Logo weiterlesen.de
Wake

Über die Autorin

Lisa McMann

wollte seit der vierten Klasse Schriftstellerin werden. Mit ihrem ersten Roman, Wake – Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast, schaffte sie es direkt auf die Bestseller-Liste der New York Times. Lisa McMann lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Arizona.

Lisa McMann

WAKE

Ich weiß,
was du letzte Nacht
geträumt hast

Aus dem amerikanischen Englisch
von Tanja Ohlsen

BASTEI ENTERTAINMENT

Das ist für dich, Toots

Sechs Minuten

9. Dezember 2005, 12:55 Uhr

Janie Hannagan fällt das Mathematikbuch aus der Hand. Sie hält sich an der Tischkante fest. Um sie herum wird es schwarz und still. Seufzend legt sie den Kopf auf den Tisch, versucht, sich aufzuraffen, versagt jedoch jämmerlich. Heute ist sie viel zu müde. Zu hungrig. Für so etwas hat sie einfach keine Zeit.

Und dann …

Sie sitzt auf der offenen Tribüne des Rugbystadions und blinzelt zwischen den brüllenden Zuschauern ins Licht. Sie sieht sich unter den Leuten auf der Tribüne um – Klassenkameraden, Eltern – und versucht, den Träumenden auszumachen. Seine Angst ist deutlich zu spüren, aber wo ist er? Dann sieht sie auf das Rugbyfeld, findet ihn und verdreht die Augen.

Es ist Luke Drake. Keine Frage. Schließlich ist er im Abschlussspiel der einzige nackte Spieler auf dem Feld.

Es scheint niemandem aufzufallen oder zumindest niemanden zu stören. Außer ihn. Der Ball wird gefangen und die Reihen prallen aufeinander, doch Luke bedeckt sich mit den Händen und hüpft von einem Bein aufs andere. Sie spürt seine wachsende Panik. Janies Fingerspitzen kribbeln und werden taub.

Luke sieht Hilfe suchend zu ihr herüber, als sich der Ball wie eine Gewehrkugel in Zeitlupe auf ihn zubewegt. »Hilfe!«, sagt er.

Sie fragt sich, ob sie ihm helfen kann. Fragt sich, ob sie den Verlauf von Lukes Traum beeinflussen kann. Ihr fällt ein, dass ein gestärktes Selbstbewusstsein des besten Fängers am Tag vor dem großen Spiel dazu führen könnte, dass die Fieldridge Highschool beim Kampf um die Meisterschaft wieder im Rennen ist.

Aber eigentlich ist Luke ein Schwachkopf. Er würde es nicht zu schätzen wissen. Also sieht sie dem Debakel einfach nur zu und fragt sich, ob er Stolz oder Ruhm den Vorrang gibt.

Er ist nicht so toll, wie er glaubt.

So viel ist mal sicher.

Der Ball hat Luke fast erreicht, als der Traum wieder von vorne losgeht. Oh, mach schon weiter, denkt Janie. Sie konzentriert sich in ihrem Sitz auf der Tribüne und schafft es, langsam aufzustehen. Sie versucht, für den Rest des Traumes nach hinten zu gehen, damit sie nicht weiter zusehen muss, und erstaunlicherweise schafft sie es dieses Mal.

Das ist gut.

13:01 Uhr

Janies Gedanken werden wieder in ihren Körper katapultiert. Immer noch sitzt sie in ihrer üblichen, entlegenen Ecke der Schulbibliothek, krümmt die schmerzenden Finger, hebt den Kopf. Als sie wieder sehen kann, lässt sie den Blick durch die Bibliothek schweifen.

Den Schuldigen erblickt sie an einem Tisch etwa fünf Meter weiter. Jetzt ist er wach, reibt sich die Augen und grinst verlegen die beiden anderen Rugbyspieler an, die lachend neben ihm stehen. Ihn anstoßen und ihm spielerisch auf den Kopf schlagen.

Janie schüttelt den Kopf, um ihn freizubekommen, und hebt das Mathematikbuch auf, das aufgeschlagen und verkehrt herum auf dem Tisch liegt, wo sie es hat fallen lassen. Darunter findet sie einen kleinen Snickers-Riegel. Sie lächelt leise und sieht nach links zwischen die Buchreihen.

Aber dort ist niemand, bei dem sie sich bedanken kann.

Wie alles begann

23. Dezember 1996, abends

Janie Hannagan ist acht. Sie trägt ein dünnes Kleid mit verblichenem rotem Druckmuster und zu kurzen Ärmeln, rutschende verwaschene Strumpfhosen, graue Moonboots und einen braunen ausgefransten Mantel, an dem zwei Knöpfe fehlen. Ihr langes, straßenköterblondes Haar steht elektrisiert ab. Sie fährt mit ihrer Mutter im Zug von Fieldridge in Michigan zu ihrer Großmutter nach Chicago. Mutter sitzt auf dem Platz ihr gegenüber und liest den Globe. Auf dem Cover ist ein Bild von einem riesigen Mann in einem taubenblauen Smoking. Janie lehnt den Kopf ans Fenster und beobachtet, wie es von ihrem Atem beschlägt.

Die Atemwolke, die sich bildet, nimmt ihr so langsam die Sicht, dass sie gar nicht merkt, was geschieht. Einen Augenblick lang schwimmt sie im Nebel, dann sitzt sie in einem großen Zimmer an einem Konferenztisch, zusammen mit fünf Männern und drei Frauen. Vor ihnen steht ein großer, langsam kahl werdender Mann mit einer Aktentasche. Nur in Unterwäsche versucht er, einen Vortrag zu halten, doch er ist aufgeregt. Er will sprechen, aber er bringt kein Wort hervor. Die anderen Erwachsenen tragen alle frisch gebügelte Anzüge. Sie lachen und zeigen auf den Mann in Unterwäsche.

Der kahlköpfige Mann sieht Janie an.

Und dann sieht er die Leute an, die ihn auslachen.

Sein Gesicht verzieht sich niedergeschlagen.

Er hält die Aktentasche schützend vor sich, woraufhin die anderen nur umso lauter lachen. Dann läuft er zur Tür des Konferenzraums, aber die Klinke ist glitschig – irgendetwas Schleimiges tropft davon herunter. Er kann die Tür nicht öffnen, sie quietscht und rappelt laut und die Leute biegen sich vor Lachen. Die Unterwäsche des Mannes ist grau und schlabbert. Wieder wendet er sich mit panischem und Hilfe suchendem Blick an Janie.

Janie weiß nicht, was sie tun soll.

Sie erstarrt.

Die Bremsen des Zuges quietschen.

Die Szene wird trübe und verliert sich im Nebel.

»Janie!« Ihre Mutter beugt sich zu ihr herüber. Ihr Atem riecht nach Gin und ihr strähniges Haar fällt ihr über ein Auge. »Janie, ich sagte, vielleicht nimmt dich Grandma zu dem schönen großen Puppengeschäft mit. Ich dachte, dass dich das freut, aber es scheint nicht so.« Janies Mutter nippt an einer Flasche aus ihrer schäbigen alten Tasche.

Janie konzentriert sich auf ihre Mutter und lächelt. »Das wird sicher lustig«, sagt sie, obwohl sie gar keine Puppen mag. Sie hätte lieber neue Strumpfhosen, denkt sie und windet sich auf dem Sitz, um sie wieder zurechtzurücken. Der Zwickel spannt sich etwa in der Mitte der Oberschenkel. Sie muss an den kahlköpfigen Mann denken und kneift die Augen zusammen. Merkwürdig.

Als der Zug anhält, nehmen sie ihre Taschen und gehen in den Gang. Vor Janies Mutter tritt ein zerknitterter, kahlköpfiger Geschäftsmann aus seinem Abteil.

Er wischt sich mit einem Taschentuch über das Gesicht.

Janie starrt ihn an.

Ihr bleibt der Mund offen stehen. »Wow!«, flüstert sie.

Der Mann sieht sie verständnislos an, als sie ihn anstarrt, und steigt dann aus dem Zug.

6. September 1999, 15:05 Uhr

Janie rennt, um nach ihrem ersten Tag in der sechsten Klasse den Bus zu erreichen. Melinda Jeffers, eines der Mädchen aus der Nordstadt von Fieldridge, streckt den Fuß aus, sodass Janie lang in den Dreck fliegt. Melinda lacht, bis sie den glänzend roten Cherokee-Jeep ihrer Mutter erreicht. Janie schluckt ihre Tränen hinunter und klopft sich den Staub ab, steigt in den Bus, wo sie sich in den vordersten Sitz fallen lässt. Sie betrachtet den Schmutz, das Blut an ihren Handflächen und den Riss im Knie ihrer sowieso schon zerschlissenen Hose.

Die sechste Klasse macht ihr schwer zu schaffen.

Sie lehnt den Kopf ans Fenster.

Zu Hause geht Janie an ihrer Mutter vorbei, die auf dem Sofa die Springfield Story sieht und aus einer klaren Glasflasche trinkt. Janie wäscht sich vorsichtig die brennenden Hände, trocknet sie ab und setzt sich neben ihre Mutter, in der Hoffnung, dass sie es merkt, vielleicht sogar etwas sagt.

Aber Janies Mutter ist mittlerweile eingeschlafen.

Mit offenem Mund.

Sie schnarcht leise.

Die Flasche in ihrer Hand kippt zur Seite.

Janie seufzt, stellt die Flasche auf den ramponierten Couchtisch und beginnt mit ihren Hausaufgaben.

Als sie mit den Mathematikaufgaben halb fertig ist, wird es dunkel um sie herum.

Janie gerät in einen hellen, kaleidoskopartig bunten Tunnel. Es gibt keinen Boden, und sie schwebt, während sich die Wände um sie herum drehen. Ihr wird übel.

Neben ihr im Tunnel ist ihre Mutter mit einem Mann, der aussieht wie ein blonder Jesus. Sie halten sich an der Hand und fliegen. Sie sehen glücklich aus. Janie ruft, aber es kommt kein Laut hervor. Sie will, dass es aufhört.

Sie spürt, wie ihr der Stift aus der Hand gleitet, wie ihr Körper auf der Sofalehne zusammensackt.

Sie versucht, sich aufzusetzen, aber die Farbwirbel um sie herum lassen sie nicht erkennen, wo oben und unten ist. Sie bewegt sich zu heftig und fällt auf ihre Mutter.

Plötzlich sind die Farben weg, alles wird schwarz.

Janie hört ihre Mutter murmeln.

Spürt, wie sie sie anstößt.

Langsam erscheint das Zimmer wieder und Janies Mutter gibt ihr eine Ohrfeige.

»Runter von mir!«, verlangt sie. »Was zum Teufel ist los mit dir?«

Janie setzt sich auf und sieht ihre Mutter an. Ihr Magen rumort und von den vielen Farben ist ihr immer noch schwindelig. »Mir ist schlecht«, flüstert sie, steht auf und läuft ins Bad, wo sie sich übergibt.

Als sie blass und zitternd hinaussieht, ist ihre Mutter vom Sofa aufgestanden und in ihr Zimmer gegangen.

Gott sei Dank, denkt Janie. Sie spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht.

1. Januar 2001, 07:29 Uhr

Nebenan fährt ein Umzugslaster vor. Ein Mann, eine Frau und ein Mädchen in Janies Alter steigen aus und versinken in der schneebedeckten Auffahrt. Janie beobachtet sie von ihrem Zimmerfenster aus.

Das Mädchen ist dunkelhaarig und hübsch.

Janie fragt sich, ob sie wohl eingebildet ist wie die anderen Mädchen an der Schule, die Janie als »weißen Abschaum« bezeichnen. Da dieses Mädchen neben Janie auf der falschen Seite der Stadt wohnt, werden sie sie womöglich auch als weißen Abschaum bezeichnen.

Aber sie ist wirklich hübsch.

Hübsch genug, dass es eine Rolle spielt.

Janie zieht sich schnell an, steigt in die Stiefel und zieht sich den Mantel über, geht nach nebenan, um die Gelegenheit zu nutzen, das Mädchen vor den Nordstädterinnen kennenzulernen. Janie braucht ganz dringend eine Freundin.

»Braucht ihr Hilfe?«, fragt sie zuversichtlicher als sie sich fühlt.

Das Mädchen bleibt abrupt stehen. Ein Lächeln vertieft die Grübchen in ihren Wangen, und sie legt den Kopf schief.

»Hi«, sagt sie. »Ich bin Carrie Brandt.«

Ihre Augen blitzen.

Janies Herz macht einen Sprung.

2. März 2001, 19:34 Uhr

Janie ist dreizehn.

Sie hat zwar keinen eigenen Schlafsack, aber Carrie hat einen übrig, den sie ihr leihen kann. Janie stellt ihre Plastiktüte neben dem Sofa in Carries Wohnzimmer ab.

Inhalt der Tüte:

ein selbst gebasteltes Geburtstagsgeschenk für Carrie,

Janies Schlafanzug,

eine Zahnbürste.

Sie ist nervös. Aber Carrie schnattert genug für beide, während sie darauf warten, dass Carries andere neue Freundin, Melinda Jeffers, kommt.

Genau, die Melinda Jeffers.

Von den Fieldridge-Nordstadt-Jeffers.

Melinda Jeffers scheint obendrein die Vorsitzende des »Macht-Janie-Hannagan-unglücklich«-Clubs zu sein. Janie wischt sich die schwitzigen Hände an ihrer Jeans ab.

Als Melinda kommt, macht Carrie kein großes Getue. Janie nickt ihr zu.

Melinda lächelt abfällig. Versucht, Carrie etwas zuzuflüstern, doch die ignoriert sie und schlägt vor: »He, wir könnten Janie die Haare machen!«

Melinda wirft Carrie einen Blick zu, der töten könnte.

Carrie lächelt Janie fröhlich zu und fragt sie stumm mit den Augen, ob das in Ordnung ist.

Janie unterdrückt ein Grinsen, und Melinda gibt achselzuckend vor, dass es ihr nichts ausmacht.

Aber Janie weiß, dass es sie umbringt.

Mit der Zeit kommen die Mädchen besser miteinander aus oder finden sich einfach damit ab. Sie legen Makeup auf und sehen Carries Lieblingsfilme mit alten Komikern an, von denen Janie zum Teil noch nie etwas gehört hat. Dann spielen sie Wahrheit oder Pflicht.

Carrie wechselt ab: Wahrheit, Pflicht, Wahrheit, Pflicht.

Melinda nimmt immer Wahrheit.

Und dann Janie.

Janie nimmt nie Wahrheit.

Sie ist ein Pflichtmensch.

So kann niemand etwas von ihr erfahren.

Sie kann es sich nicht leisten, dass jemand etwas von ihr erfährt.

Denn sonst könnte es sein, dass sie ihr Geheimnis herausfinden.

Das Kichern wird geradezu hysterisch, als Melinda Janie die Aufgabe stellt, barfuß nach draußen durch den Schnee auf den Hinterhof zu laufen, sich auszuziehen und nackt einen Schneeengel zu machen. Damit hat Janie kein Problem.

Was hat sie denn schon zu verlieren?

So etwas würde sie jederzeit lieber tun als ihr Geheimnis zu verraten.

Melinda, die Arme in der kalten Nachtluft verschränkt, beobachtet Janie, und ein hämisches Grinsen liegt auf ihrem Gesicht, während Carrie kichert und Janie hilft, ihr Sweatshirt und die Jeans wieder über den nassen Körper zu ziehen. Carrie nimmt Janies BH, steckt Schnee in die Körbchen und schießt wie mit einer Schleuder Schneebälle auf Melinda.

»Eh! Krass!«, höhnt Melinda. »Wo hast du denn den her? Von der Heilsarmee?«

Janies Kichern verstummt. Sie schnappt Carrie ihren BH weg und steckt ihn verlegen in die Hosentasche. »Nein«, erwidert sie hitzig, doch dann muss sie wieder kichern. »Secondhand. Wieso? Kommt er dir bekannt vor?«

Carrie prustet los.

Widerwillig muss sogar Melinda lachen.

Dann gehen sie hinein, um Popcorn zu machen.

23:34 Uhr

Gleichzeitig mit dem Licht wird auch der Geräuschpegel in Carries Wohnzimmer gedämpft, nachdem Mr Brandt, Carries Vater, zur Tür hereingestampft ist und die drei Mädchen angebrüllt hat, ruhig zu sein und zu schlafen.

Janie zieht den Reißverschluss des muffig riechenden Schlafsacks zu und schließt die Augen, doch nach ihrer aufregenden Nackter-Schneeengel-Aktion ist sie noch viel zu aufgedreht, um zu schlafen. Trotz Melinda war es ein schöner Abend. Sie hat erfahren, was es heißt, ein reiches Mädchen zu sein (scheint mal ganz nett für einen Tag, aber viel zu viele verdammte Unterrichtsstunden), dass Luke Drake angeblich der coolste Junge in der Klasse ist (zumindest Carries Meinung nach) und was Leute wie Melinda viermal im Jahr tun (sie machen Urlaub an exotischen Orten). Wer hätte das gedacht?

Jetzt wird das gedämpfte Kichern der Mädchen leiser und Janie starrt die dunkle Decke an. Sie freut sich, hier sein zu können, auch wenn Melinda sie wegen ihrer Klamotten aufzieht. Melinda hatte sogar den Nerv zu fragen, warum sie nie etwas Neues anzieht. Doch Carrie unterbrach sie abrupt mit dem Ausruf: »Janie, du siehst toll aus, wenn du die Haare so zurückgekämmt trägst! Findest du nicht auch, Melinda?«

Zum ersten Mal im Leben hat Janie französische Zöpfe, und jetzt im Schlafsack fühlt sie, wie sie sich auf dem dünnen Kissen gegen ihre Kopfhaut pressen. Vielleicht kann Carrie ihr irgendwann beibringen, wie man so etwas macht.

Sie muss aufs Klo, wagt es aber nicht, aufzustehen, aus Furcht, Carries Vater könnte sie hören und wieder anfangen zu schreien. Also verhält sie sich ruhig wie die beiden anderen Mädchen und lauscht ihren Atemzügen, während sie einschlafen. Melinda liegt zusammengerollt zwischen ihnen, Carrie zugewandt, und dreht Janie den Rücken zu.

00:14 Uhr

Wolken lassen die Decke verschwinden. Janie blinzelt und ist in der Schule, in Gemeinschaftskunde. Sie sieht sich um und stellt fest, dass sie nicht in ihrer normalen Klasse ist, sondern in der, die nach ihnen kommt. Sie steht hinten im Klassenzimmer. Es ist kein Sitz frei. Miss Parchelli, die Lehrerin, lässt sich über die Gerichtsbehörden der Regierung aus und darüber, was die Richter des Obersten Gerichtshofes unter ihren Roben tragen. Es scheint niemanden zu überraschen, dass Miss Parchelli ihnen das beibringt. Ein paar Schüler machen sich Notizen.

Janie betrachtet die Gesichter im Zimmer. In der dritten Reihe sitzt Melinda, an der mittleren Schulbank. Sie sieht verträumt aus und starrt jemanden in der Reihe vor ihr an. Während die Lehrerin spricht, steht Melinda langsam auf und geht auf die Person zu, die sie angestarrt hat. Von ihrer Position aus kann Janie nicht sehen, wer es ist.

Die Lehrerin scheint es nicht zu bemerken. Melinda kniet sich neben den Tisch und berührt die Hand der Person, die sich in Zeitlupe zu ihr umdreht, ihre Wange berührt und sich dann vorbeugt. Die beiden küssen sich. Nach einer Weile stehen sie auf, wobei sie sich immer noch küssen. Als sie sich trennen, kann Janie das Gesicht der anderen Person sehen. Melinda führt sie an der Hand nach vorne und öffnet die Tür zum Schrank. Es klingelt und wie Ameisen strömen die Schüler zur Tür hinaus.

In Carrie Brandts Wohnzimmer erscheint die Decke wieder, als sich Melinda im Schlafsack neben Janie seufzend auf den Bauch dreht. Verflixt!, denkt Janie. Sie sieht auf die Uhr. Es ist 01:23 Uhr.

01:24 Uhr

Janie rollt sich auf die Seite und gerät in einen Wald. Die Dunkelheit rührt von den Schatten her, es ist nicht Nacht. Ein paar schwache Sonnenstrahlen zwängen sich durch die Baumkronen. Carrie läuft vor Janie. Sie laufen knapp zwei Kilometer, dann erscheint plötzlich ein paar Schritte vor ihnen ein reißender Fluss. Carrie bleibt stehen und legt die Hand ans Ohr, sie lauscht nach etwas. Dann ruft sie verzweifelt: »Carson!« Immer wieder ruft sie den Namen, bis der ganze Wald von ihrer Stimme widerhallt. Carrie läuft am steilen Flussufer entlang, bis sie über eine Baumwurzel stolpert. Janie läuft in sie hinein, fällt hin, und Carrie hilft ihr auf. Sie sieht Janie verwirrt an und meint: »Du warst noch nie hier.« Dann sucht sie weiter nach Carson. Ihre Rufe werden immer lauter.

Im Fluss platscht es, und ein kleiner Junge taucht auf, der in der Strömung auf und ab treibt. Carrie rennt am Ufer entlang und schreit: »Carson! Komm da raus! Carson!«

Der Junge grinst und verschluckt sich. Er geht unter und taucht wieder auf. Carrie ist panisch. Sie streckt dem Jungen die Hand entgegen, aber es nutzt nichts – das Ufer ist zu steil und der Fluss zu breit, als dass sie ihn erreichen könnte. Jetzt weint sie.

Janie sieht mit klopfendem Herzen zu. Der Junge grinst immer noch und verschluckt sich, wenn er unter Wasser gerät. Er ertrinkt.

»Hilf ihm!«, schreit Carrie. »Rette ihn!«

Janie springt zu dem Jungen ins Wasser, landet jedoch an der gleichen Stelle am Ufer, von der sie abgesprungen ist. Als Carrie schreit, versucht sie es erneut, aber das Ergebnis ist das gleiche.

Der Junge hat jetzt die Augen geschlossen. Sein Grinsen wirkt gespenstisch. Aus dem Wasser hinter ihm taucht ein riesiger Hai mit aufgerissenem Maul auf, in dem Hunderte spitzer Zähne blitzen. Das Maul schnappt zu und der Junge verschwindet.

Carrie setzt sich schreiend in ihrem Schlafsack auf.

Janie will ebenfalls einen Schrei ausstoßen, doch er bleibt ihr in der Kehle stecken.

Sie ist heiser.

Ihre Finger sind taub.

Der Albtraum lässt sie am ganzen Körper zittern.

Im Dunkeln sehen sich die beiden Mädchen an, während Melinda sich rührt, stöhnt und weiterschläft.

Janie setzt sich auf und fragt: »Alles in Ordnung?«

Schwer atmend nickt Carrie. Sie lacht gedämpft und verlegen. Ihre Stimme zittert. »Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Schlecht geträumt.«

Janie zögert. »Willst du darüber reden?« Ihre Gedanken überschlagen sich.

»Nee. Schlaf weiter.« Carrie rollt sich auf die Seite. Melinda bewegt sich, rückt ein wenig näher zu Carrie und liegt wieder still.

Janie sieht auf die Uhr. 03:42 Uhr. Sie ist erschöpft. Wieder schläft sie ein …

03:51 Uhr

… und wacht abrupt auf, als sie in ein riesiges, wunderschönes Schlafzimmer stürzt. An der Wand hängen gerahmte Poster von *NSYNC und Sheryl Crow. Melinda sitzt an einem Schreibtisch und kritzelt auf den Rand ihres Notizbuches. Janie versucht, sich aus dem Zimmer hinauszublinzeln. Sie spürt, wie sie sich im Schlafsack aufsetzt, aber ihre Bewegungen haben keinen Einfluss auf das, was sie sieht. Sie gibt auf, legt sich wieder hin und sieht zu.

Melinda zeichnet Herzen. Janie geht auf sie zu, sagt: »Melinda!«, doch es kommt kein Laut hervor. Als jemand ans Fenster klopft, dreht sich Melinda um und lächelt. »Hilf mir mal, das Fenster aufzumachen, ja?«

Janie starrt Melinda an. Melinda starrt zurück und weist dann mit einer Kopfbewegung auf das Fenster.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "WAKE - Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen