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Walzernacht des Schicksals

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1. KAPITEL

London, 1817

Dr. Simon Redfern hielt während seines Spaziergangs durch den Hyde Park kurz inne, um eine junge Dame zu beobachten, die ausgelassen mit vier Kindern auf der Wiese spielte. Die Kleinen sahen gesund und wohlgenährt aus. Offensichtlich spielten sie Fangen, denn sie liefen laut lachend voreinander davon. Die junge Dame stand ihnen an Lebhaftigkeit nicht nach. Sie schien zu jung, um ihre Mutter zu sein, und so nahm er an, sie wäre ein Kindermädchen oder eine Gouvernante. Falls sie es war, so glich sie jedoch keinem der Kindermädchen, denen er bisher begegnet war. Völlig unbefangen hob sie mit einer Hand den Rocksaum ihres hübschen Musselinkleides und enthüllte einen grazilen Knöchel. Nach Simons Erfahrung nahmen es Kindermädchen und Gouvernanten sehr genau, wenn es um schickliches Benehmen ging.

Während er ihnen weiter zusah, kam eine offene Kutsche herangefahren. Die vier Kinder gaben ihr Spiel auf und liefen auf sie zu. Sie kletterten auf die Sitze zu einer eleganten Dame, die ganz offensichtlich ihre Mutter war. Diese wechselte einige Worte mit der jungen Dame und gleich darauf fuhr die Kutsche davon. Die Gouvernante – wenn es denn eine war – hob ein Bündel Bücher vom Boden auf und ging allein weiter.

Kate hatte Elizabeths Angebot, sie in der Kutsche mitzunehmen, abgelehnt, da sie auf dem Weg zu Hookham’s Bücherei war, die sie leicht zu Fuß erreichen konnte. Vom Spiel mit den Kindern war sie noch ein wenig außer Atem. Sie vermutete, dass ihre Wangen wieder einen rosigen Hauch angenommen hatten, den ihre Großmutter stets missbilligte. Ohne stehen zu bleiben, steckte Kate einige Strähnen ihres haselnussbraunen Haars in den Knoten zurück, aus dem sie entwichen waren, und setzte ihren Hut auf. Um zu prüfen, wie sie aussah, trat sie an das Ufer des Serpentine, des großen Sees im Hyde Park, wo sie sich im Wasser spiegelte.

„Du meine Güte!“ Das Bild, das sich ihr bot, war ganz und gar nicht das einer feinen Dame. Kate war hochrot im Gesicht. Das Band, mit dem sie ihren Hut unter ihrem Kinn festgebunden hatte, erinnerte nur noch entfernt an eine ordentliche Schleife. Während sie versuchte, es zurechtzuzupfen, sah sie aus einem Augenwinkel ein Kind, das am Rand des Sees saß und die Beine ins Wasser baumeln ließ. Der Junge konnte nicht älter als drei oder vier Jahre sein, war in schmutzige Lumpen gekleidet und barfuß. Beunruhigt sah Kate sich nach seinen Eltern um, konnte aber niemanden entdecken. Sie musste ihn retten, bevor er womöglich in den See fiel. Um den Jungen nicht zu erschrecken, ging sie langsam auf ihn zu und packte ihn dann schnell von hinten.

Das Kind wand sich so sehr und schrie dabei, dass Kate sich anstrengen musste, es nicht loszulassen. „Still“, sagte sie. „Ich werde dir nicht wehtun.“ Doch der Junge schrie nur noch lauter und zog ihr den Hut übers Gesicht.

„Erlauben Sie.“ Jemand nahm ihr die zappelnde kleine Last ab. Kate schob schnell den Hut nach oben, um den Gentleman anzusehen, der ihr geholfen hatte. Er hatte sich das Kind einfach unter einen Arm geklemmt. „Wenn du nicht sofort diesen Lärm einstellst, wirst du meine Hand zu spüren bekommen“, wandte er sich streng an den Kleinen. Der Junge sah ihn misstrauisch an, kam wohl zu dem Schluss, dass der Mann es ernst meinte, und klappte den Mund zu.

Kate schätzte, dass der Gentleman etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt war. Er war größer als die meisten Männer, trug einen schlichten braunen Gehrock und Lederreithosen zu braunen Stiefeln. Das gestärkte Musselin-Krawattentuch war zu einem einfachen Knoten gebunden. Er gehörte wohl kaum der feinen Gesellschaft an, war allerdings auch nicht der Vater des Kleinen. Dennoch hielt er ihn mit einer Bestimmtheit fest, die darauf schließen ließ, dass er es gewohnt war, mit Kindern umzugehen. Vielleicht war er ein Schulmeister – auf alle Fälle ein sehr gut aussehender Schulmeister.

„Ich hatte Sorge, er könnte hineinfallen“, erklärte Kate und sah sich um, ob inzwischen jemand gekommen war, der Anspruch auf den Kleinen erhob – aber auch, um dem belustigten Blick aus den grauen Augen des Fremden auszuweichen. „Er scheint ganz allein zu sein.“

„Wissen Sie, wer er ist?“

„Nein. Sie vielleicht?“

„Nein. Am besten versuchen wir, es herauszufinden.“ Er stellte den Kleinen auf den Boden, ohne ihn loszulassen, und ging neben ihm in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihm zu reden. „Nun, du kleiner Racker, kannst du uns deinen Namen nennen?“

Der Junge rieb sich die Augen mit den Fäusten, wodurch sein ohnehin schon schmutziges Gesicht noch dreckiger wurde. „Joe.“

„Wir wüssten gern, wo du wohnst, Joe.“

Wortlos wies der Junge in die Richtung des Eingangstors des Parks.

„Das hilft uns nicht besonders. Kannst du mich zu deinem Zuhause führen?“

Der Kleine sah ihn nur verständnislos an.

„Nach seiner Kleidung zu urteilen muss er aus einer sehr armen Gegend stammen“, stellte Kate fest. „Wie hat er nur hierhergefunden?“

„Ich nehme an zu Fuß.“ Der Gentleman sah zu Kate auf, die neben ihm stand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht machte ihr alle Ehre. Nicht viele junge Damen würden sich wegen eines Gassenjungen den Kopf zerbrechen und ganz gewiss nicht auf die Idee kommen, ihn auch noch anzufassen. „Schauen Sie nicht so besorgt, Miss. Ich werde mich um ihn kümmern.“

Kate zögerte. Wie konnte sie sicher sein, dass sie diesem Mann vertrauen durfte? Was würde er tun, wenn er die Eltern des Kindes nicht finden konnte? London war eine riesige Stadt. Die kleinen Beine des Jungen mussten ihn sehr weit getragen haben, wenn er wirklich in einem der Elendsviertel wohnte. „Was werden Sie mit ihm tun?“

„Versuchen, seine Eltern zu finden.“

„Aber wie?“

„Das ist eine gute Frage. Ich bringe ihn dorthin, wo ich glaube, dass man ihn kennen könnte, und werde mich erkundigen, ob ihn irgendjemand weiß, wo er wohnt.“

„Das ist, als wollte man eine Nadel im Heuhaufen finden.“

„Sehr wahrscheinlich“, stimmte er zu. „Haben Sie eine bessere Idee?“

„Nein“, gab sie zu. „Aber werden Sie sich dort nicht in Gefahr bringen?“

„Oh, das glaube ich nicht. Ich bin Arzt, wissen Sie. Manchmal wage ich mich in Gegenden, von denen eine respektable junge Dame nicht einmal etwas weiß.“

„Selbstverständlich weiß ich von solchen Vierteln“, erwiderte sie scharf. „Ich schwebe nicht auf Wolken, müssen Sie wissen.“

Der Gentleman sah auf den Jungen herab, der jetzt zufrieden an seinem Daumen nuckelte, der einzigen sauberen Stelle an seinem Körper, und fragend von einem zum anderen schaute. „Du möchtest doch zu deiner Ma und deinem Pa zurückkehren, nicht wahr, mein Kleiner?“

Joe nickte.

„Sind Sie sicher, dass Sie die Verantwortung für ihn übernehmen wollen?“, fragte Kate. „Immerhin war ich es, die ihn entdeckt hat.“

Der Anblick des Kindes zerriss ihr das Herz. Sein Wohl war ihr wichtig, ebenso wie das aller Kinder, wer immer sie waren und aus welchen Verhältnissen sie stammten. Kate konnte nicht anders. Wenn sie sah, dass ein Kind Hilfe brauchte, musste sie tun, was in ihrer Macht stand. Dies hatte ihr bei mehr als nur einer Gelegenheit Schwierigkeiten mit ihrer Großmutter eingebracht. „Den Armen Almosen zu geben, ist eine Sache“, sagte sie immer. „Das weiß ich an dir zu schätzen. Aber sie zu berühren, ist etwas ganz anderes. Du kannst nicht wissen, was du dir dabei einfängst. Außerdem wird man anfangen, über dich zu klatschen.“ Weder das eine noch das andere entmutigte Kate.

„Was würden Sie tun, wenn ich ihn Ihnen überlasse?“, fragte der Gentleman.

„Dasselbe wie Sie, nehme ich an. Versuchen, seine Eltern zu finden.“

„Wie?“

Das gab ihr zu denken, doch sie würde bestimmt nicht zugeben, dass sie darauf keine Antwort wusste. „Indem ich mit dem Jungen rede, sein Vertrauen gewinne und ihn bitte, mich zu seinem Zuhause zu bringen. Genau wie Sie.“

„Sie glauben, Sie können die Armenviertel betreten und dort an die Türen klopfen?“

„Ich würde es tun, wenn ich muss.“

„Daran zweifle ich nicht, dennoch wären Sie schon bald in großen Schwierigkeiten. Nein, Sie überlassen besser alles mir.“

„Nun gut. Trotzdem komme ich mit Ihnen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Das halte ich für keine gute Idee, Miss …“ Er hielt inne.

„Mrs. Meredith. Und ich bin kein empfindsames Pflänzchen Rührmichnichtan, also können Sie damit aufhören, so herablassend zu lächeln.“

„Vergeben Sie mir, Ma’am. Doktor Simon Redfern, zu Ihren Diensten.“ Er nahm kurz seinen Hut vom Kopf und machte eine so übertrieben tiefe Verbeugung vor ihr, dass sie lachen musste. Es war ein angenehmes Lachen und er erwiderte es mit einem Lächeln.

„Dann wollen wir also sehen, wohin dieser junge Mann uns führen wird, Dr. Redfern.“

„Ich glaube, Sie werden es bereuen.“

„Ich würde es bereuen, wenn ich ihn im Stich ließe.“

„Warum? Halten Sie mich für jemanden, der sich an Kindern vergeht?“

Sie errötete verlegen. Natürlich wollte sie ihn nicht beleidigen, aber nur weil ein Mann wie ein Gentleman aussah und ein Lächeln besaß, das eine überwältigende Herzlichkeit ausstrahlte, bedeutete dies nicht, dass er nicht auch zu Bösem fähig wäre. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich fühle mich einfach verantwortlich und werde keine Ruhe finden, bevor ich nicht weiß, dass er sicher bei seiner Mutter angekommen ist.“ Sie sah Joe an, der eher verwirrt als verängstigt zu sein schien. Er war zu dünn, wirkte jedoch nicht eingeschüchtert. Das Leben hatte ihm trotz seines zarten Alters gewiss schon einige harte Lektionen erteilt. Kate nahm seine Hand und fragte ihn mit sanfter Stimme: „Möchtest du uns zeigen, wo du lebst?“

Simon lachte. „Auf Ihre Verantwortung also.“ Er konnte sie ebenso wenig im Stich lassen wie sie das Kind.

Seite an Seite gingen sie weiter. Sie redete fröhlich auf den Kleinen ein, obwohl die einzige Antwort, die sie von ihm bekam, ein ausgestreckter Finger war, der ihnen wahrscheinlich die Richtung zeigen sollte. Als sie den Jungen fragte, ob sie auf dem richtigen Weg wären, nickte er.

„Ich glaube nicht, dass er weiß, wo wir sind“, bemerkte Simon, als der Kleine sie aus dem Park hinaus und zur Themse führte, wo ältere Gassenjungen Treibgut sammelten, um es später zu verkaufen. Simon rief nach ihnen und wollte wissen, ob sie Joe kannten, aber sie schüttelten die Köpfe.

„Es besteht wohl wenig Aussicht, trotzdem wir könnten es in Covent Garden versuchen“, schlug Simon vor. „Es sei denn, es ist Ihnen mittlerweile lieber, dass ich allein weitersuche.“

„Nein. Ich bleibe bis zum Schluss. Seine Mama muss vor Sorge fast wahnsinnig sein“, antwortete Kate entschlossen.

„Falls sie sein Fehlen überhaupt bemerkt hat.“

„Wie zynisch von Ihnen, so etwas zu sagen!“

„Aus gutem Grund. Wenn Sie wüssten …“

Sie fragte sich, was er meinte, hakte aber nicht nach. Der Kleine war inzwischen müde geworden, also hob der Doktor ihn kurzerhand auf die Schultern, ohne sich darum zu kümmern, dass er seinen guten Gehrock beschmutzte. „Wenn wir seine Eltern nun nicht finden, was tun wir dann?“, erkundigte sich Kate.

„In diesem Fall werde ich ihn zu einem Heim bringen müssen, das sich um mittellose Kinder kümmert.“

„Meinen Sie das Findelhaus?“

„Nein, dort werden nur Kinder unverheirateter Mütter aufgenommen, und auch nur, wenn die Mutter eine Arbeit finden kann, um ihre Ehre wiederherzustellen. Ich dachte an das Hartingdon-Heim.“

„Hartingdon?“, wiederholte sie erstaunt.

„Ja, kennen Sie es?“

„Nein, aber steht es in Zusammenhang mit dem Earl of Hartingdon?“

„Nicht mit dem Earl, jedoch mit seiner Tochter. Lady Eleanor ist aufgrund einer mildtätigen Stiftung die größte Wohltäterin des Heims. Warum? Kennen Sie sie?“

„Wir sind entfernt miteinander verwandt“, antwortete Kate mit einem trockenen Lächeln. Sie kannte Eleanor nicht gut, und bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich begegnet waren, hatte sich Ihre Ladyschaft eher reserviert und kühl verhalten. Kate konnte sich nicht vorstellen, dass Eleanor eins ihrer eleganten Kleider von einem kleinen Gassenjungen wie Joe beschmutzen lassen würde. „Ich wusste nicht, dass sie einem Waisenhaus ihren Namen verliehen hat.“

„Es ist mehr als ein Waisenhaus, es ist der Hauptsitz der ‚Gesellschaft für das Wohl Not leidender Kinder‘. Für einige unserer Kinder finden wir manchmal Pflegefamilien.“

„Wir?“

„Ich bin einer der Kuratoren. Obwohl wir die Kinder ins Heim aufnehmen, wenn es nicht anders geht, halte ich ein liebevolles Zuhause in jedem Fall für günstiger als die Unterbringung in einer Einrichtung.“

„Ein liebevolles Zuhause, gewiss. Aber wie viele Pflegefamilien gibt es denn? Man hört schreckliche Geschichten von Pflegemüttern, die die Kinder, die ihnen zur Obhut überlassen wurden, schlagen und hungern lassen. Und das nicht nur hier in London. Auf dem Land ist es genauso übel, wenn nicht noch schlimmer. Ich verstehe nicht, warum diese Frauen eine solche Aufgabe übernehmen, wenn sie nichts für die Kinder empfinden.“

„Es ist eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen“, erklärte er. „Und sie können es tun, während sie auf ihre eigenen Kinder aufpassen.“

„Das ist ja genau das Problem! Wenn es darum geht, entweder das eigene Kind zu füttern oder das Pflegekind, besteht doch wohl kein Zweifel, wofür sich diese Frauen entscheiden würden, nicht wahr?“ Sie sprach mit solcher Heftigkeit, dass er sie erstaunt ansah und sich fragte, was der Grund dafür sein mochte.

„Wussten Sie, dass weniger als die Hälfte dieser Kinder überhaupt überleben?“

„Ja“, antwortete er leise. „Ich verurteile die Gepflogenheit, kleine Kinder in Pflegefamilien zu geben, ebenso wie Sie, Mrs. Meredith. Die Landadligen tun es, um ein lästiges Baby los zu werden, aber sie wählen die Pflegemütter sorgfältig aus und bezahlen sie meist anständig. Aus ganz anderen Gründen geben die mittellosen und unverheirateten Mütter ihre Babys fort. Sie werden nicht fertig mit den unerwünschten Kindern, können den Pflegemüttern jedoch nur wenige Pennys die Woche zahlen. Hier liegt das wirkliche Problem.“

Seine Begegnung mit einer dieser Pflegemütter hatte Simon überhaupt auf seinen heutigen Weg gebracht. Als der Krieg gegen Napoleon vorbei war, war Simon nach England zurückgekehrt. Er wollte nach Grove Hall, dem Besitz seines Onkels, weil dies das einzige Zuhause war, das er je gekannt hatte. Da er noch kein eigenes Haus eingerichtet hatte, war es der einzige Ort, wo er wenigstens vorübergehend bleiben konnte.

Auf dem Weg dorthin war er in einer Schenke eingekehrt. Während er darauf wartete, dass man sein Pferd tränkte und fütterte, hatte er mit einem Glas Bier vor dem Gasthaus Platz genommen und die Abendsonne genossen. Dabei waren ihm drei kleine Kinder aufgefallen, die von einer Frau, die er nur als schmutzige, alte Hexe beschreiben konnte, brutal behandelt wurden. Die Kinder trugen nichts als Lumpen am Leib und waren mit einem groben Strick zusammengebunden. Die Frau zerrte sie hinter sich her wie Vieh. Vor der Schenke blieb sie stehen, band die Kinder an dem Geländer fest, das die Reisenden gewöhnlich für ihre Pferde benutzten, und trat ein.

Sie blieb recht lange fort, während die Kinder auf den Boden sanken und warteten. Jedes einzelne von ihnen war mager wie ein Skelett, ihre Augen lagen tief in den Höhlen und ihre Arme und Beine waren übersät mit blauen Flecken. So teilnahmslos waren die Kinder, dass sie nicht einmal versuchten, ihre Fesseln zu lockern. Simon lief zu ihnen hinüber, ging vor ihnen in die Hocke und sprach mit ihnen, doch sie sahen ihn nur mit leeren Augen an. Es war mehr, als Simon ertragen konnte. Er betrat das Gasthaus, wo die Frau an einem Tisch saß und sich an einem Glas Bier und einem Teller Fleischpastete gütlich tat. „Madam, wollen Sie Ihre Pastete nicht mit den Kindern teilen?“, fragte er sie freundlich.

Als Antwort bekam er ein deftiges Schimpfwort und die Anweisung, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. „Wenn Sie denken, ich werd so gut bezahlt, dass ich denen auch noch Pastete in den Rachen stopfen kann, dann liegen Sie falsch“, fuhr sie ihn an. „Die kriegen ihren Fraß, wenn wir zu Hause sind.“

Simon verhehlte nicht, dass er sie für eine Schande ihres Geschlechts hielt. In seiner Wut bemerkte er erst, dass die übrigen Gäste sich gegen ihn gerichtet hatten, als einer von ihnen sprach. „Lassen Sie uns in Frieden, Mister. Wenn Sie und Ihresgleichen nicht wären, die sich ihren Spaß nehmen, wo immer es ihnen gefällt, würden wir keine Pflegemütter wie die hier brauchen. Die Bälger sind von ihren wahren Müttern im Stich gelassen worden. Wenn Mutter Cody sie nicht aufgenommen hätte, lägen sie schon längst tot in irgendeinem Graben.“

„Das ist kein Grund, sie wie Tiere zu behandeln.“ Simon hatte sich nicht einschüchtern lassen, obwohl die abscheuliche Frau drohend mit dem Messer fuchtelte, mit dem sie ihre Pastete zerschnitten hatte. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte er keine Skrupel gehabt, sie zu entwaffnen und zu Boden zu schlagen. Aber bei einer Frau konnte er es nicht tun, so abstoßend sie auch war. Ebenso wenig konnte er einen ganzen Raum von Männern zusammenschlagen, besonders da kein Gesetz verletzt worden war. Und so hatte er ihr nur eine Krone gegeben und sie aufgefordert, den Kindern davon etwas zu essen zu kaufen. Danach war er weitergeritten, hatte jedoch noch lange an die armen Würmer denken müssen. Wie viele wie sie mochte es in England geben? Und sollte man die Pflegemütter nicht besser anweisen und ihre Häuser regelmäßig kontrollieren?

Wäre sein Empfang auf Grove Hall nicht so enttäuschend gewesen, hätte er die ganze Angelegenheit vermutlich vergessen. Seine Tante, die ihm gegenüber nie so hartherzig und unnachgiebig wie sein Onkel gewesen war, war immerhin erfreut gewesen, ihn zu sehen. Aber der Anblick von Isobel, seiner einstigen Verlobten, die nun mit seinem Cousin verheiratet war, hatte seinen alten Zorn wieder aufflammen lassen. Er wusste, dass er nicht bleiben konnte, so sehr er Grove Hall auch liebte. In seiner Ruhelosigkeit brauchte er eine Beschäftigung, etwas, das ihm das Gefühl gab, etwas Nützliches zu tun. Da erinnerte er sich an die unglücklichen Kinder. Es genügte nicht, zu sagen, dass etwas getan werden musste – er musste es selbst in die Hand nehmen. So hatte er die „Gesellschaft für das Wohl Not leidender Kinder“ ins Leben gerufen, die nicht nur das Elend der Kinder lindern sollte, sondern auch ein Heilmittel gegen seine eigene Qual darstellte. Die ersten Kinder, die er rettete, waren die drei, die er vor der Schenke gesehen hatte, obwohl Mrs. Cody eine unverschämt hohe Summe verlangte, um sie für den Verlust ihres Verdienstes zu entschädigen.

„Dann wundert es mich, dass Sie es gutheißen.“ Kates Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Wir achten sehr darauf, zu wem wir unsere Kinder in Obhut geben“, entgegnete er steif. „Die Frauen werden gründlich befragt und ihre Wohnungen begutachtet.“

„Das mag ja so sein. Zweifellos zeigen sich die Frauen dabei von ihrer besten Seite, aber was geschieht, sobald Sie ihnen den Rücken zukehren?“

„Sie sind sehr kritisch. Scheren Sie nicht alle über denselben Kamm. Einige tun wirklich ihr Bestes.“

„Verzeihen Sie. Manchmal bin ich ein wenig zu unverblümt.“

„Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. Es ist gut, gelegentlich seine Meinung zu sagen.“

Sie lachte. „Ich tue das wohl ein wenig zu oft. In unserem Fall können Sie den Jungen sowieso nirgendwo hinbringen, da seine Eltern vielleicht nach ihm suchen.“

„Ich werde alles tun, um ihn nach Hause zu bringen. Das Heim ist jetzt schon zum Bersten gefüllt. Es würde mir schwerfallen, einen Platz für Joe zu finden.“

Die Gegend am Covent Garden war ausgesprochen belebt. Inmitten der vielen Stände eilten die Straßenhändler, Träger und sogar Bauern mit ihren voll beladenen Karren hin und her, als hätten sie keine Zeit zu verlieren. Simon fragte sich, warum er sich überhaupt die Mühe machte, etwas so Unmögliches zu versuchen. Genauso gut konnte er den Jungen gleich ins Hartingdon-Heim bringen und irgendwo eine Ecke für ihn finden, doch genau wie Mrs. Meredith stellte er sich vor, wie seine Mutter gerade voller Verzweiflung nach ihm suchte. Andererseits tat sie es vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte sie ihn verlassen, wie es so viele Mütter taten, die nicht mehr für ihre Kinder sorgen konnten. In diesem Fall würde Joe wohl ins Heim müssen.

Sie gingen von einem Stand zum nächsten, sprachen mit den Händlern und sogar mit einigen Kindern, die in der Nähe herumlungerten und hofften, etwas Essbares von den Ständen zu ergattern. Aber niemand kannte den kleinen Joe. „Und jetzt?“, erkundigte sich Kate. Sie hatte recht gehabt mit der Nadel im Heuhaufen. London war ein sehr großer Heuhaufen und womöglich suchten sie am falschen Ort.

„Lassen Sie es uns dort drüben probieren.“ Simon wies auf die Stufen, die zu einer Kirche führten. Es erstaunte ihn, dass Kate nicht schon längst aufgegeben hatte, und er fragte sich, was sie wohl allein mit dem Jungen getan hätte. Ganz offensichtlich mochte sie Kinder sehr gern und hatte keine Angst, sich ein wenig schmutzig zu machen.

Der kleine Joe stieß plötzlich einen erfreuten Schrei aus und wand sich, damit Simon ihn absetzte. Als er wieder auf seinen Füßen stand, lief er zu einer Frau, die im hinteren Teil eines Karrens saß und zwischen zerdrückten Früchten und Kohlblättern ein Baby stillte. Sie sah auf, als Joe fast bei ihr war. „Wo bist du gewesen, du kleiner Teufel?“, fuhr sie ihn an und versetzte ihm mit der flachen Hand einen Schlag aufs Ohr. „Dir werd ich noch das Fell versohlen, das versprech’ ich dir. Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht weglaufen?“

Kate war überrascht, wie jung sie war. Das schwere Leben, das sie führen musste, ließ sie älter aussehen, als sie war, dennoch konnte sie kaum über zwanzig sein. Sie musste Joe empfangen haben, als sie um die sechzehn Jahre alt und sehr wahrscheinlich ein hübsches kleines Ding gewesen war.

Die junge Frau hörte auf zu schimpfen und sah Simon und Kate mit leicht zusammengekniffenen Augen an. „Haben Sie ihn zurückgebracht?“

„Ja. Er hat einen ziemlich langen Weg hinter sich“, antwortete Simon.

„Dann muss ich Ihnen danken.“ Sie hielt inne und musterte ihn genauer. „Irgendwo hab ich Sie schon mal gesehen.“

„Das mag sein. Ich bin Dr. Redfern.“

„Ah. Ich hab von Ihnen gehört. Man sagt, Sie nehmen Kinder auf und geben ihnen ein gutes Zuhause, Kleider und Essen und bringen ihnen sogar was bei.“

„Ja, allerdings nur, wenn ihre Eltern einverstanden sind.“

„Oh. Haben Sie ihn deshalb gebracht? Um ihn dann mitzunehmen?“