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Wandel im Herzen

Wandel im Herzen

Wandel im Herzen

Band 3 der Romatik-Reihe

Copyright © Bettina Hartmann-Bartsch 2014

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Personen sowie Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten sind reinzufällig und nicht beabsichtigt.

Dieses Buch enthält homosexuelle Inhalte und ist daher nur für volljährige Leser geeignet.

Fiktive Personen können auf Kondome verzichten. Im wahren Leben gilt: Safer Sex

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben Sie eine legale Kopie. Danke.

Kapitel 1 (Sam)

Kapitel 1(Sam)

Es ist kalt, aber die Sonne scheint und lässt den Schnee glitzern. Die Landschaft ist fest in Winters Hand.

Ich sitze auf dem Zaun und beobachte, wie die Pferde auf der Weide ihrem Bewegungsdrang nachgeben.

Mit einem Blick auf meine Uhr stelle ich fest, dass Tony bald aus dem Büro heimkommen müsste. Molly, meine Hündin, sitzt neben mir und schaut mich mit treuen Augen an und wartet geduldig, dass wir zurück ins Haus gehen. Es ist nämlich bitter kalt. Tagsüber kommen die Temperaturen selten über 5 Grad minus. Januar eben.

Ich vermisse meine Familie. Aiden und Chris sind am ersten Januar wieder zurück nach New York geflogen, weil Julian eine fiese Bronchitis erwischt hat. Mein kleiner Sonnenschein. Er ist mir sofort unter die Haut gekrochen und hat sich einen festen Platz in meinem Herzen gesichert.

Aber da gibt es noch jemanden, der mir ein Stück von meinem Herzen gestohlen hat.

Tony. Und er weiß es nicht.

Als ich ihm anbot, hier bei mir einzuziehen, hab ich nicht damit gerechnet, dass er nach wie vor eine Beziehung mit seinem Freund in New York hat. Tarec. Ich kenne ihn nicht, aber ich bin nicht gerade positiv auf ihn zu sprechen.

Ich bekomme einfach zu oft mit, dass die beiden mit der Entfernung zwischen ihnen nicht klarkommen und deswegen öfter die Stimmung auf dem Gefrierpunkt ist. Tony ist so sehr hin- und hergerissen, dass es mir leid tut, ihn so leiden zu sehen.

Tony wohnt bei mir zur Untermiete. Im Nachhinein war mein Angebot wohl ein Fehler.

Immer wieder hab ich überlegt, wie ich meine Entscheidung rückgängig machen kann, ohne ihn dabei zu verletzen, aber ich hab es angeboten und es wäre ein Akt der Unhöflichkeit, ihn jetzt wieder vor die Tür zu setzen. Und vor allem, was soll ich als Begründung sagen? Normalerweise wäre ich ehrlich, aber irgendwie möchte ich ihn auch in meiner Nähe haben. Denn er ist ein wundervoller Mensch, der humorvoll und gebildet ist.

Aber für mich unerreichbar. Wegen Tarec.

Ich mache mich prinzipiell nicht an Männer ran, von denen ich weiß, dass sie in einer Beziehung leben. Schmerzhafte Erinnerungen an Cole hindern mich einfach daran. Unsere Beziehung ging in die Brüche, als Jack in Coles Leben trat.

Seit Oktober ist Tony nun schon Bezirksstaatsanwalt hier in Great Falls.

Nicht dass bei uns das kriminelle Milieu zu Hause wäre, aber er hat schon viel zu tun.

Resozialisierungsprojekte und natürlich auch Verhandlungen vor Gericht bestimmen seinen Tag. Er hat in New York eine gut gehende Kanzlei aufgegeben, um hier seinem beruflichen Ziel näher zu kommen. Er möchte Richter werden, und dass nicht erst kurz vor der Rente, sondern schon wesentlich eher.

Mit einem tiefen Durchatmen versuche ich, mein Gemüt zu beruhigen. In meinem Magen bildet sich ein großer Stein und verursacht mir mächtige Magenschmerzen. Die Nähe zwischen uns bringt mich an meine Grenzen. Er ist zwar tagsüber nicht da, aber abends sitzen wir oft vorm Kamin und jeder arbeitet leise an seinem Tagewerk. Ich an meinem Roman und Tony an seinen Fallakten.

Ich denke, es ist Zeit, ins Haus zurückzugehen und mir einen Tee zu kochen. Außerdem wird es langsam dunkel. Aber vorher verfrachte ich die Pferde zurück in den Stall.

Ich sitze mit meiner Tasse Tee und meinem Laptop im Wohnzimmer am Kamin und versuche, mich auf den Roman zu konzentrieren, den ich für einen befreundeten Autor lektorieren soll, als das Telefon klingelt.

„Hallo Sam.“, flötet es freundlich in den Hörer.

„Hey Cora. Alles klar bei dir?“

„Na klar. Ich rufe an, weil ich dich für heute Abend entführen will.“ Das war klar, dass das kommt.

„Ach Cora. Nicht heute. Ich hab keine Zeit.“

„Sam, los komm, wir wollen ins Kino und anschließend was trinken gehen. Es wird Zeit, dass du mal wieder unter Leute kommst. Ein Nein wird nicht akzeptiert“, entscheidet meine beste Freundin.

„Cora, ich kann nicht. Ich muss noch zwei Romane lektorieren. Außerdem ist meine Stimmung nicht die beste. Glaube mir, ich bin heute keine gute Gesellschaft“, murre ich.

„Dann erst recht. Mensch Sam. Ich schaue mir dein Trauerspiel jetzt lang genug an. Seit dem ihr eure Beziehung beendet habt, ist mit dir nichts mehr los. Wie lange seid ihr jetzt getrennt? Drei oder sogar schon vier Jahre? Er kommt nicht zurück“, sagt sie sanft. „Außerdem schiebst du deine Arbeit als Grund vor. Das lasse ich nicht zu. Du musst mal wieder unter Leute und was anderes sehen und hören“, drängelt sie.

Sie hat ja recht. Ich igele mich ein, aber mir ist nicht nach Ausgehen und lustig sein. Außerdem ist der Grund für meine Melancholie nicht Cole, sondern Tony. Ich hole tief Luft und versuche, mich aus der Situation herauszuwinden.

„Was ist los? Warum redest du nicht mit mir?“

„Das würdest du doch nicht verstehen.“

„Du hast immer mit mir gesprochen, aber seit ein paar Monaten bist du wie ausgewechselt. Sam… was ist los? Es ist nicht Cole, oder? Hab ich recht? Sam… wenn du immer alles in dich hinein frisst, dann wirst du irgendwann die Rechnung dafür tragen müssen. Nimm dein Leben wieder in die Hand.“

„Cora, mein Liebesleben ist seit Jahren eine Baustelle mit Stillstand. Beruflich kann es gar nicht besser laufen. Ich habe eine Familie, die sehr an mir hängt. Ich habe ein schönes Zuhause und lebe meinen Traum. Schreiben und die Pferde. Mehr wollte ich nie. Was den Mann an meiner Seite betrifft, da werde ich eben warten müssen. Ich weiß deine Bemühungen zu schätzen, wirklich, aber es gibt Tage, da mag ich einfach nicht unter Leute gehen. Und heute ist eben so ein Tag.“

„Schatz, du machst einen Fehler. Geht es um Tony?!

„Ja.“

„Und du magst nicht drüber reden?“

„Nicht heute. Bitte nimm es mir nicht übel, aber es gibt Tage, da ist es besser, zu schweigen.“

„Okay. Rufst du mich an?“

„Mach ich. Versprochen.“

Wir legen auf und als ich in die Küche gehen will, um mir einen neuen Tee zu holen, steht Tony in der Tür und schaut mich skeptisch und fragend an.

„Hey, du bist ja schon da. Ich hab dich gar nicht kommen hören. Magst du einen Tee?“, frage ich nervös.

„So so, dein Liebesleben ist also eine Baustelle!?“

„Wie lange stehst du denn schon da?“, frage ich immer noch nervös.

„Nun, ich denke lang genug, um jetzt zu wissen, dass es dir nicht gut geht. Also was ist los?“

„Es ist alles gut. Bestimmt.“ Ich nicke, um meine Aussage zu unterstreichen und versuche zu lächeln, obwohl mir gerade gar nicht danach ist.

„Honey, wenn einer weiß, wann einer lügt, dann bin ich das. Also raus mit der Sprache.“

„Gut. Erst Tee kochen, dann reden wir. Okay?“ Scheiße, ich hätte ins Kino fahren sollen.

Ich brühe eine Kanne schwarzen Tee auf und versuche, extra langsam zu machen. Aber Tony scheint da die Ruhe in Person zu sein. Ein Tablett mit Zucker, Milch, Zitrone und unseren Tassen und zehn Minuten später sitze ich ihm im Wohnzimmer gegenüber und hab das Gefühl, einem Verhör ausgeliefert zu sein.

„Okay, dann erzähl mal. Warum ist dein Liebesleben seit Jahren eine Baustelle?“

„Warum das so ist?“ Ich senke den Blick und schüttele gedankenverloren den Kopf. „Weiß nicht, wie das alles passieren konnte. Keine Ahnung. Es passiert eben. Es gibt eben Dinge, die hat man nicht in der Hand. Da spielt das Schicksal manchmal eine gewichtige Hauptrolle.“

Ich nehme zwei Löffel Zucker und etwas Zitrone in meine Tasse und rühre gedankenverloren in meinem Tee.

„Sam, bist du unglücklich?“

„Unglücklich? Nein, ich bin nicht unglücklich. Ich denke, dass es Einsamkeit ist. Aber die war am Anfang von mir auch gewollt. Ich wollte nach der Trennung von Cole niemanden hören und sehen. Das war hier nicht besonders schwer. Für jemanden, der aus New York kommt, ist das wahrscheinlich nicht ganz nachzuvollziehen. Aber weißt du, ich war es nach Aidens Weggang damals nicht anders gewohnt. Ich war halt viel allein.

„Das kann nicht gut sein. Du isolierst dich selber!“

„Nein, nicht isolieren, nur zurückziehen. Ich bin gern allein, aber ein Partner an meiner Seite wäre schon schön. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Widerspruch.“

„Liebst du deinen ehemaligen Partner noch?“, fragt er leise.

„Cole! Heute? Nein, nicht mehr, aber ich liebte ihn noch lange nach unserer Trennung, ohne Hoffnung auf eine Rückkehr. Er ging nach Seattle, Washington und hat dort Tiermedizin studiert. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Cole mal die Praxis von seinem Dad übernehmen würde, aber er wollte nicht mehr zurückkommen. Er hat sich eine gut laufende Praxis in Seattle aufgebaut. Wir haben über Jahre eine Fernbeziehung geführt. Anfangs waren wir uns noch exklusiv, aber bald merkten wir, dass wir uns einfach zu selten sahen. Also wechselten wir in eine offene Beziehung. Zumindest Cole lebte sie offen. Mir fiel es nicht schwer, auf Sex zu verzichten. Das soll nicht heißen, dass er wild durch die Gegend gevögelt hat, aber er ging eben am Wochenende aus und kam sexuell auf seine Kosten. Dann lernte er Jack kennen und verliebte sich in ihn. Damit war ich aus dem Rennen und unsere Beziehung Geschichte. Wenn man sich nur acht oder neun Mal im Jahr sieht, dann reicht das nicht aus. Nicht, wenn da jemand ist, der sich um dich bemüht. Das hab ich ja auch eingesehen. Aber es tat so weh, als wir nicht mehr zusammen waren. Mir fehlten die Gespräche am Telefon. Das Lippenbekenntnis, dass er mich liebt. Unsere Zärtlichkeit. Der Sex. Es gibt eben keine Anleitung, um sich zu entlieben. So was braucht seine Zeit. Bei dem einen geht es schneller und bei anderen dauert es eben länger.“

„Du solltest nicht allein sein. Du bist so ganz anders, wenn Chris und Aiden mit Julian hier sind, du blühst förmlich auf. Dann haben deine Augen so einen unbeschreiblich intensiven Glanz. Als ob dir die Liebe aus den Augen springen wollte. Diesen Glanz hattest du auch, als ich hier einzog. Aber mit der Zeit ist er verblasst. Sag Sam, hab ich da was mit zu tun?“

Die Frage reißt mich aus meiner Starre und nun kommen wir zum Kern des Gespräches. Seine Hand greift nach meinen Fingern und dann nimmt er sie und hält sie fest. Seine Frage geistert mir im Hirn umher. Was soll ich da jetzt drauf antworten? Die Wahrheit? Ich versuche, meine Finger wieder unter Kontrolle zu bringen, aber er hält mich fest und schaut mir dabei so intensiv in die Augen, als würde er mir bis auf den Grund meiner Seele blicken. Seine grau-blauen Augen, die so stechend sein können, wie ich gerade feststellen muss. Seine schlanken Finger, die meine so kräftig umschließen. Diese ungeahnte Kraft. Wo nimmt er sie nur her? Mein Puls schlägt gerade im Prestomodus.

„Nun, antwortest du mir?“, fragt er leise nach.

Ich kann nur nicken und beschämt senke ich den Blick. Ist jetzt alles aus? Was wird er tun? Wird er gehen? Ausziehen und mich hier wieder allein lassen? Mir jetzt gleich sagen, dass es für uns keine Zukunft geben kann, weil er Tarec hat? Ein riesen Kloß bildet sich in meinem Hals und er will einfach nicht verschwinden. Ich kann noch so viel schlucken, er bleibt einfach da. Hartnäckig und Luft raubend. Tony lässt meine Finger los und steht auf. Vor Schreck blicke ich hoch und sehe, wie er auf mich zu tritt. Er bleibt vor mir stehen und schaut mich wieder mit diesen durchdringenden Augen an und legt seine Hände um mein Gesicht.

„Sam. Du wundervoller, sanfter Sam. Verzeih, wenn ich dir Kummer verursacht habe. Das wollte ich nicht. Ich wusste nicht, dass du Cole nicht mehr liebst. Ich dachte immer, dass das mit euch noch mal was werden wird. Weißt du, die Sache mit der offenen Beziehung mache ich gerade durch. Tarec und ich können uns maximal zweimal im Monat sehen. Ich lebe unsere Beziehung nicht offen, aber ich habe ihm die Möglichkeit eingeräumt, es zu tun. Ich kann dich verstehen. Und ich kann es nachempfinden.

Langsam stehe ich ebenfalls auf und blicke auf Tony herab, denn er ist knapp fünfzehn Zentimeter kleiner als ich. Er legt seine Hände auf meine Wangen und schaut mich dabei so ernst an.

„Ich möchte dir keinen Kummer bereiten, Sam. Ich will, dass du glücklich bist. Was soll ich tun?“

„Ebenfalls glücklich werden. Ich beobachte dich jetzt schon seit Monaten, Tony. Als du hierhergezogen bist, da dachte ich, dass du glücklich bist, aber dann… immer öfter warst du traurig, in dich gekehrt, viel zu nachdenklich. Das alles meist nach einem Gespräch mit Tarec. Ihr müsst an eurer Beziehung arbeiten, sonst wirst du das alles hier irgendwann als einen großen Fehler bezeichnen.“

„Sam, hier ging es anfangs aber nicht um mich, sondern um dich!“

„Ich komme schon klar, mach dir keine Sorgen.“

„Wäre es eine gute Idee, wenn du Tarec kennenlernen würdest? Vielleicht erleichtert es uns allen die Situation?“

„Was meinst du damit?“

„Ihr beiden lernt euch kennen und bekommt einen richtigen ersten Eindruck voneinander. Ich würde dir gern mehr über Tarec erzählen. Ihn dir als Mensch näherbringen. Ich habe dir nicht viel von ihm erzählt. Du weißt nur, dass er nicht offen schwul ist und wir unsere Beziehung im Geheimen halten. Das hat aber einen wichtigen Grund. Wenn er könnte, wie er wollte, dann…“

Da ist er wieder, dieser traurige Ausdruck in seinen Augen. Diese Niedergeschlagenheit. Tränen schimmern in seinen Augen. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals und meine tiefe Zuneigung für diesen Mann vor mir bricht mit aller Kraft an die Oberfläche. Ich ziehe ihn in meine Arme und drücke seinen schmalen Körper an mich.

„Ich will für dich da sein, Tony. Will dir helfen. Aber du bist nicht mein.“

„Ich würde aber gern dein sein, Sam. Wenn ich nur wüsste, wie ich alles unter einen Hut bringen könnte. Dich und Tarec“, flüstert er. Seine Arme um meinen Leib gelegt, presst er sich noch näher an mich.

„Ich empfinde für zwei Männer das Gleiche, nur der Eine ist mir so nah und dennoch ist er unerreichbar für mich, und der Andere ist so weit weg, aber mir so nah. Dich jeden Tag zu sehen, aber dir nicht näherkommen zu können, hat mir schier den Verstand geraubt. Ich wusste ja, dass du dich sofort aus der Beziehung zwischen Cole und Jack herausgezogen hast. Wie sollte ich dich denn von einer Beziehung mit mir überzeugen können, wenn ich Tarec nicht aufgebe? Denn das kann und will ich nicht. Ich liebe ihn. Sehr… er hat doch nur mich… Scheiße, man… Es tut mir leid… Ich wollte nicht, dass das hier und heute so zur Sprache kommt.“

„ Du hast recht. Ich sollte ihn kennen lernen. Vielleicht ist die Situation dann für uns alle drei erträglicher.“

„Ich habe Tarec von dir erzählt und er meinte, ich solle den Mut aufbringen und mit dir reden.“

„Er hat dich ermutigt, mit mir zu reden?“

„Ja, auch ihm ist meine Stimmung nicht entgangen. Sam, er ist nicht gefühlskalt. Er liebt mich. Aber uns läuft die Zeit davon…

Kapitel 2 (Tarec)

Kapitel 2 (Tarec)

Mein ganzes Leben steht im Moment Kopf und ich will mein altes wieder, jenes, wo Tony noch hier war und wir uns täglich sehen konnten. Mir fehlt der Sex mit ihm. Seine Zärtlichkeit, seine Wärme, seine Liebe, seine Ruhe und Ausgeglichenheit, die mich immer wieder erden, die mir das Gefühl geben, dass alles gut wird. Er lässt mich vergessen, dass für mich eigentlich ein anderes Leben vorherbestimmt ist.

„Hey Tarec, kommst du noch mit ins Deep Nine? Die Jungs wollen unsere letzte Aufführung ein wenig feiern. Das haben wir uns verdient, findest du nicht?“

„Auf jeden Fall, wann wollen wir los?“

„Jetzt gleich. Es ist schon elf.“

„Okay, ich schreibe nur kurz eine SMS und dann komme ich.“ Ich drehe mich um und laufe zu den Garderoben, die mittlerweile verwaist sind und versuche, meine Eindrücke noch ein wenig sacken zu lassen. Lasse mich dort in unserer Garderobe in einen Sessel fallen und schließe die Augen.

Unsere letzte Vorstellung. Sie war ein Erfolg auf ganzer Linie. Seit einem halben Jahr führen wir zweimal die Woche unser Stück vor, dass wir als Studenten an unserer Choreografie und Tanz Akademie in einem Gemeinschaftsprojekt mit unterschiedlichen Studiengängen einstudiert haben. Wir sind zu einer richtigen Familie geworden. Das Stück ist eine Mischung aus hetero, schwulen und lesbischen Akten mit verschiedenen Choreografen und Regisseuren. Mein Part an der Nummer war die Choreografie für den schwulen Akt und ich denke, die Mischung aus modernem Tanz, Klassik und Hiphop ist mir ganz gut gelungen. Die Kritiken sind jedenfalls alle samt positiv und es haben bereits einige von uns eine Anfrage für ein neues Projekt, das wir im Februar beginnen wollen. Schade ist es nur, dass Tony das alles nicht miterleben kann. Er sitzt da in seinem Kaff irgendwo in der Pampa und versucht, sich beruflich zu verwirklichen. Ausgerechnet im stockkonservativen Montana hat er eine Stelle als Bezirksstaatsanwalt angenommen. Er hätte hierbleiben sollen. Ich bin ja der Meinung, dass er hier auch irgendwann mal zum Richter hätte berufen werden können.

Es ist nicht so, dass ich ihm seinen beruflichen Erfolg nicht gönne. Im Gegenteil, wer, wenn nicht gerade ich, kann es ihm nachempfinden nach dem großen Erfolg, den wir gerade hatten. Aber er fehlt mir so sehr. Ich liebe ihn von ganzem Herzen. Er ist mein Leben. Ich fühle mich einsam ohne ihn.

Zwei Tage, nachdem ich hier in die Staaten gekommen bin, ist er mir in die Arme gelaufen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der erste Blick in seine Augen hat mir schier den Boden unter den Füßen weggezogen. Quasi Liebe auf den ersten Blick.

Ich bin in das Apartment gegenüber von seinem eingezogen und wollte gerade aus dem Fahrstuhl aussteigen, als er es furchtbar eilig hatte, in den selbigen hineinzugelangen. Rums und da lag er in meinen Armen. Den Augenblick werde ich nie vergessen. Ich hätte keinen besseren ersten Eindruck von ihm erhalten können. Ich verliebte mich sofort, als er den Kopf hob, um mir ins Gesicht zu blicken.

Ich sehe sie noch vor mir, die großen, grau-blauen Augen. Die schmale Nase, diese wundervoll geschwungenen Lippen, die zum Küssen einladen, und dann sein Duft. Sein ganz eigener Geruch, gepaart mit seinem Rasierwasser und einen Hauch Duschgel. Sich gut riechen können hatte von da an für mich eine neue Bedeutung. Sein blondes Haar, das immer ein wenig chaotisch aussieht. Bei Allah, ich liebe diesen Mann.

Vier Jahre sind wir ein Paar und haben uns eigentlich immer gut ergänzt. Aber ein großer Punkt in meinem Leben ist, dass ich nicht offen schwul leben kann. Ich komme aus Saudi-Arabien. Mein Vater ist dort ein einflussreicher Geschäftsmann, der es mir, seinem dritten Sohn, hier in den Staaten ermöglicht, ein Choreografie- und Tanzstudium zu machen. Ich habe es bereits etwas hinausgezögert, da ich immer wieder durch meine Arbeit am Theater mein Studium in die Länge gezogen habe. Wir dürfen uns öffentlich nicht als Paar zeigen. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Wir lieben uns und wir können unsere Liebe nur im Verborgenen, also in unseren Wohnungen, ausleben.

In meinem Heimatland steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Ich war überglücklich, als ich in die Staaten ausreisen durfte. Frei… endlich frei sein.

Ich will nicht mehr nach Hause. Zurück in den goldenen Käfig. Was nutzt mir ein Leben in Luxus und Reichtum, wenn ich mich dafür verleugnen muss. Wenn ich nicht sein darf, der ich bin. Was tun, sprach Zeus?

Eine SMS reißt mich aus meinen Gedanken.

Wie ist es gelaufen? Geht ihr feiern? Twahestek barscha. `ich vermisse dich‘ Ich dich auch. Tony hat sich für meine Muttersprache interessiert. Das ist auch so ein wundervoller Zug von ihm. Mir auf Arabisch zu sagen, was er gerade denkt und fühlt.

Es war toll! Das Haus war ausverkauft und wir gehen ins Deep Nine. Ich vermisse dich auch. Wann kommst du wieder nach N.Y.?

Ich weiß es noch nicht. Vielleicht schaffst du es ja mal herzukommen? Hab mit Tony gesprochen. Er hat nichts dagegen, dass du uns besuchen kommst.

Habibi. Ich mache mir Gedanken. Melde mich bei dir. Ahlam Jamila. Ana behibek.

Liebling, schlaf du auch gut. Ich liebe dich auch.

„Hey Tarec, kommst du nun mit?“

„Bin schon auf dem Weg.“

Ich gehe mit in den Club, aber ich reiße keine Typen auf. Ich hatte Tony gesagt, dass mir der Sex mit ihm fehlt. Immer wieder, in der Hoffnung, dass er doch wieder zurückkommt, aber er hat mir lediglich eine offene Beziehung vorgeschlagen. Das hat mich gekränkt. Denn ich kann mir nicht vorstellen, mit einem anderen Mann zu schlafen. Nein… schlafen tue ich nur mit Tony, das andere wäre nur ficken. Und ficken will ich nicht.

Shit, es ist schon drei Uhr in der Frühe. Ich schließe meine Wohnungstür auf und stehe im Dunkeln in meinem Wohnzimmer und blicke auf die nächtliche Skyline von New York. Wieder allein. Müde bin ich noch nicht, also beschließe ich, meine Mails zu checken. Eine neue Nachricht von meiner Schwester.

`Hallo Brüderchen,

ich schreibe dir, weil ich heute ein Gespräch zwischen Vater und Rashid mit angehört habe.

Vater will, dass du dein Studium so schnell wie möglich beendest. Er will nicht, dass du dich weiterhin „ablenken“ lässt. Du sollst deine Position innerhalb der Familie einnehmen. Was das bedeutet, muss ich dir ja nicht sagen. Rashid hat versucht, für dich noch ein weiteres Jahr als Zeitfenster einzuräumen, aber Vater ist da anderer Meinung. Es tut mir leid, dass ich dir keine besseren Nachrichten schreiben kann. Rechne damit, dass Rashid bald bei dir auftaucht. Oh Tarec, was soll dann nur werden? Auch ich bin im Gespräch. Das würde bedeuten, dass du in spätestens sechs Monaten wieder hier bist. Lass dir was einfallen. Hilf mir… ich möchte zu dir in die Staaten kommen. Ich will ihn nicht heiraten. Bitte…

Deine Ranja‘

 

Verdammt… Ich wusste ja, dass es irgendwann so kommen musste, aber irgendwie hatte ich es in den letzten Monaten wohl verdrängt. Die Tatsachen, die für mein Leben vorbestimmt wurden. Verdammt, verdammt, verdammt… Ich will das alles nicht. Ich liebe mein Leben hier in New York.

Kapitel 3 (Tony)

Kapitel 3 (Tony)

Es ist typisch. Immer, wenn man mal ein wenig Zeit für sich bräuchte, ist dafür natürlich keine da. Der Oberstaatsanwalt für unser County liegt mit mehreren komplizierten Brüchen nach einem Skiunfall im Krankenhaus und nun liegen seine Fallakten, zusätzlich zu meinen, auf meinem Tisch und müssen fristgemäß abgehandelt werden. Es ehrt mich ja, dass mir nach so kurzer Zeit in meiner Position hier so viel Vertrauen entgegengebracht wird, aber gerade jetzt könnte ich ein wenig Luft für Tarec und Tony gebrauchen.

Ich war so froh, dass Sam sich bereit erklärt hat, Tarec kennen zu lernen. Mir ist schon klar, dass er es schwer hat, die Situation so zu sehen, wie ich sie eben kenne, aber Sam kennt so viele Umstände in unserem Leben nicht. Er kann vieles nicht objektiv und fair einschätzen. Wenn er von Tarecs Situation wüsste, dann wäre er nicht so negativ zu ihm eingestellt.

Mein Blick ist nach draußen gerichtet, wo ich einen direkten Blick auf das Gerichtsgebäude von Great Falls habe. Es schneit schon wieder und es ist echt kalt draußen.

Mein Handy piept. Eine SMS von Tarec.

Komme am Freitag um 15.45 h in Great Falls an. Holst du mich ab?

Na klar. Ich freue mich auf dich. Es ist sehr kalt, pack dir warme Sachen ein. Wie lange kannst du bleiben?

Ich fliege Dienstag zurück. Meine Schwester hat geschrieben, dass ich mit Rashid rechnen soll. Du weißt, was das heißt?

Gott, ja. Dann wird es Zeit, dass wir uns was überlegen.

Wir reden, wenn ich da bin. Ich wünschte, du wärst jetzt hier bei mir. Du fehlst mir.

Du mir auch. Noch zwei Tage. Wir schaffen das und werden eine Lösung finden.

Dann wird es Zeit, Sam von Tarecs Besuch in Kenntnis zu setzen. Ich beschließe, Feierabend zu machen und nach Hause zu fahren. Vorher schicke ich ihm noch eine SMS, dass ich Essen vom Chinesen mitbringe.

„Hey, ich hatte Hunger auf Ente und gebratene Nudeln. Ich hoffe, du hast Hunger“, rufe ich, als ich die Küche betrete.

„Und wie. Ich hab seit heute Morgen am Rechner gesessen und hab geschrieben und darüber hinaus mal wieder die Zeit und auch das Essen vergessen.“ Er steht auf und kommt zu mir in die Küche

„Dann lass uns essen. Ich muss dir was erzählen.“

„Ah ja?“

„Tarec kommt am Freitag. Er möchte bis Dienstag bleiben. Ist dir das recht?“

„“Tony! Du wohnst hier. Wenn du Besuch bekommst, dann ist das deine Sache. Ich werde dir doch nicht verbieten, Besuch zu empfangen.“

„Ich meinte eigentlich, dass er UNS besucht. Er will dich kennen lernen.“

„Ach so. Okay. Entschuldige bitte, dann hab ich dich falsch verstanden.“

„Tony, er wird dir etwas von sich erzählen und ich hoffe, dass du ihn dann besser einschätzen kannst. Ich hoffe sehr, dass du ihn dann mit anderen Augen betrachtest.“

„Ich hatte doch gesagt, dass ich ihn kennen lernen will.“

Ich schaue ihm tief in die Augen. Am liebsten möchte ich mich jetzt auf seinen Schoß setzen und mich an ihn an kuscheln. Ihn küssen und seinen Geschmack kosten. Seinen Duft inhalieren. Aber zurzeit ist die Luft hier in der Küche eher wie in einem China-Imbiss.

Er steht auf und stellt unsere Teller in die Spüle. Ich räume die Pappschachteln in den Müll und stelle mich dann neben ihn. Er reicht mir ein Bier und schaut auf mich herab.

Sein Gesichtsausdruck zeigt keinerlei Regung. Ich greife nach seiner Hand und verschränke unsere Finger miteinander. Sie sind warm und sein Griff ist fest, aber nicht grob. Ich spüre die Schwielen an seinen Fingern, die von der harten Arbeit im Stall herrühren. Er stellt sein Bier auf der Spüle ab und greift dann nach meiner Flasche. Als er sie abgestellt hat, zieht er mich vor sich und umarmt mich. Zieht mich an seine Brust und hält mich einfach fest. Woher er weiß, dass ich das jetzt gerade brauche, ist mir Schleierhaft. Ich schmiege mich an seine Brust und höre seinem Herzschlag zu, der eindeutig ein wenig zu schnell ist. Ich lasse meine Hände über seinen Rücken gleiten und spüre die kräftigen Muskeln. Rieche seinen ureigenen Duft und fühle mich schlagartig geborgen und zu Hause. Schließe meine Augen und lasse mich auf seinen Trost ein. Wenn wir jetzt auf dem Sofa liegen würden, würde ich glatt einschlafen. Ich spüre seine Lippen auf meinem Haar und merke, wie mich seine großen Hände halten.

„Danke, dass du für mich da bist.“

„Was ist los?“, fragt er sanft.

„Tarecs Zeit läuft ab. Ich muss mir was einfallen lassen.“

„Was meinst du mit, seine Zeit läuft ab?“

„Wenn sein Studium zu Ende ist, muss er zurück nach Saudi-Arabien.“ Ich schlucke trocken, um nicht gleich in Tränen auszubrechen.

„Dort kann er nicht so leben, wie er eben ist. Wenn herauskommt, dass er schwul ist, ist sein Leben in Gefahr. Er würde dort zum Tode verurteilt werden. Sein Vater würde sogar sein Henker sein. Er lehnt jegliches Anderssein kategorisch ab. Aber ich möchte, dass dir Tarec das alles selbst erzählt. Ich werde jedenfalls meine Kontakte zum FBI aktivieren. Ich lasse mir schon was einfallen, ich gebe ihn nicht kampflos auf.“

„Wann wird das sein? Ich meine, wann ist er mit seinem Studium fertig?“

„Er ist eigentlich fertig. Nur noch die Prüfungen. Er verbummelt Zeit mit Engagements, damit er nicht zurück muss. Er wird im Mai dreißig und seine Familie wird bald auftauchen und ihn an seine Pflichten erinnern. Wie das aussieht, mag ich mir gar nicht vorstellen.“

„Ach du Scheiße!“

„Ja, da sagst du was…“

„Nun, lass ihn erst mal herkommen und dann sehen wir schon weiter.“

„Die Maschine müsste schon gelandet sein. Ankunft war für 15.45 h geplant. Tut mir leid, ich bin echt nervös und ein wenig überarbeitet.“

„Ein wenig? Ich denke, du brauchst mal Urlaub.“

„Da ist er.“

„Wo?“

„Der große Schlanke mit den schulterlangen Haaren. Er trägt einen schwarzen Mantel. Der da, der jetzt nach seinem Koffer greift.“

Mein Puls rast. Mein Habibi ist da. Endlich! Nach vier Monaten das erste Mal hier bei mir.

Er läuft nicht, nein, er schreitet auf uns zu und stellt seinen Koffer ab und nimmt mich wortlos in den Arm und drückt mich an seine Brust. Sam steht etwas abseits. Ein Stich in meinem Herzen sagt mir, dass er nicht ausgeschlossen sein sollte. Ich winde mich aus Tarecs Armen und drehe mich zu Sam, um ihn Tarec vorzustellen.

„Tarec, das ist Sam. Sam… Tarec.“ Sie treten aufeinander zu und reichen sich die Hände. Sie blicken sich in die Augen und mir stockt der Atem. Hoffentlich ist die erste Chemie schon mal nicht negativ.

„Herzlich willkommen in Great Falls, Tarec. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug?“ Sams Stimme klingt ruhig und beherrscht. Ich weiß, dass er mich jetzt auch gern in den Arm nehmen würde, aber ich habe Tarec drei Wochen nicht gesehen, daher brauchte ich das eben.

„Guten Tag, Sam. Danke, dass ich herkommen durfte. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Tarecs tiefe Stimme erklingt und wieder fällt mir auf, dass sie ihn noch männlicher erscheinen lässt. Seine Größe, seine stolze Körperhaltung und dann die tiefe Stimme lassen mich immer wieder in seinem Bann versinken.

Er hat dunkle Ringe unter den Augen und scheint übernächtigt zu sein.

„Habibi, was ist los? Du siehst furchtbar aus!“

„Ich habe meine Prüfungen geschrieben und meine Arbeiten abgegeben. War ein wenig viel Arbeit in den letzten Tagen. Aber ich musste es zu Ende bringen.“ „Kommt, wir fahren nach Hause und dann ruhst du dich erst mal aus und danach erzählst du uns alles. Auch ich habe dir einiges zu erzählen.“ Sam greift nach dem Koffer.

„Nicht, den kann ich doch selber tragen“, versucht Tarec sein Glück, aber da hat er die Rechnung ohne Sam gemacht.

„Schon gut, ich mache das gerne.“

Wir verlassen das Flughafengebäude und steigen in Sams Wagen, um zurück zur Farm zu fahren.

Nach dem Essen sitzen wir im Wohnzimmer und genießen einen Whisky. Tarec hat sich den Sessel am Fenster ausgesucht. Sam den anderen vorm Kamin. Ich sitze auf dem Sofa und fühle mich ein wenig unbehaglich. Ein Gespräch kommt nicht so richtig in Gang. Als Tarec auf einmal anfängt und Sam nach seinen Büchern fragt, scheint das Eis zu schmelzen. So beginnen die beiden wenigstens, sich zu beschnüffeln. Ich halte mich aus dem Gespräch raus und schnell scheinen sie auf einer gemeinsamen Schiene zu fahren. Dieselben Bücher, Filme, Tarecs Studium und seine Leidenschaft, die Malerei. Sams Hobby und auf einmal reden sie über mich. Ich scheine da irgendwas nicht mitbekommen zu haben. Auf einmal bin ich im Fokus ihrer Unterhaltung und schlagartig macht mich dieser Umstand nervös. Warum liege ich eigentlich und bin mit einer Decke zugedeckt? Ich setze mich auf und reibe mir die Augen. Wann bin ich eingeschlafen?

„Da bist du ja wieder“, schnurrt Tarec und setzt sich neben mich. Sam steht auf und legt Holz im Kamin nach. Ich versuche, die letzten vier Stunden zu rekonstruieren. Mann, wann bin ich das letzte Mal so erschöpft eingeschlafen?

Auch Sam setzt sich neben mich aufs Sofa. Tarec links und Sam rechts. Ich genieße ihre Düfte, ihre Wärme und ihre Gegenwart. Gott, ich habe beide Männer, die ich in meinem Leben haben möchte, neben mir sitzen und sie scheinen sich doch, entgegen aller Befürchtungen meinerseits, zu mögen. Ich greife ihre Hände und lege sie mir in den Schoß. Mein Puls rast. Was wohl passiert, wenn ich ihre Hände übereinander lege und meine dazwischen schiebe? Ob sie es sich gefallen lassen? Nur wer wagt, der auch gewinnt. Ohne groß über Konsequenzen und Folgen nachzudenken, lege ich Sams Hand auf meinen Schenkel und Tarecs oben auf. Dann schiebe ich meine linke dazwischen und meine rechte ganz oben auf. Tarec beobachtet das Tun und Sam schließt die Augen.

„Ich will euch. Euch beide. Ich weiß nicht, wie ihr zueinander steht, aber ich wünsche mir tief in meinem Herzen, dass ihr euch mögt und uns allen dreien eine Chance gebt. Dass es für euch ungewöhnlich ist, will ich nicht bestreiten und auch, dass es befremdlich ist. Ihr habt eure Prinzipien, aber die Liebe schert sich nicht um Grundsätze, die man sich mal aufgestellt hat. Es kann nur funktionieren, wenn ihr euch mögt, ich will euch damit nicht unter Druck setzen, aber ich stehe zwischen euch. Die Angst, euch zu verlieren, ist so übermächtig, dass es mir die Luft zum Atmen nimmt. Dass du zurückgehen musst, raubt mir den Verstand, Tarec. Und dass du, Sam, mich ablehnst, weil du nicht über deinen Schatten springen kannst, lässt mich verzweifeln.“

Sie rücken beide dicht an mich ran und legen ihre Köpfe auf meine Schultern. Meine Sicht verschwimmt, denn Tränen schleichen sich ein. Sie streicheln meine Unterarme, um mich zu beruhigen, und dann verschränken sie ihre Hände. Sams rechte und Tarecs linke, um mir zu zeigen, dass ich zumindest für die nächsten Tage keine Angst haben muss.

Kapitel 4 (Sam)

 

Kapitel 4 (Sam)

 

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber Tarec ist ein großer und stolzer Mann. Verdammt gutaussehend. Er hat eine Aura, die mich gleich angezogen hat.

Wir haben gleiche Interessen, wie zum Beispiel Filme und Bücher. Ich mag seine Art, wie er redet, wie er lacht und dabei seine Augen zum Funkeln bringt. Ich habe noch nie so tief schwarze Augen gesehen. Sein rabenschwarzes Haar, das ihm bis zu den Schultern reicht und wie er es immer wieder mit seiner rechten Hand versucht, nach hinten zu verbannen. Er hört interessiert zu und unterbricht mich nicht. Das ist etwas, das ich sehr zu schätzen weiß. Und dann dieses leise Räuspern, bevor er antwortet. Ich kann Tony verstehen, dass er sich in diesen Mann verliebt hat.

 

Tony scheint mit seinen Kräften im Moment am Limit zu laufen, denn er sieht müde aus. Auch Tarec scheint es nicht besonders gut zu gehen. Dunkle Ringe haben sich unter seine Augen gelegt und er scheint zurzeit mit etwas zu kämpfen, das ihm Sorgen bereitet. Soweit waren wir vorhin noch nicht.

Ich habe mich zurückgezogen, als Tony uns beiden erklärt hat, dass er uns beide will. Gott, Himmel ja, ich will ihn ja auch, aber was ist, wenn einer auf der Strecke bleibt und dann geht die ganze Sache von vorne los. Wieder Herzschmerz und Kummer?

Ich will ihn nicht verlieren und ja, ich will Tarec kennen lernen.

Was die beiden jetzt in Tonys Bett miteinander machen, will ich mir gar nicht vorstellen.

Ein Stich in meiner Brust lässt mich aufhorchen. Bin ich etwa eifersüchtig? Das war ich vorher doch auch nicht. Oder doch? Okay, wenn Tony nach New York geflogen ist, dann ist immer so ein Gefühl von Übelkeit und Unwohlsein über mich hereingebrochen. Aber er kommt ja wieder. Doch jetzt ist Tarec hier in meinem Haus, in Tonys Bett. Ich hab es ja gewusst, aber noch haben wir außer uns in den Arm zu nehmen und uns zu streicheln, nicht mehr zugelassen. Ich habe kein Recht, mehr zu fordern. Oder sogar, dass Tarec im Gästezimmer schläft. Warum sollte er? Sie teilen sonst auch immer das Bett.

Ich wälze mich von einer Seite auf die andere. Die Uhr sagt mir, dass es kurz nach zwölf ist.

Es klopft leise an meiner Tür. Tony öffnet sie einen kleinen Spalt und ich knipse das Nachtlicht an. Die Tür schwingt auf und Tony und Tarec stehen im Türrahmen.

„Wir finden, dass es nicht fair ist, dass du hier allein schläfst. Dürfen wir in dein Bett kommen?“, fragt Tarec leise.

„Kommt rein!“

Ich rutsche links an den Rand meines Bettes und Tony rutscht in die Mitte. Tarec kuschelt sich auf der rechten Seite an Tony an.

Es ist ein komisches Gefühl, das ich gerade im Bauch habe. Wir haben vorher nie zusammen in einem Bett gelegen. Nicht mal geküsst haben wir uns. Nur festgehalten und den Anderen gespürt und genossen.

„Sam?“, flüstert Tony.

„Was ist denn?“ Meine Stimme zittert. Was jetzt wohl kommt?

„Sam,… ich will dich und möchte, dass Tarec dabei ist, wenn du mich nimmst.“

Schlagartig verdoppelt sich mein Herzschlag pro Minute.

„Du willst… ich meine… ich soll…was? Tarec, was sagst du denn dazu?“ Eine Hand greift nach meiner und hält sie fest. Tarec… Er streichelt mit seinem Daumen über meinen Handrücken und räuspert sich, bevor er antwortet.

„Sam, ich liebe Tony von ganzem Herzen. Ich stehe voll hinter ihm. Wenn es sein Wunsch ist, dass ich dabei bin, dann bin ich das gern. Tony liebt dich. Dass es für mich schwer ist, ist klar, aber ich will, dass er glücklich ist. Ich weiß nicht, ob ich nächsten Monat noch hier sein kann und dann will ich ihn glücklich wissen, und ich denke, dass du ihn glücklich machen kannst.“

„Moment, du meinst, dass du nächsten Monat bereits zurück nach Saudi-Arabien musst?“

„Meine Schwester hat mir eine Mail geschrieben, die mir meinen Bruder ankündigt. Was das bedeutet, ist mir klar. Sam… wenn ich zurückgehe, werde ich heiraten müssen.“

„Das ist nicht dein Ernst?“

„Ich habe keine Wahl. Ich denke, dass meine Braut bereits ausgesucht und alles arrangiert sein wird.“

„Du willst das tatsächlich durchziehen? Ich meine, man, Tarec, du bist schwul! Wie willst du glücklich werden? Und wenn du dich in deinem Land erwischen lässt, dann war es das!

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