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Wahre Liebe heilt alle Wunden

1. KAPITEL

Melanie Duncans Nasenflügel zuckten, als ihr der Gestank von Schimmel, ranzigem Fett und was auch immer im uralten Kühlschrank ihrer Großmutter krepiert war, in die Nase stieg. Danach öffnete sie einen der Küchenschränke und riss entsetzt die Augen auf. Amelia Rinehart hatte offensichtlich jedes Glas und jeden Plastikbehälter aufbewahrt, den sie je in der Hand gehalten hatte!

Genauso wie – schaudernd klappte Mel die fleckige senfgelbe Schranktür zu – jahrzehntealte Magazine, Zeitungen und Werbeflyer, die sich in sämtlichen acht Schlafzimmern des Hauses stapelten. Und stell dir nur vor, dachte sie missmutig, als sie den verkrusteten Wasserhahn aufdrehte und auf heißes Wasser wartete, das alles gehört mir. Oder vielmehr mir, April und Blythe.

Sie ließ den Blick durch das verschmutzte Fenster über den verwilderten Garten gleiten, der sich bis zur in der späten Septembersonne schiefergrau schimmernden Bucht dahinter erstreckte … und konnte fast die beiden jungen Frauen sehen, die sich ausgestreckt auf Strandtüchern auf dem Steg sonnten, während aus irgendeinem alten Gettoblaster Musik dröhnte. Aus Blythes höchstwahrscheinlich.

Mel schrie auf, als das Wasser plötzlich kochend heiß wurde.

Anscheinend stand sie noch unter Schock. Weniger allerdings wegen des Todes ihrer fast neunzigjährigen Großmutter, als wegen der Tatsache, dass Amelia ihr das Haus vererbt hatte, und das, wo sie und ihre Großmutter seit zehn Jahren kein Wort mehr miteinander geredet hatten. Seltsam. Doch viel seltsamer war es, sich ausgerechnet an dem einzigen Ort wiederzufinden, in den sie nie wieder einen Fuß zu setzen geschworen hatte.

Fröstelnd – die Heizung schien nicht zu funktionieren – schrubbte Mel sich mit dem hinter der pockennarbigen Spüle stehenden Geschirrspülmittel die Hände. Als sie damit fertig war, verzog sie angesichts der Türme längst abgelaufener Lebensmittel auf der abblätternden Arbeitsplatte das Gesicht. Ekelhaft, wie ihre Tochter sagen würde. Gott sei Dank funktionierte wenigstens die Waschmaschine noch, denn nie im Leben würde Mel ihr Kind unter einer der muffigen Decken schlafen lassen, die im Wäscheschrank lagen.

War ihre Großmutter schon immer so ein Messi gewesen? Oder hatten die drei Cousinen in jenen langen faulen Sommern einfach die Augen vor dem ganzen Durcheinander verschlossen?

Kopfschüttelnd ging Mel ins Esszimmer und rief nach ihrer Tochter, die, aus härterem Holz geschnitzt als ihre Mutter, beim Öffnen der Haustür einen Begeisterungsschrei ausgestoßen hatte und sofort auf Entdeckungsreise gegangen war.

„Quinn! Wo bist du?“, brüllte Mel und verdrängte die Vorstellung von ihrer mit einer Armee Ratten kämpfenden Tochter. Erleichtert seufzte sie auf, als sie Quinn gedämpft, aber fröhlich „Ich komme!“ rufen hörte.

Mel wandte sich dem Ungetüm von einem Büfett zu, das fast vollständig von weiterem … Kram verdeckt war. Nippes, Deko und Zierrat ohne Ende. Und in sämtlichen Ecken standen Pakete aller Größen und Formen – manche sogar noch ungeöffnet – mit allem nutzlosen Zeug, das es auf diesem Planeten gab.

So viel zu Mels Vorsatz, mal eben klar Schiff zu machen. Was jemand in Jahren angehäuft hatte, konnte man nicht einfach so in zwei Tagen loswerden.

Und danach? Was zum Teufel sollten sie und ihre Cousinen bloß mit dem Haus anfangen? Klar, St. Mary’s Cove war sehr malerisch, aber selbst leer geräumt würde das Haus potenziellen Käufern höchstens ein höhnisches Lachen entlocken. Außerdem bezweifelte Mel, dass ihre beiden Cousinen genügend Geld hatten, um das Haus zu sanieren. Sie selbst hatte es jedenfalls nicht, ein Gedanke, der sie wieder in jenen Abgrund der Verzweiflung stürzte, aus dem sie schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr herauszukommen schien.

Schwermütig ging sie durch das Horrorhaus zu ihrem kleinen Honda, um das Gepäck vom Rücksitz zu nehmen. Dabei stieg ihr die salzige Seeluft in die Nase. Oh nein, bloß keine Anfälle von Nostalgie!

Und plötzlich, einfach so, war er da. Natürlich nur in ihrem Kopf, nicht persönlich, da er nichts von ihrer Anwesenheit ahnen konnte, aber … verdammt!

Sie hatte sich seit Jahren verboten, an ihn zu denken. Hatte sich fast davon überzeugt, dass sie das Ganze abgehakt hatte. Dass sie ihn abgehakt hatte und dass alles, was sie mal verbunden hatte, genauso vorbei und vergessen war wie jene langen Sommer damals …

„Mom? Was machst du da?“

Mel blickte hoch und lächelte ihrer auf der maroden Veranda stehenden stirnrunzelnden Zehnjährigen zu – ihrem Lebensinhalt. Ihr schwoll das Herz vor lauter Liebe. Sie hatte weiß Gott genug Fehler in ihrem Leben gemacht, aber die Fünftklässlerin mit dem wilden roten Haar gehörte eindeutig nicht dazu.

Die Umstände ihrer Empfängnis hingegen? Ein ganz anderes Thema.

„Ich hole unser Gepäck. Du darfst gern den Packesel spielen.“ Mel hatte nämlich nicht vor, ihren halb aufgegessenen Käsekuchen in Baltimore verrotten lassen. Oder das Kürbissoufflé. Oder …

Okay, sie kochte und buk eben gern. Das war doch kein Verbrechen, oder?

Als sie und Quinn die vielen in Tupperdosen verpackten Leckereien in die Küche trugen, keuchte Quinn erschrocken auf. „Na, hier müssen wir wohl mal gründlich sauber machen“, sagte sie kopfschüttelnd.

„Das kannst du laut sagen.“ Mit spitzen Fingern öffnete Mel den Schrank unter der Spüle und fand – hurra! – sechs halb leere Packungen Reinigungsmittel, diverse Kartons mit Müllbeuteln, einen Eimer voller Schwämme und genug Lysol, um ein ganzes Kreuzfahrtschiff zu desinfizieren. Und sogar zwei ungeöffnete Packungen Gummihandschuhe.

Der liebe Gott sorgt immer für alles Nötige, hörte sie im Geiste ihre Mutter sagen. Tränen schossen ihr in die Augen. Auch Mom ist Vergangenheit, dachte sie, während sie sich wieder aufrichtete und ihrer Tochter ein Paar Handschuhe, einen Schwamm und eine Flasche Reinigungsmittel reichte. „Fang schon mal mit der Spüle an.“ Sie nahm einen Müllbeutel und stellte sich dem ekligen Kühlschrank. „Ich knöpfe mir den hier vor.“

„Okay.“ Quinn zog sich einen Hocker an die Spüle und stellte sich drauf. Nachdem sie sich die Handschuhe übergestreift hatte, machte sie sich entschlossen an die Arbeit, laut und sehr schief einen Song aus Wicked – Die Hexen von Oz singend.

Mel musste lachen. Was für ein verrücktes Mädchen, dachte sie liebevoll. Sie würde alles tun, um sie zu beschützen.

Vor allem vor Menschen, die nichts von ihrer Existenz wissen wollten!

Ryder blickte von einer Krankenakte hoch und starrte seinen Vater verständnislos an. „Was hast du gesagt?“

David Caldwell schob seinen Kugelschreiber in seine Kitteltasche. Er zog seinen Kittel aus und hängte ihn an einen der Haken an der Rückseite seiner Kliniktür. „Dass Amelia den Mädchen das Haus hinterlassen hat.“

Eigentlich überrascht mich das nicht, dachte Ryder, obwohl ihm die Worte seines Vaters einen schmerzhaften Stich versetzt hatten. Es lag nahe, dass Amelia Rinehart ihr Haus den drei Cousinen vererbt hatte, die dort – wie viele? – neun oder zehn Sommer verbracht hatten. Mindestens.

Überraschend war nur seine Reaktion auf diese Neuigkeit. Und dass die Aussicht, Mel nach all der Zeit wiederzusehen, überhaupt noch eine Reaktion hervorrief. Schließlich war in der Zwischenzeit viel Wasser den Bach hinuntergeflossen.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Ryder erwiderte den besorgten Blick seines Vaters, dem er schon fast erschreckend ähnlich sah. Ganz anders als sein jüngerer Bruder Jeremy, der die helle Haut und das rote Haar ihrer Mutter geerbt hatte. Unter anderem.

„Klar. Warum nicht?“ Er klappte die Krankenakte zu und ging ins leere Wartezimmer, um sie auf den Empfangstresen zu legen. Von draußen prasselten schwere Regentropfen gegen das Fenster der kleinen Familienklinik und – praxis in der Main Street, die sein Vater vor fast dreißig Jahren eröffnet hatte. Sie war die einzige Konstante in Ryders Leben, das ihm mit irritierender Regelmäßigkeit Rückschläge versetzte. „Aber woher weißt du …“

„Von Phil. Golf. Er sagt, sie müssten heute oder morgen kommen. Um zu beratschlagen, was sie mit dem Haus anfangen wollen.“ Er schwieg einen Moment. „Ich dachte nur, du solltest es wissen.“

„Wegen Mel?“

Ryders Vater lächelte schwach. „Die Kleine hat dich damals förmlich angebetet. Ich habe nie wieder zwei Kinder gesehen, die sich so nahestanden.“

Ryder schlüpfte in seine alte beigefarbene Windjacke. „Das ist Jahre her, Dad“, sagte er. Längst verdrängte Schuldgefühle stiegen in ihm auf, die jedoch eine fast willkommene Abwechslung zu dem Schmerz waren, unter dem er nun schon seit fast einem Jahr litt. „Wir haben seit jenem Sommer damals nichts mehr voneinander gehört.“

„Sie hat eine Tochter, Ry.“

Ryder hatte noch immer keine Ahnung, warum sein Vater ihm das erzählte. Und woher – oder vielmehr warum – er von dem Kind wusste. „Sie hat eine Tochter?“

„Ja. Sie ist zehn.“

Jetzt ergab dieses seltsame Gespräch schon mehr Sinn. „Glaubst du etwa, sie ist von mir? Sorry, Dad, aber das ist ausgeschlossen.“

„Ich weiß, dass sie nicht von dir ist, Ry“, sagte sein Vater düster. „Sie ist von deinem Bruder.“

Ryder hatte sich noch immer nicht von seinem Schock erholt, als er eine Stunde später auf der anderen Straßenseite von Amelia Rineharts viktorianischem Kasten parkte. In der Einfahrt stand ein kleiner weißer Honda mit einem Maryland-Nummernschild, und in der Küche brannte Licht. Ob der Wagen Mel gehörte?

Man sagt sich immer, dass die Vergangenheit abgeschlossen ist, dachte er. Dass die Zeit die Erinnerungen unweigerlich verblassen lässt. Doch dann passiert etwas – ein Wort, ein Gedanke, ein Duft – und schlagartig ist alles wieder präsent.

Ryders Vater hatte nichts Näheres erzählt, nur vor sich hingemurmelt, dass er jetzt ein Problem hatte. Was vermutlich bedeutete, dass Ryders Mutter hinter der ganzen Sache steckte. Ryder war nicht überrascht, so wie sie seinen jüngeren Bruder Jeremy immer überbehütet hatte. Was für ein verdammtes Chaos!

Er lachte bitter auf. Endlich war er an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr das Gefühl hatte, dass ihm die Brust mit einer rostigen Forke durchstoßen wurde, und dann … das hier.

Auch wenn er noch keine Ahnung hatte, was „das hier“ eigentlich war.

Er hätte nicht fassungsloser sein können, wenn das Kind von ihm wäre. Oder wütender. Und er hatte keine Ahnung, was ihm mehr zu schaffen machte – dass Jeremy Mel geschwängert hatte, oder dass seine Familie ihm das all die Jahre verschwiegen hatte. Noch nicht mal Mel hatte ihm davon erzählt …

Du fühlst dich hintergangen? Wirklich?

Als die Haustür aufging, rutschte Ryder ein Stück nach unten und ließ unauffällig das beschlagene Fenster herunter – wie ein Stalker. Okay, der Honda gehörte anscheinend wirklich Mel – er hörte ihr ansteckendes Lachen trotz des prasselnden Regens, noch bevor er sie sah.

Ein Kind in einer limettengrünen Daunenjacke kam aus der Tür. Die roten Locken des Mädchens leuchteten in der schwachen Außenbeleuchtung auf, bevor es seine Sweatshirtkapuze darüberzog. Als es zum Geländer ging, konnte Ryder ihr Gesicht erkennen.

Verdammt, sie sah genau so aus wie Jeremy!

Ryders Herz machte einen Satz, als Mel plötzlich auftauchte. In dem durchsichtigen leuchtend rosa Regenponcho sah sie aus wie lebendig von einer Qualle verschluckt. Er konnte nicht viel erkennen, nur dass sie die schrecklichen Birkenstockschuhe gegen noch schrecklichere Crocs ausgetauscht hatte. Ausgerechnet in Knallrosa. Ryders Lippen zuckten. Mode war noch nie Mels Stärke gewesen.

Nachdem sie die Tür abgeschlossen hatte, ging sie zu ihrer Tochter und schlang einen Arm um sie. Bei diesem Anblick bekam Ryder einen Kloß im Hals. Leider konnte er ihr Gesicht wegen des Regens und des schwachen Lichts der Straßenlaternen kaum erkennen. Obwohl es keinen Grund zur Annahme gab, dass sie nicht genauso so hübsch war wie früher. Etwas, das er sich damals nie getraut hatte, ihr zu sagen.

Ryder fragte sich unwillkürlich, ob sie liiert war. Oder vielleicht sogar verheiratet. War sie aufs College gegangen, und falls ja, worin hatte sie einen Abschluss gemacht? War sie glücklich, litt sie unter einem gebrochenen Herzen oder langweilte sie sich?

Nein, Mel war nicht der Typ, der sich langweilte.

Ryder blieb im Wagen sitzen. Er hatte nicht vor, sie hinterrücks zu überfallen, zumindest noch nicht. Erstens wäre das unfair, da sie bestimmt nicht damit rechnete, und zweitens wollte er ihr erst begegnen, wenn sich das Chaos in seinem Kopf geklärt hatte. Oder nachdem er die ganze Wahrheit aus seiner Mutter herausgeholt hatte. Aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen, hatte er Mel einfach … sehen wollen.

Ihr rosa Regenponcho glänzte im matten Licht, als sie etwas zu dem Mädchen sagte. Er konnte die beiden nicht verstehen, aber Quinns dramatische Gesten erinnerten ihn an ihre Mutter in dem Alter. Plötzlich fand er es unfassbar, das er absolut nichts über Mels letzte zehn Jahre wusste.

Er musste an den Tag denken, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ihre großen, neugierigen Augen hatten ihn sofort fasziniert. Damals war Mel erst zwei Tage alt gewesen, und er hatte ihren Blick als stumme Bitte aufgefasst, auf sie aufzupassen. Für ihn hatte es nie eine Rolle gespielt, dass Mels Eltern im Verwalterhäuschen und er im Haupthaus gewohnt hatten. Sie hatten einfach zusammengehört.

Erinnerungen stiegen in ihm auf. Wie sie gelacht hatte, wenn er Kuckuck mit ihr gespielt hatte, wie er ihr beim Laufenlernen, Dreiradfahren und beim Alphabet geholfen hatte. Später hatte er ihr beigebracht, wie man Baseball spielte oder Wasserbomben warf – alles Dinge, die sein vier Jahre jüngerer Bruder, der nach einer schlimmen Lungenentzündung als Kleinkind verwöhnt und geschont wurde, langweilig und doof gefunden hatte.

Natürlich hatte ihn Mels Anhänglichkeit später oft genervt, wenn er Besuch von seinen Freunden hatte oder Modellflugzeuge basteln wollte. Er hatte sie dann meistens verscheucht, bis sie wütend und mit wippenden Zöpfen davongestapft war. Doch später hatte er sich dann immer auf die Suche nach ihr gemacht und war so strahlend von ihr begrüßt worden, als hätte er sie nie zurückgewiesen.

Ryder ließ das Fenster wieder hoch, als er Mel und die Kleine lachend durch den Regen zu ihrem Wagen rennen sah. Ja, auf Mels Lächeln war immer Verlass gewesen, selbst als er auf der Highschool war, Mel in die Pubertät kam und ihre Mütter sie misstrauisch zu beäugen begannen. Obwohl deren Hintergedanken völlig absurd gewesen waren. Himmel, Mel war für ihn wie eine kleine Schwester gewesen!

Bis zu jenem Sommer, als sie sechzehn geworden war …

Damals hatte er gerade das höllische erste Semester hinter sich und freute sich auf das Wiedersehen mit Mel, doch ihr Anblick in einem geblümten Bikini erschütterte besagte Grenzen ernsthaft. Innerlich war sie schon immer reifer als die meisten Mädchen seines Alters gewesen, und als ihr Körper plötzlich mit ihrer restlichen Entwicklung Schritt hielt … wow!

Ihm entging nicht, dass auch sie ihn plötzlich mit ganz anderen Augen ansah.

Trotzdem hätte er sich lieber ein Glied abgeschlagen – vor allem das, was ihm besonders zu schaffen machte –, als ihr Vertrauen zu missbrauchen. Nur dass genau dieses Vertrauen sie nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters in seine Arme trieb. Weil sie bei ihm den Trost suchte, den sie von niemand anders bekam – schon gar nicht von ihrer verzweifelten Mutter.

Auch nach all der Zeit noch wurde Ryder ganz heiß vor Scham bei der Erinnerung an seine Reaktion auf ihr Angebot. Und an sein Entsetzen über sich selbst. Er hatte solche Panik bekommen, dass er sie von sich gestoßen hatte und geflohen war … zurück ans College, Wochen, bevor er zurückerwartet wurde.

Mel hatte ihm mehr als alles andere auf der Welt bedeutet, und doch hatte er komplett versagt. Er hatte wie ein Elefant auf ihrem ohnehin schon gebrochenen Herzen herumgetrampelt. Doch das Schlimmste war, dass er sich nie dafür bei ihr entschuldigt, ihr nie eine Erklärung gegeben und nie versucht hatte, seinen Fehler wiedergutzumachen. Das lag daran, dass er mit einundzwanzig noch nicht gewusst hatte, wie er das anstellen sollte.

Aber vor allem deshalb, weil … er sie begehrt hatte. Wie verrückt war das gewesen?

Stöhnend ließ Ryder den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Mels Rückkehr war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, so schlecht, wie es ihm ohnehin schon ging. Aber das ließ sich nun mal nicht ändern.

Was soll’s, wenigstens hatte er jetzt die Chance, ihr seine Version der Geschichte zu erzählen. Und sich ihre anzuhören.

Vor allem den Teil, wie sie zum Baby seines Bruders gekommen war!

„Du hast es ihm erzählt?“

Lorraine Caldwell starrte ihren Mann fassungslos an. „Hast du den Verstand verloren?“

David Caldwell saß mit einem Scotch in seinem Lieblingssessel im holzvertäfelten Wohnzimmer, einen der beiden dösenden Hündinnen zu seinen Füßen, und zuckte die Achseln.

Auch nach fast dreißig Jahren Ehe wusste Lorraine nicht, ob sie seine Unerschütterlichkeit beruhigend oder nervtötend finden sollte.

David lächelte schwach. „Wenn du dich recht entsinnst, habe ich dir das Gleiche vorgeworfen, als du mir deinen Entschluss mitgeteilt hast, das Ganze unter den Teppich zu kehren.“

David war tatsächlich nicht gerade glücklich über das Arrangement gewesen, dachte Lorraine mit einer Mischung aus Unbehagen und – sollte sie es zugeben? – Bewunderung. Jetzt. Damals allerdings …

„Es ist gegen die Abmachung, dass sie zurückkommt. Erst recht mit …“ Aus alter Gewohnheit senkte Lorraine die Stimme, obwohl sie und ihr Mann schon seit Jahren keine Haushälterin mehr hatten. „… dem Kind.“

„Du kannst nicht die ganze Welt kontrollieren, Lorraine!“

„Vielleicht wären sie sich nie über den Weg gelaufen. Warum um alles in der Welt musstest du die Neuigkeit ausposaunen?“

David stand auf. „Weil ich es ihnen gegenüber unfair finde, das Ganze dem Zufall zu überlassen. Und außerdem – bist du denn gar nicht neugierig auf sie?“

Lorraine schnaubte. Niemals hatte sie sich gefragt, wie die Dinge gelaufen wären, wenn sie sich damals anders entschieden hätte. Ihrer Meinung nach hatte sie die unter den Umständen einzig richtige Entscheidung getroffen. Jetzt einfach die Regeln zu ändern, war …

„Was ist mit Jeremy?“, fragte sie, verzweifelt nach Strohhalmen greifend. „Und Caroline? Sie sind erst seit sechs Monaten verheiratet.“ Als David sie missbilligend ansah, seufzte sie ungeduldig auf. „Und was ist, wenn Ryder ihn damit konfrontiert? Hast du daran mal gedacht?“

„Das wird er bestimmt“, antwortete David achselzuckend. „Ich war damals gleich dafür, Jeremy die Verantwortung für seine eigene Dummheit übernehmen zu lassen.“

„Warum hast du dann nicht dafür gesorgt?“, fragte Ryder von der Tür aus.

Lorraine zuckte erschrocken zusammen.

David winkte mit seinem fast leeren Glas in ihre Richtung. „Frag deine Mutter.“

Wortlos sah Ryder sie an, die Hände in den Taschen der schrecklichen alten Windjacke vergraben, die er seit seiner Collegezeit hatte.

Ryder war immer der ruhigere ihrer beiden Söhne gewesen, sogar als Kleinkind. Doch am wütenden Funkeln seiner dunkelbraunen Augen und seinen zusammengepressten Lippen erkannte Lorraine, dass seine äußere Ruhe diesmal nur Fassade war. Sie hatte Mühe, seinem Blick standzuhalten. Vor allem, weil er Schuldgefühle in ihr wachrief, die sie in den letzten zehn Jahren mit aller Macht unterdrückt hatte.

Ryder beobachtete, wie seine noch immer attraktive Mutter sich seufzend aufs Sofa sinken ließ. Zwei Silberspangen hielten ihr die verblassenden roten Locken aus dem scharf geschnittenen Gesicht. Mit dem rostroten Cardigan, Jeans und den flachen Schuhen hatte sie eine Katharine-Hepburn-Ausstrahlung, die viele Menschen einschüchternd fanden. Und bis zu einem gewissen Grad faszinierend.

Ryder allerdings nicht. „Also?“, bohrte er nach.

Geistesabwesend ließ sie einen Finger über den Schirm der Waterford-Lampe neben sich gleiten, bevor sie die Hände im Schoß verschränkte. „Die Sache zwischen Jeremy und Mel … wir hatten keine Ahnung davon, absolut keine. Bis Maureen mit Mel hier hereinplatzte und verkündete, dass Mel schwanger war.“ Ryders Mutter warf ihrem Sohn einen raschen Blick zu. „Im ersten Moment dachten wir, dass das Baby von dir ist.“ Sie verzog das Gesicht. „Bis wir nachrechneten.“

Ryder verschränkte die Arme vor der Brust. „Und als euch bewusst wurde, dass ich nicht der Vater bin?“

„Jeremy war damals kaum achtzehn.“ Lorraine seufzte erneut. „Es war offensichtlich, dass das Ganze ein Versehen war. Dass es nichts zu bedeuten hatte. Vor allem ihm nicht, aber sogar Mel räumte ein …“ Lorraine stockte und wandte das Gesicht ab.

„Was?“, hakte Ryder nach.

„Dass sie Jeremy nicht liebte. Sieh mich nicht so an, Ryder! Es war nur eine alberne Sommerliebelei, nichts weiter! Wenn auch eine mit schrecklichen Konsequenzen.“ Sie zog eine Grimasse. „Aber Jeremy konnte man schlecht einen Vorwurf daraus machen, oder? So wie Mel damals immer rumrannte, in kurzen Shorts und eng anliegenden Oberteilen?“

„Du meinst abgeschnittene Jeans und T-Shirts? Das trug jedes Highschoolmädchen.“

„Aber dieser Bikini …“

„Na und? Ist Mel automatisch die Schuldige, nur weil ihr Brüste wuchsen?“

Lorraine wurde rot. „Natürlich nicht! Aber sie hätte sie ja nicht so … deutlich zur Schau stellen müssen. Warum hat sie sich nicht weniger … verführerisch angezogen? Ich meine, du kennst doch deinen Bruder …“

Ryders Vater schnaubte verächtlich auf. „Lorraine, nun mach mal halblang!“

„Mel hat ihre Reize nicht mehr zur Schau gestellt als jedes andere Mädchen in ihrem Alter auch. Eher weniger. Und dieser Bikini – klar hat er ihre Rundungen betont, aber wir reden hier doch nicht von einem Tanga, verdammt noch mal!“

Lorraine stand auf. „Trotzdem kannst du deinem Bruder nicht allein die Schuld geben, Ryder, auch wenn ich weiß, wie gern du das tätest. Ich habe noch nie verstanden, warum ihr nicht besser miteinander auskommt. Deshalb haben wir auch beschlossen, dir das Ganze lieber zu verschweigen. Wir wussten nämlich, wie sehr es dich verletzen würde, dass Mel …“

Ryder funkelte Lorraine so wütend an, dass sie stockte. „Wie dem auch sei, ich konnte nicht zulassen, dass Jeremys Zukunftspläne wegen eines einmaligen Ausrutschers zerstört werden“, fuhr sie kopfschüttelnd fort. „Er hatte so hart daran gearbeitet, zum Jurastudium an der Columbia University zugelassen zu werden. Also einigten wir uns darauf – mit Maureens Zustimmung wohlgemerkt –, dass die beiden St. Mary’s mit unserer finanziellen Unterstützung verlassen und wir nie wieder ein Wort über die Angelegenheit verlieren.“

Ryder starrte sie irritiert an. Irgendetwas stimmte hier nicht. Nicht was seine Mutter sagte, aber die Art, wie sie es sagte. Aber zuerst brauchte er Fakten. „Dann hat du also nie auch nur in Erwägung gezogen, Jeremy zumindest einen Teil der Konsequenzen tragen zu lassen?“

„Mit achtzehn? Was zum Teufel hätte er denn tun sollen?“

„Mel war erst sechzehn. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie bei der ganzen Sache am schlechtesten davonkam!“

„Ich habe ja versucht, sie zur Vernunft zu bringen!“ Verzweiflung flackerte in Lorraines Blick auf. „Ihr ihre … Optionen klarzumachen. Aber sie wollte nichts davon wissen. Sie bestand darauf, das Baby zu bekommen und zu behalten, obwohl ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte, ...

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