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Wait till the happy end

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Neuanfang in Miami

College Alltag

Die Neue in der Schule

Peinlich

Voll daneben

Es muss weiter gehen

Nur Ärger

Freunde

Erst denken

Wahrheit oder Pflicht

Harvey

Böses Spiel

Ein dummer Fehler

Tracy

Reue

Verletzt

Es tut weh

Das schwarze Loch

Viermal Sushi

Vergangenheit ist Zukunft

Diese Zicke

Unerwartet

Ein Geschenk

Überraschung

Abflug

Ein Funken

Ehrlichkeit

Zweisamkeit

Geständnis

Was ist Familie?

Tracy

Erholsame Nähe

Glückwunsch

Einen Eimer voll

Einladung

Verständnis

Missverständis

Es ist kompliziert

Eifersuchtsdrama

Lüge

Albtraum

Zerbrochen

Eine Idee

Ein Brief

Zu Hause ?

Wir sollten flüchten

Konfrontation

Wer ist Familie

Der Bruder

Ein wahrer Freund

Was passiert als Nächstes

Der Anruf

Glücklich

Prolog

Das Gefühl, nutzlos und überflüssig zu sein, eine Schande für alle, drohte mich zu erdrücken. Ich wollte das alles nicht, wollte doch nur ein normales Leben führen, mit Freunden, einer glücklichen Familie und allem anderen, doch ich war …

Ja, was war ich überhaupt? Ich war ein Nichts. Meine Gefühle waren für niemanden interessant und ich versuchte sie selbst zu unterdrücken, wollte nicht, dass sie überhandnahmen. Sie sollten einfach verschwinden … doch stattdessen verschwand ich. Ich war schon lange nicht mehr ich selbst.

Mein Leben hatte sich seit jenem Zeitpunkt vollkommen auf den Kopf gestellt. Manchmal fragte ich mich, ob es überhaupt noch Sinn ergab, mit allem weiterzumachen, jeden Tag weiterzukämpfen. Von Tag zu Tag wurde es schwerer, zu sehen, wie ich die Menschen um mich herum enttäuschte. Ich fühlte mich wie eine einzige Enttäuschung, doch dann dachte ich an die Person, die ich über alles liebte. An meinen Bruder, der alles für mich war. Er war mein Fels in der Brandung und ohne ihn wäre ich schon längst und endgültig zerbrochen.

Er war die einzige Stütze in meinem Leben und jetzt?

Jetzt sollte ich mein altes Leben zurücklassen und er gehörte auch dazu …

Tracy

Neuanfang in Miami

Ich schlug meine Augen auf, als mich das ständige und schrille Piepen meines Weckers aus dem Schlaf riss. Verschlafen tastete ich nach dem Lärmverursacher, um ihn auszustellen und weiterzuschlafen, und nach einem Blick auf die Uhrzeit, die mir grell entgegen leuchtete, schreckte ich hoch. Ach du meine Güte, es war schon so spät? Ich musste mich beeilen, um den Bus zu erwischen!

In neuer Rekordzeit zog ich mich an und eilte zu meiner Küchenzeile. Sie war zwei Meter von meinem Bett entfernt, da ich mir nur eine kleine Studentenwohnung in Miami leisten konnte. Aus der Obstschale griff ich mir einen Apfel.

Seufzend biss ich hinein und war froh darüber, wenigstens eine freie Minute zu haben. Gestern Abend noch hatte ich mir geschworen, früh genug wach zu werden, um in Ruhe zu frühstücken und mich fertigmachen zu können. Und jetzt? Nun hatte ich den Wecker, der anscheinend schon seit zehn Minuten durchgängig geklingelt hatte, nicht einmal mehr gehört. Das Gespräch mit meinen Eltern hätte ich wohl doch auf heute verlegen und nicht noch gestern um 23 Uhr halten sollen. Verschlafen rieb ich mir mit den Händen übers Gesicht. Der Bus fuhr in fünfzehn Minuten los und ich hatte keine Ahnung, wo ich einsteigen musste. Schnell holte ich mein Handy von dem Tisch und fand heraus, dass die Bushaltestelle zweihundert Meter entfernt war. Ich stöhnte auf. So viel Pech konnte auch nur ich haben!

Ich packte alles zusammen, was ich für den ersten Tag an der Uni gebrauchen konnte: Einen Block, mein Mäppchen und sicherheitshalber noch Geld.

Wenn ich diesen Bus erreichen wollte, musste ich mich beeilen. Ich versuchte alle Gedanken, die sich seit dem Flug von Hamburg nach Miami in mir anstauten, auszublenden, zog die Tür meines Appartements zu und rannte, so schnell ich konnte, nach draußen. Mein Weg führte mich an unzähligen Häusern vorbei, ohne genau zu wissen, wohin ich musste. Vor lauter Panik hatte ich mir die Route zur Bushaltestelle nicht gemerkt.

Plötzlich lösten sich meine Schnürsenkel voneinander und ich fiel bäuchlings auf den Boden. Nein, scheiße! Ich fiel nicht auf den Boden, sondern …

„Verdammt, was machst du?“, fuhr mich eine dunkle Stimme an und ich stieß einen erschrockenen Laut aus.

Schnell richtete ich mich auf und mir wurde bewusst, dass ich auf jemanden gefallen war. Offensichtlich war der junge Mann in meinem Alter. Er sah mich böse an und ich wich zurück.

„Es … es tut mir leid … das wollte ich nicht“, stammelte ich vor mich hin und hätte mir für dieses kindische Verhalten selbst eine Ohrfeige geben können.

Der Kerl sagte nichts, sondern starrte mich zornig an.

„Ehrlich, ich …“

„Nein!“, schnitt er mir das Wort ab. Genauer musternd, fiel mir seine interessante Augenfarbe auf. Seine Augen funkelten in einem grün, welches mich an Hoffnung erinnerte. An Hoffnung, die ich lange nicht mehr hatte. Doch gleichzeitig lag in seinem Blick etwas, das ich nicht deuten konnte. „Willst du irgendetwas von mir? Dann sag es und fall nicht einfach so auf mich, als wolltest du mich verschlingen. Denn ganz ehrlich, so etwas hasse, hasse, hasse ich!“

Was dachte dieser Kerl, wer er war? Sicher nicht einer, von dem ich mir solche Kommentare gefallen ließ!

Normalerweise war ich niemand, die sich von der kleinsten Bemerkung auf die Palme bringen ließ, doch mir war einfach alles zu viel. Vielleicht lag es auch nicht an diesem Typen, sondern einfach an vielem, was mir in letzter Zeit widerfahren war. Ich fuhr ihn heftiger als beabsichtigt an: „Sag mal, willst du mich eigentlich verarschen? Ich bin über dich gestolpert! Ganz sicher würde ich nie über dich herfallen!“

Daraufhin schnaubte der Typ nur abfällig. Ich trat einen Schritt auf ihn zu: „Außerdem hasse, hasse, hasse …“, äffte ich ihn nach. „… Solche Leute wie dich, die so selbstgefällig sind und denken, sie wären etwas Besseres. Dabei sind sie nur ganz normale Menschen, die sich so einiges einbilden.“

Dieser Typ, der mir noch immer nicht seinen Namen verraten hatte, ich beschloss ihn Bob zu nennen, sah mich nur weiterhin an. Ich bemerkte so etwas wie ein Zucken in seinen Mundwinkeln. Fast wirkte es so, als würde er mich anlächeln.

„Also, willst du nur weiterhin hier herumstehen, eher gesagt herumliegen, oder aufstehen und mir als Entschuldigung für deine Selbstgefälligkeit den Weg zum Bus zeigen?“ Endlich bewegte er sich und stand auf. Bob rollte mit den Augen und sagte mit genervtem Tonfall: „Glaub ja nicht, ich helfe dir gerne, aber ich muss selbst zum Bus und ich kann dir leider schlecht verbieten, hinter mir herzurennen.“

Ich versuchte krampfhaft ein Grinsen zu unterdrücken, doch es funktionierte nicht. Ich grinste ihn schief an und mein Gesichtsausdruck verflog so schnell, wie er gekommen war, und Bob sagte: „Also, wenn du hinter mir her rennst, liege ich mit meiner Theorie, dass du mich ziemlich heiß findest und über mich herfallen willst, gar nicht so falsch.“ Jetzt zeichnete sich auch ein fettes Grinsen auf seinem Gesicht ab.

„Träum nur weiter“, zischte ich ihn an, während ich Bob folgte.

Ein paar Minuten später erreichten wir die leere Haltestelle und blickten dem gerade davonfahrenden Bus hinterher.

„Fuck, fuck, fuck! Was machen wir denn jetzt?“, rief ich und diesmal war ich es, die Bob böse anfunkelte. Warum ich so wütend auf ihn war, konnte ich mir nicht erklären. Er konnte nichts dafür, dass ich den Bus verpasste.

Seitdem ich in Miami war, hatte ich öfter solche …, nennen wir es mal Gefühlsachterbahnen. Wahrscheinlich lag es daran, dass mir alles zu viel wurde. Durch meinen überstürzten Flug hierher war mein Leben aus dem Gleichgewicht geraten. Dieser Flug war sowohl das Dümmste als auch das Beste, was ich jemals getan hatte.

Okay, ich durfte zurzeit keine Gedanken an früher und meiner Vergangenheit verschwenden, denn ich musste mich auf diese Situation und das Problem im Hier und Jetzt konzentrieren.

„Ich habe eine Idee“, murmelte Bob neben mir und rannte los. Da der Bus noch nicht weit gekommen war und vor einer Ampel, die auf Rot gewechselt hatte, stand, konnte er ihn leicht einholen. Wild gestikulierend versuchte Bob dem Fahrer durch die geschlossene Türe etwas mitzuteilen.

Keuchend erreichte ich ebenfalls den Bus und blickte erstaunt zu den Fenstern. Junge Frauen in meinem Alter hämmerten gegen die Scheiben und kreischten wild durcheinander. Mein erster Gedanke war: Bob ist berühmt. Lange konnte ich darüber nicht nachdenken, denn der Busfahrer öffnete die Tür und ließ uns einsteigen. Er hob die Hand zum Gruß und begrüßte Bob mit den Worten: „Hey Harvey, wie gehts so?“

Bob, beziehungsweise Harvey, antwortete gelassen: „Alles super. Ich bin nur ein bisschen spät.“

Ich musterte den Jungen. Mir fiel eine Traurigkeit in seinen Augen auf, die jedoch innerhalb von Sekunden verschwand.

„Kannst du uns noch mitnehmen?“, fragte er den Busfahrer und dieser nickte lachend. „Ist das etwa eine deiner neuen Freundinnen?“

Ich riss die Augen auf und meinte mich verhört zu haben. Was hatte der Fahrer da gesagt? Einer seiner neuen Freundinnen? Ich? NIEMALS!

„Nein, bin ich nicht!“, erwiderte ich schroff und boxte Harvey auf den Arm. Er stand knapp hinter mir und brach in schallendes Gelächter aus.

„Nein, Len, das ist sie nicht“, hörte ich ihn sagen. Zufrieden drehte ich mich um und suchte mit den Augen einen freien Platz, da vernahm ich, wie er dem Busfahrer zuflüsterte: „Also noch nicht.“

Genervt verpasste ich Harvey einen Tritt gegen das Schienbein und rief: „Niemals! Nur über meine Leiche!“

Der Bus war gut gefüllt und die meisten Plätze belegt. In der vorletzten Sitzreihe entdeckte ich einen freien. Mit einem lauten Seufzer ließ ich mich auf den Sitz fallen und musterte den Jungen neben mir. Dieser nahm keinerlei Notiz von mir, sondern starrte aus dem Fenster.

Ich gab mir einen Ruck und sprach ihn an. „Hey, stört dich wohl hoffentlich nicht, dass ich hier sitze?“

Achselzuckend erwiderte er: „Ähm, ist ja frei. Wenn du denkst, das ist eine gute Idee, bitte. Fühl dich wie zu Hause.“

Ich runzelte die Stirn und fragte: „Warum denn nicht?“

Der Kerl neben mir antwortete mit rauer Stimme: „Na ja, gestatten: Loser. Normalerweise sitzt niemand im Bus neben mir. Oder in der Uni. Um es mal vereinfacht zu sagen: Die scheinen mich nicht sonderlich zu mögen. Du bist wohl neu hier. Die Erfahrung zeigt auch, du wirst dich ab morgen woanders hinsetzen. Aber war nett, dich kennenzulernen.“

In diesem Moment kamen alle Gefühle von meinem Leben in Hamburg wieder hoch und ich schluckte heftig. Als Loser würde ich mich nicht bezeichnen. Dennoch zählte ich zu den Außenseitern an meiner Schule. Nach außen ließ ich das alles abprallen, machte einen auf unnahbar und stark. Doch innerlich kämpfte ich jeden Tag aufs Neue. Im Grunde war ich genauso ein Häufchen Elend wie der Junge hier neben mir. Mit gebrochener, leiser Stimme antwortete ich: „Sicher nicht. Du kannst mir glauben, ich bin anders.“ Zwei Stationen später setzte ich mein breitestes Lächeln auf und reichte dem Jungen die Hand: „Also, ich bin Tracy, neu an der Schule und 20 Jahre alt. Und du bist?“

Er nahm meine Hand, sah mir in die Augen und antwortete: „Ich bin Jeffrey, aber du kannst mich gerne Jeff nennen.“

Ich lächelte ihn an und er versuchte zurückzulächeln. Doch irgendwie gelang es ihm nicht.

„Also Jeff, da ich neu an der Schule bin, würde es mich schon interessieren, was so schrecklich an dir ist, dass dich die anderen meiden. Du musst mir nichts erzählen, aber …“

Jeff unterbrach mich zögernd und sagte: „Schon gut, ich kann es dir ruhig erzählen. Da du die Einzige bist, die den Anschein macht, mit dir reden zu wollen, habe ich wohl nichts zu verlieren. Wenn du nur Spielchen mit mir spielen würdest, was ich bezweifle, hätte ich auch nichts verloren, denn mit solchen Spielchen lebe ich schon seit Jahren.“

Mir klappte der Mund auf und ich wusste nichts zu erwidern. Sofort erinnerte ich mich an eine Begebenheit, die ich am liebsten vergessen hätte.

„Also, willst du mir nun dein Geheimnis anvertrauen? Ich verspreche, dass ich es niemandem erzählen werde.“ Ich zögerte und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Es ist Laila, ihr kann ich vertrauen. Schließlich ist sie meine beste Freundin, aber wenn sie es doch weitererzählen wird, überlegte ich kurz.

„Komm schon, ich sag nichts“, drängte sie mich und schließlich knickte ich ein und erzählte es ihr. Mein Geheimnis, das ich noch nie jemandem anvertraut hatte.

„Ich weiß, es ist vielleicht kein solches Geheimnis, wie du gedacht hast. Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Es bedeutet mir so viel …“

Laila brach in schallendes Gelächter aus, als ich mit erzählen fertig war. „Wirklich, Tracy, das ist das Traurigste, was ich jemals gehört habe. Luke, komm mal her!“

Ich hielt den Atem an. Mein Klassenkamerad Luke kam zu uns rübergelaufen.

„Nein, Laila, bitte, du hast es mir versprochen.“

Sie lachte nur und antwortete: „Ich weiß, aber das ist doch kein Geheimnis, es ist einfach nur traurig und lächerlich. Luke, hör mal.“ Sie wollte gerade anfangen zu erzählen, da schrie ich wie von Sinnen:

„NEIN, sie lügt!“ Luke ließ mein Aufschrei kalt, er hatte nur Augen für Laila und hing an ihren Lippen wie eine Made am Speck.

„Also, meine Freundin Tracy hier hat, mit zehn Jahren, ein weißes Stoffhäschen von ihrer Schwester bekommen und heult jeden Abend los, wenn sie es in die Arme nimmt. Bis heute noch.“ Fassungslos sackte ich zusammen und starrte Laila an. Ich konnte es nicht glauben. Meine beste Freundin hatte das Geheimnis, das ich ihr eben anvertraute, weitererzählt.

Mir wurde alles zu viel und als Luke dann noch laut loslachte, konnte ich nicht mehr klar denken.

Alles, was ich verspürte, war Zorn, Angst und Verrat.

Ich lief mit Tränen in den Augen aus der Schule. Ich wollte weg. Egal wohin. Hauptsache weg von diesem Ort, der falschen Freundin und dem Gelächter.

„Hallo Tracy, ist alles okay mit dir? Was ist los?“, drang die Stimme von Jeff in mein Bewusstsein und ich atmete tief durch. Meine Hände zitterten und ich versuchte sie unter meinen Oberschenkeln zu verstecken. Diese Erinnerungen von damals ließen mich nicht in Ruhe. Es war ganze drei Jahre her, doch ich konnte diesen Tag nicht vergessen. Seitdem vertraute ich niemandem und gab nichts mehr über mich preis. Zum Schutz legte ich mir eine Art Maske an, eine glückliche junge Frau, die lächelnd durch die Welt lief. Geheimnisvoll und unantastbar. Doch in mir drin sah es anders aus. Ich drohte zu platzen vor lauter Kummer, den ich Tag für Tag in mich hineinfraß.

„Tracy?“

Erschrocken bemerkte ich, dass ich meine Hände mittlerweile zu Fäusten geballt hatte. Meine Fingernägel gruben sich tief in die Handballen.

Jeff musterte mich mit einem besorgten Blick.

Ich zwang mich, die düsteren Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, denn diese Erinnerungen gehörten zu meinem alten Leben, welches ich hinter mir lassen wollte. Ich war nun in meinem neuen Leben. Und es sollte besser laufen, das habe ich mir geschworen. Ich öffnete meine Hände und steckte sie in die Jackentasche. Dann lächelte ich und sagte mit fester Stimme: „Ja, alles gut. Glaub mir, Jeff, ich bin anders. Mir kannst du vertrauen.“

Er nickte langsam und fing an zu erzählen: „Ich bin schon immer ein Einzelgänger. Mit drei Jahren kam ich in ein Kinderheim. Ob meine Eltern mich abgegeben haben oder ob man mich ihnen wegnahm, ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt, ich will es auch nicht wissen. Die Zeit im Heim war nicht schlimm. Es war immer was los. Man hatte immer jemanden, mit dem man spielen konnte. Es war immer jemand da, wenn man Hilfe brauchte. Ich hatte ein Bett, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Im Grunde waren wir wie eine große Familie. Als hätte ich viele Geschwister. Zumindest empfand ich es so. Keine Ahnung, wie es ist, wenn man einen echten Bruder oder eine echte Schwester hat. Manchmal gingen Kinder, manchmal kamen welche dazu. Ich gewöhnte mich schnell an diese Veränderungen. Pit und Tim waren meine Lieblingsheimbrüder. Wir haben uns geschworen, lebenslang die besten Freunde zu bleiben. Blutsbrüder sind wir auch.“ Bob zeigte mir seine Handfläche, auf der deutlich eine lange Narbe von einem Schnitt zu erkennen war. „Den Hintern haben sie uns versohlt, weil wir das Bad versaut haben. Überall war Blut.“ Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht. Dann sank sein Blick auf den Boden und seine Stimme wurde wehmütig. Unruhig tippte er mit dem Finger gegen die Gummidichtung der Scheibe. „Pit und Tim wurden adoptiert. Keiner hat damit gerechnet. Jeder will kleine Babys. Aber Jungs mit neun und zehn? Ich war wie erstarrt. Meine Welt geriet völlig aus den Fugen. Auf einmal war ich allein. Ich begriff damals nicht, wie ich gegen diesen Schmerz angehen konnte. Er war da. All die Jahre. Und ist es heute noch.“

Jeffs Stimme brach und ich legte ihm aus Reflex eine Hand auf die Schulter. Während ich seinem Blick begegnete, lächelte er mich gequält an und seine Augen wurden noch dunkler, als sie ohnehin schon waren.

„Jeff, wirklich, du musst nicht …“, fing ich an, doch da erzählte er schon weiter.

„Nach langer Zeit wurde der Wunsch in mir immer stärker, auch adoptiert zu werden. Ich wünschte mir nichts so sehr, wie eine richtige Familie. Im Heim fühlte ich mich immer unwohler. Erst mit 15 sollte es soweit sein.“

Ich riss meine Augen auf und schlug mir die Hände auf den Mund. „Du hast bis du 15 warst in einem Heim gelebt, ohne richtige Familie?“

„Ja, das musste ich und für mich fühlte es sich normal an. Ich kannte es nicht anders. Bis meine Adoptiveltern kamen.“

Jetzt leuchteten seine Augen auf und ich sah ihm an, dass er seine Eltern liebte, obwohl sie nicht seine Leiblichen waren.

„Ich liebe meine Eltern“, bestätigte Jeff meine Vermutung, „Irgendwann entdeckte ich meine Leidenschaft für das Lernen und Lesen. Andere Kids in meinem Alter hingen in Parks ab oder feierten wilde Partys. Ich verbrachte meine Zeit lieber mit einem Buch. Das machte mich schnell zum Sonderling. Streber. Außenseiter eben. Meine Eltern und ich zogen nach Miami. Ich kam in eine neue Schule und jetzt bin ich auf dieser Uni … und wie du dir schon denken kannst, bin ich hier nicht sonderlich beliebt. Ich wurde, nein, werde immer noch gehänselt, da ich der adoptierte Nerd bin, der sich lieber hinter Büchern und Schullektüren versteckt, als sich mit Menschen zu treffen.“

Ich wusste nicht genau, was ich darauf antworten sollte, also sah ich ihn nur weiterhin an und schluckte. Obwohl ich solch eine Situation nie erlebt hatte, konnte ich nachempfinden, wie Jeff sich fühlte.

Schließlich sagte ich, um ihm Mut zu machen. „Auch wenn du es mir vielleicht nicht glauben magst, ich weiß genau, was in dir vorgeht. Und eins kann ich dir sagen: Hör nicht auf solche Leute und mach dein Ding so wie du willst.“

Sein rechter Mundwinkel zuckte und ich fügte noch hinzu: „Und ich akzeptiere dich so, wie du bist. Ich meine: Wer das nicht tut, ist ein Idiot. Und auf solche Leute kann man getrost verzichten!“

„Dann besteht unsere ganze Uni aus Idioten.“

„Anscheinend.“ Ich grinste ihn breit an und endlich lachte er zurück. Es war kein gezwungenes Lachen, sondern wie meins, ein echtes. Seltsamerweise fiel es mir leicht, setzte ich doch die letzten Jahre ein gekünsteltes Lächeln auf.

„Sag mal, welche Kurse belegst du?“, fragte ich Jeff und lenkte das Thema in eine andere Richtung.

Nach der Fahrt, die etwa 15 Minuten dauerte, wusste ich schon einmal, dass Jeff und ich die gleichen Kurse hatten, dass er gerne wanderte, Fisch eigentlich hasste, jedoch Fischstäbchen liebte. Er war verrückt und genau deswegen war er mir direkt sympathisch. Ich mochte ihn und ich hoffte, er mochte mich auch. Wenn ich schon gleich an meinem ersten Tag einen Freund finden würde, wäre es doch gar nicht mal so ein schlechter Start.

„Wo müssen wir hin?“, fragte ich Jeff, als wir vor der Uni standen. Ich staunte nicht schlecht. Die Architektur war unglaublich schön. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. An der Fassade strahlte mir das Dekor entgegen. Das Gebäude war dreimal so groß wie meine alte Schule.

„Wir haben jetzt eigentlich Englisch, aber da ich davon ausgehe, dass du dir erst noch einen Studienplan und ein paar Bücher abholen musst, begleite ich dich gerne.“

„Danke“, sagte ich und folgte Jeff in das Gebäude.

Harvey

College Alltag

Ich stieg aus dem Bus aus und klopfte mir den Dreck von der Hose. So eine blöde Pute, dachte ich, während ich die Remplerin mit dem Nerd ins Gebäude gehen sah.

Vor dem Eingang standen die Mädels aus der Junior High und kicherten. Anfangs schmeichelte es mir, Mr. Dreamy zu sein. Mittlerweile nervte mich dieses Gluckenverhalten nur noch. Tiara, die in Biologie neben mir saß, begrüßte mich mit einem breiten Lächeln und säuselte: „Na, Harvey. Wie geht es dir?“

Ich nickte kurz, murmelte ein: „Geh Barbie spielen“, und ließ sie stehen. Alle schienen zu denken, ich würde mich in ihrer Aufmerksamkeit aalen. Ihre Schleimereien brauchte ich nicht.

Doch in Wahrheit regte mich das alles nur auf und ich wollte meine Ruhe … Ich war schließlich kein berühmter Promi. Warum taten sie dann so, als wäre ich genau das? Und zwar jeden Tag? Die halbe Schule hing mir am Schopf. In keinem Augenblick war ich für mich. Ständig starrte man mich an. Winkte mir zu. Es fehlte noch, dass sie mir Zucker zuwarfen, wie den Affen im Zoo.

Schnell verschwand ich auf der Toilette und betrachtete mein Spiegelbild. Im Grunde konnte man es den Leuten nicht verübeln. Ich sehe verdammt gut aus, dachte ich und strich mir durch das Haar. Als Kapitän unserer Handballmannschaft genoss ich auch viele Privilegien. Jeder wollte auf diesen Zug aufspringen. Die Mädchen machten sich regelmäßig an mich ran. Ich könnte an jeder Hand zehn haben, wenn ich wollte.

Ich dankte im Stillen meinem Vater für das glänzende schwarze Haar und meiner Mutter für die smaragdgrünen Augen. Ich wurde schon ein paar Mal am Strand von Agenten angesprochen, ob ich Lust zu modeln hätte. Ich lachte laut auf bei dem Gedanken daran. Model und arbeiten. Das ist wie Pommes mit Honig. Das passt nicht und gehört nicht zusammen.

„Hi Harvey“, rief von hinten eine glockenhelle Stimme und ich drehte mich langsam um.

OH Mist! Hinter mir stand Amber. Die Person, die ich heute eigentlich nicht sehen wollte. „Das ist das Männerklo“, bemerkte ich und überlegte fieberhaft, wie ich sie loswerden konnte. Sogleich hätte ich mich für meine Gedanken am liebsten selbst geohrfeigt, denn Amber war meine Freundin. Meine feste Freundin …

In letzter Zeit stellte ich mir jedoch immer öfter die Fragen:

Mochte ich sie?

Liebte ich sie?

Was war schon Liebe?

„Habe ich dir heute schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“ Amber stellte sich neben das Waschbecken und schaute mich mit ihrem „Ich bin so verliebt“-Blick an.

Genervt drückte ich mich an ihr vorbei und suchte nach Papiertüchern, um meine Hände zu trocknen. Meine Mutter macht zu Thanksgiving immer einen leckeren Truthahn. Mein Vater umarmt sie dann jedes Mal mit den Worten: Ich liebe dich. Tante Beth quetscht ihren Spitz Amor ständig und sagt dabei ohne Unterlass: Ich liebe dich, ich liebe dich … „Also, auch wenn du es heute noch nicht gesagt hast, ich habe noch die Hundert von gestern gespeichert.“

Entrüstet prustete sie mich an und rannte aus der Toilette.

Ob ich zu weit gegangen war? Nachdenklich betrachtete ich erneut mein Spiegelbild. Liebte ich Amber? Ich bekam oft genug mit, wie die Mädchen weinend auf dem Flur saßen, weil wieder jemand mit ihnen Schluss gemacht hatte. Ihnen ihr kleines Herz gebrochen wurde. Unter uns Jungs redete man nicht darüber. Ich jedoch fürchtete mich davor. Ich wollte nicht wissen, wie es sich anfühlt, ein gebrochenes Herz zu haben. Ließ ich es aus diesem Grunde nicht zu, dass die Gefühle zu Amber wachsen könnten?

Im Moment nervte sie mich nur noch. Sie ist die größte aller Kletten, die an mir hängen. Seit einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, diese Beziehung zu beenden. Aber sie war nicht irgendjemand. Sie war Amber. Die Tochter der größten Geldgeber meiner Eltern. Ohne die finanzielle Unterstützung würde das Geschäft meines Vaters heute nicht da sein, wo es stand. Das führte mich zur letzten Frage. Liebte ich meine Eltern so sehr, dass ich mir Tag für Tag weiter den Stress mit Amber geben konnte? Nicht wirklich. Ich hatte schon immer kein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, doch mein kleiner Bruder Jasper hielt eine Menge von ihnen und ich war so etwas wie sein Vorbild. Konnte ich es also riskieren, seinen Respekt und seine Liebe zu mir aufs Spiel zu setzen? Nein, denn Jasper war wirklich die einzige Person, die wusste, wer ich wirklich war. Ich ging raus auf den Flur und suchte Amber. Sie stand traurig an ihrem Spind und nestelte am Schloss. „Hey“, sagte ich und nahm sie in den Arm. „Tut mir leid, ich hatte einen miesen Morgen.“

Sie streckte sich und gab mir einen Kuss.

Obwohl ich es hasste, in aller Öffentlichkeit zu knutschen, erwiderte ich ihn. Meine Gedanken waren bei Jasper. Nur aus diesem Grund ließ ich mich in diesem Moment gehen. Ich musste damit aufhören und die Sache klären, dachte ich und schob Amber sanft zur Seite.

Sie griff meine Hand und stolzierte mit mir an der Seite über den Flur: „Platz da, mein Freund und ich möchten zu unserem Klassenraum“, ließ sie die Menge vor uns wissen.

Ich konnte nicht anders und ging ihr, gefangen an ihrer Hand, hinterher.

„So Babe, wie geht es dir?“, fragte sie mich und lächelte mich an. Ich antwortete zögernd: „Denke ganz gut, aber lass doch endlich mal …“ ich brach ab. Ich musste an Jasper denken. Jasper, Jasper, mein kleiner Bruder …

„Amber, könntest du bitte aufhören, mich Babe zu nennen?“, fragte ich und bemühte mich, einen ruhigen Ton anzuschlagen.

Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Blitzschnell reagierte ich und säuselte: „Weil sonst fühle ich mich zu sehr geschmeichelt. Das macht mich nervös und ich kann die ganze Zeit an nichts anderes denken als an dich.“ Sie nickte und strich mir über die Wange: „Selbstverständlich! Ich will doch nicht, dass du meinetwegen nicht mehr bei den Vorlesungen mitkommst!“

„Toll!“ Ich drückte ihr schnell einen Kuss auf die Stirn und eilte in den Hörsaal. Amber folgte mir und setzte sich auf ihren Platz. Ich dankte dem Rektor der Schule für seine geniale Idee der Platzzuweisung. So hatte ich wenigstens während des Unterrichts mal Ruhe vor ihr.

Ich ließ meinen Blick durch die Reihen schweifen und erstarrte. Da saß sie! Das personifizierte Chaos.

Warum hasste mich das Leben nur so sehr?

Ich wusste nicht, was mich geritten hatte, doch ich lief wie von der Tarantel gestochen auf sie zu.

„… Ja, es hat wirklich nicht so lange gedauert, wie ich dachte. Ach, und übrigens, unser Lehrer kommt immer so spät. Wunder dich also nicht“, redete der Junge neben ihr lachend auf sie ein.

Und es nervte mich. Es nervte mich, dass sie anscheinend schon an ihrem ersten Tag Freunde gefunden hatte und sich amüsierte.

„Warum bist du hier?“, fuhr ich sie heftig an.

Sie drehte sich um und eine braune Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Ihr Blick war überrascht und irritiert. Denn offenbar gefiel ihr genauso wenig, dass ich diesen Kurs mit ihr besuchte.

„Ich gehe hier in den Kurs und du?“, fragte sie mich mit genervter Stimme und setzte dann noch hinzu: „Bist du mir etwa hinterhergelaufen? Nein, danke, ich habe keinen Bedarf an dir!“

Wow, diese Reaktion verwunderte mich. Gerade war ich noch sauer auf sie, warum, das wusste ich selbst nicht. Je mehr ich sie studierte, umso mehr interessierte sie mich. Endlich mal eine, die nicht zu allem Ja und Amen sagte.

„Ich bin auch in dem Kurs“, sagte ich nur und ließ meinen Blick über ihren ganzen Körper wandern. Dann setzte ich etwas versöhnlicher hinzu: „Ich bin Harvey und du?“ Warum hatte ich mich ihr mit meinen echten Namen vorgestellt? Niemand nannte mich so, außer Amber, da sie sich als meine feste Freundin für etwas Besonderes hielt. Und der Busfahrer. Ich hatte in ihm, seitdem ich hierhergezogen bin, einen zweiten Vater gesehen, obwohl wir uns nicht oft unterhielten. Er gab mir ein Gefühl von Sicherheit, seitdem er mich nach meinem Umzug völlig fertig im Park gefunden und mir geholfen hatte.

Doch mein Name schien sie nicht die Bohne zu interessieren. Stattdessen sagte sie nur: „Tja, ich bin nicht interessiert!“

Darauf konnte ich nichts erwidern … Sie war höchstwahrscheinlich nur so gemein, da ich sie vorhin nicht besser behandelt hatte. „Okay, ich habe verstanden“, gab ich kühl zurück und versuchte es noch mal. „Wie ist dein Name?“ Wenn sie jetzt nicht antworten würde, würde ich … Ja keine Ahnung, was würde ich dann tun? Bis jetzt flogen mir die Namen der Mädchen auf der Schule nur so zu. Ein „Hi, ich bin Marlies“ oder „Brittany, freut mich“. Nur sie war nicht zu knacken. Ich sah sie beschwörend an und setzte mein Gewinner-Lächeln auf. Undercover-Girl presste die Lippen aufeinander, sodass sie nur noch ein einziger Strich waren.

„Warum willst du unbedingt wissen, wie ich heiße?“, fragte sie mich und ich wusste diesmal wirklich nicht, was ich darauf antworten sollte. Also zuckte ich nur unbeholfen mit den Schultern. Scheinbar hatte ich sie weichgeklopft.

Mit einem Augenrollen antwortete sie mir: „Mein Name ist Tracy. Kannst du jetzt gehen?“

Ich musste mich anstrengen, nicht zu grinsen, also sagte ich nur: „Alles, was du willst, Tracy.“

Ich ging zu meinem Platz. Tracy. Der Name war schön und

… Warte, was machte ich hier nur? Halt, ich musste an was anderes denken!

„Harvey“, rief jemand und ich drehte mich um. Mir begegneten die kastanienbraunen Augen von Tracy und mein Herz machte einen Sprung, Mir wurde bewusst, dass sie es war, die meinen Namen gerufen hatte.

„Halt dich bitte von mir fern!“, war das Einzige, was sie sagte, ehe Tracy sich wieder ihrem neuen Freund zuwandte. Wie hieß er? Klar, er war zwar in mehreren meiner Kurse und wurde jede Unterrichtsstunde oft von den Lehrern aufgerufen, doch mir fiel sein Name nicht ein. Jason? Jesus? Jeff? Irgendetwas mit J. Ich wusste nur, dass er der Loser der Uni war. Warum, das war mir schleierhaft.

„Guten Morgen“, schallte die Stimme unseres Professors durch den Raum. Ich brummte mit den anderen ein „Guten Morgen“ und meine Lust auf diesen Unterricht näherte sich immer mehr dem Nullpunkt. Um ehrlich zu sein, ich bekam die erste halbe Stunde nichts mit und hing meinen Gedanken nach, bis …

„Oh Miss König, ich habe ganz vergessen, sie aufzurufen. Wollen Sie mal nach vorne kommen und sich der Klasse vorstellen?“ Jetzt war ich wieder hellwach und sah blitzschnell in die Richtung, in der Tracy saß. Sie wurde im ganzen Gesicht rot wie eine Tomate.

„Ähm ja klar, kann ich … ähm … machen“, kam die schüchterne Antwort von ihr und ich war kurz davor loszulachen, da diese so gar nicht mit dem Verhalten von vorhin übereinstimmte. Tracy ging nach vorne zu unserem Lehrer, der sagte: „Wir sind alle sehr froh, dass Sie nun in unserem Kurs sind, doch stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor.“ Dann sah Tracy in meine Richtung und ihre Haltung wirkte plötzlich gar nicht mehr schüchtern, sondern eher stark, so, als wollte sie mir beweisen, dass sie sich nicht kleinmachen ließ. „Ähm hi, ich bin Tracy König, 20 Jahre alt und habe bis vor ein paar Wochen noch in Hamburg gelebt.“

Okay, dieser Moment war seltsam. Sie hatte so schüchtern gewirkt, doch jetzt war nichts mehr an Unsicherheit bei ihr zu erkennen. Ich grinste sie an, doch jetzt schien sie mich zu ignorieren. Egal woran das lag oder was mit ihr los war, ich wollte sie näher kennenlernen. Und zwar um jeden Preis.

Tracy

Die Neue in der Schule

Was war das denn gerade? Vor der Klasse zu sprechen, fiel mir schwer. Bis Harvey mich anstarrte. Plötzlich fühlte ich mich selbstbewusst und stark. Ein seltsames Gefühl. Diese Arroganz in seinem Blick bewirkte etwas in mir. Ich bekam das Gefühl, als müsste ich ihm beweisen, dass ich taff war. Aber musste ich das wirklich? Oder wollte ich es mir beweisen? Meine Gedanken überschlugen sich. Die Neue in der Klasse zu sein, ist eh schon schwer genug, besonders, wenn einen die Mädels anstarrten und miteinander tuschelten. Anstatt mich willkommen zu fühlen, überkam mich der Verdacht, dass sie mich ablehnten. Bei Harvey war es anders. Wie er mich musterte.

Warte, nein! Harvey doch nicht, diesem … diesem …! Was machte er eigentlich in meinen Gedanken?

„Ähm, Miss König?“, drang die Stimme von meinem Professor in mein Bewusstsein und ich fuhr herum.

Herr Gris schaute mich freundlich an und wiederholte seine Frage, ohne mit der Wimper zu zucken. „Warum sind Sie von Hamburg nach Miami gezogen?“, fragte er mich und ich sah ihn entschuldigend an, da ich vorhin in Gedanken versunken war.

An den größten Idioten des Universums, Harvey, den ich noch nicht einmal richtig kannte. Argh, warum nur?

„Ich …“, fing ich an zu stottern und musste mich zusammenreißen. Irgendeine Ausrede, Tracy, du kannst gut lügen. Denk dir verdammt noch mal was aus!

„Um neue Erfahrungen zu sammeln?“ Verdammt, dieser Satz klang wie eine Frage und mir war klar, dass niemand hier in diesem Raum mir diese Aussage abnahm, doch mein Professor nickte nur.

„Gut. Wir freuen uns alle, dass Sie in unserem Kurs sind.

Sie können sich wieder setzen.“

Ich konnte meine Anspannung immer noch spüren, doch ich beruhigte mich etwas. Um mich herum wurde geflüstert und getuschelt. Ich begab mich wieder zu meinem Platz und setzte mich neben Jeff. Harvey schaute mich an, als ob er in mein Innerstes sehen und aus mir lesen könnte. Ich befürchtete, er erkenne das wahre Ich hinter meiner Maske.

Wortlos nickte er mir zu, als wollte er sagen: Ich weiß, wie du dich fühlst.

War es möglich, dass ich mich in ihm täuschte? Arrogant, eingebildet und überheblicher Typ. So lernte ich ihn kennen. Trug er auch eine Maske? Es braucht viele Jahre, um sein Fake-Ich zu modellieren und aufrechtzuerhalten. War dieser Junge dazu in der Lage? Ich habe mein perfektes Kostüm kreiert. Es ist so vollkommen, ich erkenne mich oft selbst nicht wieder.

So ein Blödsinn! Sicher interessierte es ihn nicht, wer und was ich war. Nein, das konnte nicht sein. Diesen Blick hatte ich mir bestimmt nur eingebildet.

Ich bekam den Rest der Unterrichtsstunde gar nicht richtig mit, da ich viel zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt war. Diese kreisten immer wieder um dasselbe Thema …was wäre, wenn ich geholfen hätte? Wäre sie dann noch am Leben? Ich wollte helfen, doch ich konnte nicht! Verdammt noch mal, ich konnte nicht! Weil …, weil ich zu viel Angst hatte! Ich wünschte, ich hätte ihr geholfen!

„Tracy, kommst du mit?“ Jeff hatte sich vor mich gestellt und sah mich fragend an. Oh man, ich hatte schon wieder eine Frage nicht mitbekommen.

„Ähm, wohin denn?“, fragte ich mit gerunzelter Stirn. „In die Cafeteria? Habe ich doch vorhin schon gesagt. Du bist heute echt durch den Wind, oder?“, fragte mich Jeff und ich lächelte daraufhin nur.

„Ja, kann sein. Das ist mein erster Tag an der Uni und ich bin echt nervös.“ Sollte ich ihm sagen, dass ich solche Aussetzer öfter hatte? Ich entschied mich dagegen.

Jeff legte mir eine Hand auf den Rücken und führte mich aus dem Hörsaal raus in den Flur. „Ich verstehe dich.“ Er lächelte mich an. Das Essen in der Cafeteria war lecker. Nicht so fad, wie in meiner alten Schule. Es gab Muffins aller Art und ich holte mir direkt noch einen Zweiten. Ich wollte mich gerade wieder zu Jeff setzen, da sah ich zwei Jungs neben ihm stehen, die wie wild auf ihn einredeten. Jeff wirkte eingeschüchtert und verängstigt.

Es war zwar nicht dasselbe wie mit Rya, jedoch konnte ich jetzt das machen, was ich früher nicht konnte. Helfen, obwohl ich am liebsten davonlaufen wollte. Beherzt eilte ich auf unseren Tisch zu.

Ich konnte vereinzelnde Gesprächsfetzen aufschnappen und hielt inne.

„…, da sitzt ja unser Loser. Hat Mami dir heute wieder zehn Bücher für Streber gekauft?“ Ein anderer warf ein: „…, das kann sie ja gar nicht, denn du hast keine!“

Die beiden lachten los. Ich stellte mich vor Jeff und brüllte:

„Sag mal, hast du nichts Besseres zu tun, als andere Menschen zu nerven? Hör auf und …“ weiter kam ich nicht. Einer dieser arroganten Typen grinste und säuselte: „Hat Jeffylein etwa eine Freundin, die in Losertown eingezogen ist? Bist du auch so eine Bücher-Eule?“

„Halt doch einfach den Mund!“, entgegnete ich wütend. Sein Freund lachte.

Feindselig starrte ich ihn an und sein Grinsen fror ein.

„Rob, Jason. Was macht ihr?“, schrie jemand die beiden an. Ich drehte mich um und begegnete dem zornigen Blick von Harvey. Zuerst dachte ich, er wäre wütend auf Rob und Jason, was man auch aus seiner Stimme rausgehört hatte. Aber sein Zorn richtete sich gegen mich.

„Tracy!“, donnerte die Stimme von ihm durch den Raum und einen kurzen Moment hielt er inne und sein Mund klappte nach unten. Doch er hatte sich wieder gefangen und kam mit schnellen Schritten auf mich zu.

Alle Blicke der Anwesenden waren auf uns gerichtet und ich machte mich schon auf das Schlimmste gefasst.

„Ich soll mich von dir fernhalten! Dann hältst du dich gefälligst fern von mir und meinen Freunden! Hast du das verstanden?“ Ich konnte mich nicht bewegen.

Plötzlich legte Harvey eine Hand auf meine Schulter und kam meinem Gesicht ganz nahe.

Mir wurde alles zu viel, ich konnte keinen richtigen Gedanken mehr fassen, doch da stoppte er schon und unsere Münder waren gerade mal wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Harveys Stimme war bei seinen nächsten Worten so leise, dass nur ich sie verstehen konnte: „Versuche doch wenigstens dich aus meinem Leben fernzuhalten.“

Nun zischte ich in genau derselben Tonlage: „Glaub mir, das werde ich! Also rück gefälligst von mir ab.“

Dieser bissige Kommentar brachte ihn nur noch mehr zum Lachen. Wütend wollte ich ihm gegen die Schulter boxen, aber er fing meine Faust ab. Seine Finger berührten mein Handgelenk und ich bekam eine Gänsehaut. Meine Hand fing an, heftig zu kribbeln und mein Herzschlag beschleunigte sich schlagartig. Was zur Hölle war das?

Ich war jedoch zum Glück nicht die Einzige, die wie gelähmt dastand, denn Harvey tat es mir gleich. Er war wie festgefroren. Unsere Blicke begegneten sich und ich trat schnell einen Schritt zurück. In seinen Augen konnte ich mich wiedererkennen. Nicht, weil sie mich wie einen Spiegel reflektierten, ich konnte meine Gefühle in seinem Blick sehen. Er, … ich, … wir, … wir waren beide verlorene Seelen. Mein Puls raste und ich brachte kein Wort hervor, sah ihn nur weiterhin mit weit aufgerissenen Augen an. Harvey ließ mich ebenso keine Sekunde aus dem Blick und wir mussten beide ein ziemlich verwirrendes Bild von uns geben.

Ich kannte ihn nicht. Alles, was ich vor diesem Moment von ihm wusste, war, dass er ein arroganter Arsch war, der eingebildet war, doch war dies alles nur eine Fassade? War Harvey genauso wie ich? Zerbrochen und verloren?

Ein tiefer Blick in seine Augen reichte für eine Antwort auf meine Fragen. Ja. Er … war … wie … ich.

Endlich bewegte sich Harvey. Jedoch unspektakulär, denn er trat schleunigst auch einen Schritt nach hinten, keuchte auf und lief volle Kanne gegen einen Tisch.

„Fuck!“, fluchte er und drehte sich, ohne noch ein Wort zu sagen, um.

„Tracy, alles okay?“, fragte mich eine leise Stimme hinter mir und ich drehte um. Jeff stand mir gegenüber und legte mir langsam eine Hand auf die Schulter. „Tracy!“, sagte er nun eindringlicher und ich löste mich aus meiner Starre.

„Ähm … ja, alles okay“, sagte ich stotternd und sah Jeff jetzt direkt an. Dieser glaubte meine Lüge nicht und zog seine Augenbrauen hoch. „Wir kennen uns zwar noch nicht lange, doch du bist eine miserable Lügnerin.“

Ich versuchte mich an einem Grinsen, was mir genauso misslang wie die Lüge.

„Hey, das hat dich vorhin ganz schön mitgenommen, oder?“ Jeffs Stimme klang beruhigend und ich nickte nur.

„Erstens, das machst du nie wieder, ok? Dich mit diesen Typen anlegen. Nie wieder! Schon gar nicht für mich!“, sagte Jeff mit ernster Stimme.

„Aber du bist mein einziger Freund“, sagte ich aus Protest und Jeff seufzte nur.

„Ja, das stimmt und du meine einzige Freundin. Ich will nicht, dass dir was passiert: “ „Die sollen mir was antun?“, fragte ich und musste gegen meinen Willen grinsen.

„Tracy, versprich es“, bat Jeff und ich brummte nur.

„Und zweitens war H vorhin ziemlich scheiße, oder?“ Wer war H.? An meinem Stirnrunzeln bemerkte Jeff, dass ich den Namen noch nie vorher gehört hatte.

„H ist Harvey. Manche, also eigentlich die meisten nennen ihn so. Außer seine Freundin. Sie findet, dass sie etwas Besonderes ist. Deshalb spricht sie ihn mit seinem echten Namen an. Ach so, und sein Busfahrer nennt ihn auch Harvey. Warum er? Keine Ahnung. Aber sonst niemand. Ein Wunder, dass du noch nicht angefahren wurdest, weil du ihn auch so nennst.“

Ich musste lachen. „Okay, klingt so, als ob Harvey oder H sehr seltsam ist.“

„Da hast du recht!“, stimmte mir Jeff zu und wir setzten uns wieder.