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Wartet hier das Glück auf mich?

1. KAPITEL

Mit einem wehmütigen Lächeln stellte Tina Mills eine Tasse des kostbaren Familiengeschirrs auf die dazugehörige Untertasse. Wie lange hatte sie das Royal-Doulton-Teeservice mit dem schönen Rosendekor nicht mehr in der Hand gehabt!

„Hier ist dein Tee, Daddy. So wie du ihn gerne magst.“ Es fiel ihr nicht schwer, sich den immerzu gut gelaunten Bill Mildenderger vorzustellen, wie er ihr gegenübersaß und genüsslich seinen Tee trank. Genau wie vor fünfundzwanzig Jahren.

Kaum zu glauben, wie viel Zeit vergangen war, seit sie hier im Esszimmer ihre Kindergeburtstage gefeiert hatte. Die Erinnerung an ihren Vater, der vor acht Jahren bei einem Autounfall auf dem Long Island Expressway ums Leben gekommen war, schmerzte sie immer noch sehr. Er war pharmazeutischer Handelsvertreter gewesen und hatte sich gerade auf dem Heimweg von einer seiner Reisen befunden.

Tina hatte damals an der Columbia University studiert. Als es passierte, saß sie gerade in einem Seminar über Filmschnitt. Sie erinnerte sich, dass sie plötzlich von einem Gefühl des Unwohlseins gepackt wurde, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als der Unfall geschah. Ein deutliches Zeichen dafür, wie nah sie und ihr Vater William E. Mildenderger sich immer gestanden hatten.

Wenige Monate später hatte Tina ihren Abschluss in der Tasche. Sie verließ Brooklyn und zog nach Tribeca, einem Stadtteil Manhattans, wo sie eine geräumige Dachgeschosswohnung gefunden hatte. Zusammen mit ihrer Studienkollegin Emmy Snow gründete sie eine eigene Filmproduktionsfirma, „Reality Flicks“.

Zu ihrem Erstaunen hatte ihr der Vater eine beträchtliche Geldsumme hinterlassen, wodurch die Gründung der Firma überhaupt erst möglich wurde.

Bereits nach einem Jahr konnten sie erste Erfolge verzeichnen. Ihr Dokumentarfilm über misshandelte Frauen erregte großes Aufsehen und erhielt weltweit Auszeichnungen. Seitdem drehten sie einen Film nach dem anderen und hatten sich zu einer gefragten Produktionsfirma entwickelt.

Inzwischen war Tina dreißig Jahre alt und dachte viel über ihre Vergangenheit nach. Sie saß am Esszimmertisch des altehrwürdigen Hauses im New Yorker Stadtteil Brooklyn, in dem sie aufgewachsen war, und betrachtete versonnen die Tasse mit dem Blumendekor in ihren Händen. Damals, vor vielen Jahren, hatte sie meist Zitronenlimonade daraus getrunken oder irgendetwas anderes, das keine Flecken machte.

Denn ihre Mutter Angela Winston Mildenderger hasste Unordnung. Es war ihr immer ein Dorn im Auge gewesen, wenn Tina und ihr Vater nachmittags zusammen Tee aus ihrem geliebten Porzellangeschirr getrunken hatten, und sie sich darüber sorgen musste, ob dabei womöglich die wertvolle Spitzentischdecke Flecken abbekam. Überhaupt war das Verhältnis zwischen Tina und ihrer Mutter nie sehr innig gewesen. Angela hatte sich ihrer einzigen Tochter gegenüber immer sehr kühl und distanziert gegeben. Sie hatte ihr niemals gezeigt, dass sie sie liebte.

Tina stand auf und ging zu einem riesigen Wandschrank, dessen Türen weit offen standen. Sie war gerade dabei gewesen, ihn auszuräumen, als ein Gefühl der Wehmut sie gepackt hatte. Mit einem melancholischen Lächeln auf den Lippen hatte sie sich an den Tisch gesetzt und an die alten Zeiten gedacht. Sie hatte nie verstanden, warum ihre Mutter stets so abweisend zu ihr gewesen war. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass Tina ihrem Vater so ähnlich war: dünn, hochgewachsen, dunkle Haare und hohe Wangenknochen. Auch in ihrem Charakter war sie ganz und gar eine Mildenderger. Sie war neugierig, impulsiv und direkt – gute Voraussetzungen für eine Filmproduzentin. Für ein zartes Gemüt wie Angela jedoch ein ständiger Grund zum Ärgernis.

Die Mutter war eine Freundin von klaren Regeln, festen Strukturen und Beherrschtheit. Was ihr ursprünglich an Bill gefallen haben mag, ließ sich nicht mehr sagen.

Schon als kleines Kind hatte Tina gespürt, dass ihre Mutter den Ehemann eher erduldete als liebte und sehr oft zornig auf ihn war. Das hielt Bill jedoch nicht davon ab, ihr immer wieder spontan seine Zuneigung zu zeigen. Manchmal nahm er sie in den Arm und wirbelte sie durch die Küche, oder er brachte ihr einen großen Blumenstrauß mit.

Doch Angela schien unnahbar wie eh und je. Nur manchmal, wenn sie mit ihren Schwestern zusammen war, konnte man in unbeobachteten Augenblicken so etwas wie Gefühle wahrnehmen. Ihrem Mann und ihrer Tochter gegenüber jedoch gab sie sich stets kühl und distanziert.

Wenn Tina allerdings an den momentanen Zustand ihrer Mutter dachte, traten ihr Tränen in die Augen. Nach einem Schlaganfall war Angela nicht mehr ansprechbar und hatte in einem Pflegeheim untergebracht werden müssen. Sie erkannte niemanden und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Es war, als sei ein Teil von ihr bereits in eine andere Welt übergetreten. Die Ärzte gaben ihr noch ein paar Monate zu leben.

Damit bestand endgültig keine Möglichkeit mehr, jemals ein innigeres Verhältnis zu ihrer Mutter aufzubauen. Tina bedauerte es sehr. Und genau aus diesem Grund wollte sie selbst niemals Kinder haben. Sie hatte nie das Vorbild einer liebenden Mutter gehabt und wollte ihre schlechten Erfahrungen nicht an die nächste Generation weitergeben.

Das Esszimmer befand sich im vorderen Teil des Hauses, und Tina hatte die Fenster weit geöffnet, um etwas frische Luft hereinzulassen. Es war ein wunderschöner, warmer Septembertag. Als sie ein Auto die Auffahrt hochfahren hörte, blickte sie aus dem Fenster. Ihre Tanten Peggy und Jean waren gekommen.

Die drei Winston-Schwestern waren sich allesamt sehr ähnlich. Der Altersunterschied zwischen ihnen war nicht besonders groß, und sie waren alle eher stämmig gebaut, hatten hellblonde Haare und blaue Augen. Peggy war die Jüngste und zugleich die Angenehmste der drei Schwestern. Wenigstens sie zeigte manchmal ihre liebevolle Seite und bewies ab und zu so etwas wie Humor.

Aus diesem Grund hatte Tina auch mit ihr Kontakt aufgenommen. Sie hatte Peggy mitgeteilt, dass sie vorhatte, ein paar Kostbarkeiten aus dem Familienbesitz zu verkaufen, um mehr Geld für Angelas Pflege zur Verfügung zu haben.

Tina hörte, wie Autotüren zugeschlagen wurden.

Ohne zu klingeln traten die Schwestern ins Haus und blieben an der Tür zum Esszimmer stehen. Erfreut, die beiden zu sehen, begrüßte Tina ihre Tanten herzlich.

Die beiden betraten das Zimmer. Sofort fiel ihr Blick auf den Tisch, wo teures Porzellan und Kristallgläser aufgereiht waren. Peggy war die Erste, die das Wort an ihre Nichte richtete.

„Wie geht es dir, Tina?“

Mit einem schwachen Lächeln antwortete sie: „Es ist nicht leicht. Mom war immer kerngesund, nie hätte ich gedacht, dass so etwas geschehen könnte.“

Peggy warf ihrer Schwester einen kurzen Blick zu, bevor sie zu Tina ging und sie umarmte. „Ich weiß, wie du dich fühlst. Angela hat so viel für ihre Gesundheit getan, sie sah aus wie das blühende Leben. Sechzig ist ja heutzutage noch gar kein Alter. Jeanie und ich sind nur unwesentlich jünger, das ist alles ziemlich erschreckend.“

Die Umarmung der Tante war kurz und lieblos. Tina hätte sich gewünscht, bei ihr Trost zu finden, doch Peggy gab ihr keine Gelegenheit dazu.

Mit verschränkten Armen und versteinertem Gesichtsausdruck trat Jean zu dem offenen Wandschrank. Tonlos fragte sie: „Du willst also ein paar Dinge verkaufen?“

„Es fällt mir natürlich schwer, mich von dem alten Familienbesitz zu trennen, aber die Krankenhausrechnungen müssen bezahlt werden …“

„Dafür gibt es doch die Krankenversicherung!“

„Die übernimmt aber nur einen Teil der Kosten. Soll ich dir mal die Rechnungen zeigen? Da gibt es Medikamente, die kosten über 100 Dollar!“

Jeans indignierter Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie das nicht weiter bekümmerte.

Mit Bestimmtheit erklärte Tina: „Wir alle wissen, dass Mom nicht mehr lange zu leben hat. Deshalb ist es das Beste, die Wertgegenstände der Mildendergers zu verkaufen und ihr mit dem Erlös ihre letzten Tage so angenehm wie möglich zu machen.“

„Das wäre Bill ihr jedenfalls schuldig!“, erklärte Jean.

Peggy stieß ihre Schwester mit dem Ellbogen in die Seite. „Wir verstehen dein Vorhaben und schätzen deine guten Absichten, aber …“

„… aber wir wollen ein Wörtchen mitreden, was hier das Haus verlässt und was nicht!“, unterbrach Jean ihre Schwester.

Sichtlich angespannt antwortete Tina: „Ich habe euch Bescheid gesagt, weil ich euch nicht übergehen wollte. Es gibt bestimmt ein paar Dinge hier, die euch besonders am Herzen liegen.“ Eigentlich hatte sie gehofft, von ihren Tanten in dieser schweren Zeit Unterstützung zu bekommen. Doch deren Gleichgültigkeit hatte sich über all die Jahre hinweg nur immer mehr gesteigert. Es schmerzte Tina sehr, dies nun so deutlich vor Augen geführt zu bekommen.

„Es gibt da ein paar Gegenstände aus dem Familienbesitz der Winstons, die würden wir gerne mitnehmen. Dinge, die unserer Mutter gehört haben“, sagte Peggy mit ruhiger Stimme.

„Meiner Großmutter“, bemerkte Tina.

Jean stieß ein verächtliches Schnauben aus, und Peggy warf ihr einen warnenden Blick zu.

Tina spürte, wie Zorn in ihr aufstieg. „Was genau ist euer Problem?“

„Nun …“, begann Jean, „… wir sind der Meinung, dass du dich der Familie gegenüber nicht loyal verhalten hast. Ich erinnere dich nur daran, dass du deinen Namen geändert hast und solche Dinge.“

„Ich habe Mildenderger zu Mills abgekürzt, das ist alles“, erwiderte Tina erstaunt. „Und ich habe es nur getan, weil es für unsere Produktionsfirma besser ist, wenn ich einen kurzen, prägnanten Namen habe. Dad hätte das sicher verstanden. Und schließlich ist es sein Name, um den es hier geht.“

„Oh, sicher, er hätte alles gutgeheißen“, murmelte Jean vor sich hin.

„Nehmt ihr mir etwa übel, dass ich meinen Namen nicht in Winston umgeändert habe?“

„Nein!“, riefen beide wie aus einem Munde.

Tina holte tief Luft. „Also gut. Ich wollte euch gerne die Möglichkeit geben, ein paar Erinnerungsstücke aufzubewahren …“ Verwundert hielt sie inne, als Jean erbost nach einer gläsernen Butterdose griff.

„Das alles hat unserer Mutter gehört!“ Mit einem Klirren stellte Jean das wertvolle Stück zurück auf den Tisch.

„Okay. Dann nimm sie mit.“

„Die Dose gehört zu einem ganzen Service, und das muss zusammenbleiben.“ Jean ging zum Schrank und suchte nach den dazugehörigen Teilen. Mit einem triumphierenden Lächeln entnahm sie Salz- und Pfefferstreuer, ein Sahnekännchen und eine Zuckerdose. Als sie alles auf dem Tisch abgestellt hatte, runzelte sie die Stirn. „Der Deckel der Zuckerdose fehlt.“

„Den hat Dad vor langer Zeit einmal zerbrochen.“

Mit einem erbitterten Nicken meinte Jean: „Er hat so vieles kaputt gemacht.“

„Jeanie!“, ermahnte Peggy ihre Schwester.

Aufgebracht wies Jean auf den voll beladenen Tisch. „Such dir auch etwas aus, Peg. Ich jedenfalls weiß schon, was ich noch alles haben will.“

Peggy ergriff eine der Teetassen mit Blumendekor.

„Die hätte ich gern, Peggy“, warf Tina schnell ein. „Das Teeservice bedeutet mir sehr viel.“

„Aber es gehört den Winstons“, widersprach Jean entrüstet.

Peggy hielt die Tasse in der Hand und wusste nicht, was sie tun sollte.

Jetzt war Tinas Geduld am Ende. „Genau genommen gehört hier alles mir!“

Die Schwestern wechselten vielsagende Blicke. Langsam spürte Tina, wie Wut und Empörung in ihr aufstiegen. „Es war eigentlich als Entgegenkommen meinerseits gedacht, als ich sagte, ihr solltet euch etwas aussuchen. Außerdem hatte ich gehofft, wir könnten uns in dieser schweren Zeit gegenseitig unterstützen.“

„Ich finde es traurig, dass du den wertvollen Familienbesitz verkaufen willst“, sagte Peggy bekümmert.

„Nicht alles“, berichtigte Tina. „Nur Dinge, die keiner will und die nicht mehr gebraucht werden. Mir fällt es ja auch schwer, aber es ist meine Pflicht als Alleinerbin und Nachlassverwalterin, so zu handeln, wie es für Mom am besten ist.“

„Ich glaube nicht, dass Angela das gewollt hätte!“, sagte Jean barsch. „Das Testament wurde von Bill aufgesetzt. Angela hat es nie geändert, weil sie dachte, sie hätte noch genug Zeit.“

Entgeistert starrte Tina ihre Tante an. „Willst du damit sagen, dass Mom das Testament ändern wollte?“ „Nein, Jean ist einfach überreizt. Ihr geht das mit deiner Mom eben sehr nahe“, beschwichtigte Peggy eilig.

Erbost drehte sich Jean zu ihrer Schwester. „Ich bin nicht überreizt, das weißt du genau! Wir waren uns vorhin doch einig, was wir zu tun haben. Warum machst du nun einen Rückzieher?“

„Jean!“, meinte Peggy warnend. „Tina leidet genauso wie wir.“

Jean schnaubte verächtlich.

„Schon gut“, sagte Tina. „Ich habe bei euch ja immer schon alles falsch gemacht. Ich bin nicht einmal gut genug gewesen, um mit euren Kindern zu spielen. Warum sollte es jetzt plötzlich anders sein?“

Beschämt wandte sich Peggy ab.

Jean hämmerte auf den Tisch. „Wir wollen alle Dinge, die aus dem Besitz der Winstons stammen. Basta!“

Als Jean begann, eilfertig das Geschirr zu sortieren, schnappte Tina vor Empörung nach Luft. „Wie kannst du es wagen!“

Jean stieg die Zornesröte ins pausbackige Gesicht. „Ich bringe jetzt alle unsere Sachen ins Auto. Und wage es nicht, mich dabei aufzuhalten.“

„Beruhige dich.“ Peggy legte einen speckigen Arm um ihre Schwester.

„Aber sie hat kein Recht auf all die Sachen, Peg. Sie ist keine von uns.“

„Was soll das heißen, ich bin keine von euch?“, fragte Tina fassungslos.

„Du bist keine Winston!“, rief Jean.

„Wir hätten nicht herkommen sollen. Komm, lass uns wieder fahren“, meinte Peggy beschwichtigend, während sie ihre Schwester sanft hinausdirigierte.

Doch Tina lief ihnen hinterher. „Was hat Jean damit gemeint, Peggy?“

„Hör nicht auf sie. Jean ist völlig durcheinander, aus Sorge um unsere Schwester.“

„Aber sie hat doch eindeutig gesagt, dass wir nicht miteinander verwandt sind!“

„Ich habe mit Angelas Arzt gesprochen“, erwiderte Peggy ausweichend. „Er glaubt, dass sie höchstens noch drei Monate zu leben hat. So lange reichen die Ersparnisse auf jeden Fall.“

„Vielleicht, aber es könnte knapp werden.“

„Lass uns erst einmal abwarten. Wir können ja wieder darüber sprechen, wenn das Geld gebraucht wird.“

Pah! Abwarten! Das war typisch für die Winstons. Sie waren Problemen schon immer aus dem Weg gegangen. „Warte! Bitte, Peggy, sag mir: Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?“

Peggy schob ihre Schwester zur Tür hinaus. „Das geht mich nichts an.“

„Komm schon, es ist wichtig für mich.“

Mit versteinertem Gesichtsausdruck blickte Peggy ihre Nichte an. „Ich bitte dich, ruf mich nicht mehr an.“

Als die beiden weg waren, lief Tina wie betäubt durchs Haus. Was hatte das alles zu bedeuten? Die Dinge waren auch so schon schwer genug. Am liebsten wäre sie nach Hause gefahren und hätte nicht weiter über all das nachgedacht. Doch das wäre ziemlich feige gewesen. Wie sollte sie die Augen vor ihren eigenen Problemen verschließen, wenn sie selbst davon lebte, Menschen in schwierigen Lebenssituationen unerbittlich mit der Kamera festzuhalten? Sie war es sich selbst und ihrem geliebten Vater schuldig, dieses Geheimnis zu lüften.

Sie holte eine Flasche Whiskey aus dem Schrank und nahm sich ein angeschlagenes Glas, das bestimmt keiner haben wollte. Dann ging sie ins Arbeitszimmer, in der Hoffnung, in den Familiendokumenten ein wenig Aufschluss über ihre eigene Geschichte zu bekommen.

War es etwa möglich, dass sie nicht die leibliche Tochter ihrer Eltern war? Als sie geboren worden war, waren beide um die dreißig gewesen. In der damaligen Zeit galt das als relativ alt. Vielleicht hatten sie vergebens versucht, eigene Kinder zu bekommen, und sie schließlich adoptiert?

Sie zog einen Ordner mit wichtigen Dokumenten aus dem Regal. Sie fand die Geburtsurkunden ihrer Eltern sowie ihre eigene und viele andere Urkunden und Zertifikate, jedoch keinen Hinweis auf irgendwelche Unstimmigkeiten.

Anschließend ging sie zu dem Regal mit Fotoalben und fand eines, das sie bisher noch nicht gesehen hatte – ein Büchlein mit Hochzeitsfotos ihrer Eltern. Neugierig blätterte sie es durch. Bill trug bei seiner Hochzeit einen Zylinder und einen Frack, Angela hatte ein langes weißes Kleid an, das mit unzähligen kleinen Knöpfen am Rücken verschlossen war.

Schon damals wirkte ihre Mutter ziemlich verbissen. Steif stand sie neben dem schlaksigen, lässigen Bill. Trotzdem schien das Lächeln auf ihren Lippen echt zu sein, und ihre Augen glänzten vor Aufregung. Auf vielen Bildern sah man Bill herumalbern. Es gab ein Foto, auf dem er gerade ein Stück Hochzeitstorte vernaschte und mit sahneverschmiertem Mund in die Kamera grinste. Auf einem anderen hatte er sich seine ausgelassen lachende Frau über die Schulter geworfen.

Allmählich wurde es draußen dunkel. Tina hatte ein Album nach dem anderen durchgesehen, und ihr war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Es gab sogar ein Foto vor dem Mercy Hospital, wo sie geboren war. Stolz hielt Bill seine kleine Tochter in die Kamera.

Natürlich war sie das Kind ihrer Eltern! Die Fotos und Dokumente bewiesen es doch. Ihre kaltherzigen Tanten wünschten sich nur, sie gehörte nicht zur Familie. Sie waren lediglich gierig auf den Familienbesitz.

Die Nacht verbrachte Tina in ihrem Elternhaus, doch sie schlief schlecht. Sie ist keine von uns!, spukte es ständig in ihrem Kopf herum. Am nächsten Morgen war sie schließlich überzeugt, dass etwas in ihrer Familiengeschichte nicht stimmte.

Sie beschloss, alles daran zu setzen, das Geheimnis zu lüften.

„Die kleine Tina Mildenderger, was für eine Freude!“ Warren Ferguson, der langjährige Anwalt ihrer Eltern, reichte ihr erfreut die Hand. „Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe.“

Tina trug ein dunkelblaues Kostüm und hochhackige Schuhe. Sie hatte das Haar straff nach hinten gebunden und wirkte sehr streng. Dieses Outfit hatte sie absichtlich gewählt, um möglichst selbstbewusst und energisch zu wirken.

„Du hast dich kaum verändert, Warren.“

Verlegen griff sich der hochgewachsene Mann in die lichten Haare. „Nett von dir, dass du das sagst. Aber ich bin jetzt dreiundsechzig, und das Alter macht mir schon zu schaffen.“

Der Blick aus Warren Fergusons Wohnzimmerfenster war beeindruckend. Der Central Park lag ihnen zu Füßen. „Danke, dass du so schnell für mich Zeit hattest“, meinte Tina.

„Eigentlich wollte ich dich ja ins Four Seasons zum Mittagessen einladen. Dein Dad und ich haben uns dort immer zu Besprechungen getroffen. Aber ich kann verstehen, wenn du lieber in privatem Rahmen über deine Mutter sprechen willst.“

„Ja, das ist mir sehr wichtig.“

„Komm setz dich. Myrna hat noch Kaffee gekocht, bevor sie ging. Ich muss zugeben, sie war ein wenig gekränkt, dass du mich allein sprechen wolltest. Sie hätte dich auch gern gesehen.“

„Ich glaube nicht, dass ihr unser heutiges Gespräch gefallen hätte.“

Konnte es sein, dass in seinen Augen plötzlich ein Anflug von Panik zu erkennen war? Sie schien den richtigen Informanten für ihre Nachforschungen ausgewählt zu haben.

Die beiden setzten sich im Esszimmer an einen großen Granittisch. Myrna hatte neben dem Kaffee noch einen riesigen Teller mit Gebäck bereitgestellt, sowie eine Schale mit Obst. Die gute Myrna! Als Tina klein gewesen war, war sie oft hier gewesen, und das, obwohl Myrna mit ihren vier aufgeweckten Kindern schon alle Hände voll zu tun gehabt hatte. Tina unterdrückte einen Anflug von Sentimentalität.

Sie nahm ihre Tasse in die Hand und sah den Anwalt eindringlich an. „Ich habe gestern Tante Peggy und Tante Jean zum Haus meiner Mutter bestellt, weil ich gern ein paar Dinge verkaufen möchte, um die Arztrechnungen bezahlen zu können.“

Er hob die Augenbrauen. „Ist das denn wirklich nötig?“

„Ja, leider. Ich war selbst schockiert, wie teuer ein Heimaufenthalt ist.“

„Das tut mir alles so leid. Myrna und ich haben sie ein paar Mal besucht. Sie erkennt niemanden mehr.“

„Ja, es ist wirklich traurig.“ Tina nippte an ihrem Kaffee. „Jedenfalls war die Begegnung mit meinen Tanten ziemlich unerfreulich. Wir haben uns gestritten, und sie haben Dinge gesagt, die für mich keinen Sinn ergeben.“

Warren blickte finster drein. „Die beiden sind keine sehr angenehmen Zeitgenossinnen, habe ich recht?“

Mit einem verächtlichen Schnauben pflichtete Tina bei. „Bei Gott nicht! Sie haben um jedes einzelne Erbstück gekämpft, und dabei hat Jean die Bemerkung fallen lassen, ich sei gar keine Winston.“

„Ach, Tina, ich bitte dich!“ Sichtlich benommen rang er um Fassung. „Jean ist von allen Winstons die Kaltherzigste. Kümmere dich nicht darum, was sie sagt. Dein Vater hat sie nie gemocht.“

„Ich denke aber, da steckt mehr dahinter, und ich bin fest entschlossen, es herauszufinden. Mit deiner Hilfe.“

Er nahm einen Donut und knabberte nervös daran herum. „Unsinn!“

„Jean hat ganz eindeutig gesagt, dass Bill und Angela nicht meine leiblichen Eltern sind! Und du als Anwalt und Freund meiner Eltern weißt bestimmt mehr darüber.“

„Aber deine Eltern sind auf deiner Geburtsurkunde eingetragen.“

„Das stimmt. Aber Dokumente sind leicht zu fälschen.“

„Vor dreißig Jahren war das noch nicht so einfach“, sagte er aus voller Überzeugung. „Und außerdem kann ich mich an ein Foto erinnern, das deinen Vater vor dem Mercy Hospital zeigt, wie er dich als Neugeborenes auf dem Arm hält.“

„Ich schätze mal, das Foto hast du gemacht, Warren. Weshalb solltest du dich sonst so genau daran erinnern?“

Warren wurde verlegen.

„Ich sehe dir doch an, dass etwas nicht stimmt. Komm schon, erzähl es mir!“

Er holte tief Luft und sagte dann mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Tina, lass es auf sich beruhen. Was auch immer sich zugetragen hat, es geschah aus Liebe.“

„Aber ich habe nie etwas von dieser Liebe gespürt, Warren. Um mich herum gab es nur Abneigung und Bitterkeit.“

„Das meinst du nur, weil Bill schon so lange tot ist.“

„Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, warum mich meine Mutter nie so geliebt hat, wie Bill es getan hat.“

„Myrna und ich haben dich immer sehr geliebt.“

„Bitte hör auf, mir auszuweichen!“

Er schüttelte den Kopf. „Ich darf nichts sagen, Tina. Ich habe es Bill fest versprochen.“

„Es ist nichts Schlimmes, ein Kind zu adoptieren. Aber wenn Bill und Angela nicht meine richtigen Eltern sind, muss es irgendeinen Grund gegeben haben, warum sie die Geburtsurkunde gefälscht haben.“ Nachdenklich tippte sie sich mit dem Finger ans Kinn. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

„Die ganzen Umstände waren etwas ungewöhnlich“, gab Warren widerwillig zu.

„Bitte sag mir die Wahrheit!“, bat sie ihn eindringlich. „Ich werde niemanden dafür verurteilen.“

„Doch, das wirst du!“

„Ich verurteile dich dafür, dass du mir nichts sagst. Ich finde es feige.“

Verdrießlich blickte er sie an. „Mir sind die Hände gebunden. Und obwohl ich rechtlich nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden könnte, möchte ich nicht meinen guten Ruf verlieren. Nicht einmal meine Kinder wissen Bescheid.“

„Dann wurde ich also gestohlen?“

„Natürlich nicht! Was für ein Unsinn!“ Er versuchte, ihre Hand zu tätscheln, doch Tina zog sie schnell zurück.

„Ich muss es wissen, Warren.“

„Na gut, Tina, wenn du unbedingt meinst. Ich hoffe nur, ich tue das Richtige …“

Tina wagte es kaum zu atmen, als Warren das Geheimnis ihrer Vergangenheit lüftete.

„Bill ist dein wirklicher Vater“, begann er vorsichtig. „Er hatte auf einer seiner Geschäftsreisen eine Affäre, und die Frau wurde schwanger. Aus mir unbekannten Gründen wollte die Frau dich nicht haben. Angela und Bill hingegen wünschten sich sehnlichst ein Kind, doch sie wussten, dass Angela keine Kinder bekommen konnte. Also haben sie dich als ihr eigenes Kind aufgenommen.

Verdutzt lehnte sich Tina zurück. Ihr Vater, ein Ehebrecher? Sie konnte es einfach nicht glauben.

„Wie konnte Dad so etwas tun? Schlimm genug, dass er Mom betrogen hat, aber wie konnte er von ihr verlangen, mich als ihr Kind zu akzeptieren?“

Warren lächelte matt. „Zuerst hat er ihr eine Lügengeschichte aufgetischt. Er hat ihr erzählt, er habe auf einer Geschäftsreise ein schwangeres Mädchen kennengelernt, das ihr Kind möglichst schnell und ohne den ganzen Papierkram weggeben wollte.“

Warren seufzte.

„Bill schlug Angela vor, so zu tun, als sei sie schwanger. Da sie sich verzweifelt ein Baby wünschte, spielte sie mit. Alle außer ihren Schwestern waren der Meinung, sie sei schwanger. In den letzten Wochen ihrer vermeintlichen Schwangerschaft ging Bill mit ihr gemeinsam auf Geschäftsreise, um das Kind abzuholen. In einem Hotel warteten sie auf die Geburt. Als der Anruf kam, arrangierten sie ein Treffen in einem nahe gelegenen Café.“

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