

Liam würde heute bei Tante Celie schlafen, die mit ihrem Mann Jace und den Kindern ein paar Häuser weiter wohnte.

"Warum denn gleich die ganze Nacht?", hatte sie protestiert, als Celie es ihr angeboten hatte. "Wir gehen doch nur essen. Ich habe nicht vor, die Nacht mit ihm zu verbringen."

"Na ja, aber vielleicht willst du ihn ja hinterher noch einladen", sagte Celie. "Auf einen Kaffee oder so", fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Aber Sara wusste, dass sie zu mehr als einem Essen nicht bereit war. Nicht heute. Noch nicht. Wie um alles in der Welt hatte sie es sechs lange Jahre ohne eine einzige Verabredung ausgehalten? Doch wann hätte sie je wirklich Zeit dafür gehabt?

In den ersten drei Jahren nach Liams Geburt hatte sie eine Ausbildung als Buchhalterin gemacht, der Beruf, mit dem sie sich inzwischen ihren Lebensunterhalt verdiente. Mit ihrem Sohn, der Ausbildung und den Jobs, die sie zwischendurch immer wieder hatte annehmen müssen, war es ihr schier unmöglich gewesen, passende Männer kennenzulernen.

Und gewollt hatte sie es auch nicht.

Gebranntes Kind scheut das Feuer …

In dem Rat, dass man auf das Pferd, das einen abgeworfen hat, besser gleich wieder aufsteigt, lag zweifellos eine gewisse Weisheit. Aber wahrscheinlich war es ebenso weise, beim zweiten Mal umso vorsichtiger zu sein.

Sie war beim ersten Mal schrecklich leichtsinnig gewesen. Diesmal würde sie es ganz langsam angehen, und das bedeutete ein Abendessen, vielleicht ein Küsschen zum Abschied. Ja, das wäre wahrscheinlich ganz okay, aber nicht mehr.

Jetzt hatte sie erst noch zu tun.

Der Vorteil daran, dass sie freiberuflich arbeitete, war, dass sie ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen und zu Hause bleiben konnte. So war sie immer für Liam da. Ein Nachteil war allerdings, dass man sich zu leicht ablenken ließ - wie heute zum Beispiel. Da war kein Chef, der mit der Peitsche hinter einem stand und Forderungen stellte. Und so war es viel interessanter, sich zu überlegen, was sie heute Abend anziehen sollte oder Wäsche zu waschen, Tee zu kochen und mit dem Kater Sid zu sprechen, obwohl sie sich eigentlich auf ihre Arbeit konzentrieren sollte.

Deshalb zwang sie sich wieder, sich an den Küchentisch zu setzen, der ihr auch als Schreibtisch diente, und sich in die Buchhaltung des Haushaltswarenladens zu vertiefen. Zahlenkolonnen zu addieren erforderte Konzentration, und das bedeutete, dass sie genau aufpassen musste und nicht an etwas anderes denken durfte.

Als es plötzlich laut an der Eingangstür klopfte, schrak sie so zusammen, dass sie ihren Tee über dem Kontenblatt verschüttete. "Verdammt!"

Sie sprang auf, rannte zur Spüle und tupfte die Bescherung eilig mit dem Geschirrtuch auf, wobei sie den Lieferanten verfluchte. Es musste der Lieferant sein, weil er der Einzige war, der je an die Vordertür kam. Er brachte ihr das bestellte Büromaterial. Obwohl … sie konnte sich gar nicht erinnern …

Wumm, wumm, wumm!

Nein, das war nicht der Lieferant. Er klopfte nur ein Mal, dann allerdings so laut, dass sogar ein Toter davon aufgewacht wäre, und stellte seine Lieferung vor der Tür ab. Anschließend sprang er wieder in seinen Truck und raste davon. Er klopfte nie zweimal.

Wumm! Wumm! Wumm!

Geschweige denn dreimal.

"Bin schon da!", rief sie.

Sie ging zur Tür - und sah sich einem Gespenst aus der Vergangenheit gegenüber.

Oh Gott!

Sie litt an Halluzinationen. Vor lauter Panik wegen ihrer Verabredung heute Abend hatte sie diesen Mann aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins heraufbeschworen.

Und ihre idiotische Erinnerung machte ihn auch noch überlebensgroß und anziehender denn je. Hochgewachsen, schlank, mit schmalen Hüften und noch breiteren Schultern als früher. Und damit er auch wirklich ganz echt wirkte, bildete sie sich zu allem Überfluss ein, dass in seinem rabenschwarzen Haar Schneeflocken glitzerten. Das hätte sein Erscheinungsbild eigentlich etwas abmildern, ihn sanfter machen müssen. Doch weit gefehlt. Er wirkte genauso wild und ungezähmt wie vor sechs Jahren.

"Sara." Sein schön geschwungener Mund verzog sich zu einem umwerfenden leicht schiefen Grinsen.

Ein Grinsen, das Sara nur allzu gut kannte. Sie hatte die Lippen geküsst, auf denen es lag. Hatte sein Lachen genossen, seine Worte, sein Stöhnen, seine Leidenschaft.

Ihr Gesicht brannte. Ihr ganzer Körper schien plötzlich in Flammen zu stehen. Sie rang die Hände, verflocht ihre Finger so fest ineinander, dass die Knöchel weiß wurden.

"Überrascht, a stór?" Sein heiserer Bariton, in dem ein leiser irischer Akzent mitschwang, bewirkte, dass die Haut in ihrem Nacken kribbelte. Es fühlte sich an, als ob eine Geisterhand ihr über den Rücken strich.

"Geh", stieß sie hervor und kniff die Augen ganz fest zu, wild entschlossen, der Wahnvorstellung, den Erinnerungen, dem Mann an sich zu widerstehen. Das kam alles nur, weil sie sich bereit erklärt hatte, mit Adam auszugehen. Dadurch waren Erinnerungen freigesetzt worden, die sie die ganze Zeit über sorgfältig unter Verschluss gehalten hatte.

Sie kniff die Augen immer noch fest zu. Zählte bis zehn. Öffnete die Augen wieder.

Und spürte, wie ihr das Herz sank, als sie sah, dass er immer noch vor ihr stand.

Er trug Jeans, einen schwarzen Pullover, darüber eine dunkelgrüne Daunenjacke. Kinn und Wangen waren mit Bartstoppeln bedeckt, und er wirkte übernächtigt. Aber er beobachtete sie belustigt, während er die Schneeflocken wegzwinkerte, die in seinen unglaublich langen Wimpern hingen. Und als er den Mund zu einem noch breiteren Grinsen verzog, sah sie, dass an seinem rechten Schneidezahn eine winzige Ecke fehlte. Kaum vorstellbar, dass sie sich einen abgebrochenen Zahn einbildete.

Also musste er real sein. Und er sah genauso gut aus wie in ihrer Erinnerung.

Noch besser sogar.

Vor sechs Jahren hatte Sara immer wieder von diesem Augenblick geträumt. Hatte sich an die Hoffnung geklammert, dass er nach Elmer - zu ihr - zurückkehren werde. Neun Monate lang hatte sie geplant und gehofft und gebetet. Aber er war nicht gekommen. Hatte nie angerufen. Nie geschrieben.

Und jetzt - völlig unerwartet - stand er vor ihr.

Sara ging das Herz über, im selben Moment hatte sie das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Sie verspürte einen Schmerz, der so heftig war, dass sie mehrmals schlucken musste, bevor sie ihre Stimme wiederfand.

Und als es endlich so weit war, hoffte sie inständig, dass sie auch wirklich so gleichgültig klang, wie sie es sich wünschte. "Flynn."

Flynn Murray. Der Mann, dem sie ihre Liebe geschenkt hatte, der ihr ein Kind gemacht und sie sitzengelassen hatte.

Es war ihre eigene Schuld gewesen. Das wusste sie. Er hatte ihr nie versprochen zu bleiben oder zurückzukommen. Er hatte ihr überhaupt nichts versprochen - er hatte höchstens befürchtet, dass er ihr wehtun könnte.

Und das hatte er weiß Gott getan.

Doch damals hatte sie ihm nicht geglaubt. Sie war neunzehn gewesen, naiv und bis über beide Ohren verliebt. Sie hatte Flynn zufällig kennengelernt, als er nach Elmer gekommen war, um über die damals stattfindende Cowboyauktion zu schreiben. Sie hatte sich auf Anhieb hoffnungslos in ihn verknallt.

Bis dahin war sie immer ein praktisch handelnder, vernünftiger Mensch gewesen.

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