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Wann werde ich Dich wiedersehen?

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PROLOG

„Wir vermissen hier das gewisse Etwas“, sagte der Etatdirektor von Culp and Christopher Public Relations. „An Forschern ist nichts Besonderes. Sie sind überall.“

Dominic Templeton-Burke, der ihm gegenübersaß, hatte die ganze Zeit Strichmännchen gemalt. Nun blickte er jedoch auf und sah ihn ungläubig an. Seine attraktiven Züge schienen für einen Moment zu erstarren, dann schluckte er mühsam.

„Ich fürchte, das gehört zur Jobbeschreibung“, brachte er hervor.

Der Etatdirektor war es nicht gewohnt, dass man sich über ihn lustig machte. Er lächelte nachsichtig. „Das lässt sich leider nicht ändern. Aber in diesem Fall müssen wir uns fragen, was Dominic Templeton-Burke so einzigartig macht.“

Es entstand eine Pause.

„Er ist sexy?“, meinte schließlich Molly di Peretti, die grün gefärbtes Haar und schwarz lackierte Fingernägel hatte, klang allerdings skeptisch.

Jetzt musste Dominic lächeln. „Oh, danke.“

Keiner der anderen Mitarbeiter nahm davon Notiz. Ein wenig tat Molly ihnen leid. Normalerweise war sie für Rockmusiker zuständig, und dieser Abenteurer stellte eine echte Herausforderung dar. Sicher, er sah nicht schlecht aus, aber er war sich dessen nicht bewusst. Genauso wenig wie er sich über den Ernst seiner Lage klar zu sein schien.

„Das ist Dominic“, hatte der Geschäftsführer Jay Christopher ihn vorgestellt. „Er will in die Antarktis und hat gerade zehn Prozent seiner Sponsorengelder verloren. Wir werden ihm helfen.“

Dominic Templeton-Burke unter die Arme zu greifen, schien jedoch alles andere als einfach zu sein.

„Alle Forscher sind sexy“, erklärte der Etatdirektor.

Seine Mitarbeiter wechselten resignierte Blicke.

„Und ob“, beharrte er. „Sie sind unrasiert und rennen mit schweren Rucksäcken durch die Gegend. Männlichkeit pur. Das müssen wir betonen.“

Er hatte recht. Schweigend dachten sie darüber nach.

„Sollen wir seine sensible Seite hervorheben?“, schlug Josh vor, der gerade seine Traineeausbildung beendet hatte.

„Bitte nicht übertreiben“, verkündete Dominic.

Seine Schwester Abby, die ebenfalls Etatdirektorin war, funkelte ihn über den Tisch hinweg an.

„Nun mach mal konstruktive Vorschläge, Dominic.“ Als sie den flehenden Unterton in ihrer Stimme hörte, hätte sie sich auf die Zunge beißen mögen.

Dominic war ihr Lieblingsbruder, aber sie hatte vorher noch nie versucht, sich in sein Berufsleben einzumischen. Wie es schien, würde es eine unvergessliche Erfahrung werden.

„Entschuldige.“ Seine graugrünen Augen funkelten. Er lehnte sich zurück. „Was schwebt euch denn vor?“

Der Etatdirektor machte eine unbestimmte Geste. „Etwas Unerwartetes. Etwas, woran die Leute sich erinnern werden.“

„Sie sollen sehen, dass du mehr bieten kannst als Muskeln und die Fähigkeit, einen Kompass zu lesen“, sagte seine Schwester boshaft.

„Er meint den geheimnisvollen Charakter, der sich hinter meinem rauen Äußeren verbirgt“, verbesserte Dominic sie. „Ich könnte zum Beispiel eine glamouröse Geliebte haben.“

Daraufhin herrschte Schweigen, und die Mitarbeiter von Culp and Christopher blickten sich erschrocken an.

Sie hatten von Abbys Bruder gehört. Mollys Briefing, das in den Ordnern vor ihnen lag, endete mit den folgenden Worten: „Man sagt, dass er brillant, unberechenbar und in jeder Hinsicht schwierig ist. Im einen Moment macht er die Gegend unsicher, im anderen verschwindet er einfach. Er ist ein Sexprotz, von dem die Frauen lieber die Finger lassen sollten.“

Molly versuchte, nicht auf ihren Ordner zu sehen.

Selbst Abby, die das Briefing nicht kannte, wirkte unbehaglich. „Du meinst, du würdest dich gern daran erinnern, dass eine heiße Puppe auf dich wartet, wenn jemand dir gerade eine tolle neue Kletterausrüstung zeigen will?“

„Du behauptest wieder, ich wäre nicht sexy“, erwiderte Dominic traurig.

Alle Frauen am Tisch betrachteten ihn mit Kennerblick. Obwohl er lässige Sachen trug, war nicht zu übersehen, wie muskulös er war.

„Nein, ich will damit sagen, dass du dir die Worte ‚Bin nicht an Beziehungen interessiert‘ auf die Stirn tätowieren lassen solltest“, entgegnete Abby scharf. „Oder irre ich mich etwa?“

„Ich dachte, ihr würdet mir hier professionelle Hilfe anbieten und nicht meinen Charakter analysieren.“

„Sicher, ein heftiger Flirt würde für Schlagzeilen sorgen“, warf Molly di Peretti schnell ein. „Aber …“ Sie sah Abby an.

Diese rief sich die Namen seiner letzten Freundinnen ins Gedächtnis. Sie räusperte sich. „Schwebt dir jemand Bestimmtes vor?“

„Mir?“ Dominic tat verblüfft. „Ist das nicht eure Aufgabe? Ich dachte, dafür würde man euch bezahlen.“

„Hm“, meinte der Etatdirektor. „Die Idee ist wirklich nicht schlecht.“

Abby wusste, dass ihr Bruder sie nur aufzog. „Ist es nicht“, entgegnete sie. „Madame de Pompadour steht momentan nicht auf unserer Auftragsliste. Außerdem würde es Dominics Freundin nicht gefallen – wer es auch sein mag“, fügte sie scharf hinzu.

Dominic warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Ich habe gerade keine und bin also für alles offen.“

„Damit ließe sich etwas anfangen“, erklärte der Etatdirektor.

Dominic nickte begeistert. „Wie wär’s mit einer langbeinigen Blondine?“

Abby stöhnte und barg das Gesicht in den Händen, während der Etatdirektor eine ungeduldige Geste machte.

„Ja, man sollte sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, stimmt’s?“, erkundigte Dominic sich mitfühlend.

Sie hob den Kopf. „Dominic …“, begann sie warnend.

Doch er achtete nicht darauf, sondern beugte sich vor und stützte das Kinn in die Hände.

„Du bekommst eine Menge Ratschläge umsonst“, erinnerte sie ihn, machte sich allerdings keine allzu großen Hoffnungen. Wenn er etwas komisch fand, war er nicht aufzuhalten. „Etwas mehr Ernst, bitte“, fügte sie verzweifelt hinzu.

„Ernst? Ehrlich, Abby, die Idee ist nicht schlecht.“ Strahlend blickte er in die Runde. „Ich meine, es war ein spontaner Einfall, über den ich mir noch keine Gedanken gemacht habe. Glaubt ihr wirklich, eine Geliebte könnte mein Image in der Öffentlichkeit aufpolieren? Und woher soll ich eine bekommen?“

Abby resignierte. „Wie wäre es mit einer Hostess?“, schlug sie leise vor.

Unter dem Tisch gab er ihr einen Klaps. „Achtet nicht auf sie. Kommen Sie, Ladies und Gentlemen. Vergessen Sie nicht, dass ich nur ein einfacher Junge vom Lande bin, der sich mit PR in der Großstadt nicht auskennt.“

Abby verdrehte die Augen. „Hör auf damit, Dominic!“

Der Etatdirektor ließ sich jedoch nicht beirren. „Sex verkauft sich immer“, erklärte er freundlich, aber in einem Tonfall, der besagte, dass Dominic keine Ahnung vom wirklichen Leben hatte.

„Wir wollen doch meine nächste Expedition verkaufen, oder?“, fragte dieser. „Tut mir leid, Leute, aber am Südpol ist nicht viel mit Sex.“

„Und gerade deswegen brauchen Sie welchen in der PR-Kampagne“, sagte der Etatdirektor.

Das war zu viel für Dominic. Er lachte schallend und barg das Gesicht in den Händen.

„Ihr seid alle verrückt“, verkündete er schließlich. „Offenbar lässt PR das Gehirn verfaulen.“

Dann stand er auf und blickte wieder in die Runde. „Vielen Dank für das Hilfsangebot. Ich weiß, dass es nett gemeint war, aber ich verzichte trotzdem lieber darauf.“

Noch immer lachend, verließ er den Raum.

Nach einer Weile atmete Molly auf. „Unberechenbar“, sagte sie zufrieden. „Ich habe es euch ja gesagt.“

Abby biss sich auf die Lippe. „Es tut mir so leid …“

Molly tätschelte ihr die Hand. „Schon gut. Wir erzählen Jay, dass wir alles versucht haben, aber Dominic nicht mitspielen wollte. Selbst er kann ihm keine PR-Kampagne aufzwingen.“ Plötzlich lachte sie. „Allerdings hätte ich ihn wirklich gern mit Madame de Pompadour zusammengebracht. Tut mir leid, Abby, aber er hat wirklich keinen Respekt.“

Ihre Kollegen sammelten ihre Unterlagen zusammen und standen auf.

Nur der Etatdirektor schien noch etwas sagen zu wollen. „Es wäre eine tolle Story geworden“, meinte er verträumt. „Stellt euch die Schlagzeilen vor: Ein echter Mann und seine Lady.“ Als er die entsetzten Mienen seiner Kolleginnen bemerkte, kehrte er auf den Boden der Tatsachen zurück. „Natürlich nur mit der richtigen Frau.“

Abby und Molly wechselten vielsagende Blicke.

„Du glaubst also, es gibt die richtige Frau für Dominic Templeton-Burke?“, wiederholte Molly ungläubig.“

„Bestimmt nicht“, bemerkte Abby.

1. KAPITEL

Es war ein typischer kühler Spätsommermorgen. Isabel Dare, die hinter dem Tor zum Park Stretching machte, atmete tief durch. Himmlisch, dachte sie.

Sie war allein und konnte in Ruhe nachdenken. Abgesehen von dem Vogelgezwitscher war kein Laut zu hören. Zum ersten Mal seit Wochen, ja Monaten drängte niemand sie auf dem Bürgersteig beiseite, musste sie nicht in der überfüllten U-Bahn fahren, kündigte kein Piepen die nächste Textnachricht an.

Die nächste Nachricht würde genau wie alle anderen von Adam kommen und lauten: „Wann ist Date Nr. 3?“

„Ich hoffe, er hat mehr Glück als die letzten fünf“, hatte Jemima kurz nach ihrer Ankunft am Vorabend gesagt und ihre Reisetasche fallen lassen. „Ich mag ihn.“

Ja, sie, Izzy mochte ihn auch. Sie war nur nicht sicher, ob sie mehr wollte. Und die dritte Verabredung hatte eine gewisse Bedeutung. Jemima und sie nannten es das Sexdate. Und zu ihrer Verblüffung hatte sie festgestellt, dass andere es ebenfalls taten. Auch Adam Sadler.

Außerdem wurde er immer ungeduldiger, was sie ihm nicht verdenken konnte. Das Problem war, dass nicht nur London sie fertigmachte. Adam und seine Vorgänger hatten genauso ihren Teil dazu beigetragen. Sie ging gern mit Männern aus, aber sie wollte es nicht mehr bis zum dritten Date kommen lassen. Mit keinem von ihnen.

Oder zumindest noch nicht, verbesserte sich Izzy. Die Dinge konnten sich ändern. In der Zwischenzeit allerdings …

Izzy begann, auf dem Gras neben dem asphaltierten Weg zu joggen. Obwohl es erst halb sieben war, merkte man, dass es ein warmer Tag werden würde – ideal zum Spazierengehen, Kanufahren oder Faulenzen unter einem Baum.

„Steht nicht zur Debatte“, sagte sie laut.

Heute war der große Tag ihrer Cousine Pepper, denn ihr Geschäft Out of the Attic, mit dem sie ein neues Einkaufskonzept umsetzen wollte, sollte eröffnet werden. Pepper hatte ihre ganze Energie in dieses Projekt gesteckt, und sie hatte in den letzten Monaten daran mitgearbeitet.

Pepper hatte ihr einen Job gegeben, als es ihr so schlecht ging, dass sie dachte, sie wäre arbeitsunfähig und würde es auch immer bleiben. Allerdings wusste niemand etwas davon, nicht einmal Pepper. Sie bekämpfte ihre Dämonen immer allein.

Izzy lief schneller.

Die Tautropfen auf den Blättern glitzerten in der Morgensonne. Über dem See zog ein Reiher seine Kreise.

Die Bewegung machte sich bemerkbar. Das Blut pulste schneller in ihren Adern, und ihre Haut prickelte. Es tat unwahrscheinlich gut und würde sie über einen weiteren Tag retten. Als sie neu in London gewesen war, hatte sie jeden Morgen ihre Runden im Park gedreht.

„Ist das nicht wahnsinnig gefährlich?“, hatte Pepper, die in New York gelebt hatte, gefragt, als sie ihr in ihren Laufsachen im Flur begegnete.

Izzy lachte. „Ich bin schnell und kann richtig zutreten.“

„Stimmt“, bestätigte Jemima lächelnd. Zu dem Zeitpunkt war sie noch die ganze Zeit da gewesen und nicht vierundzwanzig Tage im Monat gereist. Da hatte sie noch zugehört.

Pepper wirkte nicht überzeugt. „Und was ist, wenn dich jemand mit einer Schusswaffe bedroht?“

Izzy verspannte sich, ließ es sich jedoch nicht anmerken. „Wenn man nicht mit dem Angreifer verhandeln kann, muss man die Flucht ergreifen.“

Jemima, die noch ihren Kimono trug und eine Kaffeetasse in der Hand hatte, schüttelte den Kopf. „Izzy ist noch nie etwas passiert, obwohl sie um die ganze Welt gereist ist. Also hat sie offenbar recht.“

„Aber es ist so riskant!“, wandte Pepper ein.

Izzy, die sich gerade die Schuhe auszog, wandte den Kopf und erwiderte unnötig heftig: „Das ganze Leben ist ein einziges Risiko.“ Sie setzte sich aufs Parkett und blickte zu den beiden auf. „Man kann sich zu Hause einschließen und vor Angst zittern oder sich den Herausforderungen stellen. Und lernen, mit den Konsequenzen zu leben.“

Pepper, die gerade das größte Risiko ihres Lebens eingegangen war, hatte abwehrend die Hände gehoben. „Dagegen ist nichts zu sagen.“

Ihre Cousine hatte sie nicht vor bewaffneten Männern warnen müssen, denn sie, Izzy, hatte damit bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt. Allerdings wusste auch davon niemand, nicht einmal Jemima.

Vielleicht erzähle ich es ihnen eines Tages, dachte sie.

Izzy schluckte. Inzwischen schien das alles so weit weg. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, als wäre es nicht ihr, sondern jemand anderem passiert – eine Geschichte, die sie in der Zeitung gelesen hatte. Oder als hätte sie seit jener Fahrt durch den Dschungel mit dem Bus eine gespaltene Persönlichkeit.

Und Adam Sadler mit seinem Lotus, seiner Rolex und der Mitgliedschaft in einem exklusiven Fitnessclub in der City war nicht der Mann, der ihr helfen würde, zu sich selbst zu finden. Auch wenn sie es gewollt hätte.

An diesem Tag gab es allerdings wichtigere Dinge. Es stand eine Menge auf dem Spiel.

Am Vorabend hatte es so ausgesehen, als würde Pepper jeden Moment die Wände hochgehen. Und Jemima litt am Jetlag. Aber irgendwie mussten sie es schaffen.

Izzy warf den Kopf zurück, sodass das rote Haar ihr in den Nacken fiel. „Krisenbewältigung ist eine Spezialität von mir. Die anderen können ruhig ausflippen. Ich fahre die Ernte ein.“

Dann senkte sie den Kopf und lief so schnell, dass sie die Schmerzgrenze überschritt.

Als Izzy ins Apartment zurückkehrte, saß Pepper zusammengesunken am Frühstückstisch, auf dem drei fast volle Kaffeetassen standen, und umklammerte krampfhaft ein Stück Papier mit Notizen. Sie blickte auf, nahm sie jedoch gar nicht richtig wahr. In ihren Augen lag ein verzweifelter Ausdruck.

„‚Ein ganz neues Erlebnis‘“, sagte sie leise vor sich hin. „‚Ein ganz neues Erlebnis.‘ Hallo, Izzy. ‚Ein ganz neues Einkaufserlebnis.‘“

„Hör auf damit“, erklärte Izzy und nahm ihr das Blatt weg. „Das haben wir gestern Abend schon alles besprochen.“

Und zwar bis in die frühen Morgenstunden. Pepper konnte nicht viel geschlafen haben.

Pepper lächelte flüchtig. „Aber ich hatte im Bett noch eine Idee …“

„Du hättest lieber schlafen sollen.“ Izzy trug die Kaffeetassen zur Spüle, um sie zu leeren.

„Nein. Hör zu. Die Statistik …“

Ungläubig wandte Izzy sich um. „Du willst einen Haufen Modejournalisten doch hoffentlich nicht mit irgendwelchen Statistiken bombardieren, oder?“

„Sie sind aber sehr aufschlussreich“, erklärte Pepper ernst.

Izzy schüttelte den Kopf. „Du musst dich mit deiner Rede kurzfassen.“

„Aber …“

„Ich mache dir jetzt erst mal einen Toast“, verkündete Izzy. „Und Eier. Mit warmer Milch. Oder heißer Schokolade. Oder Sekt. Auf jeden Fall musst du etwas Koffeinfreies trinken. Und hör bitte auf mit diesem Unsinn. Out of the Attic ist ein fantastisches Projekt, und die Eröffnung wird ein voller Erfolg. Verstanden?“

Diesmal lächelte Pepper richtig. „Du bist so nett zu mir, Izzy. Ich bin froh, dich als Cousine zu haben.“

Izzy strahlte. „Ebenso. Und nun geh unter die Dusche. Ich hole inzwischen Jemima aus ihrer Höhle.“

Jemima hatte sich ihre Bettdecke umgewickelt und war so gut gelaunt wie ein Grizzly, der in seinem Winterschlaf gestört wurde.

„Hau ab.“

„Nein.“

Erbarmungslos zog Izzy die Gardinen zurück, sodass helles Sonnenlicht ins Zimmer fiel. Jemima schrie auf und legte sich ihr Kissen aufs Gesicht.

„Ich hasse dich“, stieß sie hervor.

„Klar“, meinte Izzy lächelnd. „Steh auf.“

„Ich bin gerade erst eingeschlafen.“

„Pech für dich. Du hast zu tun.“

„Erzähl mir was Neues“, jammerte Jemima.

„Und eine Cousine, die du unterstützen musst.“

Jemima schwieg einen Moment. Dann schob sie das Kissen ein Stück weg.

„Izzy?“

„Ja, das bin ich“, erwiderte Izzy fröhlich. „Wenn du aufstehst, mache ich dir Eibrot zum Frühstück.“

Nach einer Weile stöhnte Jemima auf und nahm das Kissen ganz weg. Dann setzte sie sich auf.

„Okay“, meinte sie resigniert. „Was willst du?“

Izzy nahm eine Liste aus der Tasche, die sie ihr reichte.

Nachdem Jemima sie überflogen hatte, blickte sie Izzy ungläubig an. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Du fängst mit Peppers Make-up an“, erklärte diese, während sie sich zum Gehen wandte. „Sie ist in ungefähr zehn Minuten so weit.“

„Oh.“ Jemima sank zurück in die Kissen. „Na gut. Ich komme gleich.“

„Und ob“, bestätigte Izzy zuckersüß, bevor sie die Decke vom Bett zog und mitnahm.

Sie ignorierte die wütenden Schreie ihrer Schwester, und wie erwartet erschien diese fünf Minuten später schlaftrunken mit ihren Schminkutensilien und einem Vergrößerungsspiegel in der Küche. Das Eibrot verschmähte sie, trank allerdings zwei Tassen Kaffee und betrachtete sich anschließend im Spiegel.

„Augenringe“, stellte sie fest und schnippte mit den Fingern. „Eis.“

Izzy nahm einen Beutel mit Eiswürfeln aus dem Gefrierfach und beobachtete fasziniert, wie Jemima sich diese auf die Augen legte.

„Das ist ein alter Trick bei Models“, erklärte sie. „Ich habe eine Menge davon auf Lager, seit ich das Gesicht von Belinda bin.“

Es hörte sich nicht so an, als wäre sie darüber besonders glücklich. Izzy, die gerade Rührei für Pepper machte, blickte auf. In diesem Moment wurde ihr schmerzlich bewusst, dass Jemima ihr nicht nur nicht mehr zuhörte, sondern sich ihr auch nicht mehr anvertraute.

„Alles in Ordnung, Jay Jay?“

„Oh ja. Ich wohne in Fünf-Sterne-Hotels, und wenn ich morgens aufwache, weiß ich nicht einmal, auf welchem Kontinent ich bin.“

Izzy zog die Augenbrauen hoch. „Ist das eigentlich gut oder schlecht?“

„Es ist eine Lebensart“, erwiderte Jemima ausdruckslos.

Allmählich machte Izzy sich Sorgen. Als die Kosmetikfirma Belinda Jemima als Gesicht des Jahres auswählte, hatte in allen Zeitungen gestanden, dass sie damit in die Riege der Supermodels aufgestiegen sei. Es hatte allerdings nicht den Anschein, als würde Jemima ihren wohlverdienten Erfolg genießen.

„Lass uns heute Abend, wenn der ganze Hokuspokus vorbei ist, zum Italiener gehen“, schlug Izzy vor.

„Ich muss gleich nach der Eröffnung zum Flughafen“, erklärte Jemima schroff.

Bevor Izzy etwas erwidern konnte, erschien Pepper mit einem anderen Blatt Papier in der Hand im Bademantel in der Küche.

„Was haltet Ihr davon, Jemima, Izzy? Ich könnte noch einmal …“

„Keine Statistiken!“, riefen sie beide gleichzeitig.

„Sie sind ein Genie“, sagte die Frau von der PR-Agentur. Sie hatte grün gefärbtes Haar, machte sich Notizen auf einem Klemmbrett und wirkte sehr professionell.

Izzy, die gerade ein Stück Chintz über den Kabeln in der Ecke drapierte, blickte auf und schob sich eine Strähne unter ihr Kopftuch. „Was?“

„Weil Sie es geschafft haben, das Biest von Belinda vor zehn Uhr morgens hierher zu bekommen. Sicher, sie sieht traumhaft aus. Aber diese Frau ist bissig.“

Izzy war gekränkt. „Wie bitte?“

Doch das Klemmbrett war bereits auf die andere Seite des großen Konferenzsaals mit den Glaswänden gegangen.

Der Kameramann, der dabei war, das Objektiv auf die kleine Bühne auszurichten, blickte auf sie herunter. „Molly will sich auf die Weise bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie Izzy bei Laune halten. Noch hat sie niemanden gebissen.“

Izzy blinzelte. „Das Biest von Belinda?“

Ironisch verzog er das Gesicht. „Jemima Dare. Das Gesicht von Belinda Cosmetics. Frisch gekürtes Supermodel.“

Und meine Schwester, dachte sie. Normalerweise hätte sie ihre Schwester sofort verteidigt, doch es wäre schlechtes Timing gewesen, denn in zwölf Minuten sollte die Eröffnung von Out of the Attic beginnen.

Geschickt legte sie den Stoff in Falten. „Kennen Sie Jemima Dare?“, erkundigte sie sich trügerisch freundlich.

„Ich habe mit ihr gearbeitet.“

„Ein echter Quälgeist“, bemerkte der Kameraassistent.

Izzy unterdrückte ihre Wut. „Interessant“, brachte sie hervor. Nachdem sie einen überstehenden Nagel unnötig heftig in die Wand geschlagen hatte, stand sie auf.

„Fertig?“, fragte die Frau mit dem Klemmbrett, die wieder aufgetaucht war. „Können wir die Leute schon reinlassen?“

Izzy ließ den Blick durch den großen Raum schweifen. Es sah nicht aus, als würde hier gleich eine Eröffnung stattfinden, sondern als wären die Renovierungsarbeiten in vollem Gange. Zwischen Trittleitern und mit Laken zugedeckten Möbeln standen zahlreiche Farbtöpfe herum. Die Bilder an den Wänden waren ebenfalls abgedeckt, und der große Kronleuchter lehnte am anderen Ende des Raumes an einem Tapeziertisch. Den Teppich hatte man weggenommen. Die Londoner Fashion victims würden schockiert sein.

„Ja. Es kann losgehen.“

Die Frau mit dem grünen Haar lächelte. „Es wäre schön, wenn alle Kunden von Culp and Christopher so praktisch veranlagt wären wie Sie.“ Dann sah sie auf ihr Klemmbrett. „Die Mädchen mit den Werbegeschenken sind in Position. Wir öffnen in dem Moment, wo Sie mir das Zeichen geben.“ Sie ging auf die Flügeltür zu.

Izzy nickte und vergewisserte sich, dass ihr Kopfhörer richtig saß. Anschließend drückte sie den Knopf und sprach in ihr kleines Mikrofon: „Das ist ein Test. Die Partygänger stehen am Eingang. Sind wir so weit? Redet mit mir, Leute … Tony? Geoff?“

Nachdem alle sich gemeldet hatten und sie der hochgradig nervösen Pepper noch einmal Mut zugesprochen hatte, gab sie der Frau mit dem Klemmbrett das Zeichen. Daraufhin wurde die Flügeltür geöffnet, die Leute kamen herein – und blieben unvermittelt stehen.

Izzy hätte vor Freude tanzen können. Großartig! Das war eine Eröffnung, die sie niemals vergessen würden.

„Citygeräusche bitte, Geoff“, sagte Izzy ins Mikrofon.

Daraufhin wurde das Band mit den typischen Stadtgeräuschen eingeschaltet – Verkehrslärm, Sirenen und Stimmen. Die Gäste waren noch faszinierter. Sie begannen, sich im Raum zu verteilen, und betrachteten die abgedeckten Gegenstände.

„Alles bestens, Pepper. Tony, starte jetzt die Lightshow“, fuhr Izzy fort.

Das grelle Licht wurde gedämpft, und ein rosafarbener Spot wurde auf die Bühne geworfen. Diese war leer. Das durfte nicht sein.

Izzy verlor den Mut, beschloss allerdings, es sich nicht anmerken zu lassen. „Pepper?“, hakte sie so lässig wie möglich nach.

„Wir sind hier, Izzy“, meldete sich dann zu ihrer großen Erleichterung eine Stimme. „Wir kommen gleich.“

Das war Jemima. So war es jedoch nicht abgesprochen. Sie sollte Pepper eigentlich auf die Bühne folgen, denn ihre Aufgabe bestand darin, einige Outfits vorzuführen und sich anschließend unter die Gäste zu mischen. Nun sprang sie aber für Pepper ein.

Von wegen Biest von Belinda, dachte Izzy und platzte beinahe vor Stolz. Jemima war kein Quälgeist, sondern ein vollwertiges Mitglied im Frauensolidaritätsclub.

„Los, Jay, Jay“, sagte Izzy ins Mikrofon.

Wie eine Königin betrat Jemima die Bühne – oder vielmehr wie eine Königin, die sich umgezogen hatte, um das Kinderzimmer zu streichen. Wie vereinbart trug sie eine mit Farbe bekleckerte Latzhose, und ihre Hände und Arme waren ebenfalls beschmiert. Ihr legendäres Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Gäste verstummten und betrachteten sie starr.

„Das Leben“, sprach Jemima ins Mikrofon, an das die Soundanlage angeschlossen war, „ist chaotisch. Zu schnell. Zu schmutzig. Mit zu vielen Enttäuschungen verbunden.“ Sie hatte den Text aus ihrer Handfläche abgelesen, ohne dass jemand es gemerkt hatte.

„Nicht immer“, erklang eine heisere Frauenstimme aus dem Off.

Im nächsten Moment kam hinter einem ebenfalls mit Laken bedeckten Gebilde eine große, wunderschöne Frau hervor und betrat ebenfalls die Bühne. Sie hatte langes, glänzendes rotes Haar, trug einen seidenen Mantel in Blau- und Grüntönen und lächelte. Pepper hatte sich sehr verändert, seit Jemima und sie ihr an diesem Morgen den Bademantel und ihre Unterlagen mit den Statistiken weggenommen hatten.

Außerdem sah es so aus, als hätte sie ihren Anflug von Panik überwunden. Danke, Jay, Jay, dachte Izzy.

Die Gäste hielten den Atem an. Damit hatten sie nicht gerechnet. Das hier war kein Model, sondern Pepper Calhoun persönlich, die innovative Unternehmerin, die vermutlich eine steile Karriere machen würde.

Das Licht veränderte sich wieder und wurde golden.

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