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Waidmanns Mord

Der Sommer 1940

Dreißig Jahre später

Die erste Begegnung

Der Schulausflug

Grün hinter den Ohren

Des Försters Lehrling

Der grüne Wetterfleck

Tradition und Brauchtum

Aufbruch zur Jagd

Die Hubertusmesse

Der Brief

Kein Montag wie jeder andere

Das Baumhaus

Die Gesellschaftsjagd

Die dunkle Vorahnung

Offene Worte

Die Büchse

Der Abendansitz

Die erste Verabredung

Schüsse in der Ferne

Die Revierfahrt

Nachwort

Der Sommer 1940

Der Sommer 1940 war wohl einer der wärmsten, seit es offizielle Aufzeichnungen gab. Es war Nachmittag, die Sonne stand glühend und von kaum einer Wolke verdeckt hoch am Himmel. Obwohl es bereits Spätsommer war und der Herbst schon vor der Tür stand, war die Luft noch immer schwül und warm. Im Schatten der Bäume roch es nach Kiefernadeln und kühlem, torfigem Waldboden. Ein blonder Junge mit kurzer Hose und einem hellblauen kurzärmeligen Hemd hockte hinter einem Baum und schaute aus dem Dickicht der schützenden Bäume auf eine Straße, welche sich in einigen hundert Metern Entfernung einen Hügel hinauf schlängelte. Der Teer war so heiß, dass die Mirage, dieses Flimmern auf dem Asphalt bei hohen Temperaturen, mit bloßem Auge zu erkennen war. Der Junge war auf seinem Weg von der Schule zu einem Treffpunkt am nahegelegenen See von einem knatternden Geräusch abgelenkt worden, welches er nun mit geschärftem Blick aus dem schützenden Dickicht heraus verfolgte. Es war ein offener dunkelgrauer Kübelwagen, der sich die Straße hochquälte und in dem drei Männer saßen. Der Fahrer trug eine Schirmmütze und zwei weitere uniformierte Männer saßen auf der Rücksitzbank. Einer der beiden rauchte genüsslich eine Pfeife und stieß dabei alle paar Meter dicke Rauchschwaden aus. Genaueres konnte der Junge jedoch nicht erkennen, da der Wagen gut fünfzig Meter entfernt war und sich stetig weiter von ihm weg den Hügel hinauf bewegte.

Der Kübelwagen knatterte und passierte ein Tor. Danach verschwand der Wagen aus dem Blickfeld des Jungen und mit ihm die drei Männer. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere in diesem Sommer gewesen, an dem der Junge nach dem Unterricht in der Volksschule durch den Wald in Richtung des Sees lief, da er sich dort mit seinen Freunden zum Schwimmen verabredet hatte.

Der Junge kannte viele Uniformen und wäre der Kübelwagen näher gewesen, hätte er wohl auch die Rangabzeichen erkennen und zuordnen können. Er überlegte kurz, ob diese drei Männer nur zu Besuch auf der NS-Ordensburg Vogelsang waren oder länger zu bleiben vorhatten. Aber eigentlich war es ihm doch relativ egal, denn was für ihn in diesem Moment zählte war, wie er nun so schnell wie möglich zu seinen Freunden gelangte, um mit ihnen die freie Zeit zwischen der Schule und dem Abendbrot zu genießen. Denn ihre Eltern wollten ihn und seine Freunde baldmöglichst bei der Hitlerjugend anmelden und dann hätten die vier Freunde nicht mehr so viel Freizeit und vor allem Freiheiten. Zudem war es an diesem Tag viel zu warm, um über solche Fragen: „Wer dort und weshalb wohl auf die Ordensburg gefahren war?“, lange nachzudenken. Sobald er am Treffpunkt ankam, wollte er sich das Hemd und die Schuhe ausziehen und mit den anderen Jungen im Wasser der Urfttalsperre schwimmen gehen. Einfach die Zeit mit seinen besten Freunden genießen und ein fünfzehnjähriger Junge sein. Also ließ er den Hügel, den Kübelwagen und die drei Männer gedanklich hinter sich und freute sich schon auf das kühle und erfrischende Nass.

Kaum zehn Minuten später begrüßte er, vom Laufen leicht außer Atem, seine drei Freunde Wolfgang, Moritz und Karl. Die Jungs warteten bereits auf Thomas und sprangen ohne Angst von einer rund vier Meter hohen Klippe in das erfrischende Wasser. Die Urfttalsperre wurde vom Fließgewässer der Urft gespeist und war deshalb mit frischem und klarem Wasser gefüllt. Die Urft und die Talsperre lagen inmitten des großen Waldgebietes der Eifel. Thomas und seine drei Freunde verabredeten sich in diesem Sommer fast jeden Tag am gleichen, weit abgeschiedenen und einsamen Teil des Ufers. Sie sprangen von der hohen Klippe um die Wette. Manchmal kamen auch ein paar Mädchen vorbei, die nach der Schule ebenfalls am See die Kühle und die Ruhe suchten, jedoch gingen sie niemals schwimmen. Sie schauten sich einfach nur die Sprungkünste der Jungen an, kicherten und lasen in ihren Büchern, während sie im Schatten der Bäume vor der Hitze dieses Jahres Schutz suchten.

Die vier Jungen besuchten alle die gleiche Klasse der neunten Stufe des Volksgymnasiums und wohnten alle in der gleichen Stadt. Rurberg, oder Ruhrberg, wie es bis 1955 geschrieben wurde, lag rund zwölf Kilometer von der belgischen Grenze entfernt und wie der Name bereits verriet an dem Fluss Rur. Die Stadt erfreute sich immer mehr Fremdenverkehrs seitdem 1937 der Ausbau der Rurtalsperre fertig gestellt worden war. Durch die vielen Möglichkeiten, die sich rund um Rurberg boten, kamen immer mehr Städter aus Aachen oder auch aus Köln zur Naherholung während ihres Heimaturlaubs in das beschauliche Städtchen. Man konnte in den umliegenden Wäldern der Eifel wandern, mit dem Fahrrad fahren oder auf der Rur mit einem Ruderboot fahren. Sogar trotz des Krieges, sah man 1940 in Rurberg gerade an Wochenenden immer öfters neue Gesichter. Für die Rurberger war es manches Mal befremdlich, wenn sich fremde Besucher nach dem städtischen Freibad erkundigten oder der Biergarten keinen freien Platz mehr bot.

Auch Thomas war damals mit seinen Eltern zugezogen. Jedoch wohnte die Familie Tauber bereits seit 1930 in Rurberg. Als der Junge fünf Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seiner Schwester aus Düsseldorf in die Kleinstadt. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt von der Partei für administrative Tätigkeiten nach Rurberg versetzt worden und sollte ab 1934 den Bau einer neuen Schule für den Führernachwuchs der NSDAP überwachen. In ganz Deutschland wurden insgesamt drei solcher Schulungslager beauftragt und von Reichsleiter Robert Ley geplant. Eine davon war die NSDAP-Ordensburg Vogelsang. Der damals fünfjährige Thomas kam als Nachzügler in den Kindergarten und war zunächst ein Außenseiter. Erst als alle im darauffolgenden Jahr in die Volksschule eingeschult wurden, mischten sich die Seilschaften neu. Dadurch wurde Thomas in den Freundeskreis von Wolfgang, Moritz und Karl aufgenommen. Seitdem waren die Vier eine eingeschworene Truppe. Thomas war darüber sehr glücklich, solch gute und verlässliche Freunde gefunden zu haben. Moritz, sein bester Freund, wohnte mit seinen Eltern nur ein paar Straßen weiter von Thomas Elternhaus entfernt und so war er es, der ihn damals in die Gruppe eingeführt hatte. Die vier Jungen verband mehr als nur der gleiche Unterricht. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, wie sie nur konnten. Sie waren kaum einzeln anzutreffen und meist als Gruppe unterwegs. Gerade nach dem Tod von Thomas Schwester Christel schweißte sich das Band der Vier noch enger zusammen. Christel verunglückte im Winter 1936 tödlich, als sie mit einem Schlitten einen Berg nahe der Rurberger Jugendherberge hinunterfuhr. Dieser kam auf den letzten Metern aus der Spur und prallte mit Christel ungebremst gegen eine Mauer. Am Tag des Unfalls spielten die vier Jungen unweit von dem Hügel entfernt, von dem Christel aus mit dem Schlitten gestartet war. Als sie die Menschenmenge schreien und kreischen hörten, lief Thomas unbewusst und wohl eher vorahnend ein kalter Schauer über den Rücken. Als kurz darauf zwei Mädchen herangelaufen kamen und nach ihm fragten, wichen seine Freunde nicht mehr von seiner Seite. Sie begleiteten ihn zum Unglücksort und durch die Tage und Wochen danach. Die drei Freunde waren immer für ihn da, als Thomas sie brauchte. Dieses Erlebnis schweißte das Freundschaftsband dieser Gruppe noch enger zusammen, als es bis dahin bereits war.

Thomas war der Sohn von Elisabeth und Michael Tauber, einer Beamtenfamilie. 1940 war er gerade einmal fünfzehn Jahre alt und hatte mit den Wirrungen und den Turbulenzen dieser Kriegszeit noch keine Berührungspunkte. Er war in einem wohlbehüteten Elternhaus aufgewachsen, war gut in der Schule und kannte keine Unsicherheit darüber, was ihm die Zukunft wohl bringen mochte. Ihm war zwar bewusst, dass im Ausland ein Krieg tobte, jedoch verschwendete er kaum einen Gedanken daran. Er lebte im Hier und Jetzt und genoss jeden Augenblick mit seiner Familie und seinen Freunden.

Die vier Jungen spielten viel und oft in den weitläufigen Wäldern der Eifel rund um Rurberg und der NS-Ordensburg Vogelsang. Die Ordensburg wurde von Wald und Wasser umringt. Hinter vorgehaltener Hand munkelten die Unwissenden, dass auf der Burg nicht nur Eliteschüler der Partei ausgebildet wurden und die Heeresleitung die Truppenbewegungen koordinierten, sondern sich auch sonderbare Experimente zutrugen. Man erzählte sich die wildesten Geschichten und versuchte die Kinder von den Wäldern rund um die Anlage fernzuhalten. Die vier Freunde kannten zu dieser Zeit jedoch weder Angst, noch hatten sie das Gefühl, dass sich bald etwas an ihrem glücklichen und unbeschwerten Leben ändern sollte. Einzig, dass immer mehr Beamte und Parteimitglieder ihre Kinder zur Hitlerjugend oder dem Bund deutscher Mädchen anmeldeten, schien den Jungen nicht zu gefallen, denn sie befürchteten, dadurch weniger Zeit für sich zu haben.

Dreißig Jahre später

Der Wecker klingelte. Thomas lag unter einer grauen weichen Decke im Bett und spürte die Wärme der vergangenen Nacht. Die ganze Wohnung war von dem wohligen Duft frisch gebrühten Kaffees erfüllt. Langsam öffnete er die noch immer schlaftrunkenen Augen.

Das Schlafzimmer war von den ersten Sonnenstrahlen des Tages mit einer weichen Morgenröte lichtdurchflutet, die Tür zum Flur stand angelehnt und er hörte Geräusche aus der Küche. Diese Geräusche, zusammen mit dem Duft des frisch zubereiteten Kaffees und dem verwaisten Platz neben ihm im Bett ließen ihn zu dem Schluss kommen, dass Charlotte wohl schon wach und gut gelaunt war. Der letzte Abend steckte ihm noch in den Knochen und das letzte Glas Wein ließ ihn mal wieder ein wenig bereuen. Er setzte sich auf die Bettkante und sammelte sich. Während er sich den Schlaf aus den Augen rieb, kam sein treuer Freund durch die Tür getapst und schleckte ihm die Hand ab. Socke, sein vierjähriger Deutsch-Kurzhaar Jagdhund, hatte wohl deutlich besser geschlafen als er und war für einen ausgiebigen Spaziergang bereit, um seinem Herrchen den Kater auszutreiben. „Na mein Lieber. Ich habe dich auch vermisst. Lass uns aber erst einmal frühstücken“, dachte sich Thomas und streichelte ihm liebevoll über den Kopf. Er stand auf, zog sich einen Morgenmantel über und während er durch den Flur in die offene Wohnküche ging, spürte er langsam seine Lebensgeister zurückkehren. Er bog um die Ecke und da stand sie. Charlotte. Sie war nicht das erste Mal über Nacht bei ihm geblieben. Charlotte wohnte eigentlich nicht bei ihm. An den Küchenblock gelehnt, schaute sie ihn leicht verschmitzt an. „Guten Morgen Schatz. Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, sagte sie, obwohl man ihm ansehen konnte, dass der Wein seine Spuren hinterlassen hatte. Er schaute sie an, nickte und lächelte verschmitzt zurück. Fast gleichzeitig suchte er mit seinen Blicken die Küche und das Wohnzimmer nach seinem Notizbuch ab. Er konnte es auf die Schnelle nicht finden und drehte sich daraufhin zu Charlotte und dem Kaffee um. „Hast du vielleicht eine Ahnung, wann wir gestern Zuhause waren?“, fragte er und hob seine Tasse Kaffee zum ersten Schluck. Der Kaffee war angenehm warm, aber nicht zu heiß, so wie Thomas ihn mochte. „Nein, aber ich schätze mal so kurz nach ein Uhr in der Früh. Mir hat der Spaziergang am Rhein nach dem leckeren Abendessen wirklich gut gefallen. Deine Idee eine Flasche Wein als Wegzehrung mitzunehmen war auch genial“, grinste Charlotte vielsagend und beugte sich zu Socke hinunter, um ihm ein Stück Graubrot zu geben. Socke wedelte mit dem kurzen, kupierten Schwanz und schlang das mit Leberwurst bestrichene Brot ohne zu kauen hinunter, so als würde er sonst nichts anderes zu essen bekommen.

„Ich muss heute noch ein paar Klausuren meiner 12b korrigieren. Damit werde ich wohl den ganzen Tag und einen Großteil der Nacht beschäftigt sein“, erklärte sich Charlotte ihrem Liebsten. Denn sie war Französisch-Lehrerin und unterrichtete am Humbolt-Gymnasium in Düsseldorf. „Das bedeutet, dass ich nach dem Frühstück erstmal keine Zeit für dich haben werde“, ergänzte sie mit einem traurigen Blick und Thomas entgegnete: „Das ist aber sehr schade“ und zwinkerte ihr dabei zu. „Dann werde ich wohl mit Socke in den Wald fahren und mich etwas an der frischen Luft von dem Wein der vergangenen Nacht erholen. Das wird mir gut tun und Socke bekommt auch mal wieder etwas Auslauf. Aber wenn ich wieder zurück bin, dann bist du doch noch hier oder?“ Charlotte beugte sich zu Thomas vor. „Na das lasse ich mir nicht entgehen. Denn dann können wir beide später dort weitermachen, wo wir letzte Nacht aufgehört haben“, flüsterte sie ihm ins Ohr, so als sollte es Socke nicht mitbekommen und öffnete mit einem Augenzwinkern den obersten Knopf ihres Hemdes. Charlotte war Anfang dreißig und trug ihre langen dunkelblonden Haare meist zu einem Zopf zusammengebunden. Thomas war mit seinen vierundvierzig Jahren etwas älter als ihre bisherigen Männerbekanntschaften, aber sie mochte seinen Charme, seinen Humor und vor allem seinen Weitblick. Er war einen Kopf größer als sie, hatte breite Schultern und einen trainierten Körper. Thomas wiederum verehrte ihre sympathische, lustige und manchmal jugendlich verspielte Art. Denn sie konnte einem Mann allein mit ihrem Augenaufschlag, den vollen Lippen und einer scheinbar ungewollten Berührung im Handumdrehen den Kopf verdrehen. Da sie neben ihrem Hauptfach Französisch auch Sport unterrichtete, war ihr Körper entsprechend sportlich und jugendlich geformt und ebenso trainiert. Mit den angenehmen Rundungen an den richtigen Stellen, dem flachen Bauch und dem passenden Gesamteindruck war Charlotte für viele Männer mehr als eine Versuchung wert und manch einer hatte schon mit dem Gedanken gespielt, um ihre Hand anzuhalten. Thomas hingegen war dahingehend etwas unverbindlicher, was ihr aber gefiel. Es war ungezwungen und unkompliziert. Beide lebten den Moment. Doch an diesem Tag hatte sie erst einmal keine Zeit für ihren Thomas und musste über den Klausuren ihrer Schüler den Tag verbringen.

Nachdem Thomas den Tisch gedeckt hatte, begrüßten beide den neuen Tag mit einem ausgiebigen Frühstück und ein paar guten Liedern aus dem Radio. Auch Socke bekam hin und wieder etwas vom Tisch der Erwachsenen ab. Nach dem Frühstück ging Charlotte ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, holte einen Stapel Papiere aus ihrer Tasche und schlug die erste Klausur mit einem Seufzer und den Worten: „C‘est la vie“ auf. Währenddessen deckte Thomas den Tisch ab, spülte kurz und sprang danach unter die Dusche. Socke machte derweil ein kurzes Powernapping in seinem Körbchen neben der Eingangstür. Thomas wohnte in einer Dreizimmerwohnung in Düsseldorf Pempelfort. Er hatte sie vor über zehn Jahren, drei Jahre nach seiner Ausbildung und gleichzeitig mit dem Vertrag zur Festanstellung gekauft und war dort sehr glücklich. Sein Schlafzimmer hatte Südostseite, so dass er am Wochenende im Laufe des Vormittags von den warmen Sonnenstrahlen geweckt wurde. Die Fenster lagen in Richtung der Parkanlage Hofgarten und die Wohnung war damit ein Traum für eine Stadtwohnung. Dem Schlafzimmer gegenüber lag das geräumige Badezimmer mit Dusche, Badewanne und einem Fenster in den Innenhof des Hauses. Am Ende des Flures begann der Wohn- und Essbereich mit einem L-förmigen Siematic Küchenblock an der rechten Seitenwand. Thomas liebte es in der Küche zu stehen und mit Freunden zu quatschen oder beim Kochen ein Glas Wein zu trinken. Für ihn war die Küche mit dem kleinen Esstisch der eigentliche Mittelpunkt der Wohnung. Das der Küche gegenüberliegende Wohnzimmer wurde nur an verregneten Tagen zum Lesen eines guten Buches oder für einen kurzweiligen Film genutzt. Am Kopf des Wohn-Essbereichs war noch ein kleiner, spitz zulaufender Büroraum, von dem man aus auf einen rund fünf Quadratmeter großen Balkon heraustreten konnte. In diesem Zimmer füllten Bücher und Leitzordner die großen Wandregale. Der Schreibtisch stand am Fenster und man hatte auch von hier aus einen herrlichen Blick in den Hofgarten, hinunter bis auf den Rhein.

Vor gut vier Monaten hatte Charlotte Thomas eher durch Zufall in Düsseldorf bei einem Altstadtbesuch kennengelernt. Sie war zusammen mit ihren Freundinnen aus Köln für ein Theaterstück nach Düsseldorf gereist. Im Düsseldorfer Schauspielhaus wurde eine Hommage an Goethes Faust gespielt und das wollten sich die jungen Damen nicht entgehen lassen. Danach gingen sie noch auf ein paar Bier in die Düsseldorfer Altstadt. Die Freundinnen hatten bei ihrem nächtlichen Ausflug in „die verbotene Stadt“ verschiedenste Kneipen und Lokale aufgesucht und großen Spaß dabei, ein Kölsch zu bestellen. Die Kellner nahmen es meistens mit Humor, doch der ein oder andere hatte nur Unverständnis für die Damen übrig und war kurz davor, sie des Lokals zu verweisen. Thomas war zur gleichen Zeit mit seinem besten Freund Moritz in der Altstadt unterwegs gewesen. Moritz und Thomas waren nach dem Abitur zusammen nach Düsseldorf gezogen, um dort eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. Nach der Ausbildung verschlug es Moritz für ein Automobilunternehmen nach Köln und Thomas blieb in Düsseldorf. Die beiden heranwachsenden Männer trafen sich regelmäßig auf ein paar Biere oder andere Aktivitäten. Ab und an stießen auch Wolfgang und Karl dazu, welche mittlerweile jedoch in Hamburg und Stuttgart wohnten und es dadurch nicht so regelmäßig einrichten konnten, wie es Moritz und Thomas gerne hätten.

Der Abend des Kennenlernens war eine warme Frühsommernacht im Juni gewesen. Charlotte und ihre Freundinnen machten sich nach der Vorführung auf, die Altstadt zu erkunden und flanierten vom Schauspielhaus aus durch den Hofgarten, am Ratinger Tor vorbei bis sie sich auf der Ratinger Straße an der Hausbrauerei im Füchschen das erste Bier des Abends bestellten. Dort stand man zu später Stunde mit den Bieren auf der Straße und tauschte sich auf Düsseldorfer Art mit allen bisher noch unbekannten Menschen über Gott und die Welt aus. Soziale Phobien und ein „für sich bleiben“ war in den Hausbrauereien zu Düsseldorf noch nie die Devise gewesen. Und so sprach Moritz eines der Mädchen aus Charlottes Gruppe einfach an. Die Gruppen mischten sich und alle kamen ins Gespräch. Ein paar Biere und Lokale später hatte sich bereits herauskristallisiert, dass die Chemie zwischen Charlotte und Thomas zu stimmen schien und man verabredete sich auf ein Doppeldate am nächsten Wochenende. Aber dieses Mal sollte Köln die Stadt der Wahl sein, da bestand Charlotte drauf. Also hatte sich Moritz mit Klara und Thomas mit Charlotte verabredet. Leider musste Klara an diesem Abend kurzfristig wegen einer Erkältung absagen. So wurde es kurzerhand und recht spontan doch nur ein Treffen zwischen Charlotte und Thomas. Charlotte zeigte ihm die schönsten Stellen Kölns, die Märkte und die Rheinpromenade. Am Ende des Abends bekam er sogar ihr Schlafzimmer zu sehen. Und seitdem waren die beiden ein Paar, ohne dass einer von beiden jemals die alles bedeutende Frage gestellt hatte. Sie wussten es einfach und Thomas hatte sich abgewöhnt nachzufragen, ob man nun zusammen sei. Es ergab sich einfach. Dies lag vielleicht an seinen Erfahrungen aus der Vergangenheit oder dem Trend dieser Zeit.

Die erste Begegnung

Als der Herbst 1940 kühler wurde, kamen die vier Freunde immer seltener zum Schwimmen an den See. An einem Tag Ende September wollten sie zum letzten Mal an ihrem Treffpunkt am Ufer des Sees schwimmen gehen. Thomas hatte im Gegensatz zu den anderen noch eine Zusatzstunde in der Arbeitsgemeinschaft Natur und lief danach alleine den Weg von der Schule zum Treffpunkt am See. Als er auf Höhe der NS-Ordensburg Vogelsang war, ein paar Meter weiter als dort, wo er noch vor ein paar Wochen den Kübelwagen beobachtet hatte, blieb er kurz im Wald stehen und hielt einen Moment lang inne. Er hatte weiter hinten im dunklen Wald etwas gesehen, wusste aber nicht genau was es war. Es war etwas Schemenhaftes und er hatte nun das Gefühl, beobachtet zu werden. Er schaute sich um, sah aber nichts mehr. Langsamen Schrittes ging er weiter und verschnaufte etwas. Sein Hemd war leicht angeschwitzt und er selbst leicht außer Atmen. War es nur eine Einbildung gewesen? Denn immerhin war er die ganze Strecke von der Schule hierher im Eiltempo gelaufen und vielleicht war es der langsam anbahnenden Erschöpfung geschuldet, dass er Dinge wahrnahm, die gar nicht existierten.

Doch da war es schon wieder. Eine flüchtige Bewegung im linken Augenwinkel. Er duckte sich, verharrte mit dem Körper in der Deckung eines Gebüschs und mit den Augen auf den Bereich des Waldes gerichtet, in dem er die flüchtige Bewegung gesehen hatte. Es überkam ihm ein leichter Schauer. Menschen können Dinge, die in Bewegung sind, deutlich besser wahrnehmen, als Dinge die stillstehen. Ebenso können Menschen bis zu einhundert verschiedene Grüntöne voneinander unterscheiden. Die Fähigkeit, unterschiedliche Grüntöne und Bewegungen schneller zu erkennen und zu unterscheiden, hat der Mensch noch aus Urzeit und der Jagd zum Überleben geerbt. Damals war der Mensch Selbstversorger und der Mann musste auf der täglichen Jagd Fähigkeiten anwenden und ständig perfektionieren, um dem gejagten Tier überlegen zu sein. Nun war es Thomas, ein Junge von fünfzehn Jahren der instinktiv reagierte und diese unbekannte Bewegung, den Umriss, der nicht zum Rest des Waldes passte, im Augenwinkel bemerkte und sich in eine schützende Lauerstellung begeben hatte. Er wusste nicht, was es war und ob es ihm friedlich oder feindlich gesinnt war. Es war bis jetzt eigentlich ein Tag wie jeder andere gewesen. Ihm schossen tausende Gedanken durch den Kopf. War es vielleicht nur ein Scherz seiner Freunde, die ihn abfangen wollten oder war es ein Tier? Hatte es etwas mit den ungewöhnlichen Vorfällen zu tun, von denen man sich erzählte und die sich ganz in der Nähe der NS-Ordensburg zutragen sollten? Die Rurberger sprachen unter vorgehaltener Hand über Experimente mit Tieren und über die Ausbildung von Spezialkommandos, die sich hinter feindlichen Linien lautlos und unsichtbar durch Wälder und über Felder bewegen könnten. Und Thomas Vater dementierte noch bestätigte er. Er lenkte bei diesen Themen meist schnell ab und überging sie, wenn ihn sein Sohn danach fragte.

Egal was es war, Thomas konnte nicht einfach wie angewurzelt Mitten im Wald herumstehen und darauf warten, dass etwas geschah. Er musste selbst etwas tun und auf diese Situation reagieren. Also dachte er nach und wägte seine Möglichkeiten ab. Wegrennen und eventuell eingeholt werden, wenn es schneller wäre als er? Keine gute Idee. Oder eine bessere Deckung suchen, beobachten und sobald er einen guten Blick auf das unbekannte Objekt erhalten konnte, die Situation neu bewerten? Das wäre eine logische Reaktion. Also schaute er sich um und entdeckte eine vom Wind umgeworfene Fichte. Fichten, die vom Wind umgeworfen werden, hinterlassen durch ihren flachen Wurzelteller ein halbrundes Loch im Erdreich zurück. Denn der Wurzelteller stellt sich wie eine Rückwand dazu auf. In dieses nahegelegene Erdloch wollte sich Thomas retten, den Wurzelteller als Rückendeckung und von dort aus weiter den Wald beobachten.

Das war sein Gedanke. So war sichergestellt, dass er nicht von hinten überrascht werden konnte. „Also bei drei“, dachte er sich. „Eins, Zwei, Drei und LOS!“ Thomas sprang auf und rannte so schnell er konnte. Er schlug wie ein Hase auf der Flucht vor dem Fuchs kleine und größere Haken, versteckte sich immer mal hinter Bäumen und rannte im nächsten Moment weiter. Die letzten zwei Meter rutschte er wie ein Fußballspieler bei einer Blutgrätsche über den Waldboden und erreichte schnell und hoffentlich ungesehen die schützende Erdmulde. Er atmete kurz durch, schaute dann knapp über die Erdkante hinweg und suchte den Wald nach weiteren Bewegungen ab.

Alles blieb ruhig. Er hatte Glück gehabt. Kein wildes Tier und keine dunkle Gestalt, die von seiner Aktivität aufgeschreckt worden war und nun auf ihn zulief. Thomas war sichtlich erleichtert und atmete erstmal durch. Es dauerte knapp fünf Minuten, da erspähte er in circa vierzig Metern Entfernung eine Bewegung im Unterholz. Thomas fühlte sich in Sicherheit und spionierte aus der Senke heraus nach. Er erkannte eine Gestalt. Sie ging auf die Stelle zu, an der Thomas anfangs verharrt hatte, bevor er sich zur umgeworfenen Fichte in Sicherheit gebracht hatte. Die Gestalt stoppte rund zwanzig Meter vor seiner aktuellen Position, drehte sich suchend um und bog nach einer kurzen Weile in Richtung Ordensburg ab. Als die Gestalt dort stand und suchend umherschaute, konnte Thomas erkennen, dass es sich dabei um einen Menschen in gedeckter, sich kaum vom Wald zu unterscheidender Kleidung handelte. Sie hatte ein Gewehr geschultert und einen kleinen Rucksack auf dem Rücken. Jedoch konnte er keine Abzeichen oder Symbole erkennen, die üblicherweise an Soldaten zu erkennen waren. Thomas verharrte nachdem die Person aus seinem Blickfeld verschwunden war noch weitere zehn Minuten in der Grube, bevor er sich in geduckter Haltung weiter in Richtung seiner Freunde aufmachte. Sein Herz raste bei dem Gedanken an diese Gestalt und dass sie ihn im ersten Moment offensichtlich gesehen und danach sogar nach ihm gesucht hatte. Er wusste nicht, was die Person vorgehabt hatte oder was sie von ihm wollte. War es ein Feind hinter den deutschen Linien, welcher die NS-Ordensburg Vogelsang auskundschaften sollte oder war es ein deutscher Soldat beim Training oder war es etwas ganz anderes? Als Thomas seine Freunde erreichte, war er sichtlich erleichtert. Er erzählte den anderen Jungen jedoch erstmal nichts von dem Vorfall, auch wenn er es kaum aushalten konnte. Es schien alles so unwirklich. Bevor er etwas darüber erzählen würde, wollte er sich selber über alles im Klaren sein. Sonst hieß es nachher noch, er sei ein Spinner oder Angsthase. Dem wollte er vorbeugen und deshalb behielt er seine unheimliche Begegnung erst einmal für sich.

An diesem Tag konnte er sich kaum von den Gedanken an die Geschehnisse im Waldstück vor der Ordensburg trennen und deshalb die Zeit mit seinen Freunden nicht so unbeschwert genießen wie gewohnt. Moritz bemerkte Thomas Abwesenheit und als die beiden mit etwas Abstand zu den anderen am Ufer standen, stupste er ihn an. Moritz fragte: „Was ist denn heute mit dir los? Du bist ganz anders als noch vor zwei Stunden in der Schule.“ Thomas entgegnete: „Die Zusatzstunde in der Schule war ziemlich anstrengend und ich habe mir wohl beim Laufen den Knöchel leicht verdreht.“ Er strich sich über den Fuß. „Sonst ist aber nichts Weltbewegendes passiert“, versicherte er ihm. Da er merkte, dass Moritz dies nicht überzeugte, legte er nach: „Ich habe Ruth heute wiedergesehen. Sie saß alleine auf einer Bank, als ich mich auf den Weg zu euch gemacht habe. Ich war so kurz davor sie anzusprechen.“ Und dabei hielt er seinen Daumen und Zeigefinger ganz nah aneinander. „Ich habe mich aber mal wieder nicht getraut. Wir haben uns nur angelächelt und leider kein Wort gewechselt“, sagte Thomas zu seinem besten Freund, um ein wenig von seiner Abwesenheit abzulenken. „Oh Mann, du bist mir einer“, lachte Moritz. „So schaffst du es nie ihr näher zu kommen und deinen ersten Kuss abzustauben.“ Thomas wurde ganz rot und verlegen. „Warte nur ab, ich schaffe das schon. Ich bekomme meinen ersten Kuss noch eher als du deinen“, dabei klopfte er Moritz auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. „Nächste Woche auf dem Schulausflug werde ich ihr meine Gefühle offenbaren und ihr ein Edelweiß schenken. Das habe ich in den Sommerferien beim Bergsteigen mit meinem Vater gepflückt. Du wirst schon sehen, das wird sie bestimmt beeindrucken und alles wird sich fügen. Da bin ich mir sicher.“ Thomas Gottvertrauen in den Lauf des Lebens und seine unbeschwerte Gedankenwelt waren für ihn bisher immer ein Selbstverständnis gewesen. Ihm war selten etwas Schlechtes wiederfahren und mit Ausnahme des Unglücks seiner Schwester Christel, konnte er sich nicht daran erinnern jemals geweint zu haben. Diese Charakterzüge zeichneten Thomas in der Gruppe aus. Er war durch und durch ein Optimist.

Dies war bei Moritz jedoch ganz anders. Er war der Sohn eines Polizisten und hatte den Berichten und Erfahrungen seines Vaters immer wachsam zugehört. Dadurch kannte Moritz auch die dunklen Seiten des Lebens. Er hatte von bösen Menschen und schlimmen Unfällen gehört. Im Vergleich zu Thomas war er deutlich ängstlicher und vorsichtiger. Auch wenn sich Moritz öfters mit anderen Jungen prügelte, um seine Stärke zu beweisen, wählte er sich seine Gegner im Vorfeld sorgfältig aus. Wenn man die beiden Persönlichkeiten miteinander vergleichen wollte, könnte man es so ausdrücken: Thomas war jemand, der mit seinem Optimismus das Flugzeug hätte erfinden können. Moritz hingegen hätte für diesen Fall den Fallschirm erfunden. Gerade diese Mischung der beiden unterschiedlichen Charaktere machte die Verbindung so fruchtbar. Die beiden anderen Jungen tickten nochmal ganz anders. Wolfgang, der Sohn eines Bäckers und Karl, der Sohn eines Funktionärs wurden durch ihre Eltern, die mit Leib und Seele in der Partei waren, sehr stark ideologisch geprägt. Karl und Wolfgang passten mit manchen Ansichten und Vorstellungen des Lebens nicht mehr ganz zu den zum Teil noch kindlichen Gedankenwelten der beiden anderen. Aber die vier Jungen hatten alle eine große Lebenslust, die sie miteinander verband. Ihre Fantasie für Spiele im Wald, am See und in der Stadt war so ausgeprägt, dass sie oft die Zeit vergaßen und weit länger spielten, als es ihre Eltern erlaubt hatten. Eines Tages war es sogar vorgekommen, dass es schon deutlich später als vereinbart war und sich die Eltern der Vier so große Sorgen machten, dass sie gemeinsam auf die Suche gingen. Sie fanden die Jungen mit einem selbst gebauten Holzfloß auf dem nahe gelegenen Eiserbachsee, einem durch eine Stauanlage von der Rur abgetrennten Flußarm. Die Jungs hatten damals die Zeit vergessen und spielten regelrecht im Rausch der Fantasie an ihrem Projekt. An diesem Abend bekamen sie alle ziemlichen Ärger, mit Ausnahme von Thomas. Denn sein Vater ermahnte ihn zwar, das nächste Mal besser auf die Zeit zu achten, erkannte jedoch auch mit Respekt und einem inneren Lächeln die Arbeitsleistung und Kreativität der Jungen an. Sie hatten sich aus dem Nichts und ohne fremde Hilfe ein funktionierendes und schwimmendes Floß gebaut. Zudem erstaunte ihn die Weitsicht, dass sie sich nicht die fließende Rur mit ihren gefährlichen Strömungen und Sögen sondern den ruhigen und abgetrennten Flussarm für ihr Spiel ausgesucht hatten. Anerkennung und Respekt für gute Ideen und Verhaltensweisen waren für Thomas Vater ein wichtiges Instrument für Thomas Erziehung. Denn wenn Vater und Sohn über die bestehenden Gefahren sprachen, ohne sich dabei zu streiten oder den anderen herabzusetzen, lernte der Junge mehr davon, als wenn sie im Streit auseinandergegangen wären. Und auf diese Weise wuchs Thomas in einer gesunden und nährenden Beziehung zu seinen Eltern auf. Ein in der richtigen Weise geführter und im gesunden Maße angewandter Dialog ist oft besser als elterliche Schelte und Strafe.

Der Schulausflug

Eigentlich war geplant, dass die neunte und zehnte Stufe des Volksgymnasiums ihren diesjährigen Schulausflug am ersten November in den rund eineinhalb Stunden entfernten Düsseldorfer Zoo machen sollte. Das Busunternehmen war seit Frühjahr gebucht und die Kinder hatten sich gefreut. Doch begannen seit dem 15. Mai 1940 die Bombardements der britischen Royal Air Force auf Düsseldorf und nahmen in den Folgemonaten immer weiter zu. Düsseldorf war in dieser Zeit eine Stadt der Industrie und der Verwaltung, manche nannten sie auch den Schreibtisch des Ruhrgebiets. Diese Bedeutung erkannten die Briten schnell und weiteten den Luftkrieg so weit aus, dass die Bomber die wichtigsten Ballungszentren des Deutschen Reiches, darunter auch Düsseldorf, erreichten.

Aus diesem Grund war das Ziel des Schulausfluges geändert worden und die Jungen und Mädchen des Volksgymnasiums besuchten die nahe gelegene Abtei Mariawald. Das Trappistenkloster mit selbstbetriebener Likörfabrik lag südlich des Städtchens Heimbach in der Rureifel und war rund eine halbe Stunde Busfahrt von Rurberg entfernt.

Die vier Jungs besetzten die hintere Rückbank des Busses und spielten die ganze Fahrt über mit einem Flugzeug-Quartett. Alle vier hatten großen Spaß an diesem Ausflug, da sie sich erhofften, etwas Likör probieren zu dürfen. Thomas war der einzige, der dem Ausflug mit leicht angespannten Nerven entgegenschaute, da er sich neben der Besichtigung des Klosters und dem Likör noch eine andere Tagesaufgabe gesetzt hatte. Er hatte schon länger ein Auge auf ein Mädchen aus der Schule geworfen und ihm wurde immer ganz mulmig, wenn sie in seiner Nähe war. Er wollte Ruth endlich ansprechen und ihr einen Beweis seiner Zuneigung schenken. Doch dies, so plante er, sollte in dem richtigen Moment und ohne viele Zuschauer passieren. Diesen abzupassen und dabei nicht allzu großes Aufsehen zu erregen, machten ihm in diesem Moment jedoch größere Sorgen als im Quartett gegen seine Freunde zu verlieren oder an diesem Tag doch keinen Likör trinken zu können. Ruth war ein Mädchen aus der Parallelklasse und die beiden waren sich schon länger sympathisch. Jedes Mal wenn Ruth ihn sah, setzte sie ein glückliches Gesicht auf. Die anderen Mädchen tuschelten schon und jeder in der Stufe bemerkte, dass sich die beiden füreinander interessierten. Doch war es keinem bisher gelungen, den anderen anzusprechen und das Offensichtliche einzugestehen.

Der Parkplatz lag westlich neben dem Kloster und der Busfahrer stellte den Bus auf einem der ersten Plätze ab. Die Lehrerin der Parallelklasse, welche als Ausflugsleiterin auserkoren war, rief alle Kinder in zwei Reihen vor den Bus zum Appell, damit sie durchzählen konnte. Karl, Wolfgang, Moritz und Thomas standen in der zweiten Reihe und Ruth mit ihren Freundinnen leicht versetzt vor ihnen in der ersten Reihe. Alle Kinder waren vollzählig anwesend und die Lehrerin erklärte den heutigen Ablauf. Die Gruppe von dreißig Schülerinnen und Schülern wurde in drei Zehnergruppen aufgeteilt, welche je von einem Mönch durch das Kloster geleitet wurden und dabei Informationen zur Geschichte des Klosters und der Likörfabrik erhielten. Im Nachgang zu diesem Ausflug musste jeder einen kurzen Aufsatz über das Kloster schreiben und am nächsten Tag abgeben. Die vier Jungen wurden wie durch Gottes Fügung zusammen mit Ruth und ihren Freundinnen in die gleiche Gruppe abgezählt. Sie folgten der Lehrerin durch das dunkelrote Tor und betraten den Vorhof, in dem bereits drei Mönche auf sie warteten. Es waren zwei relativ drahtige Mönche, denen man den Verzicht und das Gebet regelrecht ansah. Der dritte Mönch war untersetzt und hatte kirschrote Wangen. „Der da hat wohl zu oft am Likör genascht“, flüsterte einer der Schüler etwas zu laut durch ...

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