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War Hitler krank?

INHALT

  1. 1. Wahn, Konstruktion und Wirklichkeit: Wozu eine medizinische Hitler-Biografie?
  2. 2. Der kranke Hitler: Ein Projekt der Geschichtsschreibung
  3.  Irrwege der Psychohistorie: Judenhass als »Wahn«
  4.  Der rationale Kern von Hitlers Judenhass: Zweckmäßigkeit
  5.  Die Ermordung der Juden: Der Prozesscharakter des Holocaust
  6.  2007: Dani Levys Mein Führer und die wissenschaftliche Begründung einer Hitler-Persiflage
  7.  Erbkrankheiten? Die lückenhafte Überlieferung zu Hitlers Vorfahren
  8.  1918: Gasvergiftung und Hypnose
  9.  Angebliche Zwangshandlungen: Händewaschen, Bazillenangst und die Syphilis
  10.  Hitlers Genitalien
  11.  Schwul = krank, Hitlers »Homosexualität« im Spiegel der Quellen und Verlautbarungen
  12.  Der heterosexuelle Hitler: Bilanz der Recherchen
  13.  1976: Der jüdische Arzt Eduard Bloch als »Ursache« des Judenmords
  14.  1963: Die Masern als Entschuldigung
  15.  Schellenbergs Legenden
  16.  Das Kokain und Dr. Giesings Erzählungen
  17. 3. Hitlers Ärzte: Leibarzt Morell und andere
  18.  3.1. Ärztliche Behandlungen bis 1934
  19.  3.2. Hitlers Leibarzt und Begleitärzte
  20.   a) Leibarzt Theodor Morell (1886–1948)
  21.   b) Hitlers Begleitärzte
  22.    Karl Brandt (1904–1948)
  23.    Hanskarl von Hasselbach (1903–1981)
  24.    Ludwig Stumpfegger (1910–1945)
  25.    Hugo Blaschke (1881–1959)
  26.    Erwin Giesing (1907–1977)
  27.   c) Die Spezialisten
  28.    Carl Otto von Eicken (1873–1960)
  29.    Walter Löhlein (1882–1954)
  30.    Alfred Nißle (1874–1965)
  31.    Arthur Weber (1879–1975)
  32.    Hitlers Ärzte: Ein Resümee
  33. 4. Ein Blick in Hitlers Apotheke – Die Medikamente und ihre Auswirkungen
  34.  4.1. Die Medikamente
  35.   Abführmittel
  36.   Präparate
  37.  4.2. Suchtverhalten
  38.   Zum »Barbiturat-Alkohol-Typ«
  39.   Pervitin (bzw. Speed)
  40.   Vitamultin = Pervitin?
  41.   Strychnin
  42.   Eukodal
  43.   Kokain
  44. 5. Der medizinische Befund
  45.  5.1. Akute Erkrankungen
  46.   a) Das »Lungenleiden«: Krankheiten in Adolf Hitlers Kindheit und Jugend
  47.   b) Hitler im Ersten Weltkrieg
  48.   c) Die wiederkehrende Heiserkeit und die Bildung von Polypen
  49.   d) Die Ruhrerkrankung und angebliche Führungsschwäche Hitlers 1941
  50.   e) Herbst 1944: Die »Gelbsucht« und der Ärztestreit
  51.   f) Oktober 1944: Mandelentzündung
  52.    Schlussfolgerung
  53.  5.2. Chronische Krankheiten
  54.   a) Das Reizdarm-Syndrom
  55.   b) Notwendiger Exkurs: Hitlers vegetarische Ernährung
  56.   c) Koronarsklerose
  57.   d) Bluthochdruckkrankheit
  58.   e) Parkinson-Krankheit
  59.   f) Chronische Weitsichtigkeit und akute Augenerkrankungen
  60.   g) Zähne
  61. 6. Erkrankungen Hitlers und der Krieg
  62.  6.1. Hitlers Gesundheitszustand und die   Entscheidungen des Jahres 1941
  63.  6.2. Die Jahreswende 1942/43 und die Schlacht bei   Stalingrad
  64.  6.3. Der Krieg im Jahr 1943: Die Schlacht im   Kursker Bogen
  65.  6.4. Strategische Festlegungen 1944
  66.  6.5. Die medizinischen und politischen Folgen   des Attentats
  67.  6.6. Die Ardennenoffensive im Spiegel der   Aufzeichnungen des Leibarztes
  68.  6.7. Im Bunker: Wie irrational waren Hitlers   Entscheidungen 1945?
  69.  6.8. Testament und Tod
  70. 7. Abschließender Befund
  71. 8. Anhang
  72.  8.1. Dank
  73.  8.2. Archivbestände
  74.  8.3. Verzeichnis der verwendeten Literatur (Auswahl)
  75.  8.4. Bildnachweise
  76.  8.5. Personenregister
  77.  8.6. Glossar
  78.  8.7. Abkürzungsverzeichnis

1.    WAHN, KONSTRUKTION UND WIRKLICHKEIT: WOZU EINE MEDIZINISCHE HITLER-BIOGRAFIE?

»Eigentlich ist Hitler nie krank gewesen«, sagte Hitlers langjähriger Leibarzt Professor Dr. med. Theodor Morell im September 1945 zu Professor Dr. med. Karl Brandt, dem chirurgischen Begleitarzt des Führers. Ob Morell diesen Satz tatsächlich genau so äußerte, wissen wir nicht. Fest steht, dass Brandt, der wenig später wegen seiner Verbrechen gehenkt wurde, diesen Satz Morells seinem amerikanischen Vernehmer im Lager »Camp Siebert« so ins Protokoll diktierte. Brandt und Morell saßen gemeinsam in einer Zelle des Internierungslagers ein und sprachen, wenn sie miteinander redeten, über Hitler.

Kein Jahr zuvor war Brandts Karriere abrupt zu Ende gegangen – Morells wegen und wegen einer »Gelbsucht« Hitlers, die Brandt auf eine jahrelange Falschbehandlung des Führers und Reichskanzlers durch dessen Leibarzt zurückführte. Morell habe Hitler »abhängig« gemacht von »mobilisierenden, d.h. aufpeitschenden Arzneien«, meinte Brandt, und außerdem überflüssigerweise mit Vitaminen und Sulfonamiden behandelt. Die ganze deutsche Ärzteschaft habe sich »dafür geschämt«, dass ein Mensch mit derart »primitiven Anschauungen« Hitlers Leibarzt hatte werden können.1

Glaubwürdig sind die Äußerungen beider Ärzte nicht. Brandt biederte sich mit seinen ausführlichen Aussagen über Morell und Hitler bei den amerikanischen Offizieren an, um seinen Kopf zu retten. Ihm war klar, dass er für den Mord an mehr als 70000 Menschen zur Verantwortung gezogen werden würde, denn er war es, den Hitler 1939 mit der Tötung der »unheilbar Geisteskranken« beauftragt hatte.2 Morell wiederum befürchtete, dass er bald an seiner Herzerkrankung sterben könnte; ihm ging es um sein Bild in der Geschichte. Er versuchte Brandt, trotz häufiger Herzattacken und gelegentlicher Desorientierungsphasen, zu suggerieren, dass er Hitler keinesfalls falsch behandelt hätte. Er rechtfertigte sich immer wieder und lenkte Brandt bewusst davon ab, dass er Hitler durchaus wegen ernst zu nehmender Krankheiten behandelte.

Der Streit der beiden Professoren3 in einer Gefängniszelle hat, im wahrsten Sinne des Wortes, Geschichte geschrieben. Denn die einander widersprechenden Aussagen der Ärzte Brandt und Morell bestimmen die historische Debatte bis heute. Noch immer suchen Ärzte, Psychologen und Historiker nach den Erklärungen für die Völkermorde, die in der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden, und widmen sich unter verschiedenen Blickwinkeln notwendigerweise auch den Krankheiten, Erkrankungen und angeblichen Perversionen des Diktators. Noch intensiver forschten die Zeitgenossen nach Erklärungen: Warum waren sie einem Mann gefolgt, der die größte Katastrophe in der deutschen Geschichte verursacht hatte? Dabei dachten sie nicht an die Millionen Ermordeten, sondern an ihr eigenes Leid, die Millionen toten Soldaten, die Teilung des Landes, an Flucht und Vertreibung.

Die Erklärung, Hitler sei größenwahnsinnig geworden, irgendwann »übergeschnappt« und vielleicht doch irgendwie »krank gewesen«, war die einfachste und naheliegendste. Nicht wenige Bücher verbreiteten nach 1945 die Legenden vom »guten Beginn« des NS-Regimes und seiner Entartung. Kein Zweifel: Bis 1939 war Hitler für die meisten Deutschen der »Hoffnungsträger der Nation«4, Millionen hatten das Gefühl, politisch ernst genommen und verstanden zu werden.5 Umso enttäuschter wandten sie sich von ihm ab, als sie sahen, in welches Elend er sie stürzte und welche verbrecherischen Handlungen er in deutschem Namen begehen ließ.6 Nicht selten wurde die Frage gestellt: »Was wäre gewesen, wenn …« Zum Beispiel, wenn Hitler 1938 oder auch 1944 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre.7 Nicht zuletzt erhofften sich die Leser dieser Bücher ebenso wie deren Autoren, etwa die unzähligen Verfasser von Memoiren, auch Entlastung. Der Historiker Hannes Heer brachte die Stimmung der Nachkriegsjahre auf den Punkt: »Hitler war’s.«8 Und wenn Hitler allein verantwortlich war und man sich in ihm nicht völlig getäuscht haben sollte, dann lag es nahe, an einen Hitler zu glauben, dessen Persönlichkeit sich verändert hätte, vielleicht sogar unter dem »schädlichen Einfluss« seines Leibarztes Theodor Morell. Denn jener hatte Hitler, so will es das Gerücht, mit »Drogen« vollgepumpt und völlig falsch behandelt.9

Analysierende Zeitgenossen kamen zu anderen Schlüssen. Die Verschwörer des 20. Juli 1944 erkannten in Hitlers Persönlichkeit das Übel an sich und versuchten, ihn zu eliminieren.10 Auch der aus Österreich emigrierte Psychiater Walter C. Langer attestierte Hitler 1943 in einem Gutachten für den CIA-Vorläufer OSS »sadistische Züge« und suizidale Neigungen. Für ihn war klar, dass Hitler den Krieg keinesfalls vorzeitig beenden würde. Erst nach dessen Tod, so der Psychiater, könne in Europa Frieden herrschen. Langers Diagnose, so ungenau sie sich aus heutiger Sicht im Detail präsentiert, sollte sich zumindest in diesem Punkt bestätigen.11 Das Ergebnis ist bedrückend. Mehr als 55 Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs getötet. Sie starben durch Kampfhandlungen und vorsätzlich geplanten Völkermord.

Nicht zuletzt deshalb haben Generationen von Fach- und Amateurhistorikern versucht, Hitlers apokalyptisches Wirken in der Geschichte zu erklären. Eine Reihe von Büchern aus der Feder namhafter Historiker nimmt in der Hitler-Literatur einen festen Platz ein. Zu nennen ist hier vor allem der britische Historiker Ian Kershaw, der mit seiner zweibändigen Hitler-Biografie Maßstäbe setzte.12 Kershaw rekonstruierte Hitlers Entscheidungen und sein Handeln, ohne sich auf das Glatteis psychologischer Erklärungen zu begeben. Psychologen hätten zwar immer wieder versucht, herauszufinden, »was genau falsch war mit Hitler«. Jedoch glaube er nicht, »dass wir das wissen müssen«. Schon deshalb sei eine psychohistorische Diagnose schwierig, weil Hitler eben »nie auf einer Couch« gelegen hätte und wir schlichtweg zu wenig über seine Kindheit und seine Adoleszenz wüssten.13 Trotzdem »diagnostizierte« Kershaw in seinem aktuellen Werk über die »Wendepunkte« des Zweiten Weltkriegs bei Hitler eine »persönliche paranoide Fixierung auf die Juden« und beschrieb den Holocaust letztlich als die Folge von dessen »kranken Ideen«.14

War die Ermordung von Millionen Menschen also das Ergebnis eines Wahns oder gar einer psychischen Erkrankung?

Die Annäherung an das, was als Wahrheit über Hitler gelten kann, wurde in heftigen Debatten geführt.15 Seit der Oxford-Professor – und Churchill-Mitarbeiter – Alan Bullock 1952 die erste quellengestützte Hitler-Biografie veröffentlichte, ist die Debatte um das »Rätsel Hitler« nicht verebbt.16 Unermüdliche Rechercheure wie Anton Joachimsthaler und Werner Maser beförderten den Erkenntnisprozess ebenso wie deutungsmächtige Publizisten, etwa der FAZ-Herausgeber Joachim Fest und der Stern-Kolumnist Sebastian Haffner.17 Zahllose Historiker wandten sich bestimmten Abschnitten in Hitlers Biografie zu und betrachteten zum Beispiel dessen Wiener Zeit18, edierten seine verschollen geglaubten Schriften19 oder analysierten sein Verhältnis zu Frauen und zur Sexualität.20 Auch die lange Zeit abwartenden deutschen Militärhistoriker haben sich inzwischen zur genauen Bestimmung der Rolle des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht, also Hitlers, im Zweiten Weltkrieg durchgerungen.21 Sogar ideologisch fragwürdige Autoren wie der Holocaust-Leugner David Irving oder der Berliner Professor Ernst Nolte trugen zum Erkenntnisprozess bei, nicht zuletzt deshalb, weil sie neue Quellen erschlossen, Denkanstöße gaben und polemische Fragen stellten, die von seriösen Historikern anders beantwortet werden mussten.22 Doch erst nach dem Ende des Kalten Kriegs gelang es, ein stabiles Fundament von Fakten und Erkenntnissen über Ingangsetzung, Durchführung, Ausmaß und Beteiligte des Völkermords zu legen, das seriöses Argumentieren ermöglicht.23 Gesamtdarstellungen der Judenvernichtung etwa von Saul Friedländer, Christopher Browning und Peter Longerich sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung.24 Sie ermöglichen nun endlich auch die genaue Rekonstruktion der Rolle Hitlers in diesem Vernichtungsprozess.

Der inzwischen erreichte Stand der Forschung erlaubt es jetzt, die medizinische Biografie des Diktators neu zu bewerten.

Als bisher zuverlässigste Studie aus diesem Bereich muss das Buch Patient Hitler von Ernst Günther Schenck gelten. Die Studie des 1945 entlassenen Hochschullehrers trägt keine persönliche Handschrift und enthält keine politischen Wertungen, wohl auch deshalb, weil Schenck als SS-Standartenführer tief in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt war.25

Als Fritz Redlichs medizinische Biografie über Hitler erschien,26 schrieb Christina Berndt am 24. November 1998 in der Süddeutschen Zeitung, dass mit seinem Werk nun »eine umfassende medizinische wie psychologische Biografie des Diktators« vorliege, die Ian Kershaw sogar als »die gründlichste Erforschung von Hitlers Gesundheitszustand« bezeichnete, »die es je gab«.27 So detailliert Redlichs Analyse ist, sind jedoch nicht alle Zitate hinreichend belegt, nicht wenige der herangezogenen Quellen sind von der historischen Forschung als unzuverlässig eingestuft worden.28 Der Diagnose des Seniors der amerikanischen Sozialpsychiatrie, die Hitler als einen »destruktiven und paranoiden Propheten« beschreibt, wird hier insgesamt nicht widersprochen, da Redlich deutlich macht, dass er eine »psychiatrische« Einstufung als »ungenaue Verallgemeinerung« verwirft. Denn, so Redlich, durch eine solche Etikettierung sei »nichts gewonnen außer einem irreführenden Gefühl des Wissens«.29

Sowohl aus Sicht des Arztes wie des Historikers ist das Eingeständnis erlaubt, dass Geschichte nicht zu hundert Prozent rekonstruierbar ist. Auch Biografien können nur gedeutet, niemals mit allen Facetten nachvollzogen werden. Jenseits philosophischer Überlegungen muss dies schon deshalb konstatiert werden, weil uns Hitler keine zuverlässig deutbaren Selbstzeugnisse hinterlassen hat, etwa ein Tagebuch. Im Gegenteil: Der aufstrebende Politiker und spätere Diktator des Deutschen Reiches war stets bemüht, die Spuren seiner Vergangenheit zu verwischen. Als er an der Macht war, ließ er alle schriftlichen Zeugnisse über seine Jugend und Familie beschlagnahmen und verbot ihre Verbreitung.30 Die spärlichen Äußerungen in seinen nächtlichen Monologen über sein gesundheitliches Befinden haben eher den Charakter von Randbemerkungen, sodass er auch in seinen Tischgesprächen nichts zum Thema beigetragen hat.31 Die einzige Quelle, die er für seine Krankengeschichte gelten ließ, war sein Buch Mein Kampf, die von ihm selbst verfasste Lebensgeschichte.32

Noch am 31. März 1945, als Leibarzt Theo Morell nach »mehrmals vorgehabter Aufzeichnung einer Krankengeschichte« Hitler abermals um die Erlaubnis dafür bat, erhielt er »wie in früheren Jahren« diese unmissverständliche Abfuhr von ihm: »Ich war nie krank. Es gibt darüber nichts aufzunotieren.«33 Und der Hitler-Biograf Joachim Fest urteilte: »Die Frage nach der Natur der Hitler’schen Krankheit bleibt unauflösbar.« Keine der verschiedenen Diagnosen könne »überzeugend begründet oder zurückgewiesen werden«, meinte Fest noch 2002.34

Da jedoch vieles »aufnotiert« wurde und das zu Papier Gebrachte immer wieder neu gedeutet wird, lohnt sich der genaue Blick auf den angeblich »kranken«, »schwulen« und vom »Wahn besessenen« Diktator durchaus. Denn der nur zufällig zum Leibarzt Hitlers aufgestiegene Morell fertigte zwischen 1941 und 1945 ausführliche Tagesnotizen an, schon aus Angst vor möglichen Repressalien seitens des SS-Sicherheitsdienstes und der Gestapo, wenn Hitler »etwas zugestoßen« wäre. Als »Leibarzt des Führers« hätte er Rede und Antwort stehen müssen, denn selbstverständlich hätte er als Hauptverdächtiger gegolten, etwa im Fall einer Vergiftung. Deshalb nahm er auch Vorsorgeuntersuchungen ernst und hielt alle Krankheiten Hitlers und seine ärztlichen Maßnahmen fest, sodass sie jederzeit zu überprüfen waren.

Diese Tagesaufzeichnungen haben wir erneut ausgewertet, weil sich bisherige Darstellungen, etwa die des Holocaust-Leugners David Irving, häufig als falsch oder im Fall des einstigen SS-Offiziers Ernst Günther Schenck als unzureichend erwiesen.

Darüber hinaus wurden von uns neue Quellen erschlossen, zum Beispiel in bisher unzugänglichen oder unbeachteten Aktenbeständen der SS. Außerdem schien eine Neubewertung bestimmter zeitgenössischer medizinischer Diagnosen angebracht, da nur so eine zuverlässige Einordnung in den historischen Zusammenhang möglich war.

Nicht zuletzt erschien eine Klarstellung auch deshalb notwendig, weil der Streit um die Beurteilung des damaligen »Hochverräters« und späteren Diktators noch immer andauert. Dabei handelt es sich nicht nur um Debatten im Elfenbeinturm der Wissenschaften. Wöchentlich, wenn nicht sogar täglich, wird auch der Fernsehzuschauer im Sendebereich der TV-Satelliten der ASTRA-Gruppe auf ca. 350 Fernsehprogrammen mit Dokumentationen über Hitler und dessen politische Entscheidungen konfrontiert. Nicht selten werden dabei Erkenntnisse als sensationell neu präsentiert, die aus dem Jahr 1943 stammen und veraltet sind.35

Sowohl die historische als auch die medizinische Forschung haben seitdem eine grundlegende Wandlung erfahren und, wenn man dieses Wort verwenden möchte, erhebliche Fortschritte gemacht. Inzwischen ist es durchaus möglich, überzeugende Begründungen für die Annahme oder Ablehnung bestimmter Diagnosen zu liefern. Dazu war es aber notwendig, auch den Weg der Forschung zu rekonstruieren und interpretatorische Irrwege als solche zu kennzeichnen. Denn sowohl medizinische als auch historische Deutungsmuster sind vom wissenschaftlichen Erkenntnisstand ebenso wie vom Zeitgeist geprägt.

Die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Historiker erwies sich dabei als überaus fruchtbar, weil es darum ging, Hitler als Person begreifbar zu machen, die sich in der Rückschau nur als Mischung historischer, rekonstruierbarer Fakten und einer gesteuerten Wahrnehmung deuten lässt.36 Die Sicht auf Hitlers medizinische Biografie berührt dabei private Bereiche seines Lebens ebenso wie hochpolitische. Wie weit sich das Persönliche mit dem Politischen vermischte, was also für den Aufbau einer Diktatur, die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und millionenfachen Mord den Ausschlag gab, ist heftig umstritten. Wir hoffen, dass unser Buch als konstruktiver und interdisziplinärer Beitrag zu diesem Klärungsprozess verstanden wird.

    Hans-Joachim Neumann und Henrik Eberle

    Berlin und Halle im Februar 2009

1 1946 wurde das Lager, in dem zahlreiche hochrangige Nationalsozialisten vernommen wurden, umbenannt und hieß nach einem 1944 gefallenen Colonel »Camp King«. Hinweis von Manfred Kopp, Leiter des Projekts »Erinnerungsorte der Zeitgeschichte – Das Gelände Camp King 1933–1993«. Aufzeichnung Brandts in Oberursel nach dem Kontakt mit Morell am 19.9.1945. BA kl. Erw. 411–3.

2 Vgl. Schmidt, Ulf: Hitlers Arzt Karl Brandt, Medizin und Macht im Dritten Reich, Berlin 2009.

3 Hitler hatte beiden den Titel Professor verliehen: Morell gewissermaßen ehrenhalber, als sogenannter Titularprofessor, Brandt im Zuge einer Beförderung zum außerplanmäßigen Professor an der Berliner Universität.

4 So Traudl Junge noch in einer persönlichen Mitteilung 2001. Analog: Dönitz, Karl: Zehn Jahre und zwanzig Tage. Erinnerungen 1935–1945, Bonn 1997, S. 468. Ian Kershaw entwickelte aufgrund von Stimmungsberichten eine Kurve der Popularität Hitlers, die auch durch andere Quellen belegt wird. Vgl. Kershaw, Ian: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, München 2003.

5 Vgl. Frei, Norbert: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft, München 2007, S. 211.

6 Vgl. Kershaw: Hitler-Mythos. Einen Überblick u.a. zur moralischen Motivation des Widerstands gibt Ueberschär, Gerd R.: Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat, Frankfurt am Main 2006.

7 So Joachim Fest 1973 in seiner erfolgreichen Hitler-Biografie. Vgl. Fest, Joachim: Hitler. Eine Biographie, München 2003, S. 37. Erneut zitierend der Chefkommentator der BILD-Zeitung Claus Jacobi am 3.1.2009, BILD, Bundesausgabe, S. 2. Zu den Möglichkeiten und Grenzen vorurteilsfreier fiktionaler Geschichtsschreibung äußerte sich Demandt, Alexander: Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre gewesen, wenn …? Göttingen 2001. Grundlegend zur Philosophie des »Als-ob«: Vaihinger, Hans: Logische Forschungen über die Fiktion, Straßburg 1876.

8 Heer setzt sich auch intensiv mit Fests Thesen auseinander. Hannes Heer: »Hitler warÕs«. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin 2008.

9 Es gibt auch die Auffassung, dass praktisch alle führenden Politiker des NS-Regimes süchtig waren. Vgl. Pieper, Werner (Hg.): Nazis on Speed. Drogen im Dritten Reich, Löhrbach 2002.

10 Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 1969.

11 Langer, Walter C.: Das Adolf Hitler Psychogramm. Eine Analyse seiner Person und seines Verhaltens, verfasst 1943 für die psychologische Kriegführung der USA, Wien, München, Zürich 1973, S. 230.

12 Kershaw, Ian: Hitler, München 2002.

13 Kershaw, Ian: »Warum Hitler möglich war«, in: Berner Zeitung 22.4.2005, auf www.solothurn.ch/artikel_83512.html.

14 Kershaw, Ian: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41, München 2008, S. 553 und 595.

15 Die Widerlegungen (also notwendigen Falsifikationen im Sinne Karl Poppers) erfolgten dabei oft in Form von persönlichen Angriffen, nicht als wissenschaftlicher Streit, was Klärungen manchmal eher erschwerte als erleichterte.

16 Bullock, Alan: Hitler. Eine Studie über Tyrannei, Düsseldorf 1953.

17 Haffner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler, München 1978.

18 So widerlegte die Historikerin Brigitte Hamann unzählige Legenden und Lügen über Hitlers Jugend und seinen Aufenthalt in Wien. Zugleich rekonstruierte sie das politische Klima in der Stadt. Vgl. Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München und Zürich 1996.

19 Institut für Zeitgeschichte (Hg.) mit Einleitung und Kommentar von Weinberg, Gerald L.: Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, Stuttgart 1961.

20 Sigmund, Anna Maria: Die Frauen der Nazis, München 2005; sowie dieselbe: Diktator, Dämon, Demagoge. Fragen und Antworten zu Adolf Hitler, München 2006.

21 Wegweisend und diskussionswürdig ist der Beitrag von Wegner, Bernd: Deutschland am Abgrund, in: Frieser, Karl-Heinz (Hg.): Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8), München 2007, S. 1165–1209.

22 Zur innerdeutschen Geschichtsdebatte, die letztlich immer wieder um die Verbrechen des Nationalsozialismus kreist, vgl. Sabrow, Martin/Jessen, Ralph/Große Kracht, Klaus: Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003. Die Verdienste und Defizite der Hitler-Forschung beschrieb anschaulich Lukacs, John: Hitler, Geschichte und Geschichtsschreibung, Berlin 1999.

23 Neben dem erst nach 1991 möglichen Zugang zu osteuropäischen Archiven ist hier das skandalöse Versagen der deutschen Geschichtswissenschaft zu nennen. Doch auch die maßgebliche Arbeit Raul Hilbergs über die Vernichtung der europäischen Juden blieb jahrelang ungedruckt und erschien erst 1990 in einer vollständigen deutschen Übersetzung. Zusammenfassend dazu die Polemik Götz Alys, »Logik des Grauens«, in: Die Zeit, 1.6.2006.

24 Friedländer, Saul: Das Dritte Reich und die Juden. Jahre der Vernichtung 1939–1945, München 2006; Browning, Christopher: Die »Entfesselung der Endlösung«. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942, München 2003; Longerich, Peter: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München, Zürich 1998; Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie, München 2008.

25 Dass Schenck Ernährungsstudien an Häftlingen im Konzentrationslager Dachau vornahm, scheint unbestritten. Ob dabei allerdings wirklich Menschen starben, ist unklar. Vgl. Heer: »Hitler warÕs«, S. 16. Schenck, Ernst Günther: Patient Hitler. Eine medizinische Biographie, Augsburg 2000.

26 Redlich, Fritz: Hitler. Diagnose des destruktiven Propheten, Wien 2002.

27 Vgl. SZ vom 24.11.1998; Kershaw, vgl. Klappentext zu Redlich: Diagnose.

28 Das betrifft vor allem die Auslassungen von Hans Frank, Hitlers Rechtsanwalt, und Hermann Rauschning, einem Lokalpolitiker aus Danzig, sowie der notorischen Lügnerin Henriette von Schirach. Frank äußerte sich im »Angesicht des Galgens« und wollte, zum Katholizismus konvertiert, offenbar eine Beichte ablegen. Rauschning formulierte seine Schriften als Renegat mit dem Anliegen, ausländische Leser, insbesondere Politiker, vor Hitler zu warnen. Zu den Legenden des HNO-Arztes Erwin Giesing vgl. Abschnitt 2.

29 Redlich: Diagnose, S. 407.

30 Hitlers ältester Diener Julius Schaub verbrannte den Inhalt dreier Panzerschränke der Reichskanzlei und die auf dem Berghof in zwei Aktenschränken aufbewahrten persönlichen Papiere Hitlers. Vgl. Olaf Rose (Hg.): Julius Schaub. In Hitlers Schatten, Erinnerungen und Aufzeichnungen des Chefadjutanten 1925–1945, Stegen/ Ammersee 2005, S. 334.

31 Jochmann, Werner (Hg.): Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941–1944, aufgezeichnet von Heinrich Heim, München 2000, Picker, Henry: Tischgespräche im Führerhauptquartier, Frankfurt a. M., Berlin 1993.

32 Gemeint ist hier Band 1 des zweibändigen Werks, der ursprünglich den Titel tragen sollte: »Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit«. Vgl. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers »Mein Kampf« 1922–1945, München 2006.

33 Tagesnotiz Morells vom 31. März 1945.

34 Fest: Hitler, S. 1173.

35 So auf dem deutschen Sender n-tv im Januar 2009 mit der mehrfach gesendeten Dokumentation über das psychiatrische Gutachten Walter C. Langers.

36 Vgl. dazu die das herkömmliche Muster der Propagandaanalyse durchbrechende Schrift von Schmölders, Claudia: Hitlers Gesicht. Eine physiognomische Biographie, München 2000.

2.    DER KRANKE HITLER: EIN PROJEKT DER GESCHICHTSSCHREIBUNG

IRRWEGE DER PSYCHOHISTORIE: JUDENHASS ALS »WAHN«

Mehrfach wurde der Versuch unternommen, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland auf eine geistige Erkrankung des Diktators Adolf Hitler zurückzuführen. Nicht alle diese Überlegungen sind völlig von der Hand zu weisen. Denn tatsächlich erscheint Hitlers Judenfeindschaft irrational. Ian Kershaw urteilte 2006: »Der jüdischen Tragödie lag die – am fanatischsten von Hitler vertretene – fixe Idee der Nationalsozialisten zugrunde, dass die Juden ›entfernt‹ werden müssten, um die deutsche Nation zu ›säubern‹ und den Weg zu einer ›rassereinen‹ neuen Ordnung in Europa zu ebnen, welche die jahrhundertealte Vorherrschaft der jüdisch-christlichen Werte und Glaubensvorstellungen überwinden würde.«37

Auch die Faszination, die von Hitler ausging, erscheint durch eine Art »religiösen Wahn« erklärbar. Die Anhänger Hitlers betonten nach 1945 immer wieder, dass Hitler einen überwältigenden Fanatismus ausgestrahlt hätte, und schon vorher sind in Briefen der Bevölkerung Bezüge auf den »Erretter« zu finden.38 Im Hinblick auf Hitler selbst handelte es sich in der Rückschau zweifelsfrei um eine Art »Erlösungsantisemitismus«. Für ihn, so suggerieren es seine Selbstzeugnisse, war die Entfernung der Juden nichts anderes als ein »chirurgischer Eingriff« zur Entfernung eines Fremdkörpers oder einer infiltrativ wachsenden Neubildung aus dem Körper des deutschen Volkes.39

Judenhass an sich ist wie jede Art von Fremdenfeindlichkeit grundsätzlich irrational, doch die Art und Weise, in der verschiedene Autoren Hitler zum »Geisteskranken« oder »Irren« stilisierten, lohnt eine genauere Betrachtung. Oft handelt es sich dabei um ein mediales Phänomen, nicht um ein historisches. Die Karriere dieses herbeigeschriebenen Wahns ist allein durch die Mechanismen der modernen Medienkultur zu erklären, nicht jedoch durch die tatsächlich belegbaren Fakten. So stilisierten einstige Weggefährten Hitler zum Perversen, der nur dann sexuell befriedigt war, wenn eine Frau auf ihn urinierte.40 Andere beschuldigten ihn indirekt, ein Kinderschänder zu sein.41 In den 1970er Jahren ging der Trend dahin, Hitler als Opfer seines gewalttätigen Vaters zu beschreiben, geradezu folgerichtig hätte er einen unbändigen Hass entwickelt, der in der Judenvernichtung gipfeln musste.42 Und auch heute sind derartige vulgärpsychologischen Deutungen üblich, wie die Debatte um Hitlers – angeblich – fehlende Hoden belegt.

Für seriöse Historiker gilt nach wie vor, was der angesehene Göttinger Professor und Redakteur des Kriegstagebuchs des Oberkommandos der Wehrmacht, Percy Ernst Schramm, 1964 formulierte: Bei der Analyse von Hitlers Denkweise, bei dem Versuch, in seine Charakterstruktur einzudringen, müsse man sich diesseits des psychologischen Rubikons bewegen, nämlich »dort, wo der Historiker noch festen Boden unter seinen Füßen fühlt«.43 Zugleich forderte Schramm eine »medizinische Biografie« Hitlers, die von Psychologen und Psychiatern begleitet werden sollte.

Dieses Buch liegt bis heute nicht vor. Zwar hat es an Versuchen nicht gefehlt, auch interdisziplinär an das – so gesehen – wissenschaftliche Problem »Adolf Hitler« heranzugehen. Dieses Bestreben war durchaus davon geprägt, tatsächlich zu einer Lösung des vermeintlichen »Rätsels Hitler« zu kommen. Ein ausgesprochen vielversprechender Versuch war zum Beispiel der im Jahr 2000 publizierte Band Hitler: Karriere eines Wahns des Psychotherapeuten Paul Matussek, des Historikers und Kulturwissenschaftlers Peter Matussek und des Systemtheoretikers und Soziologen Jan Marbach.44

Im Ergebnis konnten die Wissenschaftler, trotz systematischer Auswertung der Literatur und der verfügbaren Quellen, jedoch lediglich eine weitere Form der angeblichen »Geisteskrankheit« Hitlers präsentieren. Wie andere gingen Matussek und seine Mitautoren in Bezug auf die Judenvernichtung von einem »Vernichtungswahn« Hitlers aus, von einem »früh frustrierten Bedürfnis« und einer »Persönlichkeitsstörung von ungeheuren Ausmaßen«. Letztlich diagnostizieren sie einen »schizophrenen Wahn«, der gepaart mit einer »narzistischen Fixierung auf sein öffentliches Selbst« zu einem »paranoiden Vernichtungsprogramm« führte.45 Die »sadistischen« und (!) »masochistischen« Züge diagnostizierte der amerikanische Psychiater Walter C. Langer bereits 1943.46 Narzistische Personen mit der Fixierung auf ihr öffentliches Selbst finden sich jedoch in allen Bereichen der Gesellschaft ebenso wie Menschen mit einer Störung ihrer Sexualpräferenz. Das legen zumindest der Offenbarungseifer der Betroffenen in diversen Fernsehsendungen und die inzwischen unüberschaubare Flut der Publikationen zu derartigen Themen nahe. Für die Feststellung, dass Hitler tatsächlich an einem »schizophrenen Wahn« litt, definierten Matussek und seine Mitautoren dann sogar den Begriff der Schizophrenie neu.47

Wenn zur Analyse eines einzigen »Falles« aber die Definition einer Krankheit geändert werden muss, liegt die Vermutung nahe, dass die bisherige Definition korrekt ist, jedoch nicht auf diesen Fall angewendet werden kann. Als begrenzt erwiesen sich auch die Deutungen des Psychologen und Politikberaters Manfred Koch-Hillebrecht. Mag man dessen Ausführungen zu Hitlers außerordentlichem, nach Koch-Hillebrecht »eidetischem« Gedächtnis noch zustimmen, erweisen sich die weiterführenden Überlegungen als abwegig.48 So vermutete der Psychologe eine frühzeitige (!) Wesensveränderung durch Hitlers Parkinson-Krankheit, was durch neuere Forschungen widerlegt ist. Dann wechselte Koch-Hillebrecht anhand von »unverfänglichen Beispielen« zum »Ausmaß von Hitlers dumpfer Erotik«, um dann zu befinden: »Es ist gut möglich, dass der schöne Adolf, wenn er seine Lust nicht in den Tötungsorgien des Zweiten Weltkriegs ausgelebt hätte, das Zeug zum Kinderschänder und Sodomiten in sich trug.«49 Mehr noch. Am Ende seiner Analyse kommt Professor Koch-Hillebrecht zu dem Schluss, dass ein Coming-out Hitlers, also die Offenbarung seiner verdrängten Homosexualität, diesen »von seinen schlimmsten Vernichtungsphantasien« hätte »befreien können«.

Aus Sicht des Historikers ist inakzeptabel, dass Koch-Hillebrecht nicht angibt, woher seine Erkenntnisse stammen. Das mehr als 500 Seiten umfassende Buch enthält nicht einen Beleg, scheinbar Nachprüfbares erweist sich als Ansammlung von Vermutungen. Ohne Nachweis bezeichnet er das Waldviertel, aus dem Hitlers Familie stammte, als »wohl auch einen Ort der Inzucht«, um aus der Vermutung weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen. In dem völlig konfusen Text werden Personen verwechselt, mit falschen Berufsbezeichnungen belegt und eine Reihe von bereits widerlegten Legenden präsentiert.50 Wenn sich psychoanalytische Deutungen auf derart dubiose Quellen stützen, ist das zumindest unseriös.

Das Problem psychohistorischer Deutungen ist jedoch nicht auf ein einziges Buch zu reduzieren. Die Überlegung, die Matussek & Co. im Hinblick auf frühere, ähnlich schlampige »Analysen« trafen, fällt letztlich insgesamt auf die Wissenschaft der Psychoanalyse zurück: »Das Hauptproblem solcher Diagnosen ist, wie gesagt, ihre Beliebigkeit.«51 Die Frage stellt sich daher anders: Wenn Hitler in ein psychoanalytisches Raster passen sollte, warum verursachte dann er und kein anderer die größte Katastrophe in der Geschichte Europas? Es ist zudem fraglich, ob der millionenfache Mord an Juden, Slawen, Geisteskranken, Sinti und Roma überhaupt mit Hitlers, wertfrei gesagt, seelischer Disposition erklärbar ist oder ob dafür andere Faktoren ursächlich waren.

DER RATIONALE KERN VON HITLERS JUDENHASS: ZWECKMÄSSIGKEIT

Der bereits erwähnte Psychiater Walter C. Langer, der Hitler im Auftrag des CIA-Vorläufers OSS untersuchte, entschuldigte sich bei den Lesern seines 1943 fertiggestellten Dossiers: »Wenn diese Studie vollständig sein soll, müssen wir die Stärken dieses Mannes ebenso wie seine Schwächen hervorheben.«52 Langer attestierte Hitler eine »außergewöhnliche Fähigkeit, die Psychologie des Durchschnittsmenschen zu verstehen«, ja sogar »die tiefsten Bedürfnisse und Gefühle des Durchschnittsdeutschen mitzuempfinden«. Das Erkannte könne Hitler »in leidenschaftlicher Sprache« ausdrücken, und außerdem habe er als Regierungschef »Gelegenheiten und Möglichkeiten« zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. Auch verfüge Hitler über die rhetorischen Mittel, die Ängste und »niedrigsten Instinkte zu erwecken, aber sie in Edelmut zu kleiden«. Nicht zuletzt sei Hitler in der Lage, »andere zur Ausschaltung ihres Gewissens zu bringen«.

Dass diese Fähigkeiten einen entscheidenden Anteil an seinem Erfolg in Partei und Politik hatten, ist in der Rückschau unstrittig.53 Hitler war sich dieser »fürchterlichen« Waffe in »der Hand des Kenners« bewusst, wie seine Ausführungen zum Thema Propaganda in Mein Kampf belegen.54 Folgerichtig wählte er für seine Reden auch die Themen, die sein Publikum ansprachen: die deutsche Niederlage und die Judenfeindschaft. Diese beiden Themen verband er immer wieder miteinander, indem er für die Niederlage »den Juden« und sein »verhängnisvolles Wirken« in der Gesellschaft verantwortlich machte.

Dabei konnte Hitler sich auf eine lange deutsche und deutsch-österreichische Tradition der Judenfeindschaft stützen. Für das gesellschaftliche Klima bestimmend war jedoch, dass der Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts sowohl in Deutschland als auch in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn eine neue Qualität erreicht hatte. Linz, die Stadt, in der Hitler seine Jugend verbrachte, war, wie die Historikerin Brigitte Hamann urteilt, »eine Hochburg des Antisemitismus«. Schilder wie »Nur Deutsche (Arier) haben Zutritt« waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg keine Seltenheit.55 Für das Deutsche Kaiserreich galt Judenhass ebenfalls als gesellschaftskonformes Verhalten.56 Verschwörungstheorien, die Juden als »Drahtzieher« einer Politik betrachteten, die nichts anderes als die totale Unterwerfung der Welt im Sinn hatte, wurden nicht als Unfug abgetan, sondern auch in gebildeten Kreisen ernst genommen.57 Einen Höhepunkt erreichte der Antisemitismus während des Krieges, wie der Wirtschaftspolitiker Walther Rathenau 1916 konstatierte: »Je mehr Juden in diesem Kriege fallen, desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass sie alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben. Der Hass wird sich verdoppeln und verdreifachen.«58 Als das Preußische Kriegsministerium auf Druck der extremen Rechten eine »Judenzählung« im Heer anordnete und die Ergebnisse dann geheim hielt, verbreitete sich bei der Truppe das Gerücht, dass Juden an sich »Drückeberger« seien. Genährt wurde der Hass durch die Niederlage, den »Dolchstoß«, für den – nicht nur von Hitler – erneut die Juden schuldig gesprochen wurden.59

Ganz gleich wie tief Hitlers persönlicher Antisemitismus vor dem Ersten Weltkrieg ausgeprägt war, spätestens als Frontsoldat muss er massiver antisemitischer Hetze ausgesetzt gewesen sein, die ihm dann selbst als Erklärungsmuster für die deutsche Niederlage plausibel erschien.60 Propaganda, die in bürgerlichen, rechtskonservativen, also sogenannten »nationalen Kreisen« erfolgreich sein wollte, musste demnach antijüdisch sein.61 In München verkehrte Hitler zunächst als Reichswehrspitzel, dann als vielversprechendes politisches Talent in rechtsradikalen Kreisen, etwa der Thule-Gesellschaft. Offen zur Schau gestellte Judenfeindschaft war nicht nur konform, sondern Voraussetzung dafür, finanzielle und politische Unterstützung für politische Ziele zu erhalten.62 Außerdem war sein geistiger Mentor Dietrich Eckart, der nicht nur Hitler prägte, sondern auch Geldquellen für die NSDAP erschloss, radikaler Antisemit.63 Eckart stellte für Hitler auch den Kontakt zur Familie Richard Wagners her, deren Weltbild von dem eloquenten Judenfeind und Philosophen Houston Stewart Chamberlain bestimmt wurde. Chamberlain, Autor des überaus einflussreichen Werks Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, war de facto Hausherr in »Wahnfried«, hatte eine Tochter Cosima Wagners geheiratet und bestimmte den gesellschaftlichen Diskurs in Bayreuth.64 Politische und ökonomische Zweckmäßigkeiten verbanden sich aus Hitlers Sicht mit persönlichen Annehmlichkeiten. Der Wille zum persönlichen Aufstieg war unlösbar mit einer demonstrativen antijüdischen Einstellung verknüpft.

Dass Hitler diese Einstellung verinnerlicht hatte, erscheint allerdings unzweifelhaft. Der radikalste aller Antisemiten, wie Kershaw suggeriert, war Hitler allerdings nicht. Zumindest im Hinblick auf die Obszönität ihrer Behauptungen stellten ihn seine Gauleiter von Thüringen und Franken, Artur Dinter (ein erfolgreicher Romanautor) und Julius Streicher (der Herausgeber des Stürmer), in den Schatten.65 Innerhalb der NSDAP, die sich als »Sammlungsbewegung« verstand, repräsentierte Hitler die Mitte, nicht den Rand. Seine vordringlichste Aufgabe sah er darin, das in viele Richtungen zersplitterte »völkische Lager« zu einigen.66 Dass er das tun konnte, hing eindeutig mit seinem instrumentellen Verhältnis zum Antisemitismus zusammen. Wie ein Schauspieler, der seine Rolle an das Publikum anpasst, konnte Hitler die antijüdische Hetze in seinen Reden bewusst dosieren oder auch völlig beiseitelassen, so 1923 bei einer Rede in Bayreuth, als es um die Gewinnung von »Honoratioren« ging, oder 1932 vor Düsseldorfer Industriellen, in der er um die Unterstützung der Schwerindustrie warb.67 Auch als Staatsoberhaupt gab sich Hitler »gemäßigt«. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 sah Ausnahmen für jüdische Frontkämpfer vor, die daher zunächst im Staatsdienst bleiben konnten.68 Erst die 1935 auf dem Parteitag in Nürnberg verkündeten »Rassengesetze« enthielten eine Definition, wer als »jüdisch« anzusehen war. Insbesondere für »Mischlinge« ergaben sich dadurch erstmals klare und im Einzelfall »günstige« Regelungen.69 Die nicht geringe Anzahl von mehr als 1300 jüdischen »Mischlingen«, die per Führer-Erlass von Repressalien befreit wurden, zeigt ebenfalls, dass Hitler politische, militärische und ökonomische Ziele höher einstufte als die unbedingte Durchsetzung einer von jeglicher »Blutmischung« freien deutschen Bevölkerung.70 In dem Moment, als sich jedoch Möglichkeiten eröffneten, die Juden der eroberten Gebiete zu liquidieren, zögerte Hitler nicht, die dazu notwendigen Anordnungen zu erlassen. Doch auch hier konnte er sich dessen sicher sein, dass er hinreichend »willige Vollstrecker« finden würde, nicht zuletzt deshalb, weil von der Entfernung der Juden und ihrer Ermordung Hunderttausende Deutsche profitierten.71

DIE ERMORDUNG DER JUDEN: DER PROZESSCHARAKTER DES HOLOCAUST

Der katalanische Journalist Eugeni Xammar, der Adolf Hitler 1923 interviewte, kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Führer der NSDAP um einen »Dummkopf« handele, allerdings um einen Dummkopf »voller Tatendrang, Vitalität und Energie«, insgesamt »maßlos, aber nicht zu bremsen«. Er sei, so Xammar, ein »gewaltiger, großartiger Dummkopf, der zu einer glanzvollen Karriere berufen ist (wovon er noch fester überzeugt ist, als wir es sind)«. Unverhohlen gab Hitler auch darüber Auskunft, was er von den Juden hielt. Sie seien »ein Krebsgeschwür, das unseren deutschen nationalen Organismus zerfrisst«. Natürlich sei es das Beste, die Juden zu vernichten, das sei aber nicht möglich. Es bliebe »nur« die Lösung, die Spanien gewählt hatte: »die Vertreibung: die Massenvertreibung«.72

Bereits im ersten politischen Dokument, das von eigener Hand überliefert ist, dem sogenannten Judengutachten vom 10. September 1919, betonte Hitler die Notwendigkeit eines »Antisemitismus der Vernunft«. Der müsse »zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden [führen], die er zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt«. Das »letzte Ziel« aber, so Hitler in dem Text für seinen militärischen Vorgesetzten, »muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein«.73 Kein Zweifel, dieser »Antisemitismus der Vernunft« war nichts anderes als unverhüllter Judenhass, und er belegt, dass er das entscheidende politische Motiv war, nicht nur eines unter vielen.

In Wien, wo Hitler bis 1913 in einem Männerheim lebte – nicht in einem Obdachlosenasyl, wie kolportiert wurde74 –, arbeitete er für jüdische Handwerker; seine Bilder vertrieb unter anderem ein jüdischer Hausierer. Trotz der insgesamt antisemitischen politischen Stimmung in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie hegte Hitler also offenbar keine Bedenken, mit Juden zusammenzuarbeiten, wenn es für ihn von Vorteil war.75

Erst als er in den Dunstkreis der völkischen Bewegung und des Wagner-Clans geriet, wandelten sich seine Auffassungen. Wie schon Richard Wagner in seinem Pamphlet »Das Judenthum in der Musik« wandte er sich gegen die Integration der als fremd empfundenen Volksgruppe. Sie blieben ja doch immer gleich, meinte Hitler, ein »Guss Taufwasser« wäre nur nötig gewesen, um »Geschäft und Judentum zugleich« zu retten.76 Auch Wagners Forderung, den »Verfall unsrer Cultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements [zu] stoppen«, adaptierte Hitler. Und wie Hitler 1939 prophezeite Wagner schon 1850 »Ahasver«, also dem »ewigen Juden«, den »Untergang«.77

Trotzdem wäre es verfehlt, den Holocaust allein mit Hitlers Judenhass zu erklären. Denn an der Ermordung der sechs Millionen Juden waren mindestens 200000 Menschen direkt beteiligt, etwa als Schützen der SS-Mordkommandos. Und die Zahl derer, die indirekt zum Massenmord beitrugen, zum Beispiel als Angestellte in verschiedenen Behörden oder bei der Reichsbahn, mit deren Zügen die Menschen in die Vernichtungslager gebracht wurden, geht in die Millionen.

Zu berücksichtigen ist auch die Zeitebene. Zwischen den ersten Pogromen und Boykotten im Frühjahr 1933 und dem Beginn der Erschießungen im Frühherbst 1941 lagen mehrere Jahre und verschiedene Stufen der Eskalation.78

In den ersten Jahren des Nationalsozialismus wurden die Juden systematisch aus der deutschen Gesellschaft ausgegrenzt. Um sie zur Auswanderung zu drängen, entzog man ihnen »planmäßig und stufenweise«, wie es in einem internen Memorandum des Justizministeriums heißt, die Existenzgrundlage.79 Unternehmer wurden enteignet, Beamte und Angestellte entlassen, Freiberuflern wurde die Möglichkeit genommen, ihren Beruf auszuüben. Die nichtjüdischen Deutschen profitierten nicht unerheblich von den enteigneten Vermögenswerten.80 Der Novemberpogrom im Jahr 1938, verharmlosend »Reichskristallnacht« genannt, markiert dabei eine wichtige Zäsur. Jetzt wurde den Betroffenen klar, dass ihnen das Regime keine wie auch immer geartete Rechtsstaatlichkeit gewährleisten würde. Die Parteimitglieder, SA- und SS-Männer, die sich an den Misshandlungen und Zerstörungen beteiligten, konnten sich wiederum ermuntert fühlen, ihrem Hass freien Lauf zu lassen.81 Die deutschen Behörden forcierten jetzt die Verdrängung und nötigten mehr als 120000 Juden zur Auswanderung, nicht ohne sie vorher mittels einer »Reichsfluchtsteuer« auszuplündern.

Der Übergang von der Verfolgung zur Vernichtung begann unmittelbar nach Kriegsbeginn. Hitler selbst rief zu einem »harten Volkstumskampf« auf, ohne aber konkrete Forderungen an Wehrmacht und SS zu stellen. Doch schon im ersten Kriegsjahr töteten improvisiert zusammengestellte Mordkommandos mehr als 50000 Menschen im eroberten Polen. Zugleich setzten die deutschen Besatzungsbehörden eine groß angelegte Bevölkerungsverschiebung in Gang. Hunderttausende Juden wurden in Ghettos verbracht und polnische Bauern umgesiedelt, die frei werdenden Bauernhöfe an Deutsche übergeben. Polen wurde, so der Historiker Christopher Browning, damit zum »Laboratorium der Rassenpolitik«. Der chaotische Terror der ersten Kriegstage wurde schrittweise von systematischen Terroraktionen abgelöst.82

Die nächste Phase in dieser Terrorisierung war die systematische »Evakuierung«, also zwangsweise Abschiebung von mehr als 600000 Juden und »gefährlichen« Polen aus den Gebieten, die dem Deutschen Reich angegliedert werden sollten. Immer wieder kamen hochrangige Beamte aus verschiedenen Ministerien mit Vertretern der SS zusammen, um die organisatorischen Details zu besprechen. Aufgrund logistischer Schwierigkeiten kam es sogar zur Reduzierung der Zahlen. Auch das Konzept, alle Juden des »Altreichs« und der eroberten polnischen Gebiete im Distrikt Lublin anzusiedeln, musste im Juni 1940 aufgegeben werden.

Der Sieg über Frankreich schien es jedoch zu ermöglichen, Millionen von Juden in Madagaskar, einer französischen Insel im Indischen Ozean, anzusiedeln. Die verlorene Luftschlacht über England und die ungebrochene Herrschaft der britischen Marine ließen den Plan jedoch illusorisch erscheinen.83 Erst im Dezember 1940, nach dem Entschluss, einen Krieg gegen die Sowjetunion zu führen, konnte an die nächste Stufe gedacht werden: die »Gesamtabschiebung« der Juden in »ein noch zu bestimmendes Territorium«. In diesem Gebiet sei dann, »gemäß dem Willen des Führers«, die »Judenfrage einer endgültigen Lösung« zuzuführen. Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich habe bereits von Hitler über Himmler bzw. Göring den Auftrag »zur Vorlage eines Endlösungsprojekts« erhalten. Die Ausarbeitung für das »Projekt« wurde Hitler und Göring noch im Dezember 1940 oder spätestens im Januar 1941 übergeben, wie aus einer internen Notiz des Reichssicherheitshauptamtes hervorgeht.84 Im März 1941 schuf Hitler mit der Weisung 21 a für die Kriegführung in »Sondergebieten« die entsprechenden Freiräume für die Einsatzgruppen der SS. In dieser Weisung wurde für das Operationsgebiet des Heeres festgelegt, dass die SS »Sonderaufgaben« erhalte, »die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben«.85

Himmler und Heydrich stellten daraufhin Einsatzgruppen zusammen, die ab dem 24. Juni 1941 mit der massenhaften Tötung litauischer, weißrussischer und ukrainischer Juden begannen. Bis Jahresende ermordeten sie fast 400000 Menschen. Zugleich gingen die Deportationen in die dafür vorgesehenen städtischen Ghettos, zum Beispiel Riga und in den Distrikt Lublin, weiter. Die Verwaltungsstellen dieser Gebiete protestierten, nicht gegen die Deportationen, sondern wegen der damit verbundenen logistischen Schwierigkeiten. Im September 1941 wurde jedoch klar, dass es nicht gelingen würde, »Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen«, wie Hitlers Weisung zum »Fall Barbarossa« ursprünglich lautete.86 Es war also nicht möglich, die Juden in diesen Gebieten nach Osten zu verbringen, wo sie nach dem Willen der SS-Führung zugrunde gehen sollten.87

Auf mehreren Inspektionsreisen in die Ukraine ließ sich Himmler am 30. September und 4. Oktober 1941 die logistischen Probleme des Massenmords beschreiben. Am 5. Oktober 1941 erstattete er Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze Bericht. Wenige Tage später, am 13. und 14. Oktober, traf er sich mit Reinhard Heydrich und Odilo Globocnick, dem SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin.88 Parallel dazu erprobten mehrere Einsatzgruppen effizientere Mordmethoden, zum Beispiel den Einsatz von Wagen, in die Kohlenmonoxid eingeleitet wurde. Im Konzentrationslager Auschwitz stellte man im September 1941 Versuche mit dem Giftgas Zyklon B an und tötete auf diese Weise erstmals 250 Häftlinge. Wenige Tage später waren es noch einmal 900 Menschen. Nach diesen Versuchen wurde mit dem Bau von Verbrennungsanlagen begonnen und die massenhafte Tötung durch Giftgas aufgenommen.

Hitler ließ sich regelmäßig über den Fortgang des Genozids informieren. Zum einen erhielt er Monatsberichte der SS-Einsatzgruppen, zum anderen erstattete Himmler regelmäßig Bericht, zum Beispiel am 4., 5., 7. und 16. September. Am 23. September 1941 sprachen Hitler, Himmler, Heydrich, Goebbels und andere über die Errichtung von Lagern am Weißmeer-Kanal, in die Juden deportiert werden sollten. Am 24. September konferierten Hitler, Lammers, Bormann, Heydrich und andere über die Verhältnisse im Protektorat Böhmen und Mähren. Am 5. Oktober erstattete Himmler, wie erwähnt, Bericht über seine Inspektionsreise zu den Einsatzgruppenkommandos. Am 9. Oktober traf sich Himmler nach dem Mittagessen bei Hitler zu einem längeren Gespräch mit Martin Bormann. Eine längere Besprechung hatten Hitler und Himmler am 2. November 1941, was nahelegt, dass der Reichsführer SS erneut ausführlich über den Mord an den Juden berichtete. Für die späteren Treffen Hitlers und Himmlers liegen sogenannte Vortragsnotizen des SS-Chefs vor, die zeigen, dass 1941 wohl nicht mehr über diese Frage gesprochen wurde.

In seiner Rede vor den Reichsleitern und Gauleitern der NSDAP am 12. Dezember 1941 offenbarte Hitler den anwesenden Parteiführern, dass seine Ankündigung der Vernichtung der Juden vom 30. Januar 1939 keine »leere Phrase« gewesen sei.89 Die Folge waren missverständliche Interpretationen untergeordneter Instanzen, die jedoch nur die unterschiedliche Fortsetzung des Massenmords betrafen. Himmler berichtete Hitler im März 1942 zweimal ausführlich, am 10. und am 17. In der dazwischenliegenden Woche hatte er mit mehreren hohen SS-Offizieren telefoniert sowie Krakau und Lublin besucht, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Am 17. März 1942 nahmen die Gaskammern in Belzec ihren Betrieb auf. Bis 1945 starben in den Vernichtungslagern mehr als drei Millionen Menschen aus ganz Europa durch Giftgas.90

Die Tatsache, dass sich die Planungen der »Endlösung der Judenfrage« immer wieder änderten und die Initiative mehrfach von untergeordneten SS-Offizieren ausging, belegt den Prozesscharakter des Holocaust. Hitler griff in den Prozess mehrfach aktiv ein. Er signalisierte seine Wünsche durch relativ ungenaue und verschlüsselte Äußerungen, Mahnungen und Prophezeiungen. Er scheute sich, einen oder mehrere konkrete Befehle zu erlassen, auch wenn er über alle Details wie etwa die Gaskammern genau informiert war.91 Von Kriegbeginn bis zur industriellen Massentötung durch Giftgas vergingen mehr als zwei Jahre, in denen andere die – wie sie es empfanden – »Tötungsarbeit«92 erledigten. Hitler selbst konferierte zu dem Thema mit Himmler, eine Mordaktion der Einsatzgruppen oder ein Vernichtungslager sah er sich nicht an. Himmler wiederum delegierte die Organisation des Völkermords weiter an Heydrich, in dessen Reichssicherheitshauptamt die Fäden zusammenliefen, und an die Kommandeure der Einsatzgruppen und die SS- und Polizeiführer vor Ort.

Emotional nahm Hitler kaum Anteil. Auch seine Äußerungen über Juden, die während der häufig in kleiner Runde eingenommenen Mittag- oder Abendessen protokolliert wurden, wirken seltsam distanziert. Zwar äußerte er häufig radikale Ansichten wie etwa am 21. Oktober 1941: »Wenn wir diese Pest ausrotten, vollbringen wir eine Tat für die Menschheit.«93 Aber auch dieser Hass wirkt distanziert und erscheint in der Rückschau sehr abstrakt. Die häufig wiederholten Tiraden vom Juden als »Kulturzerstörer« sind nichts anderes als eine Fortschreibung seines dualistischen Weltbilds vom edlen »Arier« und seinem ewigen Feind, dem Juden, das er bereits in Mein Kampf skizzierte.94

Der Holocaust stellt sich damit ebenso als Verwirklichung des persönlichen Judenhasses Hitlers dar, wie auch als Ergebnis weitverbreiteter Wunschvorstellungen in der deutschen Gesellschaft. Der Antisemitismus bildete den Referenzrahmen, in dem Hitler agierte, sowohl bei seinem Aufstieg als auch später als Führer und Reichskanzler. Die Entrechtung und Stigmatisierung der Juden erfolgte schrittweise – als militärische Erfolge die Möglichkeiten zum Massenmord eröffneten, wurde gemordet. Anordnen musste Hitler den Genozid nicht, es reichte aus, dass er, wie mit der Weisung 21 a für die Kriegführung, die Freiräume für den Holocaust schuf.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, häufig geäußerte Vermutungen über die Ursachen von Hitlers Judenhass und seine psychologische Disposition insgesamt auf ihre Plausibilität zu prüfen. Im Mittelpunkt stehen dabei die permanent wiederkehrenden Mythen und Legenden, deren Muster immer gleich blieb, wenn sich auch ihre konkrete Formulierung änderte.

2007: DANI LEVYS MEIN FÜHRER UND DIE WISSENSCHAFTLICHE BEGRÜNDUNG EINER HITLER-PERSIFLAGE

Am 28. Mai 2005 bat der Regisseur Dani Levy bei der deutschen Filmförderung um finanzielle Unterstützung seines Filmprojekts Mein Führer. Auf eine »akribische Recherche« habe er bewusst verzichtet, teilte Levy den Entscheidungsgremien mit. Anstelle der historischen Fakten wolle er bewusst eine Projektion, eine erdachte Kunstfigur setzen, die er in der »moralischen Tragödie einer Zeit« verorten wolle. Levy gestaltete dann eine Komödie über die letzten Tage Hitlers im Bunker unter der Reichskanzlei, die sich dann aber doch an dem vermeintlich realen Hitler orientierte.95 Wie selbstverständlich ging Levy davon aus, dass der Diktator »an Depressionen gelitten« habe, und ließ ihn von Helge Schneider in der Hauptrolle als ein fremdgesteuertes, in einer Traumwelt versunkenes Nervenbündel interpretieren. Mehrfach bricht Hitler zusammen und wird von seinem (im Film jüdischen) Sprachlehrer wieder moralisch aufgebaut. Als ihn die Frau des Sprachlehrers ermorden will, protestiert dieser: »Du machst das Gleiche wie er! Du tötest einen wehrlosen Menschen. Er ist auch nur ein ungeliebtes Kind!«96

Ganz bewusst bezog sich Levy bei dieser monokausalen Erklärung des mörderischen NS-Regimes auf Alice Miller, »eine der bekanntesten und populärsten Psychologinnen unserer Zeit«.97 Gemeint ist damit das wohl wirkungsmächtigste Buch der Schweizer Psychologin, die Streitschrift »Am Anfang war Erziehung«. Im Zentrum ihres Buches stehen jedoch nicht Hitler oder eine psychoanalytische Deutung des NS-Regimes, sondern eine Anklage gegen das »frühkindliche Leiden«, das durch Erziehungsfehler verursacht wird.98 Hitler benutzt sie wie ihre anderen Beispielfälle lediglich als Illustration für ihre umfassende Gesellschaftskritik.99 Geradezu zwangsläufig habe Hitler zum Massenmörder werden müssen, meint Miller, seine Biografie sei der »Ausdruck eines tragischen Kinderschicksals«.100 Inzwischen gelten derartige Einschätzungen auch in der forensischen Psychiatrie als überholt, sie waren zum Erscheinen von Millers Buch 1980 jedoch hochaktuell.

Doch auch die Belege, die sie für die anhaltenden Demütigungen des Kindes Adolf Hitler durch seinen Vater Alois anführt, sind ausgesprochen dürftig. Miller unterstellt Alois Hitler, seinen Sohn täglich ausgepeitscht zu haben, außerdem sei er Alkoholiker gewesen und an sich ein labiler Charakter, der sich auch einmal in einer Anstalt für Geisteskranke aufgehalten hätte.101 Nichts davon ist bewiesen, außer einem Bericht Hitlers, dass er einmal von seinem Vater dreißig Schläge erhalten habe.102 Im Hinblick auf die Mutter geht Miller davon aus, dass Adolf Hitler eben kein geliebtes, sondern lediglich ein »verwöhntes« Kind gewesen sei. In psychologischer Hinsicht sei Liebe so zu verstehen, dass die »Mutter für die wahren Bedürfnisse des Kindes offen und hellhörig« sein müsse. Eben weil die Mutter ihren Sohn nicht geliebt habe, sei jener mit »Gewährungen und Dingen überhäuft« worden, aber nur als »Ersatz für das, was man dem eigenen Kind aus eigener Not eben nicht zu geben vermag«. Mag man als Historiker noch so weit mitgehen, dass das Verhältnis von Hitler zu seiner Mutter in der Rückschau problematisch erscheint, die Schlussfolgerung von Miller erscheint dann aber doch abwegig: »Wenn Adolf Hitler tatsächlich ein geliebtes Kind gewesen wäre, dann wäre auch er liebesfähig geworden. Seine Beziehungen zu Frauen, seine Perversionen und seine ganze distanzierte und im Grunde kalte Beziehung zu Menschen zeigen aber, dass er von keiner Seite Liebe erfahren hat.«103

ERBKRANKHEITEN? DIE LÜCKENHAFTE ÜBERLIEFERUNG ZU HITLERS VORFAHREN

Für Psychohistoriker scheint der Schlüssel also in der Familie zu liegen, ganz gleich, ob man den Vater Alois oder die Mutter Klara als Ursache für Adolf Hitlers tief sitzenden Hass betrachtet.104 Diese Anschauung ist nicht neu, schon in den 1930er Jahren wurde kolportiert, dass Hitler die Juden deshalb hasse, weil sein Vater Alois Hitler jüdischer Abstammung, angeblich sogar »Halbjude« war. Eine vorläufige Bestätigung fand dieses Gerücht durch die Aussage von Hitlers einstigem Rechtsanwalt Hans Frank, der im Nürnberger Gerichtsgefängnis zum katholischen Glauben übertrat und eine umfangreiche, später veröffentlichte Beichte ablegte. Seine »im Angesicht des Galgens« angefertigte Niederschrift erwies sich als in jeder Hinsicht ungenau.105 Auch die These vom halbjüdischen Vater konnte inzwischen widerlegt werden. Den vermeintlichen Vater, einen jüdischen Kaufmann »Frankenberger«, gab es nicht, zumindest nicht an den Orten, wo sich Alois Hitlers Mutter Maria Anna Schicklgruber zeit ihres Lebens (also zwischen 1795 und 1847) aufhielt.106

Bei den Recherchen zu Adolf Hitlers Vorfahren stellte sich jedoch heraus, dass der 1837 unehelich geborene Alois Schicklgruber möglicherweise nicht von seinem eingetragenen Vater Johann Georg Hiedler, sondern von dessen Bruder Johann Nepomuk Hüttler gezeugt wurde. (Die unterschiedlichen Schreibweisen des Namens sind durch die damals übliche phonetische Wiedergabe bedingt.) Hüttler wiederum war der Großvater von Klara Pölzl, Alois Hitlers dritter Ehefrau und Adolf Hitlers Mutter. Doch selbst wenn Johann Georg Hiedler tatsächlich Alois Hitlers Vater gewesen wäre, war Klara Pölzl immer noch eine Nichte zweiten Grades.107 Geradezu folgerichtig war die Verkürzung, Hitler entstamme einer Familie, in der »Inzucht« oder »Inzest« herrsche, und sei demzufolge vermutlich »geisteskrank«. Multipliziert wurde die Vermutung, dass Hitler an einer möglicherweise geistigen Erbkrankheit litt, durch zahlreiche Fernsehberichte und eine teilweise hemmungslos übertreibende Boulevardpresse.108

Als Indiz dafür wurde auch das auffällige Schweigen Hitlers über seine Familie gedeutet. Gerade wegen des bis heute gültigen Inzest-Tabus antwortete Hitler auf Fragen nach seiner Abstammung und verwandtschaftlichen Verbindungen nicht. Demonstrativ bekundete er stattdessen offenes Desinteresse – seine Familie sei, so Hitler, die deutsche »Volksgemeinschaft«, nicht aber seine österreichische Verwandtschaft.109 Inzwischen ist bekannt, dass Hitler seine Zuhörer auch in diesem Punkt bewusst belogen hat. Als Jugendlicher schätzte er die Familie durchaus, immerhin verbrachte er dort seine Ferien.110 Auch die Frage, warum er nie geheiratet und eine Familie gegründet habe, umging Hitler. Seiner Sekretärin Traudl Junge antwortete er: »Ich halte es für verantwortungslos, eine Familie zu gründen … Ich finde, die Nachkommen von Genies haben es meist sehr schwer in der Welt. Man erwartet von ihnen das gleiche Format wie das des berühmten Vorfahren und verzeiht ihnen den Durchschnitt nicht. Außerdem werden es meistens Kretins.«111 War es nur das eingebildete Genie, das eine Familiengründung verhinderte, oder war es die Furcht vor den möglichen Folgen seiner Inzuchtabstammung?

Abwegig wären Erbkrankheiten in Hitlers Familie nicht gewesen, weil das österreichische Waldviertel, dem er entstammte, eine in sich geschlossene Population mit einem geringen Heiratsradius war. Oft entstammten beide Ehepartner ein und demselben Ort wie beispielweise Hitlers Eltern, die beide in Spital (heute Teil der Gemeinde Weitra) aufwuchsen.112

Es ist richtig, dass es in Teilpopulationen, in geografisch, religiös oder sozial bedingten Isolationen, wie sie im Waldviertel vorlagen, zu Schwankungen in der Gen-Verteilung von Generation zu Generation kommen kann.113 Noch in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts lag der Anteil der Ehen mit einem ortsgebürtigen Partner in Mitteleuropa zwischen 45 und 60 Prozent. Der Heiratsradius betrug in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg etwa zehn Kilometer, während er sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren auf 35 bis 55 Kilometer vergrößerte. In Hitlers Familie war er außerordentlich gering und betrug bei seinen Eltern keinen Kilometer.

Fest steht, dass körperliche (also äußere) und innere Merkmale wie bestimmte Begabungen, aber auch Erbkrankheiten von Generation zu Generation weitergegeben werden. Bei einer monogenen, also an ein Gen geknüpften Vererbung liegt die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung bei 50 Prozent. In anderen Fällen, wenn etwa ein sogenannter polygener Erbgang vorliegt, der durch mehrere Erbfaktoren bedingt und zusätzlich von Umweltfaktoren beeinflusst ist, kann es zu unterschiedlich starken Ausprägungen kommen. Nicht zuletzt können Generationen »übersprungen« werden.114 Der Verlauf monogen bedingter Krankheiten lässt sich durch Erbgangsanalysen relativ leicht bestimmen, bei polygen oder multifaktoriell verursachten Erbkrankheiten, die in der Mehrzahl sind, sind solche Analysen weitaus schwieriger.

Im Hinblick auf Hitlers Eltern spricht jedoch alles dafür, dass sie selbst gesund waren und dass seine vor seiner Geburt verstorbenen Geschwister nicht an einer Erbkrankheit litten. Hitlers »Ahnentafel«, die er später jedem Deutschen zum Nachweis der »arischen« Abstammung abverlangte, ließ sich bis in seine urgroßelterliche Generation zurückverfolgen, wenn auch nicht lückenlos. Sie zeigt, dass seine Vorfahren ein hohes Lebensalter erreichten und an Altersschwäche mit den üblichen Todesursachen »Wassersucht« und »Schlagfluss« starben, nicht jedoch infolge einer in der Familie häufiger aufgetretenen Krankheit.

In der weiteren Verwandtschaft Hitlers gab es allerdings zwei Menschen, die an einer »Geisteskrankheit« gelitten haben sollen. So scheint Johanna Pölzl, eine Schwester von Hitlers Mutter Klara (die sogenannte »Hannitante«), »geistesschwach« oder »debil« gewesen zu sein.115 Außerdem hatte Johanna Pölzl, die Klara Hitler im Haushalt half und bis zu ihrem Tod in der Familie lebte, einen Buckel, was nach damals gängigen Vorurteilen auch auf eine geistige Beeinträchtigung hindeutete. Sie starb 1911 in einem Coma diabeticum, also an Isulinmangel.116 Schließlich gibt es noch einen weiteren Hinweis auf eine mögliche »Geisteskrankheit« bei einer entfernten Verwandten Hitlers, Aloisia Veit. Die bis heute erhaltene Krankenakte der am 18. Juli 1891 Geborenen setzt 1932 ein. Die gewöhnlich als Stubenmädchen Tätige benähme sich sehr auffällig. Sie sähe Gespenster und fange grundlos an zu weinen, notierte der Amtsarzt. Am 26. Januar 1932 wurde Aloisia Veit in die Psychiatrische Klinik Am Steinhof in Wien überwiesen. Gegenüber anderen Kranken verhielt sie sich oft aggressiv, mehrfach erhielt sie Schlafmittel. 1938 bezeichnete sie sich als »Kommunistin« und verweigerte, wieder einmal, die Nahrungsaufnahme. Aloisia Veit schwankte zwischen Unruhe und Erregung einerseits und »nett« kollegialer Tätigkeit in der Nähstube der Anstalt anderseits. Am 28. November 1940 wurde sie nach Ybbs an der Donau verlegt und wahrscheinlich am 6. Dezember 1940 in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz ermordet.117

Im Hinblick auf eine mögliche erbliche Geisteskrankheit Adolf Hitlers ist es notwendig, den Verwandtschaftsgrad festzustellen. Aloisia Veit war eine Urenkelin der Schwester jener Maria Anna Schicklgruber, die Johann Georg Hiedler heiratete, der sich als Vater von Adolf Hitlers Vater eintragen ließ. Zwischen dem Reichskanzler Adolf Hitler und seiner Großtante lagen also nicht weniger als drei Generationen. Es ist nicht möglich, eine gemeinsame »Erbkrankheit« zu konstruieren.

Erwiesen ist, dass in seiner direkten aufsteigenden (also aszendenten) Linie keine »Geistes-« und auch keine »Gemüthskrankheit«, wie es zeitgenössisch hieß, bekannt wurde. Derartige Erbkrankheiten lagen in Hitlers Herkunftsfamilien (Hiedler oder Hüttler, Schicklgruber und Pölzl) nicht vor.

Möglich ist allerdings, dass es sich bei Hitlers Hautkrankheit um eine erbliche Erkrankung handelte. Dass eine Schuppung an der Haut seines linken Unterschenkels vorlag und entzündliche Reaktionen beobachtet wurden, war nicht nur Theodor Morell bekannt, der gleich nach seinem Dienstantritt als Leibarzt um die Behandlung des von ihm so bezeichneten »Ekzems« gebeten wurde.118 Dass Hitlers Hautkrankheit sich nur am linken Unterschenkel manifestierte, muss bezweifelt werden, denn er selbst sprach von einem lästigen Ekzem an beiden Beinen.119

Differenzialdiagnostisch kann auch eine Psoriasis, eine erbliche Schuppenflechte, vorgelegen haben. Professor Dr. Wolfram Sterry von der Berliner Charité hält diese Überlegung nicht für ausgeschlossen. ...

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