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Vorübergehend verschossen

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. PROLOG
  8. Husum, Nordsee
    1. NELLI
  9. Fünf Stunden später · Husum, Nordsee
    1. NELLI
  10. Eineinhalb Tage später · Husum, Nordsee
    1. NELLI
  11. Eine Stunde zuvor · B 5 zwischen Heide und Husum
    1. FELIX
  12. Zwei Stunden später · Husum, Nordsee
    1. NELLI
    2. FELIX
    3. NELLI
    4. FELIX
    5. NELLI
  13. Sechs Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  14. Fünf Stunden zuvor · Husum, Nordsee
    1. FELIX
  15. Fünf Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  16. Drei Stunden zuvor · Husum, Nordsee
    1. NELLI
    2. FELIX
    3. NELLI
  17. Zwei Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  18. Eine Stunde zuvor · Husum, Nordsee
    1. NELLI
  19. Eine halbe Stunde später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  20. Kurz darauf · Husum, Nordsee
    1. FELIX
  21. Las Vegas, Nevada
    1. DORO
  22. Fünf Stunden später · Husum, Nordsee
    1. FELIX
    2. NELLI
  23. Vier Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
    2. DORO
  24. Zwölf Stunden später · Flughafen Schiphol, Amsterdam
    1. FELIX
  25. Fünf Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. NELLI
  26. Eine halbe Stunde später
    1. FELIX
  27. Vier Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
    2. DORO
    3. TIM
  28. Sieben Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
    2. NELLI
    3. FELIX
  29. Sechs Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  30. Sechs Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
  31. Sechs Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. DORO UND TIM
  32. Sechs Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. NELLI
  33. Fünf Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  34. Sechs Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
  35. Dreißig Minuten später
    1. NELLI
    2. FELIX
    3. NELLI
  36. Sieben Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  37. Fünf Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
    2. NELLI
  38. Zwei Stunden später
    1. FELIX
  39. Zwei Stunden zuvor · Las Vegas, Nevada
    1. DORO
  40. Zwei Stunden später · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
  41. Las Vegas, Nevada
    1. DORO
  42. Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
    2. NELLI
    3. FELIX
  43. Sieben Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. TIM
  44. Fünf Stunden zuvor · Nizza, Côte d’Azur
    1. NELLI
    2. FELIX
    3. NELLI
    4. FELIX
    5. NELLI
  45. Neun Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. DORO
    2. TIM
  46. Zwei Stunden zuvor · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
  47. Zwei Stunden später
    1. NELLI
  48. Zwölf Stunden später · Las Vegas, Nevada
    1. DORO
  49. Zwölf Stunden zuvor · Nizza, Côte d’Azur
    1. FELIX
  50. Eineinhalb Tage später · Husum, Nordsee
    1. TIM
  51. Vier Tage später
    1. TIM
    2. NELLI
  52. Einen Tag später · Miami, Florida
    1. FELIX
  53. Wilhelmsburg, Hamburg
    1. DORO
  54. Vier Tage später · Husum, Nordsee
    1. NELLI
    2. TIM
    3. NELLI
    4. TIM
    5. NELLI
  55. Sieben Tage später
    1. FELIX
  56. Fünf Tage später · Husum, Nordsee
    1. DORO
    2. NELLI
    3. FELIX
    4. NELLI
  57. Am gleichen Abend
    1. FELIX
  58. Zwei Tage später
    1. TIM
  59. Einen Tag später
    1. TIM
    2. NELLI
    3. FELIX
    4. NELLI
    5. TIM
  60. Einen Tag später
    1. NELLI
  61. Zwei Tage später
    1. NELLI
  62. Zwei Tage später
    1. FELIX
  63. Einen Tag später
    1. DORO
  64. Acht Stunden später
    1. NELLI
    2. FELIX
  65. Zwei Stunden später
    1. NELLI
  66. Vier Tage später
    1. NELLI
  67. Zwei Tage später
    1. TIM
  68. Am selben Abend
    1. NELLI
    2. TIM
    3. FELIX
  69. Einen Tag später
    1. FELIX
    2. DORO
    3. NELLI
  70. Einige Tage später
    1. TIM
  71. Einen Tag später
    1. FELIX
    2. NELLI
    3. FELIX
    4. NELLI
  72. Drei Tage später
    1. TIM
  73. Zwölf Stunden später · Friedrichstadt, Nordfriesland
    1. DORO
  74. Einen Tag später · Husum, Nordsee
    1. NELLI
  75. EPILOG

Weitere Titel der Autorin

Ist das Liebe oder kann der weg?

Über dieses Buch

Kann der Falsche auch der Richtige sein?

Nelli ringt ums richtige Braut-Outfit – ihr Bräutigam Tim ringt um Fassung: Er ist auf Junggesellentour in Las Vegas versackt. Dumm gelaufen. Zum Glück springt sein Zwillingsbruder Felix ein. Er heiratet Nelli ersatzweise und fliegt mit ihr in die Flitterwochen nach Nizza.

Nelli ahnt zwar, dass etwas nicht stimmt – entdeckt prompt aber viele tolle neue Seiten an ihrem Ehemann. Ist am Ende der falsche Bräutigam etwa eigentlich der Richtige?

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Anke Maiberg, geb. 1974 in der Nähe von Hamburg, hat Jura studiert und drei Töchter bekommen. Die damit einhergehende Vorbildfunktion lässt sie erfolgreich hinter sich, wenn sie am Schreibtisch durchgeknallte Frauen auf romantische Feldversuche schickt. Anke Maiberg lebt mit Mann, Kindern und Katze in Berlin.

Anke Maiberg

VORÜBERGEHEND
VERSCHOSSEN

Roman

PROLOG

Sie ging wie auf Zuckerwatte. Wo war sie? Nelli sah sich um, aber außer dem Hochzeitskleid an ihrem Körper konnte sie nichts erkennen, nur bauschige Wölkchen und ein rosiges Licht, das von fern durch den Nebel schimmerte. Nelli lief darauf zu. Das Leuchten wurde intensiver. Ein kleines Gebäude, eine Art Pförtnerhäuschen, tauchte aus dem Nebel auf. In seinem Fenster prangte ein Schild aus geschwungener pinkfarbener Neonschrift. Wolke 7, las Nelli.

Sie stand vor der Anmeldung für den siebten Himmel! Ein kribbeliges Glücksgefühl durchströmte sie. Mit klopfendem Herzen trat sie an das Fenster. Dahinter saß eine Frau. Sie trug Engelsflügel und hatte das Gesicht von Helene Fischer.

Helene Fischer? Nelli blinzelte kurz.

»Dein Traum, nicht meiner«, sagte Helene schulterzuckend und machte eine flirrende Fingerbewegung, die Nelli aus irgendeinem Grund alle Zweifel an Helenes Engelsnatur vergessen ließ. »Wie lange willst du bleiben?«

»Für immer«, sagte Nelli beschwingt.

»M-hm.« Helene zog eine Karteibox zu sich heran. ›Kandidaten‹, war in das Etikett graviert. Helene stöberte ein wenig herum und legte dann eine der Karten in die Durchreiche. »Dann ist das hier der Richtige. Hundert Prozent treu und verlässlich.«

Nelli griff danach. Auf der Karte klebte ein Foto. Nelli sah karamellfarbenes Fell, einen puscheligen Schwanz und eine lilafarbene Zunge.

Das war ein Hund. Wieso ein HUND?! Nelli wollte Helene um ihren Mann fürs Leben bitten, aber das Pförtnerhäuschen war plötzlich verschwunden. Nelli stand ganz allein da. Sie spürte, wie sich die Härchen in ihrem Nacken aufstellten. Allein im siebten Himmel? Das ging nicht! Da hörte sie eine wohlbekannte, dunkle Stimme hinter sich. Gott sei Dank. Sie drehte sich um.

Seine große, breitschultrige Gestalt löste sich aus dem Nebel. »Nelli«, rief er, »ich liebe dich!«

Erleichtert lief sie auf ihn zu. Da lichtete sich mit einem Schlag der Nebel um sie herum. War sie in einem Spiegelkabinett? Überall stand der gleiche Mann, von überall her hielt er ihr die Arme entgegen, von überall her rief er ihren Namen. Sie drehte sich im Kreis, wusste nicht mehr, wer der Richtige war, wirbelte umher, bis alles vor ihren Augen verschwamm. Dann spürte sie seine Hand – gemein, dachte Nelli, als der Wecker klingelte, mitten im schönsten Happy End!

Obwohl, so schön wie im Leben konnte es im Traum gar nicht sein …

Husum, Nordsee

NELLI

»Diesen Schleier habe ich seinerzeit bei meiner Hochzeit getragen. Damit wirst du wie eine Märchenprinzessin aussehen!«, versprach Oma Ilse. Nelli hielt still, während Tims Großmutter ihr den alten Brautschleier auf den Haaren drapierte. Sie stand mit der Oma ihres Bräutigams auf dem Dachboden, wo Ilse schon seit Ewigkeiten ihre Hochzeitssachen aufbewahrte. Als Ilse fertig war, betrachtete sich Nelli im Spiegel.

Sie schluckte. ›Märchenprinzessin‹ war leider nicht das Wort, das ihr zu dem Anblick einfiel. Eher ›explodierter Wäschesack‹. Der störrische Berg aus Tüll stand weit von ihrem Kopf ab, hatte bei genauerem Hinsehen auch noch eine Garnitur aus angegilbten Stoffröschen am Scheitel und kratzte, als habe man ihr einen Topfschwamm aufs Haupt gepinnt. Sie holte tief Luft. Es half nichts. So wollte sie nicht heiraten. Sie setzte zu einem Nein an, da sprach Ilse mit leiser, brüchiger Stimme weiter. »Du würdest mir armer alter Frau eine so unendliche Freude damit machen …«

Oje. Nelli konnte Tims Oma, sie war schon seit vielen Jahren verwitwet, diesen Gefallen nicht verwehren. Und übermorgen war so oder so der schönste Tag in ihrem Leben. Sie würde heiraten, endlich ein richtiges Zuhause haben, für immer und ewig glücklich sein – fiel es da ins Gewicht, was sie für einen Kopfputz trug? Nelli öffnete schon den Mund, um einzuwilligen – aber dann sah sie das berechnende Funkeln in Ilses Augen.

Nelli hielt inne. Ihr kamen die Momente in den Sinn, in denen diese Augen ihr in den vergangenen Monaten strenge Tadel verpasst hatten – weil Ilse sie mit etwas Süßem in der Hand erwischt hatte. Nelli fand zwar, dass es auch einer Braut nicht versagt sein durfte, Busen, Hüfte und einen gesunden Appetit zu haben. Aber Ilse hatte dann stets so einen Fräulein-Rottenmeier-Blick drauf gehabt, als würde Nelli wirklich jedes bisschen Selbstbeherrschung fehlen. So konnte Ilse nämlich auch! Ilse Sattler war klug, willensstark … und offenbar bereit zu emotionaler Erpressung. »Wenn du einmal Enkelkinder hast, dann wirst du mich verstehen«, seufzte sie nun auch noch ergriffen und presste sich ihre runzlige Hand aufs Herz.

Jetzt trug sie eindeutig zu dick auf. Kein Tüll-Wischmopp!, entschied Nelli und wappnete sich innerlich. »Danke, Ilse, aber ich kann das nicht annehmen«, sagte sie. »So ein Schleier ist für eine standesamtliche Hochzeit vielleicht doch etwas übertrieben. Und ich hab mein Outfit ja auch schon. Es geht wirklich nur noch um etwas kleines ›Geliehenes‹ für den Hochzeitsbrauch.« Und darum, hier fertig zu werden. Nelli nahm den Schleier ab, um ihn wieder in Ilses alte Hochzeitstruhe zurücklegen zu können. In knapp einer Stunde war ihr Maniküre-Termin. Normalerweise nahm sie es mit der Optik ihrer Hände nicht so genau; ihre tägliche Arbeit im Gärtnereibetrieb hinterließ nun mal ihre Spuren. Aber Tim sollte am Samstag schließlich nicht das Gefühl haben, einer Maulwurfspfote den Ehering überzustreifen. Bevor sie zur Kosmetikerin fuhr, musste sie außerdem noch im Gasthof nachfragen, ob laktosefreie Milch und Sahne vorhanden waren, denn eine ihrer Brautjungfern hatte neuerdings eine Unverträglichkeit. Zwei Unverträglichkeiten, besser gesagt. Die Brautjungfer hatte sich frisch von ihrem Freund getrennt, und nun musste Nelli auch noch die Sitzordnung anpassen. Sie heiratete in einen großen Freundeskreis ein; der Ex, über den sie ihre Brautjungfer kennengelernt hatte, war Tims Fußballkumpel und blieb natürlich ebenfalls eingeladen. Nun musste sie die beiden an unterschiedlichen Tischen unterbringen. Und überhaupt … Es war noch so viel zu tun und so wenig Zeit. Nelli fühlte schon ein nervöses Ziehen in ihrem Bauch.

Tims Oma dagegen hatte komplett die Ruhe weg. Sie nahm Nelli den Schleier aus der Hand, setzte ihn sich selbst auf und betrachtete sich ausgiebig im Spiegel. Dann wandte sie sich um, nahm den Schleier ab und streckte ihn Nelli mit einem strahlenden Lächeln hin. »Aber er ist doch so entzückend. Keine Widerrede, Nelli. Ich borge ihn dir. Du musst nicht so bescheiden sein.«

Nelli nahm all ihren Mut zusammen. Sie wünschte sich, sie wäre mehr wie ihre beste Freundin Erika. Die brachte es bei Konflikten fertig, einfach nur ›Ich will aber nicht‹ zu sagen und sich wegzudrehen. Das lag wahrscheinlich daran, dass Erika in einer Großfamilie aufgewachsen war und bestimmt immer jemanden gefunden hatte, dem sie sich dann zuwenden konnte. Nelli dagegen, dem Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter, hatte sich der Sinn für harmonieförderndes Nachgeben tief eingebrannt. Aber nicht jetzt!, ermahnte sie sich. Sie räusperte sich und versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Ilse, das meinte ich anders. Dein Schleier passt leider nicht zu meinem Kleid.«

Tims Oma lächelte. »Vielleicht sollte ich dir mein Kleid noch dazu leihen, so als Ensemble. Dann wärst du schick. Das Problem ist nur, du bist kräftiger als ich.« Nelli biss die Zähne zusammen, als Oma Ilse jetzt mit den Händen an ihrer Taille Maß nahm. »Vielleicht, wenn man an den Nähten viel auslässt …«

Nelli atmete tief durch. »Ist schon gut, Ilse«, sagte sie ruhig und kniete sich rasch vor die Truhe, um möglichst schnell ein unauffälliges Accessoire zu finden. Sie tat das hier Tim zuliebe. Natürlich hatte sie ihre gesamte Brautausstattung längst zusammen. Auf diesen Brauch mit dem ›Geliehenen‹ war Nelli nur gekommen, weil Tim sie gebeten hatte, Ilse doch mit einzubeziehen. Oma hatte ihn wissen lassen, dass sie sich ausgeschlossen fühlte.

Wetten, sie hatte dabei auch das ›Arme alte Frau‹-Argument benutzt? Trotz ihrer Anspannung musste Nelli schmunzeln, als sie sich die Szene zwischen Tim und seiner Oma vorstellte. Tim, der baumgroße, sportgestählte Mann und die zierliche Oma. Aber seine Großmutter wusste genau, dass Tims allergrößter Muskel sein Herz war. Und seine Willensstärke dafür in Ilses Pillendose noch mehr als reichlich Platz fände. Von daher konnte Nelli von Glück sagen, dass Tim heute Nachmittag keine Zeit hatte. Ihm hätte Ilse den Schleier garantiert angedreht.

Nelli ertastete Schuhe. Bloß nicht. Auf einen Spruch à la »Du hast klobigere Füße als ich. Wobei vielleicht, wenn du die Schmerzen ignorierst« konnte sie gut verzichten. Sie suchte weiter.

Im nächsten Moment fühlte sie einen weichen Gegenstand mit einem Bügel und einer Schnalle. Offenbar ein Täschchen. Egal, wie du aussiehst. Notfalls vergesse ich dich im Taxi, dachte sich Nelli und zog es hervor. Es war eine kleine Tasche aus goldfarbenem Brokatstoff. »Die ist ja zauberhaft!«, rief sie erleichtert. »Hattest du die zum Standesamt mit?«

Neben Nelli fiel der Schleier zu Boden. Sie hörte das Rascheln des Tafts und dazu ein zischendes Geräusch, das offenbar aus Ilses Mund drang. Erschrocken blickte Nelli zu ihr auf.

Tims Oma hielt die Hände vor den Mund gepresst, ihre Augen waren weit aufgerissen. Für ihre mehr als achtzig Jahre war sie immer noch in sehr guter Verfassung, aber in diesem Moment wirkte sie furchtbar zerbrechlich. Nelli ließ die Tasche fallen, sprang auf und ergriff Ilses Arm. »Ist alles in Ordnung?«, frage sie besorgt und sah sich auf dem Dachboden nach einer Sitzgelegenheit um. »Soll ich dir ein Glas Wasser holen?«

»Nein, nein.« Ilse blinzelte noch einmal. Dann entzog sie Nelli ihren Arm und wandte sich mit einem Ruck von der Hochzeitstruhe ab. »Alles in Ordnung. Man muss hier oben einfach mal lüften.« Sie straffte die Schultern und strich mit den Fingern damenhaft über ihre stets tadellos aufgesteckte Chignon-Frisur. »Ich habe unten in meiner Schmuckschatulle hübsche Ringe. Davon leihe ich dir einen.« Aufrechten Ganges stieg sie vor Nelli die Treppe hinab und schlug in der Diele den Weg in Richtung Schlafzimmer ein. Aber Nelli hielt sie zurück. Sie hatte das alte Handtäschchen heimlich mitgenommen. »Ilse, darf ich einfach das hier leihen?«, bat sie.

Ilse schüttelte energisch den Kopf.

»Nur leihen«, versicherte Nelli und inspizierte die Tasche noch einmal. War sie vielleicht beschädigt? Sie ließ den filigranen Verschluss aufschnappen. Cremefarbenes Seidenfutter kam zum Vorschein. Und ein vergilbter Zettel. Ohne ihn auffalten zu müssen, konnte man die Schrift darauf lesen: ›Für Ilse in Liebe von Helmut‹.

»Helmut?« Nelli runzelte die Stirn. Tims Opa hatte doch nicht Helmut geheißen, sondern Werner. »Wer ist Helmut?«

»Der Grund, warum ich dir die Tasche nicht leihe.«

Zehn Minuten später saß Nelli in Ilses Wohnzimmer und bekam am helllichten Tag Eierlikör kredenzt. Nachdem das Geheimnis um diesen Helmut nun einmal gelüftet war, sprudelten die Worte nur so aus Ilse heraus. Ilse Gesichtszüge waren ganz weich geworden, als sie von ihrer Jugendliebe erzählte. Ihre Augen glänzten. Sie blickten weniger Nelli an als durch sie hindurch in eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit mit Petticoats, Rock and Roll und einem schmissigen Kerl mit pomadigem Haar.

Nelli hatte die Maniküre abgesagt, wozu gab es schließlich beste Freundinnen, jetzt hörte sie der alten Dame geduldig zu. Ilse musste sich ganz offensichtlich ihre Geschichte vom Herzen reden. Und wieder einmal zeigte sich: Jeder Mensch hat einen weichen Kern. Bei Oma Ilse war das Kern-Schale-Verhältnis zwar vielleicht etwas ungewöhnlich, aber in diesem Moment war sie zumindest einmal richtig sentimental. »Er hat mich auf Händen getragen«, schwärmte sie. »Mich angebetet und mir Liebesbriefe geschrieben. Eines Tages hat er mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten will.« Nelli, die statt zum Eierlikör lieber zu Ilses Bonboniere gegriffen hatte, lutschte andächtig ein Sahnetoffee. »Und am vierten Mai 1953 hat er mich vor dem Altar stehen lassen.«

Nellis Mund klappt auf. Der Bonbon rutschte ihr weg, aber statt des zu erwartenden Tadels stand in Ilses Augen nur gläserne Leere. »Ich war schon in der Kirche, im Brautkleid, und alle Gäste …«, flüsterte sie. »Keiner wusste, wo Helmut ist. Der Pfarrer hat eine ganze Stunde gewartet.« Nelli hatte das Gefühl, als wäre die Temperatur im Raum schlagartig gesunken. In ihren Augen begann es zu brennen. Dann fühlte sie auch schon, wie ihr eine Träne über die Wange lief. Verstohlen wischte sie sich mit ihrer freien Hand darüber. Ilse legte den Kopf schief und musterte Nelli. »Ach, Liebes«, sagte sie und tätschelte ihre Hand. »Nimm es dir nicht zu Herzen. Es ist so lange her, das sollte niemanden mehr belasten.« Ilse ging mit gutem Beispiel voran und straffte schon die Schultern. »Auf lange Sicht war es außerdem ein Segen«, versicherte sie dabei. »Der Helmut und ich, wir waren wirklich noch sehr jung gewesen. Wer weiß, wie es mit uns weitergegangen wäre. Jedenfalls wäre ich danach nicht Tims Opa begegnet. Und Werner hat mich wirklich sehr, sehr glücklich gemacht. Fünfzig Jahre lang! Der wunderbarste Ehemann, den du dir vorstellen kannst. Ich bin also eigentlich ganz dankbar, dass Helmut sich verkrümelt hat.« Sie hob ihr neu befülltes Glas und zwinkerte Nelli dabei zu.

Nelli schnäuzte sich. »Und warum hast du das Täschchen dann behalten?«, wandte sie vorsichtig ein.

»Es ist nun mal wirklich schön«, gab Ilse zu. »Du weißt, dass ich auf guten Stil achte. Aber als Glücksbringer ist es morgen vielleicht nicht die erste Wahl.«

›Vielleicht nicht die erste Wahl‹. Das war ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Auch nachdem Nelli sich einen dezenten Bernstein-Ring geliehen und auf den Weg zum Gasthof gemacht hatte, ging ihr unentwegt Ilses Geschichte durch den Kopf. Schon wieder spürte sie einen Kloß in ihrem Hals. Sie hatte das starke Bedürfnis, mit Tim darüber zu sprechen. Aber donnerstags hatte er immer bis in den späten Nachmittag hinein Unterricht. Also schrieb sie ihm erstmal nur eine Textnachricht. Sie wusste, es war komplett irrational und ganz anders als geplant, aber am liebsten wäre ihr in diesem Moment, sie könnte von jetzt bis zum Moment der Hochzeit Tim an ihrer Seite haben.

Fünf Stunden später · Husum, Nordsee

NELLI

»Mund auf, Augen zu!« Dem Kommando ihrer Brautjungfern gehorchte Nelli nur zu gern. Weil sie ihre Hände gerade nicht benutzen konnte, wurde sie von ihren Freundinnen gefüttert. Sie hatte für ihren Junggesellinnenabschied eine Art Razzia vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt veranstaltet. Bei der jungen Mutter, die hinter ihr an der Kasse dem angestachelten Kind daraufhin das Prinzip »eine Handvoll am Tag« erklären musste, hatte sie noch entschuldigend die Schultern eingezogen. Aber jetzt genoss sie die Schokokugeln, die die Mädels ihr in den Mund fallen ließen.

Ende gut, alles gut. Nelli lag neben ihren Freundinnen auf der Couch und konnte ein zufriedenes Seufzen nicht unterdrücken. Alles war wieder im Lot. Tim hatte ihre noch aus dem Unterricht heraus – die Frage nach seiner Vorbildfunktion ließ sie mal besser dahingestellt – eine WhatsApp geschrieben, in der es von Herzchen nur so wimmelte. Und jetzt war sie auch wieder im Zeitplan. Ihre Freundinnen hatten für eine Home-made-Maniküre Dutzende von Nagellacken zur Auswahl angeschleppt, und ihre Hände wurden dank eines aufwändigen Honig-Salz-Peelings langsam babyzart.

Ihre für die Hochzeit extra von fern angereiste Studienfreundin Tessa wunderte sich über den trolligen Ausgangszustand ihrer Hände. Nelli musste erklären, dass sie nun einmal nicht wie Tessa für ein Projektentwicklungsbüro arbeitete, sondern für eine Gärtnerei. Und ihr Chef Herr Diedrichsen erzählte seinen Kunden zwar gern, dass sie als seine Landschaftsarchitektin die Gärten individuell konzipiere. Tatsächlich aber ließ er Nelli die Anlagenskizzen husch-husch allesamt nach dem gleichen Schema erstellen und schickte sie dann für ihre restliche Arbeitszeit mit auf die Baustellen. »Dafür bist du überqualifiziert!«, stellte Tessa fest. Sie hockte auf dem Rand des Sofas und suchte nebenbei per Handy nach einer Anleitung für das perfekte Nagelstyling einer Braut. »Warum machst du das mit?«

»Weil ich gern Pflanzen und Erde in den Händen halte«, antwortete Nelli vage. Tessas Frage verursachte bei ihr ein dumpfes Gefühl. Wenn sie weiter darüber nachgedacht hätte, hätte sie es vielleicht als Unbehagen wahrgenommen. Aber Nelli dachte nicht darüber nach. In der Gärtnerei Diedrichsen zogen alle gemeinsam an einem Strang, Nelli war beliebt und von sympathischen Menschen umgeben, und sie war nicht der Typ, der nach dem Haar in der Suppe suchte. Genauso wenig wie Tessa, die sich jetzt voller Konzentration in die Beauty-Tipps vertiefte. Das Thema ›Job‹ musste vertagt werden.

Nelli lehnte sich wieder entspannt zurück und genoss die Handmassage ihrer Trauzeugin Erika. Eine der anderen Brautjungfern reichte ihr den Drink mit Strohhalm an. Junggesellinnenabschiede waren super!

Vor allem hatte Nelli einen Freifahrtschein, so viel über ihren Bräutigam zu schwärmen, wie sie nur wollte. Nachdem Tessa begeistert verkündet hatte, soeben eine genial-einfache Step-by-Step-Anleitung für die schönsten Nägel ever gefunden zu haben, schenkte sie ihr auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit und fragte nach, wie Tim und sie sich eigentlich kennengelernt hatten. Die beiden ehemaligen WG-Genossinnen hatten den Kontakt ein wenig schleifen lassen und nun vor der Hochzeit einiges nachzuholen. Nelli freute sich über Tessas Interesse. Es war schön, die Geschichte von Tim und ihr endlich mal wieder einem frischen Gesicht erzählen zu können. Einem ausgesprochen frischen Gesicht. Tessa verbreitete einen gesunden Zahnpastageruch, denn sie ließen gerade Gesichtsmasken einwirken, und Tessa hatte sich für eine Pfefferminzpaste entschieden. Für Nelli hatte Erika ursprünglich eine bitzelnde Pampe aus pürierter Ananas und Schwarzteeblättern vorgesehen. Angeblich bekam man davon Poren wie ein Baby. Aber konnte man wissen, ob der Tee nicht am Ende Flecken hinterließ? Und sie zwar aussah wie ein Baby, aber das eines Dalmatiners? ›No risk, no fun‹ war nicht gerade Nellis Devise – und schon gar nicht vierzig Stunden vor ihrer Hochzeit. Sie hatte lieber eine Honig-Quark-Packung gewählt. Die konnte, wenn sie wollte, ihre Haut mit Feuchtigkeit versorgen, und wenn nicht, dann schmeckte sie wenigstens. Nelli schleckte sich ein wenig Quark von der Oberlippe und kuschelte sich gemütlich in ihren Bademantel. »Also, Tim und ich«, fing sie dann an. »Es war vor zwei Jahren im Eiscafé. Ich hab Tim schon beim Reinkommen bemerkt.« Sie schloss die Augen und seufzte genießerisch. »Diese niedlichen Strubbelhaare! Wie Robert Pattinson in den Twilight-Filmen. Bisschen lockig auch noch. Ich habe mich extra an den Nebentisch gesetzt. Und als ich gerade mein Eis löffeln möchte, höre ich es neben mir röcheln.«

»Hhhhhrrrr-hoooooh. Hhhhhrrrr-hooooh«, machte Erika, die mit ihr im Eiscafé gewesen war.

Nelli schmunzelte. »Genau. Ich gucke also, warum plötzlich Darth Vader neben mir sitzt. Und sehe den süßen Typen seinen Hals umklammern. Wespenstich im Mund. Erstickungsgefahr. Große Panik. So einen hilflosen Mann hab ich noch nie gesehen!«

»Bingo«, sagte Tessa und ließ ihre Augen aufblitzen. »Ich würde mal sagen, in dem Moment hast du dein Herz verloren. ›Ein hilfloser Mann‹«, flüsterte sie gespielt ergriffen. Sie blickte sich im Kreis der Brautjungfern um. »Hat Nelli euch schon mal die Geschichte erzählt, wie sie sich im Studium in den Typen mit dem Kreuzbandriss verknallt hat? Ferdinand? Den hat sie sofort in unserer WG einquartiert und aufgepäppelt. Zum Glück hat sie ihn irgendwann mit ihrem ›Ich weiß schon wie unsere Kinder mal heißen werden‹-Blick in die Flucht geschlagen, der hat sich nämlich immer an meiner Schokolade vergriffen.« Tessa, die offenbar die Maske auf ihrer Haut vergessen hatte, fuhr sich mit den Fingern durchs Gesicht, was lange Striemen in der grünen Paste hinterließ.

Nelli musterte sie einen Moment. »Du hast was von einem Dämon«, stellte sie dann fest.

»Weil ich deinen Exfreund schlecht mache? Exlästern gehört zu jedem guten Jungesellinnenabschied!«

Damit hatte Nelli auch überhaupt kein Problem. Aber irgendwie klang es bei Tessa so, als habe sie eher etwas an ihr auszusetzen als an ihrem Ex. »Ich habe ihn nicht in die Flucht geschlagen«, stellte sie richtig. »Er fühlte sich nur noch nicht reif genug für eine erwachsene Beziehung.«

»M-hm.« Tessa verdrehte die Augen. »Weil du an ihm drangehangen bist wie ein Koala am Eukalyptusbaum!«

»Koalas sind süß, und sie mögen ihren Eukalyptus nun mal sehr! Und überhaupt, du tust gerade so, als sei ich gestört, nur weil ich an die Liebe glaube. Man hat doch einen Freund nicht nur, damit sich die breite Matratze lohnt. Ich will einen Partner, dem ich vertrauen kann. Und Vertrauen gibt es nur, wenn du an die Zukunft glaubst. Du kannst doch niemanden lieben, von dem du nicht weißt, ob er morgen noch da ist!«

Tessa lächelte. »Schon gut. Dein Happy End ist ja auch nahe. Dann erzähl doch mal weiter. Er sah also wie Robert Pattinson und hatte eine Wespe im Mund. Und was geschah dann?«

»Ich hab mein Zitroneneis an ihn verfüttert, damit der Hals nicht zuschwillt. Und ihn getröstet. Ich wollte ja schließlich auch mal die Haare anfassen.« Nelli grinste und merkte, wie ihre Quarkmaske allmählich zu bröseln begann. Gut, dass sie Handtücher übers Sofa gelegt hatte, das würde sonst eine ziemliche Sauerei. »Außerdem hat Tim aus Panik ganz viel mit den Wimpern geflattert. Richtig dichten Wimpern. So schöne Augen …« Sie seufzte schwärmerisch.

Erika wandte sich an Tessa. »Zu der Hochzeit kommt übrigens der Zwillingsbruder. Damit das gleich klar ist: Den kriege ich!«

Nelli schüttelte energisch den Kopf. »Erika, das geht wirklich nicht. Du kannst als meine Freundin doch nicht mit einem Mann rummachen, der genauso aussieht wie meiner. Tim sagt außerdem, dass sein Bruder der totale Frauenheld sei, für den wärst du nur eine Nummer. Also Finger weg von Felix.«

»Nelli, ich bin kein Koala. Eine Nummer ist genau, was ich will. Trauzeuginnen haben außerdem ein Recht auf Sex!«

»Nimm einen aus Tims Fußballmannschaft«, riet Nelli, hörte aber sofort das Keuchen der frisch verlassenen Brautjungfer, der mit der Exfreund- und Laktose-Intoleranz. Schnell ergänzte sie: »Aber nicht den von ihr.« Kompliziert, kompliziert. Sie schwenkte lieber wieder zu ihrer Kennlerngeschichte. »Ich habe Tim also mit maximaler Hingabe versorgt. Nicht nur wegen seiner schönen Augen, wir waren wirklich in größter Sorge. Aus Tims Sicht hatte definitiv sein letztes Stündlein geschlagen.«

»Hhhhhrrrr-hoooooh. Hhhhhrrrr-hooooh«, machte der Brautjungfern-Chor. Nelli blickte Tessa an. »Ich hab fast mein gesamtes Eis an ihn verfüttert, und sein Mund schwoll auch wirklich an. Aber ehrlich gesagt nicht die Atemwege, sondern nur die Unterlippe. Lebensgefahr war das definitiv keine. Nur ein bisschen Boxer-Optik. Auf eine gute Art. So ›Edward der Vampir trifft Rocky Balboa‹. Sehr, sehr heiß.« Nelli ließ ihre Augen blitzen. »Ich hatte gleich so eine Fantasie, in der Tim sich für mich prügelt.«

»Und dann?«, fragte Tessa gespannt.

»Mich jedenfalls nicht nur auf seinem Rücken durch einen Wald trägt«, grinste sie. In ihren Fantasien war etwas mehr los als in den Twilight-Filmen.

Tessa kicherte. »Ich meinte eigentlich, was du gemacht hast, nachdem du wusstest, dass der Wespenstich gar nicht gefährlich ist.«

»Ach so. Äh. Also, ich habe aufgehört, ihn zu füttern, den letzten Rest Eis selbst vom Löffel geschleckt und ihm gesagt, dass es doch noch nicht um ihn geschehen ist.«

»Und dann?«

Nelli lächelte. »Dann hat er mich ganz lange angesehen. Total intensiv, ging mir richtig durch Mark und Bein.« Nelli hörte die verlassene Brautjungfer seufzen. »Und dann hat er gesagt, ›Ein bisschen doch‹.« Nelli musste jetzt so breit lächeln, dass ihr eine ganze Ladung trockener Quarkmaske aus dem Gesicht fiel.

»Haaaachhhhh«, stimmte jetzt sogar Tessa mit ein.

»Und dann hat er mich ganz vorsichtig geküsst, trotz der dicken Lippe. ›Als Dankeschön für die Lebensrettung‹, hat er gesagt.«

Der nächste chorale Glücksseufzer wurde von Nellis Handyklingeln unterbrochen. Tim, endlich. Sie hatten sich in den letzten Stunden immer wieder gegenseitig verpasst. »Hallo, mein Schatz! Du bist auf laut gestellt, weil ich Quark im Gesicht hab. Wir haben übrigens gerade von dir gesprochen«, verriet sie.

»So ist’s recht«, sagte Tim, und sie hörte an seiner Stimme, dass er lachte. Vor ihrem inneren Auge sah sie die niedlichen kleinen Fältchen, die sich dabei an seinen Augenwinkeln bildeten. »Ich will euch Mädels auch gar nicht stören. Klingt ja spannend, mit dem Quark. Aber sag nur kurz – alles okay bei dir, Mäuschen?«

»Ja. Jetzt ist wieder alles bestens«, versicherte sie ihm. »Danke für deine WhatsApp. Ganz ehrlich, als ich heute Nachmittag bei deiner Oma war, war ich schon ziemlich durch den Wind. Allein die Vorstellung, wie sie vor dem Altar gestanden haben muss …«

»Ja, geht gar nicht … Aber dass sie dir das ausgerechnet zwei Tage vor unserer Hochzeit erzählt, ist trotzdem mieses Timing.«

»Hat sich so ergeben. Erklär ich dir später. Sag mal, hör ich da im Hintergrund Helene Fischer?« Nelli wunderte sich. Tim war für die letzten Tage vor der Hochzeit in die Wohnung eines Kollegen gezogen, um ihren Brautjungfern Platz zu machen. Aber der Kollege lag im Krankenhaus, da konnte Tim doch sein eigenes Fernsehprogramm wählen. Und von Schlagermusik bekam Tim nach eigenem Bekunden Ohrenkrämpfe.

»Ich bin noch mal auf ein Bierchen raus. Die Musik kommt aus ’ner Kneipe.«

»Na, dann würde ich an deiner Stelle woanders hin.«

»Du sprichst mir aus der Seele, mein Schatz.«

Eineinhalb Tage später · Husum, Nordsee

NELLI

»Tim ist verschwunden.«

Zwei Stunden vor der Hochzeit drang die Stimme von Nellis Mutter durch das Telefon. Angelika berichtete, dass Tims Trauzeuge wie verabredet vor einer halben Stunde bei der Wohnung von Tims Kollegen erschienen war. Aber niemand hatte die Tür aufgemacht. Nellis Herz setzte für ein paar Schläge aus.

Seit Donnerstagabend hatte sie keinen Kontakt mehr zu Tim gehabt. Er war auch nicht mehr ans Handy gegangen. Sie hatte sich damit beruhigt, dass der kleine Schussel nur das Ladegerät von seinem Handy vergessen hatte. Dass es schließlich auch vereinbart war, ihr die Zeit vor der Hochzeit mit ihren Brautjungfern zu lassen. Aber tief in ihr war schon gestern wieder diese schleichende Angst gewachsen, die sie zum ersten Mal in Oma Ilses Wohnzimmer gespürt hatte.

»Soll ich lieber noch bei dir vorbeikommen?«, bot ihre Mutter an. Angelika – sie hatte einen Schmuckstand und betrieb ihn dieses Jahr auf Amrum – war vom Fähranleger direkt zum Schloss gefahren. Nelli musste gestehen, dass sie darüber nicht ganz unglücklich war. Angelikas sorglose Art, Last-Minute-Änderungen vorzunehmen, hatte bei so ziemlich jedem Meilenstein in Nellis Leben ihre Spuren hinterlassen. Verhunzte Schultüte, versaute Schulball-Frisur … sie wollte ihre Mutter lieber erst beim Trauungssaal treffen. Und ihr Motto ›Dann müssen wir halt improvisieren‹ würde aktuell ohnehin nicht weiterhelfen. Wie improvisierte man eine Hochzeit ohne Bräutigam?

Sie lehnte das Angebot ihrer Mutter ab, verabschiedete sich und sah dann im Spiegel Erika an. Nelli saß in voller Brautmontur beim Frisör und konnte ihre Trauzeugin hinter sich stehen sehen. »Tim ist weg«, wiederholte sie und hörte, wie ihre Stimme zu kippeln begann.

»Quatsch. Der taucht gleich wieder auf. Tim liebt dich.«

Das beruhigte Nelli nicht. »Dieser Helmut hat Ilse bestimmt auch geliebt«, flüsterte sie. Zu allem Überfluss begann der Frisör jetzt auch noch damit, Blüten in ihre Haare zu stecken. »Vielleicht solltest du damit aufhören«, sagte sie traurig. »Es wird keine Hochzeit geben!«

Erika schob den Frisör beiseite, stellte sich hinter Nelli und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ganz ruhig, Nelli. Tim ist nicht dieser Helmut. Tim braucht dich genauso wie du ihn. Auf ihn kannst du dich verlassen. Und ein Bräutigam verschwindet schließlich nicht einfach so.«

Eine Stunde zuvor · B 5 zwischen Heide und Husum

FELIX

»Es gibt da ein Problem, Felix. Ich kriege den Flieger nicht.«

Genau wie früher, dachte Felix Sattler. Seit zwei Stunden war er wieder auf deutschem Boden, und alles war mit einem Mal genau wie früher. Die vertraute Landschaft, die gleichen Stimmen im Radio. Und nun meldete sich auch noch sein Zwillingsbruder Tim mit einem Problem. Früher, wenn Tim ihn damit aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, hatte sich sein Kopf auch oft genauso in Watte gepackt angefühlt wie jetzt nach dem zermürbenden Transatlantikflug.

»Alles wird gut«, sagte er erstmal beruhigend. »Welchen Flieger kriegst du nicht? Wolltest du mich etwa am Flughafen abholen?« Sein Bruder war immer so durcheinander. »Ich hab mir doch einen Mietwagen genommen! Sieh du mal zu, dass du dich in Ruhe für deine Hochzeit fertig machst.«

»Ähm. Das ist ja das Problem. Das schaffe ich nicht. Wir verpassen gerade unser Flugzeug.«

Felix fuhr zusammen. »Euer Flugzeug?« Die Trägheit, die ihn auf der monotonen Autofahrt eingelullt hatte, war schlagartig verschwunden. »Was ist passiert? Wieso seid ihr nicht in Husum?« Die Hochzeit war in weniger als drei Stunden!

»Na ja.« Tims Stimme klang gequält. »War ’ne ganz spontane Aktion. Sag’s bitte keinem.«

»O nein.« Felix stöhnte. Diese Aktionen waren mit Abstand die schlimmsten. ›Spontan‹ hieß bei seinem Bruder nicht ›aus dem Stegreif‹, sondern ›mit ausgeschaltetem Stammhirn‹. Am schlimmsten war bis jetzt die Aktion ›Kornkreise im Maisfeld‹ gewesen. Da hatte Tim mit seinen Freunden so tun wollen, als wären nachts Aliens auf dem Feld von Bauer Lorenzen erschienen. Aber ein im Hochsitz auf der Pirsch sitzender Jäger hatte Tim und seine im Mais herumtrampelnden Freunde nicht für Außerirdische, sondern für Wildschweine gehalten und das Feuer eröffnet. Felix hatte seinen völlig verstörten Bruder in einem Bushaltehäuschen aufgelesen und selbstverständlich versprochen, niemandem etwas zu verraten.

Was heute schwer möglich war. Eine ganze Hochzeitsgesellschaft wartete auf Tim und seine Braut Nelli, die Felix bis jetzt nur von Fotos kannte. Und nun? Sollte er für das Brautpaar die Hochzeit verschieben? Ob das einfach so ging? Wartete ein Standesbeamter stundenlang? »Was hast du getan? Wo seid ihr?«, fragte Felix.

»Erklär ich dir später«, sagte Tim leise.

»Mama wird dir die Hölle heiß machen.«

»Ich weiß«, sagte Tim bedröppelt.

»Oma erstmal.«

»Weiß ich. Aber das ginge ja alles noch. Das Problem ist Nelli. Sie darf es nicht wissen.«

Felix stieg auf die Bremse. »Nelli? Wieso Nelli? Ist sie nicht bei dir?« Die Bundesstraße hatte keinen Standstreifen. Felix lenkte das Auto in die Auffahrt zu einer Weide und hielt abrupt vor dem Gatter. Die Schafe dahinter stoben davon. »Willst du etwa sagen, du versetzt gerade deine Braut?«, rief er.

»M-hm«, murmelte Tim.

Felix konnte es nicht fassen. Hatte dieser Vollidiot etwa eine Panikattacke bekommen? Felix riss sein Handy aus der Freisprech-Verankerung. »Bist du abgehauen, oder wie?«, schimpfte er.

»Nein! Ich will Nelli doch heiraten. Ich komme nur aus Versehen zu spät.« Tims Stimme klang metallisch. Die Verbindung war schlecht. »Felix, bitte. Du musst mir jetzt helfen. Ich stecke hier fest …«

Felix fiel Tim ins Wort. »Wo ist überhaupt ›hier‹?«

»Erzähl ich dir später. Das Wichtigste ist: Nelli darf nichts erfahren.«

»Das ist ja wohl nicht dein Ernst, Tim!« Die Anspannung surrte durch Felix’ Körper. Er stieg aus dem Auto und flankte über den Weidezaun, um Platz zum Herumtigern zu haben. Lautes Geblöke erfüllte die Luft. Genervt sprach Felix lauter, um es zu übertönen. »Wie stellst du dir das vor, ›Nelli darf nichts erfahren‹? Du hättest sie als Allererste anrufen müssen!« ›Määäh‹, kam es von der Seite. Mann. Quatschte das Schaf absichtlich rein? Felix sah sich nach dem Störenfried um. Ein dickes altes Schaf stand dort mit erhobenem Kopf, blickte in seine Richtung und blökte aus voller Kehle. Neben Felix erklang daraufhin ein schwaches Quäken. Er drehte den Kopf. Augenblicklich verflog seine Verärgerung. Im Entwässerungsgraben kauerte ein Lämmchen! Felix sah genauer hin und stellte fest, dass sich seine Hinterläufe verfangen hatten. Die Beine waren wie gefesselt von einer sich am Grabenrand entlangwindenden Schlingpflanze. Felix senkte seine Stimme zu einem Flüstern, um das Tier nicht noch weiter zu verängstigen. »Jetzt rufst du Nelli an, sagst ihr, wo du bist, und dann sehen wir weiter … warte mal kurz …«, wisperte er ins Telefon und stieg dabei in den Graben. Dann legte er das Handy kurz beiseite und beugte sich zu dem kleinen Schäfchen herunter, dessen Flanken wie Espenlaub zitterten. Felix hatte keine Ahnung, wie man sich Tieren näherte. »Deine Augen schimmern wie Sterne«, versicherte er dem Lämmchen mit samtener Stimme, weil das jedenfalls bei Frauen immer zog, griff schnell zu ihm hinab und zerriss die um seine Beine geschlungenen Windenstränge. Das Lamm sprang auf und stob zu seiner Mutter davon. Felix seufzte. Hoffentlich war das Thema ›Feststecken‹ bei Tim auch so leicht zu lösen.

Er nahm das Handy wieder ans Ohr und kletterte aus dem Graben. »Pass auf«, nahm er den Faden wieder auf. »Also, du rufst jetzt erstmal Nelli an und erklärst ihr alles.«

»Geht nicht.« Tims Stimme bebte fast noch schlimmer als die von dem Lämmchen eben. »Das verzeiht sie mir nicht. Sie wird mich nicht mehr heiraten wollen.«

»Tim. Sie liebt dich. Und du hast mir selbst erzählt, dass sie die Flausen in deinem Kopf süß findet und dir alles Mögliche verzeiht. Jetzt sagst du ihr, was passiert ist, und alles wird gut.«

»Das hier nicht.« Und dann begann Tim zu erzählen. Felix hörte zu. Um ihn herum war Frieden eingekehrt. Das Lämmchen schmiegte sich an seine Mutter, über der Wiese schwebten ein paar Vögel dahin. An sich ein idyllisches Bild. Aber als sein Zwillingsbruder ihm jetzt gestand, was geschehen war, kamen ihm die Möwen vor wie Geier.

Zwei Stunden später · Husum, Nordsee

NELLI

Oma Ilse machte ein fürchterliches Theater wegen Tims Outfit, in dem er auf dem Standesamt erschien. »Er hat versprochen, dass er Kummerbund trägt!«, beschwerte sie sich via WhatsApp. Und nun sei Tim in einem Smoking ohne die feierliche Bauchbinde gekommen. Nelli fiel ein Stein vom Herzen. Ihretwegen hätte Tim Lederhose oder ein Kaninchenkostüm tragen können, so wie er es offenbar bei seinem Abiball getan hatte. Hauptsache, er war wieder aufgetaucht!

Die Hiobsbotschaft, dass Tim verschwunden sei, hatte sich glücklicherweise recht bald als Unsinn herausgestellt. Er hatte nur nicht in der Wohnung auf seinen Trauzeugen gewartet, wie es eigentlich ausgemacht gewesen war. Und halt irgendetwas an seinem Outfit geschraubt. Oma Ilse wurde nicht müde zu betonen, dass er total verändert aussehe. Aber was kümmerte Nelli das alles? Ihre Befürchtungen hatten sich als Hirngespinst erwiesen, und seitdem fühlte sie sich so leicht, als hätte man den Ballonrock ihres Brautkleides mit Helium befüllt und ihren Kopf gleich mit. Sie schwebte ein Stück weit über allem. Gleich würde sie den Mann, den sie liebte, heiraten!

Oma Ilse und ihre Schwiegermutter Barbara berichteten zwar laufend, was immer noch alles schief zu gehen drohte, aber das war alles nebensächlich und leicht aufzuklären. Zum Beispiel hatte irgendein Scherzkeks beim Standesamt angerufen und aus ominösen, angeblich wichtigen Gründen um eine Verlegung des Termins gebeten. Und dann hatte der Bräutigam festgestellt, dass er seinen Ausweis vermisste und nicht vor die Standesbeamtin treten konnte. Tim war echt so ein Schussel! Genau deshalb hatte sie ihm auch längst den Ausweis abgenommen. Zur Sicherheit lag der schon seit Tagen mit ihrem gesamten Flitterwochengepäck im Gasthof bereit. Und das Standesamt hatte ohnehin längst eine Kopie ihrer Dokumente.

Nelli wusste, dass der Besiegelung ihres Glücks nun nichts mehr im Wege stehen konnte. Tims und ihres Glücks. Da konnten ihre Freundinnen über ihre romantische Ader frotzeln, wie sie wollten. Mit Tim war es von Anfang an echt gewesen. Die Bilder waren einfach so vor ihrem inneren Auge erschienen: Wie er später mal mit ihren Söhnen aus einer selbstgebauten Indianerhöhle gekrochen oder mit ihrer Tochter auf den Schultern angaloppiert kam, und ihre eigene Stimme aus dem Off: »Meine Racker«, und dann zerstrubbelte sie ihrer Familie die Haare und sah ihnen stolz zu, wie sie sich um den Frühstückstisch setzten. Okay, ihr Unterbewusstsein lehnte sich hier vielleicht etwas stark an Margarine-Werbespots an. Dafür castete ihre Fantasie Tim zum Ausgleich aber auch ab und zu mal für eine Ü16-Sequenz.

Und in diesem Moment für einen Disney-Film. Das Taxi, in dem sie saß, hatte zwar wenig von einer Kürbiskutsche. Aber dafür wusste sie, dass im Schloss ihr Prinz auf sie wartete. Nellis Herz klopfte, als sie die geschwungene Toreinfahrt passierten. Endlich, endlich war es so weit. Flankiert von ihren Brautjungfern betrat sie das Schloss.

Es war ausgemacht, dass Nelli mit Punktlandung zum Termin kam, um einen großen Auftritt im voll besetzten Saal zu haben. Und tatsächlich, die Gäste schienen alle schon oben zu sein. Die Eingangshalle war menschenleer. Als sie die Schlosstreppe emporzusteigen begann, hörte Nelli das zarte Rascheln der Seide. Ihr Kleid bauschte sich unterhalb der engen Korsage in wolkigen Ballonrock-Stufen um ihre Beine und wogte bei jedem Schritt, den sie in Richtung Trauungssaal nahm. Ihr Herz klopfte schneller. Sie nahm die letzte Biegung und sah ihren Bräutigam oben auf dem Treppenabsatz stehen. An seinen sich weitenden Augen erkannte sie, dass sie mit der Wahl des Kleides alles richtig gemacht hatte. Was aber so ziemlich das Einzige war, was sie erkannte. Sie geriet ins Taumeln.

Erika neben ihr stützte sie, und sie nahm die letzten Stufen unversehrt. Irritiert blickte sie den veränderten Mann vor sich an. »Du bist wunderschön«, hörte sie ihn sagen. »Du siehst traumhaft aus. Atemberaubend …«

Nelli war immer noch so verwirrt, dass sie ihm trotz seiner Komplimente ins Wort fiel. »Was ist denn mit deinen Haaren passiert?«, entschlüpfte es ihr.

Ilse hatte Recht. Tim sah als Bräutigam wirklich anders aus. Seine ansonsten wilden Locken lagen gekürzt und gebändigt an seinem Kopf an. So hatte Nelli ihn noch nie gesehen.

Eine leichte Röte zog über seine Wangen. »Frisör halt«, sagte er.

»Zeig mal«, sagte Nelli und streckte ihre Hand aus. Er zuckte zurück. »Keine Sorge, ich mach nichts kaputt. Nur mal testen, wie es sich anfühlt.« Irgendwie samtig. Sie strich ihm übers Haar und betrachtete ihn noch mal von allen Seiten. Die neue Frisur sah gut aus, aber … so ordentlich … so gar nicht nach Tim. Merkwürdig. Irgendwie kam er ihr fremd vor.

»Ich wollte dich mit etwas Feierlichem überraschen, deshalb bin ich heute Morgen heimlich zum Frisör gegangen«, sagte er. »Tut mir leid, ich glaub, ich hab damit irgendwelche Pläne durcheinander gebracht.«

Nelli nickte und konnte nach wie vor den Blick nicht von ihm lassen. »Du siehst völlig verändert aus. Was ist eigentlich aus dem Kummerbund geworden?«

»Vergessen.«

Die Zerknirschtheit in seinem Blick rührte sie. Da war er wieder, der jungenhafte Tollpatsch. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Sie trat einen Schritt auf ihren Verlobten zu, um ihm einen letzten vorehelichen Kuss zu geben. Aber da trat ihre Mutter Angelika aus dem Trauzimmer in den Gang. »Die Standesbeamtin hat euch gerade aufgerufen.« Sie eilte auf sie zu, griff Nelli an den Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen. »Ellen, jetzt wird’s ernst.« Nelli nickte stumm. Allein schon, dass ihre Mutter sie mit ihrem Taufnamen ansprach, war denkwürdig. Ein feierlicher Moment. Wieder einmal schoss ihr durch den Kopf, wie schön es wäre, wenn auch ihr Vater heute dabei wäre. Wenigstens an dem Tag, an dem seine Tochter heiratete! Nelli spürte einen Stich in ihrem Herzen. Schnell beugte sie sich vor und umarmte ihre Mutter.

Und dann ergriff sie die Hand des Mannes, mit dem sie den Rest ihres Lebens teilen wollte.

FELIX

Felix hatte alles getan, um die Hochzeit zu verzögern. Aber nun war es tatsächlich so weit gekommen. Er stand anstelle seines Zwillingsbruders im Trauungssaal.

Die Standesbeamtin hielt eine Ansprache, von der kein einziges Wort wirklich bei ihm ankam. Ihm war eiskalt. Er hatte Angst, entlarvt zu werden. Er bangte um seinen Bruder. Und er musste sich an Nellis Anblick gewöhnen. Sie sah so anders aus als auf den Fotos, die Tim ihm in den letzten zwei Jahren immer wieder von den beiden geschickt hatte. Klar war Nelli auch auf denen hübsch, mit ihrer Stupsnase und den blauen Kulleraugen … Aber auf so eine goldige ›Mädchen von nebenan‹-Art, mit der Felix einfach nichts anfangen konnte. Das Brautkleid enthüllte nun eine Traumfigur, die sie im Alltag mit allen Mitteln zu verbergen versuchte, so schien es zumindest, und warum sie ihre schönen honigblonden Haare normalerweise nicht auch offen trug, war ihm ein Rätsel. Er warf ihr einen verstohlenen Blick zu. Sie lächelte ihn an. Die Grübchen, die dabei auf ihren Wangen erschienen, waren die gleichen wie auf den Bildern. Oh, wenn doch auch nur der Mann neben ihr der von den Fotos wäre!

Er wünschte, er hätte eine andere Wahl gehabt. Er hätte seinen Bruder vorhin durchs Telefon würgen können. Wenn auf der nach oben offenen Tim-Sattler-Katastrophenskala die Maisfeld-Aktion eine Größenordnung von zehn Punkten besessen hatte, dann war das hier … ach. Zum Teufel mit nach oben offener Skala. Das hier war nicht zu toppen. Aber Tim hatte ihm alles erzählt, und Felix sah es genau wie er. Wenn Nelli die Wahrheit erfuhr, würde sie Tim nicht mehr heiraten. Und auch da gab er seinem Bruder recht: Das durfte nicht passieren. »Lass mich nicht im Stich, Felix!«, hatte Tim ihn angefleht und ihn gebeten, für ihn einzuspringen. Und dieses eine, letzte Mal war Felix es ihm schuldig.

Die Standesbeamtin verstummte, und Felix war augenblicklich zurück im Hier und Jetzt. Er sah sie an. Allein schon die Art, wie sie sich ihm feierlich zuneigte, verursachte bei ihm eine üble Gänsehaut. Jetzt ging es zur Sache! Er versuchte sich an einem Lächeln. Aber nun rächte sich, dass er einer hoch entwickelten Spezies angehörte, die für jede Gesichtsregung dutzende von Muskeln koordinieren musste. Das Lächeln misslang. Er hatte das Gefühl, dass er die brünette Staatsbeamtin gerade anfletschte. Die sagte schnell ihren Satz: »Wollen Sie, Tim Sattler, mit Ihrer hier anwesenden Verlobten Ellen Fritsche die Ehe eingehen? Dann antworten Sie bitte mit ›Ja‹«.

Sein Körper rebellierte gegen den Betrug. Felix fühlte sein Herz in seiner Brust rasen. Sein Mund war trocken. Er spürte Nellis Blick, aber er wagte in diesem Moment nicht, sie anzuschauen. Er schluckte. Seine Zunge fühlte sich an wie aus Schmirgelpapier. Heiße Schauer prickelten seine Wirbelsäule entlang. Sein Zwerchfell versagte seinen Dienst. Nur unter großer Anstrengung brachte er ein heiseres »Ja« hervor.

Die Standesbeamtin lächelte. Sie erinnerte Felix an die alte Mäusedame auf der Beatrice-Potter-Tasse seiner Mutter. Der stand auch so eine lebenserfahrene Nachsichtigkeit ins Gesicht geschrieben. Sie wandte sich an Nelli. »Nun meine Frage auch an Sie, Frau Fritsche – wollen Sie mit dem hier anwesenden Tim Sattler die Ehe eingehen? – Dann antworten Sie bitte ebenfalls mit ›Ja‹.«

Nellis Stimme klang kraftvoll. »Ja«, erklärte sie, und ein breites Strahlen erfüllte dabei ihr Gesicht.

»Dann darf ich gratulieren und feststellen, dass Sie nunmehr kraft Gesetzes rechtmäßig verbundene Eheleute sind«, verkündete die Standesbeamtin. Sie reichte Felix einen goldglänzenden Kugelschreiber. An seinem Rücken spürte er Nellis Hand, die ihn zärtlich streichelte. Schon wieder durchfuhr ihn ein Schauer. Felix versuchte ihn zu ignorieren. Er nahm den Stift entgegen, fälschte wie früher bei ihren Schulstreichen Tims Unterschrift und bemühte sich, nicht daran zu denken, dass das nun als Erwachsener eine Straftat war. Rasch brachte er es hinter sich.

Die Standesbeamtin lächelte schon wieder ihr Spitzmaus-Lächeln. »Sie dürfen nun die Ringe tauschen«, sagte sie und ließ den Trauzeugen herantreten. Felix nahm den Ring aus der Samtschatulle und schob ihn Nelli über den Ringfinger der rechten Hand. Nelli tat bei ihm das Gleiche. Es ruckelte ein wenig. Nelli schob ein bisschen fester, und der Ring rutschte an seinen Platz.

Ein Ehering an seiner Hand! Felix schloss kurz die Augen, um diesen Anblick zu verarbeiten. Dann hob er den Blick und landete damit geradewegs in Nellis Augen. Sie lächelte ihn an. Hielt seine Hand umschlossen, lächelte und – neigte sie sich ihm entgegen? Felix Gedanken begannen zu rasen. Was geschah eigentlich alles bei einer standesamtlichen Trauung? Es war doch ein staatlicher Akt und damit eine eher nüchterne Angelegenheit, oder nicht? Sicherlich würde die Standesbeamtin der Sache nun ein Ende bereiten?

Die Spitzmaus räusperte sich. Erleichtert wandte Felix sich ihr zu. Sie zwinkerte ihn an. »Keine Bange. Gegen einen schönen Hochzeitskuss habe ich selbstverständlich nichts einzuwenden.« Schlagartig erschien sie ihm mehr wie ein Frettchen.

Er fühlte sich wie gelähmt. Sekunden vergingen, in denen die Stille im Raum in seinen Ohren zu dröhnen begann. Bis jetzt waren es quasi nur Formalitäten gewesen. Aber nun … er brachte es einfach nicht fertig. Verdammt, die Braut seines Bruders küssen? Auf was für eine hirnrissige Geschichte hatte er sich nur eingelassen? Er starrte in Nellis Gesicht, ließ unwillkürlich ihre Hand los. Aber Nelli deutete das falsch und legte ihre Arme um seinen Hals.

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