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Wake up

Über den Autor

Manfred Theisen wurde 1962 in Köln geboren. Er hat Germanistk, Anglistik und Politik studiert, forschte für das Deutsche Innenministerium in der Sowjetunion und arbeitete als Redakteur. Er hat mehr als 15 Jugendbücher veröffentlicht und lebt mit seiner Familie in Köln. Die Idee zu Wake up entstand nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima.

BASTEI ENTERTAINMENT

Frag einen Experten.
Er wird dir sagen, dass diese Geschichte
unmöglich möglich sei.
Hast du übrigens mal gelesen,
was die Experten am Tag vor Fukushima sagten,
was unmöglich möglich sei?

»Now I am throwing off the carelessness of youth
To listen to an inconvenient truth
That I need to move
I need to wake up
I need to change …«

Aus dem Song I need to wake up (Melissa Etheridge)
(Abspannmusik zu Al Gores oscarprämiertem Film
Eine unbequeme Wahrheit)

KEINE RUHE VOR DEM STURM

- Gehst du heute Abend zu Chris’ Party?

- Sitze an Politik. Seufz.

- Ist doch gar nicht so schwer Smiley

- Kann sein, aber ich brauch unbedingt eine Zwei. Wegen Mathe. Schubert will in Mathe ein Auge zudrücken, wenn ich in Politik gut bin.

- Echt jetzt? Darf der das überhaupt?

- Keine Ahnung. Aber posaun das mal lieber nicht rum.

- Die Zwei kriegst du mit links. Mach dir keine Sorgen. Du bleibst schon nicht hängen, auch wenn dir Skibitzki in Französisch garantiert die Fünf gibt.

- Das sagst DU. Du bist ja auch eine Streberin und stehst überall Eins.

- Hahaha. Aber ich kann dir ja helfen. Komm doch gleich einfach vorbei.

Josh überlegt. Soll er wirklich gleich zu ihr gehen? Was ist mit Chris? Schließlich ist er Frederikes Freund. Und die Erörterung für Politik ist erst nächste Woche fällig. Merkwürdig, dass sie ihn fragt, ob er jetzt zu ihr kommen will.

»Jooosh!«, ruft sein Vater. »Essen!«

»Paaapa, Hausaufgaben!« Josh kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Sehr witzig«, tönt es da auch schon zurück. »Jetzt komm! Ich hab nicht ewig Zeit!«

– Warte, kurze Unterbrechung, tippt Josh, dann verlässt er mit dem Pad in der Hand sein Zimmer.

Die Treppenstufen hinunter ins Parterre knirschen. Alles in diesem Haus knirscht und atmet, obwohl es nicht einmal 30 Jahre alt ist. Es war eines der ersten Ökohäuser hier in der Siedlung Grüne Lunge.

In der Küche fällt sein Blick auf Tisch und Teller: Reis mit Gemüse, Sojasprossen, dunkle Pilze, längs geschnittene Möhren und vermutlich wieder mal zu viel Soja.

Josh legt das Pad zum Chatten neben sich.

»Wir könnten uns auch unterhalten.«

Josh hebt nur vielsagend eine Augenbraue, ohne jedoch den Blick vom Pad zu lassen, und tippt:

– Was ist mit Chris????

Sein Vater beugt sich neugierig nach vorn, blickt Josh über die Schulter. »Chattest du mit Frederike?«

Anstelle einer Antwort hält Josh nur seine Hand über das Pad, damit sein Vater nicht weiter mitlesen kann.

Joshs Vater geht zum Herd und lehnt sich an. »Erzähl mal. Was ist los?!«

»Vergiss es«, brummt Josh. »Ich muss für Schubert in Politik eine Erörterung zum Thema Ökokratie kontra Ökodiktatur schreiben.«

»Du magst Frank Schubert nicht?«

»Er ist Lehrer.«

»Ich kenne Frank nur als witzigen Typen.«

»Du bist auch nicht sein Schüler, sondern sein Parteifreund. Ihr duzt euch ja sogar.«

»Und ich hab schon mein Abi und muss keine Erörterung schreiben«, sagt sein Vater halb ironisch. »Also: Soll dir irgendein Typ in einer Ökodiktatur diktieren, dass du von nun an ökologisch zu denken und zu handeln hast? Oder willst du, dass wir demokratisch darüber entscheiden, wie wir unseren Staat ökologisch umgebaut bekommen?«

»Ich bin für bunte Asche.«

»Haha«, macht Joshs Vater und fährt sich durchs Haar. Früher soll es mal dicht und dunkel gewesen sein. Heute ist es angegraut und licht im Ansatz.

Josh stochert lustlos im Gemüse, berührt das Pad, in dem sich sein Gesicht spiegelt, weil das Sonnenlicht jetzt ungefiltert durch die Scheiben fällt. Auf einmal taucht auch das Gesicht seines Vaters im Pad auf, ein Finger drückt den Aus-Knopf und im nächsten Moment nimmt er Josh das Pad weg.

»Was soll denn das jetzt?!«, faucht Josh.

»Sei doch nicht so humorlos.«

»Du nervst, Papa. Euer ständiges Gelaber von einer grünen Revolution geht mir auf den Wecker.«

»Warum?«

»Weil wirklich was passieren muss. Und jetzt gib mir das Pad.«

»Erst, wenn du mit mir redest. Also, was ist nun? Ich schätze mal, du wärst für die Ökodiktatur zu haben?«

Josh zuckt mit den Schultern. Es ist zwecklos. Sein Vater lässt ihm keine Ruhe, nervt und nervt. Seit der das nervöse Asthma hat, darf Josh ihn nicht mal mehr provozieren, weil er sonst gleich sein Pümpchen zückt. Manchmal glaubt Josh, dass sein Vater das Asthma extra einsetzt, damit Ruhe im Haus ist.

Zum Glück ist wenigstens Mutter kaum zu Hause, sondern die meiste Zeit in ihrem geliebten Institut an der Uni, wo sie als Mikrobiologin mit Bakterienkolonien hantiert. Mums erster Wohnsitz ist nicht die Familie, sondern das Labor.

»Wegen Ökos wie dir und Mama muss ich mir hier Gedanken über Ökokratie und so einen Mist machen. Ihr Grünen seid doch immer dafür, zu reden, zu reden und noch mal zu reden. Die Erde steht kurz vor dem Absturz und ihr …«

»Na hör mal!« Sein Vater richtet sich empört auf und zuckt im gleichen Moment zurück, weil er an die Küchenlampe gestoßen ist – wieder mal. Josh rollt mit den Augen. »Immerhin haben wir Grünen den Atomausstieg auf den Weg gebracht. Ohne Reden kommst du nun mal nicht weiter. Umweltfreundlich zu leben und zu wirtschaften, ist eine reichlich unbequeme Angelegenheit. Da musst du die Leute überzeugen können.«

»Laber, laber! Atomkraft. Nein danke! Dass ich nicht lache. Statt Atomkraftwerken bauen die jetzt halt Kohlekraftwerke und ein paar Windkrafträder und Solaranlagen zum Alibi. Was soll daran besser sein?« Josh lehnt sich entspannt zurück und sieht seinen Vater herausfordernd an. »Das neue Kohlekraftwerk in Hamm stößt so viel Co2 aus wie ganz Bolivien und die deutsche Industrie exportiert auch munter weiter Atomkraft.« Ha! Das hat gesessen.

Sein Vater schweigt.

Wo bleibt das Asthmapümpchen?

Nach einer kurzen Verschnaufpause fragt sein Vater erstaunt: »Woher weißt du das denn jetzt wieder? Auf jeden Fall sind die Kohlekraftwerke nur der Übergang …«

»… in den Untergang.« Josh könnte wahnsinnig werden bei diesen Sprüchen. »Papa, das dauert einfach alles viel zu lang! Die Russen und die Amerikaner bohren nun auch noch am Nordpol nach Öl. Die investieren Hunderte von Milliarden in das Projekt. Meinst du, die tun das, damit wir alle demnächst Elektroautos fahren? Wenn wir denen das Öl nicht abkaufen, machen die Krieg. Die müssen doch das Geld für ihre Ausgaben wieder reinkriegen. Wie naiv seid ihr eigentlich, du und deine Partei?«

»Wie gesagt: Unsere Politik braucht Zeit. Wir wollen nicht diktieren, wir wollen überzeugen. Ökokratie statt Ökodiktatur. Kapiert?«

»Ja, klar. Erst überzeugt ihr die Leute hier im Land und in hundert Jahren die Amerikaner und Russen. Das ist ein echt perfekter Plan.«

»Hast du einen besseren?«

»Vielleicht. Aber gib mir erst mal mein Pad zurück. Ich muss noch was tun, eine Erörterung schreiben.«

Sein Vater wirft ihm das Pad zu. Josh kann es gerade noch fangen. »Hey! Was soll das, Papa?! Ich kann nichts dafür, dass du nicht weißt, wie wir die Welt retten sollen.«

Doch der hört ihn schon nicht mehr. Die Haustür knallt. Vollholz. Birke. Auf dem Dach wackeln die Grashalme.

Josh betrachtet sein Gesicht im Pad: Schmal ist es, hohe Wangenknochen hat er. Wie sein Vater. Würg. Wobei Joshs Hautfarbe einen Tick brauner ist als Papas und das Blau seiner Augen blauer. Er klickt sich wieder zu Facebook und liest, was Frederike getextet hat:

 

- Hey, Josh! Warum antwortest du nicht mehr?

- Stress mit meinem Vater gehabt.

- ?????

- Ach, der hat einfach zu viel Zeit und will ständig über alles REDEN.

- Das ist doch …

- … langweilig.

- Sollen wir uns nun heute Abend treffen oder nicht? Ich würde dich gern sehen!!!!

Josh zuckt beinahe zusammen, als er das liest. Er zögert kurz, dann tippt er:

- … und Chris?

- Bin ich sein Eigentum??

Josh grinst in sich hinein. Ob sie Krach mit Chris hat?

- Also dann tippt er, heut Abend bei dir.

- Freu mich!

Kaum hat Josh den Chat beendet, kann er sich nicht mehr konzentrieren. Wie ferngesteuert starrt er auf das Pad, klickt auf Google Earth: Grüne Lunge – Zoom – Frederikes Haus – Zoom – überall mit Solarzellen gepflastert. Darunter sitzt Frederike – Stupsnase, Grübchen, blond, mit einem dieser abgedrehten, silbern glänzenden Totenköpfe als Haargummi – und wartet auf ihn.

Unglaublich.

Wenige Meter weiter: das Null-Emission-Haus von Chris, der Josh in letzter Zeit reichlich auf die Nerven geht. Dessen Vater Raimund ist natürlich auch bei den Grünen und sitzt mit in der Kommission Grüne Lunge, wo entschieden wird, wer ins Viertel einziehen darf und wer nicht.

Josh lehnt sich zurück und starrt durchs Fenster nach draußen. Umrandet ist die Lunge von Rotbuchen. Für Josh hat das immer was von einem Schutzwall. Mittelpunkt des Ganzen ist das uralte, winzige Windkraftrad, umgeben von einem Teich mit Enten und Fröschen, die zu unterschiedlichen Tageszeiten Krach machen. Mit dem Windrad lässt sich höchstens ein Fön betreiben, aber es steht wie ein Kirchturm mittendrin und dreht sich. Die Lunge ist ein richtig kleines Dorf, direkt am Stadtrand, zwischen Waldgebiet und Hochhausviertel. Im sogenannten Ghetto Vogelweiler hingegen leben heute Russen, Türken, Albaner, Nigerianer so dicht aufeinander wie Halme auf der Wiese.

Joshs Blick wandert wieder zum Bildschirm, auf Frederikes Haus und zehn Minuten später steht er live davor.

Absatztrenner

Er klingelt.

Frederike öffnet.

Ihr Kleid ist blau mit winzigen gelben Blümchen.

»Wo ist dein Fahrrad?«

»Bin zu Fuß«, lügt er. Dabei hat er es um die Ecke abgestellt. Es müssen ja nicht alle – und speziell Chris – sehen, dass Josh bei Frederike ist. Womöglich würde er sonst nicht mehr lebend aus der Tür kommen.

Sie lächelt. Hat sie den Schwindel durchschaut?

»Wo sind deine Eltern?«

»Im Theater.« Sie wirft ihre Haare zurück und drückt die Tür hinter Josh zu. »Sybille kommt gleich kurz vorbei. Sie will mir ihren Neuen vorstellen.«

»Name? Alter? Beruf?«, fragt Josh im besorgtesten Ist-er-auch-gut-genug-für-unsere-Sybille?-Ton und sieht Frederike streng an.

Die prustet los. »Keine Ahnung, Papa Josh. Halb Brasilianer soll er sein, hat wohl sogar einen brasilianischen und einen deutschen Pass, aber …«

»… aber?«

»Na ja, sie benimmt sich schon ein bisschen eigenartig in letzter Zeit. Aber was soll’s. Ich bin froh, dass sie einen festen Freund hat. Mal gucken, wie der drauf ist. Muss was Besonderes sein.«

Da klingelt es auch schon und die Antwort steht vor der Tür.

»Hi, Frederike«, stellt Sybille den älteren Jungen neben ihr vor: »Das ist Filinto Alencar.«

»Freut mich, dich endlich mal kennenzulernen.« Frederike reicht ihm lächelnd die Hand.

Mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen beäugt Josh Sybilles Neuen: leicht gebräunt, gewelltes schulterlanges Haar. Er trägt einen schwarzen Ledermantel – in der Hitze! Beduinen tragen auch lange Gewänder in der Wüste, aber Ledermäntel? Komischer Typ!

»Hey, Josh. Was machst du denn hier?« Sybille ist das genaue Gegenteil von Frederike: auffällige Klamotten, laut, runder und kleiner. Sie gibt Josh einen freundschaftlichen Schubs und umarmt dann Frederike.

Kurz darauf wandern sie quatschend und kichernd nach oben. Oder, um ganz genau zu sein: Die Mädchen quatschen, die Jungs schweigen sich an. Frederike hat kein Bett, nur eine Matratze und ein Poster von Milow. Sie steht auf soften, seichten Kram, keine lauten Töne.

Die vier fläzen sich auf die Matratze wie in ein Planschbecken. Frederike und Sybille lehnen an der Wand, flüstern. Ihre Blicke streifen die Jungen, wieder kichern sie.  

Josh kennt Sybille nicht besonders gut, weiß nur, dass sie ebenfalls mit ihrer Mutter in der Grünen Lunge wohnt, schräg gegenüber vom Montessori-Gymnasium. Sie sind die Einzigen, die mit dem Wagen in die Lunge fahren dürfen, weil sie einen Elektro-VW haben, den sie am Solar-Carport aufladen. Sybilles Vater ist schon lange weg. Josh hat ihn noch nie gesehen.

Frederike spielt mit dem feinen silbernen Fußkettchen.

Josh schaut unwillkürlich auf ihre nackten Füße.

»Du wohnst auch hier im Ökoparadies?« Bevor Josh antworten kann, beantwortet Filinto seine Frage auch schon selbst: »Kein Wunder eigentlich. Deine Eltern waren ja schon immer Grün.«

»Woher weißt du das?«, will Josh wissen.

»Er weiß alles. Sybille funkelt Filinto an. »Er hat schon den Rechner in der Schule gehackt. Er kennt vermutlich auch die Nummer in deinem Reisepass und weiß, was deine Mutter verdient.«

»Wirklich?« Also das beeindruckt Josh nun doch.

»Nee, das mit dem Schulrechner ist Quatsch und das mit deinen Eltern hab ich nur geraten. Wenn einer hier lebt, dann hat er Eltern, die Grün wählen oder sogar Mitglied bei den Grünen sind, sonst würden die ganz sicher gebasht.«

»Filinto ist Profihacker.«

Der winkt ab. »Red keinen Stuss, Sybille.« Er gähnt und lehnt sich zurück.

Josh beobachtet ihn aus dem Augenwinkel. Sybilles Neuer scheint keiner von diesen normalen Informatik-Typen zu sein, er sieht dafür einfach zu abgefahren aus. Sein Mantel spannt an den Schultern, als er aufsteht und nach Sybilles Hand greift.

»Lass uns gehen, okay? Deine Freundin hat mich ja jetzt gesehen. Mission beendet.«

»Bist du immer so ’ne Spaßbremse?«, fragt Josh.

Filinto reagiert nicht auf die Bemerkung. Kein Wort, kein Schulterzucken.

»Bestimmt hältst du uns in Ökdorf für total naiv«, sagt Frederike mit einem übertrieben strahlenden Lächeln, als hätte sie Plutonium verschluckt.

»Tja … nur Neo weiß, was in der Matrix schiefläuft«, erwidert Sybille, während sich ihr Freund den Mantelkragen hochschlägt.

Na klar! Jetzt weiß Josh auch, an wen ihn das Outfit erinnert. In dem schwarzen Mantel wirkt Filinto wie Neo aus dem Film Matrix. Nur dass der keine Brasilianerlocken hatte. Josh hat erst kürzlich den Film in der zigtausendsten Wiederholung gesehen, nebenher, als er abends noch Mathe machen musste. War wohl irgendwann mal richtig kultig.

»Tja, nun, ihr seid ja auch naiv«, sagt Filinto überraschend heftig.

Ist der jetzt etwa eingeschnappt? Sehr interessant! Dieser Typ scheint es überhaupt nicht zu mögen, wenn man sich mal ein bisschen über ihn im Allgemeinen und sein Outfit im Speziellen amüsiert. Er vergisst völlig, dass er gehen wollte, und lässt sich wieder auf die Couch fallen – natürlich mit Mantel.

Dann hebt er an: »Ihr wollt hier doch alle was ändern, ihr mit euren Ökoeltern und Ökohäusern und Ökowindrädchen.« Filinto schnaubt verächtlich. »Aber wenn ihr mal so richtig was ändern wollt, müsst ihr auch mal so richtig was tun.«

Josh und Frederike wechseln einen kurzen Blick. Dieser Filinto redet, als würde er, und zwar nur er, sich auskennen. Das provoziert nicht nur Josh, sondern auch Frederike. Was bildet der sich eigentlich ein? Nur weil er ein Hacker ist, hat er noch lange nicht die Weisheit gepachtet!

»Woher willst du eigentlich so genau wissen, dass wir wie unsere Eltern ständig irgendwas ändern, diskutieren und noch ein Windrädchen aufstellen wollen?!«, fragt sie gereizt. »Du kennst uns doch gar nicht.«

Sie wechselt erneut einen Blick mit Josh, der zustimmend nickt.

»Aber weißt du was?!«, zischt sie dann. »Wenn wir die Chance hätten, würden wir SO EINIGES ändern. Da kannst du dich drauf verlassen.«

»So seht ihr aus«, sagt Filinto spöttisch. »Und worüber genau reden wir hier eigentlich? Ich wette, ihr drei klagt dauernd über den Raubbau an der Natur und macht dann mit 17 euren Führerschein.« Er lehnt sich selbstgefällig zurück und lächelt Frederike an. »Ihr müsst mal was riskieren!«

Ehe Frederike etwas darauf entgegnen kann, beugt sich Sybille zu Filinto rüber und gibt ihm einen Kuss. Saftig. »Ist das riskant genug?«, flüstert sie.

Josh grinst und tut so, als müsse er sich gleich übergeben. Aber am liebsten würde er Frederike auch küssen. Die allerdings ist wegen Filintos Sprüchen voll auf Angriff gebürstet.

»Du redest ja ganz schön viel«, unterbricht sie vollkommen ungerührt das Geknutsche der beiden. »Aber dieser Mantel ist garantiert das Riskanteste, was du je gewagt hast!« Nun ist sie diejenige, die triumphierend lächelt und sich entspannt zurücklehnt.

Filinto und Sybille tauchen wieder aus ihrem Kuss auf.

»Unterschätz ihn mal nicht.« Sybille dreht sich zu ihrer Freundin um. »Filinto hat für mich in der Schule die Uhr um 20 Minuten vorgedreht.«

»Was jetzt? DU warst das?« Josh beugt sich neugierig nach vorn. »Das war doch letzten Dienstag, oder? Danke, Mann! Du hast mir da eine Menge erspart. Wir hatten gerade Französisch.«

Filinto zuckt nur gleichgültig mit den Schultern, aber Sybille platzt fast vor Stolz: »Genau. Das war ER. Perfekt, was?! Er kann sich überall reinhacken. Und wer das Netz beherrscht, beherrscht die Welt.«

Josh starrt sie an. Sybille ist wie auf Droge mit ihrem Filinto.

Es summt. Frederikes Handy vibriert neben dem PC. Sie holt es vom Schreibtisch und lässt sich wieder auf die Matratze fallen. Der Saum ihres Kleides flattert dabei nach oben, sie zieht ihn nach unten und starrt unschlüssig auf das Display. Sybille schaut ihr über die Schulter.

Da steht garantiert CHRIS, vermutet Josh.

»Was ist?«, fragt Sybille leise. »Geh ran!«

Doch Frederike flüstert ihr etwas ins Ohr und drückt den Anrufer weg.

Josh findet das Ganze lächerlich. Dummerweise aber auch süß. Er ärgert sich über sich selbst, aber er würde alles dafür tun, mit Frederike zusammen zu sein.

Filinto wirkt nur noch genervt und steht auf. »Ich will jetzt gehen.«

»Nur, wenn wir noch kurz im Feuersalamander was essen gehen. Okay, Filinto?«

»Unbedingt. Ich komme um vor Hunger!«, sagt der und wirkt das erste Mal an diesem Abend beinahe fröhlich.

Absatztrenner

Als Josh endlich wieder mit Frederike alleine ist, wird ihm plötzlich ganz mulmig im Magen.

Frederike schiebt ihren Bürostuhl nah an den Schreibtisch und sieht ihn auffordernd an: »Setz dich doch neben mich.« Dabei deutet sie auf den Stuhl, der am Bett steht und den Josh nun neben ihren stellt.

Was jetzt? Nach Hausaufgaben ist Josh nicht zumute. Ob er rot im Gesicht ist? Noch nie war er so alleine mit IHR. Was soll er machen? So, wie sie ihn eben angeschaut hat …

Da meint sie kühl: »Lass uns mit der Erörterung anfangen. Es ist schon spät«, und öffnet ein Word-Dokument. Sie schreibt Erörterung darüber und fragt: »Wie war noch mal genau der Titel?« Sie kramt in ihrem Hefter.

Josh sitzt dicht neben ihr – zu dicht zum Denken. Ihre blonden Haare riechen nach Vanille und nehmen ihm die Luft.

»Ach ja, ich hab’s«, sagt sie. »Ökokratie kontra Ökodiktatur. Irgendeine Meinung dazu?«

Josh fällt nichts ein. Verdammt! Sein Schädel ist leer. Unendliche Weiten, in denen er Star Wars spielen könnte. Dann kommt ihm zumindest der Name eines Autors in den Sinn: »Hast du was von Hermann Scheer?«

Klar, hat sie, schließlich sind ihre Eltern genauso wie die von Josh darauf erpicht, dass ihre Tochter die richtigen Bücher liest. Und die stammen von dem alternativen Nobelpreisträger Scheer. Sie zieht ein Buch aus dem Regal: Der energethische Imperativ: 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist.

»Okay.« Josh atmet durch. Jetzt hat er zumindest schwarz auf weiß die Argumente dafür, dass sich in der Energiepolitik dringend etwas tun muss, weil sonst bald die Meere überquellen.

»Kannst du dich noch an den Film von Al Gore erinnern, den wir in Politik über die Klimaerwärmung gesehen haben?«

»Eine unbequeme Wahrheit?«

Er nickt, würde sie eigentlich gerne küssen, traut sich aber nicht.

Unmöglich.

»Ich hab danach nicht mehr schlafen können«, sagt sie. »Ich hatte richtig Angst, dass wir bald nicht mehr leben werden.«

»Was meinst du, wie es mir gegangen ist?! Noch nie gab’s so viel Co2 in der Luft wie heute, das treibt auch bald die Temperatur steil nach oben. Okay, in den vergangenen 250000 Jahren ist das immer so gewesen, aber nie in so kurzer Zeit. Wir müssen was tun. Und zwar sauschnell, sonst können wir es nicht mehr aufhalten.«

Frederikes Gesicht verdüstert sich. »Weißt du, manchmal frage ich mich, wie lange es überhaupt noch Menschen geben wird. Vielleicht kriegen wir die Katastrophe sogar noch mit?«

Josh nickt. »Am Ende werden wir womöglich ersticken.« Er ist sich da völlig sicher. »Die zerstören überall die Wälder und pumpen gleichzeitig Abgase in die Luft. Das kann nicht funktionieren …«

»… also gibt es auf die Frage Ökodiktatur oder Ökokratie nur eine Antwort …«

Absatztrenner

Gut zwei Stunden später verlässt Josh das Haus.

Die Erörterung ist fertig, er hat geredet, sie hat getippt, dann hat sie geredet und er getippt. Er hat noch nie so klar seine Argumente vor sich gesehen. Zweieinhalb Seiten sind es geworden. Zweieinhalb perfekte Seiten! Frederike war wie ein Katalysator für ihn, sie ist seine fehlende Hälfte. Sie saß so dicht neben ihm, dass es wehtat, sie nicht zu küssen. Wenigstens eben beim Abschied hätte er es versuchen sollen. Sie hat ihn umarmt, er hat seine Arme um ihre Taille gelegt, den Stoff ihres Kleides gespürt. Weich war er, ihr Körper darunter fest.

Sie mag ihn. Warum hätte sie ihn sonst heute eingeladen? Ob es aus ist zwischen Chris und ihr? So schlecht wie Chris zuletzt über sie geredet hat, muss der sich nicht wundern. Der liebt nur eins: Fußball. Er beachtet Frederike ja nicht einmal mehr wirklich. Wenn Josh eine so supernette Freundin hätte, würde er alles mit ihr zusammen machen. Alles und jeden Moment!

Josh ärgert sich: Er hätte etwas wagen müssen.

Er ist ein Idiot!

Du Trottel!

So kriegst du nie eine Freundin!

Niemals!

Er schaut noch einmal zurück. Die Haustür ist zu, das Licht in der Küche brennt, Frederike ist nicht zu sehen. Mit ihr zusammen könnte er alles erreichen.

Alles!

So, wie seine Eltern früher. Mama hat immer ein Glühen in den Augen, wenn sie erzählt, wie sie trotz Polizei vor den Bayerwerken gegen die Verschmutzung des Rheins demonstriert haben. Aber Demos helfen heute nichts mehr. Die Manager von E.ON oder Vattenfall lachen höchstens darüber. Um die aufzuhalten, braucht es mehr. Viel mehr.

Plötzlich taucht Frederike beim Küchenfenster auf.

Sie öffnet den Kühlschrank, nimmt sich O-Saft. Sie kann Josh nicht sehen, weil es hier draußen zu dunkel ist. Er würde am liebsten zurückkehren, aber er muss gehen. Morgen wird er sie ja in der Schule sehen. Er freut sich schon auf die Politikstunde nächste Woche. Schubert wird ihn drannehmen und dann kann er Frederike zeigen, wozu er fähig ist. Wenn Schubert seine Argumente mit einem Grinsen zerpflückt, wird Josh sich zu wehren wissen. Dieser Schubert mit seinen ironischen Witzchen hat es drauf, die Leute so zu befragen, dass am Ende immer seine Meinung herauskommt – und er jeden Lacher auf seiner Seite hat. Doch Josh wird sich nicht weichklopfen lassen und Frederike wird ihm helfen!

Knapp 100 Meter weiter erwartet Josh eine böse Überraschung. Jemand hat nicht nur die Luft aus seinem Hinterrad gelassen, sondern auch noch das Ventil weggeworfen.

Was für ein Hornochse war das denn? So ein Mist!

Josh nimmt sein Rad und schiebt es ein paar Meter zu der Bank gegenüber vom Windkraftrad. Er knipst sein Pad an. Die Nacht ist lau, es geht ein leichter Wind. Ein paar Fledermäuse flattern in dem schwachen Mondschein durch die Luft. Die Reflektionen an den Spitzen der Rotorblätter des Windrades machen sie ganz wild.

Ob Frederike online ist? Josh ist noch richtig aufgedreht. Von dem platten Rad lässt er sich die Laune nicht verderben. Er schaut bei Facebook rein, aber er chattet Frederike nicht an. Vielleicht ist Chris ja auch online und kriegt es irgendwie mit. Auch wenn der ein Idiot ist, darf Josh ihn nicht unterschätzen. Nur gut, dass er und Chris nicht mehr so eng befreundet sind. Ein schlechtes Gewissen muss er nicht haben.

Josh sitzt auf der Bank, als warte er auf den Bus, der ihn zurück ins Paradies bringt, und wartet und wartet. Schließlich fasst er sich ein Herz und schreibt ihr. Er will wissen, wie gerne sie ihn hat, ob er eine Chance bei ihr hat.

Aber Frederike antwortet nicht.

Am liebsten würde er noch einmal zu ihr zurückgehen, doch er schiebt sein Fahrrad am Windrad vorbei, heimwärts, Richtung Morgen, wenn er sie wiedersehen wird.

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Viel Spaß!



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