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Warten auf Doggo

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Kapitel Eins
  10. Kapitel Zwei
  11. Kapitel Drei
  12. Kapitel Vier
  13. Kapitel Fünf
  14. Kapitel Sechs
  15. Kapitel Sieben
  16. Kapitel Acht
  17. Kapitel Neun
  18. Kapitel Zehn
  19. Kapitel Elf
  20. Kapitel Zwölf
  21. Kapitel Dreizehn
  22. Kapitel Vierzehn
  23. Kapitel Fünfzehn
  24. Kapitel Sechzehn
  25. Kapitel Siebzehn
  26. Kapitel Achtzehn
  27. Kapitel Neunzehn
  28. Kapitel Zwanzig
  29. Kapitel Einundzwanzig
  30. Kapitel Zweiundzwanzig
  31. Kapitel Dreiundzwanzig
  32. Kapitel Vierundzwanzig
  33. Kapitel Fünfundzwanzig
  34. Kapitel Sechsundzwanzig
  35. Kapitel Siebenundzwanzig

Über dieses Buch

Von heute auf morgen verschwindet Daniels Freundin – und hinterlässt ihm nichts als einen Brief voller Beleidigungen und einen hässlichen, griesgrämigen Köter namens Doggo. Eigentlich wollte Daniel nie einen Hund, aber schon bald wird Doggo ihm ein ganz spezieller Freund. Und den kann Daniel gut gebrauchen, denn er hat nicht nur Probleme an der Liebesfront, sondern erfährt auch etwas, das sein Leben ziemlich auf den Kopf stellt. Doch auch Doggo trägt ein Geheimnis in sich, und eines Tages kann Daniel sich endlich bei ihm revanchieren …

Über den Autor

Mark B. Mills schreibt Drehbücher und ist preisgekrönter Autor erfolgreicher Spannungsromane. Mit WARTEN AUF DOGGO wagt er sich in neue Gefilde und beweist sein sicheres Gespür für charmante Dialoge und herrlich pointierten Humor. Nachdem er lange Zeit in Italien und Frankreich lebte, ist er inzwischen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Oxford zu Hause.

Singe, als würde niemand zuhören. Liebe, als wurdest du niemals verletzt. Tanze, als würde niemand zusehen.
Lebe, als wäre der Himmel auf Erden.

Mark Twain (1875)

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Eins

Lieber Daniel,

oh mein Gott, das klingt so förmlich. So meine ich es gar nicht. Oder vielleicht doch. Wie bei so vielen Dingen weiß ich es nicht mehr so genau. Verdammt, ich würde den Brief noch mal von vorne anfangen, aber das hier ist schon der dritte Versuch, und ich muss meinen Flug kriegen.

Ich gehe weg, sehr weit weg. Wohin, kann ich dir nicht sagen. Ein Teil von mir möchte es dir sagen, aber es hat keinen Sinn, weil ich nicht weiß, wie lange ich dort sein werde. Jedenfalls ist es besser so. Das ist natürlich gelogen. Ich meine: Für mich ist es besser so, nicht für dich, obwohl ich weiß, dass du damit klarkommen wirst, denn du bist stark und vernünftig und ein bisschen kaltherzig.

Wir reden ein anderes Mal darüber, wenn ich mich diesem Gespräch gewachsen fühle – was ich gerade ganz offensichtlich nicht tue, denn sonst würde ich nicht nach Austral… Ups! (Das war ein Scherz. Siehst du, ich habe meinen Humor doch nicht verloren, wie du neulich gesagt hast.) Okay, es ist nicht wirklich lustig, wenn man die Umstände betrachtet. Ich sehe dich genau vor mir, wie du am Tisch stehst und das hier liest. Es tut mir so leid, mein liebster Schatz. Ich bin ein Feigling. So viel zumindest habe ich über mich gelernt. Und es tut mir leid wegen Doggo. Das ist alles meine Schuld. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe. Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Dass er alles ändern, uns heilen würde. Du hasst es, wenn ich so rede, so wie du es hasst, wenn ich von spirituellen Reisen und Energien und, ja, Engeln spreche.

Tatsache ist, ich glaube wirklich daran. Und du tust es nicht. Ist es das, worum es im Grunde geht? Vielleicht. Ich habe dich für deine höfliche Toleranz geliebt, dieses skeptische Lächeln in deinen Augen, aber jetzt macht es mich wahnsinnig. Es kommt mir zynisch vor und herablassend, so als würdest du glauben, du wüsstest auf alles eine Antwort. Tust du aber nicht. Wer tut das schon? Vielleicht ist das etwas, das du noch über dich lernen musst, so wie ich gelernt habe, dass ich ein Feigling bin. Vielleicht kann ich nur mit einem Mann zusammen sein, der an Engel glaubt. Keine Sorge, das heißt nicht, dass ich mit Brendon durchgebrannt bin. Brendon ist ein Arsch. Ich würde dich ihm jederzeit vorziehen. (Und wenn das kein Kompliment ist, was dann!?) Nein, ich bin allein und reise mit leichtem Gepäck, wohin der Weg mich führt. Es gibt keinen anderen, nur mich und Du-weißt-schon-wen, »der, dessen Name niemals genannt werden darf«, wie du ihn im Scherz genannt hast. Du hältst ihn für ein Produkt meiner schrägen Fantasie, aber ich glaube daran, dass er bei mir ist und über mich wacht, und du kannst nicht leugnen, dass dieses Gefühl echt ist. (Selbst wenn du mit den Engeln recht hättest, was du nicht hast!)

Bring Doggo zurück. Irgendetwas sagt mir, dass du diesen Job bekommen wirst, und du kannst Doggo nicht den ganzen Tag in der Wohnung einschließen. Das wäre nicht fair, und es ist ja nicht so, dass ihr beide euch besonders gut verstanden hättet. Ist er gerade bei dir und starrt dich von da unten mit diesen seltsamen Augen an? Ich könnte schwören, er hat mir eben voller Verachtung dabei zugesehen, wie ich meinen Koffer gepackt habe, als wüsste er, was ich da tue. Was natürlich Quatsch ist, denn er ist ja nur ein Hund, ein kleiner, hässlicher Hund. Nein, nicht direkt hässlich, aber du verstehst schon, was ich meine – nicht unbedingt mit einem umwerfenden Aussehen überfrachtet, das arme Ding. Ich glaube, er hat mir einfach leidgetan, als ich ihn gesehen habe. Ich fühle mich schrecklich, weil ich in seinem Leben herumgepfuscht habe, aber so hatte er wenigstens mal einen Tapetenwechsel, ein paar Tage Ferien. Ich hätte ihn selbst zurückgebracht, aber ich hatte keine Zeit mehr. Du siehst, ich habe das alles nicht geplant, es ist einfach über mich gekommen. Ich habe erkannt, was ich zu tun habe, und jetzt tue ich es.

Begehe ich gerade den größten Fehler meines Lebens? Ich denke nicht. Ich glaube, wir beide waren an einem Punkt, an dem wir eine Entscheidung gefällt hätten, die für uns beide nicht die richtige gewesen wäre, ganz sicher nicht für mich, und für dich wahrscheinlich auch nicht. Bitte hasse mich nicht, Daniel. Natürlich wirst du dich erniedrigt und gedemütigt fühlen, aber es könnte schlimmer sein. Es ist ja nicht so, als hätte ich dich vor dem Altar versetzt, und außerdem werden alle mir die Schuld geben und sagen, was für eine miese Schlampe ich sei, und das wird die Sache leichter für dich machen. Bitte versuche nicht, mich zu finden, und es bringt auch nichts, mich jetzt anzurufen, denn wenn du das hier liest, sitze ich schon im Flieger.

Liebe und Licht

Clara xxx

PS: Ich habe gerade alles noch mal durchgelesen und festgestellt, dass ich mich nicht ganz klar ausgedrückt habe. Es ist aus zwischen uns, im Moment zumindest, was, denke ich mal, heißt, für immer, aber wer weiß? Sag niemals nie, richtig? Ich muss mich wieder für andere Möglichkeiten offen fühlen (ja, okay, andere Männer). Ich kann dich nicht davon abhalten zu tun, was du tun willst, aber wenn du mit Polly schläfst, bringe ich dich um. Sie ist jung, verletzlich und sie vergöttert dich, aber sie ist auch meine kleine Schwester, also: »non toccare«, wie man in Italien sagt. (Das erinnert mich an den Souvenirladen in Lucca, wo du mir diese schreckliche Marienfigur aus Porzellan gekauft hast, weil du fandest, sie sieht aus wie mein Vater in Frauenkleidern.) x

Ich lege den Brief vorsichtig und mit zitternden Händen auf den Tisch. Kaltherzig? Wirklich? Zynisch und herablassend?

Ich bin mir nie herablassend vorgekommen. Es war unser kleines Spiel. Wir hatten die Regeln gemeinsam festgelegt. Astrologie, frühere Leben, Schutzengel, bei all diesen Dingen war Clara immer sofort hin und weg, und ich habe auf die Bremse getreten. Wir einigten uns darauf, dass wir uns nicht einig waren, und lachten gemeinsam darüber, denn das zwischen uns war stärker als all diese Dinge. Das zwischen uns war Liebe. Da waren wir uns einig. Sie kann doch nicht die Regeln ändern, in ein Flugzeug steigen und nach vier Jahren einfach verschwinden. Schließlich ist es auch mein Leben.

Ich will wütend sein, aber die Wut kommt nicht. Die vorgebrachten Anschuldigungen machen mich ein wenig benommen, und wie ein kalter Nebel beschleicht mich das Gefühl, dass ich womöglich schuldig im Sinne der Anklage bin.

Ich schaue nach unten. Doggo war eben noch da; jetzt liegt er auf dem Sofa. Er weiß, dass er nicht aufs Sofa darf, aber er scheint sich nicht allzu sehr darum zu scheren, wie ich reagieren könnte. Genau genommen würdigt er mich keines Blickes. Mit der Schnauze auf den Pfoten starrt er konzentriert aus dem Fenster, als läge in den vorüberziehenden Wolken die Lösung irgendeines metaphysischen Rätsels, mit dem er sich gerade beschäftigt.

»Doggo.«

Er reagiert nicht. Aber man muss dazu sagen, dass er noch nie darauf reagiert hat, wahrscheinlich weil er weiß, dass es eigentlich kein Name ist und wir ihn nur so nennen, bis wir entschieden haben, wie er wirklich heißen soll.

Wir haben alles versucht – sogar Websites mit Babynamen durchgeackert –, aber irgendwie hat keiner davon gepasst. Eine Zeit lang dachten wir, »Eustace« könnte die Antwort sein. Es hat nicht mal einen Tag gehalten. Laut Wikipedia war St. Eustachius ein römischer Feldherr, der sich zum Christentum bekehren ließ, nur um daraufhin eine ganze Reihe unangenehmer Torturen und Unglücksfälle zu erleiden, einschließlich der Erfahrung, gemeinsam mit seinen Söhnen in der bronzenen Skulptur eines Stiers bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Das zumindest muss man Hadrian lassen: Er wusste nicht nur, wie man eine Mauer baut, er hatte auch eine ausgeprägte Fantasie, wenn es darum ging, sich seiner Feinde zu entledigen. St. Eustachius, das weiß ich jetzt, ist der Schutzpatron der Feuerwehrleute (also derjenigen, denen es offensichtlich nicht gelungen ist, die Flammen zu löschen, in denen er geröstet wurde) und ganz generell all derer, die sich in einer schwierigen Lage befinden.

»Eustace«, sage ich. »Ich befinde mich in einer schwierigen Lage.«

Doggo spitzt ein Ohr, nur eins, das linke, aber es ist kaum mehr als ein kurzes Zucken. Sein Blick hängt weiter an den vorbeiziehenden Wolken.

Ich hole mein Handy aus der Tasche. Ihre Nummer ist seit der Überraschungs-Geburtstagsparty für Clara im April darin gespeichert. Sie ist Koordinatorin für Kinderfreizeiten und scheint den Großteil ihrer Zeit damit zu verbringen, in Wales mit dem Schlauchboot durch irgendwelche Stromschnellen zu donnern. Da gerade Schulferien sind, stelle ich mich schon darauf ein, ihr auf die Mailbox zu sprechen.

Sie geht beim vierten Klingeln ran. »Daniel …«

Nur ein Wort, aber es schwingt eine verheißungsvolle Mischung aus Freude, Überraschung und Erwartung darin.

»Hey, Polly.« Wieder zuckt Doggos Ohr, das rechte diesmal. »Wie läuft’s denn so?«

Clara ist selbst schuld, sage ich mir und glaube es beinahe. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, wenn sie es nicht zur Sprache gebracht hätte.

»Gut«, zwitschert Polly. »Ich schufte wie ein Hund.«

Ich blicke zu Doggo, der auf dem Sofa festgeschweißt und beinahe eins damit geworden zu sein scheint, und frage mich, wo zum Teufel diese Redewendung ihren Ursprung haben mochte.

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Zwei

Es fällt mir erst ein, als wir in den Bus steigen.

»Ist es erlaubt, Hunde mit in den Bus zu nehmen?«

»Die Entscheidung liegt beim Fahrer, Kumpel.«

Sie sitzen mittlerweile in einem Käfig – die Busfahrer meine ich –, zu ihrer eigenen Sicherheit, und er muss die Nase an die Plexiglasscheibe drücken, um Doggo da unten auf dem Boden richtig sehen zu können.

»Mein Gott«, murmelt er, nicht gerade begeistert. »Sie werden ihn auf den Schoß nehmen müssen.«

»Kann ich nicht. Wenn ich versuche, ihn hochzunehmen, beißt er.«

»Was? Bissig ist er auch? Eine Gefahr für die Öffentlichkeit?«

»Nein, nein, es ist nur …« Ich weiß nicht weiter. Was soll ich auch sagen? Es stimmt: Er wird mich beißen, wenn ich versuche, ihn hochzunehmen und auf meinen Schoß zu setzen.

»Tut mir leid, Kumpel, so sind die Vorschriften.« Bitte, sag es nicht, denke ich, aber er tut es: »Ich kann’s mir nicht leisten, dafür meinen Job zu riskieren.«

Normalerweise würde ich jetzt anfangen, mit dem Mann zu diskutieren und sogar eine Szene machen, aber heute ist mir nicht danach. Ich war ja kaum in der Lage, mir ein Frühstücksei zu kochen. »Alles klar. Tut mir leid. Einen schönen Tag noch.«

Ich steige gerade wieder aus dem Bus, als der Fahrer sagt: »Na ja, wenn er ein Blindenhund wäre oder ein medizinischer Signalhund oder ein Begleithund …«

»Ist er nicht.«

Der Fahrer rollt mit den Augen und erklärt es noch einmal ganz langsam für Minderbemittelte: »Weil der Fahrer bei denen nämlich nix sagen darf.«

»Oh ja, klar, er ist ein medizinischer Signalhund.« Um meine Aussage zu untermauern, klopfe ich mir bedeutungsvoll auf die Brust.

»Herzprobleme in Ihrem Alter?«, schnaubt er. »Sie wollen sich wohl über mich lustig machen.«

Dabei ist er derjenige, der sich über mich lustig macht. Er zwinkert mir zu und bedeutet mir mit einem Nicken, mir einen Sitzplatz zu suchen. Ich halte meine Oyster Card an das Lesegerät und danke ihm.

»Halten Sie ihn außer Sichtweite. Wir wollen schließlich nicht, dass er den anderen Passagieren Angst macht, nicht wahr?«

Diesmal ist es kein Scherz.

Das Battersea-Tierheim liegt eingequetscht zwischen einem alten Gaswerk und dem öden Brachland um das schon lange vom Netz genommene Battersea-Kraftwerk. Es gibt wohl kaum einen trostloseren Ort, um unerwünschte Haustiere unterzubringen. Das kleine dreieckige Areal wird auf zwei Seiten von Eisenbahnschienen und auf der dritten von einer stark befahrenen Straße begrenzt. Seit ich vor ein paar Jahren zum letzten Mal hier vorbeigefahren bin, ist das Tierheim renoviert worden. (Ich komme so gut wie nie auf diese Seite der Themse; mein Revier ist und bleibt North-West, aus dem simplen Grund, dass es mich zuerst dorthin verschlagen hat, als ich nach London gezogen bin.) Ein Gebäude mit runder Glasfassade präsentiert sich nun mit glänzendem Antlitz den vorbeifahrenden Autos. Die auffällig schicke Architektur wirkt ein wenig überzogen, ein grausamer Hohn für all die erwartungsfrohen Verwandten, die bei der Verlesung des Testaments ihrer Großtante Mabel plötzlich feststellen müssen, dass sie ihnen keinen Cent vermacht hat. Anders als in Frankreich oder Italien, wo es Regeln gibt und Gesetze, die den direkten Angehörigen einen rechtmäßigen Anteil am Erbe zusprechen, kann man hier in England seiner Familie noch aus dem Grab heraus eins reinwürgen, und der Tierschutz ist nicht selten der Gewinner eines solchen Erbschaftsstreits.

Doggo sieht nicht so aus, als würde er sich an diesen Ort erinnern. Er trippelt fröhlich hinein und scheint das schwache, aber trotz des Zuglärms deutlich vernehmbare Gekläff der Hunde gar nicht zu hören.

Ich schildere der Frau an der Anmeldung mein Problem. Sie ist so heiter und fröhlich wie der gesamte Eingangsbereich, in dem sie ihren Tag verbringt, sogar als sie mir erklärt, dass ich wirklich vorher hätte anrufen und einen Termin vereinbaren sollen. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber ich spüre eine leichte Gereiztheit in dem freundlichen Lächeln, das Laura (steht auf ihrem Namensschild) mir schenkt. Es erinnert mich an die Betreuer in dem düsteren Pflegeheim in der Nähe von Brighton, wo mein Großvater seine letzten Tage verbringt. Kann ein Mensch denn wirklich so schonungslos freundlich sein? Oder zeigen sie ihr wahres Ich, sobald die Tür hinter uns zugefallen ist, fluchen wie die Kesselflicker und lassen ihre Aggressionen an ihren unglückseligen Schutzbefohlenen aus? So viel zu meinem Vorsatz, meinen Zynismus, den Clara mir vorgeworfen hat, im Zaum zu halten.

Zehn Minuten später sitzen Doggo und ich in einem trostlosen Büro der nächsten forsch-fröhlichen jungen Dame in Poloshirt-Uniform gegenüber. Diese hier heißt Beth. Sie ist für die »Wiedereingliederung« zuständig und ganz offensichtlich nicht begeistert, einen Hund wiedereinzugliedern, den sie vor gerade einmal drei Wochen ausgegliedert hat. Ich bin erleichtert, festzustellen, dass sie menschlich ist. Beth ist ungefähr so alt wie ich, Ende zwanzig. Sie lehnt sich vor und stützt die Ellbogen auf den Tisch, während sie aufmerksam meiner Geschichte lauscht.

Ich spiele auf Sympathie: Dass es meine Freundin war, die den Hund wollte, dass sie mich nicht einmal gefragt hat, sondern einfach irgendwann mit ihm in der Tür stand, und wie sie mich dann einfach und ohne Vorwarnung hat sitzen lassen. Ich bin nicht, erkläre ich zerknirscht, in der Lage, mich allein um einen Hund zu kümmern. Beth nickt, und ich kann sehen, wie ihre Augen mein Gesicht auf Hinweise nach den Mängeln absuchen, die die arme Clara dazu genötigt haben, die Flucht zu ergreifen. Ich kann sehen, wie sie überlegt, ob ich brutal bin oder bloß langweilig. Mir ist egal, was sie von mir denkt, solange sie Doggo wieder zurücknimmt, damit ich mit meinem Leben fortfahren kann.

Ich ziehe den gelbbraunen Umschlag mit dem ganzen offiziellen Papierkram aus der Tasche, den Clara mir hingelegt hat. Beth braucht ihn nicht; sie hat ihre eigenen Unterlagen. Zwar habe sie Doggo nicht gekannt, aber sie sei erfreut, seine »Wiedereingliederung in die Einrichtung« vorzunehmen. Langsam klingt das Ganze für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr nach George Orwell, aber ich grinse und danke ihr.

Wie sich herausstellt, hieß Doggo bei ihnen Mikey. Clara hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber diese Unterlassung vergebe ich ihr. Mikey!? Das ist ungefähr so, als hätten Winston Churchills Eltern im letzten Moment ihre Meinung geändert und ihren strammen kleinen Burschen Brian getauft. Ich meine, hätten Roosevelt und Stalin sich jemals mit ihm in Jalta getroffen, wenn er Brian geheißen hätte?

Beth schaut in ihre Unterlagen und runzelt die Stirn. »Seltsam, er war nur eine Woche hier bei uns, bevor Ihre Freundin ihn mitgenommen hat.«

»Und?«

»Ich hätte ihn als Lebenslänglichen eingestuft.«

»Als Lebenslänglichen?«

»Wie im Gefängnis … Das hier ist einer für die Langstrecke.«

»Warum sagen Sie das?«

»Na ja, schauen Sie ihn sich doch an.«

Ich schaue Doggo an, aber da gibt es nicht viel zu sehen. Er hat sich nach hinten gefaltet und leckt sich die Eier.

»Das ist nicht richtig«, sagt Beth.

»Doggo, hör auf damit.«

»Nein, ich meine, bei uns werden grundsätzlich alle Hunde kastriert, die hierherkommen.« Beth blättert in der Akte, bis sie findet, was sie gesucht hat. »Ah, okay. Er war gar nicht lange genug hier. Ihre Freundin hat sich bereiterklärt, das zu übernehmen.«

Diesmal korrigiere ich sie. »Meine Exfreundin.«

»Was auch immer. Sie hat hier unterschrieben, dass sie sich darum kümmern wird und ihn behandeln lässt.«

»Ihn behandeln lässt?«

»Schnipp schnapp.«

Ich zucke unwillkürlich zusammen. Vielleicht muss man ein männliches Wesen sein, um zu verstehen, dass man Kastration nicht auf eine Fingerschere und ein bisschen Lautmalerei reduzieren kann.

»Sie hat nie was davon gesagt.«

Beth legt die Hand auf die heilige Akte. »Hier steht’s, schwarz auf weiß.«

Nur dass es nicht schwarz und weiß ist. Nein, es ist grau, ziemlich grau. Wir sprechen hier über Doggos Eier.

»Darüber muss ich nachdenken.«

»Es muss gemacht werden.«

»Warum?«

»Weil es einer unserer Grundsätze ist.«

Hätte sie mich ein wenig besser gekannt, dann hätte sie das nicht gesagt.

»Zu den Grundsätzen der Nazis gehörte es, Juden, Zigeuner und Homosexuelle zu vernichten. War es deshalb in Ordnung?«

Beth schaut mich tief verletzt an; sie schnappt sogar leise nach Luft. »Das ist jetzt wirklich nicht fair.« Ihre Augen glänzen plötzlich feucht, und ich blicke unangenehm berührt zur Seite. Doggo leckt sich noch immer die Eier. Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn jemals so glücklich gesehen zu haben, und ertappe mich dabei, wie ich aufstehe und die Hand über den Schreibtisch strecke.

»Beth, es war mir ein Vergnügen, aber Doggo und ich werden jetzt gehen.«

Was ich hier gerade tue, ist absolut lächerlich. Er ist nur ein Hund, ein Hund, den ich nie haben wollte, aber ich erwarte tatsächlich so was wie Dankbarkeit von ihm. Ein einziger anerkennender Blick zu der zweibeinigen Kreatur am anderen Ende der Leine hätte schon gereicht, aber nicht einmal den bekomme ich, als wir uns auf den Weg über die Straße zum Battersea-Park machen.

»Hey, Kumpel, die wollten dir die Eier abschneiden.«

Doggo bleibt stehen, um am Fuß eines Mülleimers zu schnüffeln.

»Ganz recht. Schnipp schnapp. Adiós testículos. Deine verdammten Klöten – weg.«

Mein Timing könnte nicht schlechter sein. Ich bin so auf Doggo konzentriert, frage mich, ob er wohl gleich das Bein heben und an den Mülleimer pinkeln wird, dass ich die Kinder in ihren schicken blauen Uniformen gar nicht bemerke, die gerade aus dem Schulgebäude strömen, bis eine ihrer betuchten Mütter schreit: »Entschuldigen Sie! Achten Sie doch bitte auf Ihre Sprache!«

Ich kenne diesen Typ: blond, mühsam heruntergehungert und sich ihrer Stellung in ihrer privilegierten Welt absolut bewusst. Wie meine Schwester. Ich will ihr gerade eine passende Antwort geben, als ich sehe, wie ihr Sohn sich vor Scham über die Einmischung seiner Mutter windet.

»Bitte entschuldigen Sie, junger Mann.«

»Wie heißt er?«, fragt der Junge unerwartet.

»Doggo.«

Ein paar Meter entfernt steht ein riesiger Geländewagen im Halteverbot, zwei Räder auf dem Bürgersteig, Warnblinkanlage im Einsatz. Die Frau drückt auf die Fernbedienung, und der Wagen entriegelt surrend die Türen. »Hector, komm jetzt.«

Hector ist ein hübscher Kerl, wie der junge Christian Bale in Das Reich der Sonne – mit strubbeligen Haaren und großen grünen Augen. »Hey, Doggo«, gurrt er freundlich und geht in die Hocke.

Doggo dreht nicht nur seinen Kopf in Hectors Richtung, er erlaubt dem Jungen sogar, ihn zu streicheln, ihm die Ohren zu kraulen und ihn unterm Kinn zu kratzen.

»Ja, Doggo, du bist der Beste. Du bist der Beste, Doggo. Der beste Hund der Welt.«

»Hector!«, ertönt der empörte Schrei seiner Mutter.

Der Junge schaut zu mir hoch und rollt mit den Augen. »Ich muss los.«

»Es wird besser – das Leben, meine ich.«

»Hoffen wir’s«, sagt er. »Wir sehen uns, Doggo.«

Wir stehen da und sehen zu, wie Hector auf den Rücksitz des riesigen Mercedes klettert. Als der Wagen losfährt, winkt er uns noch einmal zu.

Hoffen wir’s? Und das mit der müden Nachsicht eines biblischen Weisen. Er war auf keinen Fall älter als zwölf. Woher stammt dieses Kind? Ganz sicher nicht von seiner Mutter, so viel ist sicher.

Ich folge Hectors Beispiel und gehe in die Hocke. »Hey, Doggo, du hast gerade einen neuen Freund gefunden.«

Als ich die Hand ausstrecke, frage ich mich, ob es das Geräusch der vorbeifahrenden Autos ist, das ich da höre, aber es ist ein leises, warnendes Knurren, das mir deutlich zu verstehen gibt, meine Finger bei mir zu behalten.

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Drei

»Kann ich was sagen?«

»Weiß nicht, J, kannst du’s?«

»Ich werd’s eh tun.«

Ich hebe die Hände zum Zeichen meiner Niederlage. »Okay, gib’s mir.«

Wir sind in einer Bar auf der Portobello Road, und J nimmt noch einen großen Schluck von seinem dritten (oder war es der vierte?) Mojito, bevor er damit herausrückt. »Sei froh, dass du sie los bist, Kumpel.«

»Clara?«

»Wen sonst? Ich konnte sie noch nie leiden.«

Ich bin schockiert. »Wir waren fast vier Jahre zusammen. Und du hast es nicht für nötig gehalten, mir das zu sagen?«

»Scheiße, Dan, werd erwachsen. Glaubst du wirklich, ich würde dir sagen, dass die Liebe deines Lebens total durchgeknallt ist? So dämlich bin ich nun wirklich nicht. Nur damit diese Verrückte mir in den Arsch beißt, wenn du sie am Ende vor den Altar führst?«

»Sie ist nicht verrückt.«

»Sie ist geistesgestört, Kumpel, war sie von Anfang an. Hey, versteh mich nicht falsch. Es war okay, als wir noch jünger waren, aber das hier ist jetzt das richtige Leben. Ab jetzt geht es um die langfristige Planung. Ich meine, sieh dir doch mal Jethro an.«

»Was ist mit ihm?«

»Seine Zeit ist vorbei.«

»Jethro?«

Jethro ist der coolste Typ, den wir kennen. Groß und mit diesem kunstvoll arrangierten »Gerade aus dem Bett gefallen«-Look, verbringt er seine Zeit damit, bei anderen Leuten auf dem Sofa zu pennen, gigantische Mengen an Gras zu konsumieren und (ziemlich gut) Gitarre zu spielen. Er ist so eine Art moderner Troubadour, immer unterwegs, immer auf der Suche nach einem Mäzen, der ihm ein Dach über dem Kopf und was zu essen
gibt.

»Ich sage dir, seine Währung befindet sich im freien Fall. Alle Frauen stehen auf böse Jungs, wenn sie jung sind, aber seien wir mal ehrlich: Jethro ist nicht gerade der Typ, den du mit deinem Erstgeborenen auf dem Schoß sehen willst. Wahrscheinlich würde er das arme Ding auf den Kopf fallen lassen.«

»Ich mag Jethro.« Tu ich wirklich. Er hat einen erstklassigen Humor und ist der beste Geschichtenerzähler, den ich kenne.

»Hey, ich ja auch«, sagt J besänftigend. »Aber seine besten Tage sind vorbei. Frauen in unserem Alter wollen keinen Rumtreiber mehr, egal wie niedlich und charmant er ist, wenn ihre biologische Uhr anfängt zu ticken.«

Er hat recht. Deshalb werden Jethros Freundinnen auch immer jünger. Armer Jethro.

»Clara ist kein bisschen wie Jethro.«

»Alles, was ich damit sagen will, ist: Ich kann verstehen, wieso du mit ihr zusammen warst. Sie ist heiß, verdammt heiß, und ein bisschen verrückt, was okay ist, wenn man jung ist, aber das sind wir nicht mehr … tut mir echt leid, dass ich es dir so sagen muss. Willst du wirklich eine Frau, die auf Kristalle und Auren und weiß der Himmel was sonst noch abfährt?«

»Engel.«

»Engel!?«

»Sie hat einen Typen getroffen, Brendon, der ihr weisgemacht hat, dass sie einen Schutzengel hat.«

»Du verarschst mich.«

»Sein Name ist Kamael.«

Ein Ausdruck leerer Ungläubigkeit erscheint auf Js Gesicht. »Womit dann alles gesagt wäre.«

J und ich haben uns an der Warwick University kennengelernt, wo wir beide English studierten. Es ist eine dieser seltenen und etwas besonderen Freundschaften (die, so meine Erfahrung, häufiger unter Männern zu finden sind als unter Frauen), bei der zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich finden. Ich neige dazu, das Leben behutsam anzugehen und dankbar für alles zu sein, was es mir beschert. J dagegen stürzt sich darauf wie auf einen Hindernisparcours, bei dem jede Hürde und jedes Hindernis nur darauf ausgerichtet ist, sein Fortkommen zu verlangsamen. Er hat die Energie, den Tatendrang und den Ehrgeiz von zehn Männern, vielleicht sogar von hundert.

Natürlich haben wir auch ein paar Gemeinsamkeiten. An der Warwick war es unsere Liebe zur Literatur. Wir haben stundenlang zusammengesessen und uns vorgestellt, wie unsere Karrieren im Verlagswesen aussehen würden. Dort wartete man nur auf uns – junge Leute aus der Generation der digitalen Revolution, die ihren Siegeszug in der Branche gerade erst begonnen hatte. Wir rechneten damit, erst einmal getrennte Wege gehen zu müssen, aber nur, um zu lernen, wie die Branche funktioniert. Bei der erstbesten Gelegenheit würden wir gemeinsam unsere erste Firma gründen, sie zu einem millionenschweren Unternehmen aufbauen und dann an den Höchstbietenden verscherbeln.

Nun, beide von uns sind schon weit früher ausgestiegen. J hat in unserem letzten Jahr an der Warwick ein Jobangebot von McKinsey angenommen, und ich habe kurz darauf einen Platz an der D&AD Graduate Academy angeboten bekommen. Ein Management Consultant und ein Werbemann, das ist aus uns geworden. So viel zum Thema aufgegebene Träume.

Manchmal tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich meinen Lebensunterhalt wenigstens mit Wörtern bestreite, aber die Wahrheit ist, ich produziere prägnante Werbeslogans für Firmen, die mir am Allerwertesten vorbeigehen. Ich bin Werbetexter und gar nicht mal so schlecht in dem, was ich tue. In meinem Wäscheschrank verstauben ein paar furchtbar scheußliche Trophäen, die das beweisen. Bevor Trev (»Fat Trev«, wie er früher zu betonen pflegte, aber das ist vorbei) seinen Zusammenbruch hatte. Er war einmal mein Art-Direktor. Wir arbeiten eng zusammen, Texter und Art-Direktoren. Es ist eine kreative Partnerschaft, ein Zweierteam. Wir wechseln sogar manchmal die Jobs. Ich wusste, dass Trev depressiv war; deshalb hat es ja so viel Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten. Ich hätte es wohl kommen sehen müssen, vielleicht sogar jemandem Bescheid sagen sollen, aber Tatsache ist, er hatte seine besten Ideen, als der sprichwörtlich letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte. Er ist wieder okay. Nur okay, wohlgemerkt. Die Medikamente haben ihm alles genommen, was ihn mal zu dem gemacht hat, der er war. Es gibt keine rauen Kanten mehr, keine Höhen, keine Tiefen und garantiert kein Lachen, aber wenigstens ist er am Leben. Wie sich herausstellte, hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich mit einem Schwalbensprung vom Dach seines Wohnblocks in der Nähe von Bermondsey zu
stürzen.

Vielleicht hat Clara recht, vielleicht bin ich kaltherzig, aber ich kann mir nicht helfen, die Vorstellung ist einfach zu komisch: Fat Trev beim Schwalbensprung. Es liegt an der Kombination von schierer Masse und anmutiger Eleganz – wie das Nilpferd in Disneys Fantasia, das in diesem durchsichtigen Tutu über die Bühne tänzelt. Hoffentlich können Trev und ich irgendwann mal herzhaft darüber lachen. Doch bis dahin bin ich auf mich allein gestellt.

Es war nicht leicht. Ich wandere jetzt seit fast sechs Monaten durch die Wildnis, lebe von meinem Ersparten und mache mir Sorgen um meine Hypothek. Niemand will einen einsamen Werbetexter. Mein Ruf ist immer noch gut genug, um von unseren ehemaligen Konkurrenten um diese scheußlichen Trophäen zu Gesprächen eingeladen zu werden, aber die meisten wollen mich bloß mal persönlich kennenlernen und den neusten Klatsch über Fat Trev aus erster Hand hören.

Vielleicht ist es bei Indology anders. Ich werde es bald erfahren.

»Indology?«, schnaubt J. »Was ist denn das für ein Name für eine Werbeagentur?«

»Ich finde ihn gar nicht mal so schlecht«, entgegne ich defensiv.

Wir sind mittlerweile zu einer anderen Bar weitergezogen. Hier setzt man ganz auf Postapokalypse: unverputzte Ziegelwände, blanker Beton und Stahllampen im Industriedesign, die vielleicht der nächste große Trend der Zukunft werden.

»Sie sind klein, neu, unabhängig.«

»Okay«, lenkt J ein. »Das erklärt das ›Ind-‹, und was ist mit dem ›-ology‹?«

»Es weist auf eine Art Methode hin, eine gewisse Präzision. Wie Psychologie, Theologie, Soziologie …«

»Wichsologie.«

»Soweit ich weiß, wurde dieser Name ebenfalls in der Fokusgruppe diskutiert, aber am Ende hat man sich dann doch dagegen entschieden.«

J lacht und greift nach meinem Arm. »Entschuldige. Ich drück dir die Daumen. Wirklich. Wann hast du das Gespräch?«

»Übermorgen.«

J muss die Augen schließen, um nachzurechnen. »Donnerstag. Bin ich in Frankfurt. Warst du mal da?«

»Frankfurt?«

»Hast nichts verpasst. Ein Drecksloch. Aber gute Leute, die Deutschen. Ich habe großen Respekt vor den Deutschen.«

Das gibt mir neuen Mut. Js Familie ist deutsch-jüdisch, vor drei Generationen kamen viele seiner Angehörigen um. Er kennt die Geschichten – hat sie sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen –, und trotzdem ist er bereit, das Kriegsbeil zu begraben und weiterzumachen. Im Angesicht seiner Großherzigkeit fühle ich mich gleich viel besser mit meinem im Vergleich eher unbedeutenden Problem, dass mir die Frau den Laufpass gegeben hat, von der ich dachte, dass ich sie heiraten würde.

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Vier

Ich denke wieder daran, was Beth (mit einer mitleidigen Trübung ihrer Augen) im Tierheim gesagt hat: »Schauen Sie ihn sich doch an.« Die Wahrheit ist, ich habe ihn mir noch nie wirklich angeschaut, mich nie hingesetzt und ihn genau betrachtet, so wie ich es gerade tue.

Clara hatte recht – er ist klein und, trotz all ihrer Bemühungen es anders zu formulieren, hässlich. Ich bin zwar nicht direkt mit Hunden aufgewachsen, aber ich kenne Hunde, sie waren sozusagen ein Teil meines Lebens, seit ich ein kleiner Junge war. Aber das waren meist große Hunde, Hunde, die mit ihrer ungestümen, hechelnden Präsenz einen ganzen Raum füllen konnten: Retriever und Labradore und Setter. Das waren die Hunde, die mein Großvater liebte, weit mehr, befürchte ich, als er jemals meine Großmutter geliebt (oder auch nur gemocht) hat. Und jetzt ist sie diejenige, die sich um Hecuba kümmert – einen riesigen neurotischen Berner Sennenhund –, während mein Großvater in diesem grässlichen Pflegeheim langsam sein Leben aushaucht.

Doggo ist das genaue Gegenteil von einem Berner Sennenhund. Er ist alles, was ein Berner Sennenhund nicht sein möchte: winzig, weiß und fast vollständig haarlos. Ich sage fast, denn hier und da hat er schon ein paar Büschel, wilde Flecken, wie die Stellen im Rasen, die der faule Gärtner vergessen hat zu mähen. Er hat einen struppigen Streifen entlang der Wirbelsäule und einen dazugehörenden Büschel an der Spitze seines dünnen Schwanzes. Und ein paar kleine Löckchen – weder braun noch gelb, sondern irgendwas dazwischen – an der Rückseite seiner Vorderbeine. Sie könnten auf einen Schuss Spanielblut hinweisen, genauso wie die drei gleichfarbigen ordentlichen Stirnlocken (pissgelb vielleicht). Aber die Schnauze hat nichts von einem Spaniel. Sie ist zu kurz und zu rund, zu platt. Sie erinnert an irgendwas Orientalisches, wie einen Pekinesen. Nein, die Schnauze verweigert sich jeder Art von Kategorisierung. Wie von einem Hund, der mit dem Kopf voran gegen eine Mauer gerannt ist und sich dann entschieden hat, sein Gesicht nicht wieder richten zu lassen. In seinem Blick liegt ein schwermütiger, schlafwandelnder Ausdruck, der mich an einen Bluthund erinnert, aber die Augen selbst sind lebhaft und wachsam. In diesem Moment fixieren sie mich mit kalter, lauernder Beharrlichkeit auf meinem Stuhl.

Ob er weiß, was ich denke? Ob er weiß, dass ich mich gerade frage, ob seine Vorderläufe so viel kräftiger entwickelt sind als seine Hinterläufe, weil sein Kopf viel zu groß ist für seinen restlichen Körper und die Muskeln deshalb Mehrarbeit leisten müssen?

Er blinzelt träge vom Sofa.

Im Laufe der letzten Tage hat er beschlossen, dass das Sofa ihm gehört, und aus Mitleid (weil er sein Frauchen verloren hat) habe ich es ihm überlassen.

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