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Wahre Liebe

1. KAPITEL

Jana und Gregor standen noch immer völlig erstarrt vor dem Fremden, der sich als Nick Lell vorgestellt hatte. Und behauptete, Leons Vater zu sein.

„Sie platzen hier rein und wollen das Kind“, sagte Dr. Bergmeister tonlos. „Wieso sollten wir Ihnen glauben, dass Sie der Vater sind?“

„Ich habe es auch schriftlich“, verkündete der unsympathische Mann triumphierend und zog ein Dokument aus der Tasche. „Die offizielle Geburtsurkunde.“ Das Schriftstück war echt.

„Aber die Mutter, Frau Szepanski, hat uns gebeten, für Leon zu sorgen!“, wandte Jana nun ein. „Sie wollten doch bisher nichts von dem Baby wissen. Und ich gebe Leon nicht her!“

„Müssen Sie auch nicht“, versetzte Lell trocken. „Ich gebe ihn zur Adoption frei. Die Mutter ist damit einverstanden.“ Er hielt den beiden ein weiteres Dokument unter die Nase, das den Stempel einer polnischen Adoptionsagentur trug und von Kira Szepanski bereits unterzeichnet worden war. Es fehlte nur noch die Unterschrift des leiblichen Vaters. „Die kostet allerdings eine Kleinigkeit“, stellte er grinsend fest. „Hunderttausend Euro.“ Dem Arzt und der Sicherheitschefin verschlug es die Sprache. „Kein Problem“, fuhr Nick von oben herab fort. „Es gibt massig Leute, die für so einen hübschen Jungen europäischer Abstammung – mit sauberen Papieren, versteht sich – noch viel mehr zahlen.“

„Sind Sie sicher, dass Sie bei denen auch eine wirklich gute Mutter finden?“, ereiferte sich Jana. Lell zuckte nur mit den Schultern.

„Ist Ihnen denn das Wohl des Kleinen völlig egal?“, fragte Gregor fassungslos.

„Wer hunderttausend zahlt, behandelt ihn auch gut“, erwiderte Leons leiblicher Vater. Und dann verlangte er fünfzigtausend Euro sofort und die zweite Hälfte des Gesamtbetrags nach Abschluss des Adoptionsverfahrens.

„Denken Sie, wir haben mal eben fünfzigtausend Euro unter dem Kopfkissen liegen?“, empörte sich Gregor. Jana standen die Tränen in den Augen.

„Ich bin ja kein Unmensch“, meinte Nick spöttisch. „Ich gebe Ihnen 72 Stunden. Wenn Sie die Kohle in der Zeit auftreiben, ist alles geritzt.“

Aber auch wenn sie Nick gegenüber behauptet hatten, dass es ihnen gelingen würde, die hunderttausend Euro zusammenzukratzen – so einfach würde das nicht sein. Jana hatte gerade einen Kredit aufgenommen, um die betrügerische Adoptionsvermittlerin Eva Haaser zu bezahlen. Und die war mit dem Geld über alle Berge verschwunden. Gregor hoffte, dass seine Bank sich dazu bereit erklären würde, ihm ein Darlehen über den Gesamtbetrag einzuräumen – seine Praxis müsste eigentlich genug Sicherheiten bieten.

Simon und Samia planten die bevorstehende Hochzeit – eigentlich den zweiten Anlauf, immerhin hatten sie das erste Fest kurzfristig absagen müssen wegen Elisabeths Unfall. Aber diesmal sollte alles klappen, und Samia sagte sich jeden Tag, wie glücklich sie sei. Simon war entzückend und passte zu ihr. Und wenn sie endlich mit ihm verheiratet sein würde, könnte sie Gregor hoffentlich endlich vergessen …

Simon war es ein persönliches Anliegen, Johann Gruber, der gerade aus dem Gefängnis freigekommen war, in die Hochzeitsvorbereitungen mit einzubinden. Immerhin würde er so etwas wie sein Schwiegervater werden. Doch Johann wollte nichts davon wissen.

„Ich verstehe es ja, wenn Sie meinen Vater hassen“, meinte Konopka junior sanft. „Aber außer dem Namen habe ich nichts mit ihm gemeinsam. Und ich möchte nicht, dass diese Geschichte zwischen uns steht.“

„Ich hoffe nur, Samia weiß, was sie tut“, knurrte Gruber. Am Fest teilnehmen wollte er jedoch auf gar keinen Fall. „Ich soll mit dem Sohn dieses Verbrechers, der mein Leben ruiniert hat, Girlanden aufhängen?!“, schnaubte er. „Das kommt überhaupt nicht infrage! Ihr habt alle keine Ahnung, was ich durchgemacht habe!“ Damit meinte er nicht nur den Gefängnisaufenthalt. Sondern auch, dass Elisabeth ihn abgewiesen hatte, als er ihr am Krankenbett einen Heiratsantrag gemacht hatte. Und ihm nun sogar verbot, sie zu besuchen.

Aber Elisabeth musste jetzt einfach an sich denken. So schwer es ihr auch gefallen war, das Besuchsverbot gegen Johann zu verhängen – ihn nur zu sehen, kostete sie einfach viel zu viel Kraft. Und die brauchte sie jetzt dringend, um wieder gesund zu werden. Felix empfand großes Mitleid für seinen Vater, denn es war nicht zu übersehen, dass dieser am Boden zerstört war. Aber er wusste auch, dass seine Mutter die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zumindest fürs Erste.

Aber Elisabeth haderte mit sich, wie sie ihrer Freundin Hildegard gestand, als diese sie im Krankenhaus besuchte. Frau Sonnbichler fand es allerdings auch richtig, dass die Patientin sich zunächst einmal um ihre eigene Gesundheit kümmerte.

„Wenn du dann wieder auf den Beinen bist, habt ihr alle Zeit der Welt“, sagte sie sanft. Elisabeth nickte nachdenklich.

„Ich muss gerade ganz oft an meine Zeit im Kloster denken …“, begann sie leise. „Eins habe ich dort gelernt: Verzeihen. Das ist ganz wichtig im Leben.“ Das konnte Hildegard nur bestätigen. „Ich wünsche mir, dass dieser ganze große … Misthaufen der Vergangenheit zwischen mir und Johann irgendwann aus dem Weg geräumt ist.“

„Das wird er auch“, bekräftigte ihre Freundin sie. „Aber das braucht Zeit.“

„Ja“, seufzte Elisabeth. „Leider ist es noch nicht so weit.“ Am Nachmittag bat Gregor den Restaurantleiter um ein Gespräch. Er musste einfach irgendjemandem erzählen, dass er und Jana vorhatten, Leon zu adoptieren. Gegen Geld.

„Hunderttausend Euro?!“, wiederholte Felix sichtlich fassungslos, nachdem er alles gehört hatte. „Sag mal … Bist du dir sicher? Damit bindest du dich für ewig an Jana.“ Gregor bejahte düster. „Aber du liebst die doch gar nicht!“

„In erster Linie tue ich es auch für das Baby“, entgegnete Gregor und berichtete dann, was für ein scheußlicher Kerl dieser Nick Lell war. So einem Menschen konnte man doch nicht die Verantwortung für Leon überlassen!

„Dann ist das ein Fall fürs Jugendamt“, wandte sein Freund ein. „Die entziehen ihm das Sorgerecht und suchen Pflegeeltern.“

„So schnell geht das nicht“, widersprach Gregor. „Da muss erst was Konkretes passiert sein. Außerdem … Jana wollte sowieso ein Kind. Das ist für sie wie ein Wink des Schicksals.“

„Und für dich wird es zum Schicksalsschlag“, konterte Felix trocken.

„Es ist okay für mich“, beteuerte Gregor und machte sich dann hastig auf den Weg zur Bank.

Aber dort erwartete ihn eine herbe Enttäuschung. Man verweigerte ihm nämlich einen Kredit. Er zahlte noch seine Schulden bei Marc Kohlweyer ab – und als Landarzt verdiente er nicht so viel, dass die Bank sich auf eine solche Unsicherheit eingelassen hätte. Jana war untröstlich, als sie davon erfuhr. Was sollten sie jetzt tun?

Als Erstes bat Gregor den leiblichen Vater von Leon noch einmal um eine Fristverlängerung. Doch Nick Lell hatte dafür nur Hohn und Spott übrig. Wenn der Arzt und Frau Schneider das Geld nicht auftreiben könnten, würde er sich einfach ein anderes Paar suchen, das für die Adoption seines Sohnes bezahlen würde. Nichts wäre leichter als das.

Samia hatte noch einmal versucht, mit Johann zu reden. Wegen ihrer Hochzeit mit Simon, wegen Elisabeth. Aber ihr Adoptivvater hatte sie gar nicht an sich rangelassen. So niedergeschlagen hatte sie ihn noch nie erlebt.

„Glaubst du, das sind die Folgen vom Gefängnis?“, wollte Simon wissen.

„Da kommt alles Mögliche zusammen“, seufzte sie. „Und das mit Elisabeth geht ihm wohl am meisten an die Nieren.“

„Eigentlich verständlich, dass er da wenig Lust hat, mit uns großartig Hochzeit zu feiern“, erwiderte der Sommelier.

„Langsam habe ich das Gefühl, dass es sowieso nicht die großartige Traumhochzeit wird. Wie ich mir das gewünscht habe.“ Samia wirkte auf einmal traurig. Und Simon konnte sie nur allzu gut verstehen.

„Von deinen Eltern wird niemand da sein“, sagte er leise. „Meine Mutter interessiert es nicht, und mein Vater ist im Knast. Tolle Familie!“

„Dann feiern wir eben im kleinen Kreis.“ Tapfer straffte sie die Schultern. „Hauptsache, wir zwei sind da, oder?!“

„Stimmt!“, bestätigte er und bemühte sich um ein Lächeln. „Hauptsache, wir zwei!“

Kurz darauf lief Samia Gregor in die Arme, der ihr von seiner Sorge wegen Leon berichtete. Sie reagierte entsetzt, als sie begriff, dass Gregor und Jana hunderttausend Euro bezahlen wollten, um das Baby behalten zu dürfen. Als Jana zu den beiden trat, redete Samia auch ihr ins Gewissen. Die Sicherheitschefin könne doch nicht gleich dem nächsten Betrüger auf den Leim gehen, ereiferte Samia sich.

„Das geht Sie überhaupt nichts an!“, setzte sich Jana sofort zur Wehr.

„Wenn ich merke, dass sich jemand ins Unglück stürzt, sage ich was dazu!“, erwiderte Samia heftig. „Egal, ob es Ihnen passt oder nicht!“

„Hier ist ein kleiner Junge, der ins Unglück gestürzt wird, wenn wir nichts unternehmen!“, hielt Jana nicht weniger heftig dagegen. Gregor gelang es gerade noch, eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen zu verhindern.

Er hätte nicht gedacht, dass Samia so ablehnend reagieren würde, gab er Jana gegenüber später zu. Dabei war Samia die Einzige, die sie jetzt noch wegen des Geldes hätten fragen können.

„Mir wäre es gar nicht recht, Geld von Samia zu bekommen“, erklärte Jana. „So, wie ich die kenne, würde sie sich in alles einmischen.“

„Glaube ich nicht!“, widersprach Gregor auf der Stelle.

„Doch!“, insistierte Jana. „Und mit ihrem Geld würde sie auch noch glauben, ein Recht dazu zu haben.“ Gregor biss sich auf die Lippen. Es brachte nichts, wenn er seine Exfreundin jetzt gegen diese ungerechtfertigte Unterstellung verteidigte. Er würde sich nur wieder Ärger einhandeln …

Eine Möglichkeit blieb Gregor noch: Er konnte Werner Saalfeld darum bitten, ihm das Geld zu leihen. Der Senior fand das Ansinnen, ein Baby vor einem verantwortungslosen Vater zu retten, zwar ehrenhaft – aber einen Kredit in dieser Höhe würde er dem Arzt nicht einräumen.

„Sie haben doch sicher auch ganz bestimmte Regeln, an die Sie sich in Ihrem Beruf halten müssen“, meinte der Direktor des „Fürstenhofs“.

„Natürlich.“ Gregor nickte.

„Sehen Sie, und die habe ich auch als Geschäftsmann“, fuhr Werner fort. „Und da darf ich mich nicht von Sympathien oder Emotionen leiten lassen.“ Gregor ließ den Kopf hängen. „Es tut mir leid, aber es ist fast unmöglich, dass ich das Geld wiederbekomme. Und Sie verschulden sich über Jahre. Ob das dem Baby hilft, ist auch fraglich.“ Nun gab es gar keine Aussicht mehr, die hunderttausend Euro doch noch zusammenzubekommen. Und Jana verzweifelte vollends.

Samia verstand es noch immer nicht, dass Gregor diese Adoption unbedingt durchziehen wollte. Er machte Jana Schneider völlig falsche Hoffnungen, fand sie. Und sich selbst vergaß er dabei ganz. Aber das war eben typisch Gregor – er war immer für andere da. Das mochte Samia an ihm. Er stand zu Jana ohne Wenn und Aber. Vielleicht war da ja doch mehr zwischen den beiden … Vorhin hatten sie ausgesehen wie eine kleine Familie … Gregor würde sicherlich ein guter Vater sein. Vielleicht war die Adoption für das Kind doch richtig, und Samia hatte zu Unrecht dagegen geschimpft?

Viktoria konnte nicht mehr. Die Doppelbelastung in der Geschäftsführung ließ sie kaum noch schlafen – noch immer erledigte sie zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben die der verstorbenen Fiona Marquardt, und nachdem Viktorias Bruder die Beförderung zum Geschäftsführer ausgeschlagen hatte, war kein anderer Kandidat in Sicht. Und jetzt wohnte auch noch Johann Gruber bei ihnen. Saß die meiste Zeit depressiv auf dem Sofa und hatte seine Sachen durch die ganze Wohnung verstreut. Und so leid er Viktoria auch tat – so ging das einfach nicht mehr weiter. Felix konnte das verstehen. Und wandte sich in seiner Not an Alfons.

Herr Sonnbichler zögerte keine Sekunde. Natürlich könnte Johann fürs Erste bei ihm und Hildegard unterkommen, das war doch klar. Und der Portier machte sich sofort auf den Weg, packte die Sachen seines verblüfften Freundes zusammen und brachte ihn zu sich nach Hause.

Felix verstand die Welt nicht mehr, als Emma ihn behandelte, als wäre er Luft. Sie reagierte nicht auf seinen Gruß, blickte ihn nicht an, und als er sie fragte, ob sie das gemeinsame Abendessen nicht nachholen wollten, kanzelte sie ihn rüde ab. Der Restaurantleiter ahnte nicht, dass das Zimmermädchen zufällig mitbekommen hatte, wie er und seine Schwester über sie geredet hatten. Und dass er sich lustig gemacht hatte darüber, dass Emma im Personalraum umgekippt und ihr Kleid dabei geplatzt war. Es war einfach viel zu eng gewesen. Aber sie hatte für Felix unbedingt schön aussehen wollen. Dass er nun mit Viktoria über sie lästerte, würde Emma ihm niemals verzeihen.

Ben konnte das alles irgendwann nicht mehr mit ansehen. Und erklärte dem betroffenen Restaurantleiter, was mit Emma los war. Da wäre eine Entschuldigung fällig, das sah Felix ein.

„Was ich über Sie … also, was meine Schwester und ich über Sie gesagt haben, ich meine, dass wir uns über Sie lustig gemacht haben … Jedenfalls … Es tut mir leid.“ Mit ungerührter Miene sah Emma ihm ins Gesicht.

„War’s das?“, fragte sie schnippisch. Felix nickte beschämt. „War ja klar, dass Sie das nicht ernst meinen.“

„Natürlich tue ich das“, beteuerte er.

„Sie denken, ein paar warme Worte, ein nettes Lächeln und alles ist in Ordnung?“, entgegnete sie.

„Was erwarten Sie denn?“, wollte Felix überrascht wissen. „Was soll ich denn machen? Auf den Knien vor Ihnen rumrutschen?“

„Um mich zu versöhnen, müssen Sie sich schon etwas mehr einfallen lassen“, verkündete Emma von oben herab und stolzierte davon.

2. KAPITEL

Jana schob mit dem Kinderwagen durch die Lobby. Sie hatte geweint, das sah Samia, die gerade an der Rezeption stand und ihre Post entgegennahm, sofort.

„Frau Schneider, was haben Sie denn?“, fragte sie besorgt.

„Dieser widerliche Kerl wird Leon abholen!“, brach es aus Jana heraus. „Wir kriegen das Geld nicht zusammen.“ Dann atmete sie tief durch. „Sie sind eigentlich die Letzte, die ich fragen wollte …“, fuhr sie fort. „Aber ich weiß keinen anderen Ausweg. Leihen Sie mir die hunderttausend Euro, um Leons Vater auszuzahlen?“ Überrumpelt sah Samia die Sicherheitschefin an.

„Aber … Sie wissen doch, wie ich zu dieser Adoptionsgeschichte stehe …“, stammelte sie ein wenig hilflos.

„Sie sind unsere letzte Chance“, flüsterte Jana.

„Ich verstehe, dass Sie an dem Kleinen hängen“, erklärte Samia. „Aber diese Adoption – das ist Menschenhandel!“ „Wir wollen Leon nur beschützen.“ In Janas Stimme lag ein Flehen. „Wenn Sie uns nicht helfen, verlieren wir ihn.“

„Bitte halten Sie mich nicht für herzlos, aber ein Babykauf …“ Samia schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

„Denken Sie doch mal an das Kind“, bat Jana.

„Das tue ich“, beteuerte Samia. „Und gerade deswegen … Das Baby gehört zu seiner Mutter.“

„Die will es aber nicht!“, wandte Jana ein.

„Weil sie in einer Notlage ist“, erwiderte Samia. „Ich kenne das aus Afrika. Die Mütter geben ihre Kinder weg, weil sie sie nicht ernähren können.“

„Aber dieses Kind wird in jedem Fall verkauft!“, insistierte Jana. „Besser, es bleibt bei Gregor und mir. Wir werden gut für Leon sorgen.“

„Sie beide wären sicher großartige Eltern“, gab Samia zu. „Aber sorgen Sie lieber dafür, dass diesem Kriminellen das Handwerk gelegt wird.“ Jana schwieg. Es stimmte, sie müsste Lell nur anzeigen. Aber dann würde das Jugendamt ihr Leon womöglich wegnehmen. „Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.“ Das war das letzte Wort von Samia.

„Von wegen!“, zischte Jana. „Denken Sie lieber darüber nach, was für Konsequenzen Ihr Gutmenschgelaber für mein Baby hat!“ Und damit ließ sie eine betroffene Samia stehen.

Jetzt dachte Jana bestimmt, sie wäre eiskalt. Diese Vorstellung quälte Samia sehr. Aber sie hatte in Afrika einfach zu oft erlebt, dass Mütter ihre Kinder nur aus purer Not weggegeben hatten … Das war grausam. Das durfte man nicht zulassen. Man musste diesen Müttern helfen. Wenn Kira Szepanski wieder auftauchte, würde sie der jungen Polin finanzielle Hilfe anbieten, nahm Samia sich vor. Vielleicht hatte sie dann den Mut, Leon selbst aufzuziehen. Das war überhaupt die Idee: Samia würde eine Stiftung gründen, die Mütter in Not unterstützte! Dann lag das Geld ihres Vaters nicht mehr sinnlos auf der Bank herum, sondern arbeitete für eine gute Sache. Das wäre bestimmt auch in Joshuas Sinn gewesen.

Nachdem Gregor von Jana erfahren hatte, wie das Gespräch mit Samia gelaufen war, suchte er seine Exfreundin selbst noch einmal auf. Aber Samia blieb bei ihrer Haltung.

„Leon ist ein wehrloses Baby. Soll er darunter leiden, dass sein Mistkerl von Vater kriminell ist?!“ Gregor redete sich in Rage. „Jana wäre eine fantastische Mutter. Und dieser Lell schickt Leon womöglich in die Hölle. Dem ist es völlig egal, bei wem das Kind landet. Hauptsache, er kriegt sein Geld.“

„Dann sorge dafür, dass das Kind zu seiner Mutter kommt!“, erwiderte Samia. „Ich zahle diesem Kriminellen keinen Cent. Schon aus Prinzip nicht.“

„Himmel, Samia!“ Wütend funkelte Gregor sie an. „Leon ist kein Prinzip. Er ist ein Mensch, ein hilfloses Baby, das beschützt werden muss! Tust du nur so, oder bist du tatsächlich so herzlos?“ Perplex und stumm sah sie ihn an. Er konnte doch nicht ernsthaft von ihr erwarten, dass sie gegen ihre Überzeugungen handelte. Oder verrannte sie sich da in etwas?

Nachdem Gregor gegangen war, dachte sie eine Weile nach. Und machte sich dann auf den Weg zu Frau Schneider.

„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen“, begann Samia.

„Heißt das etwa, Sie haben Ihre Meinung geändert?“ Ein hoffnungsvolles Lächeln erschien auf dem Gesicht der Sicherheitschefin.

„Unter bestimmten Voraussetzungen“, gab Samia zur Antwort. „Ich gebe Ihnen den Kredit, wenn Sie beweisen können, dass die Mutter mit der Adoption einverstanden ist. Und ich möchte selber mit ihr reden.“

„Das wird schwierig.“ Janas Miene hatte sich gleich wieder verdüstert. „Wir haben in den letzten Tagen oft versucht, Frau Szepanski zu erreichen – leider ohne Erfolg.“

„Sie finden sie schon“, erwiderte Samia. „Und noch etwas … Ich will Ihnen nichts vormachen. Ich glaube immer noch, dass Leon bei seiner leiblichen Mutter am besten aufgehoben ist.“

„Aber sie will das Kind nicht“, erklärte Jana erneut.

„Ich werde der Mutter meine finanzielle Unterstützung anbieten. Vielleicht ändert sie dann ihre Meinung.“ Jana schluckte. „Wenn nicht, gebe ich Ihnen und Gregor das Geld für die Adoption“, fuhr Samia fort. „Was halten Sie von meinem Vorschlag?“

„Sie müssen verstehen, wenn Frau Szepanski Ihre Hilfe annimmt …“ Jana war sichtlich überfordert. „Ich habe Angst davor, Leon zu verlieren. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen.“

„Aber es geht doch in erster Linie um das Wohl des Kindes. Und nicht um Ihres, oder?“ Jana gab sich einen Ruck.

„Ja, natürlich“, bestätigte sie. „Ihr Angebot ist eine große Chance für Leon.“ Sie versprach, es gleich noch einmal telefonisch bei Frau Szepanski zu versuchen.

Doch wieder war die polnische Erntehelferin, die in ihre Heimat zurückgekehrt war und ihren Sohn dagelassen hatte, nicht zu erreichen. Jana klagte Gregor ihr Leid. Und erschrak, als sie begriff, dass auch er es für die beste Idee hielt, wenn Leon bei seiner leiblichen Mutter aufwachsen würde. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als ihre polnische Freundin Bogna anzurufen. Und sie zu bitten, sich Samia gegenüber am Telefon für Kira Szepanski auszugeben. Bogna war alles andere als begeistert. Aber als Jana ihr erzählte, in welch verzweifelter Lage sie sich befand, stimmte sie schließlich zu. Morgen würde sie mit Samia telefonieren. Und hoffentlich eine glaubwürdige Vorstellung abliefern.

Charlotte saß am Krankenbett ihrer Schwester und berichtete Elisabeth gerade davon, dass sie gestern gemeinsam mit Werner in der Oper gewesen war.

„Die Musik war wunderschön“, erzählte sie. „Aber ich fürchte, Werner denkt, er auch.“ Elisabeth grinste. „Falls er glaubt, es gibt wieder eine Chance für uns als Paar, täuscht er sich“, fuhr Charlotte fort. „Zwischen ihm und mir stehen etliche Frauen aus seiner Vergangenheit, endlose Streitereien und jetzt auch noch … André.“

„Hast du was von ihm gehört?“, wollte Elisabeth vorsichtig wissen.

„Nein. Und das ist mir ganz recht so.“ Charlotte straffte den Rücken. „Werner und er sollen mir bloß vom Leib bleiben.“

„Gut so“, lobte Elisabeth. „André ist ein Krimineller und Werner ein Herzensbrecher. Er hat einfach kein Talent für die Ehe.“ Die beiden Schwestern tauschten einen warmherzigen Blick.

„Schön, dass es dir wieder besser geht“, fand Charlotte.

„Der Arzt sagt, wenn ich so weitermache, verlegen Sie mich bald auf eine normale Station. Und dann hoffe ich, dass ich bald hier rauskomme.“ Elisabeths Miene verdüsterte sich. „Vor allem wegen des Baus der Schule in Tansania. Die brauchen mich da.“

„Die schaffen das schon ohne dich“, versuchte ihre Schwester, sie zu beruhigen.

„Da bin ich mir nicht so sicher.“ Elisabeth wirkte jetzt ernsthaft besorgt. „Wer soll die Rechnungen bezahlen? Wer passt auf, dass die Baumaterialien nicht gestohlen werden?“ Charlotte versprach, sich darum zu kümmern. Sie würde in Tansania anrufen und herausfinden, wie die Dinge dort standen. „Lieb von dir“, sagte Elisabeth dankbar. „Sage Ihnen, ich fliege runter, sobald es geht.“

Doch so einfach, wie Charlotte sich das vorgestellt hatte, funktionierte es nicht mit dem Telefonat. Sie bekam einfach niemanden an den Apparat, der Englisch sprach. Und da sie wusste, was für ein Herzensanliegen der Bau der Schule für Elisabeth war, beschloss sie kurzerhand, selbst nach Tansania zu fliegen und nach dem Rechten zu sehen.

„Meine Entschuldigung von vorhin ging wohl ziemlich daneben, was?“ Zerknirscht stand Felix vor Emma, die gerade im Personalraum Pau se machte. Und ihn jetzt aufmerksam musterte. „Erinnern Sie sich an die Männerversteigerung?“, fragte er. Sie nickte stumm. „Seitdem weiß ich, dass Sie Ringelnatz lieben. Seine Gedichte, meine ich.“ Wieder nickte sie. „Und ich dachte, Sie freuen sich, wenn …“ Er holte ein kleines Buch hinter seinem Rücken hervor. „Es tut mir sehr leid, was ich über Sie gesagt habe“, beteuerte Felix noch einmal. „Ich hoffe, Sie können mir verzeihen. Hier, für Sie.“ Er reichte ihr das Buch.

„Danke.“ Sie lächelte selig. „Das ist sehr lieb von Ihnen.“ Er war ehrlich erleichtert, dass sie seine Entschuldigung nun doch noch angenommen hatte. Dass Emmas Herz sofort wieder höher klopfte und dass sie sich eine gemeinsame Zukunft mit Felix ausmalte – das konnte er ja nicht ahnen.

Zufällig lief Emma draußen Johann über den Weg. Auch wenn er nicht wieder als Gärtner eingestellt worden war, kümmerte er sich trotzdem um das Rosenbeet, das Charlotte nach Andrés Verhaftung zerstört hatte. Die Blumen konnten schließlich nichts dafür …

„Nett, dass Sie jetzt auch bei den Sonnbichlers wohnen“, fand Emma. „Wenn das so weitergeht, wird das noch eine richtige WG.“

„Bloß nicht“, wehrte er ab. „Das ist nichts für mich.“ Sein Blick fiel auf das Buch, das sie noch immer in der Hand hielt. „Pausenlektüre?“

„Gedichte!“, verkündetet sie stolz. „Von Joachim Ringelnatz!“

„Schön …“ Er lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass die jungen Leute den noch kennen.“ Dann bat er sie, ihm ein bisschen aus dem Buch vorzulesen, während er sich weiter den Rosen widmete. Und das tat Emma nur allzu gern – schließlich war Gruber Felix’ Vater!

Beim Hören der vertrauten Verse erinnerte sich Johann plötzlich … Er hatte selbst einmal ein Gedicht geschrieben, damals, für Elisabeth. Aber wie es genau gelautet hatte, das war ihm entfallen.

Kaum war er mit der Gartenarbeit fertig, setzte er sich mit Stift und Zettel hin. Immerhin kamen ihm die ersten Zeilen wieder in den Sinn.

Emmas Freude über Felix’ Entschuldigung und das Geschenk währte leider nicht lange. Denn Viktoria redete ihr ins Gewissen – die Geschäftsführerin hatte mit einem Blick gesehen, dass das Zimmermädchen sich wieder Hoffnungen auf ihren Bruder machte.

„Reiben Sie mir nicht bei jeder Gelegenheit unter die Nase, dass ich für Ihren Bruder nur eine nette Kollegin bin!“, fauchte Emma gekränkt.

„Frau Strobl, ich weiß selbst, wie es sich anfühlt, unglücklich verliebt zu sein“, erwiderte Felix’ Schwester.

„Sie?“, höhnte das Zimmermädchen. „Sie haben keine Ahnung – groß und schlank, wie Sie sind. Da stehen die Männer bei Ihnen doch Schlange!“

„Sie täuschen sich“, versetzte Viktoria bitter. In der Tat war sie mindestens genauso unglücklich verliebt wie Emma. In Simon, ihren Exfreund. Den sie selbst betrogen und verlassen hatte. Und der nun ihre Freundin Samia heiraten würde. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, ihm jeden Tag im Hotel über den Weg zu laufen …

„Sie haben Leons Mutter erreicht?“ Jana war gleich am nächsten Morgen zu Samia in die Saalfeld’sche Privatwohnung gegangen und nickte jetzt eifrig.

„Sie war ein paar Tage auf Verwandtenbesuch“, log sie. „Deswegen hat es vorher nicht geklappt.“

„Und wann kommt sie nach Deutschland?“, wollte Samia wissen.

„Leider gar nicht.“ Jana gab vor, diese Tatsache zu bedauern. „Aber Sie können sie jetzt gleich am Telefon sprechen.“

„Also gut …“, meinte Samia überrumpelt. „Viel leicht kann ich sie ja auch so überzeugen.“ Jana wählte eine Nummer und reichte Samia dann das Handy. Die Frauenstimme, die sich am anderen Ende der Leitung meldete, stellte sich als Kira Szepanski vor. Samia unterbreitete ihr sofort das Angebot, sie finanziell zu unterstützen, damit sie Leon selbst aufziehen könnte.

„Es geht nicht“, erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Meine Familie weiß nichts von dem Jungen. Wenn mein Vater das erfährt … Er würde mich umbringen.“ Jana hatte ihre Freundin vorher über alle Einzelheiten von Kiras Familiensituation genauestens informiert.

„Sie können Leon in Deutschland aufziehen, ohne dass Ihr Vater davon erfährt“, schlug Samia ihr vor.

„Das geht auch nicht, weil …“ Bogna geriet für einen Moment ins Stocken, fing sich dann aber wieder. „Weil der Vater von Leon, er hat mich geschlagen, und wer weiß, was er dem Baby antun würde …“ Samia seufzte und deckte kurz den Hörer mit der Hand ab.

„Das wird schwierig“, flüsterte sie Jana zu. Und Frau Schneider war mehr als erleichtert, dass ihr Trick mit der falschen Frau Szepanski zu funktionieren schien.

„Zwecklos“, stellte Samia fest, nachdem sie aufgelegt hatte. „Sie will das Kind nicht.“

„Ich hab’s Ihnen ja gesagt“, entgegnete Jana.

„Und ich habe Ihnen gesagt, ich bin erst bereit zu zahlen, wenn ich mit Frau Szepanski ein Gespräch unter vier Augen geführt habe“, beharrte Samia. „Vielleicht ändert sie in ein paar Tagen ihre Haltung.“

„Dann ist es zu spät!“, rief Jana panisch. „Dieser Lell hat uns ein Ultimatum gestellt.“

„Dann muss die Frist eben verlängert werden“, verlangte Samia. Jana verlor die Fassung. Lell hatte eine Fristverlängerung doch schon abgelehnt!

„Können Sie nicht einmal über Ihren verdammten Schatten springen?!“ Janas Stimme überschlug sich beinahe. „Jetzt habe ich mich dermaßen reingehängt und Ihnen alles mundgerecht serviert, und Sie zicken immer noch rum!“

„Wie – mundgerecht?“ Samia stutzte. „Was läuft hier ab?“ Jana war in sich zusammengesunken. Sie hatte sich gerade um Kopf und Kragen geredet. „Das war gar nicht Kira Szepanski, nicht wahr?“, hakte Samia nach. „Das war jemand anders, der sich nur als Leons Mutter ausgegeben hat.“ Was blieb der Sicherheitschefin anderes übrig, als die Wahrheit zu gestehen?

Samia war erst einmal in den Park gegangen, um ihre Gedanken zu ordnen. Dort traf sie zufällig auf Johann, dem sie erzählte, was Jana Schneider gerade getan hatte. Doch Johann äußerte Verständnis für die ehemalige Polizistin.

„Da legt ihr jemand so ein Kindchen vor die Tür, sie hegt und pflegt es – und dann soll sie es wieder hergeben?“, meinte er.

„Das Kind hat eine Mutter“, entgegnete Samia.

„Offenbar eine Rabenmutter“, konterte er. „Aber diese Frau Schneider …“

„Diese Frau hat dich hinter Gitter gebracht!“, rief Samia.

„Und das werde ich der Kommissarin Jana Schneider auch nie verzeihen“, erklärte er. „Aber als Privatperson … Weißt du, wenn einem jemand nahesteht, kann der einem wichtiger werden als das eigene Leben.“ Er lächelte versonnen. „Als ich Felix kennengelernt habe, war er nicht süß und klein, sondern groß und frech. Und trotzdem … Ich wäre für ihn durchs Feuer gegangen.“

„Das ist doch ganz was anderes“, fand sie. „Er ist dein leiblicher Sohn.“

„Aber du bist nicht meine leibliche Tochter“, wandte er ein. „Und ich habe trotzdem für dich gelogen, sodass ich mit einem Bein im Gefängnis stand. Hast du das vergessen?“ Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Nein …“, murmelte sie. „Aber irgendwie habe ich das noch nie so gesehen.“

Jana reagierte zerknirscht, als Samia plötzlich bei Gregor vor der Tür stand. Sie hatte Gregor gerade gebeichtet, was passiert war.

„Frau Gruber, ich weiß, was ich getan habe, war falsch“, entschuldigte sie sich nun auch bei Samia. „Ich hätte nicht lügen dürfen.“

„Mir ist völlig klar, dass Sie nur aus Verzweiflung so gehandelt haben“, erwiderte Samia. „Und ich weiß wirklich nicht, ob es richtig ist, was ich tue … Aber ich gebe Ihnen das Geld für die Adoption. Ohne jede Bedingung.“ Gregor und die Sicherheitschefin tauschten einen fassungslosen Blick. Samia hatte sogar schon einen Scheck über fünfzigtausend Euro dabei! „Damit können Sie die erste Hälfte der Kosten begleichen“, erklärte sie, als sie Jana den Scheck übergab.

„Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, stammelte Jana. „Natürlich bekommen Sie das Geld zurück. Mit Zins und Zinseszins.“

„Ich will keine Zinsen“, protestierte Samia. „Zahlen Sie mir das Geld einfach so zurück, wie es Ihnen am besten passt.“ Jana fehlten die Worte vor lauter Dankbarkeit. Und auch Gregor hatte es vor Staunen die Sprache verschlagen. Aber auch er bedankte sich schließlich bei seiner Exfreundin von ganzem Herzen.

So, wie es aussah, würden Gregor und Jana Schneider jetzt wirklich so etwas wie eine Familie werden, sagte sich Samia später. Und wer hatte ihnen dazu verholfen? Ausgerechnet sie selbst! Aber das Verrückteste war, dass sie noch nicht mal eifersüchtig war. Nun, ein bisschen merkwürdig fühlte es sich schon an, Gregor so vertraut mit einer anderen Frau zu sehen – aber egal … Sie hatte den beiden und vor allem dem süßen Baby helfen können, das war das Wichtigste. Und die Idee mit der Stiftung für Mütter in Not sollte sie wirklich in die Tat umsetzen!

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