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War deine Liebe nur gespielt?

1. KAPITEL

„Nein.“

Damit hatte niemand gerechnet. Es war sogar das Letzte, was die in der kleinen Dorfkirche versammelten Gäste zu hören erwartet hatten. Dieses eine kleine Wort reichte aus, die glückliche, festliche Atmosphäre zu zerstören. Statt Indias schönster Tag zu werden, wurde er plötzlich zu einem Albtraum.

Noch vor wenigen Sekunden hatte der Pfarrer William Marchant, Indias Onkel, ihr und dem Bräutigam aufmunternd zugelächelt. Und sie hatte ihn mit ihren grünen Augen unter dem Schleier aus feiner Spitze angesehen.

„Jetzt bist du an der Reihe, das Eheversprechen abzulegen, Aidan …“

Der Mann an der Seite seiner Nichte hatte den Kopf gehoben und die Schultern gestrafft, als bereitete er sich auf die Verantwortung vor, die er übernehmen würde. India blickte ihn an und bemerkte seine angespannte Miene. Sogleich hatte ihre Nervosität sich aufgelöst, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht.

Niemals hätte sie geglaubt, dass ihr zukünftiger Mann vor diesem wichtigen Schritt genauso nervös sein würde wie sie. Liebevoll schob sie ihre Hand in seine. Seltsamerweise reagierte Aidan nicht auf diese kleine Geste.

„Aidan, willst du India zu deiner Ehefrau nehmen …?“

Die allen so vertrauten Worte schienen in der mittelalterlichen Kirche wie ein Echo widerzuhallen und in der Luft zu hängen wie der Duft der goldgelben und cremefarbenen Blumen, mit denen der Altar geschmückt war.

India bekam Herzklopfen. Wie lange hatte sie auf diesen Moment gewartet! Jetzt war es endlich so weit. In wenigen Sekunden würde sie Aidans Frau sein, nicht mehr India Marchant, sondern India Wolfe.

„… bis der Tod euch scheidet?“

Ja, ich werde für immer zu ihm gehören, und er wird zu mir gehören, dachte sie.

Der Gedanke war so überwältigend, dass sie nicht merkte, was um sie her geschah. Ihr Onkel hatte aufgehört zu sprechen und wartete auf Aidans Antwort.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass etwas nicht stimmte. Das Schweigen dauerte viel zu lange. Es ließ sich nicht mehr damit erklären, der Bräutigam müsse erst Luft holen oder sich sammeln, ehe er antwortete. Die Sekunden verstrichen, und das Warten zerrte an Indias Nerven.

„Aidan?“ fragte William Marchant schließlich, und neugierige Unruhe breitete sich unter den Hochzeitsgästen aus.

Indias Familie und ihre Freunde hätten sich sicher vorstellen können, dass sie in letzter Minute der Mut verließ, diesen entscheidenden Schritt zu tun. Doch niemand hätte es dem Bräutigam zugetraut. Aidan Wolfe, den man auch den einsamen Wolf nannte, stand in dem Ruf, ein rücksichtsloser Geschäftsmann mit eisernen Nerven zu sein. Dass er einmal unsicher und sprachlos sein würde, hätte jeder für ausgeschlossen gehalten.

„Aidan, willst du …?“

„Nein“, unterbrach Aidan den Pfarrer hart, kalt und beinah wild.

Die Atmosphäre in der Kirche war auf einmal zum Zerreißen gespannt. Lähmende Stille breitete sich aus.

Wieso sagt er Nein? dachte India fassungslos. Es kam ihr vor wie ein Schlag ins Gesicht. Sie rang nach Atem. Es war unmöglich, Aidan konnte nicht Nein gesagt haben. Sie wurde blass und sah den Mann, den sie hatte heiraten wollen, mit großen Augen schockiert an.

Aidan stand stolz und mit hoch erhobenem Kopf da. Mit dem dunklen Haar, dem markanten Profi l und der großen Gestalt wirkte er ungemein attraktiv.

Warme Sonnenstrahlen fielen durch das bemalte Glasfenster auf ihn und schienen um seine Füße herum einen kleinen, glitzernden See auf dem Steinfußboden zu bilden. Von Aidan selbst ging jedoch nichts Warmes oder Freundliches aus. Seine Miene wirkte so streng wie der elegante dunkle Anzug, den er an diesem Tag trug. Bei seinem Anblick stieg Kälte in India auf, und ihr verkrampfte sich das Herz.

Er sah India mit seinen schwarzen Augen, die sie an poliertes Ebenholz erinnerten, nicht an. Er gönnte ihr keinen einzigen Blick und gab durch nichts zu verstehen, dass er sich ihrer Gegenwart überhaupt bewusst war.

„Aidan …“, begann ihr Onkel noch einmal. Er fühlte sich sichtlich unbehaglich, und seine Stimme klang unsicher.

India biss sich auf die Lippe, um nicht vor lauter Entsetzen aufzuschreien.

„Ich habe gesagt, willst du …?“

„Und ich habe Nein gesagt!“ Endlich blickte er India an. Sogleich wünschte sie, sie hätte sich rechtzeitig abgewandt.

Das war nicht mehr der Mann, den sie kennen gelernt und in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Seine Miene wirkte hart, sein Blick verächtlich. Er betrachtete gleichgültig ihr blasses Gesicht und das gelockte, lange schwarze Haar. Auf dem Kopf trug sie eine kleine silberne Krone. Offenbar war er in keiner Weise davon beeindruckt, wie schön sie aussah.

„Aidan …“, begann sie unsicher. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm die Hand auf den Arm legte. Wollte sie seine Aufmerksamkeit erregen, oder wollte sie sich an ihm festhalten, weil sie sich plötzlich ganz schwach auf den Beinen fühlte? Sie befürchtete, in ihrem weißen Kleid aus Seide und Spitze neben ihm zusammenzubrechen.

„Das ist ein schlechter Scherz.“ Es musste ein Scherz sein, anders konnte sie sich sein Verhalten nicht erklären. Sie zauberte ein nachsichtiges Lächeln auf die Lippen.

Er sah sie jedoch feindselig und abweisend an. Seine Miene war düster und verschlossen und kam India vor wie eine undurchdringliche Mauer aus Beton. Grob schob er ihre Hand weg.

„Es ist kein Scherz, Liebling.“ Er sprach das Kosewort so verächtlich aus, dass es wie eine Beleidigung klang. „Ich habe Nein gesagt, und ich meine es ernst.“

Die Hochzeitsgäste hörten verblüfft und schweigend zu. Ihre Gesichter verrieten Fassungslosigkeit und Entsetzen.

„Bitte, das kann nicht dein Ernst sein.“

„O doch, meine Süße“, versicherte er ihr kühl und gleichgültig.

„Aber …“ Der Duft der Blumen kam ihr viel zu schwer, zu intensiv und zu aufdringlich vor. Übelkeit stieg in ihr auf. „Das kannst du unmöglich …“

„Ernst meinen?“ half Aidan ihr ironisch weiter. „Du liebe Zeit, wie oft muss ich es wiederholen? Okay.“

Er umfasste ihr Handgelenk und drehte sie unsanft zu sich um, so dass sie mit dem Rücken zum Altar und dem Gesicht zur Gemeinde stand. Undeutlich sah sie ihren Vater, der in der ersten Reihe saß. Er wurde abwechselnd rot und blass vor Zorn und Betroffenheit. Als er aufstehen wollte, hielt Indias Mutter ihn zurück.

India erinnerte sich unglücklich daran, dass er mit der Heirat sehr lange nicht einverstanden gewesen war. Er hatte sie davor gewarnt, sich an einen Mann mit so einem Ruf und so einer Vergangenheit zu binden. Doch sie war so entschlossen gewesen, dass er schließlich nachgegeben hatte. Jetzt wünschte sie, sie hätte auf ihren Vater gehört.

„Damit es endgültig klar ist: Ich werde dich nicht heiraten.“ Aidans Stimme klang hart, er sprach laut und deutlich, um jedes Missverständnis auszuschließen. „Ich werde dich nicht zur Ehefrau nehmen und keins dieser lächerlichen Versprechen machen, die du von mir vor all diesen Leuten hier erwartet hast.“

India zuckte zusammen, als sie ihn so verächtlich über die Trauungszeremonie und das Gelübde reden hörte. Ihre Hoffnungen zerbrachen, und ihre Träume waren ausgeträumt.

Wie um sich zu schützen, hob sie die Hände und hielt sich die Ohren zu. Aber Aidan zog ihre Hände weg und blickte India feindselig an. „Verdammt, du hörst mir zu! Du sollst dir im Klaren darüber sein, dass ich dich weder jetzt noch später heiraten werde. Lieber würde ich sterben, als mich in so ein Gefängnis zu begeben und mit einer Lüge zu leben.“

„Aber …“

„Nein!“ Er ließ ihre Hände so unvermittelt los, als wären sie vergiftet. Dann atmete er tief ein und fuhr sich mit den Fingern so ungestüm durch das dunkle Haar, dass ihm eine einzelne Locke in die Stirn fiel. „Es tut mir Leid, du musst dich damit abfinden.“

India erinnerte sich daran, wie oft sie ihm in der Vergangenheit das gelockte Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte. Am liebsten hätte sie es auch jetzt getan. Wenn sie ihn berührte, würde er vielleicht …

Seine eisige Miene und sein kühler Blick sagten ihr jedoch, dass sein Entschluss feststand. Plötzlich war ihr alles zu viel, sie konnte die bittere Wahrheit nicht ertragen.

„Es tut dir ja gar nicht Leid!“ rief sie schmerzerfüllt aus. Aidan nickte kaum merklich, als wollte er ihren Vorwurf bestätigen. „Es tut dir nicht Leid, weil … weil …“ Sie verstummte, denn ihr war auf einmal die Kehle wie zugeschnürt.

Es gelang ihr nicht, das auszusprechen, was sie schon die ganze Zeit vermutet hatte. Schon am Anfang ihrer stürmischen und romantischen Beziehung hatte sie gewusst, dass Aidan nicht so viel für sie empfand wie sie für ihn. Sie war völlig verblüfft gewesen, dass dieser wunderbare Mann, der sie aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht hatte, sich für sie entschieden hatte. Deshalb hatte sie, als er ihr den Heiratsantrag machte, auch nicht lange nachgedacht. Sie hatte sogleich Ja gesagt und sogar auf baldige Heirat gedrängt, damit er es sich nicht anders überlegte.

Aber wie konnte er ihr so etwas antun? Wie konnte er so kühl, unbeteiligt und beherrscht dastehen, während eine Welt für sie zusammenbrach?

„Tu das nicht“, stieß sie leise hervor. Ihre Stimme klang beinah so kalt wie seine. „Hüte dich vor meinem Hass!“

Er zuckte desinteressiert und verächtlich die Schultern.

„Ich werde dich aus tiefstem Herzen hassen! Wenn du mir das wirklich antust, werde ich es dir nie verzeihen, Aidan.“

Es war unglaublich, aber er lächelte. „Okay“, antwortete er spöttisch. „Das ist mir recht, meine schöne India. Genau das war meine Absicht.“ Immer noch lächelnd, drehte er sich um und ging durch die Kirche. In der Stille und dem betretenen Schweigen hallten seine Schritte.

„Nein!“ India hob den Schleier hoch und enthüllte ihr blasses Gesicht. Ihre grünen Augen funkelten wie Smaragde, und sie hatte die schönen, vollen Lippen zusammengepresst. „Das kannst du nicht machen! Du kannst mich nicht einfach hier stehen lassen!“

Aidan warf ihr einen flüchtigen Blick über die Schulter zu. „Und ob ich das kann.“

Ohne nachzudenken, riss sie ihrer verblüfften Brautjungfer das Rosenbouquet aus der Hand. „Das kannst du nicht!“ rief sie aus und warf das Bouquet hinter ihm her. Die cremefarbenen Rosen, die sie so liebevoll ausgesucht hatte, flogen in seine Richtung.

Entweder war es Intuition, oder irgendeine Bewegung, die er aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, hatte ihn gewarnt. Jedenfalls wirbelte er so geschmeidig wie eine Raubkatze herum und fing das Bouquet auf.

Über die Köpfe der Hochzeitsgäste hinweg sahen er und India sich sekundenlang in die Augen. Sie kam sich vor wie ein kleines wildes Tier, das wie erstarrt in den Scheinwerfern eines herannahenden Autos stand. Dann senkte er den Blick und betrachtete das Bouquet. Nachdenklich drehte er es in der Hand herum, ehe ein keineswegs freundliches Lächeln seine Lippen umspielte.

Er hob die Blumen spöttisch hoch. „Man sagt, dass die Person, die den Brautstrauß auffängt, als Nächster oder Nächste heiraten wird. Darauf möchte ich jedoch verzichten. An der Seite einer Frau als Sklave zu leben ist für mich nicht erstrebenswert.“

India konnte kaum glauben, was sie da hörte. Als Sklave zu leben. Er tat gerade so, als hätte sie ihn in eine Falle gelockt. Dabei war er derjenige gewesen, der den Heiratsantrag gemacht hatte.

Es war bestimmt kein Trick gewesen, um sie in sein Bett zu bekommen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn sie hatten sich beide nie zurückgehalten, was Sex anging.

„Vielleicht hast du mit einem anderen Mann mehr Glück.“ Verächtlich warf er ihr das Bouquet vor die Füße. „Du hast gesagt, du wolltest einen reichen Mann heiraten, mein Liebling. Es tut mir Leid, ich werde nicht dieser Mann sein, auch wenn ich der Erste bin, der durch jene Tür hereingekommen ist.“

In dem Moment wurde India klar, was er meinte. Unglücklich stöhnte sie auf.

„Passt gut auf! Ich werde einen reichen Mann finden, der mich nach Strich und Faden verwöhnen kann. Ich habe nicht vor, darauf zu warten, dass er zu mir kommt. Den nächsten reichen Mann, der durch diese Tür kommt, werde ich nach allen Regeln der Kunst verführen. Er wird mir nicht widerstehen können, und ich wette, ich habe seinen Ring am Finger, ehe er überhaupt weiß, wie ihm geschieht.“

Es war ein Scherz gewesen. India wollte es ihm jetzt erklären. Sie brachte jedoch kein Wort über die Lippen, weil sie wusste, dass es nur die halbe Wahrheit war. Als sie diese Bemerkung auf der Party ihrer Freundin gemacht hatte, hatte sie es auch in gewisser Weise ernst gemeint.

Wenig später war Aidan hereingekommen, und India hatte alles vergessen, was zuvor geschehen war und was sie gesagt hatte. Sie war so beeindruckt gewesen, dass sie an nichts anderes mehr hatte denken können.

Doch woher wusste Aidan, worüber sie mit ihrer Freundin geredet hatte? Er war in dem Moment noch gar nicht im Haus gewesen – oder etwa doch?

„Aidan …“, begann sie verzweifelt. Ihre Stimme war jedoch so leise, dass Aidan sie nicht hören konnte. Aber er hätte ihr sowieso nicht zugehört. Das verriet ihr seine wie versteinert wirkende Miene. Ihr kurzes Zögern hatte ihm gereicht, um von ihrer Schuld überzeugt zu sein.

„Es tut mir Leid“, sagte er gleichgültig. „Du musst mit dem zufrieden sein, was du bekommen hast. Mehr kann ich dir nicht geben. Aber gib die Hoffnung nicht auf, mein Liebling. Es gibt noch mehr reiche Männer.“

Mit großen Augen saßen die Hochzeitsgäste schweigend und bestürzt da. Sie konnten das Drama kaum fassen, das sich da abspielte.

Meine Familie, meine Freunde, überlegte India unglücklich. Sie hatte gewusst, dass Aidan keine Angehörigen mehr hatte. Und weil sie so rasch hatten heiraten wollen, hatten seine Freunde nicht kommen können, wie er behauptet hatte. Jetzt fragte sie sich natürlich, ob er sie überhaupt eingeladen hatte. Wie lange hatte er schon geplant, sich zu rächen und sie öffentlich zu demütigen?

„Ich bin sicher, ein anderer Mann wird dir gern den Gefallen tun und dich heiraten. Erwarte jedoch nicht von mir, dass ich dann noch hier bin und dabei zusehe.“ Er verließ die Kirche und verschwand aus ihrem Leben, ohne sich noch einmal umzudrehen.

2. KAPITEL

Als India nach einem langen, anstrengenden Tag ins Haus ging, fielen ihr als Erstes die Blumen auf. Instinktiv wusste sie, dass es Ärger geben würde. Dabei hatte sie schon genug Stress gehabt.

Die goldgelben Rosen, die auf der Eichenkommode auslagen, leuchteten im Schein der Abendsonne. Keine Frage, sie waren wunderschön. Normalerweise hätte ihr Anblick Indias Herz erfreut.

Aber sie erinnerte sich sogleich an das sehr ähnliche Bouquet, das vor genau einem Jahr in der Kirche vor ihren Füßen gelegen hatte.

„Erwarte nicht von mir, dass ich dann noch hier bin und dabei zusehe“, waren Aidans letzte Worte gewesen. India erbebte. Sie hatte das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben. Dass das alles schon ein Jahr her war, konnte sie kaum glauben.

Als sie seine abweisende, verschlossene Miene gesehen hatte und seinem kühlen Blick begegnet war, war ihr klar gewesen, dass er nicht zurückkommen würde. Aidan Wolfe war ein stolzer, rücksichtsloser Mann. Von gesellschaftlichen Konventionen hielt er nicht viel. Er war ein Selfmademan und hatte sich aus eigener Kraft ein Firmenimperium aufgebaut. Er stand in dem Ruf, hart und unnachgiebig zu sein und keine Nachsicht zu kennen. India hätte jedoch schwören können, dass er sich bei ihr von einer anderen Seite gezeigt hatte.

Doch wie gut hatte sie ihn überhaupt gekannt? Sie hatten sich sechs Wochen vor der geplanten Hochzeit kennen gelernt. India erinnerte sich an Janes Worte auf jener schicksalhaften Party.

„Du liebe Zeit, India, nein!“ hatte ihre Freundin ausgerufen. Ihre Miene war plötzlich ernst geworden, als India erklärt hatte, der Mann ihrer Träume sei gerade hereingekommen. „Nicht Aidan Wolfe! Jede Frau, die sich mit ihm einlässt, bereut es früher oder später.“

„Wieso?“ fragte India und betrachtete interessiert den großen, muskulös wirkenden Mann mit dem dunklen Haar und der faszinierenden Ausstrahlung. Zu dem schwarzen Hemd und der schwarzen Hose trug er ein schwarzes Leinenjackett. „Ist er ein Herzensbrecher?“

„Er macht die Menschen fertig.“ Jane erbebte dramatisch. „Er behandelt alle gleich, egal, ob es sich um Frauen oder Geschäftspartner handelt. Er nimmt sich, was er haben will. Sobald er es hat, sind die Menschen für ihn uninteressant. Es geht sogar das Gerücht um, ihm fehle ein bestimmter Körperteil, ganz zu schweigen von irgendwelchen Gefühlen. Ich habe dich jedenfalls gewarnt“, hatte Jane hinzugefügt.

India gestand sich ein, dass sie nicht auf ihre Freundin hatte hören wollen. Es hatte sie nicht interessiert, wer und was er war, ob er arm oder reich, erfolgreich oder ein Versager war. An Liebe auf den ersten Blick hatte sie bis dahin nicht geglaubt. Aber in dem Moment war sie so sehr aus dem seelischen Gleichgewicht geraten wie noch nie zuvor.

Mit einer für sie untypischen Direktheit war sie auf ihn zugegangen und hatte sich vorgestellt.

„Sie wissen es vielleicht nicht“, erklärte sie aufgeregt und beinah hysterisch, „aber ich bin die Frau, auf die Sie Ihr Leben lang gewartet haben.“

„So?“ Aidan zog eine Augenbraue hoch und musterte sie mit seinen dunkelbraunen Augen langsam von oben bis unten. „Wissen Sie, dass Sie vielleicht Recht haben?“

Dann hatte er ihr einen Drink angeboten. Das Ende der Geschichte war bitter gewesen. Wäre ich doch vorsichtig gewesen, dachte sie. Die Wahrheit war, sie hatte Aidan Wolfe nie richtig gekannt oder höchstens auf eine ganz bestimmte Art.

Sie errötete, als sie sich daran erinnerte, wie leidenschaftlich sie sich geliebt hatten. Und diese leidenschaftlichen, sinnlichen Gefühle hatten letztlich zu der dramatischen Entwicklung geführt. Innerhalb kurzer Zeit war sie in Aidans Bett gelandet und hatte seinen Heiratsantrag angenommen. Der überstürzt festgesetzte Termin für die Hochzeit hatte es ihm ermöglicht, sie zu verletzen.

Ihre Liebe hatte sich in abgrundtiefen Hass verwandelt. Dieser Hass half ihr, die dunklen Tage nach der gescheiterten Hochzeit zu überstehen. Jeden Morgen, wenn sie sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen und versteckt hätte, gab ihr Hass ihr die Kraft, aufzustehen und die neugierigen Blicke und gefl üsterten Kommentare der Dorfbewohner zu ignorieren. Wenn sie sich ihrem Schmerz hingegeben hätte, hätte Aidan gewonnen. Dann wäre sein erbarmungsloser Plan, sie zu demütigen, gelungen. India wäre lieber gestorben, als ihm diesen Erfolg zu gönnen.

Deshalb hatte sie sich gezwungen, so weiterzuleben wie bisher. Mit hoch erhobenem Kopf und einem Lächeln auf den Lippen war sie durch das Dorf gegangen. Offenbar hatte sie ihre Sache gut gemacht, denn die Leute waren überzeugt gewesen, es sei ihr egal, dass Aidan sie hatte sitzen lassen. Am Ende hatte sie es beinah selbst geglaubt – bis jetzt.

„Wann sind die Blumen gekommen?“ fragte sie ihren Bruder leicht beunruhigt.

„Jemand von Coogan’s hat sie um zwei Uhr gebracht.“

Gary merkte nicht, wie sehr sie sich bemühte, ihre Emotionen unter Kontrolle zu behalten. Aber er war ja auch erst vierzehn Jahre alt. Wahrscheinlich hatte er sowieso vergessen, was vor genau einem Jahr geschehen war.

„Hat man gesagt, von wem sie sind?“ Warum ausgerechnet pünktlich um zwei Uhr? überlegte sie. Nur jemand, der die Bedeutung des Tages, der Uhrzeit und der Farbe der Rosen kannte, konnte die Blumen geschickt haben. India hatte einen Verdacht und fühlte sich unbehaglich.

„Nein. Irgendwo liegt doch die Karte.“

Sie fand sie und öffnete zögernd den Umschlag.

„Wer ist A?“ Gary sah ihr neugierig über die Schulter. „Ein heimlicher Verehrer?“

„Nein, bestimmt nicht.“

Wusste Gary es wirklich nicht? Konnte er es sich nicht denken, dass es Aidan war? Am liebsten hätte sie die Karte zerrissen und mit dem Bouquet weggeworfen. Nur der Gedanke, dass Aidan vermutlich so eine emotionale Reaktion hatte bewirken wollen, hielt sie davon zurück.

Dass es jemand anders als Aidan gewesen sein könnte, brauchte sie nicht zu hoffen. Nur er war zynisch genug, genau zu der Uhrzeit und an dem Datum, an dem vor einem Jahr die Trauung hätte stattfi nden sollen, Rosen in derselben Farbe, wie sie sie damals ausgesucht hatte, zu schicken. Doch weshalb war Aidan immer noch so grausam und rachsüchtig? Er musste sie sehr hassen. Und das nur wegen einer dummen, unüberlegten Bemerkung.

„Ich nehme sie heute Abend mit ins Krankenhaus“, verkündete sie. Sie wollte die Rosen nicht behalten. „Es wird sich bestimmt jemand darüber freuen.“

„Aber …“ Gary sah sie verblüfft an und runzelte die Stirn. „Sie sind für dich, zu deinem …“

„Sie sind nicht für meinen Geburtstag bestimmt, Gary. Außerdem habe ich zu viele andere Probleme, um überhaupt an meinen Geburtstag zu denken.“

Müde fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar und strich sich einige schwarze Strähnen aus dem Gesicht. Sie war blass und sah erschöpft aus.

„Mom bleibt wieder im Krankenhaus, deshalb brauche ich nur für dich und mich das Abendessen zu kochen. Es gibt ein Fertiggericht, denn ich habe nicht viel Zeit. Jim holt mich nachher ab. Ich will einige Stunden an Dads Bett sitzen und Mom ablösen.“

„Ist sein Zustand unverändert?“ fragte Gary besorgt. „Oder gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, dass er aus dem Koma erwacht?“

„Leider keine“, erwiderte India.

Gary biss sich auf die Lippe, und seine Augen schimmerten feucht. India setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand auf den Arm. Jede andere Geste des Mitgefühls würde er nicht zulassen, das wusste sie aus Erfahrung.

Das Bouquet war vergessen. Stattdessen erinnerte sie sich an die Atmosphäre auf der Intensivstation, an die Geräte und Schläuche, an die ihr Vater angeschlossen war. „Aber seine Atmung funktioniert glücklicherweise wieder. Wir können nichts anderes tun als warten.“

„Das tun wir doch schon tagelang“, antwortete Gary rau und ängstlich. Der Junge war verzweifelt darüber, dass sein Vater so krank war.

„Ich weiß, Gary.“ India fand es beinah genauso unmöglich wie Gary, sich mit der Krankheit ihres Vaters abzufi nden. Er war noch nicht einmal fünfzig und hatte ohne Vorwarnung vor einer Woche einen Schlaganfall erlitten. „Leider können wir nichts anderes tun. Er ist in guten Händen. Wir müssen Geduld haben.“

„Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast, Jim“, bedankte India sich einige Stunden später bei James Hawthorne, der Jim genannt wurde, und drehte sich müde lächelnd zu ihm um. „Ich hätte mich nicht selbst ans Steuer setzen können. Deshalb bin ich wirklich froh über deine Hilfe.“

„Du weißt, ich helfe dir gern.“ James strich sich das braune Haar glatt, das der Wind leicht zerzaust hatte, und lächelte India freundlich an.

Sie warf einen Blick auf das Haus. Außer der Lampe im Flur, die sie angelassen hatte, brannte kein Licht mehr. „Offenbar ist Gary schon ins Bett gegangen. Hoffentlich verzeihst du mir, dass ich dich nicht noch zu einem Kaffee einlade.“

„Da gibt es nichts zu verzeihen“, antwortete der junge Mann unbekümmert, während India die Tür öffnete. „Ich wäre sowieso nicht mit hineingekommen. Du bist völlig erschöpft und brauchst Schlaf.“

„Ja, ich werde mich sogleich hinlegen.“ India seufzte. „Ich habe das Gefühl, ich könnte eine ganze Woche lang schlafen. Was für ein Geburtstag.“

„Wir feiern ihn, sobald es deinem Vater besser geht“, versicherte Jim ihr. „Bis morgen.“

India wollte aussteigen. Doch plötzlich drehte sie sich um und küsste ihn auf die Wange. „Du warst so gut zu mir. Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.“

Er lächelte sie an. „Ich tue alles für dich, das weißt du. Du brauchst mich nur zu fragen.“

Sie spürte, dass er sich mehr wünschte als nur einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange, und das machte sie ganz nervös. Hastig stieg sie aus. „Wir sehen uns morgen. Fahr bitte vorsichtig.“

Es liegt nicht an Jim, dass ich nichts für ihn empfi nde, überlegte sie traurig, als sie beobachtete, wie der Wagen in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

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