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Vorsicht vor diesem Mann!

1. KAPITEL

„Vorsicht vor diesem Mann!“

Deedee O’Flanagan achtete nicht weiter auf die Warnung, die ihre Kollegin vorlas, sondern suchte nach ihrem Lipgloss. „Roz, was auch immer der getan hat – bestimmt hat er es nicht verdient, dass ein Warnhinweis mit Foto in einer öffentlichen Toilette ausgehängt wird.“

Hm, vielleicht doch, dachte sie dann, als sie seine tiefblauen Augen näher betrachtete. Solche Augen konnten einen zu Dingen verleiten, die man normalerweise nicht tat …

„Das kann wohl nur die Frau beurteilen, die das Foto aufgehängt hat“, erwiderte Roz. „Tja, Cameron, du hast sie offenbar echt wütend gemacht. Ich muss allerdings gestehen, dass ich dich ziemlich lecker finde.“

„Ja …“, stimmte Deedee zu. Dunkles Haar, markante Züge, zum Küssen einladende Lippen … sie konnte sich vorstellen, was für einen Körper ein so atemberaubend attraktiver Mann hatte.

„Wenn wir unseren Job behalten wollen, sollten wir lieber raus und diesen ungeduldigen hohen Tieren ihre Getränke bringen“, sagte Roz und ging zur Tür.

Deedee, die ihre Gedanken nur schwer von dem unbekannten Traummann losreißen konnte, nickte.

Cameron Black. Warum kam ihr der Name nur so bekannt vor? Sie verdrängte den Gedanken, trug korallenrotes Lipgloss auf, zwirbelte einige ihrer wie Stacheln hochstehenden blonden Strähnen und versuchte vergeblich, ihr Namensschild gerade zu rücken.

Dann fiel ihr Blick unwillkürlich noch einmal auf den Warnhinweis. Unter dem Foto stand: „Er ist nicht der Mann, für den man ihn hält.“ Einem Impuls folgend, nahm Deedee den Zettel von der Wand ab. Vielleicht hatte die Frau, die ihn aufgehängt hatte, ja übertrieben, weil sie von Cameron enttäuscht worden war. Deedee wusste, dass Paare ihre Beziehung oft unterschiedlich wahrnahmen. Auch wenn Deedee in dieser Hinsicht noch nicht über viel Erfahrung verfügte – es hatte in ihren dreiundzwanzig Lebensjahren bisher erst eine ernsthafte Beziehung gegeben, und zwar keine mit besonders glücklichem Ende.

Angesichts von Camerons attraktivem Gesicht schien es ihr ein Sakrileg zu sein, das Blatt in den Papierkorb zu werfen. Also faltete Deedee es zusammen und schob es in ihre Hosentasche.

Kurze Zeit später eilte sie mit einem Tablett voll Fingerfood durch das vor allem von männlichen Führungskräften besuchte Lokal. Mit einem gewinnenden Lächeln wandte sie sich an eine Gruppe besonders wichtig aussehender Männer. „Möchten Sie Crab Cakes mit Zitronengrassoße probieren? Oder ein OlivenKäse-Bällchen?“

Wie zu erwarten, ignorierten die Männer sie und sprachen weiter über das Modell, das vor ihnen auf dem Tisch stand. Es handelte sich um ein Bauprojekt, das in Melbournes Innenstadt verwirklicht werden sollte. Einige gierige Finger griffen allerdings trotzdem nach den Häppchen auf Deedees Tablett.

Wie unhöflich! Deedee biss die Zähne zusammen, lächelte jedoch weiter, während sie um die Gruppe herum zur anderen Seite des Tisches ging. Sie hasste diese undankbare Arbeit, bei der man sich so unterordnen musste. Doch sie hatte keine Wahl, es sei denn, sie wollte nach Sydney zurückkehren und zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hatte …

„Vielen Dank, Deedee“, sagte eine tiefe, angenehme Stimme. Überrascht blickte Deedee den Mann an, der sich höflich bedankt und sie mit ihrem Namen angesprochen hatte.

„Bitte schön. Ich hoffe, es schmeckt … Ihnen …“ Sie verstummte, als sie in ein paar funkelnde blaue Augen blickte.

Das kann doch nicht wahr sein, dachte Deedee. Aber es stimmte: Vor ihr stand der Mann, dessen Foto sich in ihrer Hosentasche befand. Allerdings sah er noch atemberaubender als auf dem Ausdruck aus. Seine dunkelblauen Augen wirkten fast schwarz, und sein Blick war einzig und allein auf sie, Deedee, gerichtet. Am liebsten hätte sie über die glatte, sonnengebräunte Haut an seinem frisch rasierten Kinn gestrichen …

Der rotbraun-schwarz gemusterte Schlips hob sich vom blendend weißen Hemd ab und lenkte den Blick auf einen muskulösen Hals. Das Haar des Mannes war kürzer als auf dem Foto, und einige Strähnen glänzten kastanienbraun.

Er trug einen anthrazitfarbenen Nadelstreifenanzug, an dessen Schnitt man erkennen konnte, dass er von einem italienischen Designer stammte und sehr teuer gewesen war. Deedee fragte sich, wie sich der Stoff wohl anfühlen mochte, wenn man darüberstrich und vielleicht die Muskeln des Mannes darunter spürte. Ihr Magen krampfte sich ein wenig zusammen, und sie umfasste ihr Tablett fester.

Noch immer lächelnd, schob Cameron Black sich ein Crab Cake in den Mund und wandte sich schließlich ab.

Nein, dachte Deedee unwillkürlich, denn sie hätte die Wärme seines Lächelns gern noch länger genossen. „Sie haben die kleine Krabbenfrikadelle gar nicht in die Soße getunkt“, sagte sie ein wenig zu laut. „Und es war die letzte …“ Er wandte sich wieder zu ihr um, und sie hatte das Gefühl, in seinen dunkelblauen Augen zu ertrinken.

Unwillkürlich malte sie sich aus, sie würde den Finger in die Soße tauchen und ihn ihrem attraktiven Gegenüber zwischen die Lippen schieben …

„Schade“, sagte er. Seine Stimme klang ein wenig tiefer, und seine Augen wirkten noch dunkler, als würde er sich gerade dasselbe wie Deedee vorstellen.

„Wie wäre es mit einem Oliven-Käse-Bällchen? Die haben natürlich eine andere Konsistenz, aber wenn Sie Oliven mögen …“ Errötend verstummte Deedee.

„Ich liebe Oliven.“ Er wandte den Blick nicht von ihr, während er sich ein Bällchen vom Tablett nahm.

„Sind Sie langsam fertig?“ Ein Mann mit dichtem weißem Haar, den Deedee im Stillen Mr. Weißschopf taufte, warf ihr über den Rand seiner außergewöhnlich hässlichen Brille einen kurzen Blick zu. „Also, wie ich sagte, Cam …“

„Cam“ hielt Deedees Blick noch eine Sekunde fest, dann blinzelte er verschwörerisch und wandte sich wieder seinen Geschäftspartnern zu.

Cam … Cameron Black, wiederholte Deedee seinen Namen in Gedanken und beobachtete, wie er mit einem langen, schlanken Finger das Modell berührte und den Entwurf erläuterte. Wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er sie mit diesem Finger berührte – irgendwo …?

Jetzt reiß dich aber mal zusammen, dachte Deedee, bevor du dich noch vollständig lächerlich machst.

Dieser Mann war Projektentwickler in der Baubranche und versuchte mit Größen der Geschäftswelt in Kontakt zu kommen. Statt mit netten Gesprächen verbrachte er seine wertvolle Zeit mit Leuten wie Mr. Weißschopf. Zweifellos gehörte er zu den Männern, denen Geldverdienen wichtiger als eine Beziehung war. Deshalb hatte seine Verflossene sicherlich den Warnhinweis aufgehängt.

Als Deedee gehen wollte, fiel ihr Blick auf das Modell. Es stellte das Haus dar, in dem sich ihre Wohnung befand. Schon vor Monaten hatten alle Bewohner einen Räumungsbescheid erhalten, doch Deedee hatte bis jetzt noch keine neue, bezahlbare Wohnung gefunden.

Deshalb war ihr Cameron Blacks Name so bekannt vorgekommen: Jemand aus seinem Unternehmen „Cameron Black Property Developers“ würde sie und einige Familien in drei Wochen auf die Straße setzen. Ein Pfandleihgeschäft und eine Tätowierstube waren den Plänen des umfangreichen Neubauprojekts bereits zum Opfer gefallen.

Erneut wurde ihr heiß, doch diesmal vor Enttäuschung und Empörung über Camerons offensichtliche Gier und seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber Menschen, die sich eine Wohnung in den schickeren Stadtteilen einfach nicht leisten konnten.

Eigentlich hätte Deedee sich auf die Zunge beißen und in die Küche gehen sollen, um Nachschub zu holen. Doch sie hatte noch nie den Mund halten können.

„Entschuldigung.“ Sechs Augenpaare richteten sich auf sie, doch sie konzentrierte sich auf Cameron.

„Haben Sie eigentlich irgendeinen Gedanken an die Bewohner von Nummer 203 verschwendet, die Sie einfach so auf die Straße setzen?“

„Wie bitte?“, fragte Cameron.

Deedee wies auf das Modell. „Ich verstehe nicht, wie Sie nachts noch ruhig schlafen können. Mrs. Jacobs hat fünfzehn Jahre in diesem Haus gewohnt und musste dann zu ihrer Tochter nach Geelong ziehen. Clem Mason …“

„Passen Sie auf, was Sie sagen, Fräuleinchen“, warnte Mr. Weißschopf sie, aber Deedee würdigte ihn keines Blickes.

„Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden, Mr. Black? Ist Ihnen egal, was aus den Leuten wird, die in dem Gebäude wohnen?“

„Ich wüsste nicht, dass es irgendwelche Schwierigkeiten gibt“, erwiderte Cameron in sachlichem, geschäftsmäßigem Ton.

„Natürlich nicht.“ Solche Sätze hatte er sicher auch zu der Frau gesagt, die den Warnhinweis aufgehängt hatte. „Wahrscheinlich hängt deswegen ein Foto von Ihnen in der Damentoilette“, sagte Deedee lauter als beabsichtigt. Alle um sie herum verstummten.

Um nicht noch mehr Dummheiten zu machen, stellte sie ihr Tablett ab und eilte auf die Damentoilette, die zum Glück leer war. Seufzend lehnte Deedee sich von innen gegen die Tür und vermutete, dass sie ihren Job wohl demnächst verlieren würde.

Sie benetzte sich die Hände und legte sie auf Gesicht und Hals, um sich etwas abzukühlen. Auch wenn ihr Job ihr nicht gefiel, sie brauchte ihn. Warum konnte sie ihre Zunge nicht im Zaum halten? Und weshalb musste dieser Traummann ausgerechnet ihr böser Vermieter sein?

Plötzlich wurde die Tür energisch von einer sehr männlichen, sonnengebräunten Hand aufgestoßen. Vor Deedee stand – Cameron Black. Doch statt sich bedroht zu fühlen, überfiel sie Nervosität und freudige Erregung, die ihren ganzen Körper vibrieren ließen. Verärgert über sich selbst versuchte Deedee, ruhig zu bleiben, und wandte sich zu Cameron Black um. Da Cameron gut dreißig Zentimeter größer war als sie, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu sehen. „Ich denke, Sie haben einen Fehler gemacht und sich in der Tür geirrt“, sagte sie.

„Nein, ich glaube eher, dass Sie einen Fehler gemacht haben.“

Seine dunklen Augen funkelten, und seine Stimme klang zwar kühl, war aber dennoch seidenweich. „Man sollte nicht die Menschen beschimpfen, die dafür sorgen, dass Sie nach dieser Veranstaltung bezahlt werden.“

Sein Blick jagte Deedee einen heißen Schauer durch den ganzen Körper. „Ich sage nur die Wahrheit, Mr. Black“, entgegnete sie. „Auch wenn mich das oft in Schwierigkeiten bringt …“

„Woher wissen Sie eigentlich, wie ich heiße?“

„Ich vermute, dass das inzwischen die meisten Frauen hier wissen.“

Cameron Black kniff die Augen zusammen und schloss die Tür, damit niemand sie stören konnte. Sein maskuliner Duft schlug Deedee entgegen. Er roch wie Schneeflocken auf Zedernholz. Plötzlich stand er so dicht vor ihr, dass sie seine Körperwärme durch den feinen Stoff seines Hemdes spüren konnte.

Er stützte die Hände rechts und links von Deedees auf den Waschtisch und beugte sich über sie. „Was für ein Spielchen treiben Sie da …“, er schaute auf ihr schief sitzendes Namensschild, obwohl er sich bestimmt an ihren Namen erinnerte, „… Deedee?“

Als sie mit leicht zitternden Fingern das Blatt Papier aus ihrer Hosentasche zog, streifte ihre Hand seine, und sie hatte das Gefühl, ein Stromschlag schieße ihr durch den Arm. „Ich treibe keine … Spielchen.“ Sie drückte ihm das Blatt an die Brust.

Cameron faltete den Zettel auseinander und hielt ihn so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Es war still, und man konnte hören, dass sein Atem schneller ging – offensichtlich vor Wut.

„Der Zettel hing am Spiegel.“

Deedee zuckte zusammen, als Cameron das Blatt zusammenknüllte und es sich in die Tasche schob. Fast hätte sie ihn gebeten, es ihr zurückzugeben … damit sie darauf herumtrampeln konnte, wenn sie in drei Wochen kein Zuhause mehr haben würde.

„Danke, dass Sie den Zettel nicht hängen gelassen haben“, sagte er ruhig. „Ich hatte etwas Ärger mit einer Exfreundin.“

„Ach, wirklich? Haben Sie sie rausgeworfen, wie das so Ihre Art ist?“

„Nein, sie hat mich auf die Straße gesetzt.“

Deedee wollte etwas Sarkastisches entgegnen, doch seine absolut ausdruckslose Stimme hielt sie davon ab. Er verdrängt den Schmerz, dachte sie und schob die Hände in die Hosentaschen, um nicht die Arme nach Cameron auszustrecken. Denn sie wusste sehr gut, wie weh es tat, verlassen zu werden.

Energisch rief sie sich in Erinnerung, dass es sich bei Cameron Black um ihren bösen Vermieter handelte. Zugegeben, er war auch ein verführerischer Traummann im Nadelstreifenanzug, aber sein Leben wurde von Gier bestimmt. Deedee beschloss, sich aus dem Staub zu machen, damit sie nicht noch weitere Dummheit beging oder noch auf die Idee kam, Mitleid mit Cameron zu haben – oder Sex auf dem Waschtisch. Sie drehte sich Richtung Tür.

Energisch versperrte Cameron ihr den Weg, und Deedee sah ihn mit großen silbergrauen Augen argwöhnisch an. Sie war eine zierliche, fast zerbrechliche Frau, aber mutig. Das gefiel ihm.

Sie hatte sich durch das kurze blonde Haar gestrichen, das nun in alle Richtungen von ihrem Kopf abstand. Mit dem Namensschild, das schief über einer ihrer kleinen festen Brüste saß, erinnerte sie ihn an eine etwas aus der Fasson geratene Waldelfe. Cameron fühlte sich ganz unerwartet und sehr heftig von ihr angezogen.

Er zwang sich jedoch, sachlich zu bleiben. „Möchten Sie mitkommen und mit den anderen Investoren über Ihre Bedenken sprechen?“

„Mit diesem reizbaren alten Mann? Das hat doch keinen Sinn. Außerdem muss ich noch eine halbe Stunde arbeiten, und im Gegensatz zu anderen Leuten brauche ich das Geld.“ Sie schnaubte verächtlich. „Leute wie Sie kaufen einfach ganze Häuserblöcke auf, nehmen unzähligen Menschen ihr Zuhause und nennen das dann ‚Bauprojekt‘. In Wirklichkeit ist es reine Geldgier.“

„Es ist keine …“, begann Cameron, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Sie interessieren sich überhaupt nicht für das Schicksal der Menschen, die in den Häusern wohnen, die Sie betreuen.“

Einen kurzen Moment lang tauchte ein Bild aus der Vergangenheit vor Camerons innerem Auge auf. Schnell verdrängte er diesen Gedanken und ballte die Hände zu Fäusten. Für den Reichtum und die Anerkennung, die er jetzt genoss, hatte er viele Jahre hart gearbeitet. „Sie wissen doch gar nichts über mich.“

„Sie sind mir in die Damentoilette gefolgt. Das allein verrät schon viel über sie – und nicht unbedingt Schmeichelhaftes.“

Deedee sah ihn mit funkelnden Augen an. Cameron hatte das Gefühl, ein heftiger, heißer Energiestoß würde ihn durchzucken. In seinen zweiunddreißig Lebensjahren hatte noch nie eine Frau eine solche Reaktion in ihm ausgelöst. Wenn er diese Leidenschaft an eine andere Stelle leiten könnte … Heftiges Begehren erfasste ihn, als er sich vorstellte, an welcher Stelle seines Körpers er Deedees zarte Hand mit den farblos lackierten Nägeln gern spüren würde.

„Warum haben Sie den Zettel mit meinem Foto eigentlich aufgehoben und ihn nicht weggeworfen?“

Sie senkte den Blick, während ihre Wangen einen entzückenden Rosaton annahmen. „Ich … ich habe nicht nachgedacht.“ Dann stieß sie ihm plötzlich gegen die Brust und sagte: „Und jetzt gehen Sie mir bitte aus dem Weg!“

Cameron hatte das Gefühl, die Berührung würde ihm die Haut verbrennen. Der Impuls, ihre Hand festzuhalten und an seinen Oberkörper zu pressen, war sehr stark, doch Cameron machte einen Schritt zur Seite. Als er beobachtete, wie Deedee zur Tür marschierte und sie aufriss, verrieten ihm ihre geröteten Wangen, dass auch sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Eigentlich hätte er erleichtert sein sollen, dass sie ging, doch stattdessen fragte er sie nach ihrer Telefonnummer.

Die Hand an der Türklinke, starrte Deedee ihn fassungslos an.

„Vielleicht werde ich Anzeige gegen meine Ex erstatten“, erklärte Cameron.

„Das schaffen Sie sicher auch ohne meine Hilfe.“ Deedee schnaufte verächtlich und verließ die Damentoilette.

Er sog Deedees sinnlichen Duft ein und war erstaunt, wie sehr ihn ihre Reaktion störte. „Stimmt, ich brauche Ihre Hilfe nicht.“

Plötzlich tauchte ihr elfenhaftes Gesicht noch einmal im Türrahmen auf. „Vielleicht hat Ihre Ex dem Rest der Frauen ja einen Gefallen getan“, sagte sie. „Sie waren offenbar nicht der Mann, für den sie Sie gehalten hat.“

Sie musterte ihn kühl von oben bis unten und fügte hinzu: „Wenn man bedenkt, dass Sie sich gerade auf der Damentoilette aufhalten, kann man sich schon fragen, was Ihre Ex mit dem Satz ‚Er ist nicht der Mann, für den man ihn hält‘ gemeint hat.“

Cameron machte sich nicht die Mühe zu antworten. Er wusste nur zu gut, was Katrina gemeint hatte.

Als sie zu Hause ankam, war Deedee immer noch sicher, dass es richtig gewesen war, Cameron Black nicht ihre Telefonnummer zu geben. Er war der gefährlichste Mann, dem sie je begegnet war. Ihm gehörte das Haus, in dem sie wohnte, und er wollte es abreißen lassen. Dennoch übte er eine stärkere Anziehung auf sie aus als je ein anderer Mann.

Sie hatte noch nicht ihren Mantel ausgezogen, als das Telefon klingelte. Dabei war es schon nach Mitternacht. Deedee schaute auf das Display des Telefons und sah, dass der Anruf von Donna, einer guter Freundin und Mutter eines Kleinkindes, stammte. Deshalb nahm sie das Gespräch an.

„Ich habe mir das Bein gebrochen“, sagte Donna mit erstickter Stimme. „Trent kommt erst in zwei Wochen zurück. Kannst du mir helfen und dich um Fraser kümmern?“

Müde rieb Deedee sich die Augen. Donna wohnte im Yarra Valley, mehrere Stunden von Melbourne entfernt. Deedee hatte sie kennengelernt, als sie ehrenamtlich für einen Verein in Sydney gearbeitet hatte, der Kinder aus armen Familien täglich mit Frühstück versorgte. Donna war dort ebenfalls tätig gewesen. Dann hatte sie geheiratet und war mit ihrem Mann Trent, der häufig auf einer Bohrinsel arbeitete, nach Victoria gezogen.

Mit meinem altersschwachen Auto kann ich unmöglich zwischen Victoria und Melbourne pendeln, überlegte Deedee. Aber ich muss doch zur Arbeit – falls ich überhaupt noch einen Job habe!

Sie ließ den Blick über das Chaos in ihrer Wohnung und die Umzugskartons, die sie schon gepackt hatte, schweifen und dachte an ihre Freundin, die Hilfe brauchte. „Ich komme so schnell wie möglich“, sagte Deedee, legte auf und stopfte eilig ein paar Kleidungsstücke in zwei Einkaufsbeutel. Immerhin waren alle Wertsachen und Papiere schon in Umzugskisten verstaut. Außerdem hatte Deedee ja noch drei Wochen Zeit, bis sie die Wohnung räumen musste. Wenn sie für zwei Wochen zu Donna nach Victoria zog, blieb ihr noch eine Woche, um alles einzupacken und eine Wohnung zu finden. Ein schwieriges Unterfangen, aber nicht unmöglich. Deedee durfte Donna jetzt nicht im Stich lassen. Cameron Black und seine Planierraupen würden notfalls ein Weilchen warten müssen.

Cameron wusste nicht, was ihm mehr an die Nieren ging: dass Katrina ihn bis zu einem geschäftlichen Treffen verfolgt und dort ihr Gift versprüht hatte oder dass eine sehr ansprechende Person namens Deedee dies in einem entscheidenden Moment der Verhandlungen herausposaunt hatte.

Bei Bill Smith benötigte man diplomatisches Feingefühl, und obwohl der Mann ihm auf die Nerven ging, brauchte Cameron seine Hilfe, um mit der Kommune alles zu klären. Vermutlich hätte er sich Bills Unterstützung schnell sichern können, wenn Deedee O’Flanagan nicht ins Gespräch geplatzt wäre. So hatte Cameron trotz der ohnehin knappen Zeit ein weiteres Treffen anberaumen müssen, um den älteren Mann schließlich zu überzeugen.

Cameron blickte aus seinem Fenster auf das Telstra-Stadion und den Yarra River. Es war leicht gewesen, Deedee O’Flanagans Telefonnummer herauszufinden. Auch Bill hatte offenbar bei dem Catering-Unternehmen angerufen, um sich über Deedee zu beschweren, denn man hatte Cameron mitgeteilt, dass man „diese Dame“ bereits entlassen habe.

Miss O’Flanagan wohnte in dem Gebäude, das umfangreich renoviert werden sollte. Alle Bewohner hatten bereits vor einigen Monaten einen Räumungsbescheid bekommen, und die meisten waren inzwischen ausgezogen. Eigentlich alle – bis auf Miss O’Flanagan.

Cameron seufzte. Deedee hatte ihren Job verloren, weil sie den Mut gehabt hatte, für ihre Überzeugungen einzutreten, auch wenn das in diesem Fall unangebracht gewesen war. Und sie hatte den Zettel abgenommen, auf dem sein Foto zu sehen war. Offensichtlich sorgte sie sich um andere Menschen – sogar um ihn.

Er hätte ihr das Renovierungsprojekt erläutert, wenn sie ihm nur eine Sekunde lang zugehört hätte. Und was ihre Lebensumstände betraf … vielleicht konnte er ihr ja helfen, in einem seiner Gebäudekomplexe eine Wohnung zu finden.

Die sollte aber am anderen Ende der Stadt sein, ermahnte ihn seine innere Stimme. Je weiter weg, desto besser. Denn er ahnte, dass diese kleine Elfe alles, was er sich im Laufe der Jahre aufgebaut hatte, ganz leicht zum Einsturz bringen konnte – mit einem einzigen Blick ihrer silbergrauen Augen oder einem Wort aus ihrem verführerischen Mund.

2. KAPITEL

Zwei Wochen später

Dieser Abend war eine einzige Katastrophe.

Es goss in Strömen, und Deedee kam nicht in ihr Apartment. Man hatte das Gebäude eine Woche früher als angekündigt verschlossen. Es war also einzig und allein Cameron Blacks Schuld, dass sie nun zusammengekauert auf den Stufen vor der Haustür saß und überlegte, wie sie ihm einen langsamen, schmerzhaften Tod bereiten könnte – nachdem sie ihre Sachen aus ihrem Apartment geholt hatte.

Ihr Auto hatte Deedee am anderen Ende der Stadt stehen lassen müssen, nachdem es einen Totalschaden gehabt hatte. Die notwendigen Reparaturen würde sie nicht bezahlen können: Sie hatte keinen Job mehr, was sie erfahren hatte, als sie ihrem Arbeitgeber hatte mitteilen wollen, warum sie für zwei Wochen ausfallen würde.

Deedee betrachtete es als mittleres Wunder, dass sie es mit zwei Beuteln voll Kleidung und einem Karton, in dem eine ausgesetzte Katze hockte, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis hierher geschafft hatte. Doch nun kam sie weder in ihre Wohnung, noch konnte sie jemanden anrufen. Denn als sie zwei Wochen zuvor überstürzt zu Donna aufgebrochen war, hatte sie ihr Handy zu Hause liegen lassen.

Wasser tropfte auf Deedees Füße, Straßenbahnen schlängelten sich durch den dichten Verkehr, und Passanten mit Regenschirmen hasteten an Deedee vorbei. Als ihr Essensduft aus einem asiatischen Imbiss in die Nase stieg, hätte sie alles für eine Portion gebratenen Reis gegeben.

Zumindest war es auf der obersten Stufe relativ trocken. Deedee holte eins der Thunfisch-Sandwiches heraus, die sie gekauft hatte, und fütterte das Kätzchen durch ein Loch im Karton.

„Alles wird gut“, beruhigte sie es und biss auch einmal vom Sandwich ab, während sie immer wütender wurde. „Wir beide lassen uns nicht unterkriegen!“

Endlich. Abrupt blieb Cam stehen und betrachtete Deedee unter seinem großen schwarzen Schirm hervor. Sie schaute gerade nach oben. Durch ihre Kopfhaltung wurde Cams Blick auf ihren zarten Hals gelenkt. Unwillkürlich fragte er sich, wie es sich anfühlte, mit dem Finger über die seidenweiche Haut zu streichen …

„Hier ist es?“

Die barsche Stimme des Möbelpackers riss Cam aus seinen Gedanken. Er nickte und reichte dem Mann die Schlüssel, während er die Stufen hinaufstieg. „Apartment Nummer sechs.“

Als er sich näherte, blickte Deedee argwöhnisch zu ihm. Dann erst erkannte sie ihn. „Sieh an, der große Cameron Black höchstpersönlich“, sagte sie verächtlich und stand auf. „Was ist hier eigentlich los?“

„Das frage ich mich auch, Miss O’Flanagan. Immerhin versuche ich schon seit zwei Wochen, Sie zu erreichen.“

„Warum?“ Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. „Ein persönlicher Notfall zwang mich zu ungewöhnlichen Maßnahmen.“

„Ihre persönlichen Notfälle reißen leider nicht ab. Ich war leider gezwungen, die Möbelpacker herzubestellen. Wenn Sie mir nicht mitteilen können, wohin ich Ihre Möbel bringen lassen soll, muss ich alles einlagern lassen“, erwiderte Cameron höflich.

„Aber ich habe doch noch eine Woche Zeit!“

„Nein, Miss O’Flanagan. Und das wüssten Sie auch, wenn Sie mal ans Telefon gegangen wären.“

„Ich habe mein Telefon zurzeit nicht bei mir.“

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