Logo weiterlesen.de
Warte, bald ruhest auch du

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

WARTE, BALD RUHEST AUCH DU

Mitchell & Markbys dritter Fall

Ins Deutsche übertragen von Edith Walter

BASTEI ENTERTAINMENT

Schriftsteller brauchen die ganze Zeit über viel Ermutigung und viel Toleranz. Ich (und natürlich Alan Markby und Meredith Mitchell) möchten uns ganz besonders bei John, Judith und Anne für ihre rückhaltlose Unterstützung bedanken.

 KAPITEL 1 

Laut summend prallte die Fliege gegen das schmutzige Fenster; sie saß in der Falle. Durch den Spalt am oberen Ende wehten warme Stadtluft und das Brausen des durch Whitehall dröhnenden Verkehrs herein, doch die Fliege schien nicht imstande, ihren Fluchtweg zu entdecken. Immer wieder flog sie gegen dieselbe Stelle auf der Scheibe, immer verzweifelter, weil sie hinaus wollte, und anscheinend immer unfähiger, den Weg zu finden.

»Genau wie ich«, sagte Meredith unüberlegt und laut.

»Verzeihung, Miss Mitchell?«

Der Personalchef musterte sie mißtrauisch. Er hatte nicht gern mit Frauen zu tun. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um das zu erkennen. Er war klein und übergewichtig, hatte eine rosige Haut und benahm sich großspurig. Es war ihnen vom ersten Moment, in dem sie sein Büro betreten hatte, nicht gelungen, zu einem Einverständnis zu kommen. Ein Fall von gegenseitiger Abneigung auf den ersten Blick.

»Ich weiß, daß viele Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in meiner Position, die in London arbeiten, unbedingt wieder einen Posten in Übersee haben möchten.«

»Wie recht Sie haben, meine Liebe.«

Gönnerhafter Trottel, dachte Meredith.

»Je nun, die Anzahl der Auslandsposten nimmt ab. Kürzungen, Kürzungen überall.«

»Ja, aber gewiß wäre es im Interesse des Amtes, mich so effektiv einzusetzen wie möglich? Nichts von dem, was ich hier tue, ist irgendwie sinnvoll oder erfüllt irgendeinen Zweck.«

»Das würde ich nicht sagen, Miss Mitchell.« Er schlug in der Akte nach, die auf seinem Schreibtisch lag. »Der Chef Ihrer Abteilung äußert sich sehr anerkennend über Sie. Natürlich ist mir klar, daß Sie früher als britische Konsulin im Ausland der Kapitän Ihres eigenen kleinen Schiffes waren …«

Meredith schnitt eine Grimasse.

»Zweifellos ist ein Schreibtisch in London im Vergleich dazu ein wenig langweilig.«

Das kannste ruhig noch einmal sagen, Kumpel, dachte sie und betrachtete verdrießlich seine rot gepunktete Krawatte. Wer hatte ihm die wohl geschenkt? Seine Frau? Sein reiches Tantchen Flo? Hatte er sie selbst gekauft?

Sie blickte gerade noch rechtzeitig auf, um in seinen kleinen Augen ein boshaftes Funkeln zu sehen. Sie verstand sehr genau, was es bedeutete. Hier war sie völlig in seiner Macht. Er saß seine Zeit ab, liebte das ruhige Leben. Er beneidete sie um ihren Wunsch nach Unabhängigkeit, Ungewißheit und Herausforderung, gleichzeitig nahm er ihn übel. Zum ersten Mal begann Meredith etwas von dem Streß, dem Druck und der Belastung zu verstehen, die dazu führen, daß eine sonst normale Person an Mord denkt.

»Nun denn«, sagte er und legte die Spitzen seiner plumpen Finger aneinander. »Haben Sie einen besonderen Grund, der es für Sie erforderlich oder wünschenswert macht, ausgerechnet jetzt einen Auslandsposten anzustreben?«

»Nein«, gestand sie widerwillig. »Ein Kollege in Übersee hat mir seine Wohnung in Islington überlassen. Davor hatte ich ein Cottage auf dem Land gemietet, doch die tägliche Fahrerei war mir zuviel.«

»Also kein Wohnungsproblem. Sie haben großes Glück, meine Liebe …«

Wenn er das noch einmal sagt …

»Persönliche Probleme?« Das klang mißtrauisch. Seiner Überzeugung nach neigten Frauen zu solchen Dingen.

»Nein!« fauchte sie.

»Dann, Miss Mitchell, sehe ich bei Ihnen wirklich keinen Grund für eine bevorzugte Behandlung. Aber seien Sie guten Mutes. Ihre Arbeit auf Ihrem früheren Posten wurde glänzend beurteilt, und Ihr Job hier mag zwar nicht aufregend sein, aber er ist wichtig. Auch die versehen ihren Dienst, die nur dastehen und warten, denken Sie dran.«

Jetzt reichte es Meredith. Sie stand auf. Sie war einssiebenundsiebzig groß und überragte seine sitzende Gestalt beträchtlich, was sie sehr befriedigend fand. Er sah ziemlich erschrocken aus.

»Sie mögen ja damit zufrieden sein, bis zu Ihrer Pensionierung hinter Ihrem Schreibtisch vor sich hin zu rosten. Aber ich will raus und etwas tun, bevor ich ins Gras beiße.«

Sein rosiges Gesicht verfärbte sich puterrot. »Ich glaube kaum, daß es sinnvoll ist, dieses Gespräch fortzusetzen«, knurrte er wütend und klappte die Akte zu.

Mit dieser Geste schlug er gleichzeitig die Tür für einen Auslandsposten zu, das wußte sie. Wußte auch, daß sie sich das selbst zuzuschreiben hatte. Hol’s der Teufel! »Nein, das ist es in der Tat nicht!« fauchte sie und stolzierte hinaus.

Eingezwängt in einer überfüllten, stickigen U-Bahn, ließ Meredith diese Auseinandersetzung noch einmal an sich vorüberziehen und fühlte nur Zorn und Verzweiflung. Der Zorn richtete sich jetzt nicht auf ihren Gegner, sondern auf sich selbst. Sie hätte es kaum schlechter anfangen können. Ausgerechnet sie, ein Mensch, der viele schwierige Situationen mit Takt und Diplomatie gemeistert hatte. Ich bin erledigt, dachte sie düster. Das bringt mir einen dicken schwarzen Tadel ein. Jetzt krieg ich nie wieder einen Auslandsposten. Bleibe für den Rest meines Lebens Pendlerin.

Jemand trat ihr auf den Fuß, und jemand anderes stieß ihr den Ellenbogen schmerzhaft in die Rippen. Oh, aus diesem täglichen Gedränge wieder draußen sein. Oh, irgendwo anders sein, egal wo. Sie bedauerte jetzt, den Mietvertrag für Rose Cottage gekündigt zu haben, obwohl sich das Haus als zu unpraktisch erwiesen hatte. Wenn sie schon nicht in Übersee sein konnte, dann wäre sie gern wieder in einer ländlichen Gegend Englands. Sie dachte an Alan und beneidete ihn. Er lebte in Bamford, einem hübschen kleinen Städtchen, umgeben von ländlichem Frieden und ländlicher Weite, und konnte dort außerdem einen lohnenden Beruf ausüben, der Abwechslung bot und gelegentlich unerwartete Gefahr. Darüber hinaus war es kurz vor Ostern. Frühling auf dem Land bedeutete wirklich neues Leben, das aus der kalten Erde sproß.

Es roch irgendwie merkwürdig im Haus, obwohl – was ihm im Treppenhaus aufgefallen war – jemand im oberen Stock ein Fenster geöffnet hatte. Wahrscheinlich einer der jüngeren Constables, ein armer Kerl, der es nicht gewohnt ist, den äußerlichen Zeichen der Sterblichkeit so nahe zu sein, dachte Alan Markby, als er die knarrende, teppichlose Treppe hinaufstieg, wobei er wegen etwa vorhandener Fingerabdrücke darauf achtete, das Geländer nicht zu berühren. Genauso achtete er darauf, die Wände nicht zu streifen, denn sie waren schmierig und starrten vor Schmutz.

Er erschien erst spät auf der Szene, da man ihn vom anderen Ende seines Bezirks herbeigerufen hatte. Die ersten Arbeiten würden bereits erledigt sein, und die Ambulanz vor dem Haus wartete nur darauf, daß er kam und sich die Leiche ansah, bevor sie weggebracht wurde. Auf der anderen Straßenseite hatte sich eine kleine Gruppe Neugieriger versammelt. Unter ihnen war mindestens ein echter Nekrophiler. Es gab gewöhnlich einen, der das Polizeipersonal aufhielt und nach den gräßlichen Einzelheiten fragte. Manchmal gaben sich die jämmerlichen Widerlinge als Journalisten aus.

Wild. Dem kam der Geruch am nächsten. Birkhuhn oder Fasan, gut abgehangen, mischte sich hier mit Staub, feuchtem Schimmel und allgemeiner Verwesung. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein besetztes Haus. Die Reihenhäuser hier sollten abgerissen und durch einen niedrigen Wohnblock ersetzt werden. Das Nebenhaus war noch bewohnt, was sehr nützlich sein konnte, weil der Nachbar vielleicht Auskunft geben konnte. Doch das Haus, in dem er sich aufhielt, hatte theoretisch leergestanden, die unteren Fenster und die Tür waren mit Brettern vernagelt. Trotzdem waren die Hausbesetzer hineingekommen.

Hinter der Tür, am oberen Ende der Treppe, hörte Markby Stimmengemurmel. Er stieß die Tür auf, und die Gesichter wandten sich ihm zu.

»Oh, da sind Sie ja, Sir«, sagte Sergeant Pearce erleichtert. Auch er wollte weg von hier. Der Gestank war in diesem Raum intensiver. An der Tür stand ein junger, schwitzender, grüngesichtiger Constable. Es war heiß und stickig im Zimmer. Durch das warme Wetter hatte der Verwesungsprozeß bei dem Ding auf dem Bett noch schneller eingesetzt.

»Tut mir leid, daß ich so spät komme«, sagte Markby und meinte es ernst, da sie unverkennbar alle litten.

»Dr. Fuller mußte fort, konnte nicht auf Sie warten, Sir. Er hatte noch einen anderen Termin.«

»Ist schon in Ordnung. Ich werde zweifellos von ihm hören.«

»Sie haben ihre Fotos gemacht«, fuhr Pearce fort und wies auf die beiden unglücklichen Polizeifotografen. »Könnten Sie …«

»Was? O ja, ihr beiden könnt euch trollen.«

In ihrer Hast stießen sie in der Tür zusammen und stürmten dann mit ihren Apparaten die Treppe hinunter.

»Dann wollen wir mal sehen«, sagte Markby resigniert.

Pearce schlug das Laken zurück, mit dem die Leiche pietätvoll zugedeckt war. Er sagte nichts.

Markby sagte: »Sie muß hübsch gewesen sein – früher.«

Sie war nicht älter als ein- oder zweiundzwanzig. Ihre Augen waren starr geöffnet und von mattvioletter Farbe. Sie trug ein schmutziges T-Shirt und an den Knien abgeschnittene, ausgefranste Jeans. Das T-Shirt war hochgeschoben worden, vermutlich von Dr. Fuller, der sie untersucht hatte, und das eingesunkene Fleisch unter den Rippen sah merkwürdig grau aus. Ihr linker Arm war mit dem Handteller nach oben gedreht und von unten bis oben mit roten Flecken, Kratzern und purpurnen Blutergüssen bedeckt, die durch die Sprenkelung der sich zersetzenden Haut allmählich undeutlich wurden.

»Wer hat sie gefunden?«

»Ein Typ von nebenan.« Pearce zeigte auf die Trennwand zwischen den beiden Reihenhäusern. »Er hat sich um das Haus gekümmert, hatte Angst vor Feuer. Dachte, es stehe leer, und kam nachsehen, wieviel Schaden die letzten Obdachlosen angerichtet hatten. Ach, hier ist die Nadel, lag neben dem Bett auf dem Boden.« Pearce hielt eine Plastiktüte in die Höhe, die eine Injektionsspritze enthielt.

Scheußliches Ding, dachte Markby. Laut fragte er: »Wie lange ist sie schon tot? Hat Fuller einen ungefähren Zeitpunkt genannt?«

»Zwei, drei Tage, nach dem ersten Eindruck.«

»Keine Spur von dem Zeug, das sie sich gespritzt hat?«

»Nein. Es haben noch andere hier gewohnt, sagt der Nachbar, aber in den letzten Tagen war es sehr still im Haus, und er hat gedacht, sie wären alle gegangen. Sieht so aus, als hätten sie, als sie das Mädchen gesehen haben, einen Schreck gekriegt und gemacht, daß sie wegkamen.«

»Wir werden viel Glück brauchen, um sie zu finden«, sagte Markby grollend. »Es sei denn, der Nachbar hat ein paar Namen gekannt. Unwahrscheinlich.«

»Es ist wirklich komisch, aber sie hat er tatsächlich gekannt …« Pearce zeigte auf die Tote. »Als ich kam, hat er mir gleich gesagt, daß es Lindsay Hurst ist. Er hatte Lindsay ein paar Wochen lang im Haus ein- und ausgehen sehen und war überrascht, denn ihre Familie ist hier ansässig und durchaus respektabel. Er hätte nie für möglich gehalten, daß Lindsay so enden würde. Das ist alles, was er ausgesagt hat.«

»So etwas ist ja nicht zum ersten Mal passiert. Weiß Ihr Informant, wo die Hursts wohnen?«

»Ja, irgendwo in der Kitchener Close. Die Zahl der Leute, die hier untergekrochen sind, war unterschiedlich. Er hat auch gesagt, er habe sich bei der Polizei und beim Stadtrat beschwert, aber es sei nichts getan worden. Sie wissen, wie schwierig es ist, Hausbesetzer zu vertreiben. Der Stadtrat will sie wahrscheinlich bis zum Herbst dulden, denn dann kommt ohnehin die Abreißkolonne.«

Markby brummte etwas. »Jemand wird in die Kitchener Close gehen und es ihren Eltern sagen müssen. Ich übernehme das, da Sie hier festgesessen und auf mich gewartet haben. Jetzt bin ich an der Reihe, die unangenehme Arbeit zu tun. Alles in Ordnung?«

»Hab mich dran gewöhnt«, sagte Pearce mit einem schiefen Lächeln.

Markby sah den Constable an. »Wollen Sie an die frische Luft?«

»Bitte, Sir.«

»Dann ab mit Ihnen. Sagen Sie den Leuten von der Ambulanz, sie können raufkommen und sie holen.«

Nachdem der Constable geflüchtet war, schaute Markby sich noch einmal im Raum um. Das Bett war das einzige richtige Möbelstück, und auch das sah aus, als stamme es von einer Müllhalde. Auf dem Boden stand ein rostiger Campingkocher. Die anderen Bewohner mußten ihn in ihrer Panik zurückgelassen haben. In einer Ecke stapelte sich Abfall – Flaschen, Schachteln, Papier, leere Dosen, noch eine Spritze … Sie würden alles genau untersuchen müssen. Die Furcht des Nachbarn vor Brandgefahr war nicht unberechtigt gewesen.

Er mußte an die ehrbaren Doppelhäuser in der Kitchener Close denken, woher das tote Mädchen gekommen war, und fragte laut und staunend: »Wie hat sie es nur in diesem Dreck ausgehalten? Zu stolz, um nach Hause zu gehen? Oder zu tief gesunken?«

»Ich habe angerufen und sie überprüfen lassen, bevor Sie kamen, Sir. Sie war bereits als Drogenabhängige registriert und wurde mit einer Ersatzdroge versorgt. Doch offensichtlich bekam sie den ›echten‹ Stoff von anderswo. Dr. Fuller sagt, es sieht so aus, als hätte sie eine ordentliche Dosis genommen, und wenn diese leeren Weinflaschen dort drüben bedeuten, daß sie und die andern getrunken haben, hatte sie nicht die geringste Chance.« Pearce machte ein nachdenkliches Gesicht. »Man würde doch denken, nicht wahr, daß sie, wenn sie abhängig sind, nicht in einem so ruhigen Provinzkaff wie Bamford rumlungern, sondern in irgendeine große Stadt abhauen, wo das Zeug leichter zu kriegen ist.«

»Ruhig, ja. Provinziell, wahrscheinlich. Aber kein Kaff«, sagte Markby. Er liebte Bamford. »Es überrascht mich auch nicht. Nichts in diesem Land überrascht mich noch.«

Pearce bemühte sich, die Sache positiv zu sehen. »Häßliche Geschichte, aber einfach und gradlinig in ihrer Art. Ich nehme an, man wird auf gewaltsamen Tod ohne Nennung der Ursache befinden. Als der Anruf kam, dachte ich, wir hätten es mit einem Mord zu tun, doch das trifft nicht zu.« Pearce schlug mit der flachen Hand nach den Fliegen, die sich in der Luft sammelten und bedrohlich summend über dem Bett hingen.

»Trifft nicht zu?« fragte Markby kalt. »Vielleicht nicht nach Ansicht des Coroners. Meiner Ansicht nach hat sie derjenige getötet, der sie mit Drogen belieferte. Und wir müssen ihn finden, bevor noch ein junger Mensch stirbt.«

»Iß auf, Jess. Was du auf deinem Teller hast, ist nicht einmal genug, um einen Spatzen am Leben zu erhalten.«

»Ich habe keinen Hunger, Ma. Hab genug gegessen, ehrlich.«

»Unsinn. Du ißt noch eine Kartoffel, hier!« Unnachgiebig knallte Mrs. Winthrop noch eine Bratkartoffel auf den Teller ihrer Tochter. »Eine mehr wird dich nicht umbringen.«

Jessica Winthrop zuckte wie im Krampf zusammen. Sie schaute auf die Kartoffel hinunter, die in ihrer krossen, fetten Schale rotgolden glänzte und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an. Neben ihr räumte ihr Bruder Alwyn eifrig eine riesige Portion von seinem Teller ab. Alwyn war ein großer und breiter Kerl und arbeitete hart; kein Wunder, daß er aß wie ein Pferd. Die unerwünschte Knolle anstarrend, fragte sich Jessica, wie sie sie dazu bringen konnte, sich in Luft aufzulösen. Alwyn wischte den letzten Soßenrest mit einem riesigen Brocken Brot ab, warf ihr von der Seite her einen Blick zu und blinzelte. Er wußte, was sie dachte.

»Kannst du noch eine Tasse Tee aus der Kanne melken, Elsie?« fragte George Winthrop, der am Kopfende des Tisches saß – eingezwängt in einen uralten geschnitzten Sessel. Man sah nichts von ihm, außer seinem kahlen Kopf und den Spitzen seiner kurzen, dicken Finger, die sich um die Titel- und die letzte Seite der aufgeschlagenen Zeitschrift Farmers’ Weekly krümmten.

Jessica fand, daß ihr Vater, nicht gewohnt, mit Büchern umzugehen, seine Zeitschrift immer so fest umklammerte, als könnte sie ihm ausreißen. Sie war das belesene Mitglied der Familie, ein Unikum unter den Winthrops. Man hatte ihr Anderssein immer toleriert, bis für sie alles schiefgegangen war.

Mrs. Winthrop hatte den Deckel einer großen, braunen irdenen Teekanne gehoben und brütete über dem Inhalt wie ein heidnischer Priester über den Innereien eines Opfers. »Sie braucht noch einen Tropfen Wasser.« Sie stand auf und ging zum Herd.

Kaum kehrte sie ihnen den Rücken, gabelte Alwyn hastig die unerwünschte Knolle vom Teller seiner Schwester und aß sie auf, bevor die Mutter zurückkam. Jess lächelte ihm dankbar zu.

»Na also«, sagte Mrs. Winthrop, als sie mit dem frischen Tee zurückkam. Mit einem anerkennenden Nicken schaute sie auf den leeren Teller ihrer Tochter. »Hast es doch geschafft, sie zu essen. War doch wohl nicht schlimm, oder?«

»Nein, Ma.«

»Wenn du nicht richtig ißt, mein Mädchen, wirst du wieder krank wie – nun ja, wie du’s schon warst.«

Jessica sagte nichts. Sie verstanden nicht, was ein Nervenzusammenbruch war, und sie hatte den Versuch aufgegeben, es ihnen zu erklären. Ihrer Ansicht nach wurde ein Mensch krank, weil er nicht genug aß, sich nicht warm genug anzog oder das Pech hatte, sich eine der üblichen fieberhaften Erkrankungen einzufangen. Den Kranken mit Essen vollstopfen und mit Wick einreiben, und all diese Leiden kurierten sich praktisch von selbst. Ein schwächliches und kränkliches Kind, hatte sie, wo immer sie auftauchte, der durchdringende Geruch von Wick umweht. Ihr Bruder hätte sie vielleicht verstanden, doch sie wollte ihn nicht belasten, da er eigene Sorgen hatte. Er hatte nie darüber gesprochen, aber sie fühlte es. Sie hatten einander immer nahegestanden.

»Du liest zu viele Bücher«, sagte ihr Vater, legte seine Farmers’ Weekly beiseite und nahm die Brille ab (von seinem Vater ererbt und gut genug, er brauchte kein gutes Geld für eine neue auszugeben). Er griff nach seinem Becher. »Das ist der ganze Kummer mit dir und war es schon immer. Nicht genug frische Luft und immer die Nase in einem Buch. Kriegen wir denn heute keinen Pudding?«

»Wart eine Minute, George Winthrop! Es gibt Apfelstreusel, und rümpf ja nicht die Nase, Jessica.«

»Nein, Ma. Soll ich ihn auftragen?« Wenn sie Glück hatte, gelang es ihr vielleicht, sich selbst nur eine winzige Portion auf den Teller zu tun.

»Mach nur. Und hol den Sahnekrug. Er steht auf der Anrichte.«

Jessica durchquerte die vertraute bäuerliche Küche. Jeder Winkel, jede Ritze, jeder Trichter, der bei der Anrichte an einem Nagel hing, bis zu den Kupferpfannen an der Wand, waren ein Teil ihrer Kindheitserinnerungen und hatten dazu beigetragen, daß sie der Mensch wurde, der sie jetzt war. Doch die Erinnerungen brachten keine Wärme mit sich. Sie hatte oft ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie für die Steine und den Mörtel ihres Elternhauses nur wenig Zuneigung empfand. Das Leben auf einer Farm hätte Glück und Sicherheit bedeuten sollen, hatte es jedoch nie getan. Sie war so glücklich gewesen, als sie fortging, um ein weit entferntes College zu besuchen. Aber am Ende war sie doch nur wieder hier gelandet. Manchmal hatte sie das Gefühl, mit einem Gummiseil an die Farm gefesselt zu sein. Sie konnte nur bis zu einem gewissen Punkt weglaufen, dann riß es sie wieder zurück.

Schlimmer noch, seit ihrer Krankheit machte ihr der Gedanke angst, die Farm zu verlassen, so daß sie zwischen widerstreitenden Gefühlen gefangen war wie zwischen Scylla und Charybdis. Sie wußte genau, daß die Dinge, denen sie in der Außenwelt gegenübertreten mußte, nur kleine Probleme waren; doch sie kamen ihr wie schreckliche Hindernisse vor und ließen es nicht zu, daß sie einen Neubeginn auch nur versuchte. Je länger sie blieb, um so schlimmer wurde es. Doch sie konnte nicht gehen.

Nichts von alledem konnte sie ihren Eltern erklären, deren Leben sich um Greyladies Farm drehte und die hier alles fanden, was sie suchten. Sie unterwarfen sich bei allem, was sie taten, den Notwendigkeiten des bäuerlichen Jahres, und die Welt draußen bedeutete ihnen wenig. Sie kannten sie nicht, und sie interessierte sie noch weniger. Nur Alwyn hätte Jessica verstehen können, doch sie sprachen nie darüber.

Allein Jamie hatte es geschafft, für immer fortzugehen und draußen ein erfolgreiches Leben zu führen, weit weg von Greyladies. Aber es hatte Jamie nie etwas ausgemacht, Menschen zu verletzen. Jessica wünschte oft, sie hätte etwas von der berüchtigten Rücksichtslosigkeit der Winthrops geerbt. Jamie mußte außer seinem auch ihren Anteil bekommen haben.

Jessica zog dicke Küchenhandschuhe an, bückte sich und nahm die große runde Backform mit dem Apfelstreusel aus dem Ofenrohr. Als sie sich aufrichtete, begann im Nebenzimmer das Telefon zu läuten.

»Ich gehe«, sagte Alwyn, stand auf und schob sich an ihr vorbei. Er hatte immer Schwierigkeiten, durch die niedrigen Türen zu kommen, die aus einer weit zurückliegenden Zeit stammten, in der die Menschen viel kleiner waren. Er mußte einen Buckel machen und den Kopf einziehen, um nicht anzustoßen.

Jessica stellte das mit Streuseln überbackene Apfeldessert auf die Marmorplatte des Tischs bei der Tür und verteilte mit dem Löffel Portionen auf die blauweißen Teller. Nun ja, auf die blau und gelblich weißen Teller mit den zahlreichen Sprüngen in der Glasur und den abgestoßenen Rändern. Man kaufte auf der Farm kaum einmal etwas Neues. »Sind doch noch gut, die Teller«, hatte Mrs. Winthrop gemeint, als Jessica vorgeschlagen hatte, sie könnten vielleicht wegen der Hygiene … »Wenn du sie richtig spülst, machen ein paar Sprünge nichts aus.« Um die Wahrheit zu sagen, so war natürlich für neue Teller ebensowenig Geld da wie für irgend etwas Neues.

Während sie dicht neben der offenen Tür arbeitete, hörte sie, was Alwyn nebenan am Telefon sagte. Offensichtlich galt der Anruf ihm, und sie hätte nicht gelauscht, aber etwas in seiner Stimme, etwas beinahe verstohlen Schuldbewußtes, weckte ihre Aufmerksamkeit.

»Ich hab dir gesagt, du sollst mich nicht anrufen«, flüsterte er heiser. »Ja, ich weiß … Nun, ich hatte noch keine Gelegenheit … Außerdem ist es nicht an mir, etwas zu sagen!« Beim letzten Satz hob sich Alwyns Stimme fast zu einem gedämpften Schrei. Es folgte ein langes Schweigen und dann Alwyns zornige Antwort: »Ich habe es dir schon einmal gesagt – wenn ich kann.« Der Hörer knallte auf die Gabel, und Alwyn kam mit einem Gesicht zurück, das fast so rot war wie sein Haar.

»Wer war das denn?« fragte seine Mutter.

»Der Wirt vom Fox and Hounds, der wissen wollte, ob ich nächsten Mittwoch beim Darts-Team mitmache. Ich habe ihm schon vor einer Woche oder noch früher gesagt, ich kann ihm nicht garantieren, daß ich wieder spiele.«

Jessica trug die Teller mit dem Apfelstreusel zum Tisch und dachte: Alwyn war noch nie ein guter Lügner. Ihre Blicke trafen sich, als sie ihm den Teller hinstellte, und er sah sie herausfordernd an.

Sie respektierte seine Privatsphäre und hätte ihn nicht mehr nach dem Telefonanruf gefragt, hätte sie ihn am Nachmittag nicht allein erwischt. Sie hatte der Mutter beim Tischabräumen und beim Abspülen geholfen und war dann hinausgeschickt worden. »Damit du an die frische Luft kommst, und nimm ja kein Buch mit, mit dem du dich irgendwo verkriechst.« Also hatte sie Sattel und Zaumzeug aus der Scheune geholt und hatte sich aufgemacht, Nelson auf seiner Koppel einzufangen.

Dort stieß sie unerwartet auf ihren Bruder, der auf einer niedrigen, bröckelnden Mauer saß, Teil einer Ansammlung von Steinen in der Mitte der Koppel. Ihm zu Füßen lag der Schäferhund Whisky und hechelte mit der rosa Zunge in der Hitze, während er auf Befehle wartete. Alwyn saß vornübergebeugt da, die Arme auf den Knien, tief in Gedanken. Er hatte die kräftigen, sonnenverbrannten Hände locker gefaltet, und der Schirm seiner Tweedmütze beschattete sein Gesicht.

Jessica legte Sattel und Zaumzeug auf den Boden und setzte sich neben Alwyn auf die Mauer. Nelson weidete in ihrer Nähe, behielt sie jedoch im Auge, weil er den Sattel gesehen hatte.

»Das Pony ist so verdammt fett«, sagte Alwyn. »Bald wirst du ihm den Sattelgurt nicht mehr umlegen können.«

»Ich bewege ihn jeden Tag.«

»Frißt sich um Sinn und Verstand. Ein nutzloses, stinkfaules Vieh.«

»Halt den Mund, Alwyn. Das sagst du nur, um mich zu ärgern.« Er grinste, und sie fuhr fort, um es ihm heimzuzahlen: »Und warum hast du am Telefon so geflüstert? Erzähl mir bloß nicht, daß es der Wirt vom Fox and Hounds war!«

Sein Grinsen verschwand, und er machte ein finsteres Gesicht. »Nein, ’s war Dudley Newman.«

Jetzt runzelte sie verblüfft die Stirn. »Der Baumeister? Was wollte er?«

»Dasselbe, was er wollte, als er vor einiger Zeit hier aufgekreuzt ist.«

»Unser Land kaufen?« Sie warf das lange blonde Haar zurück. »Dad hat ihm doch gesagt, daß er Greyladies nicht verkauft.«

Alwyn knurrte etwas.

»Also warum hat er dich angerufen?« Sie blieb hartnäckig.

»Woher soll ich das wissen?«

»Alwyn! Ich will es wissen. Hast du mit Newman irgendein Komplott ausgeheckt?«

»Nein!« fauchte er. »Wie könnte ich? Ich habe nicht das letzte Wort. Aber ich habe gesagt, daß ich – wenn Dad es sich anders überlegt – an einem Verkauf interessiert wäre, sofern der Preis stimmt.« Er unterbrach sich, als sei er über seine eigene Courage erschrocken. »Komm, Jess, warum denn nicht? Du würdest deinen Anteil bekommen, und wir könnten von hier weg.« So offen hatte er mit ihr noch nie über dieses ärgerliche Thema gesprochen.

»Sie würden nicht von hier fortgehen.«

»Nein.« Er seufzte. »Das würden sie nicht.«

»Und wenn du hinter Dads Rücken mit Dudley Newman kungelst, kommt er bald dahinter. Du kannst nicht gut lügen, Alwyn. Nicht wie Jamie.«

Sein Kopf fuhr herum. »Wieso erwähnst du ihn?«

»Vor ein paar Tagen ist doch ein Brief von ihm gekommen, oder? An Dad und Ma adressiert. Er hat auf dem Küchentisch gelegen, aber Ma hat ihn rasch verschwinden lassen, damit ich ihn nicht sehe.«

»Nicht rasch genug, wie es scheint«, lautete der lakonische Kommentar.

»Kommt er nach Hause?«

»Der Brief war nicht an mich«, sagte er ausdruckslos.

Eine Weile saßen sie schweigend da und ließen sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Der Hund war, die Nase auf den Pfoten, eingeschlafen, und Nelson, zufrieden, daß er nicht eingefangen und gezwungen werden sollte, sich zu bewegen, hatte sich in die entfernteste Ecke der Koppel verzogen.

»Seltsames altes Gemäuer«, sagte Alwyn plötzlich und schlug mit der Hand auf die bröckelnde Mauer, auf der sie saßen. »Könnte uns viele Geschichten erzählen, wetten daß?«

»Ich finde diese Ruinen gruselig«, sagte Jessica schroff.

»Denkst wohl, daß ein paar Gespenster aus den alten Steinen herausspringen, ja?« zog er sie auf.

»Würde mich nicht überraschen. Hier ist einmal ein Verbrechen verübt worden.«

»Wie meinst du das?« Er wandte den Kopf und spähte mit einem stechenden Blick seiner grauen Augen unter dem Mützenschirm hervor.

»Der Brand im Versammlungshaus. In dieser alten Ruine.«

»Guter Gott, Mädchen, ich hab mich schon gefragt, wovon du redest«, sagte er wegwerfend. »Das war kein Verbrechen. Eher ein Unfall.«

»Brandstiftung ist ein Verbrechen.«

»Wer sagt denn, daß es Brandstiftung war? Es ist länger als hundert Jahre her, und niemand weiß es genau. Nur ein bißchen Geschichte, dieses alte Gemäuer, sonst nichts.«

»Es ist ein unheilvoller Ort«, sagte sie leise. »Ich spüre das Unglück förmlich, es sickert aus den Steinen.«

»Unsinn. Fang nicht an, dir was einzubilden.«

»Es liegt Unheil in der Luft.« Jessica blickte, während sie sprach, über das Feld zu dem Turm der Kirche von Bamford, der am Horizont aufragte.

»Was soll denn das heißen? Manchmal redest du wirklich närrisch daher, Jess. Wenn du anfängst solches Zeug vor Ma zu verzapfen, schleppt sie dich wieder zu Dr. Pringle.«

»Ich habe in der Gazette das mit Lindsay gelesen.«

»Oh, das! Ich wußte nicht, daß du sie gekannt hast.« Alwyn schien verärgert und verunsichert. »Wenn ich es gewußt hätte, hätte ich dafür gesorgt, daß die Gazette verschwindet, bevor du sie findest.«

»Ich wünschte, du würdest aufhören, mich zu beschützen!« schrie sie. Er antwortete nicht, und sie fuhr steif fort: »Wir waren vor Jahren Chormädchen, Lindsay und ich. Sie war ein so fröhliches, freundliches Mädchen. Jetzt ist sie tot und auf so schreckliche Weise gestorben.«

»Denk nicht mehr dran«, riet er ihr barsch. »Das alberne kleine Ding hat es selbst getan. Hat keinen Sinn, sich deshalb aufzuregen.« Er stand auf, und der Hund wurde wach und wedelte mit dem buschigen Schwanz. Sogar Nelson schien zu merken, daß die friedliche Pause zu Ende war. Er warf den Kopf zurück und wieherte schrill.

»Ich habe zu tun«, sagte Alwyn. »Versuch ja nicht, mit dem Pony über Hecken zu springen. Mit dem Fett, das es herumschleppt, wird es sie direkt durchpflügen, und ich muß sie dann wieder flicken.«

»Das habe ich nie getan, wie du sehr genau weißt.« Sie schulterte den Sattel und überquerte zielstrebig die Koppel.

»Gespenster, das Unheil«, murmelte Alwyn vor sich hin und versetzte dem nächstbesten halb im Gras vergrabenen Stein des geschwärzten Mauerfundaments einen Tritt. »Sie gehören ganz einfach zur Farm wie du und ich, Junge.« Der Hund blickte auf, spitzte die Ohren, die Augen wachsam und neugierig. »Genau wie du und mein verdammtes Ich«, wiederholte Alwyn mürrisch. »Ich könnte diesen alten Brocken das oder jenes über das Unglücklichsein erzählen. Gib mir eine Schachtel Streichhölzer, und ich brenne mir nichts, dir nichts die ganze verdammte Farm nieder.«

KAPITEL 2

»Beton, Asphalt und Ziegel, das wird alles sein, was bleibt«, sagte Alan Markby mißmutig. »Das ganze Land total verbaut, von Küste zu Küste.«

Er gab diese traurige Erklärung sich selbst, als der Wind ihm in das glatte blonde Haar fuhr und wild daran zauste. Erbittert schob er die Hände in die Taschen seines abgetragenen olivgrünen Parkas und betrachtete finster die Szenerie, ehe er sich auf einen Baumstumpf setzte und einen Riegel Schokolade aus der Tasche nahm. Er aß nicht besonders viele Süßigkeiten, aber es war ihm zu mühsam gewesen, sich ein Sandwich zu machen. Er hatte nur die Schokolade in die Tasche gesteckt und war zu seinem Spaziergang aufgebrochen.

Er hatte hinaus müssen – hinaus aus dem Büro, hinaus aus dem Revier. Wie Pearce prophezeit hatte, war im Fall Lindsay Hurst bei der gerichtlichen Untersuchung auf gewaltsamen Tod ohne Nennung der Ursache erkannt worden. Markby hatte nichts anderes erwartet. Sie hatten es versucht, aber bisher die Mitbewohner des toten Mädchens nicht gefunden. Und da sie nicht einmal einen einzigen Namen hatten, stand so gut wie fest, daß sie sie nie finden würden. Viel wichtiger war, festzustellen, woher Lindsay die tödliche Drogendosis bekommen hatte. Heroin hatte ihr kurzes Leben beendet, und bis vor kurzem hatten sie in dieser Gegend kaum mit Drogen zu tun gehabt. Wieder hatte Pearce recht behalten. Auf Cannabis stießen sie recht häufig, doch in letzter Zeit waren immer öfter härtere Drogen im Spiel und bereiteten der örtlichen Polizei erhebliche Kopfschmerzen.

Stur hatte er das ganze Wochenende an dem Fall gearbeitet, war jedem Hinweis nachgegangen und hatte sein Bestes getan, um Wellen zu schlagen, denn Wellen spülten oft unerwartete Funde an. Diesmal jedoch nicht. Bei den Befragungen in den Pubs, in denen das Mädchen verkehrt hatte, war er auf eine Mauer der Ablehnung gestoßen, niemand hatte helfen wollen. Und selbst wenn sie diesen oder jenen Dealer aus dem Verkehr gezogen hätten, hätte das wenig bewirkt. Sie mußten der Big Boys habhaft werden, die hinter dem schmutzigen Geschäft steckten. Was sie tatsächlich brauchten, war »der« große Zufall. Doch da mußte schon ein Wunder geschehen, was höchst unwahrscheinlich war.

Am Sonntagabend mußte er zugeben, daß sie für den Augenblick alles getan hatten, was sie konnten, und abwarten mußten, ob die Köder, die sie ausgelegt hatten, etwas Nützliches erbringen würden. Er hatte einsehen müssen, daß er müde und griesgrämig war, und hatte sich gezwungen, zuzugeben, daß er, wenn er nach diesem verlorenen Wochenende keine Pause machte, in der nächsten Woche alle anderen zum Wahnsinn treiben würde. Daher hatte er sich am Montag freigenommen und war zu einem Spaziergang über Land aufgebrochen, um sich ein paar neue Ideen in sein müdes Gehirn blasen zu lassen, hatte aber nur festgestellt, daß, von ihm unbemerkt, die Landschaft, die er kannte und liebte, völlig verändert worden war.

Hier hatte eine Farm gestanden, die witzigerweise Lonely Farm geheißen hatte. Den Namen hatte man bis in die Tudorzeit zurückverfolgen können. Das Farmhaus war auf uralten Grundmauern erbaut gewesen, und die hohen, schmalen Kamine hatten aus phantasievoll verziertem Backsteinmauerwerk bestanden. Er erinnerte sich gut daran, ebenso wie er sich daran erinnerte, Cowboy gespielt und erstaunte Kühe zusammengetrieben zu haben, die gemütlich das süße Gras abgefressen hatten; auch Räuber und Gendarm hatten sie zwischen den Hecken gespielt.

Alles war von Bulldozern niedergewalzt worden. Felder – von Generationen liebevoll bebaut, die Szenerie seiner Knabenabenteuer – verschwunden. Rechter Hand konnte er gerade noch die Dächer von Greyladies, der nächstliegenden Farm, ausmachen, die den Bauunternehmern noch nicht zum Opfer gefallen war, und linker Hand sah man am Horizont einen winzigen verschwommenen Fleck, Witchett Farm, die auch den Kampf gegen die vordringenden Fluten von Asphalt und Ziegeln aufgenommen hatte.

Die Landschaft, an die er sich erinnerte, schien nur noch ein Traum. Vor ihm dehnte sich, soweit das Auge reichte, narbige Erde in alle Richtungen. Die großen Bäume lagen, von Maschinen entwurzelt und die Wurzeln in die Luft streckend, wie gefallene, mitleiderregende Riesen da, verstümmelt und ihrer Arme beraubt. Jene, die zwar gestürzt waren, sich aber noch mit ein paar Wurzeln an die verwüstete Erde klammerten, versuchten frisches Frühlingsgrün sprießen zu lassen, traurige kleine Ranken mit jungen Blättern an Stämmen, die große, klaffende Wunden hatten.

Was man nicht zerstört hatte, war schrecklich entstellt. Der Fluß, in dem er gefischt hatte, war begradigt, verbreitert, umgeleitet und in ein Betonkorsett gezwängt worden, damit er ja nicht in sein natürliches Bett zurückfand. Die Weiden, die ihn überschattet hatten, waren verschwunden. Eine neue Straße führte ungefähr eine halbe Meile geradeaus und stieß dann jäh gegen einen Erdhügel. Wo er und seine Freunde sich in altehrwürdigen Eichen Baumhäuser und Höhlen unter Brombeersträuchern gebaut hatten, standen halbfertige Häuser, verloren unter dem Himmel jagender Wolken. Das Dröhnen schwerer Maschinen beleidigte seine Ohren. Ein Saatkrähenschwarm lärmte, vielleicht auf der Suche nach seinen verschwundenen Nestern, über seinem Kopf und flog dann, ein Gestöber schwarzer Schwingen, einem neuen Zuhause entgegen – dahin, wo die Bauarbeiter noch nichts zerstört hatten.

Markby seufzte, dann hellte sich seine Miene auf. Vor ihm und ein Stückchen unterhalb des niedrigen Hügels, auf dem er saß, fuhr ein grauer Wagen mit Heckklappe langsam und vorsichtig die halbfertige Straße entlang. Er hielt an, und der Fahrer stieg aus. Ein kleiner braunweißer Hund, der aussah wie ein Jack-Russell-Terrier, sprang ebenfalls aus dem Wagen und begann scheinbar ohne Sinn und Zweck auf dem Asphaltstreifen hin- und herzurasen, tauchte dann in einen Graben ein und verschwand. Der Fahrer griff in den Wagen, zog einen großen Bogen Papier heraus, den er nicht ohne Schwierigkeiten auf der Motorhaube ausbreitete. Der Wind fing sich darin und drohte das Papier wegzuzerren. Es wölbte sich und schlug dem Mann ins Gesicht, während er versuchte, es zu studieren. Der Beobachter konnte sich sehr gut vorstellen – wenn er es auch nicht hörte –, wie der andere fluchte.

Markby lächelte. Er steckte den Rest des Schokoriegels in die Tasche und stand auf. Sogar aus dieser Entfernung hatte er Herrn und Hund erkannt und stieg, auf dem nassen Gras und dem aufgeweichten Boden ausrutschend, den Hügel hinunter. Unten angelangt suchte er sich seinen Weg über die aufgewühlte Erde, und als er in Rufweite war, wölbte er die Hände vor dem Mund und rief: »Steve!«

Der Mann mit der Karte blickte auf, hob voreilig eine Hand und winkte. Der Wind nutzte seine Chance. Das Papier wurde weggerissen und tanzte, von Steve Wetherall verfolgt, wie närrisch die Straße entlang. Patch, der Hund, flog wie ein Gummiball aus dem Graben und raste auf seinen kurzen Beinen hinter den beiden her, ganz offensichtlich der Meinung, daß dieses herrliche Spiel ausschließlich für ihn inszeniert wurde.

Markby wartete am Wagen, bis Steve zurückkam – fluchend, keuchend und mit feuerrotem Gesicht, aber immerhin die kläglich zerdrückte und schmutzig gewordene Karte umklammernd. Er schmiß sie in den Wagen und warf die Tür zu.

»Was machst du denn hier draußen?« fragte er heiser, als er sich aufrichtete.

»Ich gehe spazieren.« Markby bückte sich zu Patch hinunter, der näher trottete, einen Freund erkannte, grinsend und mit heraushängender roter Zunge an ihm hochsprang; seine Pfoten tätowierten dabei Markbys Hose freigebig mit Schlamm. »Ich werfe einen letzten Blick auf die Überreste dessen, was einst eine blühende Landschaft war, ehe du und deine Helfershelfer auch noch das letzte Stück umgraben und mit einer Ladung Beton zuschütten.«

»Fortschritt, mein Alter, das ist der Fortschritt. Die Menschen müssen irgendwo wohnen.«

»Nicht hier, das müssen sie nicht. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das ein riesiges Geschwür. Bamford war einmal ein hübsches, kleines Marktstädtchen. Du und deine Bauunternehmer-Freunde haben schon fast alles kaputtgemacht. Hier war früher Lonely Farm. Weißt du noch, Steve? Du mußt es wissen! Erinnerst du dich denn nicht mehr an die Zeit, als wir beide bei den Brombeersträuchern gespielt und im Fluß kleine Fische gefangen haben?«

Wetherall schnaubte verächtlich. »Sentimentales Geschwafel. Ja, ich erinnere mich. Natürlich stimmt es mich traurig, das alles verschwinden zu sehen. Aber die Zeiten ändern sich. Intelligente Menschen ändern sich mit ihnen. Manche werden natürlich nie erwachsen und spielen ihr Leben lang Räuber und Gendarm.« Steve warf Markby einen bedeutsamen Blick zu.

»Geld spricht, meinst du. Der Preis für das Land, das ist es. Die Leute lockt das schnelle Geld.«

»Nein, so ist es nicht – nicht ganz.« Steve drehte sich um und zeigte mit einer umfassenden Geste zum Horizont. »Farmer gehen im ganzen Land pleite. Viele können es gar nicht erwarten, ihre Farmen aufzugeben, und beten praktisch darum, daß jemand kommt, der ihnen eine guten Preis für ihr Land bietet, um es zu erschließen. Gib nicht den Planern, Architekten und Bauunternehmern die Schuld. Schuld sind die Zinssätze, die gestrichenen Subventionen, die Milchquoten, der Rinderwahnsinn, Traberkrankheit oder Salmonellen – alles eben, was die Preise drückt oder ins Bodenlose fallen läßt –, ganz zu schweigen von der Plackerei tagein, tagaus und der Einsamkeit der modernen Farmarbeit. Weißt du, wie viele Farmer an Depressionen leiden? Vor fünfzig Jahren war eine Farm eine blühende Gemeinde, beschäftigte zig Arbeiter und bot ihren Familien Unterkunft. Jetzt werden die meisten von einem Mann und seiner Frau betrieben, unterstützt von einem Hund und einem PC.«

»Du kannst mir nicht einreden, daß es bei allen so ist.«

»Nein, bei allen natürlich nicht. Es ist wie in anderen Betrieben auch. Einer scheitert, ein anderer hat Erfolg. Nur keine Sorge, es werden noch immer genug Farmen übrig sein, nachdem Planer und Baumeister vorbeigezogen sind. Schau mal dort drüben – Witchett Farm. Sie gehört Mrs. Carmody. Die wird nie aufgeben. Und Greyladies Farm – auch die Winthrops werden durchhalten. Obwohl ich den Verdacht habe, daß Alwyn verkaufen würde, wenn er könnte.«

»Ich habe Alwyn seit Urzeiten nicht mehr gesehen«, stellte Markby fest. »Seinen Bruder Jamie auch nicht. Als Kinder waren wir dicke Freunde.«

»Jamie ist schon vor Jahren abgehauen und arbeitet irgendwo im Ausland. Alwyn als der ältere hat den kurzen Strohhalm gezogen und mußte bleiben. Das Mädchen ist vor nicht allzulanger Zeit auch wieder nach Hause gekommen. Ich denke nicht, daß es ihnen sehr gutgeht. Früher haben sie Mastrinder gezüchtet, aber die Preise sind so gefallen, daß es sich nicht mehr rechnete. Jetzt züchten sie Schafe, doch der Erfolg hält sich in Grenzen. Das Pech klebt an den Winthrops.«

»Ist Mrs. Carmody auf der Witchett Farm erfolgreicher?«

»Sie hat einen großen Teil ihres Landes als Weideland verpachtet. Außerdem ist sie alleinstehend. Greyladies muß jetzt alle Winthrops ernähren – außer Jamie.«

Markby seufzte und kickte einen Stein vor sich her.

»Hör zu«, sagte Steve beschwichtigend, »wir bauen hier eine hübsche Wohnsiedlung, in der du bestimmt selbst gern wohnen würdest. Gehobenes Wohnen. Häuser für leitende Angestellte, jedes einzelne individuell ausgeführt, mit einer Doppelgarage. Von Landschaftsgärtnern entworfene offene, weitläufige Grundstücke. Wir lassen Bäume pflanzen. Und es wird ein kleines, für den Verkehr weitgehend gesperrtes Einkaufsviertel geben.« Er lachte gutgelaunt. »Sogar du wirst dich gezwungen sehen, deine Worte zurückzunehmen.«

»Erzähl mir nichts. Ich will es nicht wissen.«

»Du bist ein schrecklicher alter Miesmacher. Ach, übrigens, ich habe gehört, daß deine Freundin – die beim Außenministerium arbeitet – abgehauen ist und dir den Laufpaß gegeben hat. Kann ich ihr nicht übelnehmen.«

»Sie ist weder abgehauen, noch hat sie mich verlassen, noch ist Meredith meine Freundin in dem Sinn, den du meinst.«

Steve kicherte anzüglich.

»Laß das gefälligst bleiben«, sagte Markby kampflustig.

»Ist deine – hm – Freundin in einem anderen Sinn ins Ausland gegangen?«

»Nein, sie sitzt an einem Schreibtisch im Außenministerium. Sie möchte gern ins Ausland, man hat ihr jedoch keinen Posten angeboten. Das Cottage hat sie aufgegeben, weil sie das Pendeln leid war.«

»Siehst du sie oft?«

»Nicht oft.« Nein, nicht annähernd oft genug. Vielleicht konnte er sie überreden, ein paar Tage herunterzukommen. Vielleicht über Ostern, auch wenn er arbeiten mußte. Was er brauchte, war ein Vorwand … Finster betrachtete Markby den riesigen Bagger, der schlingernd über das offene Gelände fuhr. »Was macht der Kerl? Wühlt er noch ein bißchen mehr Boden auf?«

Steve blickte in die angegebene Richtung. »Oh, ich habe ihnen vorige Woche gesagt, sie sollen die Gräben für die Fundamente hier einen Meter zwanzig tief ausbaggern. Zum Glück bin ich heute morgen hergekommen und habe es nachgeprüft. Sie haben nur neunzig Zentimeter ausgehoben. Was schlimmer ist, ich fürchte, dort unten gibt es irgendwo eine weiche Stelle. Das kommt im Lehmboden manchmal vor, deshalb ist es um so wichtiger, für das Fundament tief genug zu graben. Heute nachmittag soll der Beton gegossen werden, also habe ich Sean gesagt, er soll sich gefälligst in Bewegung setzen und noch einmal dreißig Zentimeter tiefer baggern. Wenn dieser verdammte Hersey seine Arbeit richtig getan hätte …« Steve drehte sich um. »Hättest du in einer halben Stunde Lust auf ein Pint?«

»Aber gern. Wo?«

»Fox and Hounds oben an der Hauptstraße? Wenn ich hier fertig bin, nehme ich dich mit.«

Der Bagger war näher gekommen, doch jetzt verstummte das dröhnende Motorengeräusch. Sean kletterte vom Fahrersitz. Markby sah uninteressiert zu. Er vermutete, daß der Fahrer auf ein Hindernis gestoßen war.

»Was macht er denn?« sagte Steve vor sich hin. »He!« brüllte er und gestikulierte zu der entfernten Gestalt hinüber.

Der Arbeiter beugte sich über etwas, richtete sich plötzlich auf und kam schwerfällig auf sie zugelaufen, beide Arme in einer merkwürdig flehenden Geste erhoben.

Ein vertrautes, unangenehmes Frösteln lief Markby das Rückgrat hinunter. Er wappnete sich seelisch und körperlich und machte einen Schritt vorwärts. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: O Gott, nicht noch eine, nicht so schnell!

Als der Mann näher kam, sahen sie, daß sein Gesicht aschfahl und verzerrt war. Seine Lippen arbeiteten, als wolle er rufen oder schreien, sei jedoch nicht fähig dazu. Markby wurde an einen Wasserspeier in einer alten Kirche erinnert, den Mund aufgerissen in einem stummen Angstschrei, erstarrt für alle Ewigkeit. Sean erreichte sie, stolperte auf den letzten Metern, und beide stürzten auf ihn zu, um ihn zu stützen.

»Mr. Wetherall«, stieß er keuchend hervor und sackte gegen sie.

Sie richteten ihn auf. »Schon gut, Sean«, fuhr Steve ihn an. »Reiß dich zusammen. Was ist passiert?«

»Es – es ist da hinten, Sir – der Bagger hat es ausgegraben … Ich hab was gesehen – ich hab’s gesehen … Heilige Mutter Gottes …« Sean riß sich los, fuhr herum und klappte zusammen wie ein Taschenmesser.

»Er muß sich übergeben«, sagte Markby schnell. »Bleib mit ihm hier. Ich seh mal nach.« Noch während er sprach, begann er auf den Bagger zuzulaufen.

Er wußte, was er finden würde. Was er nicht wußte, war, in welchem Zustand es sein würde, und er begann sich, während er lief, gegen das Schlimmste zu wappnen.

War es vor langer Zeit beerdigt worden, war es vielleicht sauber, nur ein Gerippe. Vielleicht war es sogar historisch, seit ein paar hundert Jahren tot. Ab und zu hoben Bagger wichtige Gräber mit Schmuck aus der Bronzezeit oder Waffen aus, oder sie entdeckten römische Friedhöfe. In einem solchen Fall mußten die Arbeiten gestoppt werden, und die Archäologen kamen. Solche Verzögerungen kosteten ein Vermögen und wurden von den Bauunternehmern höchst ungern und mit großer Bestürzung gesehen. Und wenn Wertgegenstände dabei waren, kam es gewöhnlich zu einem Gerangel wegen der Besitzverhältnisse und ob es sich um einen Schatzfund handelte, solche Dinge eben.

Wenn es andererseits noch nicht lange dort begraben und nur zum Teil verwest war und sich grünlich braun verfärbt hatte … Markby wünschte, er hätte die Schokolade nicht gegessen. Sean durfte sich übergeben, aber von einem Polizisten wird Haltung erwartet – wenigstens in der Öffentlichkeit. Er warf einen Blick auf die Erde. In Sand oder Kies verwesten Leichen schnell. In Feuchtgebieten dauerte es länger, manchmal blieben sie sogar erhalten. Dieser Boden bestand aus klebrigem Lehm.

Nach Luft schnappend, blieb er stehen, ging dann langsam weiter und schaute in den halb ausgehobenen Graben. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine rekonstruierte Befestigung aus der Bronzezeit. Der Graben lief um alle vier Seiten eines Rechtecks herum. Sean hatte eben erst begonnen, ihn tiefer auszuheben. Keinen ganzen Meter entfernt hatte der stählerne Rachen des Baggers aus der Erde geholt, was Sean so in Panik versetzt hatte und zur Hälfte aus den metallenen Hauern heraushing.

Ein nackter Mann, schlammverschmiert, der Kopf blutig, sehr tot.

Nun, das war keine antike Begräbnisstätte, war nicht einmal besonders alt. Der Leichnam war, wie Markby erleichtert feststellte, noch überhaupt nicht in Verwesung übergegangen. Die Farbe war gut, nicht einmal so wächsern weiß, wie das Leichen an sich haben, die lange im Wasser gelegen haben, und wo diese Leiche gelegen hatte, war der Boden sehr feucht. Sie lag mit dem Gesicht nach oben und dem Kopf nach unten im Rachen des Baggers. Markby bückte sich und hob ein schlammfleckiges Handgelenk. Es fiel schlaff wieder hinunter, die Totenstarre hatte sich schon wieder gelöst. Der Mann war also doch nicht erst seit ein paar Stunden tot. In diesem kalten Schlamm hatte die Totenstarre vielleicht länger angehalten. Die Autopsie würde es an den Tag bringen, doch es sah so aus, als sei die Leiche vor mindestens sechsunddreißig Stunden hier begraben worden.

Markby richtete sich auf, der Wind fuhr ihm wieder durch das Haar und ließ seinen wasserdichten Parka flattern. Er schaute sich um. Wer dieses Grab auch gegraben haben mochte, sie hatten diese Stelle ausgesucht, weil sie geglaubt hatten, der Aushub sei beendet. Sie waren hinuntergestiegen, hatten ein flaches Grab ausgehoben, ihren Mann beerdigt und erwartet, daß der Graben sehr bald mit Beton aufgefüllt werden würde, bis er mit dem umliegenden Land plan war. Neunzig Zentimeter Betonfundament und darunter begraben der Mann. Es würde auch nicht lange dauern, dann würden auf dem Fundament Ziegelmauern hochgezogen und ein Haus dastehen. Niemand hätte jemals geahnt, was für ein grausiges Geheimnis in seinem Fundament verborgen war.

Aber all das hatte sich durch Steves Anordnung, noch einmal dreißig Zentimeter tiefer zu graben, verändert. Stirnrunzelnd überlegte Markby. Heute war Montag. Die Bauleute hatten am Freitag bestimmt früher mit der Arbeit aufgehört, um das Wochenende bei ihrer Familie oder in einer Kneipe zu verbringen. Vorher hatten sie den ursprünglichen Graben ausgebaggert. Nehmen wir einmal an, dachte Markby, diese Beerdigung hat Freitag nacht oder sehr früh am Samstagmorgen stattgefunden. Die Totengräber brauchten Licht, um zu arbeiten. Sie? Ja, sie. Die Arbeit kann nicht nur von einem einzelnen erledigt worden sein. Außerdem mußte der Tote hierher transportiert werden … Auf dieser verfluchten neuen Straße waren bestimmt keine Spuren zu sehen, doch vielleicht waren sie an irgendeiner Stelle über offenes Gelände gefahren oder hatten ihre furchtbare Last getragen, und dieser weiche Boden war mit einem Gewirr von Reifen- und Stiefelspuren übersät.

Markby fuhr herum, als Steve keuchend näher kam. Der Architekt blieb stehen, als er die Leiche sah, gab ein ersticktes Gurgeln von sich und flüsterte dann: »O Gott …«

»Alle Arbeiten müssen sofort abgebrochen werden«, sagte Markby energisch. »Niemand darf das Gelände betreten. Wo ist der Polier? Verdammt, diese idiotische Maschine hat wahrscheinlich die Reifenspuren niedergewalzt, wenn es welche gegeben hat. Wir brauchen Abgüsse von den Reifen deines und aller anderen Wagen, die zur Baustelle gehören. Hast du irgendwo Pfähle und Seile, mit denen wir das Gelände provisorisch absperren können.

»J-ja …« Steve versuchte mühsam, sich zusammenzureißen. Patch kam angerannt und flitzte weiter. Steve machte einen Hechtsprung und nahm den kleinen Hund auf die Arme. »Ich bringe Patch nur ins Auto. Gott, Alan, wer ist das?«

»Keine Ahnung. Erkennst du ihn nicht? Sieh ihn dir an, wenn du kannst.«

Steve schluckte und schob sich seitlich vor. Er musterte das schlammverschmierte Gesicht und schüttelte den Kopf. »Nein – hab den Typ noch nie gesehen. Wo ist seine Kleidung?«

Markby schaute sich um. Schlamm, Gräben, Brombeergestrüpp … Wo waren die Sachen des Leichnams? Konnten überall sein. »Setz dich mit dem Polier in Verbindung. Er heißt Hersey, nicht wahr? Er soll seine Leute fragen, ob einer von ihnen zufällig Lumpen oder Kleidungsstücke gesehen hat, egal, wie dreckig oder zerrissen. Und sie sollen dafür sorgen, daß niemand mehr die Baustelle betritt.«

Wir müssen den Fluß absuchen, dachte er, und auch die umliegenden Wäldchen, Felder und Wiesen. Meilenweit. Laut fragte er: »Ist da, wo der Leichnam liegt, die weiche Stelle im Boden, die du zu sehen glaubtest?«

Steve blinzelte. Er war sehr blaß. Patch wand sich in seinen Armen. »J-ja, mehr oder weniger. Der Lehm sieht nicht so kompakt aus.«

»Mit anderen Worten gelockert?«

»Nun – ja … Aber ich dachte nur … Mir ist natürlich nicht im Traum eingefallen, daß jemand da unten gegraben haben könnte – ein – Grab! Weiche Stellen sind in diesem Boden nichts Ungewöhnliches.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden«, sagte Markby. »Ich geb dir ja keine Schuld. Gott sei Dank, daß du darauf bestanden hast, tiefer zu graben, denn sonst hätten wir ihn nicht gefunden.«

»Nein, das hätten wir nicht. Derjenige, der ihn begraben hat, dachte, einen narrensicheren Weg gefunden zu haben, um den Toten loszuwerden, und fast wäre es ihm gelungen.«

»Hast du ein Telefon im Wagen?«

Zwei Tote in sechs Tagen, dachte Markby grimmig. Gewiß, ein Unglück kam selten allein, aber er hoffte, daß das Sprichwort »Aller guten oder schlechten Dinge sind drei« diesmal nicht zutraf. Zwei waren vorläufig genug. Wenigstens gab es keinen Zweifel, wie der Coroner über diesen Todesfall urteilen würde. War jemand eines natürlichen Todes gestorben, zog man ihm nicht die Kleider aus und begrub ihn nicht heimlich da, wo er im Beton eingemauert werden würde. Diesmal hatten sie einen handfesten Mordfall, und keine juristische Haarspalterei konnte das beschönigen.

Patch, der mit ihm im Wagen war, sprang auf und versuchte ihm das Gesicht abzulecken. »Laß das!« befahl Markby und schob ihn sanft beiseite, während er telefonierte, genaue Einzelheiten durchgab, den Arzt und ein Team der Spurensicherung an den Fundort der Leiche beorderte.

KAPITEL 3

»Hallo, Alan«, sagte Dr. Fuller vergnügt. »So sieht man sich wieder. Sie scheinen sie ja überall zu finden. Wir müssen uns gelegentlich privat treffen, damit unsere Zusammenkünfte nicht allzu einseitig werden. Warum besuchen Sie uns nicht wieder mal? Ellen würde sich sehr freuen – wir planen eine unserer kleinen Soireen. Einen Abend mit Johann Sebastian Bach.«

Markby murmelte etwas und schnüffelte. Er verabscheute den Geruch in diesem Raum, süß, Übelkeit erregend, Formaldehyd oder etwas Ähnliches. Er verabscheute diese ganze geschrubbte Sauberkeit und die glänzenden Glasflaschen.

»Das ist eine interessante Leiche, die Sie da gefunden haben«, sagte Fuller, der eine angenehm klinische und positive Einstellung zu seiner Arbeit hatte. »Und an einem interessanten Platz. Ich finde diese Gummistiefel-Jobs oft faszinierender als die üblichen.«

Fuller ließ nichts an sich herankommen. Fuller hatte Frau und Kinder. Fuller kam nach dem Dienst nicht in ein leeres Haus. Markby sah mürrisch zu, als der Pathologe sich an den Schreibtisch setzte, einen Aktenordner aufschlug und mit flinken, oh, so sauber geschrubbten Fingern eine Seite nach der anderen umblätterte. Er begann leise zu pfeifen, und Markby glaubte ein Fragment von Vivaldi zu erkennen. Fuller war ein begeisterter Geiger – wenn auch Amateur. Seine Frau spielte Klavier. Jedes seiner begabten, entnervend artigen Kinder spielte ebenfalls ein Instrument. Sie gaben Musikabende für Freunde. Markby, der so unmusikalisch wie möglich war, hatte mit Mühe einen dieser Abende durchgestanden und keine Lust, mit einem zweiten traktiert zu werden.

»Als ich dort hinauskam und ihn sah«, sagte Fuller, »dachte ich zuerst, Sie hätten eine Opfergabe gefunden.«

»Sie haben was gedacht?« rief Markby verblüfft. Fuller hatte manchmal einen etwas seltsamen Humor. Bei seinem Beruf konnte man vielleicht erwarten, daß er eine Vorliebe für schwarzen Humor hatte; aber das schien selbst für Fuller eine merkwürdige Bemerkung.

»Menschenopfer in den Fundamenten eines neuen Gebäudes zu begraben, war im Altertum ein weithin beliebtes Ritual«, sagte Fuller mit ungehörigem Vergnügen. »In diesem Land war es noch zu Zeiten der Tudors üblich, eine Katze oder einen Hund unter der Schwelle eines neuen Hauses einzubuddeln. Er ist reine Neugier – aber wissen Sie schon, wer unser Knabe ist?«

»Nein. Was können Sie mir sagen?« drängte Markby ungeduldig, weil er hinaus wollte. Opfer – er kam sehr gut ohne sie und ohne Fullers Leichenhallenwitze aus.

»Weiß, männlich, zwischen dreißig und fünfunddreißig. Das Haar schon ausgedünnt. Kein Übergewicht, auch keine Anzeichen von übermäßigem Genuß. Guter körperlicher Zustand. Ich meine, er hat sich fit gehalten.«

»War er so fit wie etwa ein Profi-Sportler oder einfach wie ein Typ, der regelmäßig Squash spielt oder so was?«

»Spekulationen sind nicht mein Ding, Alter. Er hat sich einfach fit gehalten. Lassen Sie mal sehen. Alte Blinddarmnarbe. Gebiß oft repariert – mehrere Zähne mit Gold überkront. Hat nicht mit den Händen gearbeitet. Schöne, weiche, gut manikürte Hände.«

»Fachmännisch manikürt, meinen Sie? Er hat sich die Nägel nicht selbst gepflegt?«

»Ich habe keine Ahnung, Alan. Wie sollte ich auch? Glauben Sie, ich sitze in Schönheitssalons herum?«

»Gut, gut. Wann und wie wurde er getötet?«

»Er wurde am Montagmorgen gefunden. Ich würde sagen, er ist irgendwann am Freitagabend gestorben. Die Totenstarre ist veränderlich, kann innerhalb von wenigen Stunden auftreten und zeigt sich zuerst in den Kiefermuskeln und den Augenlidern, deshalb sollten diejenigen, die anwesend sind, wenn ein Mensch ins Gras beißt, ihm sofort Augen und Mund zumachen. Wenn er vor seinem Tod irgendeinen Streit hatte, tritt die Starre schneller ein. Aber es kann zwölf Stunden dauern, bis der ganze Körper erfaßt ist. Wird er in sehr kalter Erde begraben, kann es den Prozeß verlängern, doch als der Bauarbeiter ihn ausgegraben hat, hatte sich die Totenstarre schon völlig gelöst. Am Rücken hat er deutlich erkennbare dunkle Totenflecken, die dadurch entstehen, daß das Blut nach unten fließt und die tieferen Blutgefäße verstopft. In diesem Fall haben sie sich auf dem Rücken gebildet, weil er mit dem Gesicht nach oben begraben wurde. Sie sind übrigens nicht zu verwechseln mit Blutergüssen, die durch die Einwirkung von Gewalt entstehen. Die Verwesung hat jedoch noch nicht eingesetzt. Das erste Anzeichen zeigt sich gewöhnlich am Unterleib. Ich würde sagen, er ist nicht später als in den frühen Morgenstunden des Samstags und nicht früher als, oh, acht oder neun Uhr am Freitagabend gestorben. Tut mir leid, genauer kann ich es nicht sagen.«

»Dann am wahrscheinlichsten Freitag abend.« Markby schaute zum Fenster und auf den Parkplatz dahinter. »Vermutlich haben sie ihn vor Tagesanbruch begraben, als es nicht mehr ganz dunkel, aber auch noch nicht hell war. Bei Tageslicht wäre es zu riskant gewesen. Sie hätten gesehen werden können. Zwar wird am Wochenende nicht gearbeitet, aber viele Leute nehmen die Gelegenheit wahr, noch einmal hier spazierenzugehen, bevor alles unter Asphalt verschwindet. Ich hab’s um meiner Missetaten willen getan und hab mir das hier aufgehalst.« Er seufzte.

Fuller seufzte aus Mitgefühl ebenfalls, summte aber noch immer vor sich hin.

»Habt ihr seine Kleidung gefunden? Noch nicht? Es ist schwierig, eine Leiche auszuziehen.«

»Das ist mir klar. Sie haben ihn getötet und wahrscheinlich ausgezogen, um alle Hinweise zu beseitigen, für den Fall, daß etwas schiefging und er entdeckt wurde. Dann haben sie seine Leiche an den Ort transportiert, wo er gefunden wurde, noch bevor die Totenstarre ganz eingetreten war. Sie könnten ihn von weither gebracht haben. Bisher haben wir keinen einzigen Hinweis darauf, wo er starb. Wie sieht es mit der Todesursache aus?«

»Schauen wir mal …« Tam-ti-tam-tam. »Nun, er hat mit unserem Freund, dem berühmten stumpfen Gegenstand, ein paar sehr heftige Schläge auf den Rücken und auf den Kopf bekommen, die ihm hier und hier« – Fuller hielt eine Röntgenaufnahme gegen das Licht und zeigte mit dem Kugelschreiber auf zwei Stellen – »den Schädel eingedrückt und aufgeknackt haben wie eine Nuß. Was zu heftigen Blutungen im Gehirn geführt hat.«

»Man hat ihn also buchstäblich zu Tode geprügelt.«

»Nein.« Fuller sah, wie überrascht Markby war, und wiederholte: »Nein. Er muß zunächst bewußtlos gewesen sein, aber hätte man ihn beizeiten ins Krankenhaus gebracht, hätte er vielleicht gerade noch gerettet werden können. Ich sage vielleicht, doch die Chance wäre sehr gering gewesen. Ohne medizinische Behandlung und eine sofortige Operation wäre er an den Verletzungen bestimmt gestorben. Technisch gesehen ist er aber nicht daran gestorben, weil etwas anderes ihn vorher umgebracht hat.« Er legte die Röntgenaufnahme ordentlich in den Ordner zurück und richtete die Papiere mit pedantischer Genauigkeit aus.

Markby wurde nervös. »Kommen Sie, rücken Sie schon damit raus.«

Der Pathologe sagte ruhig und beinahe vergnügt: »Er hatte deutliche Erdspuren in der Lunge.«

Schweigen. Markby fühlte Übelkeit in sich aufsteigen und drängte sie zurück. Er fühlte auch noch etwas anderes, atavistisch und rein instinktiv – die Erregung eines uralten Schreckens; Entsetzen bei der Vorstellung dieses furchtbarsten aller Schicksale. »O Gott«, sagte er schwach. »Sind Sie ganz sicher?«

»O ja. Erde in der Lunge und den Nasengängen. Zweifellos eingeatmet. Die forensischen Tests werden es Ihnen bestätigen, aber ich bin ziemlich sicher, Sie werden feststellen, daß es sich um dieselbe Erde wie in seinem Grab handelt.« Fuller klappte die Akte zu. »Wurde lebendig begraben, fürchte ich. Nicht der geringste Zweifel. Er ist in seinem Grab erstickt.«

»Komm schon, Alan«, drängte Laura. »Lang endlich zu. Paul hat Stunden in der Küche verbracht, um das zu zaubern.«

Markby starrte auf seinen Teller und versuchte vergeblich, die würstchenähnlichen Formen zu identifizieren, die unter einer dunklen Bratensoße lauerten.

»Alouettes sans têtes«, sagte Paul, professioneller Autor von Kochbüchern und Moderator kulinarischer Sendungen, der keine Gelegenheit versäumte, an Familie und Freunden zu üben. »›Kopflose Lerchen‹ heißt es wörtlich übersetzt – Wurstmasse, Zwiebel und Pilze in hauchdünne Kalbfleischschnitzel eingerollt, gekocht in einer Pilz- und Weinsoße.«

»Es riecht natürlich köstlich«, versicherte Markby seinem Schwager. »Und es sieht – hm – interessant aus. Aber ich habe heute ein schreckliches Erlebnis gehabt.«

»Komm schon«, befahl seine Schwester. »Denk nicht mehr an deine Polizeiarbeit.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Warte, bald ruhest auch du" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen