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Wahrnehmungen und Einschätzungen

Zum Autor:

1932 geboren und aufgewachsen in Hannover, verbrachte der Autor infolge der kriegsbedingten Zerstörungen mehrere Jahre in verschiedenen Orten und Städten Niedersachsens.

Nach einer schweren Erkrankung an Kinderlähmung 1948 legte er 1951 die Abiturprüfung ab. Er konvertierte zur Kath. Kirche und begann sein Studium der Philologie, Geschichte, Geographie, Philosophie, Theologie und Pädagogik an der Universität Göttingen. Später wechselte er an die Universität Hamburg. Er legte drei Staatsexamina für die Lehrämter an Volks-und Realschulen sowie an Gymnasien ab.

Um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu sichern, unterbrach er mehrfach das Studium für Erwerbstätigkeit in Verwaltungen von Industrie und Behörden. 1962 begann er seinen Dienst als Lehrer im katholischen Schuldienst in Hamburg an der Haupt- und Realschule St. Marien (heute Domschule), wechselte einige Jahre später an das Sankt-Ansgar-Gymnasium und beendete dort 1992 seine Tätigkeit als Studiendirektor.

1983 promovierte er zum Dr. phil. über die Geschichte der katholischen Schulen in Hamburg bis zu ihrer Auflösung durch das NS-Regime 1939. Seit 1984 ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins für kath. Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein. Seit 1995 ist er ehrenamtlich in der Polio-Selbsthilfe tätig.

Nach der Eheschließung im Jahr 1955 ist er seit 2005 verwitwet und allein lebend. Er hat vier erwachsene Kinder und sieben Enkel.

Günter Dörnte

Wahrnehmungen und Einschätzungen

Ein autobiografischer Rückblick

www.tredition.de

Für Helga

Inhaltsverzeichnis

1.   Vorwort

2.   Prolog

3.   Abstammung

4.   Elternhaus

5.   Großeltern

6.   Verwandtschaft

7.   Politisches

8.   Tante-Emma-Laden

9.   Parteiwillkür

10. „Vier Zimmer, Küche, Bad, Balkon“

11. Schulkind

12. Religiöses

13. Bildungsziele

14. Höhere Schule – erster Teil

15. Hitler-Jugend

16. Göttinger Episode

17. Kinderlandverschickung

18. Nenndorfer Schulexil

19. Krieg

20. Befreiung

21. Zwangskonfirmation

22. Höhere Schule – letzter Teil

23. Emanzipation statt Pubertät

24. Konversion

25. Emigration?

26. Schwerbehindert

27. Studium

28. Nicht mehr allein

29. Studentenehe

30. Abgesang einer Familie

31. Hamburger Familie

32. Umbruchsjahre

33. Volks- und Realschullehrer

34. Gymnasiallehrer

35. Freundschaften

36. Wieder allein

37. Das Leben ist gefährlich, aber schön

38. Epilog

39. Letzte Gedanken

Anhang

Mein christliches Glaubensbekenntnis

10 Gedankenschritte zum Fragenkomplex „Glauben und Wissen“

Innere Lebenshaltung

Maxime der ehelichen Liebe

Mein „pädagogisches Glaubensbekenntnis“

Katholische Schule

Charakteristische Vorzüge der heutigen/hiesigen Gesellschaft

Soziokulturelle Symptome des begonnenen 21. Jahrhunderts

Impressionen eines Rollstuhlfahrers in den USA

Impressionen eines Rollstuhlfahrers in Rußland

Impressionen eines Rollstuhlfahrers in der Türkei

Der Autor und seine Ehefrau

1.    Vorwort

Schon seit langem haben mich eine Reihe Näherstehender wie auch etliche Fernerstehende angeregt bis aufgefordert, meine verschiedenartigen Lebenserinnerungen – Wahrnehmungen und Einschätzungen – schriftlich festzuhalten und auf diese Weise vielleicht interessierten Nachkommenden nicht vorzuenthalten.

Bei einem solchen Unterfangen versteht es sich von selbst, daß die dargelegten Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken sehr subjektiven Charakters sind, denn sie können nur begrenzt den Anspruch erheben, reflektierende objektive Aussagen über Zeit, Raum und Personen in der durchlebten Sozialisation zu machen.

Dabei muß ich mich dazu bekennen, daß mein Erinnerungsvermögen offensichtlich bis heute sehr gut bestellt ist. Mit geradezu fotografischer Präsenz versorgt mich mein Gedächtnis zurück bis in die Anfänge meines dritten Lebensjahres (1934). Dennoch muß vieles an Erlebnissen und Begegnungen und deren Verarbeitung bei der Niederschrift auf der Strecke bleiben, wiewohl es in meinem eigenen Gedankenschatz weiterlebt. Hinzukommt: Fakten lassen sich relativ leicht berichten, Stimmungen, Atmosphäre und Milieu dagegen kann man nur sehr eingeschränkt verbal oder schriftlich vermitteln.

Ich berichte nicht nur, sondern werte auch: Ich beurteile nach bestem Wissen und Gewissen Personen in ihrem Verhalten, niemals aber verurteile ich Menschen. Ich maße mir dies nicht an, denn dafür halte ich mich nicht autorisiert, das überlasse ich grundsätzlich einem ontologisch Höherem.

Meine Darlegung in den einzelnen Kapiteln habe ich nach Umfang und Zielsetzung unter zwei Aspekten gewichtet:

  1. unter Einschätzung des potentiellen Lesers, der einer nachgewachsenen Generation zuzurechnen ist und an einer authentischen Überlieferung der faktischen Erlebnisse eines Zeitzeugen einer vergangenen Zeit interessiert ist;

  2. unter dem eigenen Anspruch, Einsichten zu lebenswichtigen Koordinaten nicht für sich zu behalten.

Eine konsequente Gliederung der Niederschrift nach chronologischer Abfolge oder nach sachlicher Zusammenfassung erwies sich leider als ungeeignet, da sich beide Aspekte immer wieder durchdringen. Im Anhang finden sich Kostproben aus dem Fundus meiner thematisch bezogenen Einlassungen, zum Teil erwachsen aus meiner Unterrichtstätigkeit, vor allem, weil sie einen eigenen Bezug zu meiner Person aufweisen.

Wer mich wirklich kennenlernen möchte, den bitte ich, seine Lektüre der Reihe nach ganz bis zum Schluss einschließlich der im Anhang beigefügten Texte vorzunehmen. Anderenfalls könnten sich leicht falsifizierende Lücken ergeben.

Die Widmung meines Rückblicks ist zugedacht allen meinen Nachkommen, die sich für mich interessieren, meinem mir verbundenen Bruder und ehemaligen Schülern und Schülerinnen, die mir zugetan sind.

Nach Sachlage und persönlichem Interesse hat der Autor diese Schrift nicht mit Blick auf die breite Öffentlichkeit verfaßt. Dennoch gibt es keinen Grund, sie geheimzuhalten.

Mein herzlicher Dank gilt einem ehemaligen Schüler und schon seit langem lieben Freund für das Gelingen dieses Projektes. Mit seinem unermüdlichen und perfektionistischen Arbeitseifer hat er vom Korrekturlesen über die Computerbearbeitung bis zur technischen Druckausfertigung die Realisierung des Vorhabens einschneidend begleitet und in der vorliegenden Form erst ermöglicht.

2.    Prolog

Es mag eine Verstehenshilfe für den Interessierten sein, wenn ich die drei fundamentalen Schlüsselereignisse vorab benenne, die die Entwicklung und Gestaltung meines Lebensablaufs maßgeblich bestimmt haben.

  1. Die Kenntnis der menschenverachtenden Barbarei des nationalsozialistischen Systems, die eigenen Erfahrungen mit diesem System und ein nicht durchgängig harmonisches Elternhaus haben mich in einem geradezu unnatürlichen Alter schon als Kind auf die rückhaltlose Suche nach einer verläßlichen und lebenswerten Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Daseins im allgemeinen und meiner eigenen personalen Existenz gebracht. Die Konsequenz war meine Konversion: mit 19 Jahren wurde ich katholischer Christ. Seither ist der menschgewordene Gottessohn, Jesus von Nazareth, die spirituelle Mitte meines Lebens.

  2. Die Begegnung und das kontinuierliche Zusammenwachsen mit meiner Ehefrau Helga bis zu ihrem Tod vor nunmehr zehn Jahren haben bewirkt, daß sie die psychomentale Mitte meines Lebens war und ist. 57 Jahre durften wir einander kennen, 50 Jahre miteinander den Ehebund leben und Familie üben.

  3. Im Alter von 16 Jahren wurde ich durch Poliomyelitis (Kinderlähmung) ein Schwerbehinderter für den großen Rest meines Lebens. Dies zu akzeptieren – und nicht nur zu tolerieren –, hat gewiß meine Persönlichkeit wesentlich geprägt, insbesondere im Hinblick auf meine zwischenmenschlichen Verhaltensmuster.

3.    Abstammung

Soweit mir bekannt, stammen alle meine Vorfahren aus der ländlichen Bevölkerung des nördlichen und westlichen Harzvorlandes im südlichen Niedersachsen. Meine Mutter Erna Schäfer war noch unmittelbar eine Bauerntochter (aus Mengershausen im Kreis Göttingen). Die Dörntes waren zum Teil Großbauern, zum Teil arme Heuerleute („Tagelöhner“, d. h. Landarbeiter in unsicherem Abhängigkeitsverhältnis) mit handwerklichem Nebenerwerb (z. B. „Flickschuster“).

Meine Urgroßeltern Dörnte kamen in den 1870er Jahren zu Fuß von Moringen (Kreis Northeim) als Proletarier (unausgebildeter Gelegenheitsarbeiter, Frau und Kinder als Tagelöhner bei Bauern, Wasch- und Putzfrau) in die aufstrebende Industrieregion Hannover.

Mein Großvater August Dörnte erlernte trotz widriger Familienumstände (früher Tod seines Vaters, dramatische Verarmung seiner kinderreichen verwitweten Mutter) als erster meiner Vorfahren und als einziger seiner Geschwister regulär einen Beruf, das Schmiedehandwerk. Er war sein Leben lang Industriearbeiter mit schwerer körperlicher Belastung.

Mit seinem Sohn, meinem Vater Arthur Dörnte als Technischem Zeichner, der zum Betriebsingenieur und später zum Direktionssekretär avanzierte, und mir als Werkstudent waren insgesamt vier Generationen Dörnte der damals bedeutenden Schwerindustriefirma HANOMAG in Hannover verbunden. Die Abstammungswurzeln meiner Großmutter Ida Dörnte, geb. Ohlhorst, weisen auf Derneburg (Kreis Hildesheim) zurück, woher auch ein Teil der Vorfahren meiner Ehefrau Helga stammen.

Unser Familienname „Dörnte“ steht sehr wahrscheinlich in Verbindung mit dem Ortsteilnamen „Dörnten“ (Gemeinde Liebenburg im heutigen Kreis Goslar, Niedersachsen). Dessen Bedeutung geht zurück auf ein von einem zum Schutz gegen Wölfe angelegten Dornwall umgebenes Gehöft bzw. Dorf, das erstmals 1053 als „Dornzuni“ (svw. Dornzaun) urkundlich erwähnt wurde. In späterer Zeit gab es Adelige in der Vorharzgegend mit Namen derer „von Dorntune“.

Gemäß mündlicher Überlieferung finden sich in der Abstammung meiner Ehefrau Helga, geborene Wittenberg, väterlicherseits auch russische Vorfahren im südniedersächsischen Harzvorland und mütterlicherseits auch niederländisch-jüdische Vorfahren im westniedersächsischen Emsland. Dies hat sich in den Familiennamen „Gerlof“ und „Kohnen“ manifestiert.

4.    Elternhaus

In meinem Geburtsjahr 1932 waren meine beiden Elternteile jeweils 30 Jahre alt. Meine Mutter hatte es nach eigenem Bekunden bedauert, daß sie die ersten fünf Jahre der Ehe kinderlos geblieben war. Umso mehr habe sie meine Ankunft freudig begrüßt, mein Vater, zur Zeit noch dazu arbeitslos, betrachtete sie wohl eher sorgenvoll im Hinblick auf die finanzielle Versorgung der gewachsenen Familie.

Überhaupt spielte die Mutter im ganzen die dominierende Rolle, was ebenso durch ihr Naturell wie durch die Struktur der Partnerschaft erklärbar erscheint. Beide hatten zweifelsohne recht positive Eigenschaften in ihren Charakteren aufzuweisen wie geistige Offenheit für das reale Geschehen um sie herum, nie ermüdender Fleiß im Zupacken anfallender Arbeit ohne Rücksicht auf hierbei geforderte Kraftanstrengung, zähes Durchhaltevermögen oder auch Schmutz- und Dreckbelastung. Beide zeigten generell flexible, unkomplizierte Hilfsbereitschaft. Gemeinsam war ihnen der genießende Blick auf Natur und Landschaften. Ökologisches Denken und Verhalten waren Selbstverständlichkeiten.

Solche Symptome schlugen sich auch auf meine positive Entwicklung in der Kindheit nieder. So muß ich diese im ganzen eigentlich – zusammengenommen mit der mir erwiesenen elterlichen Fürsorge mit Behausung, Ernährung, Kleidung, Pflege, Ordnung, Bewegung (Wandern), Beschäftigung (Spielzeugvielfalt) – als gut und schön quittieren, wofür ich wirklich dankbar bin. Dennoch war sie nicht kindgemäß sorgenfrei, sondern auch von innerfamiliären Problemen überschattet, die sich als nicht dauerhaft überwindbar erweisen sollten.

Meine Mutter (1902-1962) war als überraschender Nachkömmling einer Bauernfamilie mit insgesamt 7 Kindern (davon 2 früh verstorben) im Dorf Mengershausen (Kreis Göttingen, Süd-Niedersachsen) von den anderen Familienmitgliedern nicht allgemein positiv erwartet worden, so daß dem Erzählen nach ihre Mutter sie in ihre besondere, aber etwas einseitige Obhut nehmen mußte. Deren Krebstod (60jährig 1920) stürzte daher die 18 jährige in eine existentielle Panik und Depression, zumal ihr ältester Bruder, der jungverheiratete Hoferbe, sie wohl ungern weiter im Familienbetrieb duldete. Ihr Wunsch nach einer Berufsausbildung zur Krankenschwester und Hebamme blieb ihr versagt, da ihr Vater eine solche als überflüssige und unrentable Investition in eine heiratsfähige Bauersfrau betrachtete.

Statt dessen absolvierte meine Mutter ein hauswirtschaftliches Praktikum auf einem nahen Rittergut und siedelte anschließend in die damalige Provinzhauptstadt Hannover über, wo sie sich nacheinander in zwei jüdischen Akademiker-Familienhaushalten als Dienstmädchen verdingte, bevor sie als anzulernende Näherin in einem ebenfalls jüdischen Familienunternehmen eine Anstellung fand.

Mein Vater (1902-1997) war als einziger Sohn in Hannover, genauer: in dem damals noch nicht eingemeindeten Dorf Ricklingen geboren worden, wo schon sein Vater, also mein Großvater, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen war.

Nach damaliger Vorschule (kostenpflichtige 3jährige Grundschule) und abgebrochenem Realgymnasium begann mein Vater eine Lehre als Technischer Zeichner in der schwerindustriellen Firma HANOMAG. Hier eignete er sich in diversen Werkstätten vielseitige Kenntnisse an, mit denen er dieser Firma in „unverbrüchlicher Nibelungentreue“ bis zu deren Liquidation verbunden blieb, später am Reißbrett im Konstruktionsbüro, während des 2. Weltkriegs als Betriebsingenieur vor allem in der Normierung des gefertigten Kriegsmaterials und danach als Direktionssekretär. Allerdings gab es zwischendurch mehrere Entlassungszeiten, maßgeblich bedingt durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, währenddessen er sich in freien (Abend-)Schulen zeichnerisch, handwerklich und technisch weiterbildete. 1926 war er sogar im fernen Schlesien ein Jahr lang als Reisevertreter eines Schuhmacher-Bedarfsartikel-Großhandels per Fahrrad unterwegs.

Von Natur vielseitig begabt, war mein Vater von gutwilliger Naivität und durch eine gewisse nervöse Unstetigkeit gekennzeichnet, andererseits wirkte er oft auch etwas umständlich. Seine Reifeentwicklung erschien retardiert, so daß sein Sozialverhalten selbst im hohen Alter gelegentlich noch pubertär anmutete, wodurch er allerdings auch nie senil erschien. Er blühte geradezu auf im Bestehen von Unbilden der Witterung oder der Natur (Gewitter, Sturm, Kletterpartien u.a.). Dabei spiegelte er sich selbst sozusagen als starken Naturburschen.

Es mangelte meinem Vater auffällig an Geduld, statt dessen neigte er zu plötzlich ausbrechendem Jähzorn mit unkalkuliertem Risiko. Kritik an sich selbst konnte er nur schwer ertragen. Daher mühte er sich gegenüber „Respektpersonen“ geflissentlich um zur Schau getragenes Wohlverhalten. Dann ließ er sich leicht überreden und auch ausnutzen (von seinen vermeintlichen „Freunden und Gönnern“).

Andererseits sinnierte mein Vater verbissen nach dem „Schuldigen“, wenn ihm etwas nicht wie gewünscht gelungen war. Wenn er mal – was höchst selten vorkam – erkrankt war, empfand er dies als persönliche Beleidigung und grübelte nach dem, der ihm das „angehext“ hatte. Gar nicht konnte er sachgerecht mit Krisen irgendwelcher Art umgehen; anstatt sich ihnen zu stellen und sie zu analysieren, suchte er Vergessen in der Flucht davor, im großen wie im kleinen. Insgesamt fehlte ihm ungeachtet seiner äußerlich intendierten Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit die mentalpsychische Mitte einer gereiften Persönlichkeit mit ausgewogenem Selbstwert-Bewußtsein und -Gefühl.

Mit Geld konnte mein Vater leider gar nicht sinnvoll umgehen. Wieviel er auch – immer nur ehrlich – verdient hatte, zerrann ihm alles unter den Fingern, ohne daß er selbst einen angemessenen Nutzen davon gehabt hätte. Dabei waren sein Einkommen bis zur Rente und infolgedessen auch diese selbst bemerkenswert gestiegen. Das war unter meinen Eltern immer ein Streitobjekt. Meine Mutter hatte das Finanzressort wohl von Anfang an völlig okkupiert; sonst wären Versorgungsnotstand und Familieninsolvenz bei uns kontinuierlich Alltag gewesen.

Wir haben alle unseren individuellen Charakter als Produkt aus unseren Genen (dem Naturell auf Grund des Erbguts) und den vielfältigen Prägungen aus Erziehung, ökologischem und sozialem Umfeld und nicht zuletzt aus dem eigenen Wollen und Tun (Selbsterziehung aus mehr oder weniger Selbstreflexion). So ist sicherlich auch das Wesen meiner Mutter auf diesem Hintergrund zu begreifen. Jedenfalls schätze ich sie als von der Natur intellektuell etwas, wohl nicht gravierend mehr ausgestattet als meinen Vater ein, und das nicht bloß, weil ihr noch erhaltenes Zeugnisheft der 8jährigen preußischen Dorf-Volksschule nur Bestleistungen attestiert, während von meinem Vater kein einziges Zeugnis mit Notenbewertung je zu sehen war.

Meine Mutter war entscheidend gesteuert durch ihre ausgeprägte Egozentrik (nicht gleichbedeutend mit Egoismus) und bestimmt durch ihren unglücklichen Zug zur Launenhaftigkeit. Sie wirkte oft „himmelhochjauchzend“ voller Lebenslust, und dann stellte sie sich selbst immer wieder „zu Tode betrübt“ depressiv beleidigt dar und steigerte sich in eine Opferrolle, die ihr familiäres Umfeld, also auch mich schon von Kleinkindesbeinen an, massiv auf die Schuldnerrolle verwies, was ich dann als trübnistreibenden Psychoterror empfand.

In Wirklichkeit provozierte ihr unberechenbares Verhaltensmuster immer wieder über kurz oder lang Konfliktsituationen und Streitzustände von unterschiedlicher Dauer und Intensivität. Krankhaftes Mißtrauen, Verlustängste, Eifersucht, selbstgefällige Rechthaberei und eine rigide haushälterische Sparsamkeit – mindestens partiell an der Grenze zum Geiz – trugen, wenn auch nicht kontinuierlich, über die Jahre immer mehr zur Vergiftung der Familienatmosphäre bei.

Schränke, Schubladen und wenig benutzte Zimmer hielt sie unter ihrem sicheren Verschluß und das Schlüsselbund dafür unter steter Bewachung bei sich. Den Vater ließ seine Neigung zum Eskapismus ausweichen in verschiedene Vereinsaktivitäten (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Stenographie, Alpenverein, Fotografie), durch die er Anerkennung außerhalb des Hauses fand.

Die so gekennzeichneten Eigenschaften des Charakters sowie Aktion und Reaktion von Vater und Mutter machten für mich als Kind das Leben in der Familie permanent unkalkulierbar und lasteten trotz der grundsätzlichen Zuwendung von seiten meiner Eltern auf meiner Kinderseele.

Freudige Erlebnisse waren hingegen gemeinsame Ausflüge mit Fahrrädern oder mit dem Beiwagen-Motorrad in die nach allen Himmelsrichtungen hin landschaftlich ansprechende Umgebung Hannovers und Sommerferien an der Ostsee (Lübecker Bucht 1935-1940).

Am anregendsten für Geist und Gemüt aber waren mir die unzähligen, meist werktäglichen Besuche – besser: Aufenthalte – im Zoo, die mir in stundenlanger mußevoller Beobachtung profunde Kenntnisse über die Tierwelt sowie das Verhalten und die Pflege der Tiere zugänglich machten. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß ich einen Teil meiner Kindheit im alten hannoverschen Zoo zugebracht habe (Bombenzerstörung 1943-1945). Im übrigen war dies das billigste Vergnügen dank Familienjahreskarte.

Aus dem Dargelegten wird wohl nachvollziehbar, daß ich keineswegs ein schlechtes, aber doch für mich als Kind schon sehr früh als streckenweise recht schwieriges, atmosphärisch nicht verläßliches, ja als belastend wahrgenommenes Elternhaus gehabt habe. Ein Urvertrauen zu Vater und Mutter ist in mir teilweise nur auf Sparflamme entfacht worden bzw. unnatürlicherweise allzu früh abhanden gekommen. Bereits im Alter von sieben bis acht Jahren reifte daher in mir der Entschluß, mich innerlich von meinen Eltern lösen zu wollen, wiewohl ich selbstverständlich nicht wissen konnte, wie das geschehen solle.

5.    Großeltern

Zu meiner elterlichen Familie muß ich unbedingt meine Großeltern zählen. Bis zur späten Geburt meines Bruders 1943 war ich ihr einziger Enkel, dem sie mit viel Liebe und Wohlwollen ihre Zuwendung schenkten. Sie bewohnten eine für ihre Verhältnisse sehr geräumige Mietwohnung in Hannover-Ricklingen, ca. 3 km von der meiner Eltern entfernt.

Bis 1930, 1932-1935, 1937 und wieder ab 1945 sind meine Großeltern zusammengerückt und haben Sohn, Schwiegertochter und Kinder jeweils wieder bei sich aufgenommen. Aber auch sonst wurde eine intensive Gemeinsamkeit gepflegt. Offenbar mit viel Großmut haben sie die zuweilen anstrengende Art ihrer Schwiegertochter ertragen.

Diese kleine Großfamilie hatte sich bis zur Zeit meiner Geburt durch Zielstrebigkeit und allseitigen Fleiß gemäß der damaligen Standesgesellschaft aus der Bauern- und Arbeiterschicht in das Kleinbürgertum weiterentwickelt.

Daß ich in meinen Kinderjahren häufig in der Obhut meiner Großeltern war, hat sich für meine Befindlichkeit äußerst angenehm und förderlich ausgewirkt. Bei und zwischen ihnen herrschte eine gleichbleibende Harmonie, die mir Warmherzigkeit, Entspannung, Ausgleich, Anerkennung, Sicherheit, Ruhe und Zufriedenheit spendete. Ohne Anmaßung und Einbildung muß ich gestehen, daß ich doch wohl ein ruhiges und pflegeleichtes, zuweilen sogar ein übertrieben schüchternes (eingeschüchtertes?) Kind war.

Außerdem erfuhr ich den vergleichsweise idyllischen Charakter des dortigen dörflichen Umfelds mit seinen Wiesen, Feldern und Wäldern sowie dem vielfältigen Viehzeug als sehr reizvoll und wohltuend – ein Kontrast zu dem eng bebauten Arbeiterstadtteil Linden-Süd in unmittelbarer Wohnnähe von Schwerindustrie und Hinterhof-Kleinbetrieben mit ihrem undefinierbaren Gemisch von gigantischen Abgas- und Lärm-Emissionen Tag und Nacht.

Besonders mein Großvater August (1876-1954) wurde unausgesprochen in vieler Hinsicht mein Vorbild. Daß ich ihm offenbar auch von Natur aus anlageähnlich bin, ist mir erst viel später bewußt geworden. Er war eine „gestandene“ Persönlichkeit mit wohltuend ausgeglichenem Wesen und Verhalten, einerseits bescheiden, andererseits selbstbewußt sicher auftretend – also ganz anders als sein Sohn, mein Vater.

Mein Großvater hatte die 8jährige Dorf-Volksschule besucht, trotz widriger Umstände seine Handwerkerlehre mit Erfolg abgeschlossen und war zeit seines Arbeiterlebens mit 48-60 Wochenstunden im Akkord in der Dampfhammerschmiede der Firma HANOMAG tätig. Ich habe ihn vielmals bei Schichtwechsel um 14 Uhr am Fabriktor abgeholt und auf dem etwa 3 km langen Heimweg begleitet.

Ungeachtet seiner Schulbildung und der Art seiner Tätigkeit war mein Großvater in erstaunlichem Maße vielseitig informiert. Täglich las er nach Feierabend sehr systematisch und umfassend interessiert die Zeitung, dabei immer mit kritischem Sinn. Privat wie im Kreis seiner Arbeitskollegen waren seine verbalen Einlassungen zurückhaltend, wohlüberlegt dosiert, dann aber bestimmt, so daß er nichts zurücknehmen mußte.

Bezeichnend für ihn war, daß er den ihm betriebsseitig zuerkannten Titel eines „Schirrmeisters“ als nichtssagend nicht schätzte, denn er war und blieb „bekennender Schmied“, d. h. Fachhandwerker mit ordentlich bestandener Gesellenprüfung.

Meine zeitlich weitest zurückzudatierende Erinnerung ist, daß ich – gerade eben zwei Jahre alt geworden – von meiner Großmutter Ida in einer Kinderkarre („Sportkarre“, wie man damals sagte) in Fahrtrichtung sitzend geschoben wurde. Bei einem kurzen Halt startete ich meine vielleicht erste Aufräumaktion: Ich las kleine Steine von dem unbefestigten Gehweg auf und warf sie auf das unmittelbar daneben verlaufende offene Gleisbett der Straßenbahn zurück. Darauf wurde ich von meiner Oma freundlich angewiesen, solches nicht wieder zu tun, da es den vorbeifahrenden Straßenbahnverkehr verunsichern könnte.

In meinem familiären und verwandtschaftlichen Umfeld waren übrigens praktisch alle Nichtraucher, was in jener Zeit eigentlich ungewöhnlich war. Von dieser Tradition bin ich selbst auch nie abgewichen, allerdings habe ich mich auch niemals dazu versucht gefunden. Lediglich mein Patenonkel, der Erbhofbauer in Mengershausen, gönnte sich sonntags nach dem Mittagessen seine allwöchentlich einzige Zigarre.

Alkoholika irgendwelcher Art gab es nicht im Haus. Wein und Spirituosen wurden von den Erwachsenen nur in seltenen Ausnahmen bei Zusammenkünften der Verwandtschaft im Rahmen von Familienfesten konsumiert. Menschen mit regelmäßigen oder zumindest häufigen Trinkgewohnheiten wurden als undisziplinierte Proleten geringgeschätzt.

Allerdings gab es ein eigentümliches Ritual meiner Eltern und Großeltern. Es basierte während des Krieges auf dem Umstand, daß für die Lebensmittel-Rationierung mein Großvater wegen seiner körperlich schweren Arbeitsleistung in der Rüstungsindustrie (Dampfhammerschmiede) eine „Schwerstarbeiter-Zulage“ erhielt. Das bedeutete in der Kategorie „Fleisch-Wurst-Fette“ die doppelte Menge der Bemessung, die wir anderen als „Normalverbraucher“ erhielten. Diesen Zugewinn teilte der Empfänger mit der übrigen kleinen Großfamilie durch ein regelmäßiges Mettessen zu fünft an jedem Freitagabend.

Dazu tranken die Eltern und der Großvater jeweils einen halben Liter Normalbier und die Großmutter die gleiche Menge alkoholfreies Malzbier (niemals mehr!). Dafür gingen Vater und Großvater in die im Nachbarhaus angesiedelte alte Dorfkneipe, jeder der Männer in jeder Hand einen eigenen Deckelkrug tragend. Das Öffnen und Schließen der vielen Türen auf dem Prozessionsweg hin und zurück war deshalb meine Aufgabe, die von klein auf minutiös einroutiniert war.

Auch der Wirt, ein alter Schul- und Spielgenosse meines Großvaters, erledigte seit Jahren wortlos seinen stets gleichen Zapfauftrag („Dreimal hell, einmal dunkel“).

6.    Verwandtschaft

Meine elterliche Familie hatte regelmäßig Kontakt zu den Verwandten im Raum Göttingen. Am wohlsten fühlte ich mich in der Familie meines Patenonkels in Göttingen selbst, weil Onkel und Tante sowie deren einzige Tochter, meine 12 Jahre ältere Cousine, uneingeschränkt Liebe, Verständnis, Fürsorge, Frieden, Humor und damit verläßliche Harmonie ausstrahlten.

Unter den im Dorf Mengershausen lebenden Verwandten war ich immer innerlich verkrampft und im Umgang äußerlich gehemmt, weil ich bei dem geringsten Anschein eines nach Einschätzung meiner Mutter kindlich nicht optimalen Wohlverhaltens mit deren unangenehmer Maßregelung zu rechnen hatte, was zweifellos ihrem Renommierbedürfnis zuzurechnen war. Überhaupt war ihr Reden und Gebaren darauf ausgerichtet, eine heile Welt bei der Darstellung unserer heimischen Familie vorzutäuschen, wozu auch mein Vater in seine Rolle eingeübt war.

Insgesamt hatte ich 3 Cousins (davon 2 früh verstorben) und 8 Cousinen, alle – zum Teil sehr viel – älter als ich. Mit den beiden Cousinen auf dem ursprünglich großelterlichen Bauernhof („nur“ 6 und 8 Jahre älter) hatte ich viel Spaß und Freude, überhaupt zog ich den kindlichen Umgang mit Mädchen dem mit Jungen eindeutig vor, weil mir jene von Natur sanfter und nicht so grobschlächtig wie Jungen vorkamen. Bis heute überlebt hat nur die jüngste Cousine (88jährig). Außer zu ihr und ihrer Familie habe ich noch Kontakt zu zwei Töchtern von Cousinen (eine 86jährig in Brasilien lebend und eine 73jährig in Bad Oldesloe, Schleswig-Holstein).

Zur ebenfalls vielzweigigen Verwandtschaft meines Vaters wurden weit weniger Beziehungen unterhalten. Meine Urgroßmutter Dorothea Dörnte (1850-1938) hatte ich einige Male kurzzeitig gesehen. Auch die Familie eines Cousins meines Vaters, wohnhaft in Hannover, habe ich kennengelernt. Am ehesten gab es gegenseitige Besuche zu einer der beiden Schwestern meiner Großmutter in Hannover. Mit meiner dort verwurzelten Cousine zweiten Grades (lebt 91jährig in Bad Bevensen, Niedersachsen) pflege ich noch einen angenehmen Austausch.

7.    Politisches

„Politik verdirbt den Charakter. Wer anständig bleiben will, kümmert sich nicht darum. Das muß man denen überlassen, die dafür bestellt sind.“ Das war die dazu geäußerte Meinung meiner Großmutter. Die Grundeinstellung meiner Mutter war dem ähnlich.

Meines Vaters politische Haltung erschöpfte sich in Kaiser Wilhelms II. Losung von 1914: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Das heißt: Ein anständiger Mensch denkt und handelt patriotisch national.

Folgerichtig setzte sich mein Vater in seinem Arbeitseinsatz auch kompromißlos für den „Endsieg“ des Großdeutschen Reiches ein, ohne Rücksicht auf fortwährend geleistete unbezahlte Überstunden und dadurch strapaziöse Ausbeutung seiner Kräfte. Die Frage nach Sinn oder Unsinn des von Hitler-Deutschland angezettelten Eroberungskrieges stellte sich ihm dabei nicht.

Andererseits bezeichnete er Braunhemdträger verächtlich als „Goldfasanen“ oder „Kommunisten im Stehkragen“. Anschließend wurde ich immer streng ermahnt, derartige Einlassungen nicht nach außen zu tragen. Die Gefahr der politischen Verfolgung kannte er also schon.

Mein Vater hat es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, jedenfalls nicht würdigend in Erinnerung behalten, wie sein unmittelbarer Vorgesetzter als alter Freimaurer die schützende Hand über ihn gehalten hat, wodurch er nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde („UK gestellt“, d. h. unabkömmlich) und sich angepaßt zeigen konnte (Goldenes Sportabzeichen, Kriegsverdienstkreuz an der „Heimatfront“ der „Wehrwirtschaft“).

Mein schulisch weit weniger gebildeter Großvater hingegen verfolgte das Zeitgeschehen durchaus kritisch, zumal er kontinuierlicher Zeitungsleser war. In jungen Jahren war er als Angehöriger der Arbeiterklasse wie selbstverständlich im sozialistischen Fahrwasser gewesen. Als ihm seine Gewerkschaft (Metallarbeiterverband) jedoch sein Mehrverdienst-Recht auf Grund überragender Akkord-Arbeitsleistung streitig machte, trennte er sich konsequent von deren gleichmacherischen Zielsetzungen.

Für die braune Politik hatte mein Großvater keine erkennbaren Sympathien. Nationalsozialisten nannte er – eigennamenerfinderisch, wie er war – „die Hitteleers“ („Nazis“ wäre öffentlich anstößig gewesen). Als es wegen der wöchentlichen Wohnungskontrolle durch den NSDAP-Blockwart unumgänglich wurde, ein Führerbild Hitlers vorzuweisen, ließ er widerwillig zu, daß ein Kleinformat über seinem Sofa aufgehängt wurde („… weil ich immer darin sitze und ihn dann nicht sehen muß.“). Radio-„Volksempfänger“ wurden erst unter dem öffentlichen Druck der NS-Propaganda Anfang des 2. Weltkriegs angeschafft.

Die Mitglieder meiner Familie waren also weder Nazis noch Widerständler. An den kruden Theorien der NS-Ideologie wie etwa der Rassenlehre war man überhaupt nicht interessiert, man nahm sie einfach nicht zur Kenntnis.

Andererseits habe ich auch niemals die uns Heutigen so grundlegenden Begriffe wie „Demokratie“ und „Menschenrechte“ gehört, man kannte sie und ihre Sinngehalte offensichtlich gar nicht. Ich verdächtige das 80-Millionen-Volk des damaligen Großdeutschen Reiches zu einem ganz überwiegenden Teil einer solchen Ferne von politischer Bildung und Interesse, daß es zu standpunktarmen Helfershelfern der Verbrechen des NS-Regimes geworden ist.

Wie tiefschürfend die Indoktrination durch die diktatorische Propaganda auch bei parteifernen Deutschen wirken konnte, zeigte sich daran, daß meine Eltern mit mir schon im Herbst 1935 zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln (an der Weser) zur demonstrativ politischen Belobhudelung der deutschen Bauern als „Reichsnährstand“ fuhren. Bei dieser Massenveranstaltung habe ich als Dreijähriger, auf den Schultern meines Vaters sitzend, Hitler ein einziges Mal leibhaftig in die Augen gesehen, als er mit seinem Gefolge huldvoll an uns vorbeidefilierte.

Während des Krieges bekam ich als Spielfiguren die drei Hauptkriegsverbrecher (Hitler, Göring, Goebbels), dazu noch Mussolini hoch zu weißem Roß, geschenkt sowie 1942 zu Weihnachten (!) die „Bibel“ der Nazis, Hitlers „Mein Kampf“. Nach dessen Besitz wurde in Schule und Hitlerjugend inquisitorisch gefragt, und meine Eltern wollten mich erklärtermaßen vor der Peinlichkeit bewahren, mit „nein“ zu antworten. Niemand meiner Angehörigen hat das Machwerk je gelesen, ich selbst erst nach 1945.

Zu politischen Feiertagen war nicht nur Beflaggung an staatlichen Einrichtungen die Regel, sondern auch möglichst flächendeckend an privaten Gebäuden gefordert. Das kannte meine Großmutter aus der Kaiserzeit. Und so holte sie wohl zum 1. Mai 1935, als die Hakenkreuzfahne gesetzlich Reichsflagge geworden war, die alten schwarz-weiß-roten Textilfähnchen aus ihrer Vorratsschublade hervor und garnierte damit gehorsam ihre Balkonkästen.

Ich wurde Zeuge davon, daß meinen Großvater bei seiner Heimkehr von der Arbeit das blanke Entsetzen packte. Er versuchte, seiner Ehefrau den politisch-ideologischen Fahnenwechsel zu erklären – allerdings ohne kognitiven Erfolg. Replik: „Politik ist unkluge Männersache, besonders wenn sie ernst und wichtig genommen wird.“

Darauf wurden die inkriminierten Zeugen aus kaiserlicher Vergangenheit wieder eingeholt. Ich hatte davon einen spielerischen Nutzen, denn ich bekam die nie wieder gebrauchten Textilien, um damit meine kleinen Teddybären beim „Schlafengehen“ zuzudecken.

Später kamen meine Großeltern wie meine Eltern nicht umhin, eine mittelgroße Hakenkreuzfahne anzuschaffen und vom Balkon aus gemäß Anordnung zu hissen, weil die Blockwarte das kontrollierten.

Vier Jahre später gab mir meine Großmutter einen weiteren Beweis ihrer elementaren Politikferne. Als ich mit ihr etwa im Frühjahr 1939 an einer Straßenbahnhaltestelle stand, wartete etwas abseits auch eine ihr wohl gut bekannte Dame auf die nächste Bahn. Es war eine jüdische Kauffrau, deren Haushaltswarengeschäft inzwischen geschlossen war.

Meine Großmutter ging, erfreut über das unerwartete Wiedersehen nach längerer Zeit, auf die Dame zu und reichte ihr die Hand zum Gruß entgegen. Die Jüdin hielt sich zurück und sagte nur: „Frau Dörnte, es ist besser, wenn Sie mich nicht kennen.“ In diesem Augenblick kam die Straßenbahn, mit der zu der Zeit Juden noch fahren durften (allerdings nur im letzten Wagen). Daher trennten wir uns rasch.

Abends zuhaus beklagte sich meine Großmutter beleidigt über die „Unhöflichkeit“ der jüdischen Frau mit der Unterstellung, wie eingebildet diese nun geworden sei, obwohl man doch jahrelang gute Kundschaft bei ihr gewesen sei. Erklärungsversuchen ihres Mannes und ihres Sohnes, daß die gute Frau doch nur ihre ehemalige Kundin vor Mißhelligkeiten schützen wollte, konnte meine Großmutter nur sehr schwer, wenn auch verständnislos, folgen.

Die bäuerlichen Verwandten im Geburtsdorf meiner Mutter waren mehr oder weniger der Tradition des welfischen Königshauses verhaftet, das 1866 von Bismarck vertrieben worden war, und bis 1933 demgemäß meistens Wähler der Deutsch-Hannoverschen Partei. Mein Großvater Heinrich Schäfer bestand darauf, unter dem vergilbten Bild des letzten Königs Georg V. von Hannover (1851-1866) zu sterben (1943), unter dem er 1860 geboren war.

Einer meiner Onkel war wohl Mitglied der NSDAP und hatte ein Leitungsamt im Luftschutz seiner Wahlheimat Mannheim inne.

Ein anderer Onkel – durch Kriegsverletzung im 1. Weltkrieg einäugig geworden – hatte seine Verwandten schon vor 1933 gewarnt: „Wenn ihr Hitler wählt, wählt ihr den Krieg.“

Ein dritter Bruder meiner Mutter, Erbhofbauer, war noch Anfang 1945 einige Tage und Nächte von der SS in Haft genommen worden, weil ein dorffremder Spitzel im Wirtshaus gehört hatte, daß er die Bemerkung eines Tischgenossen über den versprochenen „Endsieg“ mit dem Ausspruch kommentiert hatte: „Glaubst du noch an den Weihnachtsmann?“

Ein älterer Cousin, auch Erbhofbauer, wurde noch 1944 allein wegen seiner imposanten Körpergröße zur Waffen-SS eingezogen. Da sich die US Army von diesem Umstand überzeugen ließ, wurde er gleich nach der Gefangennahme nach Haus entlassen, wohin er den weiten Weg von Österreich nach Norddeutschland zu Fuß bewältigte. Etliche andere verwandte junge Männer verloren ihr Leben als Soldaten an den Fronten.

8.    Tante-Emma-Laden

Mein Erscheinen im März 1932 platzte mitten in die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, die durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 ausgelöst worden war. Sowohl mein Großvater als auch mein Vater waren 1931 bis 1934 davon betroffen.

Aber meine Eltern wagten den Schritt nach vorn, indem sie einen in jener Zeit üblichen, später sogenannten „Tante-Emma-Laden“ eröffneten: „Lebensmittel & Kolonialwaren Erna Dörnte“. Dieses Eckgeschäft befand sich in einem recht großen Haus bürgerlichen Baustils im hannoverschen Arbeiterstadtteil Linden-Süd. Meine gleichermaßen sehr arbeitsamen Eltern erzielten mit ihrer ausgeprägten Kundenfreundlichkeit offenbar trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit respektable Umsätze.

Die Großeltern konnten ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen, weil sie in ihren jungen Jahren adäquate Erfahrungen mit einem eigenen Geschäft dieser Art gemacht hatten, als sie ihrerseits in dem Nachbarstadtteil Linden-Nord gewohnt und gewirkt hatten. In einem über die Straße gegenüberliegenden Haus fand sich eine kleine Wohnung, in der ich zur Welt gekommen bin. Aufgrund der erwarteten höheren finanziellen Belastung durch ein weiteres Familienmitglied wurde diese Wohnung zwecks Einsparung der Miete nach meiner Geburt aufgegeben. Die großelterliche Wohnung nahm uns wieder auf.

Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind mit dem Ladengeschäft verknüpft sowie mit der dahinter befindlichen Wohnküche. In dieser befand sich hinter einem hohen Vorhang auch das bescheidene Warendepot.

Klugerweise hielt mich meine Mutter schon im Alter von drei Jahren zur tätigen Mithilfe bei der Arbeit an: Kaffeedosen und Zigarettenpäckchen nach Farben sortieren, Regale einräumen, Butter und Käse zum Eiswechseln aus der/in die Kiste räumen und dergleichen. Dabei lernte ich Ordnungsstrukturen. Vielleicht hat das auch den Grund dazu gelegt, daß ich bis heute wirkliche Befriedigung bei fast jeder Art von Arbeiten erfahre.

Der Verkaufsraum war nicht heizbar. Der hintere Raum hatte einen Kohlenherd und einen halbhohen sogenannten Kanonenofen aus Eisen. Als ich eines Tages den mütterlichen Auftrag bekam, einen Stapel ausgedienter Waschpulverkartons aus dem Laden zum späteren Verfeuern in die Nähe dieses Ofens zu tragen, war ich in meinem kindlichen Arbeitseifer zu konsequent gewesen und hatte mein Speditionsgut direkt an die eiserne Ofenwand gestapelt. Dadurch wurde ich schon im sehr jungen Lebensalter von drei Jahren zum Zimmerbrandstifter. Einiges Inventar ging in hellen Flammen auf, aber die herbeigerufene Feuerwehr konnte den Brand löschen.

Mein Leben im Bereich des Geschäftes war für mich eine anregende, abwechslungsreiche und interessante Zeit durch die vielfachen und unterschiedlichen Begegnungen mit meist kinderfreundlichen Handelsvertretern, Lieferanten und der Kundschaft.

Abgesehen von der Straßenbahn einen kleinen Häuserblock weiter beschränkte sich der Verkehr auf unseren kleinen Straßen auf gelegentliche Pferdegespanne und allenfalls kleine Anliefer-Kraftfahrzeuge, meist dreiräderige sogenannte „Tempowagen“ oder Kleinkrads. Die Straßenreinigung erfolgte zu Fuß durch Straßenfeger – sozial als niedrigste Tätigkeit eingestuft – mit Besen, Schaufel und Schubkarre. Geradezu als Sensation registriert wurde an Hochsommertagen das städtische Wassersprengauto. Allabendlich drehte der Lampenmann per Fahrrad seine Runde zum An- und Ausschalten der spärlichen Gaslaternen am Straßenrand.

Bei günstigem Wetter spielte ich mit gleichaltrigen und älteren Kindern aus der Wohnnachbarschaft völlig unbeaufsichtigt auf den Fußwegen. Ich besaß einen einfachen Holzroller, ein kleines Dreirad und einen Brumkreisel. In der Wohnung war mein liebstes Spielzeug das Schaukelpferd. Mit einem gleichaltrigen Mädchen aus demselben Haus, sozusagen meiner ersten, leicht zickigen Freundin Ingrid, tauschte ich emsig Tierbilder, die aus diversen Werbebeilagen stammten. Sehr oft und stundenlang beschäftigte ich mich allein an einem eigenen kleinen Tischchen in der Wohnküche mit Märchenbildern, Bauklötzen und anderen Spielsachen.

In späterem Alter konnte ich mich, besonders etwa an Wintertagen, stundenlang mit einer mit primitiven Materialien selbst gestalteten und erweiterten Modellanlage eines Zoos beschäftigen. Dazu bekam ich nach und nach neue Tierfiguren geschenkt.

Es wurde mir niemals langweilig – wie ich mein ganzes Leben lang nie begriffen habe, was Langeweile sein könnte –, dafür war alles immer viel zu interessant. Allerdings entwickelte ich als Einzelkind zugleich auch ein ungewöhnliches Maß an Geduld in den verschiedensten Situationen. Der Erziehungsdruck meiner Mutter ermunterte mich indes nicht zu Wagemut und Selbständigkeit, sondern sollte mich unerbittlich in totaler Abhängigkeit von ihr halten.

Mit einem kinderlosen Ehepaar aus der Kundschaft, das in derselben Straße wohnte, hatten sich meine Eltern privat angefreundet. Dieser mein Nennonkel war Zivilfahnder der Kriminalpolizei und hatte seinen Dienst-Schäferhund ständig bei sich. Bei diesen immer fröhlichen und kinderlieben Menschen samt dem mir vertrauten Haustier fühlte ich mich stets sehr wohl.

Später wurde der „Onkel“ auf einen subalternen Posten nach Berlin strafversetzt, weil er eine dienstliche Auflage strikt ablehnte, sich wegen der Kinderlosigkeit von seiner Ehefrau scheiden zu lassen, um nach amtlicher Vorlage anderweitig „dem Führer ein Kind zu schenken“. Alsbald wurde er als Wehrmachtssoldat an die Ostfront geschickt. Später wurde seine Frau, die zusammen mit dem früheren Diensthund im Bezirk Berlin-Schöneberg wohnte, ausgebombt. Erst spät nach dem Krieg kehrte er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Ferner gab es noch eine andere Familie in einem Nachbarhaus aus der Kundschaft meiner Mutter, die wohltuend warmherzige Friedfertigkeit ausstrahlte. Vater und ältester Sohn waren einfache Industriearbeiter. Der jüngere Sohn war geistig eingeschränkt und daher nicht arbeitsfähig. Die damals etwa 10jährige Tochter Elisabeth holte mich gern für kleine Spaziergänge in die etwas weitere Straßenumgebung ab, und wundersamerweise ließ meine Mutter dies zu.

Einmal durfte Elisabeth sogar mit mir Vierjährigem ins Kino gehen: Zeichentrickfilm „Mickymaus“ von Walt Disney mit einem Beifilm, den ich danach zuhaus als „Mist“ bewertete, weil zwei Spieleisenbahnzüge realitätsfremd eingleisig gegenläufig übereinander fuhren! Hierüber war ich so empört, daß mir Zeichentrickfilme seitdem bis heute zuwider sind!

Die üblichen Kinderkrankheiten wie Windpocken, Mums, Masern und im Winter immer wieder Mandelentzündung mit hohem Fieber blieben mir nicht erspart. Im dritten Lebensjahr stellte man früh eine deutliche Sehbehinderung fest und verpaßte mir eine klitzekleine Brille, die aber schon bald wieder abgesetzt wurde. Verdauungsstörungen mit Magenschmerzen und Übelkeit quälten mich sehr häufig, was möglicherweise der doch etwas eigenwilligen Kochkunst meiner Mutter zu schulden war. Die dann mangels besseren Wissens praktizierte Abführmethode mittels Klistier war nicht weniger qualvoll.

Als Kind litt ich auch sehr häufig an Nasenbluten, und in jedem Winter war ich mehrere Wochen bettlägerig mit schwerer Mandelentzündung bei hohem Fieber.

Zur Therapie eines 1935 nicht enden wollenden Keuchhustens empfahl ein Kinderarzt nachdrücklich Seeluft. Daher fuhr meine Mutter mit mir (als Mitfahrer im Auto eines ihr bekannten Ehepaars) für zwei Wochen nach Scharbeutz an die Lübecker Bucht – und das Kind war für alle Zeiten von diesem Leiden erlöst. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah meine Mutter ein offenes Meer und war davon so fasziniert, daß von nun an Seeurlaub in jedem Sommer auf dem Plan stand, bis die Kriegsverhältnisse dem 1940 ein Ende setzten.

Anfangs besorgte dann mein Vater in seinem Jahresurlaub das Lebensmittelgeschäft, unterstützt von seiner Mutter. Nach Aufgabe des Ladens konnte er mit in den Urlaub kommen. Zunächst fuhren wir noch mit Beiwagen-Motorrad, im ersten Kriegsjahr 1940, als alle privaten Kraftfahrtzeuge stillgelegt waren, recht umständlich mit mehreren Personenzügen und mehrstündigem Anschlußaufenthalt in Lübeck, das ich dadurch noch vor der Zerstörung kennengelernt habe.

Am Urlaubsort in dem damals noch ganz dörflichen Haffkrug teilten wir die letzten drei Male unser kostensparendes rustikales Ferienleben weitgehend mit einer Fischerfamilie in deren einfacher Kate.

Dort fand ich Verwunderung darüber, daß mir als Großstadtkind die niederdeutsche Sprache grundsätzlich geläufig war. Ich kannte sie von kleinauf von der Mutter, ihrer Verwandtschaft, dem Großvater und auch aus dem übrigen Umfeld in verschiedenen Dialekten. Unsere Umgangssprache zuhaus war auch kein reines Hochdeutsch, sondern eine Art von Missingsch nach Vokabular, Grammatik und Phonetik.

Mein anerkennungsbedürftiger Vater beteiligte sich mit Erfolg (dritte Plätze) an Schwimmwettbewerben und Wettbewerben der Strandburgen-Schmuckgestaltung. Bei letzterer stellte er 1940 den abermaligen Sieg über den „Erbfeind Frankreich“ kunstvoll heraus. Daran fügt sich übrigens auch, daß er noch in sehr hohem Seniorenalter in der Regionalpresse Triumphe feierte als ältester hindernisbewährter Harz-Überquerer.

9.    Parteiwillkür

Im Dezember 1934 war mein Vater wieder in seiner alten Firma HANOMAG angestellt worden, denn Nazi-Deutschland rüstete sich mit der Schwerindustrie auf für den geplanten 2. Weltkrieg.

Die Mitwirkung des Vaters im Lebensmittelgeschäft reduzierte sich dadurch auf zwei wichtige Bereiche: Vor seinem Dienstantritt im Büro fuhr er mit seinem Fahrrad (Unikat Marke Eigenbau) zum Gemüse-Großmarkt. Ausgerüstet mit Rucksack und vollbepackt mit unzähligen angehängten Säcken und Taschen transportierte er die mutmaßliche Tagesverkaufsmenge an Grünzeug. Und am Sonnabend erledigte er nachts äußerst gewissenhaft und korrekt die Buchführung.

Da die kleine Nachbarwohnung des Geschäfts 1935 frei wurde, zogen wir in diese ein, nachdem sie durch einen Mauerdurchbruch mit unserem bisherigen Gelaß verbunden worden war.

Doch nun trat das Naziregime in unser kleinbürgerliches Leben in Gestalt des Blockwarts. Für die Endverbraucher wurde die umfassende Rationierung der Ernährungsversorgung erst durch bürokratische Ausstattung mit sogenannten Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen am ersten Kriegstag 1939 eingeführt. Im Zuge der politisch angestrebten außenwirtschaftlichen Autarkie („Vierjahresplan” von 1936) wurde der Einzelhandel aber schon Jahre vorher durch begrenzte Zuteilung einiger Güter reglementiert. So war es in unserem Fall in Hannover.

Die Verfügungsgewalt darüber (legal oder illegal? – jedenfalls real) übte vor Ort der zuständige Blockwart aus. Dieser war dem Erzählen nach ein primitiver berufsloser Nichtsnutz und insofern kongenial seinem obersten Führer. Er hatte sich zuvor in einem Schlägertrupp der Kommunisten in Straßenkämpfen betätigt, hatte aber dort rechtzeitig den Absprung zur neuen Polit-Mode geschafft, durch die er wohl erstmalig eine ansehnliche Kleidung gestellt bekam, nämlich die SA-Uniform, in der er fortan immer umherstolzierte.

Möglicherweise wurde diesem Blockwart noch 1936 eine Kopfprämie je neu angeworbenes NSDAP-Mitglied gewährt. Denn mit der Aufforderung, der Partei beizutreten, setzte er meiner Mutter zu, die sich jedoch konsequent weigerte mit dem Hinweis: „Wir waren noch nie in einer Partei. Wir sind auch so gute Deutsche und haben den Führer gewählt.“

Darauf besann sich der Agitator auf seine marxistischen Klassenkampf-Floskeln und bezichtigte meine Eltern als „kapitalistische Doppelverdiener“, wofür das nach seinen Maßstäben „ansehnliche Möbel des Küchenschranks“ der Beweis sei. Nun drosselte er unserem Geschäft die Zuteilungen für Butter, Öl, Kaffee, Tee, Kakao u.a.

Dabei lag meine Mutter wahrscheinlich noch gut im Rennen um seine Gunst, denn die faktische Konkurrenz lag nur einen Steinwurf weit an der gegenüberliegenden Straßenecke, nämlich ein EDEKA-Geschäft in Händen einer freundlichen Familie, die dreifach „negative Merkmale“ im Sinne der NS-Ideologie aufwies: Es waren aus der Tschechoslowakei zugewanderte Juden katholischen Glaubens. Sie sind dann später alle im Holocaust ermordet worden, getreu dem Nazi-Slogan „Was der Jude glaubt, ist einerlei – in der Rasse liegt die Schweinerei“.

Meiner Mutter setzten die fortgesetzten und verstärkten Schikanen so zu, daß sie zum Ende des Jahres 1936 wegen eines totalen Nervenzusammenbruchs das Geschäft aufgeben mußte.

Die Nachfolge darin trat ein junges Ehepaar mit Säugling an, aber nur für eine kurze Zeit. Diese Leute waren Glaubensangehörige der Zeugen Jehovas und hatten im Kohlenkeller mit einem primitiven Gerät subversiv Schriften ihrer verbotenen Sekte gedruckt. Der Ehemann verschwand in einem Konzentrationslager auf Nimmerwiedersehen.

Später habe ich mich darüber gewundert, daß diese einschneidenden Erlebnisse bei meinen Eltern zu keinem erkennbaren Denk- und Gesinnungsprozeß gegenüber dem Nazi-Regime geführt haben. Die Wahrnehmung der politischen Tragweite wurde blockiert mit dem verbreiteten Spruch: „Wenn das der Führer wüßte …“ und damit fast vollständig und bleibend verdrängt. Es gab weder das Wissen noch das Bewußtsein von den durch die Weimarer Reichsverfassung festgeschriebenen allgemeinen Menschenrechten und von deren auch sie betreffendem Verlust durch die errichtete Partei-Diktatur.

10.  „Vier Zimmer, Küche, Bad, Balkon“

Zusammen mit dem Laden mußte auch die nunmehr dazugehörige Wohnung geräumt werden. Nach einem erneuten vierteljährigen Zwischenspiel bei den Großeltern, deren Wohnung auch als Möbellager herhalten mußte, bekamen wir eine deutlich größere Wohnung im angrenzenden Stadtteil Linden-Mitte, nun direkt gegenüber der Fabrikmauer der HANOMAG und somit nur einen Sprung über die Straße zum Büro meines Vaters.

Die Wohnung befand sich im vierten Stock und wurde alle Tage vom Getöse des gegenüber befindlichen mehrstöckigen Motorenbaues, der in drei Arbeitsschichten arbeitete, beschallt. Eine Umgewöhnung daran war nicht erforderlich: unfiltrierte Emissionen aus vielen privaten und industriellen Schornsteinen, ein Gerüche- und Lärmkonglomerat von Wurstfabrik, Vulkanisieranstalten, Bonbon- und Bohnerwachsherstellung und allen möglichen Handwerks- wie Reparaturwerkstätten.

Bis auf die Küche und ein Zimmer hatten alle Räume der Wohnung eine halbhohe Dachschräge. Dennoch pflegte meine Mutter regelmäßig zu renommieren: „Wir haben eine sehr schöne Wohnung mit vier Zimmern, Küche, Speisekammer, Bad, Balkon.“ Letzterer hatte ein recht schrottiges Outfit und ging von der Küche aus mit Blick auf den schäbigen Innenhof des Häuserblocks. Überhaupt wurde besonders gegenüber der Verwandtschaft nach außen stets eine prosperierende heile Familienwelt vorgespiegelt.

Immerhin hatten wir erstmals ein familieneigenes „Innenklo“ und eine fest installierte Badewanne. Aber selbstverständlich wurde mit allem sorgsam gespart: mit Spül-, Wasch- und Badewasser, mit Brennholz für den Wasserofen, mit Toilettenpapier, Handtüchern und überhaupt allen Gebrauchsartikeln der täglichen Verrichtungen.

Kühlvorrichtungen für Lebensmittel gab es keine. Was unbedingt frisch gehalten werden mußte, etwa Milch, wurde in einem der beiden kleinen Kellerräume aufbewahrt. Das dafür häufige Runter- und Raufrennen (4. Stock!) machte uns allen nichts aus, weil wir offenbar trainiert und fit genug dafür waren.

Ein Kohlenherd war auf dem Hausboden beiseite gestellt worden. Gekocht wurde mit einem primitiven zweiflammigen Gasherd und einer wegen der Abhängigkeit von der Kokszufuhr aus Ostdeutschland nur bis 1945 nutzbaren praktischen Einrichtung, einer sog. „Grude“.

Die beiden „Stuben“, der spießigen Zeitmode gemäß „Eßzimmer“ und „Herrenzimmer“ genannt, dienten lediglich der Besitzbefriedigung und Repräsentation bei Besuch. Sie waren normalerweise verschlossen, die Polstermöbel staubschutzverhangen.

Schon als Kind habe ich insgeheim persifliert: „In dem einen Zimmer wird nicht gegessen, und in dem anderen gibt es keine Herren.“ Bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen die Zimmer geöffnet wurden, etwa zu Weihnachten, waren die stattlichen Kachelöfen mangels angemessener Wartung die Quelle des Ärgernisses aufgrund anhaltender Verqualmung.

Im Sommer hielt man sich gewöhnlich in der Küche auf. In kalter Jahreszeit wurde das Zimmer, das nominell mein Kinderzimmer sein sollte, als allgemeines Wohnzimmer genutzt, beheizt durch den aus der vorigen Wohnung mitgebrachten Kanonenofen.

Mißlich war, daß ich etwa um 20 Uhr ins Bett geschickt wurde, obwohl ich mich bei meinem notorisch geringen Schlafbedarf noch stundenlang herumwälzte, während die Erwachsenen bei mit Zeugteilen abgedunkelter Tischlampe ihren Verrichtungen nachgingen (z. B. Mutter mit Strümpfestopfen und Vater mit Aktenarbeit fürs Büro).

Die Atmosphäre in der Hausbewohnerschaft war von gegenseitigem Mißtrauen geprägt. Von der politisch geforderten Solidarität in der Volksgemeinschaft war auch in Notlagen kaum etwas zu spüren. Man ließ sich ungern in den eigenen kleinbürgerlichen „Garten“ gucken.

Eine Ausnahme machten unsere unmittelbaren Etagen-Nachbarn, ein älteres Ehepaar, das aus Kiel stammte und von dort ihre nordischhumorvolle Offenheit mitgebracht hatte.

Mir war es peinlich, daß ich die elterliche Anweisung befolgen sollte, gewisse Hausmitbewohner nicht zu grüßen. Das stand eigentlich im Gegensatz zu den Erziehungsregeln meiner Eltern, daß ich immer „artig“, d. h. stillschweigend folgsam zu sein hatte. Hierzu gehörte bei der Begrüßung Erwachsener „der Diener“ – das Ehrerbietung demonstrierende Senken des Kopfes zur Brust.

Ein Haushaltsvorstand war Akademiker (Dipl.-Ing.), uniformierter Funktionsträger in einer NS-Organisation (NSKK) und unsympathisch arrogant im Auftreten. Seine Frau und Kinder hielten sich von den anderen Mitbewohnern fern.

Auch in dieser Wohnung gab es die regelmäßigen Inspektionen des Blockwartes, dem z. B. das Fehlen eines Führerbildes auffiel. Mein Vater meinte naiv, zum Nachweis patriotischer Gesinnung reiche es, eine alte Postkartenfotografie Bismarcks (!) stellvertretend einzurahmen und auf dem Flur an nur geringfügig einsehbarer Stelle aufzuhängen.

Der Parteigewaltige ließ nicht nach, bis nach einigen Wochen ein Bild Hitlers in „meinem“ Zimmer hing, wo ich meistens spielte, damit ich als Kind es stets vor Augen hätte.

Wir hatten diese Wohnung bis 1944, als wir ausgebombt wurden.

11.  Schulkind

Ein Jahr nach unserem Umzug wurde ich zu Ostern 1938 eingeschult in eine große 8-stufige Jungen-Volksschule. Neben den etwa 35 Sechsjährigen gab es in meiner Klasse noch ein paar ältere Mitschüler, die die 1. Klasse wiederholen mußten, weil sie das Lernziel noch nicht erreicht hatten.

Wer zweimal „sitzen blieb“, wurde zur sog. Hilfsschule abgeschult. Wenn man dort als 14jähriger gesetzlich seine altersgemäße allgemeine Schulpflicht erfüllt hatte, konnte man regulär keine Berufsausbildung starten, sondern blieb Angelernter oder Hilfsarbeiter.

Es war eine dumme Vorschrift, daß Lehrer immer wieder Klassenlisten anfertigen mußten, für die nach den Berufen der Väter gefragt wurde. Ich habe in Erinnerung, daß etwa die Hälfte meiner Mitschüler einfach mit „Arbeiter“ antwortete. Da war ein richtiger Handwerkerberuf wie Schlosser, Dreher, Tischler, Bäcker oder dergleichen schon recht spektabel.

Mir war es unangenehm, daß ich für meinen Vater nun „Ingenieur“ sagen sollte, weil ich vorher „Techniker“ leichter aussprechen konnte als etwa „Inschenör“ oder so ähnlich. Es gab in der Klasse nur einen akademischen Vater (Rechtsanwalt), dessen Sohn eine gewisse Außenseiterrolle in der Klasse einnahm.

Ich bin eigentlich immer gern zur Schule gegangen, weil ich von einem umfassenden Lernwillen gesteuert war. Nicht alles, aber das meiste, das mir die Schule in den verschiedenen Stufen vermitteln wollte, hat mich interessiert. Es ging mir dabei immer um die Sachinhalte, es fehlte mir dagegen an irgendeinem Ehrgeiz zu Konkurrenzstreben gegenüber Mitschülern.

Über gute Bewertungen meiner Leistungen war ich erfreut, aber nicht darauf erpicht. Ein paar Mal war ich infolge einer Verwechslung durch Lehrkräfte, auch im Zeugnis, falsch benotet worden. Auf Grund gutgemeinter Einsprüche von Mitschülern erfolgte dann eine Korrektur zu meinen Gunsten. Ich selbst war vielleicht zu bescheiden dazu, aber es war mir auch nicht so wichtig.

Überhaupt habe ich – auch in meiner späteren Arbeit im Lehrerberuf – Zensuren nicht überbewertet. Das basierte auf einer frühen Reaktion mit Dauerwirkung auf die mir vollkommen unverständliche Aufregung meiner Mutter über eine „4“ im Singen im Zeugnis des dritten Schuljahrs. Meine Schilderung der chaotischen Zustände im Unterricht des vollkommen überforderten, keiner Disziplinierung der Schüler fähigen Fachlehrers wollte sie sich gar nicht anhören. Ich war doch der totale Versager, der Schande über sie persönlich gebracht hatte!

Ich blieb vier Jahre im selben Klassenverband. Dieser wuchs allerdings immer mehr an, hauptsächlich durch Zuschulungen von Umgezogenen und durch Zusammenlegung von Parallelklassen, so daß er zeitweilig 56 Jungen zählte. In jedem Schuljahr gab es einen anderen Klassenlehrer.

Der erste war ein netter Mann, der als einziger Pädagoge uns sogar mit Vornamen anredete. Von ihm habe ich die Anfänge des Lesens, Schreibens und Rechnens gelernt. Nach den ersten Sommerferien stellte er fest, daß ich beim Lesen eines vorher eingeübten Tafeltextes völlig versagte. Er ließ meine Eltern wissen, daß er eine organische Sehbehinderung bei mir vermutete. Von da an trug ich – auf Anweisung des Augenarztes damals allerdings nur beim Lesen und Schreiben – immer eine Brille. Zu unserer Enttäuschung war dieser Lehrer zu Beginn des zweiten Schuljahrs nicht mehr da, weil er zum Dienst in der Wehrmacht eingezogen war.

Den zweiten Klassenlehrer sahen wir nie anders als in Unteroffiziers- oder Feldwebel-Uniform. Er war wohl zur Fortbildung an die sogenannte „Kriegsschule“ der Wehrmacht abkommandiert und half nebenbei, die infolge der Kriegsvorbereitungen entstandenen Personallücken in der Lehrerschaft partiell zu stopfen. Sein Umgangston war gewollt schnodderig. Von nun an – übrigens durchgängig auch in der Nachnazizeit bis zum Abitur – wurden wir nur mit Nachnamen angesprochen, bei Namenshäufung durch Hinzufügung einer Nummer, z. B. „Meier 1“ bis „Meier 3“.

Der dritte Klassenlehrer war offenbar vor der nazistischen Rückwendung des deutschen Bildungswesens von der Reformpädagogik berührt worden. Er bemühte sich nämlich manchmal um kindgerechte Unterrichtsformen und schülerorientiertes Lehrerverhalten. Aber auch er konnte sich nicht den restriktiven Vorgaben des Systems entziehen.

In einem besonderen Raum der Schule pflegte dieser Lehrer Aquarien- und Terrarientiere. Einige Male durfte ich ihm zu meiner Begeisterung dabei assistieren, z. B. eingekaufte Zauneidechsen aus einem Zoogeschäft holen (in einer Papiertüte!). Zuweilen trug ich ihm nach dem Unterricht Stapel von Klassenarbeitsheften allein in seine benachbarte Wohnung. Hier lebte er als alter Junggeselle mit seiner Mutter zusammen, die mich dann freundlich empfing. Das war für mich ein geschätzter Vertrauensbeweis.

Dieser Lehrer war der einzige, der mit der Klasse einen Lehrspaziergang in die Botanik und Vogelwelt am Stadtrand unternahm, und zwar ohne Kommandos und Gleichschritt. Das war sicherlich nicht im Sinn des auf uns angesetzten vorsoldatischen Erziehungsprogramms.

In diesem dritten Schuljahr bekam ich auch meinen ersten Lehrauftrag. Während des Fortgangs des normalen Unterrichts für die Klasse wurde ich vom Lehrer an einem beiseite stehenden Pult angewiesen, mit einem zwei Jahre älteren, stark lernbehinderten Mitschüler wenigstes die Schreibweise seines Namens und seiner Wohnanschrift einzuüben, bevor er zur Hilfsschule überstellt wurde. Mein Bildungserfolg bei diesem war eher mäßig. Was blieb, war ein unangenehmer, extrem strenger Körpergeruch, der von meinem unsauber gehaltenen Eleven ausging.

Der vierte Klassenlehrer war wohl schon erheblich jenseits der regulären Pensionsgrenze. Er wirkte immer lustlos bis verärgert. Wenn er krank war, wurde er von einem noch älteren Kollegen vertreten, den ich nur als stets biestig in Erinnerung behalten habe.

Unter den wenigen Fachlehrkräften, die uns unterrichteten, ragte eine Dame mittleren Alters von beeindruckender Körpergröße und mit entsprechendem Umfang hervor. (Ihr Kleid wurde von den Schülern als Zelt interpretiert, wozu allerdings die Verballhornung ihres Namens von „Karnikes“ zu „Karnickel“ nicht paßte.)

Diese Dame unterrichtete mit eiserner Strenge Schönschreiben, marschierte dazu mit Dragonerschritt ohne Unterbrechung durch die Reihen und kontrollierte mit Argusaugen gewissenhaft die Leistung jedes einzelnen ihrer Zöglinge. Sie führte immer einen Rohrstock in der Hand, der sofort, meist kommentarlos, in Aktion trat, wenn irgendetwas zu beanstanden war. Den Grund dafür herauszufinden, war dem meist unwissenden Delinquenten allein überlassen, so daß dieses und eine eventuelle Besserung in der Regel nicht möglich erschien.

In den strengen Wintern 1940/41 und 1941/42 gab es wochenlang bzw. monatelang sog. „Kohleferien“ mit Langzeit-Hausaufgaben. Dazu mußten wir in wöchentlichen bzw. mehrwöchentlichen Abständen in nur mäßig beheizten fremden Schulen in anderen Stadtteilen erscheinen, ohne dabei unsere Winterkleidung abzulegen.

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