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Wann ist ein Mann ein Bond?

Über die Autoren

Jo Müller arbeitet seit vielen Jahren als Journalist mit Schwerpunkt Film und populäre Kultur für TV und Hörfunk. Er ist unter anderem der Kinomän der Popwelle SWR3. Für Das Erste, das SWR-Fernsehen oder ARTE dreht er Dokumentationen und Feature. Darüber hinaus schreibt er als freier Autor Bücher.

Markus Tschiedert studierte in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und arbeitet seitdem als Filmjournalist für verschiedene Filmmagazine, Zeitschriften und Zeitungen.

Jo Müller/Markus Tschiedert

WANN
IST
EIN MANN
EIN BOND?

Was Sie vom smartesten Geheimagenten der Welt lernen können

Inhalt

  1. 001. Gunbarrel
  2. 002. Eröffnungssequenz
  3. 003. Bond – Der Zeitreisende
  4. 004. Bond – Der Folterknecht
  5. 005. Bond – Der Playboy
  6. 006. Bond – Die Sexmaschine
  7. 007. Bond – Der Pausenclown
  8. 008. Bond – Der Technikfreak
  9. 009. Bond – Der Weltenbummler
  10. 010. Bond – Die Sportskanone
  11. 011. Bond – Das Sensibelchen
  12. 012. Bond – Der Goldjunge
  13. 013. The End, but …
  14. 014. Sind Sie ein echter Bond?
  15. 015. Anhang
  16. 016. Bibliografie

BOND7.eps001. Gunbarrel

Die Lichter gehen langsam aus. Der Vorhang öffnet sich mit einem leichten Ruckeln. Ein letztes vereinzeltes Räuspern ist zu hören. Dann herrscht für Sekunden völlige Dunkelheit. In der absoluten Stille hörst du dein Herz pochen, eine vibrierende Spannung liegt in der Luft. Und dann kommen sie: die zwei weißen Kreise, die von links nach rechts über die schwarze Leinwand wandern und den Gunbarrel einleiten, den legendären Vorspann.

Die Kreise vereinen sich, fangen einen Mann im Anzug ein, der von rechts ins Bild läuft. Es sieht fast so aus, als wäre der Kreis die Mitte einer Irisblende … doch nein! Es ist der Lauf einer Pistole. Und der Mann ist kein Geringerer als James Bond. Blitzschnell dreht er sich nach vorn und schießt mit der Waffe – mitten ins Publikum.

Egal, wie oft wir diesen Augenblick im Kinosessel bereits erlebt haben, jedes Mal löst er das gleiche prickelnde Gefühl aus: ein neuer Bond-Film – endlich! Bereits als Kinder schlichen wir uns, obwohl eigentlich noch viel zu jung, ins Filmtheater und begeisterten uns für die neuesten wie für die alten Spektakel des Spions. Bis heute ist Bond unser ultimativer Leinwandheld geblieben. Während andere Filmikonen wie Darth Vader, Indiana Jones oder Gandalf nach einer gewissen Zeit wieder von der Bildfläche verschwanden, bleibt uns Bond treu, und das – filmhistorisch betrachtet – nun schon seit fünfzig Jahren! Inzwischen haben wir natürlich all seine Abenteuer auf DVD oder Blu-ray zuhause im Schrank. Und wenn ein Tag mal schlecht lief oder sich die Laune auf dem Tiefpunkt befindet: Ein Bond ist dagegen die beste Medizin!

Dass das Kino für uns Heimstätte geworden ist und wir beruflich beim Film und beim Journalismus gelandet sind, daran trägt James Bond auf jeden Fall Mitschuld. Unsere Profession gab uns die Gelegenheit, Stars und Macher zu treffen, die bei den Bond-Filmen vor und hinter der Kamera maßgeblich beteiligt waren. Die meisten von ihnen kommen in unserem Buch persönlich zu Wort. Deshalb stammen alle Zitate aus unseren eigenen Interviews. Auf diese Weise haben wir eine Fülle von Informationen gesammelt und sind letztendlich auf die Idee zu diesem Buch gekommen. Vollständigkeit interessiert uns dabei nicht im Geringsten. Wir sind keine buchhalterischen Faktenjäger, die sich daran ergötzen, mit wie viel PS der Lotus Esprit ins Wasser saust oder wie viel Hubraum die Little Nellie unter dem Rotor hat. Uns interessieren das Phänomen, die Magie und der Mann. Bond, James Bond! Letztendlich wollen wir dabei nichts anderes als der berühmteste Spion der Filmgeschichte selbst: unterhalten! Wann ist ein Mann ein Bond? richtet sich an alle Leserinnen und Leser, die sich nur zu gern vom Bond-Fieber infizieren lassen wollen. Bock auf Bond? Dann halten Sie garantiert das richtige Buch in der Hand!

22. April 2012

Jo Müller & Markus Tschiedert

BOND2.eps002. Eröffnungssequenz

Wie heißt es so schön? Jeder Mann will so sein wie er, und jede Frau will von ihm geliebt werden. Seit James Bond 1962 in James Bond – 007 jagt Dr. No zum ersten Mal die Leinwand betrat, werden diese hübschen Worte wieder und wieder zitiert. Demzufolge müssten wir Männer nur zu kleinen Bonds werden, und schon lägen uns die Welt und vor allem die Frauen zu Füßen. Leichter gesagt als getan, denn der Geheimagent ist ein bloßes Hirngespinst, erfunden vom britischen Autor Ian Fleming (1908–1964), der seine eigenen Tagträume vom perfekten Mann zu Papier bringen wollte.

Als 1953 Flemings erster Bond-Roman Casino Royale veröffentlicht wurde, konnte niemand ahnen, dass der Autor damit den wahrscheinlich größten Helden des 20. Jahrhunderts in die Welt setzte. Der richtige Mann zur richtigen Zeit – ein Spion inmitten des Kalten Krieges, der männliche Tugenden und heroische Fantasien in sich vereint. Fleming kassierte für die Verfilmungsrechte an Casino Royale nur schlappe sechstausend Dollar, und das darauffolgende einstündige Fernsehspiel mit Barry Nelson als Jimmy Bond und Peter Lorre als Gegenspieler Le Chiffre konnte nicht überzeugen. Doch Bond war aus Flemings Oberstübchen hinaus ins gleißende Scheinwerferlicht getreten und unaufhaltsam auf dem Weg, ein bahnbrechender Erfolg zu werden.

Fleming schrieb weitere Bond-Bücher (insgesamt zwölf Romane und zwei Kurzgeschichtenbände) und gelangte mithilfe seines Romanhelden zu mehr und mehr Popularität. Anfang der Sechzigerjahre weckte der britische Agent mit der Geheimziffer 007 das Interesse der Filmproduzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman. Sie erwarben die Verfilmungsrechte für fast alle Bond-Romane, und damit gab’s kein Halten mehr: James Bond, dargestellt vom schottischen Schauspieler Sean Connery, wurde zum Kinostar und sicherte sich damit ein Plätzchen im Olymp der Popkultur. Und aus diesem Paradies ist er nach fünf Dekaden garantiert nicht mehr zu vertreiben.

Während so viele Helden der populären Kultur vor ihm bereits (zwar verdiente, aber dennoch wenig attraktive) Patina angesetzt haben, turnt und springt James Bond auch im 21. Jahrhundert noch munter über die Leinwand, als hätte es nie ein Gestern gegeben. Wie lautet also die geheime Formel der erfolgreichsten Kinoserie aller Zeiten, die mit 23 offiziellen Bond-Abenteuern zwar nicht die meisten Filme hervorgebracht hat, aber mit einer Laufzeit von einem halben Jahrhundert inzwischen unerreichbar geworden ist? Wie oft wurde Bond von Soziologen, Sittenwächtern, Filmkritikern, Feministinnen und anders gelagerten Feinden schon für tot erklärt – und hat es trotzdem immer überlebt?

Tatsächlich gab es Phasen, in denen die Fans aus verschiedenen Gründen ein paar Jahre länger auf ein neues 007-Spektakel warten mussten. Schlug Bond dann doch wieder zu, feierte er ein noch triumphaleres Comeback als erwartet. Er ist nicht totzukriegen – im Gegenteil, er gewinnt immer wieder neue Generationen von Kinogängern, die seine Abenteuer verfolgen wollen, für sich.

Gewiss ist das den Produzenten Harry Saltzman und Albert R. Broccoli zu verdanken, die stets darauf achteten, dass ihr Held nie in den zeitgeistlichen Rückstand geriet, sondern immer mit der Zeit ging. Daran haben sich auch Broccolis Kinder Barbara Broccoli und Michael G. Wilson gehalten, die den Bond-Laden nach dem Tod des Erfolgsproduzenten im Jahre 1996 endgültig übernahmen. Jeder Bond-Film, der zwischen 1962 und 2012 entstand, ist eine Spiegelung der weltpolitischen Lage, der gesellschaftlichen Veränderungen, der kulturellen Einflüsse und der modischen Erscheinungen jener Zeit, in der er entstanden ist. Bond hat sich immer angepasst und ist deswegen modern geblieben, und das, obwohl er seinem doch eher archaischen Männlichkeitsbild in Grundzügen treu geblieben ist. Er hat sich stets neu erfunden, aber seine wesentlichen Charaktereigenschaften hat er trotzdem nie abgelegt. Zwar musste auch er erst lernen, dass man, um eine Frau zu erobern, ihr nicht einfach nur den Hintern tätscheln sollte, gleichwohl hat Bond von jeher starke Frauen geschätzt.

Natürlich haben die fortschreitende Emanzipation und die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau auch die Bond-Filme beeinflusst, trotzdem steckt in Bond weiterhin ein Chauvi, der glaubt, jedes weibliche Geschöpf erlegen zu können. Er ist der Starke, der Zielstrebige, der Eroberer, was – der Legende nach – Frauen auch heute noch an einem Mann anziehend finden. Zumindest auf diesem Gebiet scheint Bond den meisten heterosexuell orientierten Herren eine enorme Identifikationsfläche zu bieten. Dass er aber tatsächlich auf ganzer Linie Kerl ist, zeigt sich in allerlei männlichen Attitüden, die er in sich vereint. Frauen sind zwar augenscheinlich seine größte Leidenschaft, aber Bond liebt ebenso ein Leben in Luxus, gutes Essen, erlesene Weine, Reisen in exotische Länder, schnelle Autos und die neuesten technischen Errungenschaften. Er bekommt das, wovon andere nur träumen können – und zwar wirklich alles, und auch noch alles auf einmal! Damit nicht genug ist Bond auch noch körperlich und geistig auf voller Höhe: Er ist sportlich fit und wird generell als verdammt gut aussehend bezeichnet. Er verfügt über eine überragende Allgemeinbildung, tritt weltmännisch auf und kann überall mitreden. Humor wird ihm ebenfalls bescheinigt, denn er hat immer einen flotten Spruch oder eine geistreiche Bemerkung auf Lager. Und wem das alles in die Wiege gelegt wurde, dem fliegt auch der Rest zu: Bond steht finanziell mehr als gut da, besonders weil er nicht nur berufliche Erfolge vorzuweisen hat, sondern Fortuna ihn auch beim Pokern und am Blackjacktisch nie im Stich lässt.

Ja, ein 08/15-Mann könnte auf James Bond glatt neidisch werden. Stattdessen wird er aber wie ein Götzenbild angehimmelt. Er lebt etwas aus, was ansonsten der männlichen Fantasie vorenthalten bleibt. Im Umkehrschluss ist es aber auch möglich, dass Bond diese Fantasien erst entstehen lässt, gerade heutzutage, wo es für junge Männer oftmals schwierig ist, sich geeignete Vorbilder zu suchen. Bisher war Bond dabei eher ein oberflächliches, nach außen gerichtetes Vorbild, denn wie es in seinem Inneren aussieht, kam nur selten zum Vorschein. Doch die Gefühlswelt von James Bond ist ein großes Feld, das mit Daniel Craig, dem 2006 der 007-Staffelstab übergeben wurde, in den Filmen Casino Royale und Ein Quantum Trost zumindest teilweise schon mal beackert wurde. Ab 1. November 2012 ist Craig in Skyfall ein drittes Mal zu bewundern. Mit diesem Film wird dann ganz offiziell das fünfzigjährige Leinwandjubiläum von Bond gefeiert, der in den Verkörperungen von Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton und Pierce Brosnan bereits zahlreiche Generationen prägte.

Höchste Zeit also, dem britischen Supermann auf den Zahn zu fühlen und der Frage nachzugehen, was seine unermessliche Attraktivität eigentlich ausmacht. Wann ist ein Mann ein Bond? lautet daher die berechtigte Frage, die in den folgenden Kapiteln gewiss zu ganz unterschiedlichen Antworten führen wird. Wie Bond seinen Job als Geheimagent in einer sich politisch ständig verändernden Welt ausübt, ist dabei ein genauso interessierter Aspekt wie seine Durchsetzungskraft, sein Lebensstil, sein Sex-Appeal, sein Humor, sein Technikwahn, seine Reiselust, seine Sportlichkeit, seine Emotionen und sein Erfolg. Ein völlig anderes Bond-Buch ist dabei entstanden, das die Filme der Abwechslung halber nicht chronologisch abhandelt, sondern sie wie ein Psychogramm zu deuten versucht, um James Bond von möglichst vielen Seiten zu observieren und auszuspionieren. Zum Schluss kann sich jeder Mann selbst einen Reim darauf machen, inwieweit er Bond entspricht oder ob er wirklich so sein will wie er. Auch Frauen können beim Lesen zu der erstaunlichen Erkenntnis kommen, wie Typen so ticken – manchmal jedenfalls. Eines können wir aber vorweg schon mal sagen: In jedem Mann schlummert ein kleiner Bond!

BOND7.eps003. Bond – Der Zeitreisende

Es muss die pure Panik gewesen sein, die Ian Fleming packte, als er sich am 24. März 1952 erstmals vor den Traualtar wagte. Ausgerechnet er – der Spieler, der Lebemann, der Womanizer – wurde gezwungen, sein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Schuld daran war die Affäre mit einer verheirateten Frau, die nun schon zum zweiten Mal von ihm schwanger war. Das erste Kind war kurz nach der Geburt gestorben, beim zweiten Kind wollte der Ehemann von Lady Anne Rothermere aber nicht mehr mitspielen. Lord Rothermere sah eindeutig die Zeit gekommen, die Scheidung einzureichen, womit Lady Rothermere nichts anderes übrig blieb, als zu ihrem Geliebten zu fliegen, der in seinem Anwesen auf Jamaika weilte. Fleming war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt – in seiner Generation ein relativ spätes Alter, um eine Familie zu gründen. Doch Fleming wollte sich der Verantwortung stellen, hatte er mit seiner Anne doch schon während ihrer ersten Ehe mit Lord O’Neill, der im Zweiten Weltkrieg fiel, ein Verhältnis. Sie war die erste und wohl einzige Frau, die Fleming nach der Eroberung nicht sofort wieder absägte, vielleicht weil sie sich auf seine Spielregeln einließ, nicht allzu viel von ihm zu fordern.

Allerdings nur bis zu jenem Tag, als sie aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht mehr anders konnte, als sehr viel mehr zu verlangen. Das machte Fleming Angst, und mit ordentlich Schwung schlitterte er in eine ausgewachsene Midlife-Crisis. Um Abstand von der neuen Situation zu gewinnen, suchte er nach Ablenkung. Glücklicherweise fiel ihm ein, dass er schon während des Zweiten Weltkriegs den Wunsch gehegt hatte, seine Erfahrungen, die er als Assistent von Admiral John Godfrey, dem Leiter des Marine-Geheimdienstes, gemacht hatte, irgendwann mal zu einem Spionageroman zu verarbeiten.

IAN FLEMING

Ian Lancaster Fleming wurde am 26. Mai 1908 in London geboren. Er kam aus einer vermögenden Familie, wuchs jedoch ohne Vater auf, der als Offizier im Ersten Weltkrieg fiel. Am privilegierten Eton College lernte er Französisch, Deutsch und Russisch und erhielt etliche Sportauszeichnungen. Wegen einer Affäre mit einem Mädchen musste er die Schule verlassen, Ähnliches widerfuhr dem Schürzenjäger auf der Militärakademie Sandhurst. Fleming setzte sich ins österreichische Kitzbühel ab, wo er erste Kurzgeschichten schrieb. Als Journalist arbeitete er für die Nachrichtenagentur Reuters, ab 1933 war er Korrespondent der Times. Sein Beruf führte ihn in die Sowjetunion, wo er über eine Handelsreise berichten sollte, in Wahrheit spionierte Fleming jedoch fürs Auswärtige Amt. 1939 trat er dem Nachrichtendienst der britischen Marine bei, wo er sich zum persönlichen Assistenten des Geheimdienstchefs John Godfrey hocharbeitete. Während des Zweiten Weltkriegs war er mit der Planung und Durchführung mehrerer Operationen beauftragt, verfügte mit den Red Indians über eine eigene Einheit und schaffte es bis zum Commander. 1952 heiratete er Anne Rothermere, im selben Jahr wurde ihr gemeinsamer Sohn Casper geboren. Zu dieser Zeit begann Fleming mit dem Schreiben seines ersten Bond-Romans Casino Royale. In den nächsten Jahren veröffentlichte er zwölf weitere Romane und neun Kurzgeschichten über seinen Helden. Fleming war starker Raucher und trank. Am 12. August 1964 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Sevenhampton in der Grafschaft Wiltshire, wo auch seine Frau und sein Sohn (der 1975 an einer Überdosis Drogen starb) liegen.

Abbildung

Der Vater von James Bond: Autor Ian Fleming erfand seinen weltberühmten Geheimagenten während des Kalten Krieges

DER MANN MIT DEM GOLDENEN RIECHER:
Ian Fleming und die Geburt seines Helden in den Fünfzigern

Im Jahr 1952 befand Fleming, die Zeit – und dank seines persönlichen Schicksals wohl auch die Notwendigkeit – sei gekommen, einen Roman zu schreiben. Doch zu viel hatte sich in den letzten Jahren in der Literatur verändert: Schmankerl über alte Kriegskamellen wollte zu einem Zeitpunkt, als sich die Welt vom Kalten Krieg bedroht sah, keiner mehr lesen. Zwei ideologische Weltanschauungen standen sich gegenüber: Die Westmächte unter Führung der USA und der Ostblock, von der Sowjetunion geleitet, kämpften um die politische, wirtschaftliche, technische und militärische Vorherrschaft in der Welt. Als die UdSSR am 29. August 1949 – drei Jahre vor Großbritannien – ihren ersten atomaren Bombentest durchführte und die alleinige Atomherrschaft der USA damit ins Wanken geriet, kam der Konflikt zum Überkochen. Die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg, der mit atomaren Waffen geführt werden könnte und die Vernichtung der Menschheit zur Folge hätte, war allgegenwärtig.

In dieser düsteren Endzeitstimmung brachte Ian Fleming seinen fiktiven Helden zur Welt – noch bevor sein leiblicher Sohn Casper am 12. August 1952 geboren wurde. Allseits bekannt ist, dass der britische Schriftsteller im Besitz eines Sachbuchs mit dem Titel Birds of the West Indies war, verfasst von einem gewissen Ornithologen namens James Bond. Simpel, handfest und ohne viel Pomp, fand Fleming, und so hatte sein Held schon mal einen offiziellen Namen. Wie es zur Geheimnummer 007 kam, darüber streiten sich Experten und Fans bis heute. Manche behaupten, es sei die Buslinie gewesen, mit der Fleming immer zu seinem Londoner Lieblingspub fuhr, andere glauben, er habe sich von der Postleitzahl der Gegend um Georgetown herum inspirieren lassen, in der erstaunlich viele CIA-Agenten lebten. Sie lautete 20007.

Wie dem auch sei, ›James Bond 007‹ klang schon mal gut, und so haute Fleming in die Tasten, während seine schwangere Anne auf die Scheidungspapiere ihres Ex-Mannes wartete. Später beteuerte Fleming immer wieder, Bond sei kein Abbild von ihm, doch mit Sicherheit stellt er ein Idealbild seines Schöpfers dar: kämpferisch, jung und leidenschaftlich.

Genauso muss sich Fleming gefühlt haben, als er 1939 beim Marine-Nachrichtendienst seine Militärkarriere begann. Der Krieg war für ihn etwas Besonderes, denn er sorgte dafür, dass die wahren Talente des Briten ans Tageslicht kamen. Fleming war ein hervorragender Stratege und plante unzählige Geheimaktionen bis ins kleinste Detail. Nur eines blieb ihm stets verwehrt: Er durfte aufgrund seiner zusätzlichen Verpflichtung als Verbindungsoffizier zum US-Marinegeheimdienst nie selbst aktiv an einem Kampfeinsatz teilnehmen. 1943 bekam er mit ›Fleming’s Red Indians‹ zwar seine eigene Kampfeinheit, durfte deren Aktionen allerdings nie direkt beiwohnen, sondern nur planen. Fleming war beim britischen Geheimdienst eine große Nummer, bedauerte aber sein Leben lang, nur Bürohengst gewesen zu sein. Als der Krieg schließlich vorbei war, wurde Fleming zu seiner großen Enttäuschung aus dem Dienst entlassen.

Er kaufte sich ein Stück Land an der Nordküste Jamaikas, eine Gegend, die er während eines kurzen Urlaubs kennengelernt hatte. Darauf baute er sich ein Häuschen mit Blick auf das Karibische Meer und taufte es auf den Namen ›GoldenEye‹, nach einer Geheimoperation zur Verteidigung Gibraltars während des Zweiten Weltkrieges, an der Fleming beteiligt gewesen war. Im Jahr 1952 saß Fleming fast jeden Morgen in diesem Haus, um seinen ersten Bond-Roman Casino Royale zu verfassen. Endlich konnte er das zu Papier bringen, was er selbst nie hatte ausleben dürfen. Das Leben eines Geheimagenten stellte sich Fleming ohne Zweifel hochgradig romantisch vor: Er träumte von Macht und Unabhängigkeit. Ein Mann, der mit einer Pistole herumläuft und sie sogar benutzen darf, ist eine Autorität. Ein Mann, der stets unterwegs ist und große Reisen unternimmt, während der Chef in weiter Entfernung im Büro hockt, schlägt sich nicht mit den lästigen Anweisungen von ganz oben herum. So ein Mann ist immer in Aktion. Er holt die Kohlen aus dem Feuer, heimst den Erfolg ein und erntet die Lorbeeren.

Traumberuf Geheimagent – wären da nicht die Schattenseiten, die Fleming, das sei zu seiner Verteidigung gesagt, genauso kannte. Er selbst musste während seiner Geheimdiensttätigkeit im Zweiten Weltkrieg etliche Männer in den Tod schicken, worunter er offenbar zeit seines Lebens gelitten hat.

Und so überrascht es nicht, dass er seine Traumata in seinen Geschichten verarbeitete. Bereits in Casino Royale geht es um die schmerzliche Erfahrung von Verrat. Zum Buch inspiriert wurde Fleming durch einen höchst brisanten Skandal, der den Autor genauso entsetzte wie die meisten seiner Landsleute: 1951 erfuhr die Weltöffentlichkeit, dass zwei britische Diplomaten über einen längeren Zeitraum Militärgeheimnisse an die Sowjets weitergegeben hatten, bis sie endlich entlarvt werden konnten. Ihre Namen: Donald Maclean und Guy Burgess. Kein Brite konnte begreifen, wie zwei so privilegierte Männer aus gutem Hause, gesellschaftlich anerkannt und beruflich etabliert, zu Landesverrätern hatten werden können. Waren es Geld oder politische Gesinnung, die sie verführten? Welche Folgen würden sich daraus ergeben? Inwieweit war der britische Geheimdienst unterwandert? Und wem war überhaupt noch zu trauen? Fragen, mit denen sich auch Fleming intensiv auseinandersetzte. Ihm wurde dabei bewusst, dass James Bond in seiner Persönlichkeitsstruktur einen genauen Gegenpol zu diesen Überläufern bilden musste, die das Commonwealth dermaßen beschämten.

James Bond ist ein Mann der Klarheit, der wie ein Fels in der Brandung steht, weil man sich auf ihn verlassen kann. Niemals könnte er zum Landesverräter werden! Mit diesen Charaktereigenschaften wollte Fleming dem angeschlagenen Image des Secret Intelligence Service und der britischen Nation, deren Stern seit dem Zweiten Weltkrieg sowohl auf See als auch in der Weltpolitik im Sinken begriffen war, entgegenwirken. In seinen Abenteuern wird Bonds Loyalität dann auch immer wieder überprüft, sogar schon bei seinem ersten Ausflug ins Kino, auf den Fleming noch maßgeblich Einfluss nahm. In James Bond – 007 jagt Dr. No gerät Bond (Sean Connery) in die Gefangenschaft des gemeingefährlichen Dr. No (Joseph Wiseman). Der Wissenschaftler, dem Roman nach deutsch-chinesischer Abstammung, klotzt mit seinem Vermögen und einem köstlichen Mahl, um dem unschlagbaren Bond den Seitenwechsel zur weltweit agierenden Verbrecherorganisation SPECTRE (Abkürzung für Special Executive for Counter-intelligence, Terrorism, Revenge and Extortion) schmackhaft zu machen. Doch Bond hat nur Spott für ihn übrig. Als Bestrafung wird er nach allen Regeln der Kunst vermöbelt und in eine Zelle gesteckt, in der er auf seinen Tod warten soll.

Es ist beeindruckend, dass Bond eine weiße Weste behält, obwohl er sich seine Hände schon längst schmutzig gemacht hat. In James Bond – 007 jagt Dr. No landet unser Held buchstäblich im Dreck und wird sogar radioaktiv verseucht. Eigentlich müsste er am Ende seiner Kräfte sein, doch dank seines unerschütterlichen Selbstvertrauens verliert er seine Mission niemals aus den Augen. Nur zu gern möchte man glauben, dass es Männer wie ihn gibt, die selbst in den gefährlichsten Zeiten Sicherheit ausstrahlen. (Und noch lieber möchte man einer dieser Männer selbst sein!) Zumindest die Leserschaft, gefolgt von unzähligen Kinogängern, war bereit, sich dieser Illusion hinzugeben. Bond erweckte sie aus ihrer Ohnmacht und dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Mit einem Kämpfer wie Bond wirkte die politische Weltlage nicht mehr gar so aussichtslos. So gesehen entspricht James Bond durchaus dem klassischen Sagenhelden, der auszieht, um den bösen Drachen zu erlegen. Aber noch etwas zeichnet den berühmtesten Agenten der Welt aus: Er ist kein blinder Befehlsempfänger, sondern trifft seine Entscheidungen instinktiv, was bei seinen Vorgesetzten nur selten gut ankommt, da es gegen die Regeln von Rang und Gehorsam verstößt. Doch genau das macht Bond für uns so außerordentlich sympathisch, und dass er als Mitglied des MI-6 (Military Intelligence, Section 6) mit dem Rang eines Commanders der Royal Navy im Grunde ein Soldat ist, nimmt man zumindest in den Filmen augenscheinlich immer nur dann wahr, wenn er seine dunkle Marineuniform trägt. Und das passiert höchst selten.

Bond-Darsteller Sean Connery trug seinen Waffenrock zum ersten und letzten Mal in Man lebt nur zweimal (1967), sein Nachfolger Roger Moore machte darin in Der Spion, der mich liebte (1977) eine gute Figur, und auch Pierce Brosnan ließ sich einmal, in Der Morgen stirbt nie (1997), in Uniform blicken. Bis auf diese wenigen Gelegenheiten ist es Bond untersagt, seine Orden zur Schau zu tragen. Als Geheimagent sollte man idealerweise unerkannt operieren, und dazu eignen sich Anzüge und Freizeitkleidung einfach besser. Das macht den Job bei einem verdeckt operierenden Nachrichtendienst aber umso gefährlicher! Denn eine Person, die zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort der Welt unabhängig von der Rechtmäßigkeit des eigentlichen Konflikts zu Kriegshandlungen berechtigt ist, erhält diesen Kombattantenstatus nur in Uniform, nicht in Zivil.

DIE BOMBE, DIE MICH LIEBTE:
Die atomare Bedrohung in den Sechzigern

In gewisser Weise war Fleming ein Hardliner, der gerade aufgrund seiner Erfahrungen im Geheimdienst Argwohn gegen Deutsche, Russen und Asiaten hegte. Doch auf den Filmhelden James Bond trifft das kaum bzw. nur andeutungsweise zu. Kämpft er beispielsweise im Roman Casino Royale noch ganz offensichtlich gegen den KGB, kommt es in den Filmen äußerst selten zu einer direkten Konfrontation mit den Sowjets. Das liegt sicherlich auch daran, dass zwischen dem Debütroman und dem ersten Kinofilm zehn Jahre vergingen, in denen jedem normal denkenden Menschen klar geworden war, dass der Kalte Krieg niemals heiß werden durfte, weil er keine Sieger, sondern das Ende der Welt hervorbrächte. Diplomatisches Geschick war gefragt, weshalb die Westmächte 1961 den Bau der Berliner Mauer zuließen. Intern soll US-Präsident John F. Kennedy damals gesagt haben: »Lieber eine Mauer als ein Krieg.«

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Ur-Bond Sean Connery konnte sich vor Massenaufläufen bald kaum noch retten. Hier steht er mit Claudine Auger, seiner Partnerin aus Feuerball (1965), im Blitzlichtgewitter, was ihm mit der Zeit ziemlich auf die Nerven ging

Statt mit Säbeln zu rasseln, stimmte man sich im Westen darauf ein, vorsichtiger zu agieren. So entschieden sich auch die Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman, die sich mit ihrer gerade gegründeten Filmgesellschaft EON die Verfilmungsrechte der meisten Bond-Romane gesichert hatten, für eine entschärfte Version des ersten Films James Bond – 007 jagt Dr. No, um mit einer fiktiven Story nicht noch mehr Zündstoff für den angespannten Ost-West-Konflikt zu liefern.

Im Roman steckt der Wissenschaftler Dr. No mit den Sowjets unter einer Decke, im Film ist er Mitglied der bereits erwähnten Verbrecherorganisation SPECTRE, die amerikanische Raketen in der Karibik mithilfe von radioaktiven Strahlen zum Absturz bringen will. Dass Dr. No irgendwann einmal etwas mit den Russen zu schaffen hatte, ergibt sich nur aus seinen Worten, dass weder der Osten noch der Westen seine Dienste habe in Anspruch nehmen wollen. Deshalb müssten beide Seiten nun für ihre Dummheit bestraft werden, und mit den Amerikanern will Dr. No den Anfang machen.

Am 14. Oktober 1962, nur neun Tage nach der Londoner Weltpremiere von James Bond – 007 jagt Dr. No, wurde diese Filmfantasie von der Realität dunkel überschattet: US-Flugzeuge entdeckten auf Kuba den Baubeginn von Abschussrampen für sowjetische Mittel- und Langstreckenraketen. Die Amerikaner konnten eine derartige Provokation und Bedrohung nicht auf sich sitzen lassen und verlangten den sofortigen Abbau der Atomraketen. Die Kubakrise hielt die Welt vierzehn Tage lang in Atem, der Dritte Weltkrieg hätte jederzeit ausbrechen können. Dank der Geheimdiplomatie von John F. Kennedy und seinem Bruder Robert konnte das Schlimmste jedoch verhindert werden. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow zeigte schließlich Einsicht, nahm den Amerikanern aber auch das Versprechen ab, in Zukunft einen großen Bogen um Kuba zu machen und außerdem die in der Türkei und in Italien stationierten US-Raketen abzurüsten. Zwischen der Sowjetunion und den USA wurde der sogenannte ›Heiße Draht‹ eingerichtet, eine telefonische Standleitung Washington-Moskau, die helfen sollte, anbahnende Konflikte, die den Weltfrieden gefährden könnten, auch in Zukunft rechtzeitig abzuwenden.

BOND UND DIE BOMBE

Nicht nur im Kalten Krieg war die atomare Bedrohung allgegenwärtig, deshalb wurde 007 im Laufe seiner zahlreichen Einsätze ziemlich oft damit konfrontiert. Mittlerweile ist er ein Meister im Bombenentschärfen – egal welcher Art. Im besten Fall entwickelt sich aus der Mission ein spannender Kampf gegen die Zeit. Jede Sekunde zählt! Der Countdown beginnt …

… 10 …

Zwei Atomraketen der NATO wurden gestohlen. Bond (Sean Connery) muss sie in Feuerball (1965) ausfindig machen und alarmiert gerade noch rechtszeitig die Amerikaner, bevor die Bomben vor Florida gezündet werden können.

… 9 …

In Der Spion, der mich liebte (1977) werden Atom-U-Boote der Großmächte entführt. New York und Moskau sollen mit den Atomraketen zerstört werden. Bond (Roger Moore) entschärft eine, um an den Sprengkopf zu kommen, darf dabei aber nicht den Magnetring berühren, sonst geht die Bombe hoch.

… 8 …

In Der Morgen stirbt nie (1997) soll Peking mit einer Rakete dem Boden gleichgemacht werden, die Schuld dafür will Medienmogul Carter den Briten in die Schuhe schieben, um einen Krieg zwischen den Nationen zu provozieren. Bond (Pierce Brosnan) manipuliert die Zünder. Die Rakete explodiert auf dem Schiff des Schurken nur acht Sekunden, bevor Bond abtauchen kann.

… 7 …

Mit einer schmutzigen Atombombe sollen in Goldfinger (1964) die US-Goldreserven in Fort Knox radioaktiv verseucht werden. Bond (Sean Connery) ist mit Handschellen an die Bombe gekettet und will sie entschärfen. Der Countdown endet bei 007. Ein Gag, den man wirklich nur einmal bringen kann.

… 6 …

In der oberen Erdatmosphäre soll eine Atombombe gezündet werden, um einen elektromagnetischen Impuls auszulösen. Damit würden alle elektronischen Geräte auf der Welt zerstört, womit auch der geplante illegale Geldtransfer des Schurken nicht mehr nachverfolgt werden kann. Bond (Pierce Brosnan) vereitelt in Goldeneye (1995) den Plan.

… 5 …

Mit einem Atom-U-Boot soll vor Istanbul eine Kernschmelze ausgelöst werden. Damit wäre der Bosporus für Jahrzehnte radioaktiv kontaminiert. Bond (Pierce Brosnan) taucht in Die Welt ist nicht genug (1999) dem U-Boot hinterher. Im letzten Augenblick hat er nur noch fünf Sekunden, die Kernschmelze zu verhindern.

… 4 …

In Casino Royale (2006) will ein Terrorist per Fernzündung den Prototyp eines neuen Flugzeuges mit einer Mini-Bombe, die an einem Karabinerhaken an einem Tankwagen hängt, in die Luft sprengen. Nach einer wilden Verfolgungsjagd gelingt es Bond (Daniel Craig), den Laster unter Kontrolle zu bekommen. Zuvor hat er die Bombe heimlich dem Attentäter angehängt, der sie in dem Glauben, in sicherer Entfernung zu sein, aktiviert und dabei selbst explodiert.

… 3 …

Keine Atombombe, aber genügend Dynamit, um in Im Angesicht des Todes (1985) ein Erdbeben an der San-Andreas-Verwerfung auszulösen. Bond (Roger Moore) hat nur Sekunden, um die Sprengkapsel wegzuschaffen. May Day (Grace Jones) hilft ihm dabei und explodiert zusammen mit der Kapsel in sicherer Entfernung.

… 2 …

Ein ganz delikates kleines Bömbchen für James Bond (Sean Connery) höchstpersönlich: Die Bombe suprise aus Diamantenfieber (1971), eine süße Cremetorte mit explosivem Inhalt, serviert vom Killerpärchen Mr Wint und Mr Kidd auf einem Luxusliner. Allerdings vergeht Bond schnell der Appetit. Er klemmt die leckere Überraschung zwischen die Beine von Wint und wirft ihn über Bord. Zwei Sekunden später, und das Ding wäre in der Hand von Bond explodiert.

… 1 …

In Octopussy (1983) ist auf einem US-Stützpunkt in Westdeutschland eine Atombombe versteckt. Bond (Roger Moore) hat nur noch wenige Sekunden, den Sprengkopf zu entfernen. Der Countdown endet bei null. Mehr als knapp!

Bond selbst hat die Kubakrise nicht geschadet. Im Gegenteil, seine Popularität wurde sogar gesteigert, nachdem bekannt wurde, dass der gefeierte ›Friedensstifter‹ John F. Kennedy ein großer Bond-Bewunderer war und Liebesgrüße aus Moskau zu seinen Lieblingsbüchern zählte. Kennedy war ein ausgesprochener Sympathieträger, der Ordnung und Klarheit in das zugespitzte weltpolitische Durcheinander bringen wollte – genau wie James Bond. Und so passierte es ganz automatisch, dass das positive Image des Präsidenten auf den fiktiven Kinohelden überging.

Welch glücklicher Zufall, dass Kennedys Lieblingslektüre gleich als Nächstes verfilmt werden sollte! Auch bei Liebesgrüße aus Moskau entschieden Broccoli und Saltzman, die Sowjets (entgegen der Romanvorlage) nicht als Gegner zu präsentieren, sondern wie schon beim ersten Film SPECTRE dazwischenzuschalten – die Verbrecherorganisation, die sich den weltpolitischen Konflikt zunutze machen und Westen und Osten gegeneinander ausspielen will, um als lächelnder Dritter selbst die Weltherrschaft zu übernehmen. Ian Fleming war mit dieser Lösung durchaus einverstanden, hatte er bei der Stoffentwicklung von Feuerball bereits von sich aus erkannt, dass es langweilig war, permanente Konflikte mit den Russen zu erzeugen. Das also war die zweite Geburtsstunde von SPECTRE, die in den deutschen Synchronisationen zunächst GOFTER hieß (ein sehr unglücklicher Versuch der wörtlichen Übersetzung: Geheimorganisation für Terror, Erpressung und Rache), später als PHANTOM (weil das Wort ›spectre‹ im Englischen auch ›Phantom‹ bedeutet) bezeichnet wurde. Erst seit Man lebt nur zweimal (1967) wurde SPECTRE auch in der deutschen Synchronisation übernommen.

Mit der Schöpfung der fiktiven Verbrecherorganisation war man auch in den nächsten Jahren aus dem Schneider. Für Bond selbst hieß das aber, sich immer mehr in comicartigen Strukturen zu bewegen, innerhalb derer die Welt ganz klar zwischen Gut und Böse aufgeteilt ist. Aus der ›echten‹ Politik wollte man sich bei den Bond-Filmen so gut es ging heraushalten, ohne aber die Sowjets ganz zu ignorieren – was bei einem Titel wie Liebesgrüße aus Moskau auch ein Kunststück gewesen wäre. Gemeint ist damit nämlich eine Liebesbotschaft, die 007 von einem russischen Mädchen, das in der sowjetischen Botschaft in Istanbul tätig ist, erhält. Sie schreibt, sie habe sich unsterblich in Bond verliebt und sei bereit, in den Westen überzulaufen. Als Dreingabe gäb’s eine Dechiffriermaschine, genannt ›Lector‹, gratis, die Bond mit ihrer Hilfe nur noch aus der Botschaft stehlen müsse. Das schreit ja geradezu nach einer Falle! Trotzdem lässt sich Bond auf ein Treffen mit Tatjana Romanova (Daniela Bianchi) ein, die selbst keine Ahnung hat, was wirklich gespielt wird. Sie glaubt, sie würde Bond auf Anweisung Moskaus hinters Licht führen, da ihr der Auftrag unter Todesandrohung von KGB-Chefin Rosa Klebb (Lotte Lenya) persönlich ›übergeben‹ wurde. Allerdings kämpft Klebb längst auf der Seite von SPECTRE – der Organisation, die von einem Mann gelenkt wird, den man zunächst nur an seiner dämonischen Stimme und seinen Händen, die ständig eine weiße Perserkatze streicheln, erkennt: Stavro Ernst Blofeld, als Sohn einer Griechin und eines Polen am 28. Mai 1908 (identisch mit Ian Flemings Geburtstag) in der Nähe von Danzig geboren. Blofeld machte einst Geschäfte mit den Nazis, bevor er sich nach Südamerika absetzte und SPECTRE gründete. Im Laufe der weiteren Filme rückt er immer mehr in den Vordergrund, wird für Bond zum Erzfeind Nummer eins und präsentiert 1967 in Man lebt nur zweimal sogar sein ›wahres Gesicht‹. Aber selbst ein Meisterhirn wie Blofeld kann nicht ahnen, dass sich Tatjana Romanova tatsächlich in 007 verliebt – womit der sauber geschmiedete Plan zum Scheitern verurteilt ist. Liebesgrüße aus Moskau endet damit, dass Bond sowohl das Mädchen als auch die Dechiffriermaschine mit nach Hause nimmt. So sieht ein kapitalistischer Held aus!

Mit dem zweiten Bond-Filmerfolg verstummten auch die letzten Zweifler, die immerzu infrage gestellt hatten, dass Sean Connery die Idealbesetzung sei. Immerhin dachte man anfangs noch darüber nach, die Rolle mit einem prominenten Namen wie Cary Grant oder David Niven zu besetzen, obwohl sie nach Flemings Charakterbeschreibung längst zu alt dafür gewesen wären. Es stellt sich jedoch bald heraus, dass es gar nicht nötig war, das positive Image eines Stars auf die Figur Bond zu übertragen. Vielmehr musste ein unbeschriebenes Blatt gefunden werden, das die Persönlichkeit von Bond glaubhaft wiedergeben, im Idealfall sogar eine wechselseitige Wirkung von Figur und Schauspieler erzeugen konnte.

Diese Gleichung ging mit Connery voll auf. Mit seinem markanten Gesicht und der muskulösen Statur kam er der Bond-Comicfigur sehr nah, die ab 1957 in der Londoner Tageszeitung Daily Express ihre gezeichneten Abenteuer erlebte und für den ersten optischen Eindruck sorgte. Connery hauchte der Figur mit seiner starken Leinwandpräsenz Leben ein und bot männlichen Zuschauern damit ein ungeheures Identifikationspotenzial. »Sean Connery ist James Bond«, hieß es 1967 dann auch folgerichtig auf dem Plakat von Man lebt nur zweimal.

SEAN CONNERY

Geboren am 25. August 1930 in Edinburgh, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit sechzehn meldete er sich zur Marine, schied aber nach wenigen Monaten wieder aus und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er begann mit Bodybuilding und wurde darin 1950 schottischer Meister. 1962 heiratete er Diane Cilento, ein Jahr später wurde Sohn Jason geboren. Durch James Bond wurde Connery zum Weltstar. 1967 hatte er genug davon, übernahm 1971 und 1983 die Rolle aber für hohe Gagen erneut. Siebenmal spielte er insgesamt den Doppelnull-Agenten. Für Die Unbestechlichen bekam er 1988 den Oscar. 2000 wurde er zum Ritter geschlagen, 2003 zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück. Mit seiner zweiten Ehefrau Micheline Roquebrune lebt Sir Sean Connery heute zurückgezogen in Spanien.

Wie Bond diente auch Connery der Royal Navy, nur dass er diese nach drei Jahren aufgrund von Magengeschwüren wieder verlassen musste. Ein besonders treu ergebener Diener des British Empire war der 1930 in Edinburgh geborene Schauspieler aber sowieso nie. Er war und ist stolzer Schotte, und seine Heimatliebe ließ er am rechten Unterarm mit den tätowierten Worten ›Scotland forever‹ verewigen. Fleming, der schon früh Sympathie für Connery empfand, respektierte das und machte Bonds Vater kurzerhand zu einem Schotten, womit sich en passant auch Connerys schottischer Akzent in den englischen Originalfassungen erklären ließ, den viele Getreue der Krone als zu unbritisch bemäkelt hatten. Zeitlebens setzte sich Connery für Schottlands Unabhängigkeit ein. »Es macht mich oft traurig, dass ich diesen Tag wahrscheinlich nicht mehr erleben werde«, sagte Connery einmal, der sich 2003 so gut wie vollständig aus dem Filmgeschäft zurückzog. Trotzdem weiß er, was er dem britischen Imperium zu verdanken hat. Queen Elisabeth II. schlug ihn 2000 für seine schauspielerischen Verdienste sogar zum Ritter! Dazu Sir Sean: »Ich muss gestehen, dass ich eine Woche lang überlegte, ob ich den Ritterschlag annehmen soll. Ich entschied mich dafür, weil daran keinerlei Bedingungen geknüpft werden. Ich habe meine politische Einstellung also nicht geändert.«

1964 rettet Connery in Goldfinger die westliche Welt ein drittes Mal vor dem totalen Chaos. Es sollte der letzte Film werden, bei dem Ian Fleming während des Drehs noch einmal vorbeischauen sollte. Er genoss, dass es sein Held so weit gebracht hatte, doch den ganz großen Erfolg erlebte er nicht mehr. Fleming starb am 12. August 1964 ganz unerwartet während einer Sitzung des Golfkomitees von St. Georges an einem Herzinfarkt. Trotz der Trauer um den Schöpfer des coolsten Agenten aller Zeiten musste es mit Goldfinger aber weitergehen. Die Weltpremiere fand am 17. September des gleichen Jahres in London statt, und die Briten wurden diesmal ganz besonders überrascht. Denn der Schurke war diesmal – alle Achtung! – sogar selbst britischer Staatsbürger, der die kapitalistische Weltwirtschaft in eine jahrzehntelange Krise stürzen will, aus der sie sich nicht mehr erholen würde. Multimillionär Auric Goldfinger (Gert Fröbe), der sich sein Vermögen mit geschmuggeltem Gold erschlichen hat, will in Fort Knox einbrechen, den gesamten Goldvorrat der Amerikaner mit einer Atombombe radioaktiv verseuchen und damit für 58 Jahre unbrauchbar machen. Ein Vorhaben, das auch der sozialistischen Welt gefallen könnte, weshalb sich Goldfinger die erforderliche Bombe von den Rotchinesen besorgt. Er selbst jedoch verfolgt kein politisches Ziel, sondern interessiert sich einzig für seinen finanziellen Vorteil: Durch die Verseuchung der amerikanischen Goldreserven würden seine eigenen eine enorme Wertsteigerung erfahren.

Gert Fröbe war nach der Bertolt-Brecht-Interpretin Lotte Lenya bereits der zweite Deutsche, der in einem Bond-Film in einer Schurkenrolle glänzen durfte. Nur eine Sache gefiel dem beleibten Schauspieler nicht: dass sich Goldfinger seiner Gegner mithilfe von Giftgas entledigt, das erinnerte ihn zu sehr an die Holocaust-Verbrechen der Nazis. Aber Regisseur George Hamilton meinte, es sei doch alles nur fiktiv. Fröbe gab also klein bei.

In Goldfinger wurde das Schreckgespenst Atombombe in einem Bond-Film erstmals direkt thematisiert, in Feuerball (1965) griff man die schwelende Angst vor der nuklearen Bedrohung ein weiteres Mal auf. SPECTRE stiehlt der NATO darin zwei Atomraketen und droht damit, westliche Metropolen zu zerstören, falls der Westen nicht auf die Forderung eingeht, innerhalb von 48 Stunden hundert Millionen Dollar in Diamanten zu zahlen. Der Ostblock wird von SPECTRE dabei nicht einmal erwähnt.

In der Realität zeigten die Entspannungsbemühungen der Supermächte erste Fortschritte. Am 5. August 1963 unterzeichneten 131 Staaten den bis heute gültigen Atomteststoppvertrag, der nukleare Raketenversuche in der Atmosphäre, im Wasser und im Weltraum verbietet, um die zunehmende radioaktive Verseuchung der Erde einzudämmen. Die Volksrepublik China jedoch unterzeichnete nicht, sondern führte der Welt ein Jahr später mit einem ersten Test vor Augen, dass sie dank eigener Nuklearwaffen selbst eine mächtige Nation war.

Urplötzlich stellte der Westen fest, dass die atomare Bedrohung nicht mehr von der Sowjetunion ausging, sondern von China. Mao Tse-tungs 1966 ausgerufene Kulturrevolution und die aggressive Außenpolitik Chinas gegenüber Tibet und Indien boten weiteren Nährboden für das zunehmende Misstrauen gegenüber der Volksrepublik. Die Bond-Macher wollten mit dem nächsten Film auf diesen neuen weltpolitischen Umstand reagieren. In Man lebt nur zweimal (1967) wird eine US-Raumkapsel im Weltall von einer riesigen Rakete, die aus dem Nichts kommt und genau dorthin wieder verschwindet, verschluckt und entführt. Die Amerikaner verdächtigen die Russen und drohen mit militärischen Maßnahmen. Der drohende Dritte Weltkrieg steht wieder einmal kurz bevor. Lediglich die Briten mutmaßen, dass womöglich eine andere Macht als die Russen dahintersteckt, und schicken ihren besten Mann nach Japan, wo das letzte Signal der Monsterrakete geortet wurde. Tatsächlich findet Bond heraus, dass erneut Blofeld (der mit Donald Pleasence nun erstmals ein Gesicht bekommt) seine Finger im Spiel hat. Im Inneren eines erloschenen Vulkans hat er eine gigantische Abschussbasis für Weltraumraketen eingerichtet und plant die Entführung einer weiteren US-Kapsel, um tatsächlich den Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören. Als Handlanger im Hintergrund agieren die Chinesen, die Geld und Know-how liefern. Für einen Bond-Film war es ungewöhnlich, dass eine so offensichtliche politische Position gegen China eingenommen wurde – auch wenn diese Haltung in Man lebt nur zweimal nicht zum Hauptthema gemacht wird.

Viel prominenter ist im Film stattdessen der schon seit einigen Jahren andauernde Wettkampf der Supermächte USA und UdSSR um die Eroberung des Weltalls. Als die Sowjetunion 1961 mit Juri Gagarin den ersten Menschen in den Orbit schoss, stellten die Amerikaner entsetzt fest, dass sie technisch eingeholt worden waren. Wer würde den Weltraum zukünftig beherrschen? Eine Frage des Prestiges, aber auch eine Frage nach den militärischen Möglichkeiten im All – und eine willkommene Spielwiese für James Bond, der in Man lebt nur zweimal beinahe selbst einen Ausflug ins All macht. Für einen irdischen Geheimagenten war das im Jahre 1967 dann aber doch zu utopisch. Die Weichen für einen Bond, der sich nach Lust und Laune zu einem comicartigen Supermann entwickeln kann, wurden damit jedoch gelegt. Daran hatte aber Connery keinen Spaß – überhaupt ging ihm diese ganze ›Bond-Mania‹ mächtig auf die Nerven, weshalb er noch während der Dreharbeiten von Man lebt nur zweimal verkündete, er werde danach den Dienst quittieren, um nicht für den Rest seines Lebens mit James Bond identifiziert zu werden. Er suchte neue Herausforderungen und wollte sich in Rollen beweisen, die so gar nichts mit dem Doppelnull-Agenten zu tun hatten, was die Bond-Produzenten zwang, sich einen neuen Darsteller zu suchen.

Die Wahl fiel schließlich auf den neun Jahre jüngeren Dressman George Lazenby. Ein unbekannter Australier, der sich bis dato nur als Schokoladenmann in Werbespots hervorgetan hatte, aber durch seine physische Erscheinung überzeugte. Dass es mit Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) dann nur bei einem Bond-Abenteuer blieb, lag in erster Linie an Lazenby selbst. Der feine Herr entwickelte schnell Starallüren und zeigte sich während der Dreharbeiten in der verschneiten Schweiz beleidigt, weil er als Star des Films nicht persönlich zu einer Feier für die gesamte Crew eingeladen worden war. An einem Vertrag für weitere Filme hatten schlussendlich weder er noch die Produzenten Interesse. Der Schauspieler begründete seine Entscheidung damit, dass er der Figur der James Bond sowieso keine Zukunft einräume.

GEORGE LAZENBY

Der Australier erblickte am 2. September 1939 in New South Wales das Licht der Welt. 1964 zog der attraktive Autoverkäufer nach England, wo er von einem Werbefotografen entdeckt wurde. Ohne Schauspielkenntnisse ergatterte er 1969 eine Traumrolle: James Bond. Doch wegen seiner Starallüren blieb es bei nur einem Film. Dem zweimal verheirateten Vater von fünf Kindern blieben weitere Filmerfolge versagt. Er ging als der Mann in die Filmgeschichte ein, der nur ein einziges Mal Bond war.

Lazenbys Sorgen waren nicht grundlos. Schließlich herrschte Ende der Sechzigerjahre ein neuer Zeitgeist. Die Swinging Sixties gingen in die Flower-Power-Ära über, die im Westen eine Liberalisierung mit sich brachte. Die USA ließen sich für die erste Landung auf dem Mond feiern, im gleichen Moment löste die amerikanische Intervention in Vietnam jedoch immer lautere Proteste aus. Das mehrtägige Rockfestival Woodstock und der Film Easy Rider wurden zum Inbegriff des Freiheitsdrangs einer neuen Jugendbewegung.

Als Im Geheimdienst Ihrer Majestät entstand, war die Welt inmitten einer kolossalen geistigen Veränderung, und die Frage, ob ein konservativer Geheimagent mit Schlips und Kragen überhaupt noch zeitgemäß sei, war seinerzeit durchaus berechtigt. Sollte Bond nun ein Joint rauchender Hippie werden? Absurd! Also hielt man lieber an der bewährten Erfolgsformel fest, zumal sich die Fans sowieso erst auf den neuen Bond-Darsteller Lazenby einstellen mussten.

In Im Geheimdienst Ihrer Majestät trifft 007 ein weiteres Mal auf seinen Erzfeind Blofeld (diesmal Telly Savalas), der die Welt zur Abwechslung mal nicht mit einer Atombombe, sondern mit biologischen Waffen bedroht. Zu diesem Zweck hat er auf einem Schweizer Berg ein Forschungslabor, getarnt als Klinik, errichtet, in der angeblich die Allergien von ausnahmslos jungen Frauen behandelt werden. Eigentlich werden die Damen aber von Blofeld hypnotisiert und infiziert, um auf sein Kommando jederzeit auf allen Kontinenten gefährliche Krankheitserreger zu verbreiten. Bond kann das natürlich verhindern, und doch überrascht der Film mit einem absolut pessimistischen Ende: Bond wagt den Schritt zum Traualtar und will seinem Agentendasein Adieu sagen. Wenige Minuten später liegt seine Frau (Diana Rigg) tot in seinen Armen – erschossen von Blofelds Privatsekretärin mit dem ziemlich deutsch klingenden Namen Irma Bunt (Ilse Steppat). Dieses Ende verstörte die Fans und wurde von vielen als Reaktion auf die sich gerade im Umbruch befindliche Welt gedeutet.

LIEBEN UND STREBEN LASSEN:
Friedens- und Abrüstungsbestrebungen in den Siebzigern

Im Geheimdienst Ihrer Majestät erzielte an der Kinokasse zwar Gewinn, doch der große Erfolg blieb aus. Anfang 1970 sah es tatsächlich so aus, als wäre das frühzeitige Ende des Geheimagenten gekommen. Aber so schnell wirft ein Bond die Flinte nicht ins Korn! Bereits wenige Wochen nach der Filmpremiere von Im Geheimdienst Ihrer Majestät trafen sich die Studiobosse von United Artists (UA), die bisher alle Bond-Filme ins Kino gebracht hatten, und die Produzenten der Filmgesellschaft EON, um zu diskutieren, ob 007 eingestellt oder einer Rundumerneuerung unterzogen werden sollte. Um das herauszufinden, brachte die UA Doppelprogramme mit jeweils zwei älteren 007-Streifen in die Kinos. Der Erfolg war enorm, und das konnte nur eines heißen: Die Fans wollten ihren alten Bond zurück!

Sean Connery wurde zurück ans Set komplimentiert – allerdings nicht widerstandslos. UA-Studiochef David Picker hatte jedoch schlagkräftige Argumente: Er ›überzeugte‹ Connery mit der höchsten Gage, die bis dato je einem Schauspieler gezahlt worden war. 1,25 Millionen Dollar bekam Connery, nachdem Burt Reynolds und John Gavin als Ersatz bereits im Gespräch gewesen waren. Mit dem Ur-Bond stand die Sache, und 1971 konnte der siebte Bond-Film Diamantenfieber endlich produziert werden.

In dem Film muss 007 das geheimnisvolle Verschwinden von Diamanten in Südafrika aufklären. Die Spur führt nach Las Vegas und – Überraschung! – direkt in die Arme des Superschurken und Ewig-Gegners Blofeld (Charles Gray), der fast gelangweilt ist, als ihm schon wieder James Bond vor die Nase gesetzt wird. Blofeld benötigt die geschmuggelten Diamanten für den Bau eines Killer-Satelliten. Erst an dieser Stelle wird in Diamantenfieber ein politischer Bezug sichtbar: Blofeld richtet seine neue Waffe auf militärische Ziele, die sich in den USA, in der UdSSR und sogar in der Volksrepublik China befinden. Heuchlerisch gibt er vor, damit die totale Abrüstung erpressen zu wollen, in Wirklichkeit geht es ihm aber nur darum, die Waffe dem letztendlich Höchstbietenden zu überlassen.

Abbildung

Ganz entspannt: Roger Moore als James Bond und Barbara Bach als KGB-Agentin Anya Amasova. In Der Spion, der mich liebte (1977) arbeiten Sowjets und Briten zusammen, und ihre Spione teilen sogar das Bett

Dem Traum der vollständigen Abrüstung kam die Welt 1971 tatsächlich einen Schritt näher. Im Mai dieses Jahres führten die Verhandlungen zu den sogenannten SALT-I-Verträgen und damit zu einem ersten Durchbruch im Tauziehen um die atomare Weltmachtstellung. Die USA und die UdSSR einigten sich auf eine zukünftige Begrenzung ihrer Nuklearwaffen, was eine Kooperationsbereitschaft beider Nationen klar erkennen ließ. Die Verhandlungen mündeten in eine Phase der weltpolitischen Entspannung.

Im Film Diamantenfieber wird Blofeld von Bond endlich aus dem Verkehr gezogen, und auch Connery verabschiedete sich (vorerst) endgültig.

»Mir blieb gar nichts anderes übrig, als aus der Serie auszusteigen. Die Filme wurden immer aufwendiger und zeitintensiver. Hätte ich mit Bond so weitergemacht, wären andere Filme für mich nicht möglich gewesen. Dennoch mochte ich die Figur, und als ich mich noch einmal für Diamantenfieber überreden ließ, machte ich das nur, um mit dem Geld eine Hilfsorganisation zu gründen, die sozial schwächere Kinder in Schottland fördern sollte.«

Sean Connery, Bond-Darsteller Nummer eins

Nun war es aber wirklich an der Zeit, einen würdigen Nachfolger für Connery aufzutreiben, und man fand ihn in Roger Moore, dem die Rolle bereits 1962, zu Beginn der Serie, und 1969 angeboten worden war. Sein Einsatz war in beiden Fällen daran gescheitert, dass er sich gerade für Fernsehserien verpflichtet hatte. 1973 aber bekam er die Chance, James Bond ein neues Gesicht zu verleihen. Und obwohl Moore fast drei Jahre älter ist als Connery, wirkte er bei seinem Amtsantritt sehr viel frischer, flinker und frecher als der Ur-Bond. Das war auch nötig, um sich von seinem Vorgänger zu unterscheiden. Nichts nervt einen Schauspieler mehr, als ständig mit einem anderen verglichen zu werden, weshalb Moore plante, sich die Rolle auf seine Weise zu eigen zu machen.

ROGER MOORE

Der Sohn eines Polizisten kam am 14. Oktober 1927 in London zur Welt. Moore soll als Junge eher dicklich gewesen sein, weshalb er sich schon früh einen gehörigen Sinn für Humor zulegte, um sich gegen die Hänseleien zu wehren. Er wollte Zeichner werden, trat 1945 aber in die britische Armee ein. Später übernahm er erste kleine Filmrollen und versuchte es in Hollywood. Seinen Durchbruch erlebte der Brite 1962 mit der TV-Serie Simon Templar. 1971 gelang ihm mit Die Zwei ein weiterer TV-Erfolg. Mehrmals wurde ihm die Rolle des Bond angeboten, erst 1973 konnte er die Rolle annehmen und blieb ihr zwölf Jahre und sieben Filme lang treu. 2003 wurde er zum Ritter geschlagen – weniger wegen seiner schauspielerischen Verdienste, sondern vielmehr für sein soziales Engagement. Moore ist seit über zwanzig Jahren UNICEF-Botschafter und geht in der Rolle, die Kinder dieser Welt zu retten, voll auf. Er war viermal verheiratet und hat drei Kinder. Mit Ehefrau Kristina Tholstrup wohnt Sir Roger Moore heute in Monaco und der Schweiz.

Moores charmant-ironische Schlagfertigkeit, mit der er dem Publikum schon in den TV-Krimiserien Simon Templar und Die Zwei gefallen hatte, sollte auch für seinen Bond zur wichtigsten Waffe werden. Den Umgang mit etwas handfesteren Methoden erlernte Moore bereits mit achtzehn, als er der Armee beitrat. Im Nachkriegsdeutschland stationiert, entdeckte er jedoch schnell, wo seine wahren Talente lagen: Er meldete sich für die Truppenbetreuung, spielte in Theateraufführungen und Shows und erntete dank seines Humors viele Lacher.

»Bond ist inzwischen so weit weg von mir. Aber ich habe nie bereut, so ein bekannter Schauspieler geworden zu sein. Denn meinen Ruhm konnte ich als Plattform benutzen, damit mir die Leute zuhören und ich sie auf das Elend in der Welt aufmerksam machen kann. Dabei ist es viel schwieriger, Schurken im echten Leben zu fassen, als auf der Leinwand, wenn man an die vielen Hintermänner denkt, die den Kinderhandel betreiben.«

Roger Moore, Bond-Darsteller Nummer drei

Moores erster Schurke in Leben und sterben lassen ist dagegen ganz leicht zu finden: ein schwarzer Drogenbaron (Yaphet Kotto), der im Vergleich zu Bonds bisherigen Kontrahenten, die stets die Weltherrschaft an sich reißen wollten, auf den ersten Blick eher harmlos wirkt. Mit dem weltpolitischen Geschehen hat er auch nichts am Hut, ihm geht es ausschließlich darum, den Drogenmarkt der USA zu beherrschen.

Flemings zweiter Roman Leben und sterben lassen aus dem Jahr 1954 war im Ursprung politisch viel brisanter als die Filmadaption: Im Roman ist von einer kommunistischen Unterwanderung der afroamerikanischen Bevölkerung die Rede. Fleming wurde seinerzeit Rassismus vorgeworfen, weshalb sich die Bond-Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Saltzman schwertaten, Leben und sterben lassen überhaupt anzugehen. 1973 schien der Zeitpunkt jedoch richtig, denn sogenannte Blaxpoitation-Filme, in denen ausschließlich schwarze Schauspieler die Haupt- und Heldenrollen spielten, eroberten die Kinos. Der Film Shaft (1971) mit Richard Roundtree als Detektiv John Shaft wurde als schwarzer Gegenentwurf zu James Bond verstanden, und Tamara Dobson war als US-Agentin Cleopatra Jones (1973) sogar eine Kino-Kollegin von 007. Doch würde das weltweite Publikum es deshalb hinnehmen, dass Bond nun erstmals einem schwarzen Bösewicht gegenüberstand?

Obwohl der Originalstoff entschärft wurde und der schwarze Gangsterboss Mr Big im Film nicht mehr mit den Sowjets kollaboriert, löste Leben und sterben lassen zahlreiche Kontroversen aus. Der Hauptvorwurf vieler Kritiker: Im Film sind alle Schwarzen böse und alle Weißen gut. So ganz stimmt das zwar nicht, aber die Anstrengungen, den unterschwelligen Rassismus mit schwarzen CIA-Agenten, die im Hintergrund agieren und kaum wahrnehmbar sind, und einem rassistischen weißen Sheriff namens J. W. Pepper (Clifton James), der die ganze Zeit nur verspottet wird, auszumerzen, verfehlten ihr Ziel kläglich. Leben und sterben lassen bleibt in dieser Hinsicht auch nach fast vierzig Jahren noch zwiespältig.

Doch bereits ein Jahr später konnte Moore seinem Anspruch, der amtierende Mr Bond zu sein, nochmals Nachdruck verleihen. Der Mann mit dem goldenen Colt kam Ende 1974 in die Kinos und nahm, im Gegensatz zum Vorgängertitel, kaum Bezug auf politische Geschehnisse. Die westliche Welt fühlte sich durch Abkommen wie dem am 26. Mai 1972 durch US-Präsident Richard Nixon und den sowjetischen Generalsekretär Leonid Breschnew unterschriebenen ABM-Vertrag, der den Abbau weiterer Nuklearraketen regelte, sicher. Nixon ließ durch seinen Besuch bei Mao Tse-tung auch eine Annäherung zur Volksrepublik China zu, bevor er 1974 wegen der Watergate-Affäre abdanken musste. Was die westliche Bevölkerung in jener Zeit jedoch viel mehr schmerzte, waren die steigenden Ölpreise. Als Antwort für die Unterstützung Israels durch westliche Länder drosselte die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) bewusst ihre Fördermengen und löste im Herbst 1973 damit die erste Ölkrise aus. Die Industrieländer wurden sich ihrer Abhängigkeit bewusst und begannen, nach langfristigen Alternativen zu suchen. Solarenergie hieß das Zauberwort, das wie geschaffen war für den neuen Bond, der damit nonchalant auf ein aktuell brisantes Thema eingehen konnte, ohne politisches Terrain betreten zu müssen.

In Der Mann mit dem goldenen Colt ist Bonds Widersacher im Vergleich zum weltmachthungrigen SPECTRE-Clan aus den früheren Filmen ein verhältnismäßig kleiner Fisch: Francisco Scaramanga (Christopher Lee) übt den Beruf eines ordinären Auftragskillers aus. Er ist ein Meisterschütze, der pro Mord eine Million Dollar verlangen kann und für jedes seiner Opfer eine goldene Kugel mit eingraviertem Namen anfertigen lässt. Eine solche Kugel wird Bond zugestellt, der glauben soll, auf Scaramangas Todesliste zu stehen. Wenig später erschießt Scaramanga mit seinem goldenen Colt einen britischen Erfinder, um an Solex, einen neuartigen Transmitter, mit dem Sonnenenergie in Strom umgewandelt werden kann, zu kommen. Bond wird mit der Wiederbeschaffung von Solex beauftragt und muss Scaramanga auf seiner in chinesischen Gewässern versteckten Insel ausfindig machen – nicht mehr als ein beiläufiger Hinweis, dass Scaramanga hin und wieder auch für die chinesische Regierung arbeitet. Am Ende stehen die beiden Kontrahenten Rücken an Rücken, bereit für ein Duell, bei dem es um die zukünftige Energieversorgung, aber auch um die Frage, wer nun wirklich der beste Schütze der Welt ist, geht.

Nach den eher weniger kostspieligen Filmen Leben und sterben lassen und Der Mann mit dem goldenen Colt war für Moore dann endlich der Moment gekommen, mit den großen Spielzeugen hantieren zu dürfen. Der Spion, der mich liebte sollte wieder das spektakuläre Ausmaß der guten alten Zeit annehmen. Kurz wurde überlegt, den Erzrivalen Blofeld wiederzubeleben – letztendlich diente er dann aber doch nur als Inspiration für ein weiteres Mitglied im Schurkenreich von James Bond: Karl Stromberg (Curd Jürgens – auch wenn im Vorspann Curd Jurgens zu lesen ist). Der schwedische Reeder wirkt im Vergleich jedoch wie ein fehlgeleiteter Weltverbesserer, der zu oft Man lebt nur zweimal gesehen hat.

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