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War alles nur ein heißes Spiel?

1. Kapitel

 

Als Tess an der Galerie vorbeifuhr, fiel ihr der Mann auf, der davor stand. Hatte sie sich den feindseligen Blick, den er ihr zugeworfen hatte, nur eingebildet? Ärgerte er sich darüber, dass sie einige Minuten zu spät kam? Ungeduldig verdrängte sie die Gedanken. Sie sah Gespenster. Der Fremde wartete bestimmt nicht auf sie.

Morgens um diese Zeit war der Parkplatz, auf dem sie den Wagen ihrer Schwester Ashley abstellte, noch leer. Die meisten Geschäfte an der Promenade von Porto San Michele öffneten nicht vor zehn Uhr. Die Besitzer der Läden neben der Galerie hielten sich nur selten an die eigenen Öffnungszeiten. Aber sie waren nett und hilfsbereit. Tess war für die Ratschläge dankbar, die sie erhielt, seit sie vor drei Tagen die Vertretung ihrer Schwester übernommen hatte.

Tess ging durch die Hintertür in die Medici Galleria, wie die Galerie hieß. Dann schaltete sie die Alarmanlage im Verkaufsraum aus und stellte fest, dass der Mann immer noch dastand. Vielleicht wollte er zu Ashley und wusste nicht, dass sie weggefahren war. Ich muss mich wohl um ihn kümmern, dachte Tess und ging in das kleine Büro. Ashleys Chef wäre sicher nicht erfreut, wenn Tess einen möglichen Kunden warten ließ. Nachdem sie sich kurz im Spiegel betrachtet hatte, durchquerte sie die Galerie und öffnete das Gitter vor der Tür. Dabei musterte sie den Besucher genauer.

Er war sehr groß und beeindruckend attraktiv. Außerdem wirkte er weltmännisch und so erotisch, dass Tess erbebte.

Ja, der Mann war genau Ashleys Typ. Wahrscheinlich war es eher ein privater als ein geschäftlicher Besuch. Tess machte die Tür auf und hätte sie am liebsten sogleich wieder geschlossen, als der Mann spöttisch eine Augenbraue hochzog.

Sie zauberte jedoch ein Lächeln auf die Lippen. "Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?" fragte sie höflich.

Der Fremde verzog die Lippen und schob schweigend die Hände in die Taschen seines Jacketts, ehe er hereinkam. Was will er? Soll ich ihn durch die Galerie führen? überlegte Tess. Sie war sich sicher, dass er kein Tourist war. Und ein Kunstsammler war er vermutlich auch nicht, denn die Gemälde, die in der Galerie ausgestellt waren, fanden kaum das Interesse von Experten.

In seinem Gesicht mit den markanten, aristokratisch wirkenden Zügen spiegelte sich Verachtung, während er sich umsah. Tess zögerte. Sollte sie ihn sich selbst überlassen oder noch einmal ihre Hilfe anbieten? In dem anthrazitgrauen Designeranzug sah er so elegant und geschäftsmäßig aus, dass sie sich in ihrem Outfit sehr bescheiden vorkam. Sie wünschte, sie hätte an diesem Morgen etwas anderes angezogen als den knöchellangen Baumwollrock, das Top mit den dünnen Trägern und die flachen Sandaletten.

Schließlich blickte der Fremde Tess mit seinen goldbraunen Augen an, und sie wäre am liebsten zurückgewichen. Gleichgültig musterte er ihre schlanke Gestalt. Er war offenbar jünger, als sie zunächst geglaubt hatte.

"Miss Daniels", sagte er ruhig, "es ist … aufschlussreich, Sie endlich kennen zu lernen." Er machte eine Pause. "Ich muss zugeben, Sie sind anders, als ich Sie mir vorgestellt habe", fügte er dann verächtlich hinzu. "Dennoch werden Sie mir jetzt verraten, wo ich meinen Sohn finden kann."

Tess war verblüfft. Der Mann hielt sie für Ashley. Aber woher sollte Ashley wissen, wo sich sein Sohn befand? Sie war in England, um ihre Mutter zu pflegen.

"Hier liegt wahrscheinlich ein Missverständnis vor", begann Tess. "Ich …"

Der Mann ließ sie jedoch nicht ausreden. "Nein, Miss Daniels. Sie wissen genau, wo Marco sich aufhält. Der … Privatdetektiv hat gesehen, dass Sie mit meinem Sohn in ein Flugzeug gestiegen sind", fuhr er sie an.

"Wie bitte? Das ist überhaupt nicht möglich."

"Warum nicht? Weil Sie jetzt hier sind?" fragte er ungeduldig. "Sie haben einen Flug nach Mailand gebucht, sind aber offenbar in Genua ausgestiegen. Jedenfalls waren Sie und Marco nicht mehr an Bord, als der Flieger in Malpensa gelandet ist. Deshalb bin ich hier. Seien Sie froh, dass ich Sie gefunden habe."

"Ich bin nicht Miss Daniels." Du liebe Zeit, was rede ich da? dachte Tess. "Sie verwechseln mich. Ich bin nicht Ashley Daniels, sondern ihre Schwester", korrigierte sie sich rasch.

Ungläubig sah der Mann sie an. "Eine bessere Ausrede fällt Ihnen wohl nicht ein, oder?"

"Es ist wirklich wahr", bekräftigte sie empört. "Ich bin Teresa Daniels, werde jedoch von allen Tess genannt." Als er ihr immer noch nicht zu glauben schien, hatte sie plötzlich eine Idee. "Ich kann es beweisen, denn ich habe meinen Pass in der Tasche. Genügt Ihnen das als Beweis?"

Er kniff die Augen zusammen. "Zeigen Sie ihn mir", forderte er sie auf.

Tess war überrascht über seinen scharfen Ton. Aber sie eilte in das kleine Büro, zog ihren Pass aus der Umhängetasche und reichte ihn dem Fremden, der ihr gefolgt war. Als ihr bewusst wurde, dass er ihr den Weg versperrte, geriet sie in Panik. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war, der etwas über ihre Schwester zu wissen glaubte.

Stimmte es vielleicht, was er behauptet hatte?

"Hören Sie", begann sie, während er ihren Pass durchblätterte, "ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie wollen. Aber Sie können nicht einfach hier hereinkommen und Ashley _beschuldigen …"

"Meinen Sohn entführt zu haben?" unterbrach er sie ärgerlich und warf den Pass auf den Schreibtisch. Dann fuhr er sich mit der Hand durch das volle dunkle Haar. "Dass Sie die Schwester sind, ändert nichts. Marco ist mit Ihrer Schwester verschwunden. Sie wissen, wo die beiden sind."

"Nein!" rief Tess aus. "Das heißt, natürlich weiß ich, wo meine Schwester sich aufhält. Sie ist in England und pflegt ihre kranke Mutter."

"Und Sie vertreten sie?"

"Ja. Ich bin Lehrerin und habe gerade Ferien."

"Sie lügen, Miss Daniels. Was Sie da erzählen, kann nicht wahr sein. Warum musste Ihre Schwester extra nach England fliegen, um Ihre Mutter zu pflegen? Das hätten Sie doch auch tun können."

"Sie ist nicht meine Mutter", erwiderte Tess hitzig. "Nach dem Tod meiner Mutter hat mein Vater wieder geheiratet. Es tut mir Leid, dass Ihr Sohn verschwunden ist. Aber damit habe ich nichts zu tun."

"Das stimmt nicht", entgegnete er und trat endlich einige Schritte zurück. Als Tess an ihm vorbei in den Ausstellungsraum ging, folgte der Fremde ihr. "Egal, was Sie behaupten, Miss Daniels, Ihre Schwester ist nicht bei ihrer kranken Mutter", erklärte er. "Sie und Marco treiben sich irgendwo in Italien herum, denn er hat seinen Pass nicht mitgenommen."

"Von Entführung zu reden finde ich absurd. Falls Ashley und Ihr Sohn wirklich zusammen weggefahren sind, was ich sehr bezweifle, geht das nur die beiden etwas an."

"O nein", antwortete er verächtlich. "Mein Sohn ist erst sechzehn, Miss Daniels. Er sollte eigentlich mit jungen Leuten seines Alters zusammen sein und sich nicht mit zehn Jahre älteren Frauen herumtreiben."

Tess schluckte. Ashley würde sich nicht mit einem Sechzehnjährigen einlassen, sondern eher mit dem Vater des Jungen. Außerdem war Ashley in England. Sie hatte Tess vor einigen Tagen angerufen und gebeten, sie in den Osterferien in der Galerie zu vertreten.

"Wieso sind Sie sich so sicher, dass meine Schwester sich mit Ihrem Sohn herumtreibt, wie Sie es ausgedrückt haben, wenn Sie sie gar nicht persönlich kennen?" fragte Tess. Hatte der Mann etwa Recht? Auszuschließen war es nicht. Ashley war alles zuzutrauen.

Er warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. "Wahrscheinlich bin ich ihr einmal kurz begegnet, aber ich kann mich nicht an sie erinnern. Ich war eine Zeit lang geschäftlich im Ausland und habe meine Assistentin gebeten, mit Ihrer Schwester zu reden. Sie hat versprochen, Marco klarzumachen, dass die … Beziehung keine Zukunft hat. Wie alt ist sie eigentlich? Fünfundzwanzig? Jedenfalls viel zu alt für einen Sechzehnjährigen."

"Sie ist achtundzwanzig", sagte Tess, obwohl es völlig unwichtig war. Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. Hatte Ashley sie etwa belogen?

Als Ashley ihr erzählt hatte, sie müsse ihre kranke Mutter pflegen, war Tess überrascht gewesen. Ihre Schwester hatte sich noch nie gern um ihre wehleidige Mutter gekümmert und war wahrscheinlich deshalb nach Italien gegangen. Doch dass Ashley so weit gehen würde, sich mit einem Sechzehnjährigen einzulassen, konnte Tess sich kaum vorstellen. Es gab nur eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden: Tess musste Andrea, ihre Stiefmutter, anrufen.

"Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll", flüsterte sie und fuhr sich mit den Fingern durch das hellblonde Haar. Sie hatte es vor der Reise nach Italien schneiden lassen, war sich jedoch nicht sicher, ob ihr die Kurzhaarfrisur wirklich stand. Sie machte sie eher noch jünger als etwas älter, wie sie gehofft hatte.

"Verraten Sie mir, wo die beiden sich aufhalten", forderte er sie nun gereizt auf. "Mir ist natürlich klar, dass Sie Ihrer Schwester gegenüber loyal sein wollen. Aber Sie müssen doch selbst zugeben, dass es so nicht weitergehen kann."

"Ich weiß nicht, wo die beiden sind", erwiderte Tess. Plötzlich begriff sie, was sie da gesagt hatte. "Angeblich hält Ashley sich in England auf", korrigierte sie sich rasch.

"Okay, dann rufen Sie sie an", verlangte er. "Wenn sie bei ihrer Mutter ist, werde ich mich selbstverständlich dafür entschuldigen, dass ich Sie belästigt habe."

"Und wenn sie nicht da ist?" fragte Tess beunruhigt.

"Sie sind sich doch ziemlich sicher, dass sie bei ihrer Mutter ist", erinnerte er sie und kniff die Lippen zusammen.

Mit diesem Mann ist nicht zu spaßen, hoffentlich war _Ashley das klar gewesen, als sie sich mit seinem Sohn eingelassen hatte, überlegte Tess. Aber es stand ja noch gar nicht fest, ob es stimmte, was der Fremde behauptete. Sie blickte ihn nachdenklich an.

"Wie soll ich den Anruf denn begründen?" Ich darf ihn nicht so lange ansehen, sonst glaubt er noch, ich würde mich für ihn interessieren, mahnte sie sich.

Sekundenlang zögerte er. "Sagen Sie ihr, Castelli hätte nach ihr gefragt. Dann weiß sie Bescheid."

Das bezweifelte Tess nicht. "Gut, ich rufe sie an. Würden Sie mir bitte Ihre Telefonnummer geben, damit ich Sie informieren kann?"

Castelli zog die dunklen Augenbrauen zusammen. "Rufen Sie sie bitte jetzt an, Miss Daniels. Ich warte solange."

Tess hielt sekundenlang den Atem an. Der Mann war entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Doch Tess wollte sich nicht länger von ihm einschüchtern lassen. "Nein, das mache ich später. Würden Sie mich jetzt bitte entschuldigen? Ich muss arbeiten."

"Ach ja?" Er sah sich leicht spöttisch in der Galerie um. "Es wimmelt hier nicht gerade von Kunden, Miss Daniels."

Sie versteifte sich. "Ich habe Ihnen versprochen, Ashley anzurufen, und ich werde es auch tun. Reicht Ihnen das nicht?"

"Miss Daniels, Sie haben vor irgendetwas Angst", stellte er ungeduldig fest. "Seien Sie vorsichtig. Ich könnte auf den Gedanken kommen, Sie hätten mich die ganze Zeit belogen."

"Also bitte", rief sie ärgerlich aus. "Das muss ich mir nicht mehr anhören. Es ist nicht meine Schuld, dass Ihr Sohn so dumm ist, sich mit einer deutlich älteren Frau einzulassen. Sie sind doch der Vater. Fühlen Sie sich nicht für Ihren Sohn verantwortlich?"

Castelli stand schweigend da und wirkte wie eine Raubkatze, die bereit war, sich jeden Moment auf die Beute zu stürzen. Plötzlich verzog er die Lippen. Sein Lächeln wirkte ausgesprochen verführerisch. So etwas wie Bewunderung spiegelte sich in seinem Gesicht. "Sieh einer an, das Kätzchen hat Krallen."

Obwohl Tess entschlossen gewesen war, nicht nachzugeben, entschuldigte sie sich. "Die Bemerkung tut mir Leid. Es geht mich nichts an."

"Da haben Sie Recht", stimmte er ihr zu. "Leider war mein Sohn immer schon sehr eigenwillig. Aber ich hätte meinen Ärger nicht an Ihnen auszulassen brauchen." Er blickte Tess so freundlich und durchdringend an, dass sie erbebte.

Sie fühlte sich auf einmal sehr verletzlich. Was war los mit ihr? Sie war doch kein Teenager mehr. "Ach, es ist jetzt auch egal", brachte sie schließlich hervor.

"Nein, das ist es nicht", widersprach er ihr. "Ich hätte Ihre Glaubwürdigkeit nicht anzweifeln dürfen. Würden Sie mir bitte die Telefonnummer Ihrer Schwester geben, damit ich sie selbst anrufen kann?"

Tess hätte am liebsten laut gestöhnt. Sie hatte schon gehofft, das Schlimmste sei überstanden, und dann kam er mit diesem Vorschlag. Nachdem er sie mit seinen Blicken durcheinander gebracht hatte, wollte er sie jetzt völlig fertig machen. Er hatte nur die Taktik geändert.

Sie schüttelte hilflos den Kopf. Die Telefonnummer konnte sie ihm nicht geben, das war unmöglich. Er durfte nicht mit Ashleys Mutter sprechen. Wenn Andrea hörte, dass ihre Tochter verschwunden war, wäre sie außer sich.

"Ich halte das für keine gute Idee", entgegnete Tess und wünschte sich verzweifelt, es würden Kunden hereinkommen. "Ashleys Mutter geht es nicht gut. Sie soll sich nicht aufregen."

Castelli seufzte. "Miss Daniels …"

"Nennen Sie mich doch Tess", unterbrach sie ihn.

"Okay, Tess." Er atmete tief aus. "Warum würde sie sich über meinen Anruf aufregen? Es ist nicht mein Stil, meine Gesprächspartner einzuschüchtern."

Aber genau das tat er. Mit seiner Arroganz und seiner dominanten Art schüchterte er die Menschen ein. Wer war dieser Mann? Wie beurteilte seine Frau die Situation? Vermutlich war sie genauso entsetzt über die Beziehung ihres Sohnes mit einer Frau Ende zwanzig wie ihr Mann.

Tess hatte ihn schon viel zu lange angesehen und wandte sich ab. Wenn Marco seinem Vater ähnlich war, konnte sie verstehen, dass Ashley sich zu dem Jungen hingezogen fühlte. Falls es überhaupt stimmte, was Castelli behauptete.

"Mrs. Daniels kennt Sie nicht", erwiderte sie energisch. "Und wenn Ashley gerade nicht zu Hause ist, regt sich ihre Mutter natürlich über Ihren Anruf auf."

"Das verstehe ich nicht." Wieder blickte er sie mit seinen goldbraunen Augen durchdringend an. "Kommen Sie, Tess, seien Sie ehrlich. Sie befürchten, dass Ashley nicht bei ihrer Mutter ist. Stimmt's?"

"Ja", gab sie widerstrebend zu. "Ich kann die Möglichkeit nicht ganz ausschließen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie mit Ihrem Sohn zusammen ist. Vielleicht braucht sie nur Ruhe und hat sich irgendwohin zurückgezogen."

"Das glauben Sie selbst nicht, oder?" fragte er freundlich und ließ die Hand langsam über seine Seidenkrawatte gleiten. Diese Geste wirkte seltsam erotisch, was ihm sicher nicht bewusst war. Die Sinnlichkeit, die er ausstrahlte, gehörte genauso zu seiner Persönlichkeit wie sein markantes Gesicht, sein muskulöser Körper und der Designeranzug. "Ich habe das Gefühl, Sie sind viel zu verständnisvoll. Hoffentlich ist Ihrer Schwester klar, was für eine loyale kleine Freundin sie an Ihnen hat."

Musste er sie daran erinnern, dass sie relativ klein war? "Ich rufe jetzt in England an", verkündete sie ärgerlich. "Aber wenn Ashley bei ihrer Mutter ist …"

"Dann mache ich es irgendwie wieder gut", versprach er ihr ruhig. "Wenn Ihre Schwester Ihnen ähnlich ist, kann ich verstehen, dass Marco sich zu ihr hingezogen fühlt."

"Behandeln Sie mich nicht so gönnerhaft." Seine herablassende Art machte sie zornig. "Ashley ist ganz anders als ich. Sie ist groß und hat dunkles Haar."

"Ah ja", antwortete er nachsichtig. "Offenbar habe ich Sie beleidigt. Verzeihen Sie mir. Da Sie die jüngere Schwester sind …"

"Das bin ich nicht", unterbrach sie ihn hitzig. "Ich habe Ihnen doch gesagt, dass mein Vater nach dem Tod meiner Mutter wieder geheiratet hat."

"Ich kann es nicht glauben." Er schüttelte den Kopf. "Haben Sie vorhin nicht behauptet, Ihre Schwester sei achtundzwanzig?"

"Ja, und ich bin zweiunddreißig", erklärte Tess ungeduldig. Nach kurzem Zögern fuhr sie ruhiger fort: "Sparen Sie sich bitte die Bemerkung, ich würde jünger aussehen. Schon seit zehn Jahren versuche ich vergeblich, die Leute davon zu überzeugen, dass ich älter bin als die Kinder, die ich unterrichte."

Castellis Lächeln wirkte beunruhigend charmant. "Die meisten Frauen würden Sie darum beneiden. Meine Mutter gibt ein kleines Vermögen dafür aus, nicht so alt auszusehen, wie sie ist."

"Ich bin eben anders als die meisten Frauen", entgegnete sie. "Und jetzt rufe ich in England an. Dann ist die Sache erledigt."

2. Kapitel

 

Raphael di Castelli ging angespannt in der Galerie hin und her. Am liebsten hätte er sich neben Tess gestellt, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich ihre Schwester in England anrief. Tess wirkte ehrlich und unschuldig, aber er hatte keinen Grund, ihr zu vertrauen.

Aus Höflichkeit blieb er im Ausstellungsraum. Er war überzeugt, dass er Recht hatte. Verdicci, der Privatdetektiv, den er engagiert hatte, hatte sich nicht getäuscht. Marco war mit einer Frau an Bord des Flugzeugs nach Mailand gegangen.

Das Gespräch schien endlos lange zu dauern. Schließlich kam sie aus dem Büro, und Castelli spürte, wie aufgewühlt sie war. Ihre Wangen waren gerötet. Sie ist ganz bezaubernd, dachte er und stellte sich vor, wie sie morgens nach dem Aufwachen aussehen würde. Rasch verdrängte er das beunruhigende Bild wieder, das vor ihm aufstieg. Tess bedeutete ihm nichts. Ihre Naivität gefiel ihm, das war alles.

"Sie ist nicht in England", stieß Tess unvermittelt hervor.

Raphael war erleichtert darüber, dass seine Informationen richtig waren. Zugleich war er aber auch resigniert.

"Sie hatten Recht", fügte Tess hinzu und sah ihn reumütig an. Ihm fiel auf, wie dicht und lang die dunklen Wimpern waren, die ihre grünen Augen umrahmten. "Okay, Sie hatten Recht, und ich habe mich geirrt. Was machen wir jetzt?"

"Wir?" fragte er und zog die Augenbrauen hoch.

"Ich meine, was soll ich jetzt machen?" korrigierte sie sich leicht verlegen. "Ich kann nicht wer weiß wie lange hier bleiben. In zehn Tagen fängt die Schule wieder an."

"Für Marco auch", stellte Raphael frustriert fest. "Was hat Ihre Schwester denn gesagt, als sie Ihnen die Schlüssel zur Galerie übergeben hat? Hat sie erwähnt, wann sie zurückkommt?"

Tess seufzte. "Wir haben uns gar nicht gesehen." Sie legte die Hände in den Nacken. Dabei rutschte ihr Top hoch.

Unwillkürlich betrachtete er ihre nackte Taille und stellte sich vor, wie weich und zart ihre Haut sich anfühlen würde. Dann nahm er sich zusammen. "Sie haben sich nicht gesehen?" wiederholte er. "Das verstehe ich nicht."

"Ashley hat mich angerufen", erklärte Tess. "Sie hat behauptet, ihre Mutter sei krank, und mich gefragt, ob ich sie für einige Tage in der Galerie vertreten könne. Angeblich war sie besorgt und wollte so rasch wie möglich nach England fliegen. Die Schlüssel hat sie beim Hausmeister hinterlegt."

"Demnach sind Sie aneinander vorbeigeflogen."

"So kann man es nennen. Ashleys Mutter und ich leben in verschiedenen Landesteilen."

"Ah ja." Er nickte. "Deshalb konnte sich Ihre Schwester ziemlich sicher sein, dass es nicht herauskommen würde."

"Vermutlich." Tess schüttelte den Kopf. "Ich finde es unglaublich, dass sie gedacht hat, niemand würde etwas merken. Ich hätte nur aus irgendeinem Grund Andrea, ihre Mutter, anzurufen brauchen."

"Aber das haben Sie nicht getan."

"Nein." Sie zuckte die Schultern. "Ashley weiß, dass Andrea und ich uns nicht besonders nahe stehen."

"Sie waren doch offenbar noch ein kleines Kind, als Ihre Mutter gestorben ist." Raphael ärgerte sich sogleich über seine Taktlosigkeit. "Hat sich die zweite Frau Ihres Vaters nicht um Sie gekümmert?" fügte er hinzu.

Tess schüttelte wieder den Kopf. "Andrea war schon immer etwas … wehleidig. Sie wäre damit überfordert gewesen, zwei kleine Kinder zu versorgen. Ich bin bei der Schwester meiner Mutter aufgewachsen. Sie war unverheiratet und auch Lehrerin."

Andrea Daniels scheint genauso gefühllos und egoistisch zu sein wie ihre Tochter, dachte er. Tess tat ihm Leid. "Man hat uns beide hereingelegt", stellte er sanft fest. "Schade, dass Ihre Schwester kein Handy hat. Marco hat seins ausgeschaltet."

"Ashley hat doch eins", rief Tess aufgeregt aus und lächelte. "Wieso habe ich daran nicht gedacht?"

Raphael fand ihr Lächeln viel zu verführerisch. Er atmete tief aus. "Haben Sie die Nummer?"

"Natürlich." Tess lief in das Büro und kam wenige Sekunden später mit einem Zettel in der Hand zurück. "Hier, das ist sie. Wollen Sie sie anrufen?"

Plötzlich waren sie so etwas wie Verbündete. Auch Tess wollte jetzt wissen, wo ihre Schwester war. Er durfte sich jedoch nicht mit ihr anfreunden, denn sie würde im Zweifelsfall zu ihrer Schwester halten.

"Wenn Sie möchten, spreche ich mit ihr", antwortete er höflich. "Aber vielleicht wäre es besser, Sie würden es tun. Wenn sie meine Stimme hört …"

"Ja, stimmt." Tess wusste, was er meinte. Sie ging wieder ins Büro und erschien wenig später mit enttäuschter Miene. "Ashley hat das Handy auch ausgeschaltet." Sie seufzte. "Es sieht so aus, als hätten Sie Recht gehabt. Was wollen Sie jetzt machen?"

"Ich werde wahrscheinlich weitersuchen", erwiderte er. "Zwischen Porto San Michele und Genua gibt es viele Urlaubsorte. Vielleicht hat Ihre Schwester am Flughafen ein Auto gemietet. Es wird jedenfalls nicht leicht sein, die beiden zu finden."

"Hm." Nachdenklich befeuchtete sie sich die Lippen, und er beobachtete sie fasziniert. "Informieren Sie mich, wenn Sie Ashley gefunden haben?"

Raphael war sich noch nicht sicher, ob er Tess wiedersehen wollte. Sie war viel zu jung für ihn und zu verletzlich. Obwohl sie älter war als ihre Schwester, war sie nicht so erfahren wie Ashley. Aber weshalb machte er sich so viele Gedanken? Tess hatte nicht gefragt, ob sie sich wiedersehen würden, sondern wollte nur über den Aufenthaltsort ihrer Schwester informiert werden.

"Ja", versprach er ihr und durchquerte den Raum. An der Tür blieb er stehen und drehte sich zu Tess um, um sich zu verabschieden. Sie stand seltsam verloren und einsam da. "Rufen Sie mich auch an, falls Sie vor mir etwas herausfinden?" fragte er.

Sie sah ihn mit großen Augen an. "Ich habe Ihre Telefonnummer doch gar nicht."

Er ärgerte sich über seine unüberlegte Bemerkung. Seine private Telefonnummer wollte er ihr nicht geben. Deshalb reichte ihr seine Geschäftskarte, dann konnte Giulio ihren Anruf entgegennehmen. Als Tess unabsichtlich seine Finger berührte, durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass er sie begehrte und sich zu ihr hingezogen fühlte. Doch weshalb weckte sie so seltsame Gefühle in ihm? Er verstand sich selbst nicht. Er schien wirklich in einer Midlife-Crisis zu stecken. Zu Frauen wie Tess hatte er sich bisher nicht hingezogen gefühlt, sondern weltgewandte und elegante Frauen bevorzugt, die Designeroutfits und hochhackige Schuhe trugen und nie ohne Make-up ausgingen.

Vigneto di Castelli las Tess auf der Visitenkarte und sah ihn überrascht an. "Sie haben ein Weingut", stellte sie leise fest. "Wie aufregend. Ich habe noch nie zuvor einen Winzer kennen gelernt."

Ihre Schwester auch nicht, dachte Raphael spöttisch. Er vermutete, dass es Ashley nur um Geld ging. "Es ist ein relativ kleines Weingut", erklärte er abweisend.

"Trotzdem …" Sie lächelte, und wieder war Raphael sich viel zu sehr bewusst, wie anziehend diese Frau war. Es wurde Zeit, dass er sich verabschiedete, ehe er sie noch einlud, ihn zu Hause zu besuchen. Seine Mutter wäre entsetzt, wenn er mit einer Frau wie Tess ankäme.

"Wir sehen uns, Signorina", sagte er höflich und drehte sich um.

"Ich heiße Tess", erinnerte sie ihn und blickte hinter ihm her.

Der Name passt zu ihr, er klingt kapriziös und sehr weiblich, überlegte Raphael, während er in seinen Wagen stieg.

 

Wie Raphael befürchtet hatte, erwartete seine Mutter ihn bei einem Cappuccino auf der überdachten Terrasse der Villa Castelli. Sie war eine große, elegante Frau und Mitte sechzig.

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